Dienstag, 30. November 2010

Königin der Niederlande

Heute morgen hatten wir ein Schulprojekt in der City. Eigentlich wollten wir uns um 7.30 Uhr im Bahnhof Altona treffen, da aber auf meiner Linie wieder alles drunter und drüber ging, verpätete ich mich. Meine Leute fuhren gerade aus Altona los, als ich am Diebsteich losfuhr, also eine Sekunde zu spät, um umzusteigen. Nun musste ich doch noch den Umweg über Altona nehmen, auch wenn die anderen schon weg waren.

Mit mir in der Bahn war ein junger Mann mit Down-Syndrom. Er fährt öfter auf dieser Strecke, arbeitet scheinbar irgendwo in Altona und jedes Mal, wenn er mich sieht, nimmt er seine Schirmmütze ab, verbeugt sich tief und sagt in seiner nuscheligen, aber lauten Sprache: "Guten Morgen, schöne Frau!" Mehr passiert in aller Regel nicht. Einmal hat er mir erzählt, dass er im Verein schwimmt und sich heute mittag nach der Arbeit beeilen müsse, weil der Sport nicht auf ihn warte. Irgendwie finde ich ihn goldig.

In Altona stiegen wir gemeinsam aus. Er wollte den Bahnhof verlassen, ich wollte gegenüber auf die nächste S-Bahn warten, die hier eingesetzt wird. Eine Traube Polizisten, mit Maschinenpistolen bewaffnet, streifte über den Bahnsteig. Fünf Mann, einer davon schien das zu beaufsichtigen oder sich ein Bild davon zu machen, er trottete in einigem Abstand hinterher und hatte ein Klemmbrett dabei, auf dem er eifrig schrieb. Im Gegensatz zu den anderen Leuten war er wesentlich älter und hatte goldene Sternchen auf seinen Schultern.

Mein "Freund" mit Down-Syndrom lief auf die vier Polizisten zu, verbeugte sich, nahm die Mütze ab und rief: "Guten Morgen! Ich möchte auch Polizist werden." - Einer der Beamten stellte sich stramm auf und sagte im fast schon militärischen Tonfall: "Wie ist Ihr Name, junger Mann?" - Mein "Freund" antwortete, überhaupt nicht schüchtern: "Ich heiße Max, bin 22 und wohne in Hamburg." - Der Polizist antwortete: "Max, ich werde Ihre Bewerbung weitergeben an Herrn Polizeidirektor Jungblut. Der ist bei uns für Personal zuständig." - Max verbeugte sich noch einmal theatralisch und sagte: "Vielen Dank! Ich muss weiter, die Arbeit ruft!" Dann lief er davon.

Ich musste schmunzeln. Inzwischen fuhr die S-Bahn ein, die hier eingesetzt wird. Ich stieg ein und schloss hinter mir die Tür. Im Waggon roch es nach ausgelaufenem Bier. Irgendeiner hatte wenigstens ein Fenster geöffnet. Durch das Fenster verstand ich jedes Wort der Unterhaltung, die die Polizisten draußen führten. Der Typ mit den goldenen Sternchen fragte seinen Kollegen: "Was war das für ein Mann, Müller?" (Keine Ahnung, wie er hieß, es war irgendein Allerweltsname wie Meyer, Müller, Schulze.)

"Ach, nur so ein kleiner Komiker, Chef!" - "Ein Komiker?" fragte der Mann mit den goldenen Sternchen nach, die Hände mit dem Klappbrett hinter dem Rücken verschränkt und mit strengem Blick.

"Ja", fuhr der Polizist fort. "Er will bei uns anfangen. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, erzählt er mir, dass er gerne zur Polizei will. Ich sage ihm dann immer, dass ich seine Bewerbung an Herrn Polizeidirektor Jungblut weiterleiten werde. Dann freut er sich und rennt weiter zur Arbeit. Der arbeitet in den Elbe-Werkstätten."

"Und wer ist dieser Direktor Jungblut?" - "Keine Ahnung, Chef. Ich habe ihn vor ein paar Monaten erfunden." Dieser Chef war mir unsympathisch. Er musterte seinen Kollegen etliche Zeit von oben bis unten. Dann sagte er: "Sagen Sie mal, Müller, halten Sie das eigentlich für einen sensiblen Umgang mit einem behinderten Menschen? Mit einem, den das Leben benachteiligt?"

Der Kollege Müller antwortete: "Naja, vielleicht nicht ganz, aber was soll ich tun? Er spricht mich an, nur um das zu hören. Ich sage ihm das, er ist glücklich und läuft weiter. Was kann ich in dem Augenblick anderes für ihn tun?" - "Zuallererst sollten Sie aufhören, solche Menschen als 'Komiker' zu bezeichnen, ja? Versetzen Sie sich mal in die Lage dieses jungen Mannes."

Der Polizist schloss die Augen, nickte kaum sichtbar und sagte: "Jawohl, Chef." Ich schätze, er wird sich seinen Teil gedacht haben.

Ich finde es nicht verkehrt, dass sich der Chef dafür einsetzt, dass man mit behinderten Menschen anständig umgeht. Gerade behinderte Menschen kommen doch eher mal in eine Notlage, in der sie Hilfe benötigen. Ich kann aber, allen Beschwerdeführern zum Trotz, bisher eindeutig überwiegend positiv von meinen Begegnungen mit der Trachtentruppe berichten. Nicht, dass ich viel Wert darauf lege, mit denen in Kontakt zu kommen, aber wenn es sein musste, habe ich die Leute überwiegend hilfsbereit und freundlich erlebt.

Insofern finde ich es zwar richtig, dass darauf geachtet wird und dass man in dem Verein entsprechend schult, nur sollte man es auch nicht übertreiben. Ich finde, der Herr Müller hat sehr gut reagiert. Er hat ihm keine konkreten Versprechungen gemacht, er ist auf Max eingegangen, der hat sich ernst genommen gefühlt - wenn bloß alle Menschen so reagieren würden wie Herr Müller, wäre ich verdammt glücklich!

Natürlich nimmt er ihn in der Sache nicht wirklich ernst. Und wenn Max fragt, ob er wirklich eine Chance hat, sollte er ihm keine Hoffnung machen. Aber Müller nimmt diesen Menschen ernst. Indem er sich nicht über ihn lustig macht oder sich abwendet, sondern mit ihm 30 Sekunden Smalltalk führt, Max ein gutes Gefühl für einen tollen Start in den Tag gibt, ohne dass er sich einen Zacken aus der Krone gebrochen hat und ohne dass ihm jemand auf den Keks gegangen ist. Das, finde ich, ist sehr wertvoll.

So ähnlich ist es mit Felix, der in einer der Jungendsportgruppen meines Vereins ist. Er erzählt mir regelmäßig, er sei der Heimleiter der Einrichtung, in der er wohnt. Felix hat eine kognitive Einschränkung und sitzt zudem im Rollstuhl. Ich könnte ihm jetzt beweisen, dass er nicht der Heimleiter ist, ich könnte ihn auslachen, ich könnte mich gar nicht mit ihm unterhalten - oder ich nehme ihn ernst. Nicht inhaltlich, denn das kann nicht ernst sein. Aber es kann ein Spiel sein, das ich mitspielen kann. "Heimleiter, okay ... Ich hab davon keine Ahnung, was muss denn so ein Heimleiter den ganzen Tag machen? Das ist doch bestimmt ein harter Job!"

"Ein sehr harter Job. Ich muss so den ganzen Tag im Büro sitzen und Briefe schreiben und stempeln und so. Ich habe ganz viele Stempel in meinem Büro, guck mal, diese hier." Und dann holt er einen Zettel raus, auf dem er mit einem ausgedienten Stempel, auf dem das Wort "Abschrift" steht (wobei das "t" schon fehlt, was vermutlich der Grund ist, warum man den ausrangiert hat) mindestens 100 Mal abgedrückt hat. In meiner Schreibtischschublade lag bis vor kurzem noch ein ausgedienter Datumsstempel. Der ging bis 2009. Ich hab ihm den geschenkt, damit er immmer das Datum stempeln kann - als Erleichterung für sein Büro. Ein paar Wochen später kam sein Vater auf mich zu und meinte, das sei ein großartiges Geschenk gewesen. Jeden Morgen nach dem Aufstehen, hätten die Betreuer der Einrichtung gesagt, müsste als allererstes das richtige Datum eingestellt werden...

Ein anderes Mädchen, ich schätze sie auf 10 bis 12, möchte später einmal Königin der Niederlande werden. Nun weiß ich einerseits, was die Eltern ständig im Fernsehen schauen, andererseits, was uns in den nächsten Jahren noch erwartet...

Montag, 29. November 2010

Frustrierte Behinderte

Vor genau einer Woche habe ich bei unserem Vermieter angerufen. Nein, nicht wegen der Frage, wann Jana endlich einziehen darf, das liegt ja nicht an ihm, sondern am Wohnungsamt (ja, immernoch), sondern weil die Sammel-Entlüftung des Hauses defekt ist.

In den Küchen gibt es Dunst-Abzugshauben und in einigen Bädern Abluftschächte, die alle zusammen in einen Raum geführt werden, in dem ein riesiger Ventilator steht, der den gesammelten Mief nach draußen befördert. Dieser Raum befindet sich unter dem Dach des Hauses. Und aus diesem Raum kommen seit einiger Zeit merkwürdige Geräusche. Ein unregelmäßiges Stampfen, durchschnittlich einmal pro Minute, manchmal über zwei Minuten gar nicht, dann wieder im Abstand von fünf Sekunden drei, vier Mal hintereinander. Es dröhnt durch das ganze Haus und hört sich an, als würde beispielsweise eine Aufzugskabine auf einen Gummipuffer im Schachtsockel auffahren und die dabei entstehenden Schwingungen durch irgendwelche Metallträger durch den ganzen Schacht übertragen werden. Irgendetwas hydraulisches, schweres, das fest an Metallträgern angebracht ist und unregelmäßig wiederkehrend finale Bewegungen macht.

An der verschlossenen Metalltür zu dem Raum steht ein Schild, das auf einen elektrischen Betriebsraum hinweist. Die Geräusche kommen sicher aus diesem Raum, wenn man direkt davor steht, hört man passend zu diesem Stampfen lautes Klacken. Als würde ein großes Relais schalten. Klick-Klack, Bumm, Klick-Klack. Und dann wieder eine Zeitlang nichts, dann wieder Klick-Klack, Bumm, Klick-Klack. Tag und Nacht, permanent. Und dieses "Bumm" hört man durch das ganze Haus. Nervtötend. Die Lüftung funktioniert ansonsten jedoch einwandfrei.

Wie gesagt, vor einer Woche hatte ich bereits beim Vermieter angerufen. Da dieses Geräusch nicht aufhört, dachte ich mir, frage ich mal nach, wann man mit einer Reparatur rechnen kann.

"Welche Entlüftungsanlage?" - "Na, ich hatte vor einer Woche bei Ihnen angerufen, weil hier im Haus [...] die Entlüftungsanlage defekt ist. Aus dem Raum, in dem der Lüfter steht, kommen laute Geräusche, die sehr stören." - "Hatten Sie da schonmal angerufen?" - "Ja, wie gesagt, vor genau einer Woche." - "Moment mal."

Wartemusik.

"Hören Sie? Da war der Hausmeister vor Ort, der hat aber nichts feststellen können." - "Hm. Und nun?" - "Was 'und nun'?" - "Naja, wie geht das jetzt weiter?" - "Ich verstehe nicht ganz." - "Es geht um die Entlüftung hier im Haus, da ist irgendwas defekt." - "Ja, das sagten Sie bereits." - "Ja, und ich fände es gut, wenn das repariert werden könnte." - "Ja, wie ich Ihnen schon sagte, der Hausmeister war vor Ort und hat keinen Fehler feststellen können."

