Freitag, 31. Dezember 2010

Guten Rutsch

In Hamburg ist Tauwetter. Überall dort, wo nicht geräumt wurde, schmilzt die obere Schicht zu Wasser und bildet auf den Gehwegen spiegelglatte Flächen. Mit dem Rollstuhl sind spiegelglatte Flächen kein Problem, solange es kein seitliches Gefälle gibt. Wohl aber dieser Pappschnee, in den sich vor allem die kleinen Vorderräder eingraben.

Die Leute, die laufen können, laufen zur Zeit auf Socken oder auf allen Vieren. Oder gehen einfach auf der Fahrbahn, auch dort, wo Autos und Busse fahren. Ich bin sehr gepannt, ob der Räumdienst es in den nächsten Tagen schaffen wird, den Rotz von den Gehwegen zu entfernen, bevor demnächst neuer Schnee fällt. In meinem Pessimismus Realismus sage ich: Nein!

Ich wünsche allen einen guten Rutsch, nicht nur auf den spiegelglatten Straßen, sondern auch ins neue Jahr 2011!

Dienstag, 28. Dezember 2010

Ausgangsschein für eine Party

Telefonklingeln. Für mich. Eine mir unbekannte Nummer. Anhand der ersten vier Stellen konnte ich erkennen, dass es sich um das Krankenhaus handelte, in dem ich nach meinem Unfall behandelt worden bin. Ronja? Nein, die Nummer war eine andere. Und außerdem hatte ich in diesem Jahr keinen Termin mehr bei ihr. Meine Psychologin war auch im Weihnachtsurlaub, ... früher, als es noch kein ISDN gab (zu Hause hatten wir diese Clip-Funktion erst sehr spät), kannte man dieses Rätselraten nicht. Dafür war die Überraschung manchmal umso größer.

Ich meldete mich. Auf der anderen Seite meldete sich der Chefarzt. Er scheint an mir einen Narren gefressen zu haben, wenn es darum geht, sich mal auf Augenhöhe mit Leuten wie Catharina zu unterhalten. "Trauen Sie sich das zu?" fragte er, nachdem er mir erzählte, dass die 15-jährige Laura aus Bayern vor einigen Monaten schwer verletzt bei ihnen eingeflogen worden war und inzwischen realisieren musste, dass bei dem Verkehrsunfall beide Eltern und eine Tante getötet worden sind. Sie selbst hat einen kompletten Querschnitt (Th 7) davongetragen. Man sei auf einem Heimweg von einem Badeausflug gewesen, im Dunkeln auf regennasser Straße einem Tier ausgewichen, ins Schleudern gekommen und am Baum gelandet. Laura zeige sich sehr gefasst und habe derzeit so viel mit sich selbst zu tun, dass sie gar keine Zeit habe, das alles vernünftig zu verarbeiten. Die Krankenkasse dränge bereits auf die Entlassung, obwohl weder ein angepasster Rollstuhl zur Verfügung stünde, geschweige denn schon die Ausbildung im Gebrauch desselben stattgefunden hätte. Die Wohnsituation sei völlig ungeklärt, sie solle in eine betreute WG, vermutlich hier in Hamburg. Der Chefarzt habe ihr angeboten, Kontakt zu einigen ehemaligen Patientinnen in ihrem Alter herzustellen. Sie habe eifrig genickt.

Sorry, aber da kann ich nicht anders. Da kann ich nicht sagen: "Nach mir die Sintflut. Sind nicht meine Probleme. Habe genug eigene, sollen sich andere um das Mädel kümmern, die dafür bezahlt werden." Ich kann es einfach nicht. Auch wenn ich es in dem Moment gerne täte. Nicht, weil ich Angst habe oder mich überfordert fühle. Aber weil es mir wichtig ist, seelisch halbwegs ausgeglichen zu sein. Da ist noch genug, was mich schnell runterziehen kann. Da brauche ich nicht noch zusätzlich was. "Trauen Sie es sich zu?" - "Ja. Ich komme vorbei. Heute nachmittag." - "Sie haben was gut bei mir."

Ich erwartete ein Häufchen Elend. Ein kleines Drama. Jemanden, der offen mit seinen Suizidabsichten pokert. Oder mich fragt, warum es ihn treffen musste. Oder nach dem Sinn und Unsinn anderer Geschenke, die das Leben so für einen bereit hält. Das Gegenteil war der Fall: "Hey, coolen Rolli hast du! Den gleichen habe ich mir auch ausgesucht. Auch in schwarz. Fährt der sich gut?", fragte sie mich, noch bevor ich sagen konnte, wie ich heiße. Ich rechnete damit, dass ihre Stimmung bei irgendeinem "falschen" Wort schlagartig umfallen würde - und falsche Wörter kann man immer suchen. Nö. Nix. "Du hast sicher schon gehört, wieso ich hier bin, oder?" fragte sie mich. - "Nur ein paar Fetzen. Was ist passiert?" - Sie erzählte die Story mit dem Unfall. Woran sie sich erinnern konnte, woran nicht. Dass sie froh sei, noch zu leben. Dass ihr die Eltern fehlten. Sie vergoss ein paar Tränen. Aber sie war erstaunlich gefasst.

"Am meisten fehlt mir, dass mich abends keiner mehr streichelt. Früher hab ich mich vor dem Fernseher auf das Sofa gelegt, den Kopf bei meiner Mama auf den Schoß, und dann hat sie mich gestreichelt. Das fehlt mir am meisten. Klingt vielleicht albern, ich bin fast 16, aber ich steh dazu." - "Das klingt überhaupt nicht albern", bekräftigte ich. Wer lässt sich nicht gerne kraulen?

Nach rund einer Stunde fragte sie, ob wir zusammen Backgammon spielen wollen. Warum nicht? Sie saß die ganze Zeit auf ihrem Bett, nun stauchte sie ihr Kopfkissen hinter sich zusammen, rutschte nach oben, legte mit ihren Händen ihre Beine in einen Schneidersitz, baute vor sich das Spiel auf und bot mir das Fußende an. Ich zog meine Schuhe aus und setzte mich vom Rolli auf ihr Bett, ebenfalls in den Schneidersitz. Das Spiel konnte beginnen. Nach fünf Minuten kam die Schwester rein. Brachte die Medikamente für den nächsten Tag. "Geht es Euch gut?" fragte sie. Laura antwortete kiebig: "Mir ja. Ich bin am Gewinnen. Noch besser würde es uns allerdings gehen, wenn zwischen uns ein Teller mit ganz vielen leckeren Keksen stehen würde und wir zwischendrin immer mal an einem knabbern könnten."

Lauras Bauch sah keineswegs so aus, als hätte sie ständig solche Wünsche. Eher im Gegenteil. Ich grinste in mich hinein. Die Schwester sagte nichts, ging wieder raus und ließ die Tür hinter sich zufallen. Fünf Minuten später kam sie tatsächlich mit einem Teller wieder hinein, auf dem mehrere Kekse einer Mini-Prinzen-Rolle lagen. "Als Belohnung, weil du sonst so selbständig bist", sagte sie. Und wollte damit vermutlich ausdrücken: "Ausnahmsweise bringe ich sie dir und sage nicht: Hole sie dir selbst, du bist ja schließlich nicht behindert." Was sonst zweifelsfrei gesagt worden wäre, ich spreche aus Erfahrung...

"Was machst du Silvester?" fragte ich sie. Natürlich hatte ich vorher abgeklärt, ob es klug ist, diese Frage so zu stellen. Ihre Antwort: "Na was soll ich hier schon machen, bißchen fernsehen, hoffen, dass paar nette Leute da sind zum Karten spielen, irgendwo ne leckere Pizza bestellen und das wars. Was machst du? Party?"

"Bei mir in der WG, ja. Wir sind schonmal zu fünft, dann kommen noch zwei Freundinnen und eventuell auch noch ein Pärchen, die wussten noch nicht so genau, spontan kommen vielleicht auch noch zwei bis elf Leute dazu, dann wollen wir auch bißchen spielen, Raclette essen, quatschen und zu um 12 in die Stadt - wenn es nicht gerade heftig schneit. Danach schlafen die meisten bei uns auf Luftmatratzen und Isomatten und morgens wird dann ausgeschlafen und dann gibt es gemeinsames Neujahrsfrühstück."

Ich wartete ihre erste Reaktion ab. Wenn die gewesen wäre: "Nee, da bin ich aber froh, hier in meinem beschützten Dunstkreis zu sein", wäre ich nicht weiter drauf eingegangen. Aber sie sagte stattdessen: "Darauf hätte ich auch total Bock. Letztes Jahr habe ich mit ein paar Leuten aus meiner Klasse zusammen gefeiert, bis auf die Idioten, die da mit Böllern experimentiert haben, war das super."

Ich fragte sie: "Willst du dazu kommen?" - "Zu dir? Zu euch?" - "Ja? Die meisten sind Rollifahrer, das würde sicher lustig sein." - "Richtig Lust hätte ich, aber ich komm hier ja nicht weg, höchstens bis 21 Uhr, und das ist dann eher nix." - "Hol dir doch einen Ausgangsschein. Über Nacht." - "Um Party zu machen... wenn du meinst, dass den jemand unterschreibt, bin ich dabei", sagte sie mit durchweg ironischem Unterton.

Ich nahm das ernst und antwortete: "Okay. Ich hol dich um 18 Uhr ab. Mit dem Auto, damit du nicht durch den Schnee musst. Dann kommst du nämlich nie an, das schaffen zur Zeit nicht mal die alten Hasen, die seit 20 Jahren in den Dingern fahren. Du kriegst von mir ne fette einsvierzig mal zwei Meter selbstaufblasende Luftmatratze als Gästebett, darauf holst du dir auch keine Druckstellen, eine Zudecke, ein Kopfkissen; musst du nur genug Klamotten mitbringen, Katheter, Medikamente, was du so brauchst, und dann bring ich dich am Ersten nachmittags wieder her."

Sie tippte sich an die Stirn. "Träum weiter." - Ich tippte mit meinem Finger auch an ihre Stirn. "Ich träume nicht, ich mein das durchaus ernst! Du kannst dir deinen Ausgangsschein beim Chefarzt abholen." - "Ich setze 10 Euro, dass der den nicht unterschreibt und mich auslacht." - "Ich setze eine tolle Silvesterparty dagegen, dass der da unten schon unterschrieben liegt."

"Was habt ihr denn hier eingefädelt?" fragte sie mich ein wenig entsetzt. "Wieso lädst du mich auf deine private Silvesterparty ein?" - Ich antwortete: "Vorbeigekommen bin ich, weil mich der Chefarzt gebeten hat. Du würdest Anschluss suchen. Eingeladen habe ich dich, weil du mir sympathisch bist und ich glaube, dass du gut in unsere Runde passen würdest." - Sie strahlte: "Heute ist mein Glückstag!" Wollte in ihren Rolli, dabei fiel die Hälfte des Spiels runter, was sie nicht kümmerte. Ich fragte sie: "Wo willst du hin?" - "Na, zum Chefarzt, den Schein abholen!"

Montag, 27. Dezember 2010

Eine Rose nach Berlin

Eine spontane Idee. Eine bescheuerte Idee. Trotzdem musste es sein. Neugierige Stinkesocke.

Alle raten derzeit vom Bahnfahren ab. Ich setze mich in den ICE, um eine Rose nach Berlin zu bringen. Womit Markus nicht gerechnet hat. Womit er aber hätte rechnen können, denn auf einer der ständig aktualisierten Adressenlisten stand er mit seiner Berliner Adresse drauf, obwohl er nie wirklich Trainer geworden ist, sondern nur hospitiert hat. Tatjana ist da immer sehr schnell, manchmal ganz offensichtlich zu schnell.

Der Zug fuhr trotz Schnee und eisiger Kälte im vertretbaren Zeitrahmen. Die Ring-S-Bahn hat mir auch noch nie Probleme gemacht und die Adresse hatte ich sehr schnell gefunden. Blieb nur noch zu klären, wie ich spontan reagieren würde, wenn mir seine Ehefrau oder eins seiner Kinder die Tür öffnen würde. Einen Schreck hätte er dann bekommen dürfen, Familien oder Partnerschaften zerstören wollte ich aber nicht. Ich hätte dann gefragt, ob ein André, Andreas oder sonstwer hier wohnt und mich dumm gestellt. Vielleicht komme ich auch gar nicht bis zur Wohnungstür oder er ist gar nicht da.

Doch, ich kam bis zur Wohnungstür. Es war ein Ein-Zimmer-Appartment, zwar im vierten Stock, aber das Haus hatte einen Aufzug. Er war sehr überrascht, damit hatte er wohl überhaupt nicht gerechnet, er hat sich sehr gefreut, hat mich sofort reingebeten, mir sofort einen heißen Kakao angeboten. Er hatte keine Zeit, die Fotos seiner Liebsten vom Schreibtisch zu räumen - und trotzdem waren keine da. Es waren auch keine zwei Zahnbürsten in seinem Zahnputzbecher. Ich weiß, ich bin schlimm. So misstrauisch. Andererseits ist er auch schlimm. So direkt und frech.

Wir haben geknutscht. Ein bißchen. Nicht sofort, aber nach dem Kakao. Er riecht gut. Er kann küssen. Er hat mich am Kopf gestreichelt. Nirgendwo sonst. Er wollte nicht mehr. Vielleicht wollte er, aber er hat sich zurückgehalten. Ich komme mir vor wie in einem Traum. Wer hat mir diesen Typen geschickt?! Vielen Dank an denjenigen!

Sonntag, 26. Dezember 2010

Weihnachtstage

Ehrlich gesagt: Ich bin froh, dass das Weihnachtsfest vorbei ist. Seit ich zu meiner Familie keinen Kontakt mehr habe, habe ich besonders an Weihnachten das verstärkte Bedürfnis nach einer heilen Familienwelt. Vermutlich, weil viele andere Leute um mich herum das so vorleben und es vor allem auch überall so vermittelt wird. Umso glücklicher bin ich allerdings, dass dieses Jahr niemand von meiner Familie vor meiner Tür stand und mich zusammengeschlagen hat.

Ich war am Heiligen Abend um 23.00 Uhr mit Frank, Sofie und Cathleen im Michel, es war, wie immer, sehr schön. In der Kirche finden über 2.500 Menschen Platz und -wie jedes Jahr- musste man auch beim vierten Gottesdienst an diesem Tag schon früh dort sein, um noch einen Platz zu bekommen.

Am 1. Weihnachtstag haben wir alle ausgeschlafen, zusammen mit Jana Pizza gebacken, ein paar Spiele gespielt, einen Film geguckt.

Den heutigen Tag habe ich genutzt, um eine Biologie-Hausarbeit fertig zu stellen. Sie sollte bis zum Ende der Ferien als PDF an den Lehrer geschickt werden - und zwar von jedem. Ich schätze, ich war eine der ersten. Ich habe solche Sachen eben gerne vom Tisch. Reaktion meines Lehrers (Antwortmail): "Es ist schon erstaunlich, dass Sie mich zum Weihnachtsfest mit derartigen Belangen belästigen." - Es war seine Schul-Mail-Adresse! Und er wollte die Arbeit in den Ferien haben! Ist doch wohl sein Problem, wenn er die am 2. Weihnachtstag aufruft, oder sehe ich das falsch?

