Sonntag, 31. Oktober 2010

Doch nur Mitleid

Nachdem ich in den letzten Tagen so viel geschrieben habe, mache ich es heute etwas kürzer: Er will nichts von mir. Er hat auch nichts für mich übrig, außer Mitleid. Muss ich mal so krass sagen.

Wir haben uns ganz normal getroffen, da war auch noch alles nett, sind eine halbe Stunde mit dem Auto gefahren, dass er als Technikfreak so einen umgebauten Touran interessanter findet als mich, mag ich ihm auch noch nachsehen, aber dann, an der Kasse:

"Wir nehmen ohne Sauna, oder?" - Jana antwortete gleich: "Nö, eigentlich wollte ich auch in die Sauna. Warum sollten wir ohne nehmen?" - "Ich will nicht mit euch in die Sauna. Schwimmen ist okay, aber Sauna? Da sind alle nackt und davor habe ich Angst. Nee, im Ernst, dann bin ich derjenige, der die Rollstühle rausschiebt, da komme ich mir am Ende wie euer Betreuer vor."

"Die können drinnen stehen bleiben, die Sauna ist groß genug und die Dinger werden in den 10 Minuten nicht so heiß." - Ich hatte eigentlich sehr gute Laune, hatte den "Betreuer" überhört und wollte einen Spruch machen, meinte zu Jana: "Solange ich heiß werde, reicht mir das." Daraufhin sagt Lars: "Nee, lasst mal. Ich glaube, ihr macht euch gerade falsche Hoffnungen. Ich wollte ein bißchen Schwimmtraining machen und danach ein wenig relaxen, und ich freue mich sehr, dass wir es, wenn auch in so einer kleinen Gruppe, aber immerhin es ist ein Anfang, mal geschafft haben, die Barrieren zwischen Fußgängern und Rollstuhlfahrern abzubauen. Ich finde es schlimm, wenn Behinderte nur wegen ihrer Behinderung von solchen Sachen ausgeschlossen werden."

Zum Glück hatten wir getrennte Umkleidekabinen. Ich war mit Jana zusammen in der Behindi-Gruppenumkleide und sie hat mich erstmal in den Arm genommen und getröstet. "Komm, wir machen uns einen schönen Tag und zeigen ihm mal, wer hier wirklich schneller schwimmt. Ich lade dich nachher auf ne Pommes oder ein Eis ein, wenn es der Frust erfordert, auch auf beides, aber sei einfach froh, dass er dir das nicht erst beim 10. Treffen mitteilt."

Och menno. Warum ist das so schwierig?

Samstag, 30. Oktober 2010

Ein neuer Versuch

Über ein Dreivierteljahr ist es jetzt her, dass ich mit Jan zusammen war. Nach unserer plötzlichen Trennung im Januar habe ich nie wieder was von ihm gehört oder gelesen. Wir waren auch nur kurz zusammen und mehr als geknutscht und gefummelt haben wir auch nicht wirklich. Inzwischen bin ich darüber hinweg.

Lars ist im Oktober 25 geworden. Argh, sieben Jahre. Er ist solo. Er ist Fußgänger. Er hat im Sommer regelmäßig in und um denselben See trainiert wie wir. Ja, Freiwasserschwimmen. Radfahren. Hat schon an einigen Triathlons mitgemacht, auch wenn die meisten Fußgänger ja erst wesentlich später (30 aufwärts) damit anfangen. Ich habe mich einige Male mit ihm unterhalten. Er war regelmäßig bei uns und hat sehr interessiert zugeschaut, wenn wir trainiert haben. Blieb oft noch lange Zeit nach seinem Training. Hat mit uns am See gegrillt. Viel erzählt, viel geredet. Über sich. Seine Einstellungen. Über uns. Über seine Faszination vom Sport. Hat sich für mich interessiert. Hat mir (nur mir!) irgendwann seine Nummer gegeben, falls wir mal Interesse hätten, in kleinerer Gruppe Fußgänger und Rollifahrer zusammen zu trainieren (Biken oder Schwimmen), soll ich ihn mal anrufen. Oder einfach nur so, wenn ich mal Langeweile hätte...

Ich kann immernoch nicht einschätzen, ob ich für ihn nur "interessant" bin, weil er Sportler im Rolli so faszinierend findet, ob er auf junges Gemüse steht, ob ich mir alles nur einbilde, ob er vielleicht irgendwas anfangen und schauen, wie es sich entwickeln würde - oder ob er vielleicht zu jenen Leuten gehört, die auf gelähmte Mädels stehen und so einen Behindi-Fetisch haben.

Ich habe ihn endlich angerufen. Jetzt, wo es arschkalt und bald Winter ist, könnten wir ja gar nicht mehr draußen trainieren. Ich würde unser gemeinsames Training und vor allem die Abende am Lagerfeuer oder beim gemeinsamen Grillen vermissen. Ja, er freue sich doch sehr, dass ich ihn anrufe, er habe lange gehofft und nun aber inzwischen schon fast die Hoffnung aufgegeben. Ich fragte ihn, ob wir nicht mal zusammen trainieren wollen, zum Beispiel in einer Schwimmhalle. Er sagte: "Na klar, sofort!" Ähm ... ja.

Schisssocke mal wieder. Falscher Weg. Was wollen wir zusammen in einer überfüllten Schwimmhalle, in der zehn Vereine sich acht Bahnen teilen? Zweiter Anlauf. Eindeutiger. "Oder wollen wir vielleicht auch mal so schwimmen gehen in einer kleineren Gruppe?" - "Ja, da bin ich gerne dabei." - "Also wir wollten jetzt am Wochenende in eine Therme, da ist ein Sportbecken und so ganz viel Relax-Kram und auch ein Saunabereich. Also so richtig zum Entspannen. Bisher eine Freundin und ich, aber wir wollten noch mehr Leute fragen und ... ich würde mich freuen, wenn du da auch mitkommst."

Herzklopfen. Spannung. Siedet. Erreicht den Höhepunkt. "Ja. Gerne. Wann treffen wir uns wo?"

Morgen. Jana kommt mit. Ganz alleine traue ich mich nicht. Fremder Mann und so... Sie fährt mit ihrem Auto. Wir treffen uns bereits alle in Hamburg auf einem Supermarktparkplatz an der Autobahn, paar Minuten von hier, die Therme liegt außerhalb. Zuletzt gesehen habe ich Lars vor drei Wochen bei unserem letzten Outdoor-Schwimmtraining. Habe ein Foto von ihm auf meinem Desktop, seine Telefonnummer immer in meinem Portemonnaie, hatte seine Nummer schon paar Mal ins Handy getippt, dann aber in letzter Sekunde doch eher auf die rote als auf die grüne Taste gedrückt, weil ich mich nicht getraut habe. Argh!

Wenn ich mir nicht alles falsch eingebildet habe, macht mir dieser Typ schon seit Ewigkeiten schöne Augen. Er ist etwa 1,80 groß, hat eine sportliche Figur, braune kurze Haare, braun-grau-grüne Augen ... ich will ihn. Und ich werde ihn morgen so derbe anbaggern, dass er inzwischen vergeben oder dumm sein muss, wenn er nicht mitkriegt, was ich von ihm will. Jana ist bereits eingeweiht.

