Donnerstag, 31. März 2011

Keinen zweiten Raum

Es gibt Menschen, die schon mit einer Behinderung auf die Welt kommen, und es gibt welche, die sie im Laufe ihres Lebens bekommen. Das kann bereits während des Geburtsvorganges sein, das kann auch erst im hohen Alter sein. Die Gründe können vielfältig sein: Erkrankungen, Unfälle, Verbrechen, Selbstverletzung - um einige zu nennen.

Es gibt Menschen, die kommen auf die Welt, entwickeln sich völlig unauffällig, tragen aber eine genetische Information in sich, die im Laufe ihres Lebens zu einer Behinderung führt. So kenne ich einen Menschen, der mit 12 Jahren anfing zu stolpern und unsicher zu gehen, bis er mit 20 Jahren nur noch im Rollstuhl saß. Ein fortschreitender Prozess, dessen Prognose in der Fachliteratur wie folgt beschrieben wird: "Am Ende besteht ein ausgeprägtes körperliches Siechtum. Die Patienten sterben meistens an einer Entzündung des Herzmuskels infolge eines grippalen Infektes. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 40 bis 45 Jahren." Dabei sind diese Menschen am Ende so schwach, dass der Körper mit der Abwehr eines einfachen Schnupfens überfordert ist, sich der Herzmuskel entzündet und es zum Herzstillstand kommt - laienhaft beschrieben.

Da bin ich doch froh, "nur" einen Unfall gehabt zu haben und nun zu wissen, woran ich bin. Querschnittgelähmte können heute durchaus 70 werden - oder älter. Dieser Mann, von dem ich schreibe, ist heute 35 und hat vermutlich keine 10 Jahre mehr zu leben. Sitzt im Rollstuhl, ist pflegebedürftig, eine Assistenz schläft nachts bei ihm zu Hause. Tagsüber sitzt er in seinem Büro und telefoniert. Schreibt Mails, schreibt Briefe, redet mit Leuten, plant, kalkuliert, den ganzen Tag. Sein Job: Er sammelt Geld, damit Menschen mit Behinderungen Sport machen können. Pro Jahr bis zu 200.000 Euro, wobei Einzelbeträge kaum fünfstellig sind. Das meiste liegt im dreistelligen Bereich. "Kleinvieh macht auch Mist", sagt er. Das gesammelte Geld kommt nur Menschen zugute, die selbst kein Geld haben. Pro Jahr werden zwischen 200 und 250 Personen unterstützt.

Er selbst macht diese Tätigkeit im Ehrenamt. Verdient damit keinen Cent. Nach einem erfolgreichen Studium hat man ihn berentet, weil er für den Arbeitsmarkt aufgrund seiner Behinderung nicht zu gebrauchen sei, habe ihm die Rentenversicherung mitgeteilt. So bekommt er eine kleine Rente, unter 10.000 Euro pro Jahr, führt ein bescheidenes Leben. Ich glaube, er hat gerade mal ein paar Schuhe, für eine warme Jacke scheint das Geld nicht zu reichen. Ich habe bei ihm noch nie eine gesehen. Um zum Sozialamt zu gehen, ist er zu stolz: "Das schaffe ich auch alleine", sagt er. Bei der kleinen Rente reicht es natürlich nicht für mehr als eine Einzimmerwohnung in einem Haus, das 1950 gebaut wurde - auf dem freifinanzierten Wohnungsmarkt. Wie bereits erzählt, benötigt er auch nachts Assistenz - die Pflegeperson schläft also in demselben Raum, in dem auch er schläft.

Nun hat er, da sein Gesundheitszustand immer schlechter wird, in diesem Winter war er vier Monate durchgehend krank, hatte eine Herzmuskelentzündung, die er aber zum Glück überlebt hat, beim zuständigen Wohnungsamt beantragt, eine größere (Sozial-)Wohnung beziehen zu dürfen. Wir erinnern uns: Rollstuhlgerechte Wohnungen gibt es in Hamburg nur mit Erlaubnis des Wohnungsamtes. Eine entsprechende Wohnung hat er in Aussicht, nur muss er sich schnell bewerben, denn (rollstuhlgerechter) Wohnraum ist in Hamburg Mangelware und jede halbwegs brauchbare Wohnung schnell vergriffen.

Nach Prüfung über das Gesundheitsamt sei über den Eilantrag nach vier Wochen entschieden worden: Abgelehnt. Er brauche für sich alleine keine zwei Zimmer. Es reiche eins. Und das habe er ja. Auf die besonderen Bedingungen mit der nächtlichen Assistenz/Pflege gehe man gar nicht ein, sie bleiben, so die Ausführungen, unberücksichtigt.

Ein wirklich bescheidener Mensch, der ehrenamtlich arbeitet, um andere glücklich zu machen, seine gesamte Freizeit dafür opfert, bekommt von der Gesellschaft bei der Frage, ob er sich selbst eine größere Wohnung anmieten darf (er will ja nicht die Miete bezahlt haben, er will nur die Erlaubnis, diese Wohnung anmieten zu dürfen; da die Sozialwohnung pro Quadratmeter nur halb so teuer ist wie die halb so große rolligerechte Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt, würde er auch diese selbst bezahlen können), eine lange Nase gezeigt. Nun weiß die zuständige Stelle beim Amt nicht, was für ein Mensch er ist, aber trotzdem: Er hätte zumindest einen moralischen Anspruch darauf, einen zweiten Raum zu bekommen. Gesetzlich ist es in Hamburg nicht geregelt, es liegt im Ermessen des zuständigen Wohnungsamtes.

Nun ist die Stelle, die die Wohnberechtigungsscheine ausstellt, nicht dieselbe wie die, die die Wohnungsvergabe kontrolliert, und vergebende Stelle sagte bereits: "Sie bekommen von mir eine größere Wohnung, das ist zwar gegen das Gesetz, aber ich habe das OK von meinem Chef bekommen, uns wird die Prügel, die wir hier beziehen, weil wir uns nicht an die Vorgaben gehalten haben, nicht umbringen." Die makabere Doppeldeutigkeit war wohl nicht beabsichtigt.

Er sagt: "Für andere zu kämpfen, das mache ich täglich mit viel Freude. Aber für mich selbst - das ist zermürbend. In diesem Fall nützt mir meine ehrenamtliche Tätigkeit: Ich bin bis nach ganz oben vernetzt. Und dort oben hänge ich diese Sache jetzt auf und fordere eine Grundsatzentscheidung zu diesem Thema. Weil dieser Zirkus jeden Tag wieder passiert. Und immer nur in einem Stadtteil - in jedem anderen hätte ich den zweiten Raum bekommen."

Auch wenn er alleine kämpfen will, bekommt er bereits von Frank und anderen Menschen Hilfe. Von mir auch, indem ich diese Geschichte über ihn schreibe. Einen solchen Umgang hat dieser Mensch wirklich nicht verdient. Ich könnte heulen, so schäme ich mich (fremd) für diese A... auf dem Amt.

Mittwoch, 30. März 2011

Merkwürdige Spielchen

Hätte ich von mir gedacht, dass ich jemals sowas mache? Vor zwei oder drei Jahren wohl nicht. In zwei oder drei Jahren ist es vielleicht nichts neues mehr. Und heute versuche ich gerade, es zu verarbeiten. Nein, nicht schon wieder schwere Kost, es geht um keine bösen Mitmenschen, sondern nur um mich. Ich bin böse. Ziemlich. Unziemlich. Pikant. Sittenlos.

Nachdenklich. Warum macht man sowas, wenn man verliebt ist? Oder macht man sowas nicht? Oder hat es gar nichts mit Liebe zu tun, sondern nur mit dem Fortpflanzungstrieb? Nein, ich habe dazugelernt, ich überziehe keinen meiner Leser ungefragt mit triebgesteuerten Texten unterhalb der Gürtellinie. Aber gefragt. Und kontrolliert, immerhin könnten hier Kinder mitlesen. Wenngleich ich diese Texte eigentlich nur für mich schreibe, mache ich sie immerhin auch anderen zugänglich.

Also, wie hieß es bei Peter Lustig stets zum Ende? Abschalten! Abschalten, wer nicht dabei sein will, wenn ich öffentlich überlege, ob es normal ist, sich als Frau interessant zu machen und mit dem Angehimmelten die Spiele zu spielen, die er mit sich spielen lassen will. Oder anders ausgedrückt: Er mag es, wenn ich für ihn nur schwierig zu bekommen bin. Damit ist jetzt nicht etwa ein ausgeschaltetes Handy gemeint, sondern ein bewusst vorgetäuschtes Desinteresse an seiner Faszination für verdorbene Schweinereien. Je öfter ich (ohne dass es nervt) im Vorfeld ablehne, gewisse Grenzen zu überschreiten, die einem Anstand und Schamgefühl gebieten, je heißer wird er, wenn er mich später doch noch überredet bekommt. Und umso heißer werde ich dann auch. Eigentlich eine umständliche Sache, sich erst über einige Zeit gegenseitig hochzuschaukeln. Aber genau das macht Spaß.

Das führt allerdings auch dazu, dass sich die Sache insgesamt weiter hochschaukelt als anfangs geplant. Ihm gefällt es, mir auch, nur denke ich hinterher oft darüber nach, dass wir viel zu weit gegangen sind. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal jemandem im Riesenrad einen blase. Oder im öffentlichen Whirlpool in die Badehose fasse. Oder andere Dinge mache, die ich hier lieber nicht nenne.