Freitag, 24. Dezember 2010

Frohe Weihnachten 2010

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein frohes und ruhiges Weihnachtsfest 2010!

Ich werde heute mit Sofie und Frank in der WG gemeinsam Fondue machen, abends wollen wir wieder in die Kirche, sofern wir nicht völlig einschneien. Cathleen und Jana feiern mit ihren Familien und kommen erst heute abend (zum gemeinsamen Kirchenbesuch) bzw. morgen mittag wieder.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Bewilligung für Cathleen

Was die Wahl des richtigen Hausarztes so alles ausmachen kann... Heute hat Cathleens Krankenkasse, jene, die sich sonst bei jedem Kleinkram größtes Theater gemacht hat, telefonisch bei ihr gemeldet, um zu fragen, ob sie die für dieses Medikament nötige Einweisung schon bekommen habe. Sofie reichte den Hörer gleich an Frank durch, der gab aber Entwarnung. Die Sachbearbeiterin wolle das nur in der Akte vermerken, da die Kasse sonst in der Pflicht sei, Cathleen eine entsprechende Schulung zu bezahlen. Cathleen benötigt diese Schulung aber nicht mehr und lehnte dankend ab. Wie mit Frank abgesprochen, faxte die Kasse etwa 30 Minuten später die Bewilligung für die Therapie mit flüssigem Oxybutynin - bis auf weiteres. Cathleen, die diese Verordnung mit Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung erst vor nicht mal zwei Tagen bekommen hatte, ist überglücklich.

Nun überlege ich, ob ich meine Hausärztin (dieselbe, die neuerdings auch Cathleen hat) auch noch einmal auf dieses Medikament ansprechen sollte. Bei mir ist es ja so, dass ich das Oxybutynin nur sehr niedrig dosiert bekomme, weil höhere Dosen bei mir ebenfalls unerwünschte Nebenwirkungen machen (permanenter Harndrang, Restharn, trockener Mund). Bei einer Untersuchung im März 2009 hat man keine bessere Lösung gefunden, wenn es aber so wäre, dass ich, wenn ich Oxybutynin direkt in die Blase spritze, nicht mehr, noch weniger oder noch kontrollierter auslaufen würde und dabei keine Nebenwirkungen hätte, würde ich das natürlich vorziehen, gerade mit Blick auf möglichen Sex (irgendwann mal). Vielleicht ist es auch nur geeignet, um in bestimmten Situationen (Sex!) die Blase ruhig zu stellen - damit wäre mir auch schon sehr geholfen. Ich werde mal fragen, ob ich nicht einfach mal eine oder zwei von Cathleens Ampullen ausprobieren darf.

Ich muss zwar derzeit nicht kathetern, da meine Blase sich restharnfrei und ohne Druck entleert, dennoch hätte ich damit kein Problem, mir zum Entleeren der Blase einen Einmalkatheter durch die Harnröhre zu schieben. Hört sich ekliger und schmerzhafter an als es ist, die Dinger sind klein, glitschig, weich und biegsam, die merkt man nicht, ich merke sie wegen meines Querschnitts sowieso nicht. Ob ich dann, am Ende des Entleerungsvorganges, noch eine Ampulle auf das Ende das Katheters aufstecke und diese leer drücke - wenn ich damit den zu erwartenden Schweinkram beim Sex verhindern könnte, würde ich es glatt tun. Oder vielleicht weiß sie noch eine ganz andere Lösung? Nein, keine chirurgische, ich rede nur von Medikamenten.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Markus aus Berlin

Vor etwa zwei Wochen lernte ich durch Zufall Markus kennen. Er ist 25 Jahre alt, kommt aus Berlin, studiert Sportwissenschaften (wird im Frühjahr fertig) und hatte sich in unserem Sportverein als Trainer beworben. Er war ein paar Mal beim Schwimmtraining dabei, aber diejenigen, die das zu entscheiden hatten, fanden, dass er nicht der richtige sei. Nun stand er plötzlich und unverhofft vor mir in der Schlange, als ich zusammen mit Cathleen in der Geschäftsstelle meines Sportvereins war, um mir einen Stempel für eine Startlizenz für das nächste Jahr abzuholen. Was er gerade dort wollte, weiß ich nicht. Die vier Damen, die dort an den Schreibtischen saßen, hatten gerade alle Hände voll zu tun, permanent bimmelte das Telefon, ein Typ mit irgendwelchen Kontoauszügen hielt den Laden zusätzlich auf Trab (bei ihm sei angeblich doppelt Beitrag abgebucht worden).

Als wir in den Raum reinkamen, stützte sich Markus auf einem Tresen auf und blätterte in einem Prospekt. Ich grüßte beim Reinkommen kurz und knapp mit einem "Moin" und reichte die Tür an Cathleen weiter, die direkt hinter mir kam. Markus guckte uns an, grinste und rief laut mit Berliner Dialekt und scheinbar bester Laune: "Na da schau her, zwei Schneefrauen! Und eine hübscher als die andere!" Während des Trainings hatte er sich bisher mit solchen Kommentaren immer zurückgehalten.

Ich erwiderte: "Wer ist denn die 'eine' und wer ist die 'andere'?" - Cathleen ergänzte sofort: "Pass gut auf, was du jetzt sagst." - Ich nickte zustimmend. Markus überlegte nicht lange. "Das kommt ja immer auf die Sichtweise und den Geschmack an. Ich persönlich steh ja eher auf blond." - Ich grinste Cathleen an: "Siehste, du mit deiner dunklen Mähne hast nicht mal annähernd eine Chance." - Cathleen antwortete sehr charmant: "Ich würd das anders ausdrücken, Jule: Ich hab es leichter. An mir bleiben nur die Männer kleben, die auf beste innere Werte stehen. Du hingegen musst dich erstmal auch mit all denen rumschlagen, die nur deine blonden Haare wollen."

Ich nickte zustimmend: "Da könnte was wahres dran sein. Sowas kann manchmal richtig lästig sein." - Markus mischte sich ein: "Na ihr seid ja ein paar lustige Vögel. Ich meine das aber ernst. Wollen wir nicht mal zusammen einen Capuccino trinken gehen?" - Ich erwiderte: "Ich denke, du wohnst in Berlin!" - Markus antwortete: "Noch. Bald in Hamburg. Ich krieg vielleicht einen Job in einem Rehazentrum. Sieht ganz gut aus. Nee, mal im Ernst, ich würde dich gerne mal auf einen Capuccino einladen. Oder einen Tee. Hättest du nicht Lust?" *bagger*

Ich antwortete: "Du kannst mir ja mal eine Mail schreiben, wenn du wieder nach Hamburg kommst. Meine Mailadresse hast du ja - vom Training." - Er sagte: "Ja, das mach ich. Wirklich!" - Cathleen und ich tauschten Blicke aus. Dann schaute er wieder zu den Mitarbeiterinnen, die noch immer beschäftigt waren. "Hier ist ja der Teufel los. Wenigstens Stühle könnten die hier doch mal hinstellen, oder?"

Auch wenn ich den Spruch sonst nicht leiden kann, sagte ich: "Siehst du, da haben wir es einfacher. Wir bringen unsere Stühle immer gleich mit." Mir fiel nichts besseres ein. Ohne zu fragen, ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich plötzlich bei mir auf den Schoß. Ich war völlig perplex und dachte so: Hat der ne Macke? Ich schluckte einmal, dann fragte ich: "Ist es bequem so?" - Er antwortete: "Ja, ja, alles bestens. Sehr bequem." - Cathleen staunte nur und sagte: "Na Jule, da kann ich ja froh sein, dass er sich nicht auf meinen Schoß gesetzt hat. Sonst wärst du bestimmt gleich eifersüchtig geworden." - Ich nickte und sagte mit ironischem Unterton: "Bestimmt!"

Das war, wie gesagt, vor zwei Wochen. Als ich später wieder mit Cathleen im Auto saß, waren wir uns recht einig, dass ich auf diese plumpe Tour überhaupt nicht stehe. Ich mag es gerne etwas diskreter, etwas indirekter, etwas erotischer. Andererseits ist er kein Typ, den ich von der Bettkante schubsen würde. Er ist groß, kräftig, sportlich, hat eine super Figur, sieht gut aus - und wenn er ein Studium abschließt, kann er auch nicht so ganz dumm sein... Auch wenn es für den Job nicht gereicht hat, ich fand ihn beim Training ganz okay. Ich hätte mich mit ihm als Trainer anfreunden können. Die anderen Mädels auch.

Montag hatte ich nun eine Mail bekommen, dass ihm der Capuccino sehr wichtig wäre und er heute wieder in Hamburg sei. Er könne sich vorstellen, dass mich die sehr direkte Anmache in dem Büro des Sportvereins nicht unbedingt "vom Hocker gehauen" hätte, aber er müsse mir sagen, dass er sich schon beim Schwimmtraining unsterblich in mich verliebt, aus beruflichen Gründen aber auf jedwede derartige Andeutungen bewusst verzichtet hätte. Nun, wo er den Job beim Sportverein sowieso nicht bekäme, wollte er mich eigentlich vergessen, das sei ihm aber nicht gelungen. Während er überlegt hätte, wie er mir näher kommen könnte, hätte mich (wer auch immer) direkt zu ihm geführt. Das habe er als Zeichen gesehen: 'Das ist deine Chance. Vielleicht deine einzige. Nutze sie.' Und so habe er sie genutzt, völlig unvorbereitet, sehr zielstrebig, sehr unromantisch. Ja, er gebe es zu, mit der Einladung zum Capuccino verfolge er sehr eindeutige Absichten. Er wünsche sich, dass ich sie zulassen könnte und ihm die Chance geben würde, mich zu überzeugen, dass er auch romantisch sein kann und nicht nur auf meine blonden Haare stehe.

Ich will es mal so deutlich sagen: Ohne diesen Text wäre ich nie mit ihm einen Capuccino trinken gegangen. Ich habe zwar niemandem die Mail gezeigt, aber meinen allerengsten Freunden von dem obigen Text erzählt (es stand noch weit mehr drin), und die haben mir alle zu dem Treffen geraten. Selbst Cathleen. Verlieren könnte ich nichts, nur gewinnen, im schlimmsten Fall an Erfahrung. Ich habe mich bis zu dieser Mail gedanklich nicht damit beschäftigt, dass Markus in mich verliebt sein könnte. Und ein paar Mal habe ich den Gedanken bewusst wegschieben müssen, dass er ein Abenteuer sucht und meine Naivität ausnutzt.

Am Ende meiner tausend Überlegungen habe ich mich entschieden, ihn zu treffen. In einem italienischen Restaurant zum Essen. Ich bereue es nicht. Er hat mir sehr viel erzählt, eine Sache auch, über die ich erstmal nachdenken muss und über die ich heute noch nicht schreiben möchte. Aber insgesamt war es so, dass ich ihn zum Abschied ganz fest in den Arm genommen habe. Dabei gab er mir ein Küßchen auf die Wange. Automatisch, ohne groß nachzudenken, erwiderte ich das bei ihm. Ich habe ihn zurück zum Bahnhof gebracht, da sind wir zuletzt Hand in Hand gegangen. War auf den teilweise ungeräumten Gehwegen zwei, drei Mal etwas beschwerlich, aber es klappte. Am Bahnhof haben wir uns sogar noch ein Küßchen auf den Mund gegeben. Es hat total gekribbelt.

Als er im Zug saß, war ich einerseits froh, wieder Zeit für mich zu haben, um nachdenken zu können, andererseits war das gerade so spannend und toll, dass ich mir insgeheim wünschte, der Zug würde zurückkommen und er wieder aussteigen und es würde weitergehen. Bitte wünscht mir Glück. :)

Dienstag, 21. Dezember 2010

Spontan-Abgang eines Schweinehunds

Haste 5 Minuten Zeit? Vergiss es. Ich habe so viel geschrieben, da brauchste mindestens ne Viertelstunde. Ja is so. Kann ich nix dafür. Aber ich hab vorgewarnt... Achso und Cathleen hat das vorab gelesen und genickt. Geht los:

Schon am Sonntagabend erzählte mir Cathleen, sie würde heute früher ins Bett gehen. Sie bekomme ihre Tage, fühle sich nicht wohl. Eigentlich seien die noch gar nicht wieder dran. Sie hoffte, dass sie am Montag wieder fit sei, denn da würde sie noch eine wichtige Arbeit schreiben. Bei einigen Mitschülerinnen hätte ich jetzt böswillig vermutet, dass sie ihre Regel immer genau passend zu den unangenehmen Klausuren bekommen (einige machen daraus auch keinen Hehl), was allerdings in den meisten Fällen ziemlich schwachsinnig ist, weil es schon zu Beginn des Halbjahres klare Nachschreibetermine gibt. Bei Cathleen weiß ich allerdings, dass sie mir ehrlich sagen würde, wenn sie schwänzt. Warum sollte sie mich anlügen? Insofern hatte ich schon am Sonntagabend ein komisches Gefühl. Wenn Cathleen freiwillig früh ins Bett geht, weil sie sich nicht fühlt, ist wirklich irgendwas nicht in Ordnung.

Am Montagmorgen habe ich kurz bei ihr reingeschaut, da meinte sie, sie hätte Bauchkrämpfe und würde gleich am Vormittag zur Hausärztin fahren. "Schreib mir ne SMS, wie es dir geht!" bat ich sie. Es kam keine SMS. Hatte sie vergessen. Es konnte ihr nicht gut gehen. Als ich mittags wieder zu Hause war, schaute ich als erstes nach ihr, sie lag im Bett, blass, leicht zappelig und unruhig. Sie sagte, die Hausärztin vermute einen Harnwegsinfekt, vielleicht auch eine beginnende Nierenbeckenentzündung. Sie habe ein Antibiotikum aufgeschrieben, das solle sie gleich nehmen, dann werden auch die Schmerzen besser. Wenn es zu schlimm werde, könne sie Buscopan versuchen. Davon habe sie bereits zwei genommen und zusätzlich auch 2 x 500 mg Paracetamol, so sei es "gerade auszuhalten".

"Welches Antibiotikum hast du denn bekommen?" fragte ich. Cathleen antwortete: "Keine Ahnung, das ist bestellt und soll heute abend ab 17 Uhr da sein." Ich erwiderte: "Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Du hast solche Schmerzen, können sie dir denn nicht was anderes geben?" fragte ich. Cathleen fing an zu heulen und schüttelte den Kopf: "Die war so unfreundlich in der Apotheke und ich hatte keine Lust, mich mit ihr zu streiten. Mir geht es einfach nicht gut, verstehst du?"

Ja, verstand ich sofort. "Ich fahr da hin und hol dir was. Sollen die halt was anderes rausgeben oder sonst lass ich mir das Rezept wiedergeben und fahr zu einer anderen Apotheke. Irgendwo wird sich das ja auftreiben lassen." Sie nickte. War mir scheißegal, ob ich da was zuzahlen müsste, Hauptsache, Cathleen quält sich nicht so. Ich schmiss nur meine Schulsachen in mein Zimmer und fuhr sofort wieder los. In der Apotheke geriet ich genau an die Richtige: "Meine Freundin war vorhin hier und Sie haben ein Antibiotikum bestellt. Das wollte ich abholen."

