Montag, 14. Februar 2011

VW-Bus-Fahrer trägt alleinige Schuld

Wie ich inzwischen über Frank erfahren habe (dem klingeln hier inzwischen die Ohren, so oft, wie er in den letzten Tagen von mir zitiert wurde), wurde der Schlafmütze, die meinen Golf zerlegt hat, ein Verwarnungsgeld von 35 Euro aufgebrummt. Wegen zu geringem Abstand mit Sachbeschädigung. Wie niedlich!

Die Versicherung des VW-Bus-Fahrers, ein großes Unternehmen, das einen Werbespot im Fernsehen hat, in dem jemand mit einem Trecker das Firmenlogo in eine Wiese mäht, kündigte bereits an, gemäß Sachverständigengutachten anhand des Restwertes entschädigen zu wollen. Und zwar 6.450 Euro. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass ich mal 5.000 Euro dafür bezahlt habe... Laut DAT sei die Kiste vor dem Unfall rund 5.500 Euro wert gewesen, jedoch ohne den behindertengerechten Umbau. Meinetwegen. Man erkennt an, dass der VW-Bus-Fahrer zu 100% Schuld an dem Unfall gewesen sei, weil er den Abstand nicht eingehalten hat.

Bei Sofies Rollstuhl wollte man lediglich den Zeitwert ersetzen und setzte diesen mit rund 800 Euro an. Als Frank jedoch dorthin schrieb, dass es für maßangefertigte Aktivrollstühle (Medizinprodukte) keinen Second-Hand-Markt gibt, einigte man sich auf 3.660 Euro Neuwert laut Liste. Plus Anwaltskosten.

Der Vater des Kindes wird scheinbar überhaupt nicht belangt. Tja, ich hoffe, er weiß auch so, dass er künftig sein Kind vor sich fahren lassen muss und nicht hinter seinem Rücken.

Nicht so doof wie es aussieht

Ich hatte heute morgen einen Termin in der Stadt, am Schlump, um genauer zu sein. Da bietet sich die Fahrt mit Öffis an. Da aber an meiner Station weder Aufzug noch Rolltreppe funktionierten, musste ich wohl oder übel wieder nach Hause und doch mit dem Auto fahren. Für den Bus wäre es zu spät gewesen.

Ich fand auch spontan einen Parkplatz, einen für Menschen mit Behinderungen, als ich jedoch eine halbe Stunde später wieder zu meinem Auto zurück kam, stand ein Peugeot direkt hinter meinem Auto, so, dass ich nicht mehr rausfahren konnte. Ich kam nicht mal an meine Fahrertür, da der Parkplatz links daneben auch belegt war und rechts daneben ein hoher Bordstein war. Nach vorne hin war die vierspurige Schäferkampsallee, ich hätte, würde ich ins Auto kommen, möglicherweise mit 20 Mal rangieren um ein Verkehrszeichen herum über eine Mega-Vekehrsinsel fahren können, aber ich mach mir ja nicht mein Auto kaputt. Am Ende setzt das noch irgendwo auf bei dem Manöver.

Der Peugeot hatte Warnblinklicht eingeschaltet. Was sollte das jetzt bedeuten? "Ich komme gleich wieder" oder "Ich weiß, dass ich das nicht darf" oder vielleicht sogar "Ich bin cool, ich darf das"?! Ich wartete 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten, dann rief ich bei der Polizei an. Nach weiteren 20 Minuten kam eine Funkstreife, der Peugeot blinkte immernoch munter vor sich hin. Eine Beamtin stieg aus. "Super. Sie gehören zu dem Mercedes-Bus?" - Ich nickte. - "Das ist ja schon dreist hier. Der Kollege bestellt gerade über Funk den Abschlepper, der kommt gleich auf den Haken. Der steht ja auch halb auf der Fahrbahn." - "Ich kann bald eine Standleitung zur Polizei einrichten." - "Das glaube ich Ihnen sofort. Was wir hier täglich wegschleppen lassen, das ist echt der Hammer. Hier geht es immernoch, aber in der Schanze könnte man nur noch abschleppen."

Die Frau hängte ein Ticket hinter den Scheibenwischer, dann stieg sie ein und fuhr weiter. Fünf Minuten später kam der Abschlepper und nahm den Peugeot auf den Haken. Vielen Dank. Während der Wartezeit überlegte ich weiter hin und her, warum der Typ wohl das Warnblinklicht eingeschaltet hatte. "Komme sofort wieder" hatte es offensichtlich nicht bedeutet. Was wollte er uns mit dem Geblinke sagen? Ich vermute: "Ey Leute, ich bin nicht so doof wie es aussieht." - Ja, das wird es sein.

Positionspapier gegen Diskriminierung

Ich werde ab morgen wieder zur Schule gehen. Ich bin heute morgen noch vor der 1. Stunde von der Schulleiterin angerufen worden. Sie habe am letzten Freitag im Rahmen einer Lehrerkonferenz erfahren, dass es in meinem Jahrgang offenbar in erschreckendem Umfang, so drückte sie sich aus, diskriminierenden Unterrichtsinhalt (!) gegeben hätte, und zwar in Form einer unerträglichen (!) Diskussion über die Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderungen. Das sei nicht in ihrem Sinne gewesen und sie entschuldige sich in aller Form bei mir.

Die Konferenz war ursprünglich für Freitag von 16.00 bis 18.00 Uhr angesetzt gewesen, sie sei gegen 17.00 Uhr dazu gekommen und wollte ursprünglich spätestens um 18.00 Uhr wieder weg, da sie noch ein Treffen mit Freunden (Frauenabend) hatte. Irgendwann hätte man ja auch mal Wochenende. Sie habe das Treffen abgesagt, die Konferenz habe bis 21.30 Uhr angedauert. Sie sagte, ihr sei wichtig, dass ich wisse, dass der Schule diese Sache alles andere als egal sei. Damit meine sie nicht nur sich selbst, sondern auch meine Lehrer.

Ich erwiderte, dass mir schon klar sei, dass die in dem Referat und in der späteren Diskussion geäußerten Ansichten nicht die offizielle Meinung der Schule, der Lehrer und der meisten Mitschüler seien. Dennoch habe man es bisher nicht geschafft, weder in der Stunde noch danach, diese diskriminierenden Ansichten zu entkräften und sich zu distanzieren. Das hätte ich erwartet. Man hat zuerst diskutiert, später dann die Querschläger einfach reden und vortragen lassen und diese Meinungen ohne jeglichen Kommentar im Raum stehen lassen. Mich mit meiner Ansicht als Betroffene alleine gelassen. "Ich möchte zu Ihnen in die Schule kommen, um etwas zu lernen, um mir etwas Gutes zu tun für mein späteres Leben. Das, was Sie mir im Moment bieten, tut mir aber nicht gut. Im Gegenteil."