Neulich waren wir noch mit ein paar Leuten weg, und wenn Jungs ein Bier zu viel hatten, flippen sie ja grundsätzlich aus. Zumindest war das am Nachbartisch so. Einer musste zum Abschied, als er vom Tisch aufstand, im Weggehen nochmal laut rülpsen. Die Bedienung war irritiert und unsere Jungs begannen die Diskussion, dass sich sowas nur Männer erlauben würden. Markus behauptet dann bewusst, Frauen können nicht rülpsen, um zu erreichen, dass Jana, Cathleen und ich ihm das widerlegen. Allerdings draußen auf der Straße und nicht drinnen in der Gaststätte. Ich weiß nicht, was mich in solchen Momenten reitet, ich würde sowas sonst nie tun. Schon gar nicht auf Bestellung. Aber für solche oder ähnliche Schweinereien findet er mich toll. Ein merkwürdiges Spiel.

Dienstag, 29. März 2011

Lieber wild als gar nicht

Aufgeben kommt nicht in Frage.

Vielleicht kann ich den Kampf nicht gewinnen und muss über kurz oder lang eingestehen, dass ich als Mitglied einer Minderheit in einer unterlegenen Position bin, vielleicht ergibt sich daraus, dass ich meinen Schulbesuch abbrechen muss - in einem Staat, in dem die Verfassung die Diskriminierung von Minderheiten verbietet.

Vielleicht kann ich den Kampf nicht gewinnen und muss über kurz oder lang eingestehen, dass ich als behinderter Mensch auch körperlich unterlegen bin, vielleicht ergibt sich auch daraus, dass ich meinen Schulbesuch abbrechen muss - in einem Staat, in dem die Verfassung allen Bürgern ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit garantiert.

Geht es eben doch um Mehrheitsverhältnisse und körperliche Kraft? Eigentlich, so hatte ich gedacht, haben sich Mehrheiten ohne körperliche Gewalt mal auf etwas anderes geeinigt.

Rollstuhlfahrer werden niemals eine Mehrheit darstellen. Bei "Menschen mit Behinderung" bin ich mir nicht so sicher, aber Rollstuhlfahrer? Nein. Und körperlich überlegen werden Rollifahrer auch nie sein. Deswegen kann ich nicht anders: Aufgeben kommt nicht in Frage.

Es gibt einige Bereiche, in denen ich bereit bin, Kompromisse zu schließen. Wenn jemand aus Versehen, weil er es nicht besser weiß oder nicht besser kann meine Rechte verletzt, bin ich meistens sehr nachsichtig. Aber es gibt bestimmte Bereiche, in denen ich nicht mit mir diskutieren lasse: Einer davon ist die körperliche Unversehrtheit. Ich lasse es nicht zu, dass andere Menschen körperliche Gewalt auf mich ausüben. Auch nicht für ein paar Tage, auch nicht ein bißchen, auch nicht des lieben Friedens Willen.

Insofern kommen praktische Überlegungen, der ganze Zirkus könnte mich mein Abi kosten, überhaupt nicht als Entscheidungsgrundlage in Frage. Dann kostet es eben mein Abi! Ich werde nicht brav zur Schule gehen, mich anrülpsen, mit Wasser bespritzen, mit Kopfnüssen traktieren lassen, um mein Abi zu bekommen. Das stand nicht auf dem Lehrplan. Ich wehre mich. Auch wenn es der unangenehme Weg ist und ich damit anderen Leuten auf den Wecker gehe.

Ich möchte drei sehr interessante Beobachtungen aufschreiben.

Zuerst bin ich gestern von Hannah gebeten worden, bei einem Gespräch dabei zu sein, dass sie mit unserem Vertrauenslehrer führen wollte. Nicht Hannah selbst hatte um das Gespräch gebeten, sondern ihre Großeltern. Vielmehr der Großvater. Erst war ich etwas erstaunt, dann erklärte Hannah, dass ihre Eltern getrennt leben, die Mutter arbeite und der Großvater darum gebeten hatte, mit einem Verantwortlichen sprechen zu dürfen. Hannah ist volljährig, dennoch schade es nicht, wenn die Schule mitbekomme, dass Angehörige besorgt seien.

Ich wartete also vor einem Besprechungszimmer, zusammen mit Hannah, als ein großer, alter Mann mit schneeweißen Haaren, im schwarzen Anzug mit Krawatte langsam um die Ecke bog. Schwerfällig, auf einen Gehstock gestützt. Er umarmte Hannah, er gab mir die Hand, und als ich zufasste, legte er seine zweite Hand auf meine, sagte: "Schön, dass Sie dabei sind."

Er sprach eher langsam. Er hatte eine eher tiefe und kräftige Stimme. Bei dem Gespräch wollte Hannahs Opa gar keine Einzelheiten hören. Es dauerte keine 10 Minuten. Er sagte nur: "Es sind schlimme Zustände hier. Meine Enkelin hat Angst, auch wenn sie es nicht jedem zeigt. Aber als ihr Opa spüre ich das. Sie tragen Verantwortung für viele junge Menschen. Verantwortung ist etwas sehr schweres. Ich habe das Gefühl, manch einer macht es sich hier damit zu leicht."

Der Vertrauenslehrer versuchte zu beschwichtigen, allerdings stellte Hannahs Opa eine sehr gute Frage: "Übertreiben die jungen Frauen?" - Der Vertrauenslehrer antwortete: "Wir nehmen die Sorgen unserer Schüler sehr ernst." - Hannahs Opa fragte erneut: "Sagen Sie es mir! Übertreiben die jungen Frauen?" - Der Vertrauenslehrer sagte: "Nein. Sie übertreiben nicht."

Ich dachte erst, Hannahs Großvater wollte lediglich wissen, ob der Vertrauenslehrer seine Enkelin wirklich ernst nimmt. Aber dann sagte er: "Doch, mein Herr, mit Verlaub, sie übertreiben. Alle jungen Menschen übertreiben. Manchmal. Es gehört dazu, dass jugendliche Menschen noch nicht so genau wissen, wieviel Kraft sie brauchen, um ein Ziel zu erreichen. Sie haben viel Kraft, sie zu dosieren fällt oft schwer. Aber als erstes ist wichtig, dass junge Menschen überhaupt kämpfen. Wer für etwas kämpfen kann, der kann auch lieben. Liebe ist die Wurzel unseres Lebens. Also lieber wild als gar nicht."

Ich schluckte. Einen Moment überlegte ich, was das werden sollte. Er fuhr fort: "Aber es muss fair zugehen. Wer seine Erfahrungen gemacht hat, wer älter wird und weise, ist verpflichtet, seine Weisheit an die jungen weiterzugeben. Sie zu unterstützen und zu einem fairen Umgang miteinander anzuhalten, ist ihr Job, mein Herr. Und der ihrer Kolleginnen und Kollegen und ihrer Chefin und allen anderen hier. Die Schüler hier müssen nicht wissen, was ideale Zahlen sind. Aber wenn es jemandem gelingt, sie mit höherer Mathematik zu begeistern, so soll er diese Möglichkeit nutzen, sie zu aufrichtigen Menschen zu formen. Diese zweite, wesentliche Aufgabe haben die meisten Lehrer heute nicht mehr auf dem Plan."

Der Vertrauenslehrer wollte antworten, aber Hannahs Opa redete einfach weiter. Ich weiß nicht, ob er es nicht verstand und etwas schwerhörig war, oder ob er einfach keine Unterbrechung zulassen wollte. Er fuhr fort: "Wenn junge Menschen beim Kämpfen über ihr Ziel hinausschießen, dann ist der größte Fehler, sie bei ihrem Kampf nicht ernst zu nehmen. Kämpfende junge Menschen möchten Liebe und Frieden. Sie brauchen unsere Unterstützung bei ihrem Kampf, damit sie richtig und fair kämpfen und ihre Ziele erreichen, bevor sie ihre ganze Munition verschossen haben." Ohne jede Pause sagte er dann: "Nun habe ich Sie aber lange genug aufgehalten." Verabschiedete sich und ging.

Nachdenkliche Worte? Die zweite Beobachtung war, dass mich in der Schule mehrere Mitschüler dazu motivieren wollten, nächsten Monat als Schülersprecherin zu kandidieren. Das finde ich zwar einerseits eine sehr gute Idee, andererseits möchte ich lieber an anderer Stelle kämpfen: Beim Sport. Übrigens gab es auch zwei Lehrer, die mich angesprochen haben und mich ermutigt haben, weiter den Finger in die Wunde zu legen.

Die dritte Beobachtung machte ich beim Klick auf meine Blog-Statistik. Mein Eintrag vom letzten Freitag ist bereits heute der am meisten gelesene Beitrag aller Zeiten und hat mit zur Zeit 34 und zum Teil sehr langen Kommentaren sehr viel Anteilnahme ausgelöst. Dafür möchte ich mich bedanken. Ich muss nicht erwähnen, dass ich jeden einzelnen Kommentar genau durchlese und zum Teil auch sehr intensiv darüber nachdenke, oder?

Eine Sache ist nicht so einfach: Der Schulwechsel. Ich bin auf einem Gymnasium, das das Abi noch in Klasse 13 macht, während fast alle anderen Hamburger Gymnasien das Abi in Klasse 12 machen. Darüber hinaus habe ich mich nach Klasse 10 für einen besonderen Schwerpunkt entschieden, der in Hamburg kein zweites Mal angeboten wird. Ein Schulwechsel würde bedeuten, dass ich mindestens eins, eher zwei Jahre dranhängen müsste.

Freitag, 25. März 2011

Respekt und Autorität

Nachdem ich öffentlich erwähnt habe, dass die Schulaufsicht meine Schuldirektorin kurzfristig zu einem Gespräch in die Behörde eingeladen hat, und ich nicht bereit bin, diese Tatsache aus meinem Blog zu löschen, bin ich aufgefordert worden, mich mit dem Thema "Respekt" auseinander zu setzen und auf mindestens zwei handschriftlichen DIN-A4-Seiten meine Haltung zu erörtern und in Frage zu stellen.