"Ja, nur damit ist das Problem ja jetzt nicht gelöst." - "Komisch ist nur, dass Sie die einzigen sind, die glauben, dass da etwas defekt ist. Der Hausmeister hat die Entlüftung bei Ihrer Nachbarin kontrolliert, die funktioniert einwandfrei. Und Sie hängen an demselben Strang." - "Es geht ja nicht um die Entlüftung..."

Sie unterbrach mich. "Nicht? Ich denke, davon reden wir die ganze Zeit. Sie wissen aber schon, warum Sie hier anrufen?" - "Nun werden Sie mal nicht frech." Im Hintergrund hörte ich jemanden "Na, na!" sagen. Die schien besonders kiebig zu sein. Ich fuhr fort: "Es geht nicht darum, ob die Luft aus der Wohnung gesogen wird, das funktioniert einwandfrei. Es geht um das Gerät, das unter dem Dach steht, das ist defekt und macht laute Geräusche. Und das nervt." - "Ja, wie schon gesagt, der Hausmeister hat sich das angesehen und konnte keinen Fehler feststellen. Wir können da leider nichts machen."

"Naja, wir waren doch oben mit mehreren Leuten und haben das gehört, dass das eindeutig aus diesem Raum kommt." - "Sie kommen da oben doch gar nicht rein." - "Man hört es laut und deutlich im Hausflur!" - "Ja, wie gesagt, der Hausmeister war dort und hat nichts feststellen können." - "Der hätte doch mal klingeln können und dann wären wir dort gemeinsam hochgefahren. War er denn in dem Raum drin? Dann hätte er das doch hören müssen." - "Ich gehe schon davon aus, dass der Herr ... seine Arbeit ordentlich macht. Hören Sie, wir haben hier wirklich viel zu tun. Die Lüftungsanlage ist in Ordnung, mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."

Dann wurde der Hörer unsanft aufgelegt. Normalerweise (ISDN) erübrigt sich damit das Auflegen für mich. Im Display erscheint für 3 Sekunden "hat aufgelegt", dann legt mein Telefon automatisch auf und ich erspare mir das Drücken der roten Taste (schnurloses Telefon). Nur dieser Hinweis kam nicht. Wollte sie mir noch etwas sagen oder hatte sie das Telefon weitergereicht? Ich lauschte noch einmal in den Hörer und wurde unfreiwillig Zeuge, wie die Kollegin, die kurz zuvor schon "Na, na!" gesagt hatte, die Mitarbeiterin ziemlich ruppig zusammenfaltete.

"Sag mal, weißt du eigentlich, mit wem du da gerade telefoniert hast?" - Eine dritte Stimme sagte: "Mensch, Karin, lass sie leben, sie fällt noch unters Jugendschutzgesetz." - "Ist mir doch egal, unter was sie fällt. Aber ich finde es zum Kotzen, so mit einer Kundin zu sprechen, die bei uns anruft, weil sie möchte, dass wir ihr helfen. Und dann sowas, ich könnte dich, du." - "Ich habe doch extra im Hausmeisterbuch nachgeguckt und da steht 'vor Ort keine Feststellungen'. Ich dachte doch bloß..." - "Du dachtest? Wenn du gedacht hättest, hättest du nicht so einen Scheiß gebaut! Weißt du eigentlich wer das ist? Das ist eine 18 Jahre alte Frau, sitzt im Rollstuhl, und sie wohnt in einer unserer Wohnungen. Und sie zahlt dein Gehalt. Selbst wenn der Hausmeister da vor Ort nichts gefunden hat, dann muss der da eben noch einmal rausfahren und sich das zeigen lassen! Du kannst sie doch aber nicht so behandeln als wäre sie bescheuert!" - "Der Chef hat gesagt, wir sollen keine unnützen Kosten verursachen." - "Richtig. Und unnütze Kosten wären zum Beispiel, wenn sie ihre Miete um 50% kürzt, weil sie nachts kein Auge mehr zukriegt. Da wohnt ein Anwalt mit in der Wohnung. Die Leute sind doch nicht dumm!" - "Der Hausmeister war aber schon da! Hier steht es! 'Vor Ort keine Feststellungen.' Was ist denn, wenn da wirklich nichts ist und die sich das nur ausdenkt, um sich wichtig zu machen oder weil sie frustriert ist wegen ihrer Behinderung und einfach was sucht zum Rummeckern?" - "Dann gibst du dem Chef einen Hinweis, dass du glaubst, dass das so ist, und dann soll der entscheiden, wie es weitergeht. Dir steht so eine Entscheidung nicht zu. Und jetzt rufst du da an und entschuldigst dich, von mir aus sag ihr, du hattest gerade zu viel auf einmal zu tun, und da kommt selbstverständlich der Hausmeister nochmal raus! Und dann soll er dort klingeln und sie ihm das zeigen."

Spätestens jetzt war es an der Zeit, aufzulegen. Das Gespräch war nicht für mich bestimmt, aber wenn schon weltweit geheime Daten an die Öffentlichkeit gelangen ... hatte dieses "Leck" immerhin den Nutzen, dass ich nicht umsonst zwei Stunden lang eine böse Mail an ihren Chef schreiben musste. Die Auszubildende (?) entschuldigte sich zwar nicht telefonisch, dafür stand aber eine Stunde später der Hausmeister auf der Matte. Und zeigte mir ein Dokument, auf dem stand: "Entlüftung prüfen." Nicht mehr, nicht weniger. Er sagte: "Das habe ich beim ersten Mal mitbekommen. Ich habe in der Nachbarwohnung geschaut, bei Euch war niemand zu Hause. Dass es um Geräusche aus dem Raum oben ging, konnte ich ja nicht riechen."

Wir fuhren gemeinsam nach oben. Als er die Tür öffnete, hörte man schon das Klicken und das Stampfen, das durch das ganze Haus dröhnte. Es handelte sich um einen mechanischen Verschluss, der durch eine elektrisch gesteuerte Hydraulik offen gehalten wird. Bei Ausfall der Lüftung oder bei Auslösen der Brandmeldeanlage / Rauchmelder werde die Stromzufuhr unterbrochen, der Druck der Hydraulik sinke schlagartig ab und die Verschlussklappe falle durch eine mechanische Feder zu. Dadurch werde sichergestellt, dass bei einem Brand kein Kamineffekt entstehe. Diese Hydraulik überprüfe sich einmal pro Tag von selbst durch Schließen und Öffnen der Klappe und immer dann, wenn eine Lichtschranke anzeige, dass sich etwas in der Öffnung befinde, führe diese Klappe ebenfalls einen Selbsttest durch. Um zu prüfen, ob im Brandfall alles funktioniere oder ob das vielleicht verschmutzt ist oder sich Tiere dort hinein verirrt haben. Wenn das nicht funktioniert, werde das optisch und akustisch im Treppenhaus signalisiert. Nun müsse man prüfen, warum diese Anlage diesen Selbsttest ständig durchführe - das ist das Geräusch, was man im ganzen Haus höre. Wenn diese Klappe zufalle und sich dann hydraulisch wieder öffne. Das passiere innerhalb von Sekundenbruchteilen.

Der Hausmeister schaltete den ganzen Kram aus und öffnete das dazugehörige Aggregat - und stellte sehr schnell fest, dass sich ein Stück Papier in der Lichtschranke verfangen hatte. Immer wenn das durch die Lichtschranke wedelte, führte die Anlage diesen Selbsttest durch, um zu prüfen, ob sich die Klappe schließen ließ. Und nun, als der Hausmeister diesen Fetzen entfernt hatte, lief alles wieder wie am Schnürchen. Und ich werde die erste Nacht wieder ohne Störung schlafen können. So viel zum Thema "frustrierte Behinderte". Diese Auszubildende kann froh sein, dass ihre Kollegin sie schon zur Schnecke gemacht hat. Dadurch bleibt mir das erspart.

Sonntag, 28. November 2010

Keine Sozialeinrichtung

Von einer anderen Rollifahrerin hatten wir den Tipp bekommen, zum Schwimmen und Saunen eine etwa 60 Kilometer entfernte Therme zu besuchen. Sie sei für Rollstuhlfahrer optimal, vom Preis okay, die lange Anfahrt würde sich lohnen. Da ich im Winter inzwischen gerne mit einigen Leuten in die Sauna gehe, wollte ich es ausprobieren. Sofie und Jana wollten auch mit.

Also sind wir heute am späten Vormittag aufgebrochen. Die Straßen waren frei, wir haben es sofort gefunden, und tatsächlich: Fünf Rolliparkplätze direkt vor dem Eingang. Besser konnte es kaum sein. Zwei waren noch frei, drei allerdings von Leuten ohne Ausweis belegt. Ich entschied mich für den ganz linken, dann habe ich wenigstens die Garantie, dass sich links neben mir niemand mehr in 10 Zentimeter Abstand neben meine Fahrertür stellt.

Ich hatte gerade meinen Rollstuhl ausgeladen, war nach hinten gerollt, um die anderen beiden Rollstühle aus dem Kofferraum zu holen, als rechts neben uns der letzte freie Rolliplatz belegt wurde. Zwei Frauen stiegen aus, um die 70. Sie parkten auf der Trennlinie zwischen "ihrem" Parkplatz und "meinem", so dicht, dass Jana und Sofie nicht mehr aus dem Auto kommen würden. Ich sprach die Fahrerin an: "Entschuldigung, so dicht dran, wie sie jetzt stehen, kommen meine Leute jetzt aber nicht mehr aus dem Auto." - Prompt kam die Antwort: "Die können doch rüberkrabbeln."

Ey hallo? "Ähm, würden Sie Ihr Auto bitte ein bißchen weiter weg parken? Das sind Behindertenplätze und es hat seinen Grund, dass die etwas breiter sind. Wir können so nicht mehr ein- und aussteigen." Das interessierte die nicht! Die gingen ohne mit der Wimper zu zucken in das Schwimmbad, ich stand doof da mit offenem Mund und schaute hinterher. Ich hob Janas Rollstuhl wieder in den Kofferraum, schmiss die Klappe zu, düste hinter den Frauen hinterher. Direkt vor der Kasse holte ich sie ein. "Entschuldigung, Sie haben mich gerade eingeparkt, wären Sie bitte jetzt mal so freundlich und würden Ihr Auto umparken?" - Sie ignorierte mich weiter. Ich stellte mich ihr direkt in den Weg. "Hallo!!!"

Sie wandte sich an die Dame an der Kasse: "Behinderte sollten nicht Autofahren. Da kommt nichts bei raus." Sie blinzelte der Kassiererin zu. Jede Wette, die kannten sich gut. "Zwei Tageskarten mit Sauna bitte." Und die Frau an der Kasse sagte natürlich nichts. Sondern händigte ihr die zwei Karten aus, die beiden trotteten um mich herum und ließen mich stehen. Ich fuhr wieder zum Auto zurück, stieg wieder ein. Sofie fragte: "Was ist denn jetzt mit der Tante da?" - "Behinderte sollten nicht Autofahren, dabei kommt nichts raus." - "Hat sie gesagt?" - "Nicht zu mir, zu der Kassiererin." - "Und was sagt die?" - "Nix, die hat ihr die Karten ausgehändigt und nun saunt man." - "Nee." - "Doch." - "Ich glaubs nicht. Hat die überhaupt einen Ausweis?" - "Nö, aber ist ja ein Privatparkplatz, solange es den Eigentümer nicht stört, kann sie da ja parken wie sie will." - "Ich hab schon wieder die Schnauze voll."

Also fuhren wir wieder vom Parkplatz runter auf einen anderen Parkplatz, wo noch weitere Behindi-Plätze frei waren. Zwanzig Minuten hat uns das Theater gekostet. Dann standen wir endlich an der Kasse. "Na, haben Sie noch einen anderen Parkplatz gefunden?" fragte die Frau an der Kasse und grinste breit.