"Um 17 Uhr hatten wir gesagt." - "Ja, das geht nicht. Sie hat starke Schmerzen. Sie braucht jetzt was." - "Da kann ich Ihnen leider nicht helfen." - "Dann würde ich gerne das Rezept wieder mitnehmen und weitere Apotheken abklappern, vielleicht hat es ja jemand da." - "Das hat mit Sicherheit niemand da." - "Ist das denn so was besonderes?" - "Das Medikament nicht, das ist absolut gängig, das hätten wir sogar mehrmals da, aber die Ärztin besteht auf eine bestimmte Firma. Wir hatten in der Praxis angerufen und gefragt, ob wir auch von einer anderen Firma beliefern dürfen, aber das wurde abgelehnt. Es gibt halt gewisse Rabattverträge und Budgetbestimmungen und die Ärzte sind teilweise sehr eingeschränkt in dem, was sie aufschreiben dürfen oder aufschreiben wollen."

Bürokraten-Alarm! Ich fragte: "Wenn ich draufzahle, geben Sie mir dann ein anderes Medikament?" - "Das könnten wir ausnahmsweise machen. Eigentlich darf ich das nicht, aber wenn Ihre Freundin starke Schmerzen hat, schaue ich gerne, welches andere Präparat ich da habe. Das hier von ... kostet beispielsweise 18 Cent mehr." - "Das nehm ich." Zu Hause angekommen, warf Cathleen gleich eine Pille ein - aber nichts passierte. Im Gegenteil. Um 17 Uhr rief ich für Cathleen bei der Hausärztin an, schilderte der Arzthelferin, dass sie heftige Schmerzen habe. Es hieß, sie frage die Ärztin. Zehn Minuten später rief die Arzthelferin zurück, die Ärztin habe gesagt, von Buscopan und Paracetamol 500 könne man bis zu 4 Tabletten pro Tag nehmen, also solle sie noch welche nehmen. Und eine Wärmflasche und heißer Tee täten gut. Als wenn sie das nicht schon lange probiert hätte.

Kurz danach wurde es aber etwas besser. Wahrscheinlich, so dachten wir, zeigt das Antibiotikum erste Wirkung. So etwas dauert ja. Und nicht die Bakterien selbst tun ja weh, sondern die mögliche Entzündung, und die wird ja wiederum nicht vom Antibiotikum selbst bekämpft, zumindest nicht direkt.

Um 20 Uhr hatte ich ihr einen frischen Tee gemacht und brachte ihn ihr aufs Zimmer. Sie sagte, es gehe schon wieder los. Da saß sie allerdings im Rollstuhl. Ich redete einen Moment mit ihr, dann fuhr sie zum Bett, schmiss sich aufs Bett rüber, krümmte sich und rief immer wieder: Aua, aua, aua, das tut so weh, ich halt das nicht aus. Alle anderen Leute waren unterwegs auf irgendwelchen Weihnachtsfeiern. Ich sagte zu ihr, ich rufe jetzt einen Krankenwagen und dann fahr ich mit ihr ins nächste Krankenhaus. Das ist nicht mehr normal. Sie nickte nur, krümmte sich nach wie vor vor Schmerzen.

"Ist Ihre Freundin ansprechbar?" - "Ja, Sie hat aber sehr starke Schmerzen, liegt auf dem Bett und krümmt sich, weiß nicht wie sie liegen soll." - "Seit wann geht das so?" - "Seit einigen Minuten ist es so heftig, Schmerzen hat sie seit gestern abend." - "Hat sich das heute schon ein Arzt angesehen?" - "Ja, die Hausärztin, die vermutet einen Harnwegsinfekt. Aber da waren die Schmerzen noch nicht so heftig." - "Hat sie Schmerzmedikamente mitbekommen?" - "Ja, auch schon genommen. Aber das bringt irgendwie nichts." - "Und können Sie den Hausarzt nicht erreichen?" - "Um 20 Uhr ist da keine Sprechzeit mehr!" - "Dann notieren Sie sich bitte mal die Nummer vom Kassenärztlichen Notdienst..." - "Ich will jetzt hier keine Nummern, meine Freundin gehört ins Krankenhaus und das so schnell wie möglich. Sie krümmt sich vor Schmerzen." - "Ich könnte Ihnen einen Liegend-Transport anbieten, allerdings erst in etwa zweieinhalb bis drei Stunden. Es ist wegen der Glätte sehr viel zu tun. Wenn es nicht unbedingt im Liegen sein muss, versuchen Sie sonst vielleicht ein Taxi? Das könnte echt schneller gehen." Wahnsinn. Wo bin ich hier eigentlich?! Ich legte auf.

"Komm, Cathleen, ich fahr dich ins Krankenhaus. Die haben keinen Wagen frei." Ich googelte schnell das nächst gelegene Krankenhaus mit Not-Aufnahme und Urologie, dann zog ich ihr eine Fleece-Jacke über, setzte sie hinten in mein Auto, Spuck-Eimer in die Hand, denn übel war ihr auch noch, Rollstuhl in den Kofferraum, meinen Rollstuhl auf den Beifahrersitz verladen, Abfahrt. Ihr war irgendwie alles egal. Ich fuhr zum nächsten Krankenhaus, zur Notaufnahme. Da die Behindertenparkplätze nicht geräumt waren, parkte ich direkt auf dem Vorplatz. Sofort kam ein Wachmann raus. "Dort können Sie nicht stehen bleiben." - "Helfen Sie mir mal bitte bei meiner Freundin? Die hat starke Schmerzen und sitzt auch im Rollstuhl." - "Oh ja, Moment, ich hole jemanden her. Warten Sie."

Ich lud meinen Rolli aus, ich lud Cathleens Rolli aus, half ihr beim Umsetzen, dann schob ich sie vor mir her, rein ins Gebäude. Vom Sicherheitstypen keine Spur, von Hilfe auch nicht. Ein anderer Typ in Krawatte saß hinter einem Tresen und zeigte uns den Weg. Durch drei Klapptüren, dann waren wir endlich da. Cathleen erzählte, was los war. Dass sie starke Schmerzen habe. "Können Sie bitte einmal Urin abgeben? Hier in den Becher?" Na klar. Ich rollte mit Cathleen auf das Behinderten-WC, in einem anderen Flur. Cathleen heulte nur noch, sagte alle 20 Sekunden: "Das tut so weh." Mit größter Mühe bekamen wir den Becher halb voll. Als wir wieder an dem Tresen waren, hieß es, wir sollen im Raum 4 warten. "Legen Sie sich bitte auf die Liege. Geht das? Die diensthabende Ärztin kommt gleich."

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam sie dann auch. Sie wollte von Cathleen hören, was los sei. Was sie bisher genommen habe. Im Urin seien keine Entzündungszeichen, aber Blut. Ob sie ihre Tage habe. Das Antibiotikum wirke erst nach einigen Stunden, so ein Harnwegs- oder gar Nierenbeckeninfekt sei quälend, man könne Buscopan nehmen. Das Problem sei, dass kein Urologe mehr im Haus sei. Die diensthabende Urologin müsste von zu Hause kommen. Sie würde sie jetzt mal anrufen.

Nach 10 Minuten kam sie zurück. "Also, wir können Sie stationär aufnehmen, dann bekommen Sie auf der Station noch weitere Schmerzmittel. Morgen früh würde sich ein Urologe dann das alles mal genauer anschauen." - "Morgen früh?" - "Ja, es hat ja heute bereits ein Arzt draufgeschaut und eine sichere Diagnose gestellt. Man muss wirklich abwarten. Die Urologin kommt nicht. Ich kann Ihnen nicht mehr anbieten, als sie aufzunehmen. Es steht Ihnen aber frei, sich morgen beim Chefarzt darüber zu beschweren."

Sie ging wieder raus. Cathleen schaute mich heulend an. Was sollte ich nun bloß mit ihr machen? Das waren ja nicht nur die Schmerzen, sondern auch das dumme Gefühl, dass sich hier etwas entwickelt, was vielleicht morgen früh bereits eine große Katastrophe sein könnte. Alle verließen sich auf die Hausärztin, aber so wie Cathleen das beschrieb, habe sie nicht mal eine Urinkontrolle gemacht. Will ich mich auf so eine Diagnose vom bloßen Anschauen und Beschreiben verlassen?

"Ich bring dich in die Uniklinik", bot ich Cathleen an. Sie nickte. Setzte sich wieder in den Stuhl. Die Ärztin kam wieder rein. "Sollen wir Sie jetzt aufnehmen?" - Cathleen, völlig verzweifelt, schrie sie schluchzend und völlig aufgelöst an: "Ich bin hier hergekommen, weil ich Hilfe brauche. Sie kotzen mich an!" - Die Ärztin blieb ruhig: "Ich kann es auch nicht verstehen, dass die diensthabende Urologin nicht kommt. Aber ich kann es auch nicht ändern. Wie gesagt, Sie können sich morgen beim Chefarzt darüber beschweren."

Als ich sie wieder im Auto hatte und vom Gelände fuhr, hatte ich eine andere Idee. Ich weiß, niemand wünscht sich, nach Feierabend oder so spät in der Nacht (inzwischen war es kurz nach 22 Uhr) gestört zu werden. Andererseits konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie früh ins Bett geht, und wenn, dann soll sie gefälligst ihr Handy ausmachen: Meine Hausärztin hatte mir nach dem ersten Besuch ihre Karte mit Handynummer gegeben. Dort könne ich im Notfall anrufen. War dies ein Notfall?

Ich habe eine Freisprecheinrichtung im Auto. Nach dem fünften Klingeln ging jemand ran. Es lief ein Fernseher im Hintergrund. Sie kling nicht verschlafen. Ich meldete mich, erzählte, dass ich meine Freundin im Auto hätte, die sich vor Schmerzen krümme. Ob ich vorbeikommen dürfe. "Oh, wenn das so heftig ist, fahren Sie vielleicht besser direkt ins nächste Krankenhaus?" - "Da waren wir gerade, die diensthabende Urologin hatte aber keinen Bock, zu kommen. Sie meinte, das reiche noch morgen früh, schließlich habe ihre Hausärztin heute schonmal draufgeschaut. Sie hat aber jetzt die Schmerzen und nicht morgen früh. Darf ich mit ihr zu Ihnen kommen? Bitte!" - "Ich will mir das gerne ansehen, aber wenn das wirklich ein urologischer Notfall ist, kann ich sie mitunter auch nur in die Klinik schicken. Aber dann ruf ich da vorher an. Wann sind Sie hier?" - "In 20 Minuten."

Zwischenzeitlich ging es mal wieder mit Cathleens Schmerzen, kurz bevor wir dort waren, wurde es wieder richtig heftig. Sie war völlig fertig, entschuldigte sich schon bei mir, dass sie so unausstehlich und nörgelig sei und andauernd nur "Aua, ah" und ähnliches vor sich hin stöhnte. Ich fuhr auf die Auffahrt, noch während ich meinen Stuhl auslud, kam die Ärztin aus dem Haus. Machte hinten die Tür auf. Sah Cathleen wie ein Schluck Wasser blass und mit Schweißperlen auf der Stirn und Kotz-Eimer in der Hand halb auf ihrem Sitz liegen. "Oh, Mäuschen, was ist denn hier los? Du hast starke Schmerzen, ich seh das schon. Wir fahren dich jetzt rein, dann kriegst du erstmal was anständiges gegen die Schmerzen, okay? Es ist gleich vorbei. Noch einen Moment tapfer sein, bitte." Ich schob Cathleens Rollstuhl zur Autotür, die Ärztin hob Cathleen halb aus dem Auto raus.

In der Praxis war alles dunkel, nur ein Untersuchungsraum war hell erleuchtet. PC war schon an, Ultraschallgerät auch. "Leg dich mal bitte da drüben auf die Liege. Und dann mach dich bitte frei, auch die Unterhose. BH kannst du anlassen. Darf Jule mit rein?" - Cathleen nickte. - "Wurde denn heute schon ein Ultraschall gemacht?" - Cathleen schüttelte den Kopf. - "Blut abgenommen?" - Cathleen schüttelte weiter den Kopf. - "Kein Blut abgenommen?!" - Cathleen schüttelte immernoch den Kopf. - "Urin untersucht?" - Cahtleen schüttelte weiter den Kopf. - "Aber du warst beim Arzt?" - Cathleen nickte. - "Das ist ja alles unglaublich. Hattest du Fieber? Hast du gekotzt?" - Cathleen schüttelte immernoch den Kopf. - "Ich lege dir jetzt erstmal einen Zugang, damit ich dir Schmerzmittel geben kann. Irgendwelche Allergien oder Unverträglichkeiten bekannt?" - "Penicillin", antwortete Cathleen. "Das tut so weh." - "Ja, Mäuschen, ist gleich vorbei. Es wird gleich besser, ich versprech es dir."

Eine Minute später hatte die Ärztin etliche Röhrchen Blut abgenommen und hatte Cathleen am Tropf hängen. "Du kriegst jetzt von mir Buscopan und Novalgin in die Vene, dann sind die Schmerzen in zwei Minuten weg. Zeig mir mal bitte, wo die Schmerzen genau sind." - Cathleen zeigte auf die linke Niere, auf die Blase, irgendwo dort und überall. Die Ärztin klopfte ihr von hinten gegen die Nieren. Das tat nicht weh, meinte Cathleen. Auch die Wirbelsäule nicht. Dann rief sie irgendwen an. "Kannst du mal bitte runterkommen?"

"Ich möchte ein Ultraschall von den Nieren und der Blase machen", sagte sie. "Und die Windel mach ich mal ab, ähm, dein Urin ist blutig, hast du schon gesehen?" - Cathleen schüttelte den Kopf. Die Ärztin zeigte ihr die Windel und schmiss sie anschließend in den Mülleimer. "Allerdings riecht es nicht nach Infekt", meinte sie. Cathleen lag da wie ein Häufchen Elend. "Das ist mir peinlich", schluchzte sie. So kenn ich sie ja gar nicht. Die Ärztin strich ihr über die Stirn. "Das muss es nicht. Ist alles okay. Es wird gleich besser. Stuhlgang war normal?" - Cathleen nickte.

Die Ärztin rödelte einige Zeit in etlichen Schubladen herum, brachte irgendwelche steril verpackten Sachen mit. Dann fragte sie: "Wirkt das Schmerzmittel schon?" - Cathleen strahlte sie an und nickte: "Ich könnte Sie knuddeln." - Die Ärztin grinste. Dann entnahm sie mit einem Katheter über die Harnröhre den Urin aus der Blase. "Wissen Sie, wenn Ihr Hausarzt Ihnen kein Antibiotikum gegeben hätte, hätte man jetzt eine Kultur anlegen können. Dann wüsste man nach einigen Tagen, ob das Antibiotikum das richtige ist oder ob man es wechseln muss. Jetzt geht es nicht mehr. Jetzt kann man nur hoffen. Ich muss das mal so klar sagen: Bei urologischen Risikopatienten, und dazu gehören eindeutig Querschnittgelähmte, ist sowas unverantwortlich. Bestehen Sie nächstes Mal darauf, dass eine Kultur angelegt wird, bevor Sie die erste Pille schlucken! Er kann ja sofort nach der Entnahme das wahrscheinlichste aufschreiben und damit erstmal anfangen."