Respekt, das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet ursprünglich "Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung" und wird heute in Deutschland meistens mit Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einer anderer Person verknüpft. Es wird auch im Sinne einer Achtung, die Menschen grundsätzlich voreinander haben sollten, gebraucht.

In gesellschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen mit Machtgefälle wird fehlende Autoritätshörigkeit manchmal gezielt als Respektlosigkeit bezeichnet, um Druck auszuüben und über die Erzeugung von Angst die Anerkennung von Autorität zu erzwingen.

Gerade als Mensch mit Behinderung lege ich sehr viel Wert darauf, als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert zu sein. Entsprechend akzeptiere ich auch die Gesellschaft, in der ich lebe, mit ihren Werten und Normen. Dazu gehört auch die Anerkennung der Gesellschaftsstrukturen, der gesellschaftlichen Vereinbarungen und Positionierungen.

Ich akzeptiere die gesellschaftliche Position eines Lehrers oder einer Schuldirektorin, das damit verbundene Amt und die damit verbundene Autorität. Ich bemühe mich nach besten Kräften, jeden Menschen tolerant und gleich zu behandeln, ihn zu achten. Ich respektiere Menschen, die sich durch Entschlusskraft, Kompetenz und freundliche, altruistische Haltung für das Gemeinwohl einsetzen oder durch besondere Leistungen meine Anerkennung verdienen.

Ich bin nach wie vor nicht der Meinung, dass ich diese hier dargestellte Haltung, die besonders in den letzten zwei Jahren durch meine Erfahrungen in und mit unserer Gesellschaft sehr gereift ist, überdenken und ändern müsste. Ich habe intensiv erleben müssen, dass viele Menschen, die Autorität für sich beanspruchen wollten, nicht mit der nötigen Achtung vor ihrem Amt oder ihrer gesellschaftlichen Stellung versehen waren. Darum ist Respekt für mich auf keinen Fall gleichbedeutend mit Autorität, und Autoritätshörigkeit ist mit meiner Auffassung vom gesellschaftlichen Zusammenleben nicht vereinbar.

Donnerstag, 24. März 2011

Drei Suspendierungen

In Hamburg versucht man ja, möglichst viel Geld zu sparen und beauftragt private Dienstleister damit, die Schulberatungen zu übernehmen. Einen solchen Termin bei einer regionalen Beratungsstelle hatten meine Mitschülerin, die auch im Rollstuhl sitzt, und ich am letzten Dienstag. Dass dieser Kram privat organisiert ist, war mir vorher nicht klar. Entsprechend empfing uns eine Dame, die kaum Deutsch konnte und noch gar nicht wusste, dass meine Schule in ihrem Zuständigkeitsbereich liegt. Das einzige, was sie versuchen wollte, war, mit einer für ganz Hamburg zuständigen Stelle für Gewaltprävention zu sprechen, nur war dort niemand erreichbar. Geschäftsstelle, Leiter, Stellvertreter - überall nur Anrufbeantworter.

Kurzerhand telefonierte ich mit Frank, der mir empfahl, zur Aufsichtsbehörde zu fahren - auf der anderen Seite der Stadt. Der zuständige Mann mit eigener Vorzimmerdame war seit Wochen krank, wie wir erfuhren, aber es gab eine Vertretung. Diese war auf einem auswärtigen Termin, wie mir die Vertretung seiner erkrankten Vorzimmerdame erzählte, sei er aber ab 12.45 Uhr wieder da und hätte dann auch einen Moment Zeit für uns. Wenn wir also eine Stunde warten wollten...

Also rollten wir in einen frischen Sandwichladen und ließen uns zeigen, wo das Brötchen seine Körner hat, bevor wir dann doch endlich mit einem Herrn in Anzug, Krawatte und polierten Schuhen sprechen durften. Er war nahezu entzückt, dass er "so jungen Besuch" bekam, bat uns Tee und Kekse an (oder wollen Sie lieber eine Brause?) und fragte uns zunächst, ob wir die Katastrophe in Japan auch so schrecklich fänden. Er möge es gar nicht sagen, aber er hoffe, dass Japan nicht zu weit entfernt sei, um ein Umdenken in der Atompolitik dieses unseren Landes zu erreichen. Er habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ob wir uns für Politik interessieren würden und ob wir denn schon gegen Atomenergie demonstriert hätten, wollte er wissen.

Dann kamen wir endlich zum eigentlichen Thema. "Haben die Lehrer das mitbekommen?" Ich sollte ihm erzählen, was im letzten Jahr alles gelaufen sei. Als ich sagte, dass es schonmal eine Anzeige wegen eines Messers gegeben hätte, unterbrach er mich, griff zum Telefon und blubberte hinein: "Ich möchte sofort alle Meldungen über Gewalt an der ... Schule aus dem letzten Jahr in meinem Büro haben. Ja? Sofort. Alle. Die sind ja irgendwo abgeheftet. Düsen Sie los und besorgen Sie mir das bitte." Dann sagte er zu mir: "Tschuldigung. Erzählen Sie bitte weiter."

Als ich kurz vor der Aktion mit dem Referat ankam, klopfte es. Eine Frau kam mit einer Akte hinein, die aber leer war. Keine einzige Meldung war vorhanden. Der Typ griff erneut zum Telefon, rief offensichtlich im Schulsekretariat an. Er stellte sich vor und wollte wissen, wie viele Gewaltübergriffe im letzten Jahr an die Behörde gemeldet worden seien. Es muss eine dumme Antwort gegeben haben, denn er antwortete: "Na, Sie sind doch verpflichtet, jeden gewalttätigen Übergriff schriftlich zu melden." Er ließ sich zur Schulleiterin durchstellen.

Die war aber wohl nicht zu sprechen. Der Typ machte mit der Sekretärin einen Termin aus, zu dem die Direktorin in die Behörde kommen sollte. Am nächsten Morgen. Es ist nicht meine Absicht, einzelne Leute aus meinem Umfeld in meinem Blog öffentlich lächerlich zu machen. Keineswegs. Aber dass die Direktorin zum Gespräch gebeten wird, muss wohl mal sein. Ein Armutszeugnis, wie ich finde. Und das wiederhole ich notfalls auch, wenn sie vor mir steht. Labert von Positionspapieren und vergisst scheinbar, die Meldungen, zu denen die Schule verpflichtet ist, zu verfassen. Oder das zu überwachen.

Der Besuch bei der Anwältin am Mittwoch war lediglich interessant: Sie rät davon ab, offiziell dagegen vorzugehen. Sie macht die Erfahrung, dass Anzeigen sowieso eingestellt werden, solange kein Blut fließt, und das sei meistens nur noch eine zusätzliche Bestätigung für das beschissene Verhalten solcher Leute. Sie meinte, dass der Weg über die Schulaufsicht der bessere sei.

Und tatsächlich: Gestern abend teilte mir mein zuständiger Vertrauenslehrer am Telefon mit, dass drei Mitschülerinnen bis zur Klärung der Sache vom Unterricht suspendiert worden seien und für das Schulgelände ein Hausverbot erhalten hätten. Es lägen übereinstimmende Aussagen mehrerer behinderter Schüler vor, dass sie von diesen Personen wiederholt körperlich angegriffen worden seien. Die suspendierten Schülerinnen wurden aufgefordert, schriftlich zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Zwei von ihnen haben wegen ähnlicher Dinge bereits einen Verweis in der Akte.

Und seit heute ist eine himmlische Ruhe und fast gespenstischer Frieden im Unterricht. Noch sind alle Spiegel am Auto, keine Reifen zerstochen, es hat mir niemand aufgelauert - das kommt wohl noch. Mein Pfefferspray habe ich derzeit permanent in Reichweite. Und wie ich heute erfuhr, haben sie anscheinend vor ein paar Tagen Hannah zu dritt von hinten angegriffen und sich mit ihr einen kleinen Kampf geliefert. Hannah hat keine Arme, macht alles mit den Füßen - und hat wohl um sich getreten wie ein Pferd, gespuckt und gebissen. Hannah meinte, sie würde sich nicht als Siegerin bezeichnen wollen - aber auch nicht als Verliererin. Immerhin habe sie sich aus dem Angriff befreien und weglaufen können. Sie habe den Vorfall bei der Polizei angezeigt. Es stünden aber drei Aussagen gegen eine. Und sie bereue, keine schweren Schuhe angehabt zu haben - so ein Schuhabdruck im Gesicht wäre wohl ein eindeutiger Beweis gewesen.

Dienstag, 22. März 2011

Hackfleisch und Ohrfeigen

Wenn alleine meine Anwesenheit reicht, für Unfrieden zu sorgen, muss nach wie vor die Frage erlaubt sein, ob ich mir das zumuten möchte. Wenn sich körperliche Angriffe gegen behinderte Menschen richten (und damit meine ich nicht nur mich, sondern auch zwei Mitschülerinnen mit einer Behinderung) und man sich ernsthaft um seine körperliche Unversehrtheit sorgen muss, wird ein Schulbesuch unerträglich und unzumutbar. Wenn die verantwortlichen Lehr- und Führungskräfte meiner Schule es nicht schaffen, in letzter Konsequenz (nach unzähligen Ermahnungen und schriftlichen Verweisen) die nicht gesellschaftsfähigen Subjekte aus dem gemeinsamen Schulunterricht zu entfernen, bleibt mir, bleibt uns keine andere Wahl, als um einen persönlichen Termin bei der Schulbehörde zu bitten.

Vorausgegangen ist eine körperliche Auseinandersetzung zwischen einer Mitschülerin und mir. Die Mitschülerin weiß bereits heute, dass sie ihr Abitur nicht schaffen wird, zieht aber nicht die nötigen Konsequenzen, sondern geht weiter zum Unterricht und will es "noch irgendwie reißen". Da sie aber ohnehin nichts zu verlieren hat, lässt sie ihren Frust an ihren Mitschülern aus, am liebsten an jenen, die ihr körperlich unterlegen sind. Dass sie zumindest zeitweise ein Springmesser dabei hat, darf als bekannt vorausgesetzt werden, auch unter den Lehrern.