Sie könne das "voll und ganz" verstehen. Und es sei ihre Aufgabe, das in den Griff zu bekommen. Sie distanziere sich eindeutig von diskriminierenden Äußerungen gegenüber behinderten Schülerinnen und Schülern. Sie begrüße unterschiedliche Meinungen und unterschiedliche Ansichten, aber sie dulde keine Diskriminierung an ihrer Schule. Man habe sehr intensiv beratschlagt am Freitag und unter anderem einen Referenten aus dem Behindertensport kurzfristig eingeladen gehabt. Wer das wohl war? Vielleicht kenne ich den sogar? Jedenfalls sei der "Gold wert" gewesen. Man sei abschließend überein gekommen, dass die Schule bis zu den Sommerferien ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie sich eindeutig zu ihren Schülern mit Behinderung bekennt und eine gemeinsame Richtung vorgibt. Dadurch könne man zwar nicht verhindern, dass einzelne Schüler weltfremde Ansichten haben, aber man könne all denen, die noch keine eigene Meinung haben, vermitteln, "wie wir hier ticken, bevor die von Ihnen als Querschläger bezeichneten Mitschüler dazu Gelegenheit bekommen" - als ersten Schritt.

Für mich ist dieses Signal eindeutig. Ich möchte der Schulleiterin vertrauen, dass sie dieses Problem in den Griff bekommt. Die Sache mit dem Positionspapier, einer klaren Stellungnahme gegen Diskriminierung, finde ich gut. Ihr muss klar sein, dass sie an ihrem Versprechen, das bis zum Sommer fertig zu haben, von mir gemessen wird.

Franks Rat

Ich bedanke mich für die vielen, vielen Kommentare zu meinem gestrigen Eintrag. Fast alle haben mich in meiner Meinung bestärkt und haben mir die Gewissensbisse genommen, die ich bei dem Gedanken hatte, Franks Rat zu folgen. Er möchte mich übrigens nicht vertreten, sondern will das einem befreundeten Anwalt überlassen. Was ich persönlich auch besser finde, wenn man in derselben Wohnung wohnt, ist es wohl besser, privates und geschäftliches zu trennen. Dennoch hat er mir einen Rat gegeben.

Er sagte, dass ich nicht wissen könne, warum die Versicherung meine Anschrift ermittelt hätte. Es könnte sein, dass ein eifriger Sachbearbeiter seinen Job sehr genau nimmt und nur auf Nummer Sicher gehen wollte.

Es könnte aber auch sein, dass irgendeiner in dem Fall herumwühlt. Das Finanzamt beispielsweise. Oder ein Gericht, ein Staatsanwalt, eine andere Behörde. Weiß ich, ob mein Vater beim Hausverkauf alles richtig gemacht hat? Weiß ich, ob meine Mutter ihn auf Unterhalt verklagt hat? Weiß ich, ob er irgendwo Sozialleistungen beantragt hat? Oder meine Mutter, während mein Vater Unterhalt zahlen müsste? Weiß ich, ob er krumme (noch krummere) Dinger dreht und jemand ermittelt, wer ihn dabei finanziell unterstützt? Finanziell unterstützt in Form einer unauffälligen Entschädigungsrente, die direkt auf sein Konto überwiesen wird?

Rein rechtlich zahle ich ihm nämlich derzeit monatlich 3.300 Euro freiwilligen Unterhalt. Woraus er künftig auch gewohnheitsmäßige Rechte ableiten könnte, jetzt, wo ich das weiß. Später auch über das 25. Lebensjahr hinaus, wenn die Entschädigungsrente wegfällt. Denn ich zahle ihm ja Unterhalt, keine zeitlich befristete Rente. Und den Unterhalt müsste er versteuern, während die Versicherungsleistung für mich ursprünglich steuerfrei war. Weiß ich, ob mein Vater diese Gelder angibt bei der Steuer? Und wenn ja als was? Vielleicht noch als Arbeitsentgelt, weil er mich pflegt? Und ich bin am Ende irgendwo wegen Beihilfe dran oder Vorenthalten von Sozialabgaben, weil ich ihn als Arbeitnehmer nicht angemeldet habe?! Alles eine Nummer zu groß!

Ich weiß das alles nicht. Vielleicht ist das Finanzamt auch "nur" hinter mir her. Weil in irgendeinem Datenabgleich steht, dass ich diese Leistung bekomme, ich sie aber in meiner Steuererklärung nicht erwähne, auch wenn sie steuerfrei wäre. Vielleicht wäre dadurch etwas anderes nicht mehr steuerfrei. Was weiß denn ich? Das überblickt doch niemand, ohne genau zu wissen, was da überhaupt vor sich geht. Frank meint, ich hätte zu viel Geld auf dem Konto, um mal irgendwo ohne Rückfrage Unterschriften zu leisten. Bis gestern konnte ich sagen: "Ich war das nicht, ich weiß von nichts." Heute geht das nicht mehr.

Frank schlägt vor, über einen Anwalt gegenüber der Versicherung eine Erklärung abgeben zu lassen, dass ich mich nicht daran erinnere, eine solche Erklärung abgegeben zu haben. Sie sei inhaltlich auch nicht zutreffend. Ich bitte daher darum, die Zahlungen künftig direkt an mich zu leisten. Und dann der entscheidende Satz: Ich biete der Versicherung an, meine Ansprüche aus den vorangegangenen Monaten mit meinem Vater "im Innenverhältnis" zu regulieren.

Mit dem letzten Satz würde man ausdrücken, dass man nicht will, dass die Versicherung Gelder zurückfordert oder irgendein anderes Fass aufmacht. Es sei denn, sie muss es tun, weil schon Ermittlungen laufen oder anderweitig der Baum brennt. Aber ansonsten einigt man sich selbst mit dem Vater. Eine Einigung könnte sein, dass man sich einen Schuldschein unterschreiben lässt über die aufgelaufene Summe und diesen stundet. Also die Rückzahlung aufschiebt. Vielleicht sogar solange aufschiebt, bis man den nicht mehr vollstrecken kann (30 Jahre etc.). Frank rät mir aber davon ab, das so auf sich beruhen zu lassen: Wenn irgendwann Forderungen vom Finanzamt oder von einem Gerichtsvollzieher kommen, sei das Geld weg, ohne dass ich darauf Ansprüche anmelden könne - so könnte ich es dann erstmal einkassieren. Und ich könne jederzeit nach außen darstellen, dass ich nicht damit einverstanden war, dass er sich dieses Geld einfach "nimmt".