Dumm ist, dass ich selbst gar nicht weiß, was ich will. Eigentlich will ich alles. Wenn er gut oder sogar der richtige ist, will ich ihn unbedingt enger kennenlernen und ich kann mir auch vorstellen, wieder eine Beziehung anfangen. Wenn er "privat" ganz doof ist, war es einen Versuch wert. Wenn er nichts ernstes von mir will aber ... ich habe mir heute Kondome gekauft. Ich glaube nicht, dass ich sie brauchen werde, zu 98% nicht. Aber die 2% sollen nicht an fehlenden Gummis scheitern.

Allerdings bin ich mir sehr sicher, dass ich, sollte ich morgen diese Packung öffnen, eher doch keine Beziehung mit ihm anfangen will. Ach, ich weiß eigentlich gar nichts. Ich möchte nur, dass es ein schöner Nachmittag wird. Ohne irgendwelche komischen Störungen. Okay? Beine, Spastik, Haut, Blase, Darm, ... okay!?! Benehmt euch.

Freitag, 29. Oktober 2010

Geschmacklos

Obdachlos ist jemand, der unfreiwillig und trotz entsprechender Bemühungen keinen Wohn- und Schlafraum findet. Im weiteren Sinne auch jemand, der solche Bemühungen aufgegeben hat, aber dennoch mit seiner Lebenssituation auf der Straße nicht glücklich ist.

Kurzum: Jemand, der in einer unglücklichen, oft quälenden, meistens perspektivlosen Lage ist und der, meistens zumindest, ganz dringend intensive Hilfe bräuchte. Vielleicht nicht persönliche, denn die wird ja von einzelnen Betroffenen oft abgelehnt, wohl aber allgemeine.

Wenn nun mit diesem Begriff, den ich mit Elend, Leid und Not, Existenzängsten und noch vielem mehr, was man in wenigen Worten nicht ausgewogen darstellen kann, verbinde, ein Immobilienunternehmen wirbt, das sich darauf spezialisiert hat, Luxusvillen in den teuersten Vierteln Hamburgs zu vermitteln, ist dieses Unternehmen nicht nur "bald obdachlos", sondern aus meiner Sicht jetzt schon geschmacklos.

Für mich wäre so eine Anzeige ein Grund, meine Traumwohnung nicht zu nehmen. Und hätte ich mehr Zeit, würde ich gerne mal recherchieren, wie viele neue Luxushäuser oder Luxuswohnungen in letzter Zeit gebaut wurden, nachdem an der Stelle billiger Wohnraum abgerissen wurde.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Mal wieder Amerika

Nachdem unser Besuch aus Amerika bereits wieder auf der anderen Seite des Ozeans angekommen und in der Schule wieder geschlagen *hust* wird, muss ich unbedingt meine heutige Begegnung mit einer Amerikanerin aufschreiben.

Ich war aus Zeitgründen mit dem Auto zur Therapie ins Krankenhaus gefahren, war anschließend noch mit einer Freundin etwas essen, wir haben lange gequatscht, dann wollte ich nach Hause. Auf dem Weg zur Autobahn fuhr vor mir eine A-Klasse mit Wiesbadener Kennzeichen, vermutlich ein Mietwagen. Da das Fahrzeug nur etwa 30 km/h fuhr, musste ich abbremsen.

An einer grünen Ampel bremste dieses Auto dann noch plötzlich scharf, völlig unerwartet aus Tempo 30 auf Null runter. Sorgenvoll schaute ich schon in den Rückspiegel, ob das hinter mir alle mitkriegen. Ich kannte den Grund nicht, also wartete ich einige Sekunden ab. Die hinter mir sahen auch nicht, was los war, da mein Auto dafür zu hoch ist, also kam auch von hinten kein hupender Kommentar. Dann legte, wie sich später rausstellte eine Fahrerin, den Rückwärtsgang ein. Automatikfahrzeug, denn trotz (leicht) getretener Bremse rollte es zentimeterweise rückwärts. Ich hupte, hatte keine Lust auf irgendeine Berührung.

Als die Ampel rot wurde, fuhr sie weiter. Bei Rot über die Kreuzung. Allerdings kam zu dieser späten Stunde niemand aus der Seitenstraße. Hinter der Kreuzung wurde die Straße vierspurig (ab hier Bundesstraße), sie fuhr mittig auf dem gestrichelten Streifen zwischen den beiden Fahrspuren. Mit Tempo 20. Und dann eierte sie auch mal über die durchgezogene Linie in die beiden Gegenfahrspuren. Ein entgegenkommendes Fahrzeug blendete einmal auf, fuhr dann vorsichtig an der A-Klasse vorbei. Ich dachte mir nur: "Volltrunken."

Als die Ampel wieder grün würde, fuhr ich weiter, rechts auf eine Tankstelle. Rollstuhl raus, zusammenbauen, für 85 Euro Diesel tanken, dann, um mit dem Rollstuhl an den Nachtschalter zu kommen, erstmal das Feuerholz aus dem Weg schieben, mit Kreditkarte bezahlen, unterschreiben, zurück zum Auto, Rollstuhl verladen, Tageskilometerzähler nach 814 Kilometern (knapp 9 Liter Durchschnittsverbrauch, bin sehr zufrieden) auf Null stellen, weiterfahren.

Zirka 300 Meter weiter stand, auf der gestrichelten Linie, die A-Klasse mit Warnblinklicht. Drinnen saß jemand, hielt sich ein Handy ans Ohr. Ich fuhr vorsichtig auf der rechten Seite vorbei, halb über eine Bushaltebucht. So langsam kamen mir Zweifel, ob ich hier nicht mal aktiv werden müsste. Wer weiß, ob dieses Fahrzeug nicht als nächstes durch den Gegenverkehr fährt und jemanden frontal erwischt? Ich fuhr vorbei, auf die nächste Grundstückseinfahrt und beobachtete das Geschehen im Rückspiegel. Dann fuhr dieses Fahrzeug mit Warnblinklicht weiter, weiterhin beide Fahrstreifen benutzend. Es waren nur ganz vereinzelt noch andere Fahrzeuge unterwegs. Dann fuhr diese A-Klasse auf der falschen Seite an einer Mittelinsel vorbei, dann frontal auf den Bordstein der Gegenseite zu, fuhr mit den Vorderrädern hoch, fuhr zurück, wendete, und fuhr in die Gegenrichtung weiter. "Wenigstens nicht auf die Autobahn", dachte ich mir. Noch während ich überlegte, ob ich hinterher fahren sollte, wendete dieses Fahrzeug noch einmal und stand nun wieder mit der Schnauze in meine Fahrtrichtung. Immernoch mit eingeschalteter Warnblinkanlage, wieder mittig auf beiden Fahrstreifen.