Gestern hat sie mir erst im Vorbeigehen grundlos und ohne jede Ankündigung eine Kopfnuss verpasst, später auf dem Flur stürmte sie auf mich zu, hockte sich seitlich neben mich und rülpste mir laut ins Gesicht. Meinte dann, sie habe Hackfleisch gegessen. Im Weglaufen drehte sie sich noch einmal um, kam zurückgelaufen, blieb vor mir stehen, beugte sich nach vorne und stützte sich mit ihren Händen auf meinen Knien auf, schob mich ruckartig zurück. Ich musste mich mit dem linken Arm auf meinen Oberschenkeln aufstützen, um mich zu stabilisieren und ihr mit dem Rumpf nicht entgegen zu fallen. Da ich nicht wusste, was sie wollte und aus Angst, sie würde mich nach hinten werfen, immerhin deutete sie genau das zwei Mal durch ruckartige Bewegungen an, holte ich mit der rechten Hand aus und verpasste ihr eine kräftige Ohrfeige. So kräftig, dass sie von mir abließ. Das alles lief innerhalb von Sekundenbruchteilen ab.

Ich rollte rückwärts, sie kam erneut auf mich zu. Es gelang mir, mein Pfefferspray aus der Jackentasche zu holen. Es reichte, es zu schütteln, damit sie weglief. Ich habe es nicht benutzt, sondern es, nachdem sie weglief, wieder eingesteckt. In der nächsten Stunde fehlte die Mitschülerin zunächst, später kam sie in den Unterricht und drohte mir im Vorbeigehen, mich bei passender Gelegenheit zusammenzuschlagen. Sie kenne da ein paar Leute... Die andere Rollstuhlfahrerin, die heute mitfährt zu einem kurzfristigen Termin beim Schulamt, hat das zum Glück auch mitbekommen. Frank und ich haben morgen früh einen Termin bei einer Rechtsanwältin in Eimsbüttel, über die dann auch Strafanzeige gestellt werden soll.

Wenn das so weiter geht, verpasse ich mein Abitur, weil ich wegen ein paar Behindertenhassern nicht ausreichend am Unterricht teilnehmen kann. Das würde zwischen allen behinderungs- und krankheitsbedingten Fehlstunden zumindest den Ausschlag geben. Wenigstens ist draußen schönes Wetter.

Sonntag, 20. März 2011

Keine Hose, kein Training - aber Schwimmen

Am Freitag waren Cathleen, Simone, Jana, Marie und ich in der Hamburger City, um für Marie Sportbekleidung zu kaufen. Nachdem Marie ein paar Mal begeistert auf dem Sportplatz trainiert hatte, wollte sie an diesem Wochenende am Straßentraining (Rennrolli) teilnehmen. Es war ein totaler Reinfall.

Wir hatten zwar viel Spaß, aber wirklich gefunden haben wir nichts brauchbares. Das heftigste erlebten wir in einem Sportkaufhaus Saftladen: Der Verkäufer, Anfang 20, mindestens eine Tube Gel in den Haaren, wollte sich köstlich darüber amüsieren, dass wir Triathlon machen. Erst fragte er mehrmals, wofür wir die Klamotten brauchen, dann, ob das ein Scherz ist und wo die versteckte Kamera ist, dann amüsierte er sich derart, dass Marie fast zu weinen anfing und Cathleen irgendwann sagte: "Lasst mal woanders einkaufen. Ich habe keinen Bock auf diesen Idioten." - Der Verkäufer stand daneben und sagte, immernoch lachend: "Damit meinst du aber hoffentlich nicht mich, oder?"

Ich erwiderte: "Selbst wenn, würdest du uns das ja sowieso nicht glauben. Schönen Tag noch." - Der Verkäufer hörte auf zu lachen und sagte: "Ach kommt, Mädels, so war das doch nicht gemeint. Wer wird denn gleich beleidigt sein?" - Cathleen war schon auf dem Weg zum Aufzug, rollte noch einmal zu ihm zurück und sagte mit einem aufgesetzten Grinsen: "Kleiner Tipp noch: Nimm nächstes Mal nicht so viel von dem Zeug. Das frisst sich ins Hirn." - Marie fielen fast die Augen raus. Jana lachte laut - wer ihr wahres Lachen nicht kennt, könnte es für echt halten. Bloß raus.

Da wir auch im nächsten Kaufhaus nicht erfolgreich waren, versprach Cathleen, Marie einen ihrer Einteiler zu leihen. Größenmäßig müsste es passen. Es kam aber nicht mehr dazu, da das Wochenendtraining -das letzte in den Ferien- kurzfristig wegen Krankheit abgesagt wurde. Nun hat Marie Zeit, sich ein Teil bei unserem Sponsor zum regulären Preis zu bestellen - das ist wohl das Beste.

Heute waren wir im Schwimmbad. Sofie, Frank, Cathleen, Jana, Simone und ich - Markus musste leider arbeiten. Anfangs war es ziemlich voll, später war es angenehm leer. Wir sorgten mit unseren sechs Rollstühlen natürlich wieder für ungeahnte Aufmerksamkeit, eine Mutter mit polnischem Akzent musste ihrem etwa dreijährigen Sohn erklären, dass in solchen Stühlen jene Menschen sitzen, die der Liebe Gott mit kaputten Beinen auf die Welt geschickt hat. Ich befürchte, es wird noch einige Generationen geben, in denen uns Leute wie Außerirdische anstarren. Sollte man einem Kind wirklich erklären, dass wir vom Lieben Gott kommen?! Oder jener eine Verantwortung für unsere Behinderung trägt? Während man durchaus mal diskutieren könnte, ob Gott behinderten Menschen eine besondere Aufgabe gibt, so muss man doch befürchten, dass das dreijährige Kind überhaupt nicht schnallt, was hier vor sich geht und Angst bekommt!

Und absolut genial war ein Paar, schätzungsweise um die 20, er recht groß und muskulös, sie mit auffallend wasserstoffblonden Haaren und mindestens 82 Tatoos - während wir im Wasser auf einer Bank lagen und auf den Sprudelturnus warteten, trug er sie recht übermütig ins Wasser, sie kiecherte, er deutete ein paar Mal an, sie fallen zu lassen, dann waren sie endlich drin, sie umschlang ihn mit Armen und Beinen, er tanzte mit ihr durchs Wasser. Dann sagte sie: "Soll ich jetzt wirklich hier Pipi machen?" - Kein Scherz. Mit großen Augen schaute ich Sofie an, die direkt neben mir lag. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Sofie schaute mich ebenso ungläubig an. Frank lag daneben und sagte laut: "Lasst euch nicht stören. Falls noch jemand kacken muss: Ich könnte da den Whirlpool empfehlen."

Die beiden bekamen das nicht mit. Oder wollten es nicht mitbekommen. Sie waren schon ein Stückchen weiter getanzt. Eng umschlungen... Themenwechsel: Morgen fängt die Schule wieder an. Ich werde wieder am Unterricht teilnehmen. Ich bin gespannt, was mich da erwartet. Ich muss ins Bett.

Donnerstag, 17. März 2011

Dieses Kribbeln im Bauch

Wenn ich lange nichts schreibe, gibt es dafür meistens drei mögliche Gründe: Entweder stecke ich bis über beide Ohren in Arbeit (ja, auch Schüler langweilen sich nicht immer nur), mir geht es sehr schlecht oder mir geht es sehr gut.

Die erste Möglichkeit scheidet aus, ich will zwar nach den Ferien wieder in die Schule gehen und habe das eine oder andere nachzuholen (und damit sind nicht nur die Übungen gemeint, möglichst elegant den doppelten Stinkefinger auszufahren), die zweite auch (ich habe gerade beschlossen, dass ich erstmal oft genug im Krankenhaus war oder mich habe ärgern lassen) - also muss es die dritte Möglichkeit sein. Nein, ich muss das nicht umständlich herleiten, ich wollte nur einen Spannungsbogen aufbauen.

Ich weiß, es lesen ein paar Kinder mit, und es lesen auch ein paar Erwachsene mit, die besorgt sind, Kinder könnten mitlesen - aus beiden Gründen formuliere ich die nächsten Absätze sehr artig. Auch wenn ich mal wieder ziemlich unartig war. Gemeinhin wird ja behauptet, Ferien seien auch zum Ausschlafen da: Stimmt. Irgendwie sind Markus und ich rund eine Woche nicht aus dem Bett gekommen...

Wir haben am Anfang, vor ungefähr einer Woche, ziemlichen Stress miteinander gehabt und es wäre fast dazu gekommen, dass ich ihn abgeschossen hätte. Er gelang plötzlich zu der festen Überzeugung, mich wie ein zerbrechliches Püppchen behandeln zu müssen. Er wollte zwar mit mir ins Bett, machte sich auch über meine Lähmung und meine Blase überhaupt keinen Kopf, störte sich daran scheinbar überhaupt nicht. Aber er hatte immer, wenn es etwas lebhafter wurde, Befürchtungen, mir an der einen oder anderen Stelle weh zu tun, zu grob zu mir zu sein. Und obwohl ich das immer wieder verneinte, nahm es immer schlimmere Formen an. Bis ich ihm irgendwann sagte: "Wenn du mich jetzt nicht endlich so durchf...st wie du das bei einer nicht gelähmten Frau machen würdest, schmeiß ich dich raus. Ich will jetzt hart rangenommen werden und nicht stundenlang diskutieren. Wenn Blut spritzt, darfst du nochmal fragen, vorher nicht. Wenn mir was nicht gefällt, sage ich schon was."