Ob er jedoch verstehen wird, warum ich das nicht einfach so auf sich beruhen lasse oder ob es dazu führt, dass er hier nochmal auftaucht und ich am Ende doch noch eine "Bannmeile" (nicht nähern dürfen auf eine bestimmte Meterzahl) erwirken muss, weiß ich noch nicht. Es wird hier also nie langweilig. Vielleicht liest er ja auch hier mit und sieht im Vorfeld ein, dass er Scheiße gebaut hat und ich versuche, ihm da noch eine Brücke zu bauen.

Achso, und ich soll noch darauf hinweisen, dass ich hier keine Rechtsberatung durchführe. Was ich hier schreibe, ist meine persönliche Ansicht der Dinge als juristischer Laie, der beim Anwalt hoffentlich alles richtig verstanden hat. Kann auch ein Griff ins Klo sein, vielleicht ist es auch alles nur eine spannende Märchenstunde. Also wenn jemand in einer ähnlichen Situation steckt: Bloß selbst einen Anwalt fragen, nä?!

Sonntag, 13. Februar 2011

Noch eine Versicherung

Mein Vater hat für mich, als ich etwa 12 Jahre alt war und zu reiten anfing, eine private Unfallversicherung abgeschlossen. Als ich meinen Unfall auf dem Schulweg hatte, wurde die komplette Versicherungssumme bei Invalidität fällig. Die Versicherungssumme betrug 100 T€, allerdings mit 5-facher Progression, weil es meinem Vater damals darum ging, die wirklich "heftigen" Dinge abzusichern und nicht die "kleineren", und so hat jenes in Bayern vertretene große Unternehmen mir vor etlichen Monaten eine halbe Million Euro ausgezahlt, die zur Zeit über 5 Jahre festgelegt sind mit 100% Einlagensicherung, auf verschiedene Konten verteilt und mit jeweils 4,2% Zinsen. Ich weiß, Aktien könnten auch 42% Zinsen bringen, aber eben auch -42% oder -100%. Insofern: 4,2% sind doch toll.

Hinzu kommen noch weitere rund 250 T€, die die gegnerische Versicherung als Schmerzensgeld zahlen musste bzw. die mir als 10-Jahres-Abschlag auf die Hälfte meiner Erwerbsunfähigkeitsrente gezahlt worden sind. Da ich alleine von der halben Rente und des Pflegegeldes der Unfallversicherung (nicht aus der gesetzlichen Pflegeversicherung) mehr als nur bescheiden leben kann (Was für Ausgaben habe ich denn als Schülerin mit einem WG-Zimmer?), bleiben pro Monat zwischen 2 und 3 T€ stehen, die ich nicht ausgebe. Mein neues Auto (den Viano) habe ich beispielsweise von diesen Zinsen bezahlt. (Es handelt sich um einen Sparvertrag, bei dem die Zinsen ausgezahlt werden und nicht stehen bleiben müssen.)

Okay, das erzähle ich nicht, um anzugeben, sondern um ein ganzes Bild zu erzeugen, wenn ich folgendes berichte: Mein Vater hatte diese Unfallversicherung abgeschlossen, weil er damals meinte, dass die Familienunfallversicherung, die er davor hatte, nicht ausreichend wäre, weil diese nur eine monatliche Invaliditätsrente bis zum 25. Lebensjahr für Kinder zahlt - danach ist Ende. Bei dieser Versicherung, die bestand nach wie vor, hat mein Vater aber, wie ich inzwischen erfahren habe, meinen Unfall auch eingereicht. Ohne mir je davon etwas zu erzählen.

Und nun kommt es: Er hat dort erklärt, dass ich bei ihm wohne und nach seinem Auszug (die haben das Haus verkauft, als sich meine Eltern getrennt haben) bei ihm geblieben wäre. Die Versicherung hat mich aber anlässlich meines 18. Geburtstages angeschrieben und wollte von mir eine Unterschrift. Die haben sie auch bekommen, allerdings nicht von mir, sondern von meinem Vater... Ich wusste von nichts. Irgendwas ist dem Sachbearbeiter spanisch vorgekommen, so dass er "im Rahmen einer Überprüfung über das Melderegister", wie er mir in einem Schreiben an meine WG-Anschrift nun mitteilt, festgestellt hat, dass ich nicht mehr dort wohne. Da mein Vater zwar Versicherungsnehmer sei, ich jedoch die Leistungsempfängerin, möchte man von mir wissen, ob ich mit einer Auszahlung der monatlichen Rente bis zum 25. Lebensjahr auf das Konto meines Vaters einverstanden bin. Es handelt sich hierbei um monatlich über 3.300 €. Auch hier hatte mein Vater eine 5-fache Progression gewählt, falls wegen Voll-Invalidität des Kindes ein Elternteil als Arbeitskraft ausfällt. Und Querschnittlähmung bedeutet im Versicherungsrecht Voll-Invalidität.

Nun ist es ja so, dass ich einerseits dankbar sein muss (und auch bin), dass mein Vater für mich schon die andere Versicherung abgeschlossen hatte, von deren Zinsen ich nun monatlich leben kann. Was ich aber unmöglich finde, ist, dass er hier so ein Ding dreht, ohne mir etwas zu sagen. Wäre er jetzt angekommen und hätte gesagt: Du, Jule, hier gibt es noch eine Versicherung, die haben wir mal abgeschlossen, um für dich da sein zu können und nicht arbeiten zu müssen, wenn du mal "invalide" wirst - dazu dann irgendwann die, die dir etwas zahlen sollte. Vielleicht wäre dann bei mir sofort alles klar gewesen und ich hätte es okay gefunden, wenn meine Eltern das Geld bekommen.

Vielleicht kann man jetzt auch argumentieren, dass ein ähnlicher Fall eingetreten ist. Meine Eltern haben sich "meinetwegen" oder zumindest wegen meines Unfalls getrennt. Ich habe keine Ahnung, ob mein Vater noch arbeitet. Oder nun nur noch von diesem Geld lebt. Nur: Wenn man das so entscheidet, steht meiner Mutter doch wohl die Hälfte zu, denn die Beiträge wurden doch wohl vom gemeinsamen Geld bezahlt, oder?

Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll. Wenn ich der Versicherung mitteile, dass ich nicht mehr bei meinen Eltern wohne, sie für mich auch keinen Unterhalt zahlen (was sie auch nicht müssen), wird mir das Geld künftig auf mein Konto überwiesen und mein Vater müsste vermutlich die zu Unrecht erhaltenen Zahlungen zurückzahlen oder an mich weiterleiten.

Frank, der Rechtsanwalt in unserer WG, hat dazu eine sehr konkrete Meinung. Die will ich nicht vorweg nehmen. Mich würden Kommentare und Meinungen dazu sehr interessieren. Schreibst du mir was?