Dann fuhr das Auto mit dem rechten Vorderrad rechts auf den Radweg und blieb so stehen, es wurde wieder telefoniert. Dann fuhr das Auto im Rückwärtsgang, jetzt nur noch mit Blinker links, auf der Fahrbahn rund 200 Meter zurück, dann blieb es wieder mittig stehen. Jetzt wurde es mir wirklich zu dumm, ich rief über Handy (mit Freisprecheinrichtung) die Polizei an. "Wie heißen Sie? Haben Sie ein Kennzeichen? Und woher wollen Sie wissen, ob der Fahrer betrunken ist?" - "Ich weiß es nicht, ich sage nur, dass da jemand total merkwürdig fährt und ich den Verdacht habe, er könne betrunken sein oder Drogen genommen haben." - "Was heißt 'merkwürdig'?" - "Naja, mitten auf der Fahrbahn stehen bleiben, paar Mal wenden, über den Gehweg fahren, an grünen Ampeln stehen bleiben, dafür aber dann bei rot Gas geben, es macht insgesamt einen sehr dubiosen Eindruck."

"Wo steht das Fahrzeug jetzt?" - "Mit Warnblinklicht mittig auf beiden Fahrstreifen in Richtung Autobahn." - "Und Sie stehen wo?" - "Kurz dahinter, auf einer Grundstückseinfahrt. Und jetzt wendet das Fahrzeug wieder und fährt wieder stadteinwärts. Allerdings in der falschen Fahrspur und wieder mit Warnblinklicht." - "Können Sie da mal hinterher fahren?" - "Wenn Sie das wollen, fahre ich da hinterher." U-Turn über alle 4 Fahrstreifen, zurück stadteinwärts. Die A-Klasse wendete erneut. "Der wendet nochmal. Ich wende dann auch nochmal wieder." - "Auf welcher Höhe sind Sie jetzt?" - "Etwa auf Höhe des Fahrradmarktes." - "Ja, fahren Sie bitte hinterher." - "Der fährt auf das Betriebsgelände einer Firma. Da kommt allerdings nach 50 Metern eine Schranke. Jetzt wendet er wieder, vor der Schranke. Vor, zurück, vor, zurück, jetzt doch noch weiter auf die Schranke zu, jetzt im Rückwärtsgang wieder raus, ich fahre hier mal weg, bevor ich noch angekarrt werde."

Die Fahrt ging wieder stadteinwärts. Ich musste nochmal einen U-Turn über alle vier Spuren machen. Dann überfuhr die A-Klasse eine Mittelinsel mit einem Hinterrad, fuhr dann wieder an den rechten Fahrbahnrand, mit einem Vorderrad auf den Radweg, blieb wieder stehen. Ich blieb in sicherer Entfernung dahinter. "Wir stehen jetzt auf Höhe der Tankstelle. Fahrtrichtung stadteinwärts, die A-Klasse steht mit einem Vorderrad auf dem Radweg und blinkt links." Man hörte, wie auf der anderen Seite der Leitung jemand am PC mitschrieb. Dann kam von vorne ein VW Passat, und zwar auf unserer Spur, quasi im Gegenverkehr. Schaltete mehrfach kurz Fernlicht ein, als würde er was suchen. Ich dachte mir: Entweder ist das eine Zivilstreife oder einer aus derselben Familie. Sind die hier alle irre?!

Am Ende der Straße bog ein Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht ein, kam mit hoher Geschwindigkeit herangefahren, hielt auf der gegenüberliegenden Seite. Der Passat war in der Tat eine Zivilstreife. Insgesamt fünf Polizisten kümmerten sich um diese A-Klasse, dann wurde ich gefragt, was ich denn gesehen hätte. Man tat ein wenig so, als wäre ja gar nichts los, die steht ja da ganz friedlich. "Das ist eine ältere Frau, die kommt aus Amerika und findet sich wohl nur schwer zurecht. Das Auto ist ein Mietwagen. Alkohol oder Drogeneinfluss Fehlanzeige." - "Okay!? Die ist hier mitten auf der Fahrbahn stehen geblieben, bei Rot durchgefahren, hat mehrmals gewendet, Mittelinseln überfahren, ..." - "Aber sie hat niemanden gefährdet und nichts beschädigt. Sie findet sich schwer zurecht. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Abend. Aber rufen Sie ruhig wieder an, wenn Sie glauben, jemand könnte getrunken haben. Dafür sind wir ja da."

Ganz sicher nicht. Nächstes Mal sind andere dran.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Spielwiese für Ferkel

Jule fällt vom Glauben ab. Ein bißchen.

Okay. So ganz "ohne" bin ich auch nicht. Das ist wohl niemand. Ich lege auch keinen Wert darauf, besonders "brav" zu sein oder vielleicht noch als "keusch" oder "prüde" abgestempelt zu werden.

Ich bin ein wenig in der blöden Situation, durch meinen Unfall aus der üblichen Entwicklung herausgeworfen worden zu sein. Vorher hatte ich eben noch keinen Typen abbekommen. Hatte aber auch nie so das ultimative Verlangen. Vielleicht den einen oder anderen heimlichen Wunsch, aber mehr eben nicht.

Ich gebe zu, durch meine Querschnittlähmung in dieser Hinsicht nach wie vor sehr verunsichert zu sein. Angst zu haben, einem Typen möglicherweise nicht das bieten zu können, was er gerne von mir möchte, oder das zuzumuten, was er auf keinen Fall von mir möchte. Daher würde ich mich selbst am ehesten als "schüchtern" bezeichnen. In diesem Zusammenhang.

Es braucht eben alles seine Zeit. Und das kann ich auch nach wie vor akzeptieren, obwohl es aktuell mal wieder einen Typen gibt, den ich gerne ... mal näher kennenlernen ... würde und wo ich mir vorgenommen habe, diesen Wunsch oder dieses Verlangen auch mal etwas intensiver und nachdrücklicher zu zeigen. Oder vielleicht sogar noch deutlicher. Mal sehen.

Ich verheimliche nicht, dass ich mich, wenn auch nicht regelmäßig, aber dennoch "wohlproportioniert" selbst befriedige. Das machen viele, wenn auch nicht alle, aber eben viele - und alle, mit denen ich darüber gesprochen habe. Dass ich mir das da unten mal mit einem Spiegel angeschaut habe, nicht nur beim Kathetern, wo man natürlich auf Anhieb die richtige Öffnung finden muss, um einen sterilen Katheter durch die Harnröhre zu schieben, sondern auch aus anderem Interesse, ich glaube, da bin ich auch nicht die einzige. Spielzeug hat auch der eine oder andere zu Hause, knackigen Jungs schauen auch andere Mädels hinterher und wenn ich mir, im Whirlpool liegend, vorstelle, mit dem Typen gegenüber gleich duschen gehen zu wollen - sowas kennt wohl jede(r).

Sehr überrascht war ich jedoch, als mir eine gute Freundin (Fußgängerin) kürzlich erzählte, sie stelle regelmäßig Pornovideos ins Internet. Relativ anonym, der Anbieter kenne zwar ihren Namen, aber die Kunden selbstverständlich nicht. Man sehe aber ihr Gesicht und sie sage hin und wieder auch mal was, aber der Wohnort werde nicht genannt und sie bemühe sich, nichts zu zeigen, woraus sich eindeutig der Wohnort bestimmen ließe. Ich habe mir bei ihr einige ihrer Clips angeschaut, Pornos halt. Sie fummelt an sich rum, mit Fingern, mit Spielzeug, zeigt sich beim Duschen, mit Rasierschaum. Keine besonderen Sachen wie SM oder sowas. Oder ich habe diese Sachen vielleicht nicht zu Gesicht bekommen - egal. Nein, ich nenne weder die Webseite noch ihren Nicknamen.