"Ja, nur die Frau hat uns eingeparkt, als wir schon beim Aussteigen waren. Dadurch durften wir alles wieder einladen und uns einen neuen Parkplatz suchen, nur weil sie ohne Ausweis über zwei Parkplätze parkt." - "Jetzt haben Sie ja einen. Wir möchten hier keine Aufregung, verstehen Sie?" - "Naja, an mir liegt das nicht!" - "An mir auch nicht, ich habe einen Parkplatz. Seit heute früh um Acht." Es war sinnlos.

"Drei Rollstuhlfahrer mit Sauna bitte, als Tageskarte." - "Wo ist denn Ihre Begleitung?" - "Haben wir nicht, wir kommen so zurecht." - "Sie müssten schon eine Begleitung mit rein nehmen, ohne Begleitung schaffen Sie das nicht." - "Was schaffen wir nicht?" - "Sie sind ohne Begleitung nicht mobil im Nassbereich und unser Personal hat am Sonntag keine Zeit dafür." - "Eine Freundin von uns sitzt auch im Rollstuhl und kommt hier regelmäßig, auch ohne Begleitung. Sie sagt, das sei kein Problem." - "Das ist dann Ihre Entscheidung, ich habe Sie gewarnt. Wir können Ihnen leider nicht behilflich sein." - "Ja, ist okay. Wollen Sie die Ausweise sehen?"

"Wofür? Ermäßigung gibt es nicht, wir sind ein privates Schwimmbad und keine Sozialeinrichtung." - Sofie konterte: "Sie meinen, Sie behandeln alle Gäste gleich?" - Die Frau guckte grimmig. Wir zahlten den normalen Hochsaison-Preis für drei Tageskarten mit Sauna, bekamen unsere Chips und durften hinein. Die Rollstuhlkabine war verschlossen, jemand zog sich darin um. Also warteten wir. Nach 20 Minuten klopfte Sofie: "Entschuldigung, wie lange wird es noch dauern?" - Keine Antwort. Aber es zog sich jemand darin um, das konnte man bei einem Blick unter die Tür sehen. Vielleicht waren diejenigen gehörlos? Wir warteten nochmal 10 Minuten, klopften noch einmal, keine Reaktion. Eine halbe Stunde brauchte eigentlich kaum jemand, vielleicht war etwas passiert? Wir rollten zurück zur Kasse: "Die einzige Behindertenumkleide ist seit über 30 Minuten belegt, könnten Sie da vielleicht mal nach dem Rechten schauen lassen?" - "Außer Ihnen sind noch andere behinderte Gäste hier, die dürfen sich in Ruhe umziehen. Wie ich schonmal sagte, wir wollen hier keine Aufregung." - "Haben Sie noch eine andere große Kabine für uns? Gruppenumkleide oder so etwas?" - "Wir sind eine Therme, kein Schulbad."

"Vergiss es", murmelte mir Sofie zu. Jana schüttelte inzwischen nur noch den Kopf. Als wir wieder an der Kabine waren, war sie frei. Also alle rein, umziehen. Dafür war nun die einzige Dusche und das einzige Behindi-WC besetzt. Nach 20 Minuten Warten gingen wir ungeduscht durch eine Nebentür. Wir hatten ja morgens zu Hause geduscht und andere Leute duschen auch nicht. Der gute Wille war ja da. Nach einer Runde Schwimmen fuhren wir in den Saunabereich, zogen unsere Badesachen aus, Handtuch umgewickelt, wollten raus durch die Minusgrade zur Sauna - Fehlanzeige. Die Tür war verschlossen. Nur der Weg über die Stufen war geöffnet, der über die Rampe jedoch nicht. "Da können Sie leider nicht raus, die Rampe ist spiegelglatt", ließ uns die Mitarbeiterin wissen, die dort Aufsicht machte.

"Und nun?" fragte ich. Die Antwort kam prompt: "Haben Sie keine Begleitung dabei, die Sie eben die Stufen runterwuchten kann?" - "Runterwuchten?" fragte ich stirnrunzelnd. Ich bin doch kein Möbelstück auf einer Sackkarre. Oder habe ich etwa Übergewicht?

"Weißt Du was?" fragte Jana. "Ich würde sagen, wir ziehen uns wieder an, fahren nach Hause, kochen was schönes und legen uns zusammen vor den Fernseher. Ich wollte einen entspannten Sonntag, und das hier tut mir nicht gut." Sofie nickte. Jetzt hatte ich mich so auf die Sauna gefreut! Vermutlich die anderen beiden auch, aber ich konnte Jana gut verstehen. Es gibt Dinge, die muss man sich einfach nicht antun.

Die einzige rolligerechte Dusche war immernoch belegt (oder vielleicht auch außer Betrieb), also zogen wir uns ungeduscht wieder an und verließen auf dem kürzesten Weg das Schwimmbad. "Dann hätten Sie ja auch für 90 Minuten lösen können", beriet uns die Frau an der Kasse. Sofie antwortete: "Ich würde sagen, Sie erstatten einmal komplett alle drei Karten. Ihre Sauna ist ja nur über Stufen zu erreichen heute - wegen Glätte. Darauf hätten Sie uns beim Lösen der Karte aufmerksam machen müssen." - "Ich habe doch gesagt, dass Sie nicht ohne Begleitung zurecht kommen. Aber Sie mussten ja alles besser wissen. Scheint eine Krankheit zu sein. Bei Rollstuhlfahrern." - Antwort von Sofie: "Noch ein Wort und ich kotz Ihnen auf die Theke. Schönen Tag noch."

Immerhin hatte uns auf dem Rückweg niemand eingeparkt. Als wir alle wieder zu Hause waren, entschieden wir uns für super leckeren Obstsalat. Und einen netten DVD-Abend. Eins ist sicher: Diese Therme sieht uns nicht wieder. Da lobe ich mir doch das Ding, in das wir sonst immer fahren. Da ist man freundlich und zuvorkommend.

Mittwoch, 24. November 2010

Kurve zu hoch

Die EU hat im Oktober 2007 eine Verordnung herausgebracht, in der es um die Rechte und Pflichten von Fahrgästen im Eisenbahnverkehr geht. Darin heißt es in Artikel 19 ("Anspruch auf Beförderung") unter anderem: "Die Eisenbahnunternehmen und die Bahnhofsbetreiber stellen unter aktiver Beteiligung der Vertretungsorganisationen von Personen mit Behinderungen und Personen mit eingeschränkter Mobilität nicht diskriminierende Zugangsregeln für die Beförderung von Personen mit Behinderungen und Personen mit eingeschränkter Mobilität auf."

Wenn ich von meiner Physiotherapie aus der Klinik zurück nach Hause fahre, nehme ich gerne den Regionalexpress (sofern ich nicht mit dem Auto fahre). Dort wird man als Rollifahrer aber seit etwa einem halben Jahr konsequent nicht mehr mitgenommen. Lediglich mit dem Hinweis, dass es verboten sei. Auf Franks schriftliche Anfrage, womit das begründet werde, antwortet die Deutsche Bahn inzwischen schriftlich: "Diese Entscheidung wurde aus Sicherheitsgründen für unsere Rollstuhlfahrer getroffen. Hintergrund: Die fahrzeuggebundenen Rampen fahren nicht weit genug aus, um auf der Bahnsteigkante aufzuliegen. Der Bahnsteig in Hamburg [...] ist höher als auf kleineren Bahnhöfen und liegt zudem in der Kurve. Stellt man die Rampe auf niedrigen Bahnsteig ein, fährt diese weiter aus, rastet aber nicht in Endstellung ein und darf somit nicht benutzt werden. Zu diesem Thema gab es in Hamburg [...] einen Vor-Ort-Termin, auf dem vereinbart wurde, die Rollstuhlfahrer bei einer Anmeldung bis auf Widerruf so zu informieren."

Nun gibt es diese Doppelstockwagen mit fahrzeuggebundener Einstiegshilfe seit 20 Jahren. Und den Hamburger Hauptbahnhof mit den heutigen Bahnsteigen mindestens genauso lange. Sofie erzählt, sie sei früher täglich mit solchen Wagen gependelt und es habe niemals Probleme gegeben.

Schön, dass es beim Eisenbahnbundesamt (Aufsichtsbehörde) ein neues Referat gibt, das sich nur mit Fahrgastrechten beschäftigt. Es bekommt nun diesen Brief mit der Bitte um Stellungnahme und vor allem auch mit der Bitte zu prüfen, inwieweit die örtlichen Behinderten-Organisationen wie vorgeschrieben an dieser Entscheidung beteiligt worden sind. Warum möchte ich fast wetten, dass das nicht der Fall ist? Warum möchte ich ebenso fast wetten, dass es das Problem mit der Kurve nicht geben würde, wenn der Zug anders herum fährt (also mit umgekehrter Wagenreihenfolge)? Und warum möchte ich darüber hinaus noch beinahe wetten, dass bei einem gemeinsamen Vor-Ort-Termin mit einer solchen Organisation irgendwem das eingefallen wäre?


Hoffentlich ziehen sie denen mal so richtig den Hosenboden stramm.

Montag, 22. November 2010

Lotte und die Sexualität

Am Wochenende hatte ich Besuch von Lotte. Lotte ist Mitte 20, Rollifahrerin mit einer angeborenen Querschnittlähmung (Spina bifida), mir von gemeinsamen Trainingslagern flüchtig bekannt und kommt aus dem südlichen Niedersachsen. Sie hatte angefragt, ob es in Hamburg bei einem von uns einen Übernachtungsplatz gibt, denn sie wäre für ein berufliches Seminar in Hamburg und würde sich gerne mit uns treffen und vielleicht auch an einem Abend nochmal gemeinsam trainieren (Handbike oder Rennrolli).

Da sich eine Übernachtungsmöglichkeit in unserer WG immer findet, haben wir ihr kurzerhand gesagt, dass wir uns auf ihren Besuch freuen. Nun schnupft Cathleen immernoch vor sich hin, Simone war nicht in Hamburg und von den anderen Leuten hatte niemand Zeit, so dass ich am Freitagabend mit Lotte alleine über die Radwege der Elbdeiche gedonnert bin. Etwas kühl, reichlich dunkel, aber insgesamt sehr positiv (Sport macht glücklich!) kamen wir wieder am Parkplatz an und verluden unsere Sportgeräte ins Auto. Wir beschlossen, in einer naheliegenden Sporthalle kurz zu duschen und danach gemeinsam essen zu gehen.

Sie war sehr interessiert an mir, fragte jede Menge über mich und mein Leben mit meiner Behinderung. Irgendwann kamen meine Fragen auf ihren Beruf. "Ich habe Sozialpädagogik studiert", meinte sie. Neugierig fragte ich weiter, ob sie einen Job habe. Sie nickte. Ich wusste zunächst nicht, warum sie so zögerlich antwortete und ich wollte auch nicht in irgendeinen Fettnapf treten. Sie sagte, sie arbeite bei einem großen, bundesweit tätigen Verein als Sexualassistentin. Mir fiel fast die Gabel aus der Hand. Ich hatte mich noch nie mit dem Thema beschäftigt und in meinem Kopf kreisten erstmal die wildesten Gedanken. Prostituierte? Schmuddelkram? Gesetzeswidrig? Ausnutzen von Menschen mit kognitiven Einschränkungen? Diese junge Frau, die bis eben noch absolut seriös und normal wirkte, soll beruflich mit Behinderten ins Bett gehen?!