Nun wird es auch wieder Leser geben, die meinen, etwas mehr Intimsphäre sollte ich mir bewahren. Nein, das hier möchte ich erzählen, weil es mich beschäftigt: Ich mag es ... ich weiß nicht, wie ich es genau nennen soll ... wenn ich die komplette Verantwortung für die Situation und auch für mich abgeben kann. Wenn er einfach mit mir macht, was er mit mir machen will. Wenn er mich "benutzt", wie er es gerne hätte. Seine Wünsche mit an mir befriedigt, ich mich dem unterordnen muss. Natürlich in einem klar definierten Rahmen. Zumindest außerhalb jeder Fantasie. Nun wird es Psychologen geben, die daraus innere Sorgen, Ängste, Wünsche und Schwächen ableiten oder zumindest konstruieren können oder mir vielleicht bescheinigen, für mein Alter zu viel Verantwortung tragen zu müssen und alles gerne mal in fremde Hände lege - kann sein, dass das so ist. Ist mir aber in dem Moment völlig egal, weil es mir damit total gut geht. Es ist sehr schön für mich, wenn er sich nimmt, was er braucht. So komisch das vielleicht klingt.

Umgekehrt, und das macht die Sache vielleicht paradox, habe ich aber auch gerne mal die völlige Kontrolle. Das heißt: Auch ein Querschnitt muss nicht zwangsläufig unten sein, sondern kann den Spieß auch prima umdrehen. Ich liebe es, wenn es mir gelingt, ihn wie selbstverständlich bis zu einem Punkt zu bringen, an dem alles kippen könnte, um dann noch eine neue Runde einzuläuten. Wie bei einer rasenden Karussellfahrt, bei der es schon unerträglich im Bauch kribbelt, als der Mann an den Hebeln und Knöpfen noch ein weiteres Mal Vollgas gibt.

Kribbeln im Bauch gibt es bei mir aber nicht nur auf dem Jahrmarkt, sondern auch, als wir nach unserem Straßentraining in der Nacht auf Sonntag im Auto schliefen. Nackt. In zwei miteinander verbundenen Schlafsäcken. Ein Radio mit MP3/USB-Stick, eine große umklappbare Viano-Ladefläche und eine Standheizung sind doch was tolles. Und wenn man dann auf einem verlassenen Parkplatz an der Elbe steht, der Vollmond leuchtet und nach und nach ein paar kaum beleuchtete Schiffe vorbei tuckern, während Jule sich nach etlichen Trainingskilometern (ja, ich darf wieder) glücklich fühlt, während ein völlig erschöpfter Markus in ihrem Arm vor sich hinschnorchelt, möchte man am liebsten die ganze Welt umarmen. Das einzige, was noch fehlt: Elbe oder Badesee sollten so warm sein, dass man morgens gleich eine Runde schwimmen kann.

Beim nächsten Outdoor-Training möchte Marie mitmachen. Mit ihrem Handbike (kein Rennbike) kurvt sie öfter mal in der City rum, vom Schwimmen ist sie (wie wohl alle Leute mit angeborener Querschnittlähmung) fasziniert. Ein paar Mal war sie beim Schwimmtraining, beim Rennrolli-Training auf dem Sportplatz war sie wohl auch zwei Mal, als ich im Krankenhaus war. Marie ist die Tochter meiner Hausärztin. Wir (MCathleen, Simone und ich) treffen uns morgen mit ihr zum Shoppen. Marie braucht auf jeden Fall einmal vernünftige Trainingsklamotten, mit denen sie ein paar Stunden überlebt. Auf dem Sportplatz geht auch mal eine halbe Stunde lang die Baumwollhose, die sich mit ihren 500 Falten in die Haut drückt. Alle die, die seit längerer Zeit regelmäßig dabei sind, dürfen sich ja über einen Sponsor versorgen, alle anderen bekommen etwas zum Selbstkostenpreis - nur der liefert nicht so schnell und Marie möchte jetzt anfangen. Schaun wir mal.

Mittwoch, 9. März 2011

Keine lange Leitung

Etwas länger als ein Vierteljahr ist es schon wieder her, als ich in meinem Beitrag "Kurve zu hoch" darüber geschrieben habe, dass auf der Strecke Hamburg-Rostock zur Zeit keine Rollstuhlfahrer im Regionalexpress mitgenommen werden. Der 3. Leserkommentar ergänzte noch ein paar Fakten.

Der Grund für die Nichtmitnahme ist so banal und gleichzeitig so bescheuert, dass man vermuten könnte, es sei Fasching oder erster April. Nein, es ist Aschermittwoch (also alles vorbei) und den ersten April haben wir auch noch nicht.

Der Hamburger Hauptbahnhof ist bekanntlich nicht allzu breit, dafür recht lang. In einigen Gleisen halten daher zwei Züge gleichzeitig. Im Abschnitt A der Zug, der den Bahnhof in Richtung Norden verlässt, in Abschnitt B der Zug, der den Bahnhof in Richtung Süden verlässt. So hält im Gleis 6A der Zug nach Kiel und im Gleis 6B der Zug nach Rostock. Oder umgekehrt, das ist aber auch völlig banane.

Der Rostocker Zug steht mit dem letzten Wagen in der Kurve außerhalb der Bahnhofshalle. Und der letzte Wagen ist ausgerechnet der Steuerwagen, das ist jener mit dem einzigen Rollstuhlabteil. Und der mit dem Fahrzeug verbundenen Einstiegsrampe (ansonsten gibt es nur Eingänge mit Stufen). Durch den Halt in der Kurve lässt sich die Rampe nicht mehr ausfahren und deswegen verweigert die Bahn hier konsequent seit über einem Jahr die Mitnahme von Rollstuhlfahrern - aus Sicherheitsgründen.

Die einfachste Lösung, die einem Laien einfällt: Einfach den Zug drehen. So dass der Steuerwagen am anderen Ende des Zuges ist. Dann würde die Lok in der Kurve stehen und der Steuerwagen mittig in der Bahnhofshalle. Dort ist der Bahnsteig gerade, die Rampe könnte ausgefahren werden. "Geht nicht", sagt die Deutsche Bahn. Grund: Nachts wird der Zug in Schwerin abgestellt und muss dabei an das Stromnetz angeschlossen werden. Wird er stromlos abgestellt, wird morgens nicht geheizt und die ersten Reisenden frieren.

Die Strippe für den Strom kann nur mit dem Steuerwagen verbunden werden. Steht der Steuerwagen an letzter Position, ist die Strippe nicht lang genug. Somit muss er an erster Position stehen. Da der Zug nicht jeden Tag zwei Mal komplett gedreht werden kann, ergibt sich aus der zu kurzen Strippe zwangsläufig die Wagenreihenfolge (letzter Wagen mit Rampe in der Kurve) für den Hamburger Hauptbahnhof. Voilà.

Es werden also, ja, sowas ist möglich, über mehr als ein Jahr keine Rollstuhlfahrer mitgenommen, weil eine Heizungsstrippe am Abstellgleis zu kurz ist. Wie immer sickert das Problem nur durch zunehmende Beschwerden von Betroffenen an die Öffentlichkeit.

Einschlägige EU-Richtlinien schreiben vor, dass in die Planung solcher gravierenden Veränderungen ("Du kommst hier net rein, aus Sicherheit!"), von denen Menschen mit Behinderungen betroffen sind, mit den örtlichen Behindertenvertretungen abzustimmen sind. Ist es geschehen? Nein.

Die Presse interessierte sich für diese Vorgänge nicht. Drei große in Hamburg erscheinende Tageszeitungen wollten darüber nicht berichten.

Die von der Bahn benannte Aufsichtsbehörde des Landes ist, anders als die Bahn es anfangs darstellt, doch nicht zuständig. Sie leitet eine entsprechende Anzeige (Verstoß gegen die Beförderungspflicht) zur direkten Bearbeitung an die Betroffene (die Deutsche Bahn) weiter - nicht etwa an die zuständige Aufsichtsbehörde des Bundes. Darf ich das bei meinem nächsten Knöllchen wegen Geschwindigkeitsüberschreitung auch für mich beanspruchen? Ich bearbeite meine Anzeigen auch gerne selbst, wie meine Freundin Pippi Langstrumpf: "Erst sag ich es ganz freundlich. Und wenn ich dann noch nicht hören will, gibt es Haue."

Die Senatskoordinatorin für die Belange der Menschen mit Behinderungen in Hamburg beauftragt ihre Mitarbeiterin, sich der Sache anzunehmen. Diese leitet die Sache an einen Experten eines örtlichen Nahverkehrsverbundes weiter und bittet ihn als Fachmann, tätig zu werden. In der Tat ist wohl er derjenige, der am Ende auf Abhilfe drängt. Allerdings geht dessen Antwort bei der Senatskoordinatorin unter. Erst auf Nachfrage kommt im dritten Anlauf die Meldung, dass das Problem inzwischen abgestellt sein soll: Man habe die Wagen mit mobilen Überfahrbrücken bestückt, die vom Zugbegleiter über den Zwischenraum gelegt werden sollen.


Das Eisenbahnbundesamt als tatsächlich zuständige Aufsichtsbehörde prüft die ganze Sache "von Amts wegen" - bekommt aber von der Bahn gar nicht erst eine Antwort. Es fragt beim Beschwerdeführer an, ob er vielleicht inzwischen etwas gehört hat... Hat er nicht. Die Bahn spricht nicht mit ihm.

Erst auf mehrfache Nachfrage wird ihm von der Senatskoordinatorin ein Fax zur Verfügung gestellt, mit dem die Deutsche Bahn die Sache als erledigt bezeichnet: Man habe "mit Nachdruck auf die Auslieferung mobiler Überfahrbrücken gewartet", um "einen positiven Bearbeitungsstand mitteilen zu können." Soll heißen: Wir sitzen die Sache aus, bis über ein Jahr nach Beginn des Chaos endlich eine Lösung vorhanden ist. Einen Zwischenbericht, in dem man zugeben müsste, dass man seit über einem Jahr keine Rollstuhlfahrer befördert, ist nicht so gut für das Image.