Pro Klick zahle ein User aus dieser Plattform je nach Länge zwischen einem und zehn Euro, sie selbst verdiene durchschnittlich pro Clip rund 100 Euro. Manchmal nur 20, manchmal auch bis zu 300. Sie fragte mich, ob ich auch mal mitmachen wollte. Man könnte mich als Freundin vorstellen, die mal mitmachen wollte, oder, darauf würden sicherlich viele Leute abfahren, als behindertes Mädel, das niemanden abkriegt und es mal so richtig von der besten Freundin besorgt haben will. Was wir dort machen, sei rein "geschäftlicher" Natur und den Gewinn, den dieser Clip einspielt, würde ich zu 100% von ihr durchgereicht bekommen.

Es war ihr voller Ernst. Mein Blick konnte nicht ungläubig genug sein, ich musste mehrmals dankend ablehnen. So etwas kommt für mich ja nun überhaupt nicht in Frage. Dass ich im Internet etliche intime Details erzähle, ist eine Sache, aber beim Masturbieren und beim Sex wäre ich dann doch gerne unbeobachtet. Vor allem hält mich die Kundschaft ab, die sich dort überwiegend rumtreibt und genötigt fühlt, Kommentare abzugeben. Allesamt nicht nur unter der Gürtellinie, sondern derbster Dirty-Talk. Meine Freundin meinte, das sei dort so üblich. Na vielen Dank.

Ich habe nichts dagegen, dass sie so etwas tut. Es muss jeder selbst wissen, wem er sich wie zeigt. Ich bin ja auch schonmal halbnackt nachts Rennrolli gefahren aus eindeutig sexueller Motivation. Aber für mich wäre es nichts und ein bißchen hat es mich, obwohl ich das tolerieren kann, was sie macht, ... "erschüttert" wäre das falsche Wort, nennen wir es mal "aufgewühlt".

Ich möchte aber gerne mal einen Versuch starten. Nein, nicht mit Clips. Sondern etwas anderes. Unter meinen alltäglichen Beiträgen lösche ich ja, derzeit wieder verstärkt, einige Kommentare raus. Das habe ich bei den vergangenen Postings gemacht, das werde ich auch bei den künftigen Postings so handhaben. Nur bei diesem nicht. Ich bitte meine Leser darum, alles das zu fragen, was du schon immer fragen wolltest. Egal was.

Ich möchte es wissen, geballt und gesammelt. Unter diesem Beitrag. Ob ich das alles beantworten werde, weiß ich noch nicht. Das hängt von den Fragen ab. Ich werde mir aber Mühe geben. Vielleicht beantworte ich das auf einer extra angelegten Seite, auf einer Art "Spielwiese für Ferkel". Vielleicht lösche ich den Beitrag auch in zwei Wochen wieder.

Ich bitte aber jeden, der was schreibt, so fair zu sein und einen sachlichen Umgangston zu wählen, erstens; und zweitens einmal kurz ehrlich aufzuschreiben, warum das so interessant ist. Ihr wollt von mir möglichst eine ehrliche Antwort, dann seid auch bitte selbst ehrlich und schreibt dann eben, dass ihr so einen Fetisch habt. Oder sonstwas.

Es ist ein Experiment und ich bin gespannt.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Bewerberflut

Es ist absolut unglaublich, aber Jana wartet noch immer auf die Entscheidung vom Amt, ob sie in unsere WG einziehen darf. Inzwischen seit über einem Vierteljahr.

Hintergrund: In Hamburg darf Wohnraum, der mit öffentlichen Mitteln barrierefrei erbaut oder umgebaut wurde, nur mit Zustimmung des Wohnungsamtes vermietet werden. Die Berechtigung dafür bekommen aber wegen des großen Andrangs (über 180 so genannte Notfälle auf der Warteliste für barrierefreie Wohnungen) nur Menschen, die keine zumutbare Wohnung haben. Über die Zumutbarkeit entscheidet ein Amtsarzt nach Vorlage eines hausärztlichen Attests.

Das heißt: Interessenten, die aus persönlichen Gründen umziehen wollen, kommen weder auf die Liste, noch bekommen sie überhaupt die Berechtigung, eine andere Wohnung barrierefreie anzumieten. Bei Jana wird also nun seit einem Vierteljahr geprüft, ob gesundheitliche Gründe für den Umzug sprechen.

Dann kommt noch hinzu, dass diese Wohnungen nur an einen Rollstuhlfahrer vermietet werden dürfen. An zwei oder mehr Rollstuhlfahrer darf dieselbe Wohnung nur vermietet werden, wenn diejenigen in einem Verwandtschaftsverhältnis stehen. Also wenn ein verlobtes Paar, beide Rollifahrer, eine gemeinsame barrierefreie Wohnung anmieten will, geht das nicht. Es sei denn, man lässt nur eine der beiden Personen berücksichtigen, dann bekommt man aber auch nur eine Wohnung, deren Größe auf eine Person ausgelegt ist (bei Rollstuhlfahrern maximal 60 m²).

Wir haben nun eine Ausnahmegenehmigung bekommen (bei der WG-Gründung), da hier von allen ärztliche Atteste vorlagen, dass durch diese Wohnform gegenseitige Hilfe möglich ist, die sonst kostenpflichtig von Dienstleistern erbracht werden müsste. Da man ohnehin Probleme hatte, diese große Wohnung zu vermieten, haben wir diese Ausnahmegenehmigung erhalten. Und es sieht so aus, als wenn die zweite Wohnung in diesem Haus, die genauso groß ist und ebenfalls seit über einem Jahr leer steht, auch bald an eine Rolli-WG vermietet wird. Der Vermieter bemüht sich jedenfalls in dieser Richtung.

Aus dieser Ausnahmegenehmigung leitet das Wohnungsamt aber auch ab, dass es uns ständig neue WG-Bewerber vorbei schicken darf. Und so bimmeln hier im Durchschnitt zweimal täglich seit Wochen irgendwelche Leute, die sich das Zimmer anschauen wollen. Bei über 180 Notfällen auf der Liste könnte dieses Theater auch noch etwas länger dauern. Und es wird auch klar, warum Jana ihre Berechtigung nicht bekommt, denn dann wäre dieser Platz ja weg.

Inzwischen waren wohl rund 30 bis 40 Bewerberinnen und Bewerber hier, die aber allesamt ungeeignet waren. Entweder schwer pflegebedürftig (eigenes Bad hat das Zimmer zwar, aber eben keine Möglichkeit, auch nachts eine Pflegeperson getrennt wachen zu lassen), oder vom Kopf her nicht in der Lage, alleine zu wohnen. Die kamen dann mit Betreuer und es wurde gefragt, ob wir Hilfestellungen leisten könnten. Hallo?! Morgens ist hier niemand, wir sind alle in der Schule oder im Job, das geht alleine aus dem Grund schon nicht. Ganz zu schweigen davon, dass es uns hier allenfalls um Hilfe auf Gegenseitigkeit geht. Sich intensiv um einen Menschen mit kognitiven Einschränkungen zu kümmern, kann, bei allem, was diese Menschen zurückgeben, nicht als gegenseitige Unterstützung angesehen werden.