Samstag, 12. Februar 2011

Erstes Straßentraining 2011

Yes. Erstes nächtliches Straßentraining 2011 heil überstanden. Es gibt einige Veränderungen: Wir trainieren künftig verstärkt im Hamburger Südwesten, im Bereich der Elbe, weil dort gute Straßenverhältnisse sind, nachts dort absolut tote Hose ist und man das Training im Sommer auch gleich mit Outdoor-Schwimmen verbinden kann. Nein, nicht in der Elbe. Bäh. In einem großen Baggersee.

Die Straße ist sehr übersichtlich und sehr lang, man kann also mehrmals hin und her fahren und hat nicht das gefährliche Stadtgebiet zu durchkreuzen. Wir dürfen sogar im Rahmen einer Sondernutzung die Straße auf einer Länge von knapp 10 Kilometern für den Durchgangsverkehr sperren. Nicht jedes Wochenende, auch nicht jedes zweite, aber so etwa 15 Mal im Jahr sei es okay. Weil da eben nachts kein Durchgangsverkehr ist, und wenn doch, dann könnte dieser das Gebiet auch weiträumig umfahren oder eine Parallelstraße nutzen und so zu seinem Ziel kommen. Der Typ vom zuständigen Bezirksamt und ein Typ von der Polizei (in zivil) waren vor Ort, war sehr nett und haben sich das alles angeschaut. "Das ist sehr toll, was Sie hier machen, das unterstützen wir auf jeden Fall." Wir müssen uns allerdings mit zwei anderen Triathlon-Vereinen (Fußgänger) arrangieren, die hier nachts ebenfalls trainieren wollen und dürfen. Mit denen sollen wir uns absprechen. Das sollte nicht das Problem sein. Diese hatten schon Jahre lang um eine Sondernutzungs-Erlaubnis gebeten, sie aber nie bekommen. Erst als jetzt der Antrag für die Rollstuhlsportler kam, wurde bewilligt. Das finde ich irgendwie super klasse.

Lisa gehört ab sofort fest zu unserem Trainingskader. Und wir bekommen noch einen zusätzlichen Trainer, allerdings nur aushilfsweise. Aber das ist doch schonmal was. Und wir dürfen am Ende in einer Sporthalle duschen, für die unser Verein einen Transponder (Schlüssel) bekommt. Manchmal bin ich richtig erstaunt, wie unbürokratisch Hamburg dann doch sein kann. Wenn man die richtigen Leute anspricht.

Und es wurde ein Sponsor gefunden, der uns mit Funktionskleidung für das Training versorgt. Wir dürfen zwei Mal pro Jahr bestellen (einmal Sommer, einmal Winter), die Teile werden auf Maß angefertigt. Es handelt sich dabei um einteilige "Ganzkörperkondome", die halt ideal sowohl für den Rennrolli als auch zum Handbiken sind. Die Maßanfertigung ist besonders wichtig (und eigentlich sehr teuer), da einige Sportler seit Geburt ihre Querschnittlähmung oder andere Behinderung haben, noch nie gelaufen sind und somit keine normal langen Beine haben. Oder nur sehr dünne. Einteilig ist wichtig, weil es sonst hoch- bzw. runterrutscht und viele das nicht merken, weil der Übergang von Hose zum Oberteil in einem Bereich liegt, den sie nicht spüren. Die Nähte sollten so platziert sein, dass sich keine Scheuerstellen ergeben. Es sollte sich nicht mit Schweiß oder Pipi vollsaugen, es sollte einigermaßen strapazierfähig sein, leicht, und trotzdem warm. Zumindest im Winter.

Die Firma, die das jetzt liefert, sitzt im Erzgebirge und berechnet für das erste Stück 30 Euro, für jedes weitere 60 Euro, allerdings kann nur einmal pro Halbjahr gesammelt bestellt werden. Wenn jemand einzeln nachbestellt, liegt man bei etwa 120 bis 150 Euro, je nach Aufwand. Und man kann wirklich alles angeben: Oberschenkellänge und Dicke, auch noch rechts und links verschieden, wenn es sein muss, Unterschenkel, Arme, Oberweite, Oberkörpergröße, Hüftbreite - wirklich alles. Das passt dann auch wie angegossen. Man kann kurzen Arm wählen oder langen, Beinlänge, mit Fuß oder ohne, die nähen einem bei Bedarf sogar einen überlappenden Mini-Schlitz in den Schritt (Reiß- oder Klettverschluss würde ja schon wieder Druckstellen machen), falls man kathetern will ohne das ganze Ding ausziehen zu müssen. Ich weiß, too much information, ich finde es dennoch erwähnenswert, weil einzigartig.

Obwohl es Synthetikfaser ist, sieht es gar nicht mal schlecht aus, da die Oberfläche matt und angerauht ist. Komplett schwarz, nur auf dem Rücken sind so silberne Reflektoren eingearbeitet oder aufgebügelt, keine Ahnung. Und von innen sind die Dinger absolut flauschig, selbst dann noch, wenn sie nassgeschwitzt sind, was mich sehr beeindruckt hat. Für den Winter hat man eine Stoffstärke von 240 g/m² gewählt, ein T-Shirt hat etwa 60 bis 150 g/m², wobei man bei 60 durchgucken kann und 150 sehr dick ist. Jedenfalls bekamen wir das Zeug endlich ausgegeben, wir haben alle gleich getestet und: Es waren draußen 2 bis 3 Grad, also ar...kalt, es hat zeitweilig genieselt und ich habe nicht gefroren. Auch nicht, als nach zwei Stunden alles verschwitzt war. Ich bin begeistert.

Freitag, 11. Februar 2011

Gefressen worden

Seit Mittwoch ist Markus hier. Zum Glück. Natürlich werden böse Zungen jetzt behaupten, dass das der wahre Grund sei, warum ich diese Woche nicht mehr zur Schule gegangen bin. Das Drama um meine 15 Punkte in Sport kam gerade im richtigen Moment. Mir ist auch klar, dass einige Mitschüler und auch Lehrer hin und wieder oder regelmäßig diesen Blog lesen. Ja, schöne Grüße, ich lebe noch. Und ja, denkt ruhig, was ihr wollt. Markus arbeitet in der Zeit, in der ich Schule hätte. Er kommt ja auch zum Arbeiten nach Hamburg, nicht nur meinetwegen.

Aber eben auch meinetwegen. Und warum sollte er im Hotel schlafen? Dann werde ich nicht massiert. Er kann super toll massieren. Überall. Lechz. ...

Hat schonmal irgendjemand meiner Leser einem Querschnitt die Füße massiert? Nein? Er ist so toll. Ich merke davon zwar nichts. Aber es tut mir gut. Er macht es einfach. Er fragt nicht, ob ich das möchte, er fragt nicht, ob es komisch ist, er macht sich einfach keine Gedanken. Und das ist toll. Er massiert mich und irgendwann ist er bei meinen Füßen angekommen. Er hört eben nicht an der Lendenwirbelsäule auf. Klingt banal, ist es aber irgendwie nicht.