Lotte ist sportlich, hat trotz ihrer angeborenen Behinderung einigermaßen übliche Körperproportionen, ist schlank, hat ein hübsches Gesicht mit einer Haut, auf die ich sofort neidisch werden könnte, dunkelbraune, schulterlange, glatte Haare, braune Augen, schöne Zähne, trotz Triathlon eher zarte Hände, eine angenehme Stimme, ein herzliches Lachen; wirkt sehr intelligent und reflektiert, humorvoll; insgesamt jemand, mit dem ich, wäre ich ein Mann, sofort ein Date verabreden würde. Zumal sie sagt, sie sei Single.

"Was macht eine Sexualassistentin?" fragte ich.

"Das ist sehr verschieden, da es keine geregelte Ausbildung dafür gibt. Ich habe ein Jahr in der Schweiz ontop den Job gelernt. Wie immer, wenn so etwas nicht geregelt ist, gibt es Spreu und Weizen. Ich kann dir nur erzählen, wie es bei uns ist."

Ich nickte auffordernd. Sie fuhr fort: "Mein Angebot richtet sich an diejenigen, die wegen ihrer Behinderung keinen Zugang zur eigenen Sexualität haben oder haben können. Denen helfe ich dabei, wenn sie mich konkret damit beauftragen."

"Gehst du mit denen ins Bett?" fragte ich. Die Socke konnte sich darunter nur wenig vorstellen. Asche auf mein Haupt.

"Quatsch." erklärte sie geduldig. "Ich selbst empfange keinerlei sexuellen Reize und ich biete auch meinen Körper nicht dafür an. Ich würde niemals mit jemandem intim werden, auch Oralverkehr, Petting oder Küssen scheiden vollkommen aus. Ich ziehe mich weder aus dabei noch darf mich der- oder diejenige anfassen. Ich bin keine Prostituierte, sondern eine Sexualassistentin. Auf diese Trennung lege ich unheimlich großen Wert."

"Wie läuft denn so etwas ab? Wie kommst du an deine Kunden oder wie kommen die Kunden an dich?"

Sie war noch geduldiger: "Also, meine Klienten wenden sich an die Organisation, an den Verein, für den ich arbeite, entweder weil sie davon erfahren und selbst recherchiert haben, oder weil sie von irgendwem, zum Beispiel vom Hausarzt, vom Psychologen, vom Gesundheitsamt oder von der Telefonseelsorge dorthin vermittelt werden. Dort spricht eine Psychologin oder ein Psychologe mit demjenigen und bietet dem Klienten Gespräche an und dann, möglicherweise, je nach Vorgeschichte und konkreten Problemen, den Kontakt zu mir an. Manchmal gibt es vorgeschaltet auch noch eine ärztliche Untersuchung, wenn sein Problem möglicherweise körperliche Ursachen hat, die er abgeklärt haben möchte."

Ich nickte. "Und dann?"

"Dann kommt es zu einem ersten Kontakt mit mir. Dabei lege ich eine eigene Karteikarte für denjenigen an und versuche anhand eines Fragebogens zu verstehen, wo sein sexuelles Problem ist und wie man ihm beispielsweise helfen kann. Das bespreche ich dann mit ihm und versuche, eine Lösung zu finden."

"Was für Probleme oder Lösungen gibt es denn da?"

"Oft sind es Lösungen oder Ansätze, die für Leute wie dich oder mich völlig banal erscheinen, die für den Klienten aber unheimlich viel bedeuten. Beispielsweise sind viele Menschen mit angeborener Behinderung niemals aufgeklärt worden. Wissen nicht, wie ein Vibrator funktioniert. Und haben auch keine Motavation, es herauszufinden. Oder Ängste. Oder keine Möglichkeiten. Haben von der erzkonservativen Mutter, die nicht wollte, dass ihr kognitiv eingeschränkter Sohn draußen am Laternenmast rammelt, immer wieder nachdrücklich erfahren, dass Masturbation verboten ist. Wenn man denen dann erzählt und mit Infobroschüren mit Bildern und einfacher Sprache erklärt, dass sie sich doch da unten anfassen dürfen und wie sie ihre Ejakulation neutralisieren können, ist für die viele schon die halbe Welt wieder in Ordnung."

"Wahnsinn." staune ich.

"Es gibt auch viele körperlich eingeschränkte Menschen, die ihren defekten Körper nicht mögen und ihre sexuellen Bedürfnisse im Kopf verdrängen. Und körperlich wirklich leiden. Vor allem Frauen. Und es gibt viele Menschen, die körperlich nicht in der Lage sind zu masturbieren und auch so wenig einfallsreich sind, dass sie kein geeignetes Hilfsmittel finden. Und es gibt eben diejenigen, die es auch mit Hilfsmitteln nicht können. Körperlich nicht können. Das ist dann in der Tat diejenige Gruppe, die von mir per Hand befriedigt wird, möglicherweise auch immer wieder, über Monate und Jahre. Allen anderen helfe ich einige Male, damit sie sich am Ende selbst helfen können. Mit Gesprächen, Anleitungen, Aufklärung, Tipps und Tricks, Hilfsmitteln - es kann auch sein, dass ich Menschen, die wegen einer Krankheit oder Behinderund die Wohnung nicht verlassen können, etwas aus dem Sexshop besorge oder bestellen lasse, wenn derjenige auch keine Kreditkarte oder kein Internet hat. Wir haben einen Shop bei uns in der Nähe und da bin ich schon Stammkundin."

"Das heißt, sexuelle Handlungen sind eher die Ausnahme?" frage ich.

"Absolut. Die sind wirklich auf die Personen beschränkt, die dauerhaft körperlich nicht in der Lage sind, sich das selbst zu machen. Auch nicht mit Hilfsmitteln. Die auch keinen Partner und keine Partnerin finden. Und die meistens darunter enorm leiden."

"Bezahlen dich deine Klienten direkt?" möchte ich wissen.

"Nein. Ich bekomme von keinem direkt Geld und ich darf auch nichts annehmen. Nicht mal ein Stück Schokolade. Derjenige zahlt an meine Organisation zwischen 7,50 € und 50 € pro Hausbesuch, je nach seinem Verdienst und seinen Möglichkeiten, und bekommt mich dafür eine Stunde lang. Allerdings werde ich niemals direkt gebucht, sondern immer über einen Psychologen oder eine Psychologin unserer Einrichtung. Direkte Buchungen sind verboten. Es darf kein Abhängigkeitsverhältnis entstehen und es muss eindeutig dokumentiert sein, was derjenige möchte, am besten in einem schriftlichen Vertrag. Das, was ich mache, bewegt sich rechtlich auf einem ganz schmalen Grat. Dadurch, dass es als Therapie von unserer Organisation übernommen wird, muss es sich klar abgrenzen von der Prostitution."

"Therapie - das hört sich ja so an, als wäre Sexualität eine Krankheit", zweifle ich.

"Nicht die Sexualität ist die Krankheit, sondern das Leiden unter der fehlenden Sexualität."

"Wird das von den Krankenkassen übernommen?" frage ich.

"Nein, wir finanzieren uns nur über private Spenden, Fördergelder, Eigenanteile und Mitgliedsbeiträge von Förderern - wobei niemand Mitglied sein darf, wenn er diese Leistungen in Anspruch nehmen will."

"Hast du schonmal jemanden abgelehnt?" möchte ich wissen.

"Ja, das kommt vor. Es kommt ja niemals beim ersten Treffen zu einem sexuellen Kontakt. Sondern derjenige bekommt mich vom Psychologen vermittelt und bestellt mich beim Psychologen ein zweites Mal. Wenn Aufklärung und Tipps und Tricks nicht reichen, oder die Schulung, wie man Hilfsmittel anwendet, gibt es irgendwann mal eine sinnliche Massage. Und die Aufforderung, bei sich im Intimbereich weiter zu machen. Und wenn das dann auch nicht klappt trotz aller Motivation oder anhand der körperlichen Einschränkungen deutlich wird, dass das nix werden kann, auch nicht mit Hilfsmitteln, bestellt man mich ein drittes Mal und dann kommt es frühestens dazu, dass ich auch im Intimbereich aktiv werde bei demjenigen oder derjenigen."

Eine ältere Frau vom Nachbartisch schaute, obwohl wir uns leise unterhielten, herüber und schüttelte den Kopf. Lotte fuhr fort: "Ablehnen muss ich regelmäßig diejenigen, die privates und geschäftliches nicht trennen. Die mich berühren wollen, die sich in mich verlieben, die mich als Prostituierte verstehen - oder die hygienische Bedenken zulassen. Weil sie sich nicht richtig waschen oder ähnliches. Die kriegen dann die Auflage, beim nächsten Mal sauber zu sein und notfalls dafür zu sorgen, dass sie jemand wäscht oder badet, und wenn das nicht fruchtet, lehne ich das ab. Es gibt hin und wieder auch Leute, die sind mir nicht geheuer, die lehne ich dann auch ab. Es kommt aber unter dem Strich nicht sehr häufig vor. Über 5%, aber weit unter 10%."

"Ist das nicht auch gefährlich?"

Lotte schüttelte den Kopf. "Dadurch, dass die erst beim Psychologen sind, weiß man ja vorher, wie die so drauf sind. Ich habe noch nicht einen Fall gehabt, wo ich Angst hatte, in etwas reingeraten zu sein, was ich nicht mehr kontrollieren kann."

"Und kann man das wirklich immer trennen? Also gibt es nicht auch mal Leute dazwischen, wo du dir mehr vorstellen könntest?"

"Nein", kam als prompte Antwort, "definitiv nicht. Ich gehe nicht mit diesem Gedanken daran. Es gibt in der Tat Menschen, bei denen fällt es mir leichter als bei anderen. Aber ich selbst empfinde dabei nichts. Es hat auch, anders als ich anfangs vermutet hatte, keine Auswirkungen auf meine eigene Sexualität. Ich kann das wirklich sehr sauber trennen und muss (und will) auch nicht an irgendwelche Klienten denken, wenn ich selbst im Bett liege und mich befriedige."

"Wie bist du zu diesem Job gekommen und was verdient man dabei?"

"Ich habe in meinem Studium die Möglichkeit gehabt, in ein solches Projekt reinzuschauen. Nahezu unfreiwillig. Das war halt ausgeschrieben und eins von den wenigen, die noch übrig waren. Ich hatte erst total eklige und befremdliche Vorstellungen davon, aber dann habe ich mir überlegt: Wir haben in Deutschland inzwischen so klare Gesetze zum Schutz von Menschen mit Behinderung vor sexuellen Übergriffen, da wird niemand gewerbsmäßig irgendwas veranstalten, was nicht vertretbar ist. Also überwindest du jetzt mal deine Vorurteile und schaust dir das an. Und dann habe ich das getan und es hat Klick gemacht. Später, als ich meinen Abschluss hatte, bin ich an meinen heutigen Arbeitgeber rangetreten und habe mich mit diesem Projekt beworben - und damit quasi dort meine eigene Stelle geschaffen. Ich bekomme etwas über 3.100 € brutto im Monat plus meine Fahrtkosten zu den Klienten."

"Das ist doch recht ordentlich, wie ich finde. Kommst du denn da überhaupt überall rein?" frage ich.

"Die meisten Leute haben ja selbst eine Behinderung und wohnen in einem barrierefreien Haus oder einer Einrichtung. Manche kommen auch zu uns in die Therapieeinrichtung, dort gibt es einen Raum mit einer Liege wie bei der Krankengymnastik, nicht der Burner, aber inzwischen recht wohnlich gestaltet, das klappt schon alles."

"Gibt es etwas, wofür oder wogegen du kämpfst?"

"Es gibt Menschen mit kognitiven Einschränkungen, deren Sexualtrieb immernoch mit Medikamenten unterdrückt wird, weil die erzkonservative Familie glaubt, damit allen Problemen bequem aus dem Weg gehen zu können. Dabei ist das seit den 1980er-Jahren verboten. Aber es finden sich immernoch Ärzte, die Mittel wie Androcur für Menschen mit kognitiven Einschränkungen zur Unterdrückung des Sexualtriebs verordnen. Offiziell gibt es dann andere Gründe dafür oder es wird offiziell jemand anderem verordnet und mein Klient bekommt es dann ins Essen gemischt und alle wundern sich, warum ihm Titten wachsen."