So langsam nervt es.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Leistungsdiagnostik in Hannover

Normalerweise kann ich Egoisten nicht verstehen. Normalerweise sage ich immer, dass ich mich als Egoistin nicht wohlfühlen würde. Heute ist ein Tag, an dem ich den einen oder anderen Egoisten verstehen kann.

Es fing alles ganz harmlos an. Einige Sportler waren zu einem Sichtungstraining nach Hannover eingeladen worden. Um 9 Uhr sollten wir startklar in der Halle stehen, also hatten wir (Cathleen, Yvonne, Kristina, Merle und ich) erst überlegt, ob wir bereits gestern abend hinfahren und dort schlafen. Als Egoistin hätte ich das gemacht. Aber ich habe auf andere Rücksicht genommen, die gestern noch bis spät abends wichtige Termine hatten.

Andere waren in diesem Fall Leute aus Niedersachsen. Vier Bremer hatten gestern abend in Hamburg einen Termin und suchten noch eine Mitfahrgelegenheit, ein Mädchen aus Kiel ebenfalls. Zwei der Bremer und das Mädchen aus Kiel waren mit dem Zug nach Hamburg gekommen, zwei weitere Bremer mit dem Auto: Im Opel Omega Kombi war die Rückbank umgeklappt, um das ganze Equipment mitzukriegen, also verblieben nur noch zwei Sitzplätze.

Kristina fuhr mit ihrem Auto und wollte Merle mitnehmen und eine der beiden Bremerinnen. Das ging nur so, da diese Bremerin noch ein paar Schritte laufen konnte. Dadurch mussten in Kristinas Passat Kombi nur die ganzen Sportrollstühle und kein Alltagsstuhl. Nur so blieb hinten ein einzelner Sitzplatz frei - dann war das Auto bis unter das Dach voll.

Die Kielerin und die zweite Bremerin sollten bei mir mitfahren, genauso wie Cathleen und Yvonne. Ein hinterer Einzelsitz musste auch bei mir draußen bleiben, sonst hätten auch wir nicht alles mitbekommen. Die Sportstühle der Bremer waren alle im Omega, die der Hamburger im Vereinsbus, der völlig separat fuhr - somit mussten also nur die Alltagsstühle von Cathleen, der Kielerin, der Bremerin und mir (Yvonne kann paar Schritte laufen), das Bike und der Rennrollstuhl der Kielerin sowie sämtliche Klamotten in mein Auto. Was für eine Materialschlacht!

Wir hatten gesagt, wir treffen uns alle um 5 Uhr in Altona. Dann sind Fußgänger dabei, die die Fahrzeuge vollpacken können. Ich muss nicht freiwillig als Querschnitt die ganzen sperrigen Sportgeräte verladen. Da bin ich dann doch mal egoistisch... Yvonne hat bei uns in der WG geschlafen, also fuhren wir um 4.45 Uhr bei uns zu Hause los. Um 4.50 Uhr klingelt mein Handy, die Bremerin, Steffi, ist dran. Sie stehe jetzt an der Haltestelle Elbgaustraße, ob wir sie einsammeln könnten. Sie habe verschlafen und irgendwie fahren um diese Zeit noch nicht so viele S-Bahnen...

Also einen U-Turn auf der sechsspurigen Kieler Straße, zurück zur Elbgaustraße. Dort am vorderen Ende der Busspur gehalten, hintere Schiebetür auf, sie solle auf einen Sitz rüberkrabbeln, ihren Rolli reinziehen, sich anschnallen, Tür zu. Alles weitere machen wir in Altona. Nö, sie könne nicht hinten sitzen, da werde ihr schlecht. Auch nicht für zehn Minuten. Wenn ich wolle, dass sie mir das Auto vollkotzt, könnten wir das gerne machen, sonst bestehe sie drauf, vorne zu sitzen. Und dann lachte sie, als wenn der unmögliche Tonfall nur Spaß wäre. Sowas um kurz vor 5 auf nüchternen Magen!

Also krabbelte sie auf einen hinteren Sitz, zog den Rolli rein, aber dann musste Cathleen erstmal nach hinten klettern, sich bei Yvonne auf den Schoß setzen, damit Steffi nach vorne klettern konnte. Und dann mussten sich Yvonne und Cathleen wieder entknoten. Das dauert bei Querschnittgelähmten nunmal gefühlte fünf Minuten. Da schon alle Türen zu waren, ahnte auch der Busfahrer, der hinter uns kam, nicht, dass es noch länger dauern würde, fuhr bis auf 10 Zentimeter auf und startete ein Hupkonzert. Samstagmorgen um 5, wenn noch alles schläft. Und Steffi pöbelte aus dem Fenster zurück: "Ey du hast jawohl ein Rad ab, mach nicht so einen Lärm, wir sind behindert, ja?" Oh. Mein. Gott.

Dann kamen wir endlich los, Steffi beschwerte sich noch, dass der Sitz unbequem sei und sie nicht wisse, wie oft sie eine Pause brauche, dass in Hamburg auch um 5 Uhr schon Ampeln in Betrieb seien und überhaupt. Da in der Alsenstraße zur Zeit gebaut wird, mussten wir parallel über Kaltenkirchener Platz fahren, was aber um diese Zeit genauso schnell ging. Direkt am Bahnhof Altona kamen wir aus einer Seitenstraße auf den Parkplatz (Paul-Nevermann-Platz), dort war nicht nur ein abgesenkter Bordstein, über den wir fahren mussten, sondern auch ein Vorfahrt-achten-Zeichen. Das steht allerdings rund 30 Meter vor der Kreuzung und derjenige, der Vorfahrt hat, hat gar kein Verkehrszeichen. Und derjenige, der dort in dem Moment kam, dachte, es sei rechts-vor-links und hielt an. Steffi brüllte mich laut an: "Nun fahr! Du hast Vorfahrt! Fahr doch endlich!" Ich antwortete: "Er hat Vorfahrt. Aber wenn er nicht fährt, fahr ich jetzt tatsächlich." Und tastete mich langsam vor. Mir war der wartende Schrott-Golf nicht geheuer, nicht dass der plötzlich Gas gibt und ich die Schuld habe. Aber es passierte nichts. Erstmal nichts.

Denn als wir am Treffpunkt ankamen, meinte Steffi, die uns durch ihre blödsinnige Verschlaf-Aktion 15 Minuten Verspätung eingebracht hatte: "Tschuldigt die Verspätung, aber unsere Fahrerin hat ihren Führerschein noch sehr frisch." Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ich erwiderte: "So langsam glaube ich, du bist nicht so ganz frisch. Noch so ein Spruch und du fährst mit der Bahn." - Steffi: "Hey, nun hab dich nicht so, ich hätte auch sagen können, das liegt daran, dass du behindert bist." Das sollte witzig sein?! Na, ich weiß nicht. Yvonne, die hinten angeschnallt auf ihrem Sitz saß, tippte sich gegen die Stirn.

Die Kielerin war sehr nett. Sie war mit gerade mal 16 Jahren die jüngste in unserem Auto, aber sie hatte eindeutig das bessere Benehmen. Obwohl ich das nie erwartet hätte, bekam ich sofort eine große Tafel Schokolade, in Geschenkpapier eingepackt, in die Hand gedrückt. Das sei fürs Mitnehmen, meinte sie. Ohne mich sei sie aufgeschmissen gewesen und hätte nicht mitfahren können. Obendrauf waren vier Tankgutscheine über jeweils fünf Euro festgeklebt. Sie setzte sich in die zweite Reihe ans Fenster, schnallte sich an und war glücklich. "Ich kann noch was auf den Schoß nehmen", meinte sie, als die letzten Klamotten nicht mehr in den Kofferraum passten.

Um 5.45 Uhr kamen wir endlich los. Das Bremer Auto fuhr vorweg, dann ich, Kristina hinter mir. Wir kamen sehr gut durch und waren um 7.15 Uhr bereits kurz vor Hannover. In Hamburg fuhren wir bei 5 Grad los, mehrmals zwischendurch piepte die Außentemperaturanzeige in meinem Cockpit, weil die Temperatur unter 3 Grad absank. Steffi regte sich schon auf, dass es Schwachsinn sei und nerve, sie wolle schlafen, ich erwiderte, dass man ja trotzdem vorsichtig fahren könnte. Sie sagte nur schnippisch: "Noch vorsichtiger?" Ich hatte echt keinen Bock mehr auf die Frau, die mich permanent anzickte. Wieso fahre ich übervorsichtig, wenn ich hinter dem Bremer Omega hinterher fahre und der kein einziges Mal auf mich warten muss?

An einer Kreuzung mussten wir an einer roten Ampel warten, dahinter lag die Straße zwischen Feldern. Es war stockdunkel, Straßenlaternen standen nur an der Kreuzung, dahinter und auf den Feldern natürlich nicht. Ich wollte die Uhrzeit wissen und schaute auf mein Cockpit, als ich sah, dass die Außentemperatur -1.5 Grad betrug. Und die Straße war feucht. Die Ampel wurde grün, wir fuhren los. Der Omega vor uns war sehr zügig unterwegs und ... war der besoffen? Ähm - nein - der brach hinten aus! Erst nach rechts, dann nach links, dann wieder nach rechts, jedes Mal ein Stückchen mehr. "Was macht der denn?" fragte Steffi. Ich vernahm ein Klickern, dann flimmerte in meinem Cockpit ein großes gelbes Ausrufezeichen auf. ESP? Was ist hier los? Der Omega rauschte auf seinem Schlingerkurs nahezu quer zur Fahrtrichtung mit dem Heck in einen Straßengraben, mähte einen Begrenzungspfosten um, wirbelte jede Menge Gras und Matsch hoch und knickte ein Ortsschild um, das ihn letztlich wieder auf die Fahrbahn schob.

Beim Bremsen merkte ich dann, was ich Sekunden vorher bereits befürchtet hatte: Die Straße war spiegelglatt. Es kam zwar halbwegs überraschend, aber das Anhalten war mit Winterreifen und ABS absolut kein Problem. Ich schaute vorsichtig in den Rückspiegel, aber Kristina hatte genug Abstand gehalten. Alles gut. Ich fuhr etwas auf den Grünstreifen und schaltete das Warnblinklicht ein. Auch wenn eigentlich nichts passiert war, war ich schon ziemlich zitterig und vieles hätte ich dafür gegeben, dass Steffi einfach nur die Klappe hält. Nein, sie öffnete ihr Fenster und brüllte raus in die dunkle Nacht: "Hast du abgefahrene Sommerschlappen drauf oder was?" Dann drehte sie sich zu mir und sagte: "Hat er aber guuuuut abgefangen. Echt. Guuuuut abgefangen." Und nickte 20 Mal, um sich das selbst noch zu bestätigen. Ich hätte ihr am liebsten ein paar Socken in den Mund gestopft. Was war daran gut abgefangen?!

Von hinten kam Kristina zu Fuß angewackelt. Sie hielt sich beim Gehen schon an meinem Auto fest. "Das ist spiegelglatt hier!" sagte sie. Steffi kommentierte weiter: "Du bist ja ein richtiger Blitzmerker!" Auweia.

Wir beschlossen, den Omega samt seiner zwei Insassen alleine auf die Polizei warten zu lassen (wegen des Ortsschilds und vielleicht rufen die ja auch mal den Streudienst) und vorsichtig weiter zu fahren. Was Steffi gar nicht recht war, denn ihre Sportstühle waren ja im Omega. Da mein Auto aber voll war, war mir das so ziemlich egal. Das einzige, was zur Debatte stand, war, ob ich sie im nächsten Ort raussetze und sie mit einem Taxi weiterfährt... Aber ich bin ja nicht egoistisch (genug).

Es war wirklich nur die eine Stelle so glatt. Dahinter war wieder alles normal und als wir nach Hannover reinfuhren, hatten wir auch schon wieder 4 Grad plus. Ich bin nur froh, dass es mich nicht erwischt hat. Egoistin. Immerhin hatte sich der Omega-Fahrer die komplette Beifahrerseite gebügelt mit der Aktion. Er meinte, das sei ein Totalschaden, bei dem alten Auto.

In der Sporthalle angekommen, wurden wir von Simone begrüßt, die schon seit gestern in Hannover war. Um Punkt 9 Uhr ging es los: Es sollte eine Leistungsdiagnostik auf einem Rollen-Ergometer stattfinden. So richtig mit Laktat(?)-Test, man wurde aufwändig verkabelt und musste über ein Mundstück mit Schlauch dran atmen. Das ganze Spektakel ging pro Person über 30 Minuten und beinhaltete eine Aufwärmphase, eine Steigerungsphase mit mehreren Intervallen und zwei Höchstleistungsminuten kurz vor Schluss. Plus Ausfahren, anhalten, Ruhe.

Da "nur" drei Ergometerplätze für insgesamt 18 Leute da waren, war der Vormittag entspannt. Die Leute, die ihr Equipment im deutlich verspäteten Omega hatten, waren zuletzt dran. Nach dem Mittagessen mussten wir im Nieselregen Handbiken. Die Leute mit den besten Perspektiven haben die Chance, in einen Bundesnachwuchskader zu kommen. Man werde schriftlich benachrichtigt. Ich rechne mir keine Chancen aus, die anderen Hamburgerinnen auch nicht, aber man kann es ja mal mitmachen und hat vor allem dann auch eine gute Analyse, die man später zu Vergleichen heranziehen kann.

Der Tag war ansonsten recht nett, die Rückfahrt war auch entspannt, Steffi fuhr ja direkt mit dem ICE nach Bremen zurück, so dass wir auch wesentlich mehr Platz im Auto hatten. Die Kielerin warfen wir in Altona wieder raus. Sie blieb richtig nett und sie darf herzlich gerne wieder mitfahren, wenn sie mal wieder eine Gelegenheit sucht.

Eine Anekdote über Steffi muss ich aber noch loswerden, und ich warne vor, es geht mal wieder um das Lieblingsthema einiger meiner Stammleser. Ich erzähle es trotzdem, kündige aber gleichzeitig an, Fetisch-Kommentare gleich zu löschen. Also genießt es einfach und spart euch die Mühe. Über alle anderen Kommentare freue ich mich selbstverständlich, wie immer.

Also: Steffi steht auf diesem Ergometer, das sind zwei Rollen, in die der Rennrollstuhl reingestellt wird. Die Rollen sind mit einem Computer verbunden und können gebremst werden, so dass Steigung und Gefälle real nachempfunden werden können. Natürlich sitzt man in seinem Stuhl in Sportkleidung und natürlich sollte man in so engen Stühlen auf alles verzichten, was die Haut wundscheuern kann. Das betrifft vor allem Querschnittgelähmte, die das Wundscheuern nicht merken, deren Haut sich deutlich schneller verletzt und die wesentlich länger mit der Heilung verletzter Haut zu tun haben. Auf der Straße heißt es konsequent: Pampers weg. Die scheuert wund, schnürt ein, führt zum Wärmestau, löst sich auf. Nicht alle tragen sowas, einige beeinflussen die Blase auch über Medikamente, aber das funktioniert eben nicht bei allen.

Bei Steffi auch nicht. Nun überlege ich mir natürlich, dass ich bei diesem Test ja Höchstleistung bringen soll, genauso schwitze - also auch hier lieber ohne Windel. Aber ich kann ja direkt vorher nochmal auf die Toilette und der Test dauert ja auch nur maximal 30 Minuten. Das sollte man wohl trockenen Fußes hinbekommen, selbst wenn man gar nichts aktiv kontrollieren kann. Falls nicht, wird auch niemand was sagen, dann kleckerts halt auf den Fußboden, irgendeiner schmeißt zwei, drei Lappen hin, hätte ich kein Mundstück im Mund, würde ich noch "sorry" sagen, aber mehr Aufmerksamkeit bekommt die Sache nicht. Weder vom Sportler, noch von den Leuten, die da arbeiten und sichten.

Wie man schon ahnen kann, war Steffi die einzige, die dort einen See gemacht hat. Also flogen zwei, drei Lappen auf den Fußboden unter ihren Po, als sie mit ihrer Testung fertig war, wurde, bevor der nächste drankam, einmal nass gewischt. Dann kam sie zu uns und fragte, ob wir das eben mitbekommen hätten, sie sei supergut gefahren. Jaja *augenverdreh*. Und deswegen schwitze sie auch immer so. Daraufhin sagte Yvonne: "Och, so verschwitzt siehst du aber gar nicht aus." Tja, schlecht, wenn man den halben Morgen rumzickt, dann zickt irgendwann auch mal jemand zurück. "Nein", fuhr sie fort, "ich meine gar nicht so sehr an der Stirn, sondern am Po." Sie habe am Po so sehr geschwitzt, dass es schon runtergetropft sei... Yvonne schaute sie an und man entnahm ihrem Blick, dass sie nicht wusste, ob das ein Spaß oder Ernst war. Steffi meinte es ernst. Es dauerte drei Sekunden, dann konnten sich Yvonne, Simone, Cathleen, Kristina, Merle und ich vor Lachen nicht mehr aufrecht halten. So fies das auch klingen mag, ich glaube, der Spruch wird unser neuer Running Gag - mindestens bis 2014.

Freitag, 22. Oktober 2010

Es geht auch ohne Druck

Wow. Als wir von einem Monat gesammelt in eine Fallgrube stürzten ... nein, als wir vor einem Monat in einem rund 10 Zentimeter tiefen Loch im Gehweg hängen blieben und uns auf die Nase legten, konnte ich mir nicht verkneifen, die S-Bahn Hamburg, zu der dieser Weg gehört, per Mail ein Foto davon zu schicken. Frank meinte, ich solle dazu schreiben, dass sie froh sein können, dass es nur ein Foto und keine Schmerzensgeldforderung ist, aber das habe ich mir verkniffen. Ich wollte wissen, was passiert, wenn man nett darauf hinweist. Ohne Druck.

Einen Monat später musste ich erneut diesen Weg fahren und war schon darauf gefasst, gleich wieder ein tiefes Loch umfahren zu müssen. Aber nein: Wenngleich ich keine Antwort auf meine Mail bekommen habe, haben sie wenigstens das Loch geschlossen. Man sieht noch die Markierung für den Bautrupp. Okay, man hätte auch mal fegen können, aber wollen wir mal nicht kleinlich sein.

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Das Monster im Rollstuhl

Wie sie hierher gekommen war, wusste ich nicht. Wie ich hierhin gekommen war, wusste ich auch nicht. Das spielte auch keine Rolle. Wir waren zur selben Zeit am selben Ort und redeten miteinander. Sie hatte ihr Fahrrad gestoppt, ein einfaches Damenrad, war vom viel zu hoch eingestellten Sattel noch vorne abgestiegen, stand vor den Pedalen mit beiden Füßen auf dem Gehweg und hielt ihre Tretmühle mit beiden Händen am Lenker fest. Geschockt sah sie aus, den Tränen nahe. Als wäre sie gerade eben nochmal mit dem Leben davon gekommen. Tja, man sollte aufpassen, wenn man mit dem Fahrrad eine Straße überquert. So etwas kann selbst an beampelten Überwegen böse enden. Vor allem der Kontakt zwischen Auto und Radfahrer bietet jede Menge gefährliches Potential. Dass sie mit dem Fahrrad gegen die Fahrtrichtung, also auf der linken Seite der Straße, unterwegs ist, fällt mir gar nicht auf. Ich bin viel zu sehr, und damit höchst angestrengt, damit beschäftigt, aufzupassen, dass ich mich nicht verplapper. Denn auch wenn sie es ahnte: Erzählen wollte ich es ihr nicht, dass ich ihr den Kamikaze-Fahrer, der sie vor inzwischen gut 10 Minuten beinahe mit dem Auto umgebügelt hatte, auf den Hals gehetzt hatte. Es war vielleicht besser, wenn ich ein Alibi hatte.

Die Frau hatte Angst vor mir. Vor mir, dem Monster im Rollstuhl. Ich beruhigte sie: "Frau H., Sie müssen doch keine Angst vor mir haben. Ich tue Ihnen doch nichts. Habe ich Ihnen jemals irgendwas getan?" Nein, hatte ich nicht. Das wusste sie. Das beruhigte sie. Aber sie war sich dennoch irgendwie sicher, dass ich für die inzwischen drei Attentate auf sie verantwortlich bin. Nur der letzte, eindeutige Beweis fehlte. Es standen Zweifel im Raum, insbesondere durch mein jeweiliges Alibi. Und aus irgendeinem Grund lebte sie immernoch. Aber ich quälte sie. Und insgeheim freute mich das. Obwohl ich das, was ich getan hatte, schon einigermaßen heftig fand.

Sie stand mit ihrem Fahrrad auf dem Gehweg vor einem Einfamilienhaus, dessen Vorgarten von einer hüfthohen Hecke umgeben war. Das Haus kannte ich. In Sichtweite verlief die Straße unter einer Eisenbahnbrücke hindurch, und einige hundert Meter weiter würde man an diejenige Kreuzung gelangen, an der ich vor rund zwei Jahren meinen Unfall hatte. Vor diesem Haus war ich sicher: Hier haben wir uns damals, während meines Prozesses, mit dem Gericht zu einem Ortstermin getroffen. Erstmal in sicherer Entfernung, so wollte es der vorsitzende Richter, der befürchtete, ich, die Geschädigte, könnte mit alledem überfordert sein. Eigentlich wollte er mich gar nicht dabei haben, aber ich bestand darauf. Aber sich in sicherer Entfernung zu treffen und dann gemeinsam zum Unfallort zu gehen, war doch ein guter Kompromiss.

Heute traf ich hier Frau H., die, mit ihrem Fahrrad unterwegs, gerade einem Attentat entkommen war. Einem von mir geplanten Attentat. Inzwischen sagte sie wieder und wieder, dass sie sich nicht sicher sei, ob ich nicht die Drahtzieherin der Anschläge auf sie sei. Und dass das alles Wahnsinn sei. Als der Tanklaster explodierte, wurden über 500 Menschen getötet, einer schwer verletzt. Die Zahl "über 500" hörte ich von ihr zum ersten Mal, bisher waren mir aus den Medien nur 23 Tote bekannt, und das waren schon viel zu viele unschuldige Opfer. Ich sagte es noch einmal: "Ich habe damit nichts zu tun." Frau H. wollte mir nicht so richtig glauben, das erkannte ich an ihrem Gesichtsausdruck. Aber irgendwie schien sie sich auch unsicher, wie sie mit mir, dem Monster im Rollstuhl, umgehen sollte.

So angestrengt ich auch darüber nachdachte, mir fiel nicht mehr ein, welches Attentat ich zuerst auf sie verübt hatte. Ich war mir aber sicher, dass dieses das dritte war. Auch war mir nicht klar, warum die Polizei mich angesichts der vielen Toten bei der Tankerexplosion noch nicht ermittelt und festgenommen hatte. Zumal ich vielleicht die einzige wäre, die ein starkes Motiv (Rache) hätte, dieser Frau etwas anzutun. Vielleicht wartet man noch auf einen eindeutigen Beweis, erklärte ich mir plausibel. Und am liebsten würde ich ja auch ungeschoren davonkommen. Dass die Eisenbahnbrücke eigentlich an einer ganz anderen Stelle liegt, fiel mir nicht auf. Aber immerhin fuhr meine Unfallgegnerin, Frau H., inzwischen mit dem Fahrrad. Ob sie das im wahren Leben auch tut oder weiterhin ohne Führerschein mit Pkws unterwegs ist ... wer weiß das schon?!

Jemand rüttelte mehrmals heftig an meiner Schulter. Dann, plötzlich, öffnete ich die Augen. Helles Licht blendete mich. Ich war total benommen, orientierungslos. Wusste nicht, in welcher Situation ich mich befand, wusste nicht, ob ich lag, stand oder flog, wusste nur, dass die Situation nicht gut für mich war und ich dringend fliehen müsste. Schnell weg hier, egal wie. "Schschscht, Jule, ganz ruhig, gaaaanz ruhig, hey, alles ist gut, Jule, ganz ruhig, ich bin bei dir. Du hast nur geträumt. Du bist zu Hause in deinem Bett, alles ist gut." Oh. Mein. Gott.

Schweißgebadet. Mein Kissen war pitschnass geschwitzt, meine Haare klebten im meinem Gesicht. Mir war heiß und ich fror gleichzeitig. "Hab ich geschrien?" fragte ich schlaftrunken Sofie, die nur mit einem T-Shirt bekleidet in ihrem Rollstuhl neben meinem Bett stand. "Wie am Spieß", antwortete sie. "Was träumst du dir denn bloß immer für einen Scheiß zusammen?" - "Ich weiß es auch nicht", antwortete ich, zu verwirrt für irgendwelche Analysen. Meine Haut am linken Arm juckte. Mein T-Shirt klebte an meiner linken Körperhälfte bis zur Schulter. Als ich mich aufrichten wollte, merkte ich, dass ich in einer großen Pfütze lag. "Bäh!", sagte ich und schob mein Kopfkissen nach oben aus der Gefahrenzone. Warf meine Decke zurück.

"Oh", staunte Sofie. "Warte, ich hol dir ein Handtuch." Es war mir egal, was sie denken würde. Die ganze Situation war schon irre genug. Und wir kennen uns nun, glaube ich, schon lange genug, als dass mir das noch peinlich sein müsste. Sie kam mit zwei Handtüchern auf dem Schoß aus dem Bad zurück. "Willst du kurz duschen und ich bezieh dir das Bett frisch?" fragte sie. Nett gemeint. Aber ich wusste, ich würde nur in dem Moment so durch den Wind sein. Bald wäre alles wieder vorbei und ich könnte ganz normal, frisch geduscht und in einem frisch bezogenen, nach Persil duftenden Bett wieder weiterschlafen.

Während meiner Psychotherapie haben wir sehr oft über meinen Unfall gesprochen. Ich erinnere mich an ihn nicht. Die Alpträume, die ich manchmal habe, werden seltener. Manchmal sind es innerhalb von vier Wochen drei, manchmal passiert zwei Monate lang gar nichts. Dass meine Unfallgegnerin in diesen Alpträumen vorkommt, ist nicht neu. Ich dokumentiere meine Alpträume (auf Wunsch meiner Psychologin), wenngleich nicht alle so ausführlich wie den heutigen, und ich zähle inzwischen den achten mit Beteiligung der Crash-Oma. Und wie meine Psychologin schon beim letzten Mal sagte, wird auch dieser nicht der letzte gewesen sein. Nicht der letzte Alptraum und nicht der letzte Traum, in dem die Crash-Oma vorkommt.

So eine Psychotherapie wird ja gerne mal belächelt, nur ich finde nach wie vor, dass sie mir hilft. Sie ist nicht das, was ich häufiger höre und vor allem von meinem Vater gehört habe: Nämlich das Suchen nach Bestätigung durch eine lebensfremde Akademikerin mit Doppelnamen. Für lebensfremd halte ich meine Psychologin, selbst nach einem Reitunfall querschnittgelähmt, nicht, und einen Doppelnamen hat sie auch nicht. Sie bestärkt mich zwar häufig in dem, was ich tue, aber das ist nicht der wesentliche Inhalt unserer Stunden. Sie ist eigentlich nur diejenige, die mich dazu anhält, meine Seele zu bürsten. Wie bei jemandem mit langen Haaren, der sie nach dem Waschen nicht durchkämmen will, weil es am Ende so ziept - dabei wissen wir alle, dass es sein muss, weil die Haare sonst verfilzen. Die Alternative eines Kurzhaarschnitts gibt es bei der Seele halt nicht. Meine Psychologin ist diejenige, die mir den Spiegel vorhält und mir zeigt, wo noch gebürstet werden muss. Ohne Spiegel gehts halt nicht.

Ja, ich wünschte, meine Unfallgegnerin wäre härter bestraft worden. Daraus mache ich kein Geheimnis. Nicht härter im Sinne einer noch höheren Freiheitsstrafe (die war ja schon verhältnismäßig hoch), sondern spürbarer. Eine Bewährungsstrafe ohne weitere Auflagen kratzt die Frau doch nicht. Sieht man ja schon daran, dass sie sich