Ich liebe sein verschmitztes Lächeln. Er hat ständig irgendwelche Flausen im Kopf, aber (bisher) nie auf Kosten anderer. Er ist einfach witzig, macht Witze über sich selbst, lacht über komische Situationen, hat eine ausgeprägte Fantasie, über die ich mich ständig amüsieren kann. Er bringt Sprüche, bei denen ich fast vor Lachen aus dem Stuhl falle, ohne dass er dabei eine Miene verzieht. Er kann wunderbar erzählen. An ihm ist ein Comedian verloren gegangen.

Aber wir hatten eben auch ein sehr ernstes, gutes Gespräch. Ich habe ihm von den Idioten in der Schule erzählt. Und irgendwie war es gerade die richtige Stimmung, um ernst, aber dennoch locker über mein anderes Problem reden zu können. Ich sagte ihm, dass das Schul-Chaos ein ernstes Problem sei, es aber gerade ein noch wesentlich ernsteres gäbe. Ein wenig mitleidig, ein wenig gespannt schaute er mich an, zog die Augenbrauen hoch, seufzte und fragte: "Reicht das noch nicht?" Und nahm mich in den Arm, bevor er überhaupt wusste, was mich bedrückt. Es ist Scheiße, jemanden, den man erst so kurz kennt, gleich mit solchen Problemen zu überrennen. Aber es betrifft ihn. Und es muss aus der Welt. Das war am Mittwochabend.

"Ich hab mir die Pille verschreiben lassen.", sagte ich. Und schaute ihn an. Er antwortete: "Und du verträgst sie nicht?" - Ich schüttelte sofort den Kopf. "Doch doch, das ist nicht das Problem." - "Was dann?" - "Ich will Sex. Irgendwann mal. Irgendwann will ich Sex. Eigentlich bald. Eigentlich sofort. Eigentlich auch nicht. Ich will zumindest geschützt sein, wenn ich Sex habe." - "Was heißt das, eigentlich sofort und eigentlich auch nicht? Willst du oder willst du nicht?"

"Ich will, wenn du auch willst und es sich ergibt. Aber es geht nicht. Die Pille ist der zweite Schritt vor dem ersten. Im ersten Schritt müsste ich eigentlich realisieren, dass ich keinen Sex haben kann. Und das verdränge ich, indem ich mir im zweiten Schritt die Pille verschreiben lasse und einwerfe. Das ist vermutlich ziemlich krank. Aber das ist mein viel ernsteres Problem."

"Und wieso sollte das nicht gehen mit dem Sex?" - "Weil ich querschnittgelähmt bin?!" - "Das alleine ist aber kein Grund, und das weißt du auch. Es gibt viele querschnittgelähmte Mütter, die ihre Kinder nach dem Unfall auf natürlichem Weg gezeugt und bekommen haben." - Wieso kennt er sich so gut aus? Ist das schmeichelhaft?

"Das stimmt", sagte ich. "Nur ...". Ich wusste nicht mehr, wie ich fortfahren sollte. - "Nur was?" - "Ich krieg meine Blase nicht in den Griff." - "Ich weiß." - "Was weißt du?" - "Dass bei Querschnitten auch die Blase betroffen ist. Und der Darm. Und dass viele Männer keinen hoch kriegen. Und sich deswegen minderwertig fühlen. Und dass die dann alle glauben, niemand will mit ihnen ins Bett. Und wenn dann nur aus Mitleid oder perversen Gelüsten. Kenn ich alles schon, imponiert mir aber nicht."

"Was meinst du mit imponieren?" - "Die Tour zieht nicht, Jule. Das grenzt an Selbstmitleid. Du nimmst mir die Entscheidung ab, ob ich mit den Symptomen einer Querschnittlähmung umgehen kann, wenn ich mit einer Querschnittgelähmten ins Bett gehe. Du unterstellst mir indirekt, ich würde damit nicht zurecht kommen." - "Das stimmt doch gar nicht", funkelte ich ihn an. "Ich unterstelle gar nichts. Ich habe ein Problem damit, dir so einen Schweinkram zuzumuten. Das ist der Grund."

"Genau das wollte ich hören. Sorry, wenn ich da etwas grob war. Aber wenn ich eins nicht leiden kann, ist es, wenn sich jemand meine Gedanken macht. Frag doch bitte künftig, ob du mir etwas zumuten kannst, und lass mich das entscheiden. Ich bin nicht aus Zucker." - Ich schluckte. "Das ist für mich ein sehr schwieriges Thema, Markus. Ich versuche, offensiv damit umzugehen im Alltag. Weil Verstecken und Verheimlichen nur meine Angriffsfläche vergrößert. Aber ich bin damit sehr verletzbar, trotz des offensiven Umgangs."

"Wie wäre es denn anders herum? Jetzt, wo du dich damit auskennst. Würdest du mit einem Typen ins Bett gehen, der genau diese Probleme hat? Oder würdest du es deshalb ablehnen, weil es eklig werden könnte?" - "Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber ich schätze, es wäre kein Problem für mich." - "Siehst du. Ich hatte schonmal eine Beziehung zu einer Rollstuhlfahrerin. Die ist jetzt Jahre her und war leider nach sechs Wochen wieder zu Ende, weil sie mit ihrem inneren Konflikt, mir nicht alles bieten zu können, nicht klar kam. Dabei hätte ich mir auch eine Beziehung ohne jeden sexuellen Kontakt vorstellen können."

"Das ist aber ungewöhnlich, dass jemand öfter in diese Situation kommt, oder? Warum gibt es in deinem Leben so viele Rollstuhlfahrerinnen?" - "So viele? Du bist die zweite. Ich habe mich in dich verliebt. Und anders als bei vielen anderen ist für mich eine Behinderung kein Ausschlusskriterium. Und eine Blasenlähmung auch nicht. Und eine Darmlähmung auch nicht. Ich bin nicht scharf auf das, was bei einer Darmlähmung passieren kann und ich kann dir nicht versprechen, dass ich nicht sofort auf Klo renne, mich übergeben muss und sofort duschen will. Aber das ist dann eine Schwäche von mir, an der du dich nicht stören darfst. Jeder hat ja so seine Schwächen."

"Das wird auch nicht passieren. Das passiert ja so auch nicht. Was ich eher nicht versprechen kann, ist, dass sich die Blase benimmt. Wenn sich da gewisse Muskeln anspannen oder Reflexe ausgelöst werden, dann macht die, was sie will. Selbst wenn ich alle 15 Minuten auf Klo gehe, gibt es keine Sicherheit. Und Sex in Pampers finde ich nicht wirklich erotisch."