Apropos "ein Jahr": Im Schreiben stellt die Deutsche Bahn die Sache so dar, als wenn das Problem nur einen Monat bestanden habe und man bereits vorausschauend auf das drohende Problem zugegangen sei. Erst "mit Fahrplanwechsel Dezember 2010" habe sich dieses Problem ergeben und man habe sich "bereits im laufenden Jahr 2010 um die Beschaffung von Überfahrbrücken bemüht", wobei es jedoch zu unbeeinflussbaren Lieferschwierigkeiten gekommen sei. Tatsächlich besteht das Problem aber bereits seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2009 und man war ein Jahr lang überfordert.

Gestern nun wollte ich auf dem Rückweg nach Hause in Bergedorf in den Regionalexpress von Rostock nach Hamburg einsteigen. Die Mitnahme wurde ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Das Problem ist also keineswegs abgestellt. Da der Aufzug zur S-Bahn auch nicht funktionierte, dauerte meine Fahrt zum Hauptbahnhof nicht 8 Minuten (mit dem RE), sondern über eine Stunde - mit Bus und U-Bahn über Mümmelmannsberg.

Klar, die Mobilität von Rollstuhlfahrern ist für unsere Gesellschaft eine Herausforderung. Der Aufwand, den einige Leute aus der Szene hier betreiben, ist beachtlich. Dennoch muss man ins Verhältnis stellen, dass ich an einem Tag bis zu zwei Stunden länger unterwegs bin (Hin- und Rückfahrt im schlimmsten Fall über Mümmelmannsberg), weil eine Strippe zu kurz ist. Das summiert sich - da ist es irgendwann mal effektiver, ein paar Briefe oder Blogeinträge zu schreiben.

Und wie der Verlauf und die Reaktionen zeigen, sehe ich nicht "uns Rollifahrer" in der Schuld, dass so ein Aufriss sein muss: Es reicht eben nicht, dass man auf das Problem zeigt. Man merkt nicht "von selbst", dass das so nicht geht. Es müssen vielmehr über Monate erst etliche Behörden eingeschaltet werden, bis der Druck groß genug ist, sich mal irgendwas zu überlegen.

Ob die momentane, bisher von mir nur auf dem Papier gesehene Lösung nun der Bringer sein wird, wird die Zukunft zeigen. Am Abstellgleis in Schwerin jedenfalls hat die Deutsche Bahn nach wie vor keine lange Leitung.

Sonntag, 6. März 2011

Lügenbaronesse

Der Bericht über die neun Tage im Krankenhaus hat noch mindestens ein zweites Kapitel: Marion. Marion ist 14 und lag wegen irgendeiner Oberarmverletzung im Krankenhaus. Sie sagte mir, jemand habe sie im Streit mit dem Messer verletzt gehabt - aus dem, was die Ärzte während der Visite so von sich gaben, ergab sich, dass sie gestürzt war, ein Knochen dabei gebrochen war.

Sie hatte auch schonmal Tritte in den Unterleib bekommen, wäre dabei fast verblutet und könne deswegen keine Kinder mehr bekommen. Ihr Vater sei ein berühmter Geschäftsmann und sehr reich, ihre Mutter sei auf einer Beautyfarm in Australien und man könne sie da nicht erreichen, deswegen bekäme sie keinen Besuch. "Was ist mit Mitschülerinnen? Hast du keine Freunde?"

Doch, sie habe über 500 Freunde bei Facebook (hatte aber was dagegen, dass ich sie als Freundin hinzufüge) und die Mitschüler dürften leider nicht kommen, weil in ihrer Klasse gerade etwas ansteckendes rumgehe und damit solle keiner ins Krankenhaus. Sie bekam aber auch keine Anrufe und nur ganz selten mal eine SMS - auf ein Schrotthandy, das vor 5 Jahren mal 20 Euro gekostet hat. Ihr iPhone hat die Mutter mitgenommen nach Australien, nachdem sie ihr eigenes einem bedürftigen Kind geschenkt habe. Ihre große Schwester käme sie besuchen, hin und wieder. Die kam auch: Es war eine Sozialarbeiterin vom Jugendamt.

Und sie habe schweres Asthma und Diabetes. Der ließe sich nur ganz, ganz schwer behandeln und deswegen habe sie so eine Insulinpumpe implantiert bekommen. Und sie habe so eine Muskelkrankheit, wegen der sie manchmal auch im Rollstuhl sitzen müsste. Aber nur so tageweise oder Wochen, höchstens mal ein paar Monate. Sie habe genauso einen tollen Rolli wie ich...

Ich wusste, dass fast nichts von alledem stimmte. Ganz am Anfang habe ich einen Moment gezögert, aber mir wurde ziemlich schnell klar, dass sie in einer Welt lebt, in der sie vermutlich elementare Dinge wie Liebe, Zuwendung, Geborgenheit vermisst. Die Eltern leben von Hartz IV, mindestens einer Alkoholiker, Marion ist schlecht in der Schule, vielleicht schon auf kriminellen Abwegen - und vielleicht hat ihr wirklich mal jemand in den Bauch getreten und vielleicht ist auch an irgendeinem der anderen Themen ein Funken Wahrheit dran.

Ich hätte es so gerne gesehen, dass sie einfach die Wahrheit sagt und mit mir über das redet, was sie wirklich bewegt. Aber ich fürchte, das können Menschen nicht, die krankhaft lügen. Ich fürchte auch, dass sie aus einem Austausch über ihr wahres Leben überhaupt keinen Nutzen ziehen würde. Ich hatte das Gefühl, dass sie dringend Trost und Zuwendung brauchte, gleichzeitig aber davon ausging, dass ihr das für ihre wahren Probleme nicht zustand. Wertlos schien sie sich zu fühlen, so, wie sie wirklich war.

Sie tat mir so Leid. Ich habe mit ihr geredet, habe sie ernst genommen, habe ihr das Gefühl gegeben, ich glaube ihr den ganzen Blödsinn, und habe sie einfach immer nur erzählen lassen. Vermutlich fördert man damit noch diese Erkrankung. Als ich entlassen wurde, haben wir Handynummern ausgetauscht und ausgemacht, dass ich sie einlade, wenn ich, sobald es etwas wärmer ist, wieder mit meinen Leuten eine Grillparty am See mache. Und wenn ihr mal ganz und gar die Decke auf den Kopf fallen würde, dürfe sie auch mal eine Nacht bei mir schlafen. Woraufhin sie wörtlich sagte: "Pass auf, dass du nicht meine beste Freundin wirst."

Sie war nicht anstrengend. Man konnte sich normal mit ihr unterhalten. Sie war nicht nervig. Im Gegenteil, sie konnte toll und fesselnd erzählen. Witzig. Intelligent. Aber eben nicht aus ihrem Leben, sondern aus ihren Träumen. Insgeheim habe ich sie "Lügenbaronesse" getauft. Vermutlich wäre es besser gewesen, ihr keinen näheren Kontakt anzubieten.

Freitag, 4. März 2011

Brigitte

Wie gestern schon angekündigt, muss ich unbedingt von meinen letzten neun Tagen berichten. Es ist sehr schlimm für mich, nicht schreiben zu können...

Ich lag nach meiner OP in einem Vierbettzimmer. Nicht unbedingt toll, es war aber so groß, dass man zumindest noch etwas Privatsphäre hatte. Ich würde mal tippen: Etwa 50 Quadratmeter (7 x 7 Meter), rolligerechte Dusche und WC gingen pro Zimmer von einem Vorflur ab, das habe ich noch nicht mit eingerechnet. Vor dem Fenster standen lediglich ein paar Bäume, also schöne Aussicht hatte man nicht.

Ein Bett wurde in meinen neun Tagen drei Mal neu belegt, das waren immer nur kurze Aufenthalte, in einem weiteren Bett lag Marion (14), in einem lag Brigitte (60+) und im vierten die Stinkesocke (18). Marion hatte irgendwas mit einem Oberarm, Brigitte hatte was mit einer Bandscheibe - und Stinkesocke hatte ein paar Schrauben locker.

Obwohl ... nee, eigentlich hatte Brigitte die Schrauben locker. Und zwar alle, die sich irgendwie lösen können. Ich weiß, Lästerei gehört sich nicht, aber ich muss es dennoch loswerden. Ich weiß nicht, was schlimmer war, die Schmerzen nach der OP oder diese Frau ertragen zu müssen. Ich habe ja öfter mal solches Glück bei meinen Krankenhausaufenthalten.

Sie war adlig. So tat sie zumindest. In Wirklichkeit war sie vermutlich nur infoweit adlig, als ihre Mutter ein Adler war. Ihr Vater war ein Fasan. Okay, der Spruch ist von Sascha Grammel geklaut, aber genau an seinen Freiherr vom Furchensumpf erinnerte mich Brigitte. Die Frisur stimmte, sie kratzte sich auch permanent irgendwo und egal, was passierte: Sie war stets davon überzeugt, dass sie jemand ärgern, provozieren oder angreifen wollte, dass sie nicht ernst genommen oder ihr nicht genug Respekt gezollt werden würde, dass ihre Umwelt ungezogen ist und überhaupt die ganze Gesellschaft nur noch aus einem elendigen Haufen Versager und Jammerlappen besteht.

Dass ein paar Mal pro Tag auf dem Krankenhausgelände der Rettungshubschrauber landete und startete, empfand sie als Zumutung. Dabei flog er den Landeplatz grundsätzlich von der anderen Seite an und startete auch immer in die vom Krankenhaus abgewandte Richtung. Natürlich nervt das, aber wenn man bedenkt, warum das Ding startet und landet, wird man das doch wohl in Kauf nehmen können. Immerhin fliegen die damit ja nun nicht zum Brötchenholen.