Es klopfte an der Tür. Ein Mädchen, schätzungsweise 16, in Schlafklamotten, barfuß, kam rein. Sie saß in einem langsam zu klein werdenden Kinderrollstuhl mit bunten Pferdemotiven auf den Radblenden. Sie sagte schüchtern Hallo. Die Ärztin drückte ihr vier der Röhrchen und einen Zettel in die Hand. "Kannst du mir das bitte bestimmen? Bist mir eine große Hilfe." Cathleen und ich schauten uns an und glaubten, unseren Augen nicht zu trauen. Das Mädel bekam ein Küßchen auf die Stirn und rollte ohne ein Wort zu sagen mit den Röhrchen aus dem Raum. Die Ärztin hatte schon die Sonde vom Ultraschallgerät in der Hand. Sie untersuchte und schaute, dann meinte sie: "Im Ultraschall kann ich nicht viel sehen, außer dass die linke Niere gestaut ist. Das ist nicht schön. Sind Sie eigentlich schwanger?"

Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. Was hat sie da gesehen? Cathleen antwortete cool: "Nicht dass ich wüsste. Ich hatte nicht mal Sex." - "Okay, ich würde nämlich gerne röntgen. Wurden Sie schonmal geröntgt? Haben Sie einen Röntgenpass?" - Hatte Cathleen. Sie durfte auf der Liege liegen bleiben. Die Ärztin schob sie durch die Praxis in einen anderen Raum, wo es dunkel war. Ich fuhr hinterher. Unterwegs kam ich an einer anderen offenen Tür vorbei. In dem hell erleuchteten Raum war das Mädel von eben intensiv beschäftigt. Sie hatte ihre Haare zusammengebunden, hatte eine große Laborbrille, Papiermundschutz, eine große Schürze, die über den Rollstuhl reichte, und Handschuhe an. Vielleicht war sie doch schon älter. Vielleicht machte sie bei ihrer Mutter eine Ausbildung? Oder sie interessierte sich dafür oder war neugierig? Es sah jedenfalls sehr professionell aus.

Ich sollte in den Raum, in dem geröntgt werden sollte, nicht mit rein. Ich wartete draußen auf dem Flur. Ich hätte dem Mädel im Rollstuhl zwar gerne zugeschaut, wollte da aber auch nicht nerven. Also schaute ich mir die Bilder an den Wänden an. Hinter der Schiebetür mit der Aufschrift: "Kein Zutritt, Röntgen" hörte man nur die Stimme der Ärztin. "Tief einatmen. Ausatmen. Nicht mehr atmen." Pieep. "Und normal weiter atmen."

Einen Moment später wurde sie wieder rausgeschoben. Im Behandlungszimmer zurück, schaute sich die Ärztin die Bilder auf dem PC-Monitor an. Röntgengerät mit Netzwerkanschluss? Cool! Bevor irgendwer irgendwas sagen konnte, sagte Cathleen: "Ich glaub, ich muss pinkeln. Ich glaub, es ist dringend." Die Ärztin rollte auf ihrem Bürostuhl zurück, öffnete eine große Schublade. "Wollen Sie sich kathetern?" Cathleen versuchte sich aufgeregt mit den Händen abzustützen. "Oh nein, Scheiße!" - Die Ärztin winkte gleich ab: "Ist Zellstoff drunter, ist nicht schlimm." - Cathleen war das sichtlich unangenehm, versuchte, eine Hand in den Schritt zu pressen. Die Ärztin sagte nur: "Immer ruhig bleiben, kein Grund zur Panik." Cathleen bekam einen knallroten Kopf und fragte nur schüchtern: "Wo kommt denn das alles her?" - "Aus der Niere", sagte die Ärztin, hatte dabei ein Grinsen im Gesicht, als würde sie sich über den Schweinkram auf ihrer Liege freuen.

Sie stellte die Infusion ab. Nahm das Bettlaken, das eben noch über Cathleen zum Zudecken lag, komplett weg und warf es in einen Wäschesack. "Schön liegen bleiben", sagte sie. Dann hob sie Cathleens Beine an und schaute sich die Schweinerei auf der Liege genauestens an. Als würde sie etwas suchen. Dann, plötzlich, sagte sie: "Halten Sie mal Ihre Beine so fest." Ging zu einer Schublade, kam mit einer Pinzette wieder. Griff mit der Pinzette in die inzwischen eingezogene Pfütze, nahm einen kleinen Becher hinzu. Zeigte Cathleen die Pinzette: "Da ist der Übeltäter. Der verdammte Schweinehund. Als Arzt sagt man dazu 'Spontan-Abgang'." Ich verstand nur Bahnhof. Die Ärztin hatte in der Pinzette etwas, das sah aus wie ein Reiskorn, nur höchstens ein Viertel so groß.

"Was ist das?" fragte ich. "Das ist ein Nierenstein! Ein Harnleiterstein, um genauer zu sein. Der wird jetzt verhaftet, eingesperrt und ins Labor geschickt. Dort wird er auf seine Zusammensetzung untersucht. Und dann müssen wir mal schauen, ob wir an Ihren Trink-, Ess- oder Lebensgewohnheiten etwas ändern müssen, oder ob Sie Medikamente nehmen müssen, damit sich solche Steine künftig vermeiden. Der wandert ganz langsam durch den Harnleiter und dabei kommt es zu einer so genannten Nierenkolik. Kolikschmerzen gehören übrigens zu den stärksten Schmerzen überhaupt."

Ich schluckte. Cathleen sagte: "Na das hab ich gemerkt. Und wieso ist der jetzt plötzlich rausgekommen?" - "Nierendruck, leere Blase, krampflösende Medikamente, keine Schmerzen mehr, normales Atmen, keine Schonhaltung, vielleicht hatte er Langeweile oder Licht am Ende des Tunnels gesehen oder keinen Bock mehr. Irgendwas davon. Kann man nicht sagen. Die meisten kommen von alleine. Und das ist auch besser so. Ich zieh Ihnen jetzt die Kanüle, dann kriegen Sie was zum Saubermachen, ich schreibe einen kurzen Brief für Ihren Hausarzt und in der Zwischenzeit dürfen Sie sich anziehen und nach Hause ins Bett. Nach der Strapaze schlafen Sie bestimmt gut."

"Darf ich Sie denn jetzt mal knuddeln? Ich bin Ihnen so dankbar", fragte Cathleen. Die Ärztin ging zu ihr hin. "Na komm her. Oha, zerquetsch mich nicht." - In dem Moment klopfte es und das Mädel kam wieder rein. "Hab hier die Laborwerte. Ich hoffe, sie sind alle richtig. Was ist denn das hier für eine Party?" - Cathleen antwortete vergnügt: "Eine Spontan-Abgangs-Party. Der Schweinehund wurde festgenommen und verhaftet. Er wollte noch fliehen, aber er hatte keine Chance." - "Ah ja", sagte das Mädel, verstand aber wohl auch nur Bahnhof.

"Sag mir bitte mal den Kreatinin-Wert", bat die Mutter ihre Tochter. "Ich weiß nicht, ob das so richtig ist, aber ich hab 2.1 raus", antwortete sie. Die Mutter fragte: "Und das heißt was?" - "Ja viel zu hoch eigentlich. Aber ich wüsste nicht, was ich falsch gemacht haben könnte." - "Nee, das kann schon sein. Wann hat jemand einen hohen Kreatininwert?" - "Nierenversagen?" - "Ja, oder Nierenstau. Meistens. Kann noch andere Ursachen haben, aber meistens Nierenstau. Nein, der Wert kann richtig sein. Ich habe hier ja nochmal vier Röhrchen für das Labor morgen, dann können wir das nochmal vergleichen, aber die hätte ich ja heute abend nicht mehr bekommen. Das wird schon richtig sein. Und das wäre auch ein Wert, wo ich Sie ins Krankenhaus geschickt hätte, wenn der Übeltäter nicht spontan rausgekommen wäre. Da hätte man was tun müssen, da hätte man nicht mehr abwarten dürfen."

"Was hätte man da getan?" - "Wenn die so weit unten liegen wie bei Ihnen, der saß im Röntgenbild noch unmittelbar vor der Blase, dann kann man die meistens nicht mehr zertrümmern. Das wird dann echt haarig und das bedeutet auf jeden Fall einen Eingriff unter Vollnarkose. Nicht witzig. So, ich schreibe jetzt noch kurz den Brief, und dann schmeiß ich euch raus."

"Wenn ich mich jetzt entscheide, nicht mehr zu meinem Hausarzt zu gehen, sondern auch hierher zu kommen, wäre das auch möglich?" - "Sie dürfen Ihren Hausarzt frei wählen. Wenn Sie lieber zu mir kommen wollen, freue ich mich natürlich. Das müssen Sie aber nicht heute abend entscheiden, das können Sie sich ja in Ruhe überlegen." - "Ich glaub, ich möchte gar nicht mehr überlegen." - Das Mädel mischte sich ein: "Meine Mama ist sowieso die Beste." - Ich musste grinsen. Die Mama funkelte ihre Tochter an, fand den Kommentar wohl nicht so passend.

"Ich weiß, es ist spät und so, aber dürfte ich Sie noch was fragen? So als kleinen Deal: Eine Frage anstelle des Briefes? Das ist wirklich was sehr wichtiges und sehr ... naja ... etwas intimes." - "Sollen die beiden mal vor die Tür?" - "Bist du auch Spifi?" fragte Cathleen die Tochter. Die nickte. "Dann kennst du das ja. Nö, können drinnen bleiben. Es geht darum, dass ich zur Zeit keine Blasenmedikamente bekomme, weil mein Hausarzt immernoch auf einen Brief von einem Urologen wartet. Silvester ein Vierteljahr. Ich vertrage Oxybutynin nicht als Tablette, wohl aber Darifenacin. Das darf ich aber nicht kriegen, weil es nicht zugelassen ist, also soll ich mir Oxybutynin in die Blase spritzen. Das will meine Hausärztin aber nicht aufschreiben, bevor sie nicht vom Urologen was schriftliches hat. Ich bin am verzweifeln, weil ich das im Moment überhaupt nicht vernünftig unter Kontrolle kriege." Ich hatte darüber auch schonmal hier geschrieben.

"Wenn Sie sich entscheiden, mich als Hausärztin zu nehmen, schreib ich Ihnen auch das Darifenacin auf", kam die spontane Antwort. "Mal eben so einmalig ginge das allerdings nicht, weil das begründet werden muss." Cathleen guckte verwundert: "Nee nee, ich wollte schon bei Ihnen bleiben. Aber angeblich steht das im Arzneimittelverzeichnis der Kassen nicht drin und deshalb darf das nicht übernommen werden", widersprach sie. Die Ärztin antwortete: "Das ist dummes Gelaber. Die Liste enthält die Medikamente der ersten Wahl. Und die der zweiten Wahl gibt es mit ausführlicher Begründung, warum die erste Wahl nicht ausreicht oder nicht zweckmäßig ist. Darifenacin ist als zweite Wahl bei allen Kassen zugelassen. Ihr Oxybutynin in Spritzenform ist hingegen überhaupt nicht zugelassen. Und trotzdem müsste die Kasse es zahlen, wenn es die einzig sinnvolle Lösung wäre. Kommen Sie denn damit zurecht, sich das Oxybutynin in die Blase zu spritzen?"

Cathleen antwortete: "Naja, kathetern muss ich sowieso. Und ob ich den Katheter sobald nichts mehr kommt rausziehe oder ob ich da noch kurz auf das äußere Ende eine Spritzenampulle draufstecke und deren Inhalt durch den Katheter in die Blase drücke, das ist nun wirklich nicht schlimm." - Die Tochter mischte sich ein: "Ich krieg die auch." - Die Ärztin sagte: "So wie bei Ihnen, Jule, ist das relativ schnuppe. Wenn Sie das vertragen und mit ihrem Kopf alles okay ist, können Sie das auch oben einwerfen. Nur bei Leuten, die schon was mit dem Kopf haben, wie bei Spina bifida mit Hydrocephalus, muss man kein Medikament wählen, was im Kopf Nebenwirkungen macht. Wenn ich meiner Tochter das oral gebe, lebt sie in einer anderen Welt. Und aus demselben Grund würde ich auch ungern das Darifenacin als Tablette geben, weil es ebenso auf den Kopf geht. Geschmeidiger, nicht in der Bandbreite wie das Oxybutynin, aber alle diese Medikamente vermindern als Nebenwirkung einen bestimmten Stoff im Gehirn, den man eigentlich besser nicht vermindert, weil man noch lange nicht erforscht hat, was mit diesem Stoff los ist. Man weiß nur, er spielt bei Alzheimer eine große Rolle. Und vor allem sind diese Medikamente bei angeborener Querschnittlähmung noch nicht langzeiterprobt. Niemand weiß, ob die dauerhafte Reduzierung dieses Stoffes im Gehirn bei Menschen mit eben dieser angeborenen Störung im Alter früher zu Alzheimer führt. Ich behaupte einfach mal: Ja.

Aus dem Grund würde ich, immer wenn es möglich ist, verhindern, dass diese Stoffe in den Blutkreislauf kommen. Sie passieren nämlich auch die Schranke zum Gehirn und wirken dort. Ganz verhindern kann man es nicht, wenn man sie anwendet. Aber es ist ein Unterschied, ob ich sie über den Verdauungstrakt ins Blut gelangen lasse, um sie dann in der Blase wirken zu lassen, oder ob ich sie gleich in die Blase gebe, damit sie dort wirken und nur ganz minimal, in Spuren, in den Blutkreislauf gehen. Genauso würde ich das gegenüber Ihrer Kasse begründen. Und dann werden die das auch nicht ablehnen. Wenn Sie mir aber sagen, Sie möchten lieber Darifenacin, weil Ihnen das andere zu rödelig ist, kriegen Sie auch das von mir."

Cathleen war sich sofort sicher: "Nein, dann möchte ich das mit den Ampullen machen." - "Dann kriegen Sie jetzt von mir ein Rezept und ich faxe dazu morgen was an Ihre Krankenkasse." So einfach kann das gehen.

Ich konnte mir unterdessen nicht verkneifen, die Tochter zu fragen, ob sie eigentlich Rollstuhlsport mache. Sie fahre viel mit dem Handbike, meinte sie. Da der Beitrag schon sehr lang ist, fasse ich es kurz: Sie möchte im nächsten Jahr mal bei unserem Training mitmachen. Erstmal nur schwimmen, später vielleicht mehr, und sie klang sehr interessiert. :)

Sonntag, 19. Dezember 2010

Tief und flach

Ich weiß noch ganz genau, wie es mir ging, als ich nach meinem Unfall im Krankenhaus von der Intensivstation auf die "normale" Station verlegt wurde und mich so langsam an ein Leben im Rollstuhl gewöhnte. Eine ganz, ganz große Angst von mir war damals, dass ich keine Kinder mehr bekommen könnte. Auch wenn ich mir damals keine Gedanken darüber gemacht habe, ob ich jemals Kinder bekommen möchte, so war es für mich absolut wichtig, diese Entscheidung nicht durch diesen Unfall abgenommen bekommen zu haben.