"Hast du Windeln hier?" - Ich nickte. - "Trägst du die?" - "Unterwegs ja. Zur Sicherheit. Zu Hause eher nicht. Da kann ich ja immer schnell auf Klo." - "Das stört mich zum Beispiel auch überhaupt nicht. Im Gegenteil, so ein gut eingepackter Windelpopo kann ja auch sexy sein." - Bitte was? "Hast du einen Windelfetisch?" - "Quatsch. Aber alleine an der Tatsache, dass es Leute mit Windelfetisch gibt, kannst du doch erkennen, dass Windeln durchaus auch eine erotische Komponente haben können." - "Ich weiß nicht. Ich finde Fetischismus hat nicht unbedingt was mit Erotik zu tun. So richtige Fetische sind doch oft sogar krankhaft."

"Ach, einer steht auf Leder, der nächste auf Lack, der nächste auf Windeln. Solange er damit keinem auf den Geist geht, lass ihm doch den Spaß. Schwierig finde ich das, wenn er sich darauf fixiert und keinen Sex mehr haben kann, ohne dass diese Dinger im Spiel sind." - "Stehst du auf Windeln? So ein bißchen?" - "Nee! Auch nicht ein bißchen. Wenn jemand sie aus sexuellen Motiven anzieht, finde ich das albern. Aber wenn sie jemand aus anderen Gründen trägt, dann finde ich das nicht abstoßend. Im Gegenteil, ein Windelpopo kann auch sexy sein." - "Sagtest du schon. Kinder und alte Leute tragen auch Windeln."

"Kinder und alte Leute sind aber nicht mein Beuteschema. Du hingegen schon", sagte er, kippte mich mitsamt meinem Rollstuhl nach hinten aufs Bett, griff mir unter die Knie, rollte, schmiss mich aufs Bett und sagte, dass er mich jetzt fressen würde. Ich wollte gefressen werden ;)

Wer sich an näheren Beschreibungen stört, sollte nicht mehr weiterlesen. Er riss mir die Klamotten vom Leib, ich war bei ihm eher schüchtern und zurückhaltend. Ich hatte ein bißchen Angst, nicht vor ihm, sondern vor der Ungewissheit, was mein Körper hier gleich veranstalten würde, aber es war gut. Er umarmte mich fest, wir knutschten, er drehte sich ein paar Mal mit mir, mal lag ich auf dem Rücken, mal er, nach einigen Minuten bekam ich Gefallen an dem Spielchen, das wir da zusammen spielten und ich war so aufgeregt, dass ich innerlich zitterte. Aber es war gleichzeitig so schön, dass ich auf keinen Fall wollte, dass er aufhörte. Er sagte irgendwann leise, dass ich Bescheid sagen müsste, wenn etwas unangenehm sei oder ich etwas nicht wollte, ich erwiderte, dass es wunderschön ist.

Insbesondere, weil das so spontan war und ich vorher natürlich nicht auf der Toilette war, fühlte sich meine Blase, wie befürchtet, zwischendurch immer wieder angesprochen. Ich hatte darüber null Kontrolle, ihn schien das überhaupt nicht zu stören. Er verhielt sich, als wäre es das normalste der Welt und ich hätte mich dennoch am liebsten in Luft aufgelöst. Ich ging aber bewusst auch nicht darauf ein. Die Sauerei war beträchtlich.

Ich muss mich, so Frank, um einen sachlichen Stil bemühen, damit es nicht ungewollt in die Pornografie abrutscht. Nüchtern-sachliche Darstellungen, die ausschließlich aufklären, sind gefragt. Dabei ist auch eine beispielhafte Schilderung in Ordnung, sie darf nur nicht darauf abgestellt sein, einen Leser auf der sexuellen Ebene ansprechen zu wollen. Will ich nicht. Darum schreibe ich sehr neutral: Es gab keine Penetration. Und ich war zu aufgeregt. Für ihn hingegen war es dennoch sehr befriedigend, was ich vorher noch bei keinem Mann erleben konnte und natürlich sehr interessant war. Sind eigentlich alle Männer hinterher so fertig?! :D

Wasser bis zum Hals

Die Diskussion um meine Sportnote zieht mal wieder weitere Kreise als mir im ersten Moment lieb ist. Weil ich nicht im Fokus stehen möchte. Im zweiten Moment möchte ich aber, dass sich etwas ändert. Ich überlege ernsthaft, ob mir dieser Schulbesuch gut tut und ob ich ihn fortführen möchte. Ein Jahr vor dem Abi. Wenige Monate vor der Fachhochschulreife. Ich überlege ernsthaft, ob ich das schmeiße. Das habe ich meinem Vertrauenslehrer so gesagt und mich für den Rest der Woche krank gemeldet. Es gibt Dinge, die muss ich mir nicht antun.

Und jetzt soll mir nur noch jemand sagen: "Du tust dir damit keinen Gefallen. Du verbaust dir deine Zukunft. Gib den anderen Idioten in deiner Klasse nicht indirekt Recht, wenn sie dich für behindert halten." Dann flippe ich aus. Ich bin wirklich geladen. Ich bin eigentlich kein nachtragender Mensch. Die meisten miesen Dinge kann ich über Nacht vergessen. Aber das hier ging zu weit, zu tief. Na klar, ich kann mein Ding durchziehen und die paar Idioten links liegen lassen und nicht beachten, aber geht es mir dabei gut? Ich bin harmoniesüchtig. Ich komme in einem Raum voller Streit nicht zurecht. Wie soll ich mit mehreren Idioten auf Kursfahrt fahren?

Das ist doch gleich das nächste Ding, das beispielhaft für die ganze momentane Situation steht: Die Mehrheit der Leute will ins Ausland. Am liebsten dorthin, wo es schon im Frühling warm ist. Ans Meer. Und dann kamen so Sprüche wie: "Aber wir müssen ja Rücksicht nehmen auf unsere Behinderten und landen am Ende irgendwo an der Ostsee. Und weil sie nicht mit an den Strand können, sitzen sie den ganzen Tag in der Jugendherberge. Das (rumsitzen) könnten sie auch in Spanien. Aber da hätte der Rest von uns wenigstens Sonne." Es kann sich einfach niemand vorstellen, dass ich auch gerne am Strand bin. Dass wir jedes Jahr viele Tage am Strand verbringen.

Ich vermisse die positive Grundeinstellung. Etwas konstruktives. Es wird nicht gefragt: "Wie bekommen wir das hin?" Sondern: "Welche Einschränkungen gibt es?" - Würde ich meinen Alltag so gestalten, würde ich mich wohl schon umgebracht haben.