Wenn nachts die Schwester reinkam, fing Brigitte laut zu pöbeln an, dass sie schlafen wolle. Danach waren alle wach. Die Schwester kam wirklich leise rein, mit einer Taschenlampe, leerte im Dunkeln meine Wunddrainage aus. Ich habe das, bis Brigitte zu schreien anfing, nicht mal mitgekriegt. Überhaupt waren die Schwestern und Pfleger dort sehr nett. Viele kamen aus dem osteuropäischen und russischen Raum, aber alle sprachen Deutsch und waren - nett.

Auch das Essen war okay. Für Krankenhausessen war es durchweg gut. Morgens frische Brötchen, Obst, Saft, verschiedene Marmelade, Honig ... nee, man kann wirklich nicht klagen. Es sei denn, man heißt Brigitte und ist adlig. Und ich wette, zu Hause frühstückt sie gar nicht.

Sie redete den ganzen Tag und versuchte ständig, mich in Gespräche zu verwickeln. Diese handelten dann davon, dass der Nachbar zu Hause seine Blumen nicht pflegt, dass irgendwo in ihrer Straße seit Wochen eine Laterne defekt ist oder ihre Nachbarin fast blind ist und gerne bestimmte Musik hört. Jeder zweite Satz war entweder: "Was sollen die Leute davon denken" oder "Das gehört sich doch nicht."

Sie suchte unbedingt Anschluss und wurde, wenn man höflich versuchte, sie ein wenig auf Distanz zu halten, immer aufdringlicher. Irgendwann wusste ich mir in meiner Genervtheit nicht mehr anders zu helfen und brachte diesen Spruch: "Man, sind Sie sabbelig. Nehmen Sie sich doch mal 10 Euro und gehen Sie zum Frisör." - Es bewirkte genau das Gegenteil, sie meinte, ich sei ungezogen, hätte keine Erziehung genossen und "ein Straßenkind".

Ich hatte mein Handy am Bett. Drei Mal hat sie Schwestern und Ärzte darauf angesprochen, dass ich ja ein Handy hätte und das sei ja verboten. Sie wolle mich nicht verpetzen, aber es ginge ums Prinzip. Die Stationsärztin: "Grundsätzlich haben Sie Recht, aber wir sehen das nicht so eng, wenn keine technischen Geräte im Raum sind. Das Handyverbot ist eher zur Sicherheit, dass man im Bedarfsfall darauf verweisen kann, ohne lange diskutieren zu müssen."

Dann hatte ich Butterkekse in meinem Nachtschrank. Und mir hin und wieder mal einen in den Mund gesteckt und Marion auch einen angeboten. Sagt Brigitte doch zu der Schwester: "Sie hat da Naschkram im Nachtschrank. Ich habe das genau gesehen! Ich wollte nur Bescheid sagen." - Wo sind wir denn hier? So eine ähnliche Bettnachbarin hatte ich schonmal! Und ein wenig erinnerte sie mich auch an meine Tante. Aber wenn schon in der Schule niemanden mehr interessiert, ob man im Unterricht isst (sofern man beim Antworten den Mund leer hat und keine dampfenden Speisen mit reinbringt), warum sollte ich dann hier keine Butterkekse essen?

Einen Tag habe ich mir was zu essen bringen lassen. Eine Gruppe Jungs im Rollstuhl hatte mich "entdeckt" und besuchte mich regelmäßig und fragte, ob ich auch was bestellen möchte. So bekam ich zwischendurch mal was mit Reis und Hühnchenfleisch, das war sehr lecker. Brigitte: "Ich habe Angst, dass Sie erwischt werden." - Ich zuckte nur mit den Schultern - wer sollte mich erwischen? Das war doch nichts verbotenes. Die Nachtschwester hat die Aluschale weggeräumt und Brigitte fragte sie: "Wissen Sie, was das ist? Sie hat sich Essen bestellt mit den anderen Leuten." - Ich habe nur noch müde gelächelt und mir meinen Teil gedacht. So ein blödes Waschweib. Die Nachtschwester hat gegrinst. Brigitte erklärte dann irgendwann, sie hätte Sorge um mich und würde denken, ich gefährde meinen Therapieerfolg. Sie petze nur aus fürsorglichen Gründen. Es fehlte nur der Spruch: "Früher hätte es so etwas nicht gegeben." Immerhin konnte sie sich am nächsten Tag bei der Chef-Visite verkneifen, nochmal auf mein externes Essen hinzuweisen. Sagte sie. Sie habe überlegt, ob sie es sagen solle, aber sie wolle mir ja nicht schaden. Ob sie so überhaupt nicht merkt, wie lächerlich sie sich macht?

Ich bekam nach der OP vorbeugend Cipro, ein Antibiotikum, das bei mir ziemliche (Achtung lecker) Blähungen auslöst. Davon abgesehen, dass ich das meistens ohnehin nicht kontrollieren kann (Querschnitt sei Dank), würde ich auch als Nicht-Querschnitt keinerlei Veranlassung sehen, mit meinen ganzen Schläuchen etc. aus dem Bett aufzustehen, um auf dem Klo zu pupsen. Im Alltag sage ich bei Leuten, die mich nicht kennen, meistens einmal "Entschuldigung", ich muss ja nicht jedem erklären, dass ich das nicht kontrollieren kann. Aber auch dazu sehe ich im Krankenhaus keine Veranlassung. Zumal das unter der Bettdecke war und der Raum groß genug war, belüftet wurde... okay. Brigitte, nach meinem zweiten hörbaren Pups: "Sind Sie das andauernd? Ich finde das nicht in Ordnung, hier sind auch andere Leute mit im Zimmer." - "Ist mir egal, was Sie finden." - Zwei Sekunden später klickte die Schwesternklingel. Als die Schwester kam, war sie nach 10 Sekunden wieder draußen: "Das müssen Sie unter sich ausmachen."

Ende vom Lied (sprichwörtlich): Ich habe munter rumgepupst und Brigitte hat jedes Mal entweder empört mit der Zunge geschnalzt, sich empört geräuspert oder so Ausrufe wie: "Na! Sag mal! Also wirklich!" zum Besten gegeben. Nach einiger Zeit haben sich Marion und ich immer gegenseitig die Schuld zugeschoben: "Das war sie." - "Nein sie." - Einer 14-jährigen macht sowas ja eine Zeitlang Spaß, als auch das langweilig wurde, haben wir das dann komplett ignoriert. Brigitte bis zum Schluss nicht.

Und wo wir schon bei solchen Ekelthemen sind, was wäre Jules Blog, wenn ich das aussparen würde: Als der Dauerkatheter draußen war, sollte ich anfangs wieder intermittierend selbst kathetern, später dann zusammen mit der Schwester aufs Klo. Bettpfanne oder ähnliches fällt bei Querschnitten grundsätzlich aus. Erstens kommen sie alleine nicht drauf, zweitens kann das Metall schon bei einmaliger Anwendung die Haut verletzen. Hautverletzungen in dem Bereich heilen mitunter über Wochen nicht ab.

Es war morgens, ich sollte duschen, viele sollten duschen, es war entsprechend viel los, ich hatte geklingelt, weil ich zusammen mit der Schwester aufs Klo wollte (alleine durfte ich noch nicht), es kam aber niemand. Ich sagte zu Marion: "So, hoffentlich kommen die jetzt bald, sonst pinkel ich ins Bett." - Brigitte fühlte sich berufen und sagte: "Das machen Sie nicht! Sie werden jawohl ein bißchen Anstand haben. Das ist eine Zumutung für uns alle, die hier noch im Zimmer liegen." - "Ich muss aber dringend und kann das nicht mehr lange halten."

Nun muss man wissen, dass es eine Schwesternklingel gibt und auch einen Patientennotruf über eine zentrale Notrufanlage. Man könnte die Schwester auch noch intern auf ihrem mobilen Telefon anrufen - wenn man die Nummer weiß. Bei der Schwesternklingel leuchtet es rot über der Tür und piept auf dem Flur, beim Notruf wird eine Sprechverbindung mit dem Pförtner hergestellt, der dann wiederum auf dem schnurlosen Telefon, dass die Schwestern mit sich herumtragen, eine Durchsage machen kann (der kennt die Nummer sicher!) oder zur Not gleich den Arzt anpiept oder die Feuerwehr ruft oder ähnliches. "Ich muss pinkeln" ist eindeutig die Kategorie "Schwesternklingel", auch wenn es dringend ist.

Brigitte drückte den Notruf und erzählte dem Pförtner, dass ihre Mitpatienten gleich "unter sich nässt" und das doch menschenunwürdige Zustände seien. Der Pförtner antwortete nur: "Klingeln Sie bitte nach der Schwester. Mehr kann ich von hier nicht für Sie tun. Knack. Aus."

Ich sagte zu Marion: "Was meinst du ... ob die Schwestern böse sind, wenn das Kissen dabei auch nass wird?" - Marion merkte, dass ich Brigitte damit verarschen wollte, schielte mehrmals zu ihr rüber und grinste. Brigitte saß da mit offenem Mund und glaubte vermutlich, ihren Ohren nicht zu trauen. Ich schob das Kopfkissen an meinen oberen Bettrand. "Ich rette das mal aus der Gefahrenzone. Und die Decke leg ich auch mal so hin, dass ich nirgendwo draufliege. Es reicht ja, wenn das Laken nass wird. Hoffentlich sickert es nicht bis auf den Fußboden durch." Blödsinn - es lag ja was aufsaugendes drunter und die Matratze war wasserdicht eingeschweißt.