Diese Angst verstärkte sich damals und führte regelrecht zu schlaflosen Nächten, weil ich über ein halbes Jahr meine Regel nicht bekommen hatte. Damals war ich auch noch so schüchtern und so abgefüllt mit unerträglichen Neuigkeiten, dass ich mich nicht getraut habe, einen Arzt zu fragen. Heute bekomme ich meine Regel wieder und inzwischen habe ich auch viele Rollifahrerinnen kennen gelernt, die (auch mit kompletter hoher Querschnittlähmung) völlig gesunde Kinder zur Welt gebracht haben.

Solche Probleme haben andere Teenies natürlich nicht. Die haben andere. Werden vielleicht ungewollt schwanger oder denken das, wenn ihre Regel wegbleibt, bekommen viel zu früh Kinder oder haben alle vier Wochen heftige Unterleibkrämpfe. Was mir zum Glück bisher erspart geblieben ist (bis auf wenige Ausnahmen). Vielleicht durchleben sie auch gerade irgendeine Krise, haben Liebeskummer, Zoff mit den Eltern, werden sehr krank - oder es geht ihnen einfach gut. Wie mir im Moment auch. Ich hoffe und ich wünsche mir, vielleicht zu Weihnachten, vielleicht zum neuen Jahr, dass dieses auch erstmal so bleiben möge. Und das wünsche ich natürlich allen Lesern auf diesem Wege auch.

Genug ernsthaftes für heute. Um ungeschickt vom Tiefen ins Flache zu kommen, möchte ich von einer Sache erzählen, die mir in letzter Zeit verstärkt auffällt und in meinem Köpfchen unlösbare Fragen aufwirft. Wer steckt eigentlich hinter diesem selbstlosen Elternverband, der sich, offenbar aus reiner Nächstenliebe, zusammengeschlossen hat, um für die Verpflichtungen anderer Menschen aufzukommen? Ich finde das ja rührig, gerade in Zeiten, wo sich immer weniger Menschen eine private Haftpflichtversicherung leisten können (wollen).

Wenn zum Beispiel mein Kind auf einen Turm klettert und von dort oben Flaschen runterwirft, weil es so schön scheppert, und dabei aus Versehen einen Spaziergänger trifft, kommt diese Elterngemeinschaft für den Haftpflichtschaden auf. Anscheinend ohne Wenn und Aber. Wenn mein Kind auf eine Baustelle läuft, auf den Kran klettert, von dort oben den Betonmischer anhebt und ihn beim Nachbarn in den Fischteich plumpsen lässt, dito. Es ist doch eigentlich recht praktisch, oder? Dieser Elternverband lässt an solch gefährlichen Stellen Schilder aufstellen, auf denen es heißt: Eltern haften für meine Kinder.

Für ihre eigenen wäre es ja schon Blödsinn, denn, wie Frank gerade erklärte, haften Eltern nur dann, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Wenn das Kind also auf dem Weg zur Schule noch nie auf diesen Turm geklettert ist, es heute, beim 100. Mal aber tut, haften seine Eltern mitunter auch mal nicht. Aber dafür gibt es ja nun diesen Elternverband, denn diese "Eltern haften für Ihre Kinder", also für meine. Oder wer wurde da angesprochen?



Okay okay, ich habe ja schon angekündigt, dass es flach wird. Ich bin aber noch nicht am Boden. Rollstuhlfahrer haben ihre Füße ja auch nie ganz am Boden, sondern auf dem Fußbügel einige Zentimeter über der Erde. Damit sie zur Not über das Niveau hinwegfahren können, falls es flach an der Erde liegt.

In diesem Sinne: Als ich kürzlich durch das Krankenhaus fuhr, in einer Hand meine schmutzigen Socken und in der anderen meine Bierdose, merkte ich mehr und mehr, wie mich dieses "Gepäck" beim Antreiben meines Rollstuhls behinderte. Ich nahm einen letzten tiefen Zug aus der Bierdose, rülpste laut, so dass es von den Wändern widerhallte, knickte die Dose in der Mitte und wollte sie gerade, zusammen mit den dreckigen Socken, im Vorbeifahren vor eine Tür werfen. In letzter Sekunde las ich dieses Schild:


Sorry, ich bin wieder ein Schelm heute. Aber ich habe vor dieser Tür gestanden und kam aus dem Gackern nicht mehr heraus. Die vorbei gehenden Leute müssen gedacht haben, ich hätte meine Pillen nicht genommen (oder zu viel davon). Ich habe dort gestanden und vor meinem inneren Auge lief so ein Film ab, was passiert sein könnte, bevor dieses Schild dort hing:

Irgendeiner ist in dem Raum beschäftigt und alle paar Minuten donnert und scheppert es an der Tür, weil im Vorbeigehen die Angestellten volle stinkende Wäschesäcke, Beutel mit leeren Infusionsflaschen und anderes Zeug dort einfach fallen lassen. Manchmal tritt dieser Mitarbeiter vor die Tür und ihm fallen Berge von Schrott entgegen, über die er erstmal rübersteigen muss, um seine Bude zu verlassen. Ich weiß, einige finden das gar nicht witzig, aber ich bin gerade etwas albern. :)

Samstag, 18. Dezember 2010

Fragen und Antworten

Ich würde sagen, meine Rechnung ist aufgegangen. Recht intensiv habe ich mir zusammen mit Sofie überlegt, wie ich es schaffen kann, dass nicht unter jedem zweiten Posting irgendein Kommentar steht, in dem der Kommentator entweder direkt oder mit List und Tücke versucht, mir irgendetwas zu entlocken, was seinem Fetisch gut tut. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen und sich ständig wiederholend - nur jedes Mal in irgendeiner neuen Verpackung.

Möglichkeiten, Kommentare vor deren Veröffentlichung zu moderieren, fand ich nicht so spannend, denn oft hätte es Stunden oder gar Tage dauern können, bis ich sie freischalte. Einfach, weil ich nicht immer Zeit dafür habe. So etwas macht natürlich jede gewollte Diskussion kaputt.

Die Kommentarfunktion völlig abzuschalten oder nur noch auf registrierte Teilnehmer zu beschränken, fand ich auch doof: Ich möchte ja ausdrücklich Kommentare und Meinungen auf mein Geschreibsel bekommen und lese grundsätzlich alles und denke auch oft darüber nach. Und registrieren kann sich jeder - und jeder gesperrte User immer wieder neu unter neuem Namen. Dann kann man es auch gleich sein lassen (mit der Registrierung).

Nein. Ich musste anders an die Sache herangehen. Wichtig war für mich zu wissen, welche so sonderbare(n) Fantasie(n) einen (oder mehrere) Menschen treibt (oder treiben), ständig immer wieder den Bogen zu völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Fragen über Inkontinenz zu spannen. Und das konnte ich nur in dem Moment und geraderaus erfahren, indem ich demjenigen (oder denjenigen) damit locke, die brennendsten aller Fragen so gut es geht beantwortet zu bekommen.

Letztlich ist, wie gesagt, die Rechnung aufgegangen. Die ständigen Fragen haben aufgehört. Ich kenne das Thema. "Irgendwo reinpinkeln" heißt es, grob zusammengefasst. Unabsichtlich, durch den Verlust von Kontrolle, oder sogar absichtlich. Nun gut, ich kann ja verstehen, dass es einem einen Kick gibt, wenn man so etwas unübliches tut. Als ich halbnackt trainiert habe, war dieses "verbotene", unanständige dabei auch der besondere Kick. Ich würde es sogar spannend finden, wenn einer von unseren knackigen Jungs mir erzählen würde, er hätte so etwas (auch schon) gemacht. Wäre ich anonym, würde ich ihn vielleicht sogar mal fragen. Aber wenn er dann verneint, was bringt es mir, wieder und wieder nachzufragen? Das nervt doch nur!

Diese Fragen bringen hier Unruhe rein. Teilweise waren sie so provozierend gestellt, dass, bevor ich sie löschen konnte, andere Leser geantwortet haben. Diese Antworten musste ich dann, weil sonst der Sinn fehlen würde, auch gleich löschen. Was mir überhaupt keinen Spaß macht. Und ich möchte nicht wissen, wieviele Leute einige provozierende Aussagen dieser "Fishing-Kommentare" für wahre Münze gehalten haben.

Ich habe mich nach intensiver Beratung mit Sofie entschieden, auf die Fragen einzugehen, auch auf die Gefahr hin, dass sie jemand liest und toll findet, der einen entsprechend gelagerten sexuellen Fetisch hat. Bisher verbringt derjenige Stunden damit, meine Texte zu lesen und sich immer wieder neue Fragen auszudenken, um für ihn spannende Antworten zu provozieren. Bei jeder neuen Frage gibt einen neuen Wettbewerb, ob die Frage schlau genug gestellt ist oder ob ich schlau genug bin, die Intention zu erkennen und entsprechend nicht zu antworten. Sofie ist sich sicher (und ich bin es inzwischen auch), dass alleine diese Vorstellungen, dieses Ausformulieren von Fragen und diese Hoffnung auf die entsprechenden Antworten so befriedigend sind, dass es immer und immer wieder zu diesem (für alle anderen Leser nervigen) Phänomen unter meinen Texten kommen wird, wenn es nicht irgendwann eine eindeutige Zäsur gibt. Immerhin geht das Spiel schon mindestens ein Jahr lang.

Also beantworte ich die Fragen. Nicht in Form einer aus Jugendschutzgründen verbotenen erotischen oder gar pornografischen Lektüre (es gab ja schließlich nicht nur Fetisch-Fragen), sondern nüchtern-sachlich in Form eines Aufklärungsbeitrags. Und dazu teilweise noch so durch die Blume geschrieben, dass man sich mit dem Thema Sexualität auskennen muss, um den Text überhaupt zu verstehen. Etliche Fragen jenseits dieser Fetisch-Sache hatten ja durchaus ihren Sinn und waren auch für mich interessant, um darüber nachzudenken, andere habe ich unter "albern" zusammengefasst und nur oberflächlich bis gar nicht beantwortet, und wieder andere dann eben nüchtern-sachlich - und möglicherweise so, dass es die Erwartungen des sexuell motivierten Fragenden enttäuscht: Es ist und bleibt dabei, dass ich, auch über zwei Jahre nach dem Beginn meiner Querschnittlähmung, angepinkelte Hosen widerlich finde. Und kein bißchen angenehm. Insgesamt steht in den Antworten kein großes Geheimnis und überwiegend auch nichts, was nicht auch schonmal Thema in meinem Blog oder irgendwelchen Kommentaren war.

Damit Leute, die das jedoch nicht lesen wollen, nicht im Fließtext damit belästigt werden, gibt es die Seite nur durch einen Klick auf diesen Link.

Freitag, 17. Dezember 2010

Weihnachtsfeier mit Struktur

Heute fand die Weihnachtsfeier aller Hamburger Rolli-Triathleten statt, also waren sowohl die Profis als auch der Nachwuchs, die Trainer, Helfer und Organisatoren eingeladen. Man konnte alleine kommen oder mit einer Begleitung, es gab standardmäßig superleckeren Grünkohl, man konnte aber auch etwas anderes zu essen bekommen.

Das Programm beschränkte sich auf Essen, Quatschen, Austauschen und einigen Bildern bzw. Clips von der letzten Saison an einer Leinwand. Das alles war irgendwie genau richtig und für mein Empfinden bestens gelungen und ich war froh, trotz der unmöglichen Wetterbedingungen dorthin gefahren zu sein. Insgesamt waren über 40 Leute dort.

So eine Veranstaltung will natürlich vorher organisiert werden. Man muss einen Ort finden, an dem man bekocht wird, der rolligerecht zugänglich ist, der Toiletten für Menschen mit Behinderungen hat, der zentral liegt und mit Öffis zu erreichen ist, wo man so ungestört ist, dass man etwas an eine Leinwand werfen kann; es sollte nicht zu teuer und nicht zu billig sein und vor allem: Es muss zwischen den ganzen Weihnachtsfeiern überhaupt noch Kapazitäten geben.

Wenn also darum gebeten wird, dass man sich bis drei Tage vorher verbindlich schriftlich anmeldet und entsprechende Kreuze auf einem vorgefertigten Fax-Vordruck macht oder eine E-Mail schreibt, kann ich einen richtig aggressiven Kotzanfall kriegen, wenn einzelne Leute meinen, das gelte für alle, nur nicht für sie. Nun war man in diesem Jahr schon so schlau und hat den Ort in der Einladung nur annähernd mitgeteilt und erst in der Bestätigung nach der Anmeldung die genaue Adresse, aber es gibt ja immernoch Leute, die dann rumfragen, bis sie die Adresse von anderswo erfahren und dann plötzlich auf der Matte stehen.

Was ja auch überhaupt nicht schlimm wäre, denn jeder soll ja mitfeiern können. Wenn es dann aber so ist, dass aufgrund der Anzahl von Gästen der Inhaber seine eher kleine Lokalität komplett umgeräumt hat, die Hälfte der Tische in den Keller getragen hat, damit mehr Platz für die ganzen Rollis ist, die Hälfte der Stühle rausgeräumt hat, damit Rollifahrer an den Tischen sitzen können, das Essen entsprechend vorbereitet hat anhand der Vormeldungen ("Ich esse Grünkohl" / "Ich esse nach Karte"), mache ich mir so meine Gedanken, dass die eher straffe Organisation durch die Abteilungsleitung durchaus ihren Sinn und ihre Berechtigung hatte.

Und dass es verdammt nochmal nervt, sogar stört, wenn zwei Dutzend Rollifahrer im Schneetreiben und eisigen Wind an einer Hausecke draußen warten müssen, weil für die acht unangemeldeten Personen erstmal wieder neu alles zurechtgepuzzlet werden muss und sich quer durch den Laden alles staut. Es musste im laufenden Betrieb umgeräumt werden, so, dass trotzdem alle Platz haben und zwischendurch zum Klo kommen, so, dass der Beamer trotzdem noch die Leinwand erreicht, so, dass die Bedienung noch überall hinkommt etc. Und so, dass der Wirt sagt: "Hätte ich gewusst, dass 10 Leute mehr kommen, hätten Sie den anderen Raum bekommen. Ich habe Ihnen diesen gegeben, weil er gemütlicher ist."

Nun denn, am Ende hat es doch noch geklappt. Den Grünkohl hatte er normalerweise nicht auf der Speisekarte und nur heute für uns im Programm, weil einige von uns sich das so sehr gewünscht hatten. Vielleicht war es kleinkariert, aber es war ausreichend kommuniziert, dass die Grünkohlportionen abgezählt waren. Nur wer sich für Grünkohl angemeldet hatte, bekam auch einen Teller davon. Alle anderen mussten aus der Karte wählen. Daraus ergibt sich logisch, dass die überhaupt nicht angemeldeten Leute ... richtig: Auch aus der Karte wählen.

Es gibt in unserem Verein Menschen (und in diesem Fall handelte es sich um eine Fußgängerin), die aus Versehen einen großen bunten Salatteller bestellt und aus noch mehr Versehen jemand anderem den Grünkohl wegnimmt. Sich hinterher noch darüber beschwert, dass die Veranstaltung schlecht organisiert war. Nicht ohne Grund schrieb ich von "meinem Empfinden" im zweiten Absatz.