"Das gibt es doch nicht. Was macht man dagegen?"

"Offiziell melden und hoffen, dass es aufhört."

Überwältigt von diesen vielen für mich völlig neuen Informationen und Eindrücken stellte ich meine letzte Frage: "An welchen Psychologen muss ich mich wenden, wenn ich von dir einen Hausbesuch haben möchte?" - Lotte schaute mich mit großen Augen an. Dann fügte ich hinzu: "War nur ein unprofessioneller Scherz. Ich finde das unheimlich spannend. Ich glaube nicht, dass so ein Job was für mich wäre, zumal ich mit meiner eigenen Sexualität noch genug eigene Probleme habe. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das etwas gutes und sinnvolles ist. Nachdem ich im ersten Moment doch etwas skeptisch war."

Freitag, 19. November 2010

Tatsächlich fehlt die Strippe

Ob per Mail, als Kommentar unter meinen Postings, ob persönlich oder über Dritte: Das häufigste Feedback, das ich auf Beiträge, in denen es um Alltäglichkeiten geht, die jedoch im Zusammenspiel mit meiner Behinderung einen fragwürdigen bis unerträglichen Charakter annehmen, bekomme, ist: "So ein Wahnsinn. Das geht gar nicht. Gut, dass du darüber schreibst."

Schreibe ich eine Mail an eine offizielle Stelle, bekomme ich im Regelfall die Reaktion: "Sie sind die Erste, die darauf hinweist. Täglich kommen so viele Menschen mit Behinderung damit in Kontakt, dass ich mir kaum vorstellen kann, warum das noch niemandem aufgefallen sein soll."

Vor knapp einem Vierteljahr schrieb ich in einem Beitrag über eine öffentliche Toilette auf einem Busbahnhof, die sich von innen nicht verriegeln ließ, so dass im ungünstigsten Fall der automatische Türöffner von außen betätigt wurde und einem dutzende bis hunderte Leute für dreißig Sekunden beim Klogang zuschauen konnten. Ein Leser hatte sich daraufhin bei einer Behörde beschwert, die jedoch auch erstmal dem letzten Absatz entsprechend reagiert hatte. Was ich wiederum in einem weiteren Beitrag kommentierte.

Inzwischen stellte sich offiziell heraus, siehe auch den letzten Kommentar zum ursprünglichen Beitrag, dass dort "tatsächlich ein Baufehler vorliegt". Tatsächlich! Tatsächlich ist das, was ich schreibe, nicht einfach frei erfunden. Wer hätte das gedacht! Obwohl sich vor mir noch niemand darüber an offizieller Stelle beschwert hat. Vielleicht, weil er, genauso wie ich, keinen Bock hatte, erstmal aufwändig seine Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen zu müssen. In meinem Blog kann ja jeder Leser glauben, was er will.

Ach übrigens, by the way, viele öffentliche barrierefreien Toiletten dürften gar nicht betrieben werden. Bauordnungen sind zwar von Bundesland zu Bundesland verschieden, oft gibt es zu wenigen gesetzlichen Paragrafen noch ausführliche zusätzliche technische Ausführungsbestimmungen, aber insgesamt gilt fast überall in der Bundesrepublik Deutschland: Öffentliche barrierefreie Toiletten müssen mit einem Notrufsystem ausgerüstet sein. Das heißt: Wenn drinnen jemand stürzt und alleine nicht wieder hoch kommt, muss er sich bemerkbar machen können. Oft reicht dabei, dass draußen vor der Tür ein Blinklicht und eine Tröte losgehen, die anderen Menschen den Hilfebedarf signalisieren.

Nur sollte dann so ein Notruf, wenn er schon vorhanden sein muss, auch auslösbar sein. Daher wird gefordert: Der Notruf muss auch am Boden liegend betätigt werden können. Die Notruf-Einrichtung soll daher an mindestens einer Stelle des Raumes in einer Höhe von etwa 20 Zentimetern über dem Boden auslösbar sein.

Ein preisgünstiger Kompromiss ist es, einen Schalter mit einer Strippe knapp unter der Decke anzubringen und die Strippe an der Wand entlang bis zum Boden herabhängen zu lassen.

In der Mehrzahl der von mir benutzten barrierefreien WC-Anlagen ist diese Anforderung eindeutig nicht erfüllt. Die Strippen werden hochgebunden, entfernt oder gekürzt. Warum? Weil das WC auch von anderen Menschen benutzt wird, die sich nicht vorstellen können, was ein Notrufsystem auf Klo zu suchen hat und die Strippe mit der Kette verwechseln, über die man früher die Spülung ausgelöst hat. Weil die Raumpflegerin beim Wischen in der Schnur hängen bleibt und jedes Mal Alarm auslöst. Weil irgendwelche Knalltüten die Strippe abreißen und niemand so etwas ersetzt.

Besonders toll ist der Zustand in einem großen Verbrauchermarkt. Dort ist unter der Decke auch ein solcher Schalter installiert. An diesem Schalter klebt seit etwa einem Jahr die Kordel, noch original zusammengezwirbelt in einer kleinen Plastiktüte. Da fragt man sich doch, wer die Bau-Abnahme durchgeführt hat! Und warum sich darüber noch niemand beschwert hat...

Donnerstag, 18. November 2010

Entschuldigung angenommen

Jana, Simone und ich stehen im S-Bahnhof Dammtor, die Bahn fährt ein, die Türen öffnen sich. Hinter der ersten Tür: Lauter Fahrräder. Hinter der zweiten Tür: Lauter Fahrräder. Hinter der dritten Tür: Lauter Fahrräder. Hinter der vierten Tür: Lauter Menschen. Hinter der fünften Tür: Etwas weniger Menschen. Also schnell rein, bevor der Zug abfährt. Jana vorweg, zack, drinnen, eine Sache von zwei bis drei Sekunden. Cathleen sofort hinterher, zack, ebenfalls drinnen. Nun komme ich: Ich schaffe es, mit den Vorderrädern in den Waggon, die Hinterräder bleiben in dem Spalt zwischen Bahnsteig und Wagen stehen. Ich stehe also mitten in der Tür, die Hände an den Haltegriffen am Wagen, warte ab, dass die Leute, die drinnen stehen, etwas aufrücken. Es wäre genug Platz. "Entschuldigung, könnten Sie ein kleines Stück weitergehen, damit wir alle reinpassen?" rufe ich einmal laut.

Träge setzt sich die Masse in Bewegung. Jeden frei werdenden Zentimeter nutzen Jana und Cathleen, um aufzurücken und mir den Einstieg zu ermöglichen. Es fehlen nur noch zehn Zentimeter. "Gehen Sie doch bitte mal etwas weiter durch", sagt Jana energisch. "Wir steigen nächste Station wieder aus, nur meine Freundin möchte auch noch mit. Ein paar Zentimeter bitte."

Niemand rührt sich. In dem Moment kommt die Ansage: "Zurückbleiben bitte!" Und die Türen schließen. Während ich dazwischen stehe. Für die Nicht-S-Bahn-Fahrer sei erklärt, dass auch diese Türen eine (inzwischen kenne ich das Wort) "Drängeleinrichtung" haben. Das heißt, anders als beim Bus, wo die Tür wieder aufgeht, sobald sie auf ein Hindernis stößt, verfolgen die Türen in der S-Bahn unbeirrbar ihr Ziel. Sie zerquetschen zwar keinen, aber wenn man seine Finger zwischen Greifreifen und Tür bekommt, tut es schon arg weh. Also nehme ich die Hände auf den Schoß und warte ab. Nach zehn Sekunden Gepiepe öffnet der Fahrer die Türen wieder. Dann endlich rücken die Leute zwanzig Zentimeter auf und ich komme auch noch in den Waggon.

Das war vor drei Monaten im Sommer. Gestern abend stehe ich am S-Bahnhof Elbgaustraße und warte darauf, dass ich einsteigen darf. Der Zug steht bereits im Gleis, da er dort aber startet, ist noch kein Zugführer da und die Türen sind noch geschlossen. Der Zugführer, ein Typ um die 50 Jahre, kommt den Bahnsteig entlang, steuert direkt auf mich zu. Ich war vorbereitet auf die sonst übliche Frage: "Brauchen Sie Hilfe beim Einsteigen?" - Es kam was ganz anderes. "Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen."

Stirnrunzeln. Verblüffung. "Wieso das?" - "Waren Sie das nicht vor ein paar Wochen am Dammtor? Mit ein paar anderen Rollifahrern? Ich glaube, ich habe Sie in der Tür eingeklemmt." - "Ah, ja, doch, ich erinnere mich." - "Ja, das tut mir Leid. Ich habe gepennt. Das war 3 Minuten vor Feierabend, letzte Schicht, ich hatte schon meine Jacke an, alles gepackt, und dann ein Langzug, 27 Türen auf drei kleinen Monitoren, dadurch, dass sie da festhingen, bewegte sich auch nichts, ich habe das nicht gesehen. Erst als ich keine Quittung bekam, dass alle Türen zu sind, dachte ich: 'Welche Spielkinder halten denn da wieder die Türen fest?' Das ist sonst die Regel. Und dann sah ich Sie da festhängen."

"Ist ja nichts passiert. So ein Rolli ist ja stabil, der Zug fährt mit offenen Türen nicht los, alles halb so wild. Ich kam nicht rein, weil die Leute nicht aufrückten. Und zurück kam ich auch nicht mehr, weil ich bereits in dem Spalt stand zwischen Bahnsteig und Zug. Die Türen davor waren voller Fahrräder, dadurch dauerte das alles länger."

"Ich habe mir richtige Vorwürfe gemacht. Ich dachte, Sie beschweren sich. Wenn man dann die Filme ausgewertet hätte, das hätte mich meinen Job kosten können. Ich habe nächtelang nicht geschlafen. So etwas passiert mir nicht nochmal. Seitdem gucke ich noch genauer. Einmal auf das, was sich bewegt, und dann, ob da nicht irgendwo jemand drinsteht. Jede einzelne Tür. Man muss so aufpassen, da kann ja auch mal jemand gestürzt sein und in der Tür liegen oder so etwas. Das ist noch nie vorgekommen, aber man muss da echt sehr viel aufmerksamer sein."

"Ist ja alles halb so wild. Macht ja jeder Mal einen Fehler. Es ist nichts passiert. Entschuldigung angenommen." Er schien erleichtert, man sah, dass ihm diese Entschuldigung ein wichtiges Bedürfnis gewesen zu sein schien. Zu Hause habe ich das natürlich gleich Cathleen und inzwischen auch Jana erzählt. Dass der sich darüber so einen Kopf gemacht hat! Wahnsinn. Das war schon fast übertrieben. Aber genau das fehlt eben vielen Menschen mit Scheiß-Egal-Haltung! Ich finde, an ihm können sich einige Leute eine Scheibe abschneiden. Ich hoffe, er kann inzwischen wieder ruhig schlafen.

Dienstag, 16. November 2010

Selbstgerechte Socke

Es ist respektlos, sich über einen alten Mann lustig zu machen, der es nicht für möglich hält, dass junge Menschen eine Behinderung haben, ohne fremde Hilfe am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können (und zwar so, dass es kaum auffällt) und nicht über ihre Behinderung definiert werden möchten.

Es ist respektlos, seine Neugier nicht befriedigen zu wollen, ihn über die Eigentumsverhältnisse seiner Mitmenschen im Unklaren zu lassen, trotz Aufforderung nicht ernsthaft mit ihm sprechen zu wollen und seinen eingeschränkten Blickwinkel für eine spöttische Vorführung zu missbrauchen.