Brigitte verzog das Gesicht und klopfte abwechselnd mit ihren Händen auf ihre Bettdecke. "Das ist so schlimm, das ist so schlimm", rief sie. Haschmich! - Ich unterhielt mich nur mit Marion. "Das wird bestimmt nicht schlimm. Hast du schonmal mit Absicht ins Bett gemacht?" - "Mit Absicht noch nicht. Obwohl, als ich klein war, habe ich das, glaube ich, mal gemacht, um meine Mutter zu ärgern oder gegen irgendwas zu protestieren. Aber da muss ich etwa 3 oder 4 Jahre alt gewesen sein."

Brigitte war völlig außer sich. "Wollen Sie sich jetzt wirklich mit Absicht einnässen? Die Schwester kommt doch bestimmt gleich." - Ich sagte zu Marion: "Ich überlege gerade, was besser ist. Wenn man auf der Seite liegt oder wenn man auf dem Rücken liegt. Oder lieber auf dem Bauch?" - Marion antwortete: "Ich würde es auf dem Rücken liegend machen. Bauch ist eklig und auf der Seite verteilt sich das so weit nach oben und unten."

Wie gesagt, ich habe das nicht endlos unter Kontrolle und kann mich noch so sehr anstrengen, irgendwann automatisiert sich das. Der Zeitpunkt war dann auch gekommen, es wurde schön warm am Rücken... Ich tat aber weiterhin so, als wäre das noch nicht passiert und ärgerte Brigitte, indem ich mit Marion aushandelte, wann ich das denn machen sollte. "Am besten zählst du von 10 rückwärts runter und bei 0 gehts dann los." - Marion zählte. "2 - 1 - Nullkommasiebenfünf - Nullkommafünf - Nullkommazwofünf - Nullkommaeinszwofünf." - "Kommazahlen waren nicht abgesprochen, ich habe bei Nullkommasiebenfünf schonmal angefangen." - "Und wie isses so?" - "Ja, schön warm am Po und so, fühlt sich ein bißchen an wie die Sitzheizung im Auto oder wie ein defektes Wasserbett, aber insgesamt ... mal was anderes." - "Ob ich das auch mal ausprobieren sollte?"

Es war natürlich alles nur Blödsinn. Erstens merke ich das am Po so gut wie gar nicht, zweitens wollte das Marion nicht ausprobieren. Aber Brigitte glaubte das. Als die Schwester endlich reinkam und sich gerade entschuldigen wollte, dass es etwas länger gedauert hat, ergriff Brigitte das Wort und sagte: "Ich würde sie zur Strafe drei Stunden in ihrer Suppe liegen lassen. Das war komplett mit Absicht!" - Ich sagte: "Zum Glück haben Sie hier nichts zu sagen." - Die Schwester fragte, ob das Bett nass sei und entschuldigte sich mindestens fünf Mal, es habe aber einen Notfall gegeben und sie hätte nicht früher kommen können. Es täte ihr sehr leid.

Brigitte konnte es nicht lassen: "Sie hat das mehrmals angekündigt, dass sie das jetzt mit Absicht macht! Die beiden haben sogar einen Countdown gemacht. Sie haben das doch auch gehört?" fragte sie die vierte Zimmerbewohnerin. Die redete kaum, sagte dann aber: "Sie haben doch nen Knall." - Die Schwester jedenfalls sagte: "Sie sind eine ziemliche Petze, oder?" - "Es stimmt aber!" - "Das ist mir ganz egal, ob das stimmt. Sie sollten sich mal ein bißche mehr um ihre Sachen kümmern."

Sie schob mich mitsamt dem Bett in den Duschraum, damit ich mich dort gleich umsetzen konnte, ohne noch meinen Rollstuhl nass zu machen. Ich erklärte ihr dann, dass es zwar den Countdown gegeben hatte, dass das aber nur Spaß war, in dem Moment war schon alles gelaufen, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schwester sagte: "Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Ich wüsste nicht, wie ich als Querschnitt zurecht kommen würde und solange ich das nicht weiß, halte ich ganz gepflegt meine Klappe. Auch wenn ich das Bett alle 10 Minuten beziehen müsste." - "Naja, wir haben hauptsächlich die Frau gegenüber geärgert. Die nervt den ganzen Tag." - "Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen. Aber ich darf dazu nichts sagen." - Klar.

Brigitte jedenfalls erzählte mir dann auch noch ungefragt, dass sie ja in einer Wohnungsverwaltung gearbeitet hat, und sie auch öfter mit "solchen Leuten" zu tun gehabt hat, die als Rollifahrer eine Wohnung suchen. Es sei nicht immer einfach gewesen. In der Nachbarschaft habe mal ein Spastiker gewohnt, der sei "immerhin nicht dumm" gewesen. Mir hätte eigentlich nur noch ein Ausflug in die Nazi-Zeit gefehlt - das wäre bestimmt lustig geworden, nachdem sie ohnehin schon paar Mal geäußert hatte, dass sie die ganzen ausländischen Krankenschwestern nicht gut fände. "Die klauen bestimmt auch mal was", meinte sie. Ich kann dazu nur eins sagen: Mir haben sie nichts geklaut. Und mich haben sie zuvorkommend behandelt. Und nun kann ich endlich das Thema "Brigitte" zu den Akten legen. Danke, Blog.

Donnerstag, 3. März 2011

Platten und Schrauben

Da war noch was. Richtig! Da waren noch Platten in der Schulter und zwei Schrauben im Schlüsselbein. Die irgendwann nochmal raus sollten, dringend sei es allerdings nicht. Ich hatte mir die Osterferien, die in Hamburg in der nächsten Woche beginnen (nein, da ist noch nicht Ostern, keine Sorge), ausgeguckt und mich entsprechend auf die Warteliste setzen lassen. Eigentlich sollte ich dann nach einer Woche wieder fit sein - so eine zwanzigminütige OP haut doch eine Stinkesocke nicht aus dem Rollstuhl.

Dachte ich. Aber es kam natürlich alles wieder anders als ich dachte.

Am Samstagmorgen (19.02.) klingelte morgens bei mir das Telefon: Ob ich am kommenden Dienstag zur OP kommen könnte, wollte eine Mitarbeiterin des Krankenhauses wissen, die offenbar die OP-Planung machte. Sie sagte mir, dass wir zwar "in den Osterferien" grob festgehalten hatten, jedoch sei man dort komplett ausgelastet. Man könnte mir den 21. November anbieten - oder eben kommenden Dienstag. Dort sei jemand abgesprungen. Keine Ahnung, ob der 21. November nur deshalb ins Spiel kam, damit ich freiwillig die Lücke schließe, oder ob die wirklich so ausgefüllt sind, jedenfalls wurde ich am Montag, den 21. Februar stationär aufgenommen und nach Voruntersuchungen, Vorgespräch und einer ersten schlaflosen Nacht im Einzelzimmer (man macht sich ja doch so den einen oder anderen Kopf, was bei einem Routine-Eingriff so alles schief laufen kann) am Dienstagmorgen als erste auf der Liste operiert.

Um 7.45 Uhr lag ich im OP und bekam von einer sehr netten Narkoseärztin erklärt, dass es in meinem Arm gleich heiß oder kalt werden könnte, um 9.30 Uhr erinnere ich mich an eine Uhr, die im Aufwachraum an der Wand hing, und an eine Krankenschwester, die mich (vermutlich zum wiederholten Mal) aufforderte, das Atmen nicht zu vergessen. So richtig orientiert war ich dann wieder gegen kurz vor 12. Ich lag in einem Viererzimmer, meine Schulter war mit weißen Verbänden verklebt und zwei Schläuche schauten heraus, in einen lief Flüssigkeit aus einer Wasser-Infusion, aus dem anderen kam der Schweinkram dunkelrot wieder raus, wurde in einen Beutel unter meinem Bett geleitet und alle paar Stunden in einen Eimer ausgekippt. An einem weiteren Schlauch hing noch ein Gefäß, an meiner Hand hing ein Tropf und untenrum hatten sie mir einen Dauerkatheter gelegt. Bitte nicht bewegen.

Die Ärztin, die zur Visite kam, sagte nur einen Satz: "Die haben da ganz schön manövriert." Super. Und genauso fühlte ich mich auch. Am Tag 1 nach der OP ging es mir erstmal noch am besten, am Tag 2 nach der OP wusste ich nicht mehr, wie ich liegen sollte (ich durfte mich ja nicht bewegen), abends wurde dann aber wenigstens diese Spül-Drainage gezogen, nachdem es nicht mehr blutete, am Tag 3 nach der OP kam der Dauerkatheter raus und am Tag 4 nach der OP die zweite Drainage, in die nur das Blut ablief und die Infusionsnadel wurde gezogen. Tägliche Katheter- und Verbandspflege, das Ziehen dieser Drainage, die Schmerzen: Ich bin nicht zimperlich, aber die haben mich da echt gequält. Insbesondere, als diese Spüldrainage raus kam - es war nur ein Ruck, aber ich habe zwei Minuten lang auf dem Bett gelegen, die Tränen kullerten mir nur so über die Wangen und ich hörte die Engel im Himmel singen. Selten solche fiesen Schmerzen gehabt.

Seit vorgestern bin ich wieder zu Hause. Seit heute geht es mir so, dass ich sagen würde: Das Gröbste ist überstanden. Es ziept noch ein bißchen, hin und wieder piekst es auch noch in der Schulter, allgemein fühlt sich da noch alles etwas wund an, aber es geht mir wieder einigermaßen gut. Ab nächster Woche kann ich wohl wieder alleine mit dem Auto zur Physio fahren. Und am Wochenende danach langsam wieder mit Sport anfangen - wohl dosiert, sagt der Arzt. Ich habe in den neun Tagen trotz allem einigen Spaß gehabt und ein paar Leute kennen gelernt, über die ich unbedingt noch etwas schreiben möchte. Aber nicht mehr heute. Ich bin insgesamt noch sehr geschlaucht.