Ich bin froh, dass unsere beiden Vorturner das nicht mitbekommen haben, ich hätte mich geschämt. Dass den beiden diese unangemeldeten Leute sauer aufgestoßen sind, hat man an der wenig diplomatischen Reaktion unseres "Chefs" gemerkt, der auf die Frage, ob auch ein Getränk vom Verein übernommen werde, antwortete: "Es gibt ein Essen und zwei einfache Getränke pro Person. Die Gesamtrechnung zahlen am Ende diejenigen, die nicht angemeldet waren, zu gleichen Teilen."

Ich komme mit solchem Verhalten (wie es die acht "Nachzügler" an den Tag gelegt haben) nicht klar. Ich war noch nie so, auch vor meinem Unfall nicht, und ich kann mir auch nur schwer vorstellen, so zu werden. Ich brauche eine gewisse Struktur in meinem Leben. Das mag eine Nebenwirkung meiner Behinderung sein, es kann auch sein, dass ich langsam immer spießiger werde, aber: Ich brauche sie einfach. Und mich nerven Leute, denen täglich nach dem Aufwachen ganz plötzlich einfällt, dass ein neuer Morgen begonnen hat.

Aber zum Abschluss sei es noch einmal erwähnt: Es war eine gelungene Veranstaltung und ich bin froh, trotz der unmöglichen Wetterbedingungen dorthin gefahren zu sein.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Ronja bleibt

Meine Physiotherapeutin hat, wie sie mir heute erzählte, einen neuen Vertrag bekommen. Sie wird über den 31.12.10 weiterbeschäftigt - und zwar unbefristet. Damit kann sie dann als Schwerbehinderte nur noch gekündigt werden, wenn die Gründe dafür nichts mit ihrer Behinderung zu tun haben. Außerdem bekomme sie ab Januar monatlich rund 350 Euro mehr Gehalt ausgezahlt. Als sie mir das erzählte, bin ich ihr erstmal um den Hals gefallen. "Komm her, lass dich drücken. Ich freue mich riesig für dich!"

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Auf Filzschlappen zum Bäcker

Mir wird ja gerne von meinen Lesern nachgesagt, dass ich irgendwo in meinem Körper einen Magneten versteckt halte, der den ganzen Wahnsinn und alle Chaoten, die es auf dieser Erde gibt, anzieht. Heute war ich zusammen mit Sofie bei einem Onkel, dem sie etwas sperriges vorbeibringen wollte. Ich war also quasi der "Fahrdienst".

Auf der Rückfahrt stehen wir an einer Ampel (etwa 30 Kilometer von Hamburg entfernt), wollen von einer vierspurigen Bundesstraße rechts auf die A7 einbiegen. Es ist dunkel, Schneetreiben, wir sind so ziemlich die einzigen. Im Scheinwerferlicht sehe ich, wie jemand auf der gegenüberliegenden Seite der Einfahrt mit Filzlatschen und dunkler Jogginghose durch den Schnee stapft. Mehr ist nicht zu erkennen.

Sofie sah es im gleichen Moment. Wir schauen uns an, ich mache einmal kurz Fernlicht an, um zu sehen, was das ist. Eine alte Frau, weiße Haare, schneebedeckt, frierend, braune Strickjacke, dunkle Jogginghose, Filzlatschen. Läuft auf dem Seitenstreifen der Bundesstraße, relativ flott, und geht nach links weiter auf die Autobahnabfahrt. Sofie sagt: "Scheiße. Die ist irgendwo weggelaufen. Jule, gib Gas. Hinterher da, die Frau aufhalten. Nicht, dass die da runterläuft und geradewegs vor den nächsten Lkw."

"Wenn diese blöde Ampel mal grün werden würde...", sagte ich. Sofie antwortete: "Scheiß auf die Ampel. Hier ist keiner weit und breit, vorsichtig rüberfahren und gleich dort drüben rein, der Frau hinterher und so halten, dass sie nicht weiterkommt. Mach schon."

Gesagt, getan. Sofie kramte ihr Handy raus. Mit mulmigem Gefühl fuhr ich bei Rot über die Ampel, ganz vorsichtig, um nicht irgendwas zu übersehen, fuhr an der Auffahrt vorbei, bog nach rechts in die Abfahrt ein, gegen die "Einbahnstraße", nach 15 Metern fuhr ich an der Frau vorbei, zog nach ganz links auf den schneebedeckten Grünstreifen, hielt an, machte meine Tür auf. "Hallo!!! Wo wollen Sie denn hin?" - Die Frau lächelte mich an. Ich schaltete erstmal das Warnblinklicht ein und machte den Motor aus. "Sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?"

"Ja ja, ich will zu meinem Mann!", sagte sie und wollte an der Autotür vorbei. Ihre Beine waren blau vor Kälte, das Gesicht war kreidebleich und die Lippen ebenfalls blau, die schien völlig unterkühlt zu sein, kein Wunder, sie war völlig durchnässt von dem Schnee und hatte ja nur wenige Klamotten an.

"Wo ist denn ihr Mann?" fragte ich sie. Sie antwortete: "Auf der Arbeit, der ist Bäcker, aber der hätte schon lange zu Hause sein müssen. Es ist ja schon dunkel!" - Sofie hatte die zündende Idee. "Und wo arbeitet ihr Mann?"

Die Frau nannte irgendeinen Namen. Sofie sagte: "Ah, ich weiß, wo das ist. Schauen Sie, das Wetter ist so schlecht, wir fahren Sie schnell zu ihm hin. Hier im Auto ist es warm, dann sind Sie in 5 Minuten da." - Ich machte hinter mir die Schiebetür auf. Sie nickte, wollte einsteigen. Leichter gesagt als getan bei der Stufenhöhe und der Schneeglätte ... in Filzschlappen. Aber dann packte sie es. "So, setzen Sie sich mal dahin, geht gleich los!"

Ein Auto kam von vorne. Der Fahrer hielt vor uns, quasi Schnauze an Schnauze, schaltete auch das Warnblinklicht an. Stieg aus. Eine Zivilstreife? Nö, ein Wichtigtuer. In unserem Auto brannte Licht, er entschied sich für Sofies Fenster. "Sie stehen hier ja völlig verkehrtrum! Wenn hier einer mit 100 um die Ecke kommt, ist es passiert!" Sofie schloss das Fenster wieder, ohne jeden Kommentar. Erstens kommt hier keiner mit 100 um die Ecke, zweitens hat er lange, lange Zeit, um uns zu sehen und drittens ... hinter uns flackerte Blaulicht. Ein Streifenwagen stellte sich hinter uns. Die waren ja mal richtig schnell.

Der Wichtigtuer schnappte sich gleich die Beamten: "Gleich festnehmen! Das sind Geisterfahrer! Oder zumindest ein Versuch!" - "Jaja, wir kümmern uns ja schon drum, steigen Sie bitte wieder ein und fahren Sie weiter." - "Brauchen Sie noch einen Zeugen? Ich habe es genau gesehen!" - "Nein, die Situation ist ja eindeutig, vielen Dank, fahren Sie bitte weiter. Jetzt."

Eine Polizistin kam an mein Fenster. Ich sagte ihr: "Hallo, wir sind beide Rollstuhlfahrer, sonst wären wir schon ausgestiegen. Die Dame hier hinten wollte in Filzschlappen auf die Autobahn." - "Ja, die ist abgängig seit heute nachmittag. Wir haben sie schon überall gesucht." - "Sie wollte ihren Mann von der Arbeit abholen.", sagte ich. - "Ach herrje", sagte die Beamtin. Machte die Tür auf und rief laut, für Schwerhörige: "Hallo, Frau ..., was machen Sie denn für Sachen? Sie sind ja völlig durchgefroren bei der Kälte. Bleiben Sie mal noch einen kleinen Moment im Warmen sitzen, wir kümmern uns gleich um Sie." Sie wandte sich zu ihrem Kollegen: "Bestellst du mal einen RTW? Die ist völlig unterkühlt."

Während wir warteten, fragte mich die Polizistin: "Darf ich mal Ihren Ausweis sehen? Und wie sind Sie denn überhaupt auf die alte Dame aufmerksam geworden?" - Ich antwortete: "Wir standen da drüben an der Ampel, haben nur die Filzlatschen im Schnee gesehen und wie die hier im Dunkeln auf die Autobahn wollte. Da sind wir gleich hinterher und haben Sie aufgehalten. Die wäre hier mitten auf die Straße gerannt." - "Ja, das haben Sie sehr gut gemacht. Der Kollege hat gerade einen Krankenwagen bestellt, es ist wohl besser, wenn die einmal einem Arzt vorgestellt wird, die ist völlig unterkühlt."

Nun fing die alte Dame zu erzählen an, dass sie mit ihrem Mann heute abend tanzen gehen wollte. Hoffentlich werde ich nie so verwirrt, und wenn doch, dann bekomme ich das hoffentlich nicht mehr mit. Sofie antwortete: "Tanzen gehen? Wo gehen Sie denn da immer hin? Haben Sie da ein schönes Lokal oder gehen Sie in die Disko?" - "Nein, für die Disko sind wir zu alt. Wir gehen immer schön zu ... aus, die haben einen großen Saal, wo man so richtig nah an der Kapelle sitzen kann. Kennen Sie das?" - Sofie antwortete: "Leider nicht. Ich bin noch in dem Alter, wo man in die Disko geht. Da blitzt und blinkt das so schön."

Das war das Stichwort. Der Rettungswagen kam um die Ecke. Eine junge Frau und ein junger Mann stützten die alte Dame, die zu Fuß in das hell erleuchtete Fahrzeug wechselte. Sie fragte nicht mehr, wohin man sie bringt, ob sie tanzen gehen, ob sie ihren Mann abholen. Sie ging einfach nur mit. Die ganzen Fahrzeuge fuhren ab, ich lenkte mein Auto im Rückwärtsgang wieder aus der Abfahrt und bog nebenan auf der richtigen Seite auf die Auffahrt zur A7 ein. Sofie seufzte: "Schon bitter sowas."

Dienstag, 14. Dezember 2010

Pall Mall am Fischmarkt

Es gibt ja diejenigen, die bei diesem Wetter mit extrabreiten Sommerreifen und Heckantrieb unterwegs sind und nach jeder roten Ampel eine halbe Minute brauchen, um auf 30 km/h zu beschleunigen, wobei noch drei Mal das Heck seitlich ausbricht. So einen hatte ich heute in der Elbchaussee stadteinwärts 20 Minuten lang vor mir. Kurz vor der Kreuzung Palmaille/Max-Brauer-Allee wird die Fahrbahn vierspurig. An dieser Stelle entschied sich dieser Fahrer (aus Stuttgart), die linke Spur in Richtung Bahnhof Altona zu wählen. Ich wählte die rechte in Richtung Hafen und gab Gas.

Zwei Sekunden später fiel ihm ein, dass er doch die rechte nehmen wollte. Immerhin hatte er noch gesehen, dass ich dort fuhr. Insofern bremste er und wollte hinter mir rechts einscheren. Was aber einem inzwischen direkt hinter mir fahrenden BMW nicht passte. Dieser gab Gas, wechselte auf nasser, matschiger Straße auf die linke der beiden Linksabbiegerspuren, überholte den Stuttgarter, überholte mich, und scherte dann vor mir ein. Womit er nur nicht rechnete, war, dass mich in diesem Moment auch noch jemand rechts überholte. Und der Rechtsüberholer musste sich ebenfalls beeilen, da seine Fahrspur in 50 Metern enden würde - und ich fuhr 50.

Palmaille heißt ein Ballspiel (auch unter Pall Mall) bekannt, das dem Croquet ähnelt und um 1650 in dieser Straße gespielt worden sein soll. Irgendwas hatte dieser Kamikaze-BMW da wohl missverstanden, denn eigentlich schießt man dabei Kugeln und keine Autos durch die Gegend. Ich sah es schon vor mir scheppern, aber der Rechtsüberholer hatte den Kamikaze-BMW gesehen, bleib rechts und machte eine Vollbremsung, kam wenige Zentimeter vor dem Ende seiner Fahrpur zum Stehen. Ich musste ebenfalls scharf bremsen, ich wusste ja nicht, ob die beiden zusammendonnern. Zum Glück war der Stuttgarter mit seinen Sommerschlappen vorher so langsam geworden, dass er hinter mir zum Stehen kam. Der Kamikaze-BMW fuhr natürlich unbeeindruckt weiter.

Drei Minuten später, am St.-Pauli-Fischmarkt, stand der Kamikaze-BMW an einer abschüssigen Strecke an einer grünen Ampel. Vor ihm ein nagelneuer Passat, dem er hinten draufgefahren war. Nicht doll, aber ... immerhin war er so noch zu seinem Pall-Mall-Spiel gekommen. Gleich den Lappen wegnehmen, so einem Dussel. Fordert die Stinkesocke, die zwar nicht lahmarschig, aber dennoch bedacht bei diesem Wetter fährt und gerne heil ans Ziel kommt.

Montag, 13. Dezember 2010

Die weiße Pest

Seit heute morgen ist das Garagentor, das einer unserer netten neuen Nachbarn in der letzten Woche kaputt gemacht hat, wieder repariert. Dieses Mal ging es wesentlich schneller als im letzten Winter, wo wir wochenlang auf die Beschaffung eines Ersatzteils warten mussten. Nach Murphys Gesetz geht das Ding natürlich immer dann kaputt, wenn man auf das Auto angewiesen ist.

Zur Bahn oder auch nur zum Bus komme ich bei diesem Wetter nicht mehr. Der Grund ist sehr simpel: Es wird, wie auch schon im letzten Winter, nicht geräumt. Es ist lange nicht so schlimm wie im letzten Winter, denn da waren die Wege vereist, doch reichen mir auch schon 10 Zentimeter Schnee auf dem Gehweg, um steckenzubleiben.

Und wenn man heute räumt, dann macht man das nicht mehr wie früher mit einer sich drehenden Bürste, die die ganze weiße Pest zur Seite schleudert, sondern man nimmt einen Schneepflug. Der Schneepflug räumt die obere lose Schicht vor sich her und presst die darunter liegenden Schichten fest zusammen. Schließlich kann man den Schneepflug ja nicht über einen unebenen Gehweg kratzen lassen, dann würde das Ding ja an jeder dritten Gehwegplatte hängen bleiben. Anschließend fährt der schwere Trecker drüber und streut noch ein bißchen Split - voila.

Das größte Problem ist, dass die kleinen Vorderräder so viel punktuellen Druck aufbauen, dass sie in den festgepressten Schnee einsinken und ihn vor sich herschieben. Man müsste quasi ständig auf den beiden Hinterrädern fahren, um voran zu kommen. Da aber auch diese in den Schnee einsinken (nicht so extrem wie die Vorderräder, aber es reicht) und man außerdem für das Fahren auf zwei Rädern ganz viel Fingerspitzengefühl braucht, das man in Handschuhen nicht hat, kommt man allenfalls mühsam, eher gar nicht, vorwärts.