"Behinderte sind wie Beamte - immer im Dienst." - Der Spruch stammt von unserem Sportvereins-Häuptling. Sorry, den hatte ich für ein paar Minuten vergessen. Vielleicht war ich beflügelt von dem Gefühl meines Auftriebs im Wasser, von der Freiheit, mich ohne Hilfsmittel frei bewegen zu können, von der mich umschlingenden Wärme des Wassers, und wollte mich einfach nicht so schnell zurückholen lassen in die Realität.

Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur Lust, mal jemanden zu ärgern. Meine Kräfte mit ihm -oder noch perverser- an ihm zu messen. Vielleicht sogar auf unfaire Art. Möglicherweise war ich auch einfach nur genervt oder gar enttäuscht, nicht mal im Schwimmbad eine Viertelstunde Ruhe zu bekommen von Fragen, Sprüchen oder dummen Witzen, die meine Behinderung betreffen.

Selbstverständlich stehe ich inzwischen -innerhalb wie außerhalb dieses Blogs- hierfür jederzeit wieder zur Verfügung. Selbstverständlich beantworte ich inzwischen wieder jedem Menschen, und sei er mir auch noch so unbekannt, alle Fragen, die ihm auf der Zunge brennen. Es stört mich auch nicht, wenn er von mir intimste Details wissen will, während ich nicht mal weiß, wie er heißt und wer er ist. Als Behinderte muss man brav sein und immer freundlich lächeln, tut es auch noch so weh.

Ich bilde mir ein (ja, ich bin so selbstbewusst-arrogant-selbstgerecht), inzwischen ein sehr gutes Gespür dafür entwickelt zu haben, wann jemand wirklich mitfühlend und anteilnehmend (und das meine ich jetzt nicht im Sinne von bedauernd oder bewundernd, sondern als ein gegenseitiges Geben und Nehmen) mit mir in ein gemeinsames Gespräch oder einen Schriftverkehr kommen möchte, und wann jemand glaubt, mich wie in einem Verhör ausfragen zu dürfen. Im ersten Fall habe ich null Probleme damit, über wirklich jedes Thema zu reden. Und sind sie auch noch so peinlich, aufwühlend oder tiefgründig.

Mich interessieren sehr wohl die Meinungen meiner Freunde, meiner Umwelt und auch die mir bis dahin unbekannter Menschen. Ich habe auch kein festgefahrenes Meinungsbild. Im Gegenteil, vieles überarbeite und überschreibe ich immer wieder. Manche Themen, in denen ich mir sehr unsicher bin, nahezu täglich. Sexualität ist beispielsweise ein Thema aus meinem Arbeitsspeicher.

Hingegen befinden sich einige meiner Standpunkte, und da mag möglicherweise ein Eindruck der Selbstgerechtheit entstehen, wie in einem Stein eingemeißelt. Es gibt einige elementare Meinungen, die diskutiere ich nicht. Dazu gehören beispielsweise einige Menschenrechte. Die, muss ich es betonen, nicht nur für mich, sondern selbstverständlich genauso für jeden anderen gelten.

Ob ein Rollstuhlfahrer grundsätzlich im Linienbus mitgenommen werden darf - da lasse ich einfach keine zwei Meinungen zu. Würde ein Fußgänger im übrigen auch nicht - nur darüber denkt niemand nach, weil niemand auf die Idee käme, Fußgänger vom Busfahren grundsätzlich auszuschließen. Das heißt aber nicht, dass ich Busfahrer unfreundlich behandele oder nach dem Aussteigen nicht grundsätzlich nochmal vorne vorbeifahre und ihm ein "Dankeschön" reinrufe. Und das heißt auch nicht, dass ich mich über Bestimmungen hinwegsetzen würde, die es mir verbieten, in einen Linienbus einzusteigen. Nur würde diese Bestimmung trotzdem nicht meiner Meinung entsprechen.

Ich weiß, dass es unter den Menschen -ob mit oder ohne Behinderung- etliche Ar***löcher gibt. Kleine und große. Ich bilde mir ein, keins zu sein. Viele andere bilden sich das vielleicht genauso ein, obwohl wieder andere sie als solches sehen würden. Manch einer will vielleicht sogar eins sein und ist sogar stolz darauf. Ob man selbst ein Ar***loch ist, ist schwierig einzuschätzen, wenn man nicht gerade dem Wunsch nachgeht, eins zu sein. Ich denke immer: Solange mich ganz viele Menschen zur Begrüßung feste knuddeln, einige davon mich dabei fast aus dem Stuhl kippen, solange Kinder aus eigenem Antrieb auf mich zu stürmen, mit mir spielen oder mich necken wollen, solange sich Menschen bei mir aus tiefstem Herzen bedanken, kann ich nicht zu den größten Ar***löchern gehören.

Es kann sehr gut sein, dass ich einen Menschen heute als Idioten ansehe und morgen merke, dass er ja doch ganz nett ist. Es kann auch sein, dass jemand heute mein Freund und morgen nicht mehr mein Freund ist. Es kann auch sein, dass ich heute Texte von mir lese, die ich morgen nicht noch einmal so schreiben würde. Es kann jedoch nicht sein, dass ich auf meinen Spaß verzichte. Auch und gerade wenn er nicht immer politisch korrekt ist.

Ich möchte weiterhin gerne meinen Blog schreiben. Ich möchte, dass er gerne gelesen wird. Ich freue mich über Kommentare. Ich freue mich auch über Fragen und Anmerkungen, auch über Kritik. Ich freue mich über ehrliches Interesse an mir und auch an meiner Behinderung. Und ich begrüße meinen 100.000 Besucher!

Donnerstag, 11. November 2010

Lieber ohne Finderlohn

Ich fuhr gestern abend mit der S-Bahn (S 3) stadteinwärts, als neben mir ein Mann, Mitte 30, stand und aufgeregt telefonierte. Worum es ging, wusste ich nicht, es hörte sich geschäftlich an. Er sprach von irgendwelchen Projekten und von Leuten, die er ins Boot geholt hatte oder noch ins Boot holen wollte. Das konnte ich trotz Musik im Ohr deutlich verstehen. An der Haltestelle Reeperbahn verließ er sehr eilig den Waggon. Als die Bahn bereits weitergefahren war, fiel mein Blick plötzlich auf eine Reisetasche, die derjenige scheinbar mit hineingebracht, aber nun geöffnet stehen gelassen hatte. Ein Herr saß mit dem Rücken zur Tasche auf der Sitzbank. Ich fragte ihn sicherheitshalber, ob es seine Tasche sei. Nicht, dass ich da etwas nicht richtig in Erinnerung habe und noch jemandem die Tasche wegnehme!

Ich schaute vorsichtig hinein, ohne die Tasche zu berühren: Es guckten keine Drähte raus und der Inhalt sah auch recht ungefährlich aus. Unter anderem ein Notebook und eine Geldbörse. Ich entschloss mich, dass es sich wohl eher um vergessenes Reisegepäck als um eine Bombe handeln könnte, nahm die Tasche auf den Schoß, schloss den Reisverschluss und stieg am Hauptbahnhof aus. Auch wenn die Versuchung groß war, erstmal reinzuschauen, vielleicht dazu vorher noch kurz auf die Toilette zu gehen ... nein, ich konnte meiner Neugier widerstehen und rollte direkt zur Sicherheitswache hinter dem Bahnhof. Dort sitzen in einem Container jeweils ein Beamter der Landes- und der Bundespolizei.

"Ich möchte gerne eine Fundsache abgeben, an wen muss ich mich da wenden?" - "Haben Sie die in der Bahn oder S-Bahn gefunden?" - "S-Bahn." - "Dann können Sie das bei mir machen." - "Wissen Sie, wem die gehört?" - "Nee. Vermutlich einem Mann, der Reeperbahn ausgestiegen ist."

Der Mann nahm die Tasche an sich und begann am PC ein Protokoll zu schreiben. Wann und wo gefunden? Um welche Zeit? Gefühlte 1000 Fragen. Ihren Personalausweis bitte. Dann packte er die Tasche aus und schrieb in das Protokoll Zeile für Zeile, was alles drin war. Und die Liste war lang. Ein teures Laptop, ein iPad mit mobilem Internet, eingeschaltet, Diktiergerät, Akten, Schreibzeug, zwei Zeitschriften, eine Geldbörse mit über 700 € Inhalt, Kreditkarten und Personalausweis, eine angebrochene Tüte Salmiakpastillen, ein offener Briefumschlag mit genau 1.000 € drin, ein wenig Kokain, ein Pornoheft mit übergewichtigen Frauen drauf, ein Deostift und ein zerfledderter Stadtplan.

Inzwischen war ich froh, nicht noch einen Abstecher zum Klo gemacht zu haben. "Wie sah denn der Mann aus, von dem sie glauben, dass er die Tasche mit reingebracht hat? Haben Sie gesehen, dass er die Tasche dorthin gestellt hat?" Nein, hatte ich ja alles nicht. Ich sagte ihm, dass ich vermute, dieser Typ könnte es gewesen sein. Der stand neben der Tasche und ging eilig an der Reeperbahn raus. Die Tasche könnte natürlich auch vorher schon dort gestanden haben. Was weiß denn ich?

Der Mann meinte, es könnte sein, dass ich in den nächsten 48 Stunden Besuch von Kriminalbeamten bekomme, die das alles auch noch einmal hören wollen. Es könnte sein, dass die sich die Aufzeichnungen der Kameras holen. Sollen sie tun. Ich habe nur eine Fundsache abgegeben und werde mir beim nächsten Mal überlegen, ob ich die Fundsache nicht lieber demjenigen zuordne, der dort sitzt. Spannend wäre natürlich zu wissen, ob bei der Berechnung des Finderlohns auch der Schwarzmarktwert des Kokains mit einfließt. Noch spannender wäre allerdings, ob ich eine schusssichere Weste brauche, wenn ich den Eigentümer besuche, um den Finderlohn abzuholen. Wobei die Menge eher deutlich für einen Konsumenten sprach als für einen Händler. Aber man weiß ja nie, insofern ... verzichte ich lieber auf meine 50 € und ziehe mir erstmal einen Joint rein. (War ein Scherz, ja? Die einzigen Tüten, die ich kenne, sind Mülltüten. Und zwar echte.)

Montag, 8. November 2010

Vergessene Rollis

Wunderbar in die Reihe der Begegnungen der dritten Art fügt sich auch noch ein Ehepaar ein, das wir gestern in einer Therme, demselben Schwimmbad, in dem ich am letzten Wochenende doch nur Mitleid erhalten habe, kennenlernen durften. Ich möchte natürlich nicht, dass mein Blog zu einem Mecker-Blog wird oder meine Leser über Kurz oder Lang den Eindruck bekommen, ich würde nur noch von Idioten erzählen oder mein Leben nur noch als Dasein zwischen merkwürdigen Leuten verstehen. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass wir jede Menge Spaß dabei hatten, unseren verhinderten Saunabesuch nachzuholen.

Jana, Cathleen, Simone, Sofie, Frank und ich sowie Laura, eine laufende Freundin von Jana, hatten einen tollen Tag, kräftig geschwitzt und vor allem uns trotz aller Anstrengungen, die so ein paar Saunagänge mitbringen, gut erholt. Es war erstaunlich leer dort, böse Zungen könnten behaupten, es lag an uns, und so hatten wir verschiedene Saunen, ein kaltes Schwimmbecken, Ruheräume und Bar einige Male komplett für uns alleine.