Für Freitagnachmittag wurde eine Lehrerkonferenz einberufen. Das hat mir eine Mitschülerin am Telefon erzählt. Sie sagt, es brenne der Baum. Man habe sie mehrmals gefragt, ob sie Kontakt zu mir hätte, wie es mir ginge und ob ich Suizidgedanken hätte. Ob man mir die Schulpsychologin vorbeischicken müsse. Man, sind die hilflos. Ich bring mich doch nicht um. Wegen der Schule?!

Ich bin nicht schadenfroh, aber ich finde es richtig, dass da einigen im Moment das Wasser scheinbar bis zum Hals steht. Dass das mal wieder weitere Kreise zieht als mir lieb ist. Es muss sein.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Gewährte Teilhabe

Was läuft da bloß falsch? Wieso denken Menschen so? Menschen mit Behinderungen seien körperlich nicht leistungsfähig, bekämen bei Leistungsbeurteilungen Mitleidsboni und stünden, was negative Kritik angeht, in einer moralischen Unverwundbarkeit, manchmal sogar in einer durch die deutsche (!) Geschichte begründete gesellschaftspolitischen Immunität. Die paralympischen Spiele, auf die kam das Thema auch, seien kein Leistungssport, sondern eine aus Gewissensgründen gewährte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Und da bin ich ausgerastet. Da bin ich richtig ausgerastet. Paralympische Spiele - ob das Leistungssport ist oder nicht, dazu darf jeder eigene Ansichten haben. Ob irgendwer mit der Durchführung der Veranstaltung sein Gewissen bereinigt oder beruhigt oder nicht ist mir auch schnuppe. Auch darüber kann man verschiedener Ansicht sein. Aber "gewährte" Teilhabe? Geht's noch?

Wer bitte gewährt denn die Teilhabe? Wer ist denn die Gesellschaft, die entscheidet, wem sie die Teilhabe gewährt? Wir alle? Die, denen es am besten geht? Die gesunden? Die reinrassigen, arischen? Die, die laufen können? Sind wir wirklich noch nicht alle unsere Gesellschaft? Gibt es wirklich Leute, die glauben, dass man Menschen mit Behinderungen die Erlaubnis geben muss, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen? Gibt es wirklich Menschen, die glauben, Menschen mit Behinderungen könnten vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden? Denkt darüber wirklich jemand nach?

Ja, darüber denkt jemand nach. Über den einzelnen Fehlgriff in die Wortkiste beim Schreiben ihres Referats hätte ich hinweggesehen. Es kann auch unglücklich formuliert sein. War es aber nicht. Es gab bei der Diskussion anlässlich meiner 15 Punkte in Sport tatsächlich Mitschüler, die keinen Hehl daraus machen, dass sie glauben, Menschen mit Behinderung können froh sein, dass man heute so viel für sie tut. Der Umbau öffentlicher Einrichtungen, die ganze Pflege - dass man sie überhaupt aus ihren Heimen rauslässt. Ich habe das mit dem "aus dem Heim rauslassen" bewusst provokativ in den Raum gestellt. Und die Antwort war: "Es klingt zwar hart, aber im Kern trifft es das. Teilhabe und Freiheit setzen einen gewissen Grad von Leistungsfähigkeit voraus. Körperlicher, geistiger, seelischer. Sonst geht es schief. Dann müssen sich andere kümmern - und dann sollen 'andere' auch bestimmen, wo und wie sich gekümmert wird." *kotz*

Es war zu viel. Ich habe irgendwann gefragt, ob diese Mitschüler sich im Klaren darüber sind, dass sie als Baby zur Welt kommen und bis zu ihrer Erwerbstätigkeit der Gesellschaft auf der Tasche liegen. Einige von ihnen werden nichtmal erwerbstätig. Einige werden chronisch krank, andere zum Verbrecher, einer baut einen Verkehrsunfall, der andere kriegt keine Kinder, der nächste pflegt seine Mutter nicht, wenn sie alt und gebrechlich ist. - Das einzige, was zurückkam, war die Frage, ob es mir besser geht, wenn ich als Baby oder als pflegebedürftige Mutter angesehen werde.

Es gab etliche, die sich aus der Diskussion völlig herausgehalten haben. Die vielleicht anders denken, die vielleicht aber auch nur keinen Bock haben, sich zu streiten und zu argumentieren. Gut fand ich, dass ich nun wenigstens weiß, wie einige Mitschüler wirklich denken. Besser, als wenn sie mir etwas vorspielen. Der Lehrer hat anfangs noch versucht, zu argumentieren, hat die Diskussion aber dann irgendwann sich selbst überlassen. Meine Freunde meinten überwiegend, ich solle mir überlegen, ob ich weiterhin an diese Schule gehen möchte. Die Frage ist nur: Wenn nicht, ändert das die Gesellschaft?

Ich muss fairerweise sagen, dass ich so viele Idioten wie in meinem Jahrgang üblicherweise nicht um mich herum habe. Im Sportverein, draußen auf der Straße, unter Freunden erlebe ich diese Ausgrenzung und Diskriminierung nicht so extrem. Wie gesagt, irgendwas läuft da falsch. Und ich weiß nur nicht, was.

Freitag, 4. Februar 2011

Alles easy

Es gibt gute Neuigkeiten. Markus hat einen Job gefunden. In Hamburg. Wie er es geplant hatte. Nur der Beginn war einen Monat später als ursprünglich geplant. Ein Sportverein will ihn zum Aufbau eines neuen Sportbereichs in erster Linie für konzeptionelle Arbeiten (Trainingspläne, Traininskonzepte, Veranstaltungsplanung, Organisation des Sportbetriebs, Schreibkram) und setzt ihn 20 Stunden pro Woche ein, nimmt dabei Rücksicht darauf, dass er sein Sportstudium noch nicht ganz fertig hat - für später hat man ihm in Aussicht gestellt, seine Stelle auf 100% (40 Stunden) aufzustocken.

Man bietet ihm 15.000 brutto für diese halbe Stelle, wenn er seinen Uni-Abschluss hat, soll er 20.000 brutto bekommen (steht schon im Vertrag), später als Vollzeitmitarbeiter entsprechend 40.000 brutto. Dazu kommt ein Laptop, ein Handy, ein Büro, 2 Nächte Hotelkosten pro Woche und eine Jahreskarte für die Bahn. Keine Ahnung, ob das viel oder wenig ist. Ich finde es viel, ich bin aber auch kein Maßstab. Jedenfalls hat er unterschrieben und meinte, er habe einen netten Chef.

Und damit ist er nun auch pro Woche zwei bis drei Tage in Hamburg. Und ich war endlich beim Frauenarzt. Schluck. Meine Hausärztin hatte mir einen empfohlen, der sich mit Querschnitten auskennt, ich wollte eigentlich jemanden mitnehmen, uneigentlich dann doch alleine tapfer sein und unbedingt noch vor meiner Regel dorthin - und was soll ich sagen? Es war völlig entspannt. Die Panik, die einige Leute machen, war in meinem Fall unbegründet. Der Typ war Anfang 40, die Praxis eher nobel eingerichtet, die Angestellten nett - und ich kam sofort dran.

Wer die Einzelheiten nicht lesen will, überspringt mal die nächsten Absätze.

Ich war direkt vorher nochmal auf dem Klo, sollte gleich Urin abgeben, war ohne Pampers drin (zu Hause trage ich ja auch keine und die Wartezeit war ja absehbar, wenn das Wartezimmer bis auf eine Frau leer ist), ich musste auf den berühmten Stuhl (beziehungsweise er hat es mir freigestellt, meinte aber, er würde es empfehlen), er war sehr korrekt, hat sehr genau erzählt, was er macht, ich wurde gefragt, ob ich sehen möchte, was er sieht, ich habe genickt, er meinte, wenn mir schwindelig wird, soll ich Bescheid sagen, und dann konnte ich mich auf einem großen Fernseher an der Wand meine Mumu von innen sehen. Sah lustig aus. Er hat mir erklärt, was er wo sieht und meinte abschließend: "Alles kerngesund. Wie aus dem Lehrbuch."

Er sagte mir, dass aus medizinischer Sicht einer Schwangerschaft nichts im Wege stehen würde, so dass er mir die Pille nur noch bis zum 20. Geburtstag auf Kosten der Krankenkasse verschreiben dürfe. Aber bis dahin vergehen ja noch ein paar Tage. Er hat noch Blut abgenommen und einen Abstrich gemacht. Alles halb so wild. Ich bekomme jetzt Microgynon und bis jetzt vertrage ich sie problemlos.

Dann war ich noch bei meiner Hausärztin, da ich ohnehin Rezepte brauchte, und habe sie dann nun auch endlich mal gefragt, ob es vielleicht ratsam wäre, wenn ich für bestimmte Situationen (Sex!) meine Blase vorher ruhigstelle. Zum Beispiel, indem ich nach dem Kathetern (was sich vor Sex ohnehin empfiehlt) über den Katheter Oxybutynin in die Blase spritze, bevor ich den Katheter wieder aus der Harnröhre ziehe. Ich bekomme den Wirkstoff ja als Tablette, allerdings kann er als Tablette bei mir nicht höher dosiert werden, weil ich dann ständig Harndrang habe und nicht mehr merke, wann die Blase voll ist.

Sie riet mir davon ab und meinte, dass das nichts bringen würde außer einen verkrampften Umgang mit dem Thema. Wenn man (und das waren genau ihre Worte) nicht nur "einen beiläufigen Drei-Minuten-Quickie zum Hormonausgleich" praktiziere, sondern sich einige Stunden in völliger Extase durch das Bett wälze, bringe das Zeug sowieso nichts. "Sie haben doch sicher Ihre Matratze wasserdicht eingepackt. Legen Sie ein paar große Handtücher unter das Bett, die richtig was aufsaugen, am besten zwei, drei alte Saunatücher, und dann denken Sie einfach nicht so viel drüber nach. Wenn die Blase leer ist, kann auch nicht viel kommen. Drei bis elf Tropfen merkt man kaum. Und wenn es wirklich zu doll schwappt, drehen Sie sich auf die andere Seite des Bettes und legen eins der Handtücher in die Pfütze. Und dann geht es auf dem Handtuch weiter. Am Ende gehen Sie gemeinsam duschen und danach ziehen Sie das Bettlaken ab und schmeißen es zusammen mit den Handtüchern in die Waschmaschine. Und wenn Sie einen Wäschetrockner haben, kann es nach drei Stunden gleich nochmal losgehen."

Sie grinste. Ich schluckte. "Welcher Mann macht das mit?" - "Jule! Wenn er Sie liebt und mit Ihnen ins Bett will, macht das jeder Mann mit. Sie müssen ihm natürlich vorher sagen, was da passieren wird. 'Wird', nicht 'kann'. Dann kann er sich ja entscheiden." Okay. Alles easy. Ich habe verstanden. Und was, wenn er mich deswegen abblitzen lässt? "Dann ist er nicht der Richtige", sagte sie trocken.

Ich fragte meine Psychologin in der letzten Januar-Stunde. Sie empfahl fast dasselbe. Vorher auf Klo. Den Partner vorwarnen. Seine Reaktion auf die Warnung beobachten. Wenn er überfordert zu sein scheint, nichts machen. Und ansonsten: Einfach ignorieren, was man nicht sehen will. Ich sagte: "Ich für meinen Teil werde mich irgendwie damit abfinden können, nur ich kann einfach niemandem was total ekliges für etwas gutes oder nettes verkaufen." - Sie antwortete: "Glitschig ist es. Eklig eher nicht. Am Anfang haben viele sehr große Hemmungen. Hatte ich auch. Man sollte vorher keinen Spargel essen. Und keinen Kaffee trinken. Sonst riecht es nach Kellogg's Smacks."

Ich seufzte. Sie sagte: "Mach es einfach. Die Gefühle, die mit dem Sex verbunden sind, sind so heftig, dass dir das andere völlig egal wird. Und ihm auch."

In dieser Woche hat er zwei Nächte bei mir verbracht. Im selben Bett. Beide angezogen. Wir haben gekuschelt, auch ein bißchen gefummelt, unsere Oberteile ausgezogen, er fand meine Ti**en schön, ich habe auf seinem Po gesessen und ihm den Rücken massiert, bestimmt eine Stunde lang, es hat keine Sauerei gegeben, ich habe nicht laut gepupst, es war wunderschön. Was will man mehr?

Ich will mehr. Und ich habe das "Aufklärungsgespräch" immernoch vor mir. Ich bin echt so eine feige Socke. Dabei ist es doch alles easy.

Donnerstag, 3. Februar 2011

Von Sören und einem Schrein

Vor einiger Zeit hatte ich von Nobotti und einem Pfahl erzählt. Ich möchte heute am liebsten die Geschichte von Sören und einem Schrein erzählen, aber da ich glaube, dass "Schrein" auch eine religiöse Bedeutung hat (oder mehrere), lasse ich das mal. Aus gewissem Respekt.

Ein "Schrein" kann doch aber, ganz unreligiös, auch eine einfache Schublade oder eine Kiste sein, glaube ich. Daher stammt jawohl auch das Wort "Schreiner", was man eher im Süden kennt als im Norden. Ich bin mir aber nicht ganz sicher. Was ich aber überlege ... Müsste es nicht heißen: "Alle Telefone in den Schrein", also sowas wie "Packt Eure Handys gefälligst in die Kommode!" ?!?

Das würde doch viel mehr Sinn machen. Oder? So wirkt das alles doch nur hol hohl.