Zwischenzeitlich hatten wir schon mit 5 Rollis vor unserer Haustür die Wege von Schnee und Eis befreit, um wenigstens zu den wegen des defekten Rolltors auf der Straße geparkten Autos zu kommen. Drei Leute mit Schaufel, zwei mit Besen, das klappte recht gut. Wir waren gute 40 Minuten beschäftigt und es hat sehr viel Spaß gemacht. Wer aber glaubt, dass sich spontan noch einige Nachbarn gefunden haben, die mithelfen, irrt.

Dafür waren die Sprüche, die man so im Vorbeigehen absondern muss, umso besser:

"Schön macht ihr das." / "Ihr seid ja ein richtig eingespieltes Schnee-Räumkommando!" / "Da habt ihr euch aber eine sinnvolle Beschäftigung gesucht!"

Immerhin blieb uns der Hausmeister erspart, der noch im letzten Jahr gefragt hat, ob wir bei diesem Wetter denn nun wirklich mit den Rollstühlen vor die Tür müssten! Ungefähr so vorwurfsvoll wie sich mein Vater früher beim Autofahren immer aufgeregt hat, wenn alte Menschen mit Gehwagen an der unübersichtlichsten Stelle über eine vierspurige Straße wackeln mussten, obwohl fünfzig Meter weiter eine Ampel ist. Tja, was denkt der sich eigentlich? Dass wir ohne Rollstuhl rauskrabbeln? Oder dass wir bis zum Frühling in der Wohnung bleiben? Ich bin froh, wenn die weiße Pest endlich ein Ende hat. Und wir haben erst Dezember!

Sonntag, 12. Dezember 2010

Die Wahl der Qual

Mal wieder ein Trainingslager in Hannover! Anmelden konnte sich, wer die Teilnahmegebühr von 200 € selbst bezahlen konnte oder einen Sponsor dafür an der Hand hatte. Von meinen Leuten hatten sich alle, nämlich Nadine, Kristina, Merle, Simone, Yvonne und Cathleen angemeldet. Jana hatte auch Interesse und sehr kurzfristig geklärt, ob sie Vorerfahrungen bräuchte. Equipment könnte sie in meinem Verein ausleihen, aber wenn sie Einsteiger nicht dabei haben wollten, würde sie sich dort ja eher langweilen.

Nein, Anfänger seien auch willkommen. Wir erfuhren aus der Meldeliste, so quasi 48 Stunden vor Abfahrt, dass sich auch Lisa angemeldet hatte, zusammen mit Julia (nein, nicht ich), einem 12 Jahre alten Mädchen aus Niedersachsen, die wir noch nicht kannten. Und Natascha. Bitte was? Achso, nein, es war ja vereinbart, keine dummen Kommentare zu machen. Trotzdem fragte mich Cathleen sofort, wie ich darüber denke, dass sie sich dort anmeldet. Mein einziger Kommentar: "Solange sie mich in Frieden lässt und da keine Show abzieht, ist mir das egal." Und Lotte. Auf Lotte habe ich mich richtig doll gefreut.

Da wir es geschafft hatten, einen Materialtransport zu organisieren (Tatjana fuhr mit dem Vereinsbus und nahm als Trainerin teil), brauchten wir am Freitagabend (bzw. nachts) nur noch unsere Alltagsstühle und die Klamotten unterbringen. Jana schlief auf meinem Beifahrersitz, Cathleen, Simone, Merle und Kristina spielten hinten Bohnanza und die Stinkesocke lenkte, wie könnte es bei meinen sonderbaren Vorlieben und Anziehungskräften auch anders sein, mein Auto direkt in eine Polizeikontrolle. Ein Fahrstreifen war durch eine Hütchenreihe gesperrt, die Geschwindigkeit auf 30 beschränkt, die fünf Autos vor uns durften durchfahren, uns winkten sie natürlich raus.

Eine junge Frau: "Guten Abend, allgemeine Verkehrskontrolle. Bitte einmal den Motor ausmachen und die Innenbeleuchtung an. Fahrzeugschein und Führerschein hätte ich gerne. Vor Fahrtantritt heute irgendwelche alkoholischen Getränke oder Betäubungsmittel zu sich genommen?" - "Nein." - "Mit einem freiwilligen Alkotest einverstanden?" - "Ja." - "Bleiben Sie bitte im Fahrzeug. Einen kleinen Moment bitte."

Sie ging hinter mein Auto, leuchtete mit ihrer Taschenlampe auf meine Papiere und laberte mit einem Kollegen. Dann kam ein zweiter und ein dritter hinzu. Das schien höchst aufregend zu sein! Während die dahinten diskutierten, meinte Jana, die in der Zwischenzeit aufgewacht war: "Kristina, hast du Insulinspritzen im Gepäck? Gib mal welche nach vorne, wenn wir die in die Scheibe legen, ist sicher auch noch ein Drogentest für uns alle fällig." - Kristina, Diabetikerin, antwortete: "Ich habe nur meine Pens dabei." Aus Janas Sicht schade, ich war jetzt schon bedient. Ein Typ leuchtete die ganze Zeit auf der Beifahrerseite in die Fenster.

Die Frau kam zurück: "Was haben Sie denn da für 20 Millionen Auflagen, da muss man sich ja erstmal durchwühlen. Ihre Pedalabdeckung hätte ich gerne mal gesehen." - "Darf ich die Tür öffnen?" - "Ja bitte." Ich zeigte ihr die Pedalabdeckung, mit der die serienmäßigen Fußpedale abgedeckt werden, damit man nicht aus Versehen dort drauftritt (durch eine Spastik oder ähnliches), während man das Auto mit der Hand bedient. "Rein interessehalber: Wie geben Sie eigentlich Gas? Und wie bremsen Sie?" Ich führte ihr das vor. Zu einem Kollegen drehte sie sich um: "Komm mal, guck dir das mal an. Sorry, aber sowas sieht man nicht jeden Tag. Für mich ist es das erste Mal." - "Schon okay", sagte ich.

"Sie sind 18, oder?" - Ich nickte. - "Hatten Sie mal eine Ausnahmegenehmigung vom Mindestalter?" - Ich nickte. Sie nickte auch.

"Kommen wir zum Alkotest", meinte sie. "Kommen Sie bitte einmal mit an das Dienstfahrzeug?" - "Dann müsste meine Begleitung erstmal meinen Rollstuhl aus dem Kofferraum holen." - "Achso, nein, um Gottes Willen, dann hole ich ein mobiles Gerät her. Einen Moment." Einen Moment später kam sie mit so einem Ding in der Hand zurück. "Schonmal gemacht?" - Ich schüttelte den Kopf. - "Das Mundstück auspacken und aufsetzen, das Gerät in beide Hände nehmen, tief einatmen und feste in das Gerät ausatmen, solange bis das Piepen aufhört. Weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, noch ein bißchen, weiter, weiter, danke reicht." Hechel... Einen Moment dauerte es, dann zeigte sie mir das Ergebnis: 0.00. Nichts anderes hatte ich erwartet. "Nullnull, sehr gut. Bitte einmal das Mundstück abziehen. Das können Sie sich zur Erinnerung aufheben oder wegwerfen. Darf ich fragen, woher Sie jetzt kommen?"

"Von zu Hause", antwortete ich. Sie fragte weiter: "Und wohin geht es?" - "Nach Hannover ins Trainingslager." - "Gut. Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Hier sind Ihre Papiere, ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt." Und tschüss. Kurz nach Mitternacht kamen wir ohne weitere Zwischenfälle bei acht Grad unter Null in Hannover an. Und bekamen kein Zimmer mehr in dem Trainingszentrum. Nö, die Hälfte der Leute sei in der nahe gelegenen Jugendherberge untergebracht. Was grundsätzlich kein Problem ist, nur hätten wir, wenn wir das gewusst hätten, gleich einen Kilometer entfernt vor der Jugendherberge geparkt. So mussten wir nach zwei Stunden im mollig warmen Auto durch die eisige Kälte über einen unbeleuchteten Sandweg mit allem Gepäck auf dem Schoß durch die dunkle Nacht. Und dann dauerte es auch noch bis ein Uhr, bis wir unsere Zimmer zugeteilt bekamen.

Nadine, Kristina, Merle, Simone, Cathleen und Yvonne kamen in ein Sechserzimmer, nicht rolligerecht, ich durfte mit Jana, Natascha und einem fremden Mädel aus Niedersachsen in ein Viererzimmer, ebenfalls nicht rolligerecht. Super. Immerhin gelang es uns kurzfristig, das fremde Mädel gegen Lotte einzutauschen, die da unten auch noch herumirrte und endlich ins Bett wollte. Ins Bad kam man nicht, dafür gab es aber auf dem Flur ein Rolli-Klo. Ich schnappte mir einen Schlafanzug und eine Pampers, meine Zahnbürste, Zahnpasta und düste los.

Nur auf das Klo im Flur wollten jetzt 30 Leute zur gleichen Zeit. Immerhin kam nach 3 Minuten jemand auf die geniale Idee, sich mit dem Aufzug auf sechs Etagen aufzuteilen, da in jedem Flur eine Rolli-Toilette war. Da etliche Leute sich kathetern müssen, dauerte es. Jana beispielsweise braucht pro Klogang rund 15 Minuten...

Zu allem Überfluss waren in den Zimmern Etagenbetten, so dass mindestens zwei Personen Turnübungen machen mussten. Dass Jana unten schläft mit einem hohen und kompletten Brustquerschnitt, versteht sich von selbst, dass Natascha oben schläft, ebenso. Also mussten sich nur Lotte und ich einig werden. Am Ende habe mich freiwillig angeboten. Aus dem Klimmzug in den Stütz, die Beine warf mir Lotte hinterher - irre. Lotte wusste nichts von Nataschas Behinderung, ich war gespannt auf ihre Reaktion. Oder vielmehr erstmal darauf, was Natascha ihr erzählen würde. Ich erfuhr es leider nicht.

Am Samstag mussten wir erst um 9 Uhr beim Frühstück sein. Immerhin brauchten wir nicht alle zu duschen, da anschließend Schwimmen auf dem Programm stand. Schließlich gab es in den Flur-WCs auch keine Duschen und in die Waschräume am Zimmer kamen wir ja nicht. Als ich endlich im Wasser war, sah ich zum ersten Mal meine 12jährige Namensvetterin und Lisa. Lisa kam sofort auf mich zugeschwommen und umarmte mich, Julia tat dasselbe, obwohl sie mich überhaupt nicht kannte. "Lisa hat mir schon ganz viel von dir erzählt", strahlte sie mich an. Aha?!

Das Training machte ein Harald. Glatze, Mitte 50, humpelnd. Laut. Militärischer Ton. Wir waren mit 10 Personen in einer 25-Meter-Bahn. Programm: Zuerst 16 Bahnen einschwimmen mit genauem Blick auf die Technik. Dann sofort ein Trainingsprogramm, das es in sich hatte:

200 Meter (8 Bahnen) schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause Rand. Dann wieder 200 Meter schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause am Rand. Nach insgesamt 19 Durchgängen (also 3.800 Metern oder 152 Bahnen) nochmal 15 Sekunden Pause am Rand, dann nochmal 100 Meter locker ausschwimmen.

Super. Ist der nicht ganz dicht? Je nach Behinderung gibt es verschiedene Startklassen. Es wäre ja völlig ungerecht, Leute gegeneinander starten zu lassen, wenn einem lediglich der Fuß fehlt, während der andere ab dem Hals abwärts gelähmt ist. Ich bin aktuell in der Startklasse 6 eingruppiert, wobei die 1 die Klasse mit der stärksten Behinderung ist und die 10 diejenige mit der schwächsten. Der derzeitige Deutsche Rekord für 200 Meter Freistil (50-Meter-Bahn) in meiner Startklasse liegt bei 2:58 Minuten. Bei Merle, die in der Startklasse 5 eingruppiert ist, lag der Deutsche Rekord irgendwo bei 4:30 Minuten.

Daraus ergaben sich zwei Probleme: Keiner würde die vorgegebene Zeit schaffen können und wir müssten uns nicht nur ständig in der Bahn begegnen (was normal ist), sondern uns auch noch ständig überholen. Am Ende wurden wir dann doch in zwei Gruppen aufgeteilt. Die langsamen (S5) mussten am Anfang die Bahnen zählen und immer nach 8 Bahnen den S6ern (und aufwärts) die Trinkflasche reichen, anschließend waren die S5er mit Schwimmen dran und die S6er saßen auf dem Beckenrand und zählten und reichten die Getränke. Die S6er (und aufwärts) bekamen als Vorgabe 3:30 Minuten und die S5er nun doch 5:00 Minuten.

Damit dauerte das Programm der S6er rund 70 Minuten, das Programm der S5er jedoch fast 100 Minuten. Um 10 Uhr war Treffen in der Schwimmhalle, um 14 Uhr durften wir endlich zum Duschen. Ich war nach meinen vier Kilometern schon völlig fertig, aber Merle und Konsorten mussten wir aus dem Wasser ziehen. Die waren am Ende nicht mehr in der Lage, alleine aus dem Becken in den Rollstuhl zu kommen. Harald hatte dazu nur einen Kommentar: "Weich-Eier." Wie niedlich!

Als wir um kurz vor drei endlich in der Kantine waren, gab es selbstverständlich kein Mittagessen mehr, so dass die komplette Hamburger Triathlon-Szene sich vom Nachmittagsprogramm abmeldete und erstmal etwas brauchbares zu essen organisierte. Der Nachwuchs konnte wirklich froh sein, bei Tatjana zu sein.

Am Abend fielen wir kurz vor acht Uhr völlig fertig ins Bett. Heute morgen sollte noch Straßentraining auf dem Programm stehen, da aber die Straße wegen einer anderen Veranstaltung nicht gesperrt werden konnte (und das wusste niemand), sollten wir stattdessen auf der Rolle trainieren. Im Rennrolli, vierzig Kilometer bei bis zu 5% Steigung in höchstens zwei Stunden. Ich bin froh, noch in keinem offiziellen Kader zu sein. Ich habe Harald einen Vogel gezeigt, meine Sachen gepackt und mir zwei Stunden bis zum Mittagessen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Wie ich später erfuhr, hat niemand der Hamburger daran teilgenommen. Lediglich ein paar männliche Athleten aus Niedersachsen und Hessen meinten, ihrem Körper das antun zu müssen.

Freitag, 10. Dezember 2010

Die Qual der Wahl

Die meisten Fotos, die ich unterwegs mache, mache ich mit meinem Handy. Für Schnappschüsse reicht es. Irgendwann hatte ich auch noch eine Kompaktkamera, die mal rund 60 € gekostet, inzwischen aber ihren Geist aufgegeben hat.

Früher, vor meinem Unfall, habe ich bereits gerne fotografiert. Mein Vater hatte eine Spiegelreflexkamera, die allerdings noch Negativfilme belichtet hat, und mit der habe ich gerne regelmäßig Fotos geschossen. Kürzlich suchte eine Freundin von mir, die eine Sportveranstaltung organisiert hat, jemanden, der dazu kommt, lediglich um den ganzen Tag zu fotografieren. Ich habe zugesagt und aus den rund 1.000 Fotos waren durchaus 50 so gut, dass sie veröffentlicht wurden, zwei wurden sogar in einer Zeitschrift zu dem Bericht über diese Sportveranstaltung abgedruckt (Auflage: 75.000).

Die Kamera, die ich benutzt habe, gehörte dieser Freundin. Sie arbeitet bei einem Tageblatt, insofern war es kein billiges Gerät. Es handelte sich um eine D 700. Ich möchte mir eigentlich schon seit einem Jahr eine eigene Spiegelreflexkamera kaufen, schiebe dieses Thema aber immer wieder vor mir her. Vermutlich würde mir das Einstiegsmodell völlig ausreichen, allerdings sind der Sprung zum nächstbesseren oft nur 20 bis 25% des Kaufpreises für die günstige Einsteigerkamera. Außerdem würde ich lieber die eine Marke nehmen, im Handel rät man mir jedoch ständig zur anderen. Grundsätzlich kommen für mich nur die beiden mit den fünf Buchstaben in Frage. Die Qual der Wahl.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Nette neue Nachbarn

Keine Woche, nachdem die andere große Wohnung in diesem Haus nach über einem Jahr Leerstand nun auch an eine Rolli-WG vermietet worden ist (allerdings dort drei Rollis und drei Fußgänger), gibt es bereits den ersten Ärger.

Dass die sich mal vorstellen, kann man erwarten, muss man aber nicht. Ist ja jedem selbst überlassen und der Trend geht ja heutzutage eher zur Anonymität. Dass wir uns mal vorstellen, wurde auch abgelehnt. Sofie hatte Anfang dieser Woche mal geklingelt und "Hallo" gesagt, ist aber gleich mit einem dummen Spruch (an dieser Tür klingelt man nur, wenn es brennt) abgebügelt worden.

Okay. Wie gesagt, die Entscheidung steht ja jedem frei. Heute nun klingelte es bei uns an der Tür. Nein, es brannte nicht... Es war einer der neuen Mitbewohner, der wissen wollte, wem von uns der Viano gehört. "Mir. Was ist denn damit?" fragte ich.

Der müsse umgeparkt werden. Der stehe so, dass er nur sehr schlecht aus seiner Parkbucht käme. Okay, nun wäre das ja kein Problem, da wir ja mehrere Tiefgaragenplätze dort unten haben, diese zu tauschen, wenn dann andere Leute besser mit ihrem Auto nach draußen kommen würden. Nur was mich wunderte: Eigentlich waren sämtliche rollstuhlgerechten Plätze so angeordnet, dass sich keiner mit einem anderen irgendwie ins Gehege kommen könnte. Und mit den "normalen" Plätzen für Fußgänger, den er als Fußgänger wohl bekommen würde, erst recht nicht. "Ich komm mal mit runter", sagte ich.

Unten angekommen wusste ich, warum das so war. Er parkte nicht auf einem der Parkplätze, sondern direkt auf dem gelb schraffierten Weg zum Notausgang. Ich guckte etwas dumm aus der Wäsche und fragte: "Welcher ist denn jetzt Ihr Parkplatz?"

Er antwortete: "Der Vermieter sagte, dass ein Parkplatz zur Wohnung gehört. Das ist der mit der 4 dort. Und wenn ich weitere haben wollte, müsste ich die anmieten. Für Mieter koste das 60 Euro, für Nichtmieter 100 Euro pro Monat. Das ist mir zu teuer, aber ich dachte mir, hier ist ja noch Platz."

"Da ist aber der Notausgang, oder?" fragte ich, in der Hoffnung, er würde seinen Fehler ohne große Diskussion bemerken. Er antwortete: "Ach, Scheiß-Notausgang! Wenn einer hier raus will, nimmt er das Garagentor!" - "Ähm, das wird elektrisch betrieben. Und wenn es brennt und der Strom nicht geht?"

"Warum sollte der Strom nicht gehen, nur weil es brennt?" - "Weil der Brand vielleicht durch einen Kurzschluss ausgelöst worden ist und in der Zwischenzeit ist irgendwo eine Sicherung rausgesprungen?" - "Ich glaube nicht, dass das Garagentor an irgendeiner Sicherung mit dranhängt." Oh. Mein. Gott.

"Zur Not rennt man halt durch das Haus raus.", fügte er hinzu. - "Als Rollstuhlfahrer? Bei Stromausfall? Die Treppe hoch? Ich glaube, der Notausgang hat schon seinen Sinn." - "Kann man nicht das Tor auch entkoppeln?" meinte er und fing an, an der Antriebs-Einheit des Garagentors herumzuspielen. Nachdem er ein paar Mal heftigst daran ruckelte, krachte irgendetwas laut und das Tor konnte von Hand wenige Zentimeter geöffnet werden. "Ist irgendwie bestimmt auch nicht nach Vorschrift", meinte er.

Das tolle ist jetzt nur, dass das Garagentor gar nicht mehr auf geht, auch nicht elektrisch. Und bei dem Schnee ist das Auto die einzige Möglichkeit für mich, aus dem Haus rauszukommen, da ja nirgendwo vernünftig geräumt wird. Naja, am Wochenende soll es ja warm werden und schütten, dann geht der ganze Schnee ja vielleicht weg. Dann komme ich vielleicht auch wieder zur S-Bahn oder zum Bus oder kann mit dem Handbike fahren.

Ich sagte: "Also vor dem Notausgang können Sie nicht stehen. Das hat ja seinen Sinn, dass da eine weitere Tür ist. Ich würde vorschlagen, Sie sprechen nochmal mit dem Vermieter und erklären ihm bei der Gelegenheit auch gleich, was mit dem Garagentor ist. Denn so kommt ja jetzt niemand mehr rein oder raus." - "Och, da ist doch eine Handkurbel in der Ecke, dann drehen wir das erstmal von Hand auf." - "Das hatten wir letzten Winter schon, dann kommt aber jeder Fremde hier rein." - "Man kann die Autos ja abschließen."

Seufz. Ich hab keinen Bock mehr. Wo ist der Sommer? Wo ist mein Strand, mein blaues Meer? Ich will hier raus!!!

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Die fabelhafte Welt der Amelie

Schon in den Herbstferien schrieb ich über Fatma, eine junge Frau im Rollstuhl, die in meinem Jahrgang auftauchte. Nach den Herbstferien hieß es, sie sei krank. Irgendwann erwähnte ein Lehrer, dass sie von der Schule wieder abgemeldet worden sei. Warum und wieso - niemand weiß es. Vielleicht war unsere Skepsis zu unbequem. Da sie nicht mehr schulpflichtig ist, gibt es auch keine Handhabe, dort mal nachzufragen. Vielleicht liegt sie inzwischen tot im Keller, das würde vermutlich nicht mal einer merken. Ich habe keine Möglichkeit, etwas zu unternehmen. Das zu erkennen, schmerzt, das akzeptieren zu müssen, lähmt. Ich könnte kotzen.

Seit dem 29. November geht nun noch jemand in meinen Jahrgang, der eine Behinderung hat. Sie heißt Hannah, hat die Schule gewechselt und sitzt nicht im Rollstuhl. Als sie zum ersten Mal, hinter einem Lehrer hinterhertrottend, in unseren Englischunterricht kam, habe ich sie erst kaum beachtet. Sie ist ungewöhnlich groß, eine lange schwarze Lockenmähne bedeckt ihre Schultern, sie trug eine Jeans und einen grauen Wollpullover, stellte sich brav neben dem Lehrer auf und warf einige ihrer Haare mit einer ruckartigen Kopfbewegung aus dem Gesicht. Ich sah sie nur aus dem Augenwinkel, während ich meinen Papierkram sortierte, und als ich hinschaute und sie ihren Namen sagte und erzählte, woher sie kam, fiel mir nichts weiter auf.

"Neben Jule ist noch ein Platz frei, Fatma kommt ja nicht mehr. Schauen Sie mal, ob Sie mit der Tischhöhe zurecht kommen, sonst sagen Sie Bescheid." Häh? Wieso Tischhöhe? Wieso setzte man sie an einen höhenverstellbaren Tisch? Naja, das war ja nicht das erste, was ich von ihr wissen müsste. Hinter dem Tisch, an dem bislang Fatma in ihrem Rolli gesessen hatte, stand kein Stuhl, dafür stand in der Ecke aber noch einer herum. Hannah zog ihn mit ihrem Fuß aus der Ecke und zog ihn am Fuß neben sich her. Die Metallfüße des Stuhls hatten unten zwar Plastik-Noppen, trotzdem machte das irren Lärm. "So einen Stuhl kann man auch anheben", dachte ich mir ohne hinzuschauen. Irgendwie fehlte ein wichtiges Blatt in meiner Mappe und ich war genervt am Suchen.

Hannah drehte sich mit dem Po zu ihrem Tisch, ging in die Knie, setzte ihren Rucksack ab und strich mit dem Kinn die Träger von den Schultern. Ich sah es, wie gesagt, nur aus dem Augenwinkel. Dann setzte sie sich neben mir auf den Stuhl. Ich suchte immernoch. "Hi, ich heiße Hannah. Wie heißt du?" fragte sie mich. Ich schaute sie kurz an und sagte: "Hi Hannah, ich bin Jule. Sorry, ich bin hier gerade im Stress. Ich suche einen Zettel, denn ich soll gleich etwas vortragen und finde ausgerechnet diesen Zettel nicht." In dem Moment ging der Lehrer raus. Keine Ahnung, wohin, eigentlich hatte es schon zum Unterricht gegongt.

Hannah fragte meine Nachbarin auf der anderen Seite, die ebenfalls im Rolli sitzt: "Sag mal, kannst du mir bitte den Tisch ganz nach unten kurbeln?" - Immernoch den Zettel suchend, dachte ich: "Kannst du das nicht selbst?" Irgendwie ging die mir auf den Wecker. Aber vielleicht war ich auch einfach nur überreizt, weil ich diesen bescheuerten Zettel nicht fand und immer mehr Gefahr lief, 00 Punkte zu kassieren.

Meine Nachbarin kroch halb unter den Tisch und drehte diesen tiefer. Ein paar Mal hörte sie auf, doch Hannah meinte immer wieder: "Geht es noch tiefer? Ganz bis zum Ende, bitte." Irgendwann war er in der tiefsten Position, etwa 35 Zentimeter über dem Fußboden. Endlich fand ich meinen Zettel, schaute auf den Tisch, der 40 Zentimeter tiefer als meiner war, und dachte mir so: "Was soll denn das?! Wie will die denn dadran schreiben?" Während meine Nachbarin wieder hinter ihren Tisch rollte, sah ich, wie sich Hannah die Schuhe auszog. Sie hatte nur so Slipper an. Und grobe Wollsocken, die sie auch noch abstreifte und mit ihren Füßen zu ihren Schuhen schob. Ich sah es, wie gesagt, aus dem Augenwinkel und wusste nicht so ganz, was das werden sollte.

Dann hob sie mit den Beinen ihren Rucksack vom Tisch und zog mit einem Fuß den Reißverschluss auf. Nun schaute ich dann doch mal genauer. Ich hatte den Verdacht, dass sie irgendwas mit dem Rücken oder ihren Armen hatte. Ich schaute nach rechts ... ähm ... welche Arme? Unter ihrer Lockenmähne waren keine Arme zu sehen. Ihr Pullover hatte keine Ärmel, sondern war dort zugenäht. Sie holte ihren Laptop aus dem Rucksack. Mit den nackten Füßen. Stellte es auf den Tisch, klappte ihn auf, schaltete ihn ein. Holte ein dickes Handtuch raus, faltete es auseinander und legte es vor ihren Stuhl. "Ich hasse es, meine nackten Füße auf einen Boden stellen zu müssen, auf dem vorher die Leute mit ihren Hundekacki-Schuhen langgelaufen sind." Sie meldete sich an ihrem PC an. Mit den Füßen. Das alles klappte in einer Geschwindigkeit und Selbstverständlichkeit wie andere das mit den Händen machen. Alle Achtung!

Dass es Menschen gibt, die ohne Arme zur Welt kommen (wie Hannah), war mir zwar bekannt, ich hatte es aber noch nie live gesehen. Im Gegensatz zu den Veränderungen, die beispielsweise durch Contergan hervorgerufen wurden, hat Hannah überhaupt keine Arme und keine Hände oder Finger. Dafür aber völlig unauffällige Füße und von ihrer Größe abgesehen unauffällige Körperproportionen. Sie meint, das völlige Fehlen von Gliedmaßen nenne man "Amelie", und fügte scherzhaft hinzu: "Ich lebe in der fabelhaften Welt der Amelie." Irgendwie hat sie zumindest einen ähnlichen Humor wie ich. Das gefällt mir.

Inzwischen habe ich sie auch schon Autofahren gesehen - während sie sich meine Handbedienung angesehen hat, durfte ich mir ihre Fußlenkung ansehen. Eine Scheibe, groß wie ein Frühstücksteller, auf der wie beim Rennradfahren ein Schuh eingeklickt wird, die in einem Automatikfahrzeug dort angeordnet ist, wo sonst das Kupplungspedal ist. Genial.

Was mich noch ein bißchen nervt, ist, dass sie vom Schwimmen befreit ist, weil sie Hilfe beim Umziehen bräuchte und ihre Assistenzkraft, die morgens in der Pause einmal zur Schule kommt, damit sie auf Klo kommt, da keine Zeit hat. Inzwischen hat sie mich schon gefragt (beziehungsweise ich habe es im Kontext angeboten, als sie bei glatten Straßen auf ihre Assistenzkraft wartete), ob ich mit ihr aufs Klo gehe und ihr einmal den Knopf und den Reißverschluss auf- und hinterher wieder zumachen kann. Vielleicht darf ich ihr ja auch beim Umziehen helfen - wenn sie dann mitschwimmen könnte, würde ich das sehr gerne machen.

Und was mich noch viel mehr nervt, ist, dass einzelne aus den Kursen natürlich erstmal wieder ausloten müssen, ob man sie wegen ihrer Behinderung ärgern kann. Eine wollte gleich wissen, ob sie morgens ihre Brötchen auch mit den Füßen belege. Sie hielt es für ehrliches Interesse und nickte, doch dann kam: "Du stehst also auch auf Nutella mit Käse?" - "Willst du jetzt irgendwas mit Käsefüßen konstruieren? Ich geb dir einen Tipp: Geh nochmal raus, überleg nochmal neu, und dann bringst du was, wofür nicht schon meine Freunde im Kindergarten auf die stille Treppe mussten."

"Okay. Wenn du niesen musst, hältst du dir dann den Fuß vor den Mund? Also kommst du so hoch?" - "Nee, ich mach das anders. Ich such mir aus dem Kurs den blödesten Mitschüler und niese dem mit Anlauf aufs Hemd. Und wenn er beim Lehrer petzen geht, entschuldige ich das mit meiner Behinderung." - "Und was machst du, wenn dir der Mitschüler dafür eine Ohrfeige verpasst?" - "Dann trete ich zurück wie ein Pferd. Willst du dich mit mir prügeln? In der Sporthalle? Auf einer Matte? Sag Bescheid, kann gleich losgehen." - "Nee nee lass mal." - Ob sie das gemacht hätte, weiß ich nicht. Aber anscheinend hat sie mit dem hohlen Satz den richtigen Ton getroffen. Auch wenn ich gegen körperliche Gewalt oder Säbelrasseln bin.