Den Vogel abgeschossen hat allerdings, und das muss ich einfach aufschreiben, weil es nicht nur mal wieder zeigt, dass die schräg denkenden Menschen eben nicht in einer zu vernachlässigenden Minderheit sind, sondern auch, weil die Situation so urkomisch war, dass ich sie im Nachhinein eigentlich nicht vergessen möchte, ein Ehepaar, beide schätzungsweise Mitte bis Ende 60, das uns zunächst in einem warmen Pool des textilen Bereichs herumdümpeln sah.

Man muss dazu erwähnen, dass wir selbstverständlich nicht mit Rollstühlen ins Wasser gehen und auch unsere Alltagsrollstühle in der Schwimmhalle verwenden. Über das Sitzkissen kommt ein wasserdichter Bezug. Die alternativ bereitgestellten Duschrollstühle sind in aller Regel nicht zum Selbstfahren geeignet. In das Schwimmbecken gelangt man, indem man sich von der Sitzfläche nach vorne vor den Stuhl auf den Fußboden (oder besser auf die Kante des Schwimmbeckens) setzt und sich hineingleiten lässt. Idealerweise machen das alle Rollifahrer nacheinander, während der nächste jeweils den frei gewordenen Rollstuhl zur Seite stellt, damit nicht alles vollgeräumt ist. Allenfalls der letzte Rolli steht dann noch im Weg, nur hatten wir ja noch eine Fußgängerin mit, die dann auch diesen noch zur Seite schieben konnte. Insofern parkten sechs Rollstühle brav unter den Palmen neben einer Wand und warteten auf ihren Wiedereinsatz.

Der erwähnte Typ sprach mich auf eine Entfernung von rund drei Metern laut an, ob ich wüsste, wer denn die ganzen Rollstühle dort an den Rand gestellt hätte. Offensichtlich war dieses Ehepaar erst seit wenigen Minuten überhaupt in der Anlage. Nun kann man sich fragen, was er mit der Frage bezweckt, denn eigentlich kann ihm das ja egal sein; man kann sich fragen, ob er sich nicht denken kann, dass die Stühle zu den Personen gehören, die da gerade schwimmen; man könnte aber auch meinen, er wollte wissen, welche von den sieben Personen laufen kann, denn es stehen ja nur sechs Rollis da und im Wasser schwimmen sieben Leute. Da ich aber nicht wusste, wer welchen Stuhl an die Seite gestellt hatte, schüttelte ich -wahrheitsgemäß- mit einem dümmlichen Lächeln auf den Lippen den Kopf. Und damit nahm das Schauspiel seinen Lauf. Er sagte: "Hm. Das ischa gediegen. Die müssen doch zu irgendwem gehören! Nicht, dass die hier jemand vergessen hat!"

Ich tickte Sofie an, die sich gerade mit Jana unterhielt. Sie schaute mich an. "Sag mal, Sofie, weißt du, wem diese ganzen Rollstühle gehören?" - Sie sah den Typen, der mit fragender Miene inzwischen direkt neben mir stand, und fragte: "Was denn für Rollstühle?" - Der Typ erwiderte: "Na die da am Rand. Die muss ja irgendjemand vergessen haben!" - Sofie blickte nach links und nach rechts, als suchte sie irgendwas, dann antwortete sie: "Nö. Keine Ahnung. Stehen die denn im Weg?" - Der Typ antwortete hektisch: "Nein nein, nur vielleicht muss man mal jemandem Bescheid sagen, der die da wegschiebt! Ich kann mir nicht vorstellen, dass das so erlaubt ist."

Achso. Erlaubt. Sofie sprach Frank an, der sich eigentlich auch gerade unterhielt. "Frank, weißt du vielleicht, wer die ganzen Rollstühle hier vergessen hat? Der Herr macht sich Sorgen, ob das so erlaubt ist." - Frank zeigte, ohne eine Miene zu verziehen, auf die Rollstühle und fragte dumm: "Die dahinten?" - Sofie und der Typ nickten im Takt. Frank fuhr fort, ohne mit der Wimper zu zucken: "Ja, das kann ich dir sagen. Die sind von diesen Behinderten, die sie vorhin hier rausgeworfen haben wegen dem Sonntags-Schwimmverbot."

Der Typ war naiv und dumm und ... und machte nur große Augen. "Sonntags-Schwimmverbot?" - Frank antwortete: "Ja! Die Behinderten dürfen doch seit einiger Zeit sonntags nicht mehr Schwimmen gehen. Da ist doch neulich so eine neue Verordnung rausgekommen, weil das ja auch meistens sonntags so voll ist und irgendwann will man ja auch einfach mal seine Ruhe haben und nicht ständig überall Rücksicht nehmen müssen. Gerade so in Thermen und Saunen und so. Das reicht ja, wenn man das unter der Woche überall hat." Dann lehnte er sich nach vorne und sagte leise hinter vorgehaltener Hand: "Einer von denen hatte sich sogar eine Frikadelle mit reingebracht und wollte sie hier im Becken essen." Dann lehnte er sich wieder zurück und schüttelte leicht empört mit dem Kopf.

Der Typ starrte ihn mit offenem Mund an, dann schluckte er. Der glaubte Frank jedes Wort. Jana fuhr fort: "Das hab ich auch gelesen. Ich glaube nur, dass das auch dadran liegt, dass sie immer zum Wochenende neues Badewasser einlassen und die wollen nicht gleich am ersten Tag, dass alles wieder dreckig wird." Der Typ nickte noch aufgeregter. Frank fuhr fort: "Ja, viele Behinderte waschen sich ja auch nicht. Können sie oft ja auch gar nicht richtig. Aber wenn denn solche Leute sich in so ein Becken setzen..." Frank schüttelte sich einmal. "Mag man gar nicht drüber nachdenken." Der Typ lehnte sich zurück und sagte: "Ja ja, es ist nicht alles gut, was die modernen Tage so mit sich bringen." Seine Frau fügte hinzu: "Früher wären die auch überhaupt nicht reingekommen mit ihren ganzen Rollwagen."

Cathleen, noch nicht mal volljährig, fügte nachdenklich hinzu: "Das waren noch Zeiten." Niemand verzog eine Miene. Einen Moment später ging der Typ aus dem Wasser, fasste an Janas Rolli an die Rückenlehne, rüttelte dran und meinte: "Steht auch kein Name dran oder so. Ich werde dem Bademeister mal Bescheid sagen." Er und seine Frau verschwanden. Zwei Minuten später kam tatsächlich ein Bademeister zu uns und fragte, ob wir einen Rolli zu viel hätten. Ein Typ sei zu ihm gekommen und habe etwas von einem herrenlosen Rollstuhl gefaselt. Frank schüttelte den Kopf und meinte, es sei alles in Ordnung. Damit endet der erste Akt.

Der zweite Akt des Schauspiels begann, als wir das Ehepaar im textilfreien Bereich wiedertrafen. Und zwar nach einem Saunagang in einem nicht allzu warmen Außenschwimmbecken. Der Typ schwamm auf Frank zu und sagte: "Sie haben uns aber schön verkohlt. Aber das geschieht uns ganz recht, wir hätten ja selbst mal darauf kommen können, dass die Rollstühle zu ihnen gehören." - Frank erwiderte diplomatisch: "Das wäre zumindest recht naheliegend gewesen." - Der Typ konnte es aber nicht sein lassen mit seiner dummen Fragerei und wollte wissen: "Sie sehen aber alle gar nicht so behindert aus! Keinem fehlt ein Bein oder gar zwei."

"Oder drei", fügte Sofie hinzu und Frank grinste, genau wissend, worauf sie anspielte. Inzwischen war ich aber kurz davor, den Typen einmal durchschütteln zu wollen. Ob eher dünne Beine wegen fehlender Muskeln, großer Rückennarbe oder beidem zusammen - irgendwie kann man doch ... ach vergiss es! Es ist so hohl! Der Typ sagte: "Nein, aber mal im Ernst: Haben Sie so Prothesen?"

Würde man dann im Rolli fahren? Würde man mit denen Schwimmen gehen? Argh!!! Wenn Leute bloß nicht immer so viel Stuss labern würden. Nicht auskennen ist ja eine Sache, aber dann noch mitreden wollen und sich dabei so überhaupt nichts vorstellen können - das nervt! Frank deutete auf Sofie und sagte: "Sie hat ihre neulich verloren beim Schwimmen. Dann trieben plötzlich zwei Beine im Wasser rum. Das gab ein Geschrei, sage ich ihnen." Der Typ glaubte ihm schon wieder. Zumindest für zwei Sekunden, dann runzelte er die Stirn.

Ich nutzte diese Denkpause für das Finale: "Sag mal Frank, weißt du eigentlich, ob das Wasser gechlort ist?" - Er antwortete ernst: "Ich glaube schon, wieso?" - "Ich hab grad aus Versehen ins Wasser gestrullert und nun hab ich Angst, dass alle anderen sich anstecken und demnächst auch im Rollstuhl sitzen müssen." Ich zog eine ängstliche Miene und biss mir auf die Unterlippe. Cathleen und Simone verschluckten sich schon vor Lachen. Der Typ ging kopfschüttelnd davon. Vermutlich wird er ab sofort nicht mehr an die guten Geister dieser Erde glauben und beim nächsten Hexenschuss an mich zurückdenken.

Danach war eine Bombenstimmung. Wehe, jetzt spielt hier einer den Moralapostel. Dann erzähl ich nie wieder was. ;)

Donnerstag, 4. November 2010

Mal wieder zwei Tage Klinik

Mein so genannter "Uro-Check" war dran. Mindestens einmal im Jahr sollte bei Querschnittgelähmten geprüft werden, ob Nieren und Blase in Ordnung sind. Besondere Beachtung finden dabei die Druckverhältnisse in der Harnblase, die durch die fehlende Verbindung zum Gehirn gerne mal falsch (eingestellt) sein können und mittel- bis langfristig schwere Nierenschäden verursachen können.

Zwei Tage stationär ins Krankenhaus ... hatten wir ja lange nicht. Ich habe mir gestern und heute ausgesucht, da das mit der Schule am besten passte. Ich kam mit einem 14 Jahre alten Mädel zusammen auf ein Zimmer. Das Mädel ist letzten Sommer in einem öffentlichen Brunnen baden gegangen, ausgerutscht und mit dem Rücken auf irgendeinen Mauervorsprung gedonnert. Kompletter Querschnitt unterhalb des 7. Brustwirbels - nicht schön. Hätte schlimmer kommen können, aber eine Querschnittlähmung knapp unterhalb der Brust bedeutet immer die völlig fehlende Rumpfkontrolle. Sobald sie im Sitzen einer antickt, kippt ihr Oberkörper mit der Brust auf die Knie. Das wird sie natürlich irgendwann über die Arme und eine vernünftige Sitzposition kompensieren können, aber der Weg zum unabhängigen Leben ist deutlich länger als er es bei mir war. Dennoch war sie erstaunlich gut motiviert und musste mir als erstes vorführen, wie sie sich, mit dem Rollstuhl nach hinten umgefallen, selbständig wieder aufrichtet. Ohne rauszukrabbeln. So ganz ohne Rumpfmuskeln ist das schon recht beeindruckend.

Ich musste nur einen Becher abgeben, einmal Blut abnehmen lassen, einmal Ultraschall, dann war der erste Tag schon gelaufen. Am nächsten Morgen kam eine Blasendruckmessung, die ist etwas unangenehmer. Man muss zum Glück nicht hinschauen, wie da jemand bei einem da unten rumfummelt, da man, wie beim Frauenarzt, auf einem Stuhl liegt und gegen die Decke blickt. Und dort lief Fernsehen. Aber wenn man da über einen Katheter Wasser in die Blase gespritzt bekommt und dann dort irgendwelche Druckwerte gemessen werden und die Blasennerven dann noch über eiskaltes Wasser schön gereizt werden sollen, ist das alles andere als angenehm. Ich wäre denen vor krampfartigen Schmerzen fast vom Stuhl gesprungen. Aber am Ende kam heraus: Alles in Ordnung.

Seit 2 Stunden bin ich wieder zu Hause. Es fühlt sich an, als hätte ich mir einen heftigen Blaseninfekt eingefangen. Ich habe das Gefühl, alle drei Minuten auf Klo zu müssen, aber das ist normal und gibt sich in den nächsten Stunden wieder. Morgen ist alles vergessen - bis auf den Termin in einem Jahr.

Montag, 1. November 2010

Fette Beine

Heute war wieder einer dieser Tage, an dem ich nicht so genau wusste, ob ich einen Traum oder die Wirklichkeit erlebe. Kurzer Hinweis: Es war die Wirklichkeit. Alpträume hatte ich seit meinem "Attentat" auf meine Unfallgegnerin keine mehr.

Sofie und ich waren bei einem blau-weißen Discounter mit eigenem Sortiment einkaufen und standen an der Kasse an. Drei Kassen waren geöffnet, die Schlange reichte trotzdem durch den halben Laden. Man merkte, es war Monatserster. Wir wollten eigentlich schon vor einer Woche einkaufen, um genau das Gewühle zu vermeiden, aber irgendwie hat es zeitmäßig nie richtig gepasst.

Wir hatten insgesamt vier große Klappkisten schon rausgeschleppt und hatten die letzten vergessenen drei Kleinteile auf dem Schoß. Als Rollifahrer hat man ja nur begrenzte Tragekapazitäten, muss sich im Zweifel also mehrmals anstellen. Wir standen hinter einem Herrn im Anzug, übergewichtig, Halbglatze, schätzungsweise Mitte 50. Ihm war etwas zu warm...

Bei Sofie klingelt das Handy. Frank ist dran, Sofie geht ran, weil sie vermutet, er könnte noch schnell einen Herzenswunsch äußern. Plötzlich dreht sich der Typ vor uns um, mustert uns von oben bis unten, deutet auf Sofie, die immernoch telefoniert, und sagt: "Warum fährt sie im Rollstuhl?" Ich zucke nur gelangweilt mit den Schultern und nicke mit dem Kopf in Richtung der Schlange. "Es geht weiter", sage ich. Eigentlich deutlich genug, die Geste, oder?

Nö. Er schaut einmal nach vorne, schiebt seine Einkaufskarre einen halben Meter weiter, dreht sich wieder zu uns und spricht Sofie direkt an: "Sitzt du wirklich im Rollstuhl?" Sofie macht eine abweisende Handbewegung, dreht sich mit dem Oberkörper weg, immernoch telefonierend. Dann brüllt dieser Typ los: "Ich hab dich was gefragt!!!" Ich bekam es richtig mit der Angst zu tun. Aber Sofie blieb cool: "Ich hab jetzt keine Zeit für solchen Scheiß." Oha, die Frau kann ja richtig patzig werden...

Der Typ zog ein grimmiges Gesicht und starrte Sofie an, als wenn er sie fressen wollte. Dann legte sie auf und der Typ hakte sofort ein: "Willst du wissen, warum ich das frage?" - Sofie antwortete nur: "Nö. Da geht es weiter." Der Typ schob seinen Einkaufswagen wieder einige Zentimeter vor, drehte sich nochmal um. Und sagte: "Das sehe ich an deinen Beinen, die sind für eine Rollstuhlfahrerin viel zu dick." Mir fiel fast das Kinn runter. Hatte der ein Rad ab?

Sofie imponierte das überhaupt nicht: "Das ist ja schön." Drehte sich um. Hinter uns standen zwei junge Männer, um die 20 Jahre alt, von denen einer dem anderen gerade erzählte, dass er letzten Monat seine Großeltern in der Türkei besucht und noch im Meer gebadet hätte. Einer von beiden hatte zwei Becher Joghurt in der Hand. Sofie fragte sie: "Wollt ihr nicht vor?" - "Oh ja, vielen Dank, sehr nett."

Nun fing der Typ an, über die beiden hinweg weiterzupöbeln: "Willst du auf meine Frage nicht mal antworten? Oder müsstest du dann verraten, dass du in Wirklichkeit gar nicht behindert bist?" Die beiden Jungs vor uns unterbrachen ihre Unterhaltung. Sofie antwortete: "Jetzt ist es bald mal genug." Der Typ setzte nochmal nach: "Du machst dich höchst verdächtig."

Jetzt sagte der eine junge Mann zwischen uns zu dem Typen: "Alter, mach die Frauen nicht an, guck nach vorne, da gehts weiter." Der Typ riskierte eine dicke Lippe: "Wer redet denn mit dir? Bist du Türke oder Kurde?" Ich dachte mir so: Gleich rastet einer von beiden aus und haut dem ein paar aufs Maul. Aber nein, die beiden schauten sich an. Der eine fragte: "Sag mal, hörst du das auch?" - "Irgendwas brummt hier, oder?" - "Ja, ganz eigenartig." - "Ist bestimmt die Eistruhe." - "Bestimmt." - "Oder ein Müllauto." - "Nö, Müllauto nicht. Das wird die Eistruhe sein." - "Willst du ein Eis?" - "Nicht aus einer brummenden Eistruhe. Das ist mit nicht geheuer."

Der Typ drehte sich nochmal zu uns und sagte laut: "Das ist doch sagenhaft, dass man auf eine einfache Frage keine Antwort bekommt. Bist du nun behindert oder nicht?" Der eine junge Mann sagte erneut und diesmal ziemlich nachdrücklich: "Da vorne spielt die Musik!" Unglaublich!!! Und dann ging er auch noch um die beiden Männer herum, stellte sich vor Sofie und fragte erneut: "Warum hast du so fette Beine?" Jetzt platzte Sofie der Kragen: "Herrje! Sind Sie nicht ganz dicht oder was? Ich frag Sie doch auch nicht, wieso Sie trotz Diabetes Schokolade einkaufen! Lassen Sie mich in Ruhe und kümmern Sie sich um sich selbst, damit haben Sie genug zu tun." Etliche Leute schauten herüber oder drehten sich um, falls sie nicht sowieso schon die ganze Zeit guckten. Der Typ hatte nicht genug: "Es ist schon erstaunlich..." - Sofie unterbrach ihn: "Ach halt die Klappe!"

Sie sagte zu mir: "Lass uns eine Reihe weitergehen." Dumm, dass wir schon so weit vorne waren und uns nochmal neu hätten anstellen müssen. Ein anderer Herr mit Hut mischte sich ein: "Nun lassen Sie doch mal die Mädchen in Ruhe. Was soll denn das." In diesem Moment sah ich hinter der Kasse einen Mann im weißen Kittel, der sich mit verschränkten Armen das Schauspiel anschaute. Als ich ihn anschaute, kam er in unsere Richtung und bahnte sich gegen den Strom den Weg durch die wartende Schlange. Stellte sich neben die beiden jungen Männer und lehnte sich mit verschränkten Armen mit dem Gesäß gegen das Laufband. Und wartete. Dann sagte der ältere Herr: "Was glotzen Sie so blöd? Haben Sie nichts zu tun?"

Als hätte der darauf gewartet, antwortete er: "Da vorne steht ein Herr vom Sicherheitsdienst. Dem geben Sie gleich mal ihren Namen. Und dann war es heute das letzte Mal, dass Sie hier eingekauft haben." - "Ich denke gar nicht dran." - "Gut, dann sind Sie vorläufig festgenommen und warten mit uns auf die Polizei zwecks Personalienfeststellung." Der Typ ließ alles stehen und liegen und ging wutschnaubend nach draußen. Sowohl der Mitarbeiter als auch der Typ vom Sicherheitsdienst ließen ihn ziehen. Der Mitarbeiter im weißen Kittel drängelte sich wieder durch die Schlange und sagte zur Kassiererin: "Der Spinner hat hier ab sofort Lokalverbot. Ich will den hier nicht mehr sehen." Die Kassiererin nickte.

Nebenan war ein Getränkemarkt. Hätten wir gewusst, was uns dort erwartet, wären wir zwischendurch noch woanders durchgebummelt. In dem Getränkemarkt arbeitet ein junger Mann mit einer kognitiven Einschränkung. Sein Job: Älteren und gehbehinderten Kunden die Kisten ins Auto laden oder, falls nötig, auch gleich den Einkaufswagen mit den Kisten drauf schieben. Der Typ nimmt seine Aufgabe bierernst, Sofie spricht ihn immer schon mit "Chef" an. Er wäre am liebsten der Chef, klar. Ich glaube, der Typ ist derjenige, der auf dem ganzen Grundstück das meiste Trinkgeld bekommt. Er macht einen guten Job. Wenn gerade niemand gebrechlich genug aussieht, fegt er in seinem blauen Kittel und mit einem Besen in der Hand zum 20. Mal den Weg. So auch heute. Sofie sprach ihn an: "Hallo Chef, alles klar bei Ihnen?" Er nickte aufgeregt. "Könnten Sie meiner Freundin und mir wohl bei ein paar schweren Kisten helfen?" - "Aber selbstverständlich, junge Frau, das kann sofort losgehen!", kam als Antwort. Mit leichtem Sprachfehler. Der Besen wurde weggestellt.

Wenn er uns hilft, kaufen wir immer gleich auf Vorrat ein. Acht Kisten. Während wir durch den Laden gingen, begegneten wir dem Typen von eben. Und er konnte es nicht lassen, nochmal anzufangen: "Ah, ich sehe, behindert und behindert passt gut zusammen. Nur dass sie da", er deutete auf Sofie, "eine Spinnerin ist." Er hatte noch nicht fertig gesprochen, da bog in forschem Schritt ein anderer Typ, ebenfalls ein ziemlicher Schrank (wenn man im Getränkemarkt arbeitet, bekommt man wohl automatisch ziemlich ausgeprägte Muskeln) im blauen Kittel aus dem Lager kommend um die Ecke. Ob er dem vorbeugen wollte, dass unser behinderter Schrank dem das Mundwerk poliert oder ob er seinem Kollegen beistehen wollte, weiß ich nicht. Jedenfalls stellte er sich vor unseren Streithahn, streckte den Arm in Richtung Tür und sagte: "Raus. Sofort. Und lass dich hier nicht wieder blicken. Zisch ab." - Der Typ holte Luft, aber der Mitarbeiter fuhr ihm gleich über den Mund: "Ich will nichts hören. Raus. Hau ab!"

Während der Streithahn seinen Einkaufswagen stehen ließ und langsam in Richtung Ausgang trottete, ging der Mitarbeiter, die Fäuste geballt und die Brust rausgestreckt im Abstand von 50 Zentimetern hinter ihm her. Er laberte irgendwas. "Noch ein Ton und ich feuer dir ein paar. Raus jetzt. Und zwar zackig. Wirds bald." Als er wiederkam, erzählte ich ihm, dass der Spinner nebenan eben auch schon Hausverbot bekommen hatte. "So ein Wichser. Aber das liegt heute irgendwie am Wetter. Das ist schon der Dritte heute. Einer hat hier randaliert, der nächste war volltrunken und wollte hier im Laden rauchen."

Ich beschwere mich ja so oft über meine Umwelt. Fehlende Zivilcourage und so. Das waren doch mal zwei sehr erfreuliche Beispiele, wo jemand mal Popo in der Hose hatte. Was mir immernoch nicht klar ist, ist, was die Aktion von dem Typen sollte. Was sollte das bringen? Selbst wenn Sofie einige Schritte laufen könnte, wäre es doch ihre Entscheidung, wann sie ihren Rollstuhl benutzt und wann nicht! Aber vermutlich war der Typ ohnehin ein bißchen krank im Kopf. Insofern lohnt es sich nicht, sich noch darüber aufzuregen. Aber die Zivilcourage der beiden Mitarbeiter war mir ein Posting wert.