Sonntag, 30. Januar 2011

Giftblätter und Giftnudeln

Am Freitag gab es Halbjahreszeugnisse. Zuerst die gute Nachricht: Ich habe mich in keinem einzigen Fach verschlechtert. (In Klammern die Noten vom Vorjahr.)

Deutsch 14 (14, 13)
Mathematik 10 (10, 10)
Englisch 14 (13, 14)
Pädagogik 13 (13, 12)
Psychologie 12 (12, 12)
Französisch n.e. (n.e., n.e.)
Spanisch n.e. (n.e., n.e.)
Biologie: 10 (09, 09)
Chemie: 09 (09, 06)
Politik, Gesellschaft, Wirtschaft: 09 (08, 07)
Kunst: befreit
Musik: befreit
Darstellendes Spiel: befreit
Religion: n.e. (n.e., n.e.)
Philosopie: 08 (n.e., n.e.)
Sport: 15 (befreit, befreit)

Ja. Richtig gelesen. Uschi hat mir in Sport 15 (in Worten: fünfzehn!) Punkte gegeben. Also volle Punktzahl. Es gab nur noch zwei andere Leute, die ebenfalls 15 Punkte in Sport bekommen haben. Eine ist Leistungsturnerin, der andere spielt in einem Bundesnachwuchskader Fußball. Sofort, also wirklich keine 2 Minuten nach Verteilung der Zeugnisse, fingen die ersten Mitschülerinnen zu labern an, dass sie mir diese 15 Punkte nicht gönnen. Es ist wirklich immer wieder dasselbe Spiel. Und es sind immer wieder dieselben Leute. Und sie schießen jedes Mal aus dem Abseits. Und lernen nichts dazu.

Wie bei "stille Post" flüsterten sich die Leute zu: "Jule hat 15 Punkte in Sport bekommen. Das geht gar nicht." Inzwischen ignoriere ich das weitestgehend, bis dann solche Sprüche kamen wie: "Die hat sich nicht getraut, 14 zu geben, weil ihr dann Behindertenhass unterstellt worden wäre." Oder: "Uschis Liebling." Oder: "Bei Behinderten kannst du halt keine Leistung beurteilen, da zählt dann nur, ob du mitgemacht hast und die 15 motiviert dann für das nächste Jahr. Das ist alles nur Psychologie, da kommt unser eins gedanklich nicht mit." Ich konnte mir nicht verkneifen, den Stinkefinger zu zeigen. Viel lieber noch hätte ich ihr meinen halbvollen Joghurtbecher diagonal durch den Raum auf den Schoß gefeuert. Und die Wasserflasche hinterher. Die tun so, als wenn die 15 Punkte, die ich bekomme, von ihren Punkten abgezogen werden. Ich fand mich in Philosophie auch besser als 08 Punkte, besser als meine Nachbarin, die 10 Punkte hat, trotzdem mache ich da nicht so einen Alarm.

Immerhin: Ich hörte in dem ganzen Getuschel auch zwei oder drei Leute, die sagten: "Find ich völlig berechtigt. Ist doch wohl nur Schwimmen beurteilt. Und im Kraulen hängt sie uns alle ab. Und sie schwimmt ohne Beinschlag." Oder einer: "Ihr kotzt mich so an mit eurem Gewäsch." - Ich hasse es, wenn sich Leute meinetwegen streiten. Oder meinetwegen schlechte Stimmung ist. Mit Neid und Missgunst oder Engstirnigkeit kann ich ja noch einigermaßen leben. Und ich hasse das, wenn ich dabei knallrot im Gesicht werde. Weil es mir peinlich ist und weil ich mich ärgere. Und jeder das auch noch sieht. Während ich versuchte, aufmerksam zuzuhören, merkte ich nicht, dass der Lehrer vorne auch aufmerksam zuhörte. Es war sowieso gerade sehr laut, da alle über ihre Zeugnisse quatschten. Nur als mein Blick einmal nach vorne schweifte, sah ich das. Und nach und nach schauten auch die Lästerschwestern nach vorne und eine nach der anderen brach mitten im Satz ab. Gewissensbisse?

Es wurde stiller und stiller. Bis irgendwann niemand mehr redete und alle nach vorne schauten. Der Lehrer zeigte auf alle fünf Lästerschwestern und zählte nacheinander durch: "Eins, zwei, drei, vier, fünf. Sie kommen bitte mal nach vorne." - Murren, Stühle rücken, unmotiviertes Nachvornetrotten. Die erste der fünf Giftnudeln bekam einen Stift in die Hand gedrückt. "Sie malen bitte einen Gliederungspunkt an die Tafel und schreiben dahinter Ihr stärkstes Argument, warum eine Schülerin mit einer körperlichen Behinderung keine Höchstpunktzahl in Sport bekommen kann." Er deutete auf die zweite: "Sie sind die nächste."

Ich machte mich auf den Weg nach draußen. "Wo wollen Sie hin?" fragte mich der Lehrer. - "Auf die Toilette. Ich muss mich übergeben." Ich fuhr auf den Flur und donnerte die Tür hinter mir ins Schloss. Kaum war die Tür zu, ging sie wieder auf. Meine Tischnachbarin kam hinterher. Ich hörte nur noch ihre letzten Worte: "Wir kotzen zusammen." Dann krachte die Tür abermals ins Schloss. Ich fragte sie: "Willst du einen heißen Kakao?" Wir fuhren zum Kakaoautomaten, setzten uns ans Fenster und ließen uns die Sonne aufs Gesicht scheinen. Nach gefühlten drei Minuten sagte ich, ohne die Augen zu öffnen: "Ich könnte denen manchmal so derbe die Fresse polieren."

Meine Banknachbarin sagte: "Ich verstehe nicht, was das soll. Das kann denen doch scheißegal sein, was du für eine Note bekommst. Vor allem wissen sie doch, dass sie sich mit dieser blöden Tour auf ganz dünnes Eis begeben. Die wissen doch, wie Herr ... tickt, das ist doch schon vorprogrammiert, dass die jetzt Ärger kriegen. Anstatt dann einfach mal die Klappe zu halten und drüber nachzudenken, warum ich keine 15 Punkte in Sport habe."

"Ach die merkt doch nichts mehr. Weißt du, wenn ich von 40 Schwimmstunden gefühlte 25 nicht dabei bin, weil ich jede zweite Woche meine Tage habe, dann ist das in meinen Augen nicht mal ausreichend. Wenn ich dann in einem Bikini ankomme, der so geschnitten ist, dass er, sobald ich bißchen Gas gebe, verrutscht, dann kann man doch schon fast unterstellen, dass die schon zu Hause eingeplant hat, keine Leistung zu bringen. Dass ihr da pro Stunde mindestens ein Mal die Äppel rausfallen, imponiert doch beim dritten Mal nicht mal mehr einem Schmierlappen als Sportlehrer. Hat mindestens sechs verschiedene Bikinis, nimmt ihren iPad mit in die Schwimmhalle, aber hat keine 25 Euro für einen schlichten Badeanzug übrig. Und genauso wie ihre Einstellung ist auch ihre Leistung. Und dann reicht es eben nicht für 15 Punkte. Weißt du, wieviele sie hat?"

Meine Banknachbarin schüttelte den Kopf. "Ist mir auch egal. Ich bin ja mal gespannt, was die da an die Tafel schreiben." Wir tranken unsere Becher leer und beschlossen, wieder reinzufahren. Als erstes machte ich ein Handyfoto vom Tafelbild. Die einzelnen Punkte:

• Körperbehinderte können keine körperlichen (Höchst-) Leistungen erbringen
• Behinderte und nicht Behinderte kann man in den Leistungen nicht vergleichen
• Nicht behinderte Lehrerin kann Leistung von Behinderten nicht objektiv beurteilen
• Behinderte bekommen einen Mitleidsbonus
• Behinderte sind "seelisch verwundet" wegen ihres Körpers und eine Bewertung des Körpers als Schulnote ist gemein und nicht zielführend, deshalb nur Bestnoten
• Behinderte haben viele Fehlzeiten und deshalb wird in nicht so wichtigen Fächern wie Sport ausgeglichen
• Behinderte stehen wegen ihren Bedürfnissen (besondere Dusche, Einzelumkleide etc.) im Fokus und werden verstärkt wahrgenommen
• Lehrer sind geneigt, bauliche Barrieren und fehlendes Leistungsangebot durch gute Benotung "auszugleichen"
• Behinderte müssen besonders motiviert werden
• Es ist politisch ein heißes Thema, wenn Behinderte kritisiert werden. Daher Note eher zu gut.

Strukturierter und fundierter, als ich zunächst dachte. Dann kam die Aufgabe: "Sie fünf werden sich in der nächsten Woche zusammensetzen und am kommenden Freitag ein 45-Minuten-Referat halten, in dem genau diese 10 Thesen beleuchtet werden. Parallel suchen Sie bitte im Internet in den einschlägigen Schulgesetzen und deren Anlagen nach den Kriterien für eine Leistungsbeurteilung im schulischen Sportunterricht und stellen die nötigen Zusammenhänge her. Die zweiten 45 Minuten diskutieren wir das Thema. Die Kriterien für die Leistungsbeurteilung schreiben Sie bitte stichwortartig auf ein DIN-A4-Blatt zusammen und geben mir das vorher zum Kopieren. Wenn Sie das im Internet nicht finden, sprechen Sie mich am Dienstag im Lehrerzimmer an, dann suchen wir gemeinsam. Machen Sie im Referat bitte deutlich, wer von Ihnen was genau erarbeitet hat, denn die Arbeit wird bewertet."

Man darf gespannt sein, oder? Ich bin gespannt.

Freitag, 28. Januar 2011

Viel zu glücklich

Da bin ich gestern zum Krafttraining und zur Physiotherapie in der Klinik, sitze in einer riesigen Sporthalle, in der an den Seiten etliche (ich glaube, es sind 62) Kraft- und Trainingsgeräte installiert sind, und zwar auf einem Teil, auf dem man gezielt seine Schultermuskulatur trainieren kann. Gezieltes Muskeltraining ist bei mir wichtig, da ich ja durch das Rollstuhlfahren und die ständigen Transfers meine Arm-, Rücken- und Schultermuskulatur einseitig belaste und es ohne regelmäßiges Training der anderen (entgegengesetzten) Muskeln schnell zu Verschleißerscheinungen kommt. Und meine Arme brauche ich noch ein wenig...

Insofern habe ich ein von einem Sporttherapeuten ausgearbeitetes Bewegungsprogramm und muss nacheinander an verschiedene Geräte und dort entsprechende Übungen machen. Zwar nicht unter direkter Anleitung, aber unter Aufsicht. Damit man auch alles richtig macht.

Jedenfalls rollen und rennen da immer ganz viele Leute herum, einige hatten eine Knie-OP, andere Knochenfrakturen, manche haben eine neue Hüfte bekommen, und so weiter - nicht alle sitzen im Rollstuhl. Da geht ein Typ, braungebrannt, um die 50, ein weißes Handtuch locker über die Schultern gelegt, vor meinem Gerät vorbei, sieht meinen Rollstuhl, grinst mich an, schnappt sich diesen und rollt ihn vor sich her. Ich: "Hallo?! Wo wollen Sie damit hin? Lassen Sie den mal stehen!"

Der Typ guckt mich an: "Ich wollte den zu den anderen da hinten an den Rand stellen!" Am Halleneingang stehen immer so ein paar Gurken herum, für Rollstuhltraining, für spontanes Basketballspiel, für alles mögliche. Was fällt dem Typen ein?! Ich sagte: "Nein, lassen Sie den mal stehen hier bitte." Ich glaube, ich spinne.

"Der steht doch hier nur im Weg rum", antwortete er und ging weiter. - "Sie stellen jetzt sofort meinen Rollstuhl hier wieder her!" befahl ich ihm in energischem Tonfall, der sich einigermaßen deutlich über den eher lauten Grund-Geräuschpegel (Gelaber, Trainingsgeräte, Musik) in der Halle hinweghob. André, der Sporttherapeut, der gerade am Schreibtisch saß und "Hallenaufsicht" hatte, wurde auf das Spektakel aufmerksam und schaute herüber. Er guckte mich auf eine Entfernung von rund 25 Metern irritiert bis fragend an und zuckte mit den Schultern. Ich deutete auf den Typen, der mit meinem Rolli abhaute. André verdrehte die Augen, machte eine Scheibenwischergeste und erhob sich aus seinem Drehstuhl.

Der Typ schaute mich an. "Ist das Ihr Rollstuhl?" - "Ja, stellen Sie ihn bitte wieder hierhin." - "Das ist nicht Ihr Rollstuhl." - "Stellen Sie ihn bitte wieder hier hin!" - "Sie sitzen nicht im Rollstuhl, Sie nehmen mich auf den Arm." - Genervt sagte ich es nocheinmal: "Stellen Sie jetzt meinen Rollstuhl hier wieder hin!?!" - In Gedanken trat ich ihm gerade einmal so kräftig in den Hintern, dass er im hohen Bogen aus der Halle flog. André war im Anmarsch, sozusagen auf halber Strecke. Der Typ guckte mich mit großen Augen an, die Hände immernoch an meinem Rollstuhl. Ich wiederholte: "Den Rollstuhl. Hier. Wieder hinstellen!"

André erreichte die Nervensäge: "Was ist hier los?" - Der Typ drehte sich um. "Ich wollte den Rollstuhl zu den anderen da hinten stellen. Der steht hier im Weg rum." - Ich fass es nicht. André antwortete: "Der gehört der Frau und Sie stellen den da jetzt wieder hin und machen Ihre Übungen weiter, ja?" - "Aber die Frau muss doch nicht wirklich in einem Rollstuhl sitzen, oder? Sie sieht so glücklich aus!"

Meine Geduld war am Ende. "André!" sagte ich genervt. Der nahm dem Mann meinen Rollstuhl aus der Hand, stellte ihn wieder vor mein Gerät und schob den Typen weg. "Jetzt ist mal genug. Sie können hier nicht die anderen Patienten belästigen. Machen Sie Ihre Übungen und dann gehen Sie wieder auf Station. Um den Rest kümmern wir uns schon." - "Ich wollte ja niemanden belästigen. Aber die junge Frau sieht so glücklich aus. Muss die wirklich im Rollstuhl sitzen? Warum denn bloß? Hatte sie einen Motorradunfall? Bestimmt mit ihrem Freund, so jung, und er hat nicht aufgepasst." - André sagte noch einmal energisch: "Es reicht!"

Muss ich irgendwelchen dahergelaufenen Typen, die versuchen, meinen Rollstuhl zu klauen *zwinker*, mein Lebensschicksal erklären? Nein, muss ich nicht. Ich schreibe einen Blog im Internet und schreibe über alles mögliche. Ich rede viel mit anderen Menschen und ich rede auch und intensiv über meine Behinderung. Wenn es jemanden interessiert. Ich erwarte nicht, dass sich mein Gesprächspartner jemals mit dem Thema beschäftigt hat, ich erwarte keine politisch korrekten Ansichten, ich erwarte nicht, dass er mitfühlt, versteht oder gute Tipps gibt. Ich kann mit dummen Sprüchen leben, mit Gaffern, mit Überforderten. Aber dass jemand wegen meiner guten Laune meine Behinderung in Frage stellt, das geht nun wirklich mal zu weit. Das finde ich schlichtweg empörend und erniedrigend. Das ist etwas, was mich trifft.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Der wilde Wilde Westen

Neulich blieben wir beim Fernsehen in unserem WG-Gruppenraum einen Moment lang an einer Sendung hängen, in der Ausschnitte aus der legendären ZDF-Hitparade von vor 30 Jahren gezeigt wurden. Wir amüsierten uns über eine Band, inzwischen habe ich nachgeschaut, sie hieß "Truck Stop", die sang: "Der wilde Wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an..."

Ich finde, diese Band hat Unrecht. Inzwischen fängt der wilde Westen direkt in Hamburg an. Am letzten Freitag fuhr ich mit meinem Viano, der inzwischen nicht mehr zugeparkt war, quer durch Hamburg zu einer verkehrsmedizinischen Untersuchung. Ich bin von der Führerscheinbehörde aufgefordert worden, jetzt, rund zwei Jahre nach meiner Fahrprüfung und nach Vollendung des 18. Lebensjahres, mich erneut körperlich auf Fahrtauglichkeit untersuchen zu lassen. Ein Spektakel, das viele Menschen mit körperlicher Behinderung immer wieder über sich ergehen lassen müssen, wenn sie ihre Fahrerlaubnis (erlangen oder) behalten wollen. Irrsinnig ist es aus meiner Sicht aber dann, wenn sich an den körperlichen Einschränkungen nichts mehr ändert. Vor allem, weil die ganze Geschichte jedes Mal ein paar Hundert Euro kostet und man das natürlich selbst bezahlen muss.

Auf dem Weg dorthin glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. Vor mir fuhr ein Smart, dessen (geteilte) untere Heckklappe geöffnet war. Aus dieser Hecköffnung kamen drei Bindfäden heraus und an diesen Bindfäden hatte der Fahrer drei jeweils zwei Meter hohe Tannenbäume befestigt. Vermutlich die Reste vom Feste. Diese zog er, rund 50 km/h fahrend, wie einen Schlitten hinter sich her. Die Bäume rutschten über den Asphalt und tanzten wild hin und her, streiften und berührten parkende Autos ... ich dachte mir so: Wenn der jetzt mal scharf am Zebrastreifen bremsen muss, überholen diese Bäume mit dem Stamm voraus das Auto und erschlagen den Fußgänger. Oder holen im Vorbeifahren einen Radler von seinem Drahtesel. Ganz zu schweigen von den Kratzern im Lack, wenn die Bäume an parkenden Autos vorbeischrammen. Ich sag ja: Wilder Westen.

Andere Leute machen so einen Schwachsinn und ich muss mich auf meine körperliche Fahreignung untersuchen lassen. Ich könnte schon wieder kotzen. Ich saß in einem Wartezimmer, neben mir eine ältere, sehr korpulente Frau. Knarrender Holzfußboden, hohe Decke, Halogenspots leuchteten auf Bilder an der Wand, zwischen ein paar Stühlen lagen auf Mini-Tischen ein paar alte Zeitschriften. Die alte Frau torkelte auf die Toilette. Ein älterer Mann im weißen Kittel kam rein, winkte mich ohne ein Wort mit dem Zeigefinger zu sich heran und trottete vorweg. Mein Herz klopfte bis in den Hals, schließlich könnte dieser Mann ja (irrtümlich?) feststellen, dass ich zum Autofahren körperlich nicht (mehr) geeignet bin.

Er schloss die Tür hinter mir, bat mich, vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er setzte sich langsam und stöhnend auf seinen Stuhl, dann schaute er mich an. "Wieso sitzen Sie in einem Rollstuhl?" - "Hm. Ich kann nicht laufen." antwortete ich. Er fragte weiter: "Seit wann ist das so?" - "Seit zweieinhalb Jahren etwa." - "Geht gar nicht mehr?" fragte er.

War das jetzt ein psychologischer Test, wie ich mit meiner Behinderung umgehe? Welche Einstellung ich dazu habe, was ich realisiert habe? Rechnen muss man bei solchen Untersuchungen ja mit allem. Oder hatte der die Akte nicht gelesen? Wieso gerate ich immer an solche Leute? Ich blieb freundlich. "Nein, geht gar nicht mehr. Querschnitt halt." - Er guckte mich mit großen Augen an. "Querschnitt? So so. Querschnittssymptomatik meinen Sie. Hat das mal ein Neurologe festgestellt?"

"Die behandelnde Klinik hat das festgestellt, welcher Arzt und welche Fachrichtung der jetzt hatte, weiß ich nicht." - Der Typ nickte. "Wo haben Sie denn Ihre Hörhilfe? Oder nehmen Sie die nur beim Fahren rein?" - "Wie bitte?" - Der Typ sprach lauter: "Ihre Höööörhilfe!" - Ich runzelte die Stirn. "Ich hab keine Hörhilfe. Ich brauche auch keine." - Er fing an, in der Akte zu blättern. "Sie haben doch aber eine Auflage im Führerschein, dass Sie eine Hörhilfe links tragen müssen."

"Davon weiß ich ja noch gar nichts." - Der Typ seufzte. "So wird das nichts", sagte er. Ich kramte meinen Führerschein raus. "Da steht nichts von Hörhilfe. Welche Codenummer soll das sein? Das sind alles nur die Auflagen für meine Handbedienung. Servolenkung, Handbetätigung für Gas und Bremse, da ist nichts mit Hörhilfe." - Es klopfte an der Tür. Eine Frau in weißem Kittel kam rein. "Sind Sie Julia ...?" - Ich nickte.

"Dann kommen Sie mal mit. Herr Kollege, das ist meine Patientin. Ihre sitzt im Wartezimmer." Ich glaubte zu träumen. Kopfschüttelnd fuhr ich ohne ein weiteres Wort hinter der Frau hinterher. Ich kam an der korpulenten Frau im Wartezimmer vorbei. Sie trug links ein Hörgerät. Ich dachte nur leise: "Ich werd hier wahnsinnig."

Die Frau, schätzungsweise Ende 50, nahm mich mit in ihr Zimmer, gab mir die Hand, schloss hinter mir die Tür, musterte meinen Rolli und sagte: "Sportlich, sportlich. So, was ist denn von Ihrem Querschnitt noch übrig geblieben? Hat sich da was verändert?" - Ich schüttelte den Kopf. "Kaum. Man gewöhnt sich halt dran im Laufe der Zeit. Aber die körperlichen Funktionen und Ausfälle sind gleich geblieben." - "Ich möchte einmal ihren Blutdruck messen und Ihnen einmal Blut abnehmen. Haben Sie öfter Kreislaufprobleme?" - Ich schüttelte den Kopf. Nach 10 Minuten war alles vorbei.

Die Ärztin sagte: "Wenn jetzt im Blut nicht noch irgendwas komisches zu sehen ist, hat sich das für Sie erledigt. Ich habe keine Zweifel an Ihrer Fahreignung." - "Danke. Ich hätte noch eine Bitte: Könnte man eventuell diese Intervalle der Wiedervorstellung verlängern? Bei mir ändert sich doch nichts mehr." - "Das entscheidet immer die Behörde, ob sie Sie nochmal begutachten lässt. Bei frischen Querschnitten und sehr jungen Leuten macht man das meistens noch einmal, aber ich werde jetzt auch schreiben, dass das nicht erforderlich ist. Dann werden Sie zu 95% auch nicht mehr angeschrieben." - "Vielen Dank." Und tschüss.

Heute nun lese ich in der Zeitung einen weiteren Artikel zum wilden Westen Hamburgs. Gestern soll eine Frau, Anfang 30, mit einem Opel Corsa in Lurup mitten auf der Kreuzung eine Vollbremsung gemacht haben, um zu provozieren, dass eine andere Frau mit ihrem Golf hinten draufsemmelt. Es kam nicht zum Unfall, aber an der nächsten roten Ampel stieg die Golffahrerin aus und fragte die Corsafahrerin vor ihr, ob sie noch ganz bei Trost sei. Einzige Antwort der Corsafahrerin: Sie nahm die Golffahrerin auf die Haube und fuhr mit ihr einige hundert Meter durch die Gegend, bis andere Fahrzeuge sich dem Corsa in den Weg stellten. Die Corsafahrerin kippte die Golffahrerin bei Mc Donalds in die Einfahrt und versuchte, den vierspurigen Rugenbarg (mit bebautem Mittelstreifen!) diagonal zu überqueren. Dabei blieb sie in der Mittelbebauung hängen und wurde dann von anderen Fahrzeugen eingekesselt. Vorher hatte sie noch eine andere Frau im Rückwärtsgang angefahren.

Dieser Vorfall ereignete sich übrigens fast genau dort, wo mich vor zweieinhalb Jahren die Crash-Oma auf die Haube genommen hat, um mir zu zeigen, wer Vorfahrt hat. Gibt es da böse Ströme unter oder über der Kreuzung? Oder handelt es sich bei der aktuellen mutmaßlichen Täterin um eine Verwandte oder Bekannte der Crash-Oma?!

Mittwoch, 26. Januar 2011

Die Nummer 300

Ja, es ist schon wieder soweit. Ich habe schon wieder 100 Einträge geschrieben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal die 300 erreichen würde.

Inzwischen waren über 125.000 Besucher hier, davon alleine 75.000 im letzten halben Jahr, das sind zur Zeit durchschnittlich 400 Besucher pro Tag. Am Anfang waren es vier. Wo soll das noch hinführen?

In meinen Statistiken habe ich gerade gesehen, dass hier neuerdings auch Leute aus Japan regelmäßig diese Seiten aufrufen. Über Tansania hatte ich mich ja schonmal gewundert, aber jetzt auch noch Japan...

Die meisten Kommentare hatte bisher übrigens mein Eintrag zum 18. Geburtstag: Ganze 55 Leser schrieben etwas dazu! Darüber, wie auch über alle anderen netten Kommentare, freue ich mich besonders.

In diesem Sinne: Auf die nächsten 100!

Donnerstag, 20. Januar 2011

Einer dieser Tage

Heute war wieder einer dieser Tage, den man am besten ganz und gar vom Kalender streicht. Zumindest von meinem Kalender.

Heute morgen fuhr ich zur Schule, mit meinem Viano. Als erstes wunderte ich mich über eine Kontrollleuchte, die mir anzeigte, dass vorne rechts der Scheinwerfer nicht funktionierte. Also fuhr ich in der Freistunde schnell zur Vertragswerkstatt. Gleich wechseln? Nö, geht nicht, zu viel zu tun. Und Garantie ist das auch nicht, das unterliegt dem natürlichen Verschleiß. Ey hallo? Die Funzel ist noch nicht mal ein halbes Jahr alt.

Also fuhr ich mit der Bahn zurück zur Schule. Auf dem Bahnhof kam dann so ein Typ auf mich zu, von dem ich nicht wusste, was er (nicht) genommen hatte. Seine Jeans sah aus, als hätte er sich damit einmal gepflegt in den Matsch gelegt. Als er auf mich zukam, fuhr ich erstmal ein Stück weiter. Dann eierte um eine Infosäule herum und ging wieder hinter mir her. "Ey Schnecke, wollen wir zusammen was trinken gehen?" - Ich sagte: "Nee lass mal, ich muss noch fahren." Und entfernte mich ein Stückchen.

Er kam hinter mir her. "War ja nicht böse gemeint!" - "Nee schon gut." Ich fuhr wieder ein Stück in die andere Richtung. Er kam wieder hinter mir her. "War nicht böse gemeint!" - "Ja, hab ich verstanden. Alles in Ordnung." Wieder entfernte ich mich. Eine Minute verging, dann kam er erneut zu mir: "Wollen wir wirklich nicht was trinken gehen?" - "Darauf habe ich schon geantwortet, jetzt ist mal gut."

"Ich wollte ja nur mal fragen!" sagte er. "Das wird man ja wohl mal dürfen. Wie lautet denn die Antwort?" - "Die Antwort lautet 'Nein, ich möchte nicht.'" - Er schaute mich an, als hätte ich ihn übel beschimpft. Dann kam er wieder auf mich zu, wollte mich umarmen. Ich rollte zurück. Er hatte seine Bewegungen nicht mehr so ganz unter Kontrolle, stolperte und fiel hin. Ich entfernte mich ein Stück. Dann stand er wieder auf, kam in schnellem Schritt auf mich zu und wollte mich wieder umarmen. Ich brüllte ihn an: "Jetzt lassen Sie mal gut sein!!" - Ein Typ mit einer HSV-Jacke mischte sich ein, stellte sich vor die Nervensäge, drückte ihn mit der Hand von mir weg. "So, du gehst jetzt mal drei Meter weiter und lässt die Frau mal in Ruhe. Sonst werde ich böse." Ein zweiter Typ stellte sich zwischen den Störer und mich, nahm mit mir Blickkontakt auf. "Das stellen wir jetzt mal ab", sagte er. Ich bedankte mich.

Der Typ schwafelte noch mindestens zehn Mal, dass er es ja nicht böse meine, die HSV-Jacke nickte immer wieder. Dann kam endlich die Bahn. Ich suchte mir gleich einen anderen Waggon. Thema erledigt.

Als ich mittags nach der Schule das Auto wieder abholte, wunderte ich mich über die Rechnung: 42 Euro für einmal Glühbirne wechseln. Was für eine Abzocke!

Nach dem Mittag wollte ich mit Sofie noch zum Einkaufen und zur Apotheke. Ich hatte deswegen extra draußen geparkt und nicht in der Tiefgarage. Selbstverständlich hatte mich jemand so eingeparkt, dass ich nicht mehr in mein Auto kam. Okay ... wir haben ja noch ein zweites Auto. Also fuhren wir mit dem Golf, den wir ja für die WG behalten hatten.

Die Straße direkt vor dem Supermarkt ist zweispurig (eine pro Richtung), neben der Fahrbahn ist ein Rad- und ein Fußweg. Die Fahrbahn ist relativ breit, es wird hier gerne schneller gefahren, entsprechend auch gerne geblitzt. 50 ist erlaubt, Tacho 55 fuhr ich. Hinter mir fuhr ein VW Bus extrem dicht auf, keine Ahnung, ob er mich anschieben wollte ...

Auf dem Radweg fuhr ein Vater mit seinem Kind. Der Vater vorweg, das Kind, schätzungsweise 6 Jahre alt, auf einem Kinderfahrrad hinterher. Plötzlich, ohne Vorwarnung, ohne dass das Kind irgendwo anders hinschaut, ohne irgendeinen Anschein, biegt das Kind nach links ab, fährt den Bordstein runter und ist dabei, die Fahrbahn diagonal zu überqueren. Und kreuzt dabei selbstverständlich unseren Fahrweg.

Wie aus Reflex, wie ein Automat habe ich gehupt und voll gebremst. Was sonst sollte ich auch tun? Das Kind drehte sich blitzartig um, hatte sich wohl durch das Gehupe erschrocken und stürzte. Mitten auf meiner Fahrspur. Und ich bremste. Bremste. Hinten knallte es. Scheibenklirren. Knirschen. Ich bremste. Bremste. Es nahm kein Ende. Das umgefallene Fahrrad, das Kind, das mit erschrockenem Blick auf mein Auto schaute, das immernoch bremste, ich glaube, dieses Bild werde ich so schnell nicht mehr vergessen. Ich erinnere mich nur noch an einen Gedanken: "Wann kommen wir endlich zum Stehen?" Je dichter wir in Richtung dieses Kindes kamen, umso größer wurden meine Zweifel, ob wir es noch rechtzeitig schaffen würden. Ich versuchte, nach links so weit wie möglich in den Gegenverkehr zu lenken. Das Auto fuhr nur geradeaus. Ich verzog das Gesicht, erwartete jeden Moment das Knirschen, wenn das Auto auf das Fahrrad trifft. Das alles waren nur wenige Sekunden.

Ich weiß nicht, ob es zwanzig Zentimeter waren oder nur zehn. Das Knirschen blieb aus. Wir standen. Kind nicht berührt. Hinter uns kreischten Bremsen. Ich dachte nur: "Bloß nicht uns jetzt noch auf das Kind schieben." Das Kind stand auf, schreiend, ließ das Fahrrad liegen und rannte dem Vater hinterher. Der hatte sich inzwischen umgedreht, in einem großen Bogen gewendet und kam zurückgeradelt. Sprang vom Rad, nahm das schreiende Kind auf den Arm. Ich guckte Sofie an, die auf dem Beifahrersitz saß. Sie war leichenblass. Ich war total zitterig.

Auf der anderen Fahrbahnseite waren die Autos angehalten. Ein Typ machte unsere Tür auf. "Sind Sie verletzt?" - Ich schüttelte den Kopf. Ende vom Lied: Auto Totalschaden (schluchz), Sofies Rollstuhl, der im Kofferraum stand, Totalschaden (Rahmen verzogen), stundenlang gezittert, jede Menge Ärger. Gegen 16 Uhr hat uns der Abschlepptyp nach Hause gefahren, ohne eigenes Auto, ohne Einkauf. Aber das Kind ist, von ein paar Schrammen von seinem eigenen Sturz abgesehen, unverletzt. Und das ist das Wichtigste. Alles andere lässt sich ersetzen. Auch wenn ich schon nur sehr wehmütig mein erstes eigenes Auto hergebe. Ein letztes Foto:

Dienstag, 18. Januar 2011

Zu viel Energie

Wenn man in Hamburg in eine Mietwohnung einzieht und keinen Stromversorger wählt, kommt mit Entnahme von Strom aus der Steckdose automatisch ein Vertrag über eine Grundversorgung mit einem ehemals städtischen Energieversorger zustande. Da wir mit der Organisation der WG erstmal andere Sorgen hatten, als uns um einen vernünftigen Stromversorger zu kümmern, ließen wir das für einige Wochen zu. Bis auf den etwas erhöhten Preis ist das auch kein Problem, da der Vertrag jeweils zum Monatsende gekündigt werden kann.

Irgendwann stellten wir dann fest, dass derselbe Versorger einen attraktiven anderen Tarif hat, der einerseits nur minimal Atomstrom, dafür mehr umweltfreundliche Energien beinhaltet, andererseits ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis hat (im Vergleich zu anderen halbwegs seriösen Anbietern). Also schlossen wir einen entsprechenden Vertrag, der eine Kündigungsfrist von 12 Monaten hatte.

Bereits zum Jahresende, wenige Wochen nach dem Vertragsabschluss, erhielten wir eine saftige Preiserhöhung. Wir kündigten fristlos, denn nun war dieser Tarif alles andere als günstig. Stattdessen liebäugelten wir mit einem neuen städtischen Energieversorger, der ein attraktives Angebot hatte. Nach kurzer Beratung und Abstimmung schlossen wir online einen neuen Vertrag (nur online möglich).

Am Tag darauf bekamen wir schriftlich mitgeteilt, dass die Bestellung eingegangen sei und bearbeitet werde. Nach vier Wochen, kurz vor Lieferbeginn, teilte der neue Energieversorger mit, dass er nicht zum angestrebten Wechseltermin mit der Energielieferung beginnen könne, da wir eine dreimonatige Kündigungsfrist bei unserem bisherigen Energieversorger einzuhalten hätten. Das habe dieser so mitgeteilt und den "Portierungsauftrag" abgelehnt. Frank schrieb per Fax zurück, dass es sich, wie im Antrag angegeben, um eine fristlose Kündigung wegen Preiserhöhung gehandelt hatte.

Nach weiteren zwei Wochen kam die Antwort, dass es "aus technischen Gründen" dennoch erst in drei Monaten zum gewünschten Lieferbeginn kommen könne. Gleichzeitig teilte uns das bisherige Energieunternehmen mit, dass wir uns seit wenigen Tagen wieder in der Grundversorgung befänden und bedankte sich für diese Wahl. Ein pikanter Zufall, dass das Unternehmen, das den Portierungsauftrag ablehnte und das nun von uns als Kunden der Grundversorgung profitiert, aus Versehen dasselbe ist. Der Schaden, der uns entstanden ist, liegt aber unter 20 Euro - nicht lohnenswert, dafür eine Klage einzureichen, sagt Frank. Sollten sie das bei jedem Kunden machen, was man natürlich niemals unterstellen darf, und sollten sie davon ausgehen, dass die meisten Kunden sich wegen 20 Euro nicht streiten wollen, könnte man fast einen sehr guten Neben-Gewinn machen.

Frank machte sich aber immerhin die Mühe, den Schriftverkehr mit einem kurzen Anschreiben an die Bundesnetzagentur zu faxen, mit der Bitte um Überprüfung. Nach drei Monaten kam ein vorgefertigtes Schreiben als Antwort, dass bei der Überprüfung des Sachverhaltes keine Unregelmäßigkeiten festgestellt werden konnten...

Nachdem wir nun einen neuen Antrag zum Wechsel aus der Grundversorgung in die Versorgung über das neue städtische Energieunternehmen gestellt hatten, teilte man uns mit, dass in drei Monaten tatsächlich Lieferbeginn sein würde. Als Entnahmestelle der Energie wurde eine Adresse in Buchholz in der Nordheide genannt. Da wohnen wir aber nicht und da wollen wir auch nicht jedes Mal hinfahren, um uns die Haare zu föhnen. Beim näherem Hinsehen fiel auf, dass man in dem Schreiben auch die Kundendaten einer Frau in Buchholz in der Nordheide übermittelt hatte. Auf Franks telefonische Nachfrage beim Datenschutzbeauftragten des Unternehmens teilte dieser mit, dass es sich um eine Datenpanne gehandelt hat und die Kundendaten dieser einen Frau sämtlichen Neukunden als Anschlussdaten übermittelt worden sind. Die betroffene Kundin sei darüber informiert worden und nehme es mit Humor...

In der Zwischenzeit ist fast ein Jahr vergangen. Vier Tage vor Weihnachten bekamen wir Post von unserem städtischen Energieversorger, dass er ab 1. Februar die Strompreise um 9,25% erhöhen möchte, wegen des Gesetzes über erneuerbare Energien.

Einen Tag nach Weihnachten bekamen wir noch einen Brief, in dem der städtische Energieversorger diese Änderungskündigung zurücknahm. Es handelte sich um eine Panne in der Datenverarbeitung.

Zwei Tage später bekamen wir noch einen Brief unseres städtischen Energieversorgers, dass er ab 1. Februar die Strompreise um nunmehr 10,00% erhöhen möchte, wegen des Gesetzes über die erneuerbaren Energien. In der letzten Erhöhung habe sich ein Fehler eingeschlichen.

Noch zwei Wochen später nahm der städtische Energieversorger auch diese Änderungskündigung wieder zurück, da ihm aufgefallen sei, dass sie mit der Sechswochenfrist in seinen AGBs nicht vereinbar sei. Gleichzeitig gab er aber bekannt, die Strompreiserhöhung von 10,00% gelte nunmehr ab 1. März 2011, also einen Monat später. Es habe eine Panne bei der Datenverarbeitung gegeben.

Wenn nun jemand auf die erste Preiserhöhung gekündigt hat, ist die Kündigung unwirksam, denn die Preiserhöhung wurde ja zurückgenommen. Wenn nun jemand auf die zweite Preiserhöhung gekündigt hat, ist die Kündigung ebenfalls unwirksam, denn auch die wurde ja 14 Tage später zurückgenommen. Erst die dritte Kündigung hätte Bestand. Meistens kündigt man ja nicht selbst, sondern beauftragt einen potentiellen neuen Anbieter damit.

Welcher neue Anbieter kann dem Chaos noch folgen und bekommt dieses Hin- und Hergehühner in seine Datenbanksanwendungen gezimmert? Noch dazu, wenn es sich um Unternehmen oder Tarife handelt, die online abgeschlossen werden (und nur die könnten eine ernstzunehmende Konkurrenz für unseren städtischen Energieversorger sein, alle telefonisch betreuten Angebote sind meist teurer)? Ich will ja erneut nichts unterstellen, aber einen fiesen Geschmack hinterlässt es doch im Mund, oder?

Frank sagt, er kennt sich in diesen Bereichen nicht so gut aus. Aber er wäre für die Einführung einer Änderungssperre: Wenn ein Unternehmen seinen Stromtarif geändert hat, darf es erst im übernächsten Quartal erneut erhöhen, auch wenn die Preiserhöhung zurückgenommen wurde. Das heißt: Ist die erste Preiserhöhung falsch und muss diese zurückgenommen werden, darf es mindestens drei Monate keine neue Preiserhöhung mehr geben. Falls es so eine Vorschrift nicht schon gibt und wir sie nur noch nicht kennen.

Sonntag, 16. Januar 2011

Flotter Dreier und schlechtes Benehmen

In der Schule steppt zur Zeit der Bär. Am letzten Freitag dieses Monats gibt es Halbjahreszeugnisse, wenige Tage davor sind Zeugniskonferenzen, die letzte reguläre Klausur ist gerade geschrieben, nun müssen noch etliche Nachschreibetermine koordiniert werden. Mein Glück: Ich muss nicht eine einzige Klausur nachschreiben, da ich die Mindestzahl von "einzubringenden Ergebnissen" erreicht habe. Insofern habe ich nach zwei anstrengenden Wochen erstmal Zeit zum Durchatmen. Aber nur einmal kurz: Im kommenden Halbjahr geht es wegen Studienprojekt, Studienfahrt und einem Praktikum nochmal richtig rund - neben der üblichen Anzahl Klausuren wohlgemerkt.

Das Wochenende war aber erstmal vollkommen gelungen. Wir waren mal wieder im Trainingslager, wieder in Niedersachsen, aber dieses Mal nicht in Hannover. Dafür aber wieder mit den Athleten aus Niedersachsen zusammen, was ich sehr gut fand. Ich musste mich am Freitag ausnahmsweise mal um nichts kümmern, alle anderen Teilnehmer hatten ihre eigenen Fahrmöglichkeiten gefunden, so konnte ich völlig entspannt direkt von der Schule auf die Autobahn und war trotz kurzem Stau bereits um kurz nach drei Uhr da. So gerne ich auch mit anderen Leuten zusammen fahre oder sie mitnehme, so nett kann es auch mal sein, wenn das Auto nicht bis unter das Dach vollgeladen ist und man alles vorher genau organisieren muss!

Das Sportzentrum lag in einem kleinen Kaff, ein paar Kilometer von der Autobahn entfernt, wurde Mitte der Achtziger erbaut und vor einigen Jahren umfangreich saniert. Alle Zimmer rollstuhlgerecht - sowas hab ich noch nicht gesehen. Nicht nach DIN-Norm, aber so, dass Sportler im Rollstuhl sich absolut frei bewegen können und keinerlei Hilfe brauchen. Ich war richtig begeistert! Es war nicht besonders luxuriös, eher sehr einfach, aber dennoch sehr gepflegt und vor allem sehr sauber. Das Essen wurde direkt vor Ort zubereitet und war absolut lecker, großes Buffet, einfach, aber sehr gut.

Kleine Anekdote am Rande: Eine Teilnehmerin aus Niedersachsen kam sehr spät, weil sie eine Autopanne hatten, die Küche hatte schon lange zu, sie fragte beim Einchecken, ob sie vielleicht noch einen Apfel oder eine Banane bekommen könnte, weil sie so großen Hunger habe und auch direkt aus der Ganztagsschule hierher gefahren war. Ich hatte erwartet: "Da hinten ist ein Automat, da gibt es Kekse, Schokolade etc." - Stattdessen kam: "Ich mache Ihnen noch schnell ein kleines Tellerchen fertig." Und dann hat die Frau (ein Ehepaar leitet die Einrichtung) ihr noch mehrere belegte Brote gemacht, frische Gurkenscheiben, eine Tomate, zwei Äpfel ... die meinte es eben gut. War so eine eher rundliche Frau Anfang 60, die sonst immer mit Schürze in der Küche stand und kochte.

Auch beim Essen selbst: Können wir noch Milch bekommen? - Zack, stand die Milch da. Hinterher: Können wir eine Kiste Wasser für das Training bekommen? - Paar Minuten später brachte der Chef fünf Kisten Mineralwasser auf einer Sackkarre in die Sporthalle. "Bitte am Sonntag das Leergut vor den Schuppen stellen." - Wir sind da echt verwöhnt worden.

Lisa war auch dabei. Sie kam kurz nach mir. Beziehungsweise: Die Mutter brachte sie. Die Mutter fuhr aber nicht selbst, sondern das machte die Chauffeurin. Ja, richtig gelesen. Eine S-Klasse-Limousine mit Fahrerin. Wenigstens nicht noch in Uniform mit Mütze... Und ihre Sportgeräte? Kamen in einem VW-Bus hinterher, ebenfalls von einem Angestellten gefahren. Ich lernte endlich auch mal die Mutter von Lisa einen Moment länger kennen. Den Vater, er war dieses Mal nicht dabei, hatte ich schon ein paar Mal gesehen und gesprochen. Ich fand beide Elternteile sehr nett.

Die Mutter interessierte sich natürlich, wo ihre Tochter am Wochenende untergebracht war und mit wem sie in einem Zimmer schlafen würde. Viele andere Eltern brachten ihre Kinder auch selbst vorbei und schauten sich das an. Lediglich die älteren Sportler kamen alleine oder mit anderen, älteren Teilnehmern zusammen. Dieses Mal waren auch die "Senioren" mit bei uns untergebracht. Insgesamt waren wir fast 50 Leute.

Es gab Viererzimmer, die aber nur zu zweit belegt werden mussten. Wir entschieden uns trotzdem, zu dritt ein Zimmer zu nehmen: Cathleen, Simone und ich. Beziehungsweise: In der zweiten Nacht waren wir zu viert. Brauchten allerdings doch nur drei Betten. Cathleen war sich mit einem Typen aus Niedersachsen einig geworden, dass sie kuscheln möchten... Kein Küssen, keine Liebe, kein Sex ... aber kuscheln. Und fummeln. Schätze ich. Man bekam davon aber nichts mit. Beide hatten was an, es war dunkel, man hörte nichts, beide waren zugedeckt - allerdings störte sich eine Trainerin aus Niedersachsen daran und machte eine große Szene. Sie hat wohl durch Zufall mitgekriegt, dass die beiden im selben Bett geschlafen haben.

Sie mache sich strafbar wegen Förderung von sexuellen Handlungen Minderjähriger. Meine Güte! Ich bin vielleicht nicht die geborene Jugendleiterin, aber solange sie nicht ungeschützt poppen, sondern nur kuscheln und ein bißchen unter der Decke angezogen fummeln und das noch so diskret, dass es eigentlich keiner mitkriegt ... könnte es auch sein, dass sie sich nur gewärmt haben, denn es war nachts eher kühl in den Räumen.

Aber die Trainerin machte sowieso aus allem ein Drama. Fand ich persönlich. Ihr Trainerkollege hat mit seiner Freundin zusammen ein Zimmer gehabt und dort auch eine dritte Person drin gehabt, die wiederum mit der Freundin eng befreundet war. Ob die dadrin einen flotten Dreier gemacht haben oder sich einfach nur gut verstanden haben, ist mir völlig banane. Sollen sie doch. Vielleicht bin ich dafür zu jung, um daran etwas schlimmes zu sehen. Trainer und Freundin waren Mitte 30, die Dritte war 27. Er müsse mit gutem Beispiel voran gehen, forderte die Trainerin aus Niedersachsen. Er hätte ein Einzelzimmer nehmen müssen. Das "Problem" war nur, dass sich, bis auf diese Trainerin, absolut niemand daran gestört hat.

Absolut knuffig war aber wieder Lisa. Am Freitag hatten wir abends noch Training in der Halle (auf der Rolle), das Draußen-Training musste wegen Regen ausfallen. Es ist noch nicht warm genug, um bei Regen draußen fahren zu können. Sobald es aber an den nächsten Tagen trocken sein würde, würden wir auch draußen trainieren. Lisa fragte mich nun, als sie neben mir auf der Rolle stand: "Sag mal, gilt das eigentlich immernoch, dass man sich beim Training benehmen darf, wie man will?"

Ich wusste nicht so ganz, was sie mit der Frage erreichen wollte. "Wie meinst du das?" - "Na, ihr habt mir mal was von 'Rotzraketen' erzählt. Also dass man in die Gegend rotzen darf, wenn man beim Training kein Taschentuch hat." - Ich guckte entsetzt. "Aber nicht in der Halle, das ist eklig! Da fragst du jemanden von den Fußgängern, ob er dir ein Taschentuch an deinen Trainingsplatz bringt und dann putzt du deine Nase im Rollen und legst dir das Paket Taschentücher gleich auf den Schoß. Das fällt weder runter noch fliegt es weg, du stehst ja auf der Stelle."

"Das meinte ich gar nicht", sagte Lisa. "Ich meinte draußen. Morgen oder so, wenn es aufgehört hat zu regnen, und wir draußen auf der Straße trainieren. Da darf man sich dann doch so benehmen wie man will, oder?" - "Da darfst du dann Rotzraketen abschießen." - "Und darf man zum Beispiel auch laut rülpsen? Also ganz laut?" - Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Sie lachte verlegen mit. "Ich meine ja nur so ganz theoretisch."

"Naja, man kann das auch leise machen, wenn das sein muss. Aber wenn du das unbedingt willst, machst du das halt laut. Willst du das denn?" Ich bekam den Eindruck, als wenn Lisa eine Möglichkeit suchte, dem geforderten immer-guten Benehmen von Zuhause zumindest zeitweilig zu entfliehen. Was sie zwei Minuten später auch durchblicken ließ. "Immer, wenn ich aus Versehen mal einen kleinen Pups mache, sagen meine Eltern, dass es langsam Zeit wird, erwachsen zu werden. Und dass ich mich entschuldigen soll."

"Im Grunde ist es ja so: Man macht das eigentlich nicht so, dass andere das mitkriegen. Hier ist das ein bißchen anders, weil gerade die Querschnitte das nicht unter Kontrolle haben. Aber gerade wenn denen das nicht unter Freunden passiert, die das schon kennen, entschuldigen sich hier auch die meisten, obwohl die eigentlich gar nichts dafür können." - Lisa sagte: "Ich kann dafür auch nichts, manchmal kriechen die einfach so aus dem Po." - Die halbe Halle lachte und insbesondere einige von den älteren Herren jenseits der 40 hatten Lachtränen in den Augen. Lisa verzog hingegen keine Miene, als sie das erzählte...

"Wahrscheinlich traue ich mich sowieso nicht. Was sollen die anderen denn von mir denken. Aber ich würde mich schon gerne mal so richtig daneben benehmen." - Klaus, ein alter Hase, erklärte ihr: "Vor allem sollst du beim Wettkampftraining lernen, alle diese Situationen zu beherrschen. Stell dir vor, du fährst auf einem Wettkampf, bist 2 Kilometer vor der Zielgeraden, und dann läuft plötzlich die Nase. Willst du dann aufhören? Oder erstmal lange überlegen? Dann musst du dich auf das Gewinnen konzentrieren, weil dein Gegner direkt im Nacken sitzt und er jede Unkonzentriertheit ausnutzt und sofort überholt. Und dann ist es von Vorteil, wenn du trainiert hast, wie man ohne Taschentuch die Nase putzt. Denn den Preis gewinnst du für schnelles Fahren und nicht für gutes Benehmen. Das ist bei solchem Sport mal völlig unwichtig."

Inzwischen ist Lisa 15 Jahre alt. Trotzdem verknüpft sie Neues oft nur sehr langsam. Man könnte sagen, der Euro fällt centweise. Jedenfalls haben diese Worte des alten Hasen bewirkt, dass Lisa beim nächsten Training alles ausprobieren musste. Und mit "alles" ist wirklich alles gemeint. Alles, was man sonst nicht macht. Das war so süß, weil sie das alles total vom Training abgelenkt hat, sie total verlegen gemacht hat, aber am Ende war sie stolz wie Oskar, dass sie das alles hingekriegt hatte.

So stolz, dass sie am Sonntag ihre Mama mit den Worten empfing: "Mama, ich habe es geschafft! Ich habe meine erste Rotzrakete abgefeuert!" - Wir standen gerade mit mehreren Leuten in einem Gruppenraum und alles lachte. Ich hatte die Befürchtung, die Mutter würde sagen, wir verderben ihre Tochter oder bringen ihr schlechtes Benehmen bei, oder ähnliches, aber das Gegenteil war der Fall. Die Mutter war bestens informiert und fragte: "Ist das das, wo man sich ein Nasenloch zuhält und dann seinem Hintermann einen Klecks aufs Hemd macht?"

Sie sagte, sie fände es gut, dass sich hier ihre Tochter mal austoben könne und mal aus dem ganzen Alltagstrott herauskäme. Die Reaktion hatte ich absolut nicht erwartet. Die Mutter fügte hinzu: "Solange du weißt, wann du im Trainingslager bist und wann zu Hause am Esstisch, ist alles gut." - Cathleen, bekannt für ihre direkte Art, fügte hinzu: "Siehste, Lisa, und irgendwann ist es auch nicht mehr peinlich zu erzählen, was man macht, wenn es unterwegs kein Klo gibt." - Lisa lief dunkelrot an, die Mutter sagte: "Das müssen wir jetzt aber nicht ausführen, ich kann es mir schon denken. Hoffentlich hast du deine Sachen hinterher ausgespült."

Lisa nickte aufgeregt, nicht wissend, dass sie damit verraten hatte, was sie eigentlich vor ihren Eltern geheim halten wollte. Ich wiederhole mich gerne: Sie ist einfach soooo süß. Sie antwortete: "Ich hab gleich mit all meinen Sachen geduscht. Das ging ganz gut." - Die Leute krümmten sich schon vor Lachen. Mit dieser naiven Art stiehlt sie echt jedem die Show. Und wenn dann noch die Frage kommt: "Hab ich jetzt einen Witz gemacht?!"

Zurück in Hamburg. Es ist noch nicht mal ein Monat des neuen Jahres vorbei und ich habe bereits mein erstes Trainingslager hinter mich gebracht. Meinen ersten Abend in einer Hütte mit Lagerfeuer in der Mitte. Mein erstes Training unter freiem Himmel bei zweistelligen Temperaturen und richtig tollem Sonnenschein. Und meinen ersten längeren Blog-Eintrag. In diesem Jahr 2011.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Falsche Rücksicht

Heute war Markus in Hamburg. Er ist weiter auf der Suche nach einer Stelle und hat wohl, nachdem alles bisherige nichts geworden ist, erneut einen Job in Aussicht. Nach seinem Vorstellungsgespräch trafen wir uns, allerdings nur sehr kurz am Hauptbahnhof bei Jim Block. Jim Block ist eine (eher etwas gepflegtere) Schnell-Restaurant-Kette in Hamburg, bei dem Männer Burger und Frauen Salat essen können.

Ich holte mir einen Burger, er sich einen Salat. Und dann quatschten wir erstmal. Über sein Vorstellungsgespräch, bei dem er ein gutes Gefühl hatte. Wir beide hoffen, er kann am 1. Februar in Hamburg zu arbeiten anfangen. Über alles mögliche weitere. Über alles mögliche, worüber man in so kurzer Zeit beim Essen reden kann. Nach einem dicken Knutscher musste er sich dann schon fast beeilen, seinen Zug zu bekommen.

Ich mache mir gerade 1000 Gedanken. Als er mir am Telefon sagte, er würde in Hamburg sein, wusste ich schon, dass er hinterher kaum Zeit haben würde. Er hatte diesen Vorstellungstermin mitten zwischen andere Termine geschoben. Ich wäre für eine bloße Umarmung, für einen Kuss zum Hauptbahnhof gefahren. Und wenn wir uns nur 2 Minuten sehen können. Er wollte, dass ich mir diesen Aufwand nicht zumute. Ich weiß, er meinte das bestimmt eher mit Besorgnis, aber ich fühle mich nicht wohl, wenn ich ihn quasi anlügen muss, dass ich sowieso gerade in der Gegend bin. Am Ende hat er sich riesig gefreut, also auch ehrlich. Irgendwie muss ich das hinkriegen, dass er auf mich keine "falsche" Rücksicht nimmt.

Und nun mache ich mir weitere 1000 Gedanken, ob er auf mich Rücksicht nimmt, weil er mich liebt oder ob er auf mich Rücksicht nimmt, weil ich behindert bin. Egal weshalb, ich möchte die Entscheidung, ob es sich lohnt, für ihn quer durch die Stadt zum Bahnhof zu gurken, selbst treffen. Und ich wäre selbst dann hingefahren, wenn es hätte passieren können, dass ich ihn verpasse. Die Chance, ihn zwei Minuten zu sehen, hätte mir schon gereicht.

Sonntag, 2. Januar 2011

Frohes Neues

Inzwischen ist alles überstanden. Der Jahreswechsel war eindeutig anstrengender als das Weihnachtsfest. Aber er war auch mindestens doppelt so schön. Ach, übrigens, frohes neues Jahr!

Am Silvesternachmittag fuhr ich ins Krankenhaus, zu Laura, von der ich noch nicht einmal eine Handynummer hatte. Könnte sein, dass sie sich das inzwischen anders überlegt hat, könnte sein, dass ich völlig umsonst dorthin gurke. Durch das Tauwetter waren alle Straßen mit dem Auto normal befahrbar. Trotzdem gab es immernoch Leute, die mit 28 km/h über die Bundesstraßen fuhren und jede rote Ampel mitnahmen. Einerseits neugierig, andererseits genervt kam ich auf der Station an.

"Du bist ja wirklich gekommen", begrüßte sie mich, als hätte sie bis zum Schluss Zweifel gehabt, ob sie jemand derbst verladen haben könnte. Nach einer Umarmung sagte sie: "Ich will so schnell wie möglich hier raus. Kannst du mir ein Handtuch leihen?" - Ich nickte. - "Ätzend, ich hab noch nie seit meinem Unfall eine Jeans angezogen. An den Beinen ist sie viel zu weit und an der Hüfte viel zu eng. Ich krieg nicht mal den Knopf richtig zu."

"Das ist nicht gut", sagte ich. "Das ist ein sicheres Rezept für die erste Druckstelle." - "Hat die Schwester auch schon gesagt, aber ich kann doch nicht in Sporthose auf eine Party." - "Sicher kannst du das, meinst du, das interessiert jemanden, wenn die wissen, dass du noch stationär in der Klinik bist?" - "Ich weiß nicht?" - Ich schüttelte den Kopf. - "Okay, dann zieh ich mich nochmal um", sagte sie, schnappte sich ihre Sporthose und bat mich, schonmal vorzufahren.

Wie kommt man auf den hohen Beifahrersitz eines Viano? Wie muss ich mich festhalten, damit ich nicht in jeder Kurve wegen fehlender Rumpfmuskulatur halb aus dem Sitz purzel und mich im Sicherheitsgurt aufhänge? Wie bekomme ich meine Augen wieder auf eine normale Größe, wenn ich gerade sehr erstaunt über den behindertengerechten Umbau des Fahrzeuges bin? Und wie bekomme ich den Mund wieder zu, der wegen der Faszination über ein komplett mit den Händen bedienten Pkw offen steht? Laura hatte eine halbe Stunde Zeit dafür und es gerade so eben geschafft...

Wir waren noch nicht vom Klinikgelände, als sie fragte: "Kannst du damit im Notfall auch eine Vollbremsung machen?" - "Na sicher. Man muss das Auto genauso bedienen können wie andere Menschen, die ihre Füße einsetzen. Sonst bekommt man keinen Führerschein." - Sie schluckte: "Ja sicher. Wie schnell fährt der?" - "Laut Tacho etwa 225. Aber ich mag solche Geschwindigkeiten nicht." - "Ich auch nicht. Und von 0 auf 100?" - "Laut Hersteller in 9 Sekunden. Und anschließend muss man tanken." - "Verbraucht der viel?" - "Also in den Tank passen ungefähr 70 Liter Diesel und der Verbrauch hängt stark davon ab, ob ich viele kurze Strecken fahre, ob nur in Hamburg oder auch auf der Autobahn, ob Winter ist oder Sommer und wie oft ich die Standheizung benutze. Die kürzeste Strecke, die ich bisher gefahren bin, waren etwa 750 Kilometer und die längste war knapp 1.100 Kilometer. Mit einem Tank."

Um 19 Uhr begannen wir mit dem Raclette-Essen. Zwei Raclette-Geräte auf dem Tisch im Gruppenraum (mit Küche), nach 30 Minuten ging der erste Rauchmelder los... Es hat sehr gut geschmeckt, wir waren insgesamt zu zwölft. Um halb elf sind wir dann in Richtung Landungsbrücken aufgebrochen, hatten mit einigen völlig abgefüllten Menschen zu tun, einer hatte sich bis auf die Unterhose ausgezogen, eine andere trug Minirock und Top, ein schmieriger Typ wollte ausgerechnet mit Laura fi**en, wie er mehrmals in der Bahn zum Besten gab. Laura fragte nur: "Was gibt es hier in Hamburg bloß für komische Typen?"

Das Feuerwerk über dem Hamburger Hafen hat ihr dann aber doch noch super gefallen, sie bekam nebenbei einen sehr lebendigen Eindruck davon, dass man mit dem Rollstuhl doch fast überall hinkommt, wenn man weiß, wie, hat sich einmal komplett in den matschigen Schnee gelegt, als sie rückwärts einen Bordstein runterrollte, den sie nicht gesehen hat (man muss dazu sagen, dass er im Dunkeln auch schlecht zu sehen war und auch nur etwa 4 bis 5 Zentimeter Höhe hatte). Es wehte ein eiskalter Wind, obgleich die Temperatur sonst im Plusbereich war und es auch leicht nieselte. Kein wirklich schönes Wetter.

Entsprechend hielten wir uns auch nur knapp eine Stunde am Hafen auf und fuhren sofort danach wieder zurück. Inzwischen funktionierten mal wieder etliche Aufzüge und Rolltreppen nicht mehr.

Als wir endlich wieder zu Hause waren, zog mich Laura zur Seite: "Ich brauch deinen Rat." Sie machte einen überforderten Eindruck. Ich fragte: "Was ist passiert?" - Sie seufzte nur einmal tief. - "Du hast deine Schlafsachen in der Klinik vergessen?" - Sie schüttelte den Kopf. - "Deine Katheter?" - Sie schüttelte nochmal den Kopf. - "Dein Tabletten?" - Nochmal Kopfschütteln. - "Du hast eingepinkelt." - Sie guckte mich mit großen Augen an, als hätte sie gerade Gefallen an dem Ratespielchen gefunden und gehofft, ich würde die Lösung erst in einigen Stunden herausbekommen, um die Konfrontation mit der ernüchternden Wahrheit so lange wie möglich hinauszögern zu können. - "Was mach ich denn jetzt?"

"Na duschen gehen, würde ich sagen", antwortete ich. "Hast du eine trockene Hose mit oder willst du eine von mir haben?" - "Was denken denn die anderen, wenn ich da plötzlich mit einer Hose von dir auftauche?" - "Die denken, du hast eingepinkelt und keine Wechselhose dabei gehabt." - "Ich will das nicht."

Cathleen kam um die Ecke und hatte offenbar die letzten Worte mitgehört. "Wer hat eingepinkelt und keine Wechselsachen dabei gehabt?" fragte sie, so direkt, wie es eben ihre Art ist. Ich schaute zu Laura hinüber, die war kurz davor, loszuheulen. Sagte gar nichts mehr und starrte ins Leere. "Willst du eine Hose von mir haben?" fragte Cathleen. Laura sagte immernoch nichts. Cathleen rollte zu ihr und nahm sie in den Arm. "Komm, geh duschen, ich such dir was von mir raus." - "Ich glaub, ich geh nach dem Duschen gleich ins Bett. Damit mich keiner mehr sieht."

"So ein Blödsinn, Laura", sagte ich. "Das ist nun echt Quatsch. Da musst du durch, auch wenn es am Anfang noch so schwer fällt. Als mir das zum ersten Mal passiert ist, wäre ich auch am liebsten im Erdboden versunken. Heute lächel ich einmal drüber. Da ist es nur noch lästig, aber nicht mehr schlimm. Echt, Laura, probier es aus. Geh offensiv damit um. Da werden vielleicht welche schadenfroh lachen, zwei machen einen Spruch, dann gibst du einfach drauf raus und tust so, als hättest du das mit Absicht gemacht, und in fünf Minuten ist alles vergessen. Vertrau mir. Bitte."

Wir fuhren zurück in den Gruppenraum, Laura mit einer Wechselhose von Cathleen auf dem Schoß. Frank fragte: "So was ist, wollen wir jetzt endlich mal was spielen?" - Laura antwortete: "Später, ich will erstmal duschen." - Frank fragte: "Oh, frierst du? Dann würde ich eine Badewanne empfehlen." - Laura sagte: "Nee, ich hab mich angepinkelt." - Simone kommentierte mit einem Grinsen und einem langgezogenen: "Pfui."

Laura antwortete: "Ja, ich weiß. Ich hab gefroren und wollte mir den Po wärmen." - Simone sagte: "Du spürst die Wärme doch gar nicht bei deinem Querschnitt." - Laura konterte: "Ja, das habe ich dann auch irgendwann gemerkt." - Alles lachte. Einschließlich Laura. Frank sagte: "Wenn das so ist, empfehle ich dann doch eher die Dusche als die Badewanne." - Situation gerettet, Laura hatte wieder beste Laune.

Um fünf gingen wir ins Bett. Vier Leute fuhren zu sich nach Hause, die hatten es nicht weit, der Rest schlief auf Isomatten, Feldbetten und aufblasbaren Gästebetten. Um halb drei nachmittags gab es Frühstück. Anschließend brachte ich Laura zurück in die Klinik. Ein bißchen traurig war sie schon beim Abschied. Aber sie sagte selbst, dass sie noch einiges erarbeiten müsste, um so mobil zu werden wie wir es alle sind. Wenn diese auswärtige Übernachtung ihr dafür den nötigen Schub gegeben hat, würde es mich sehr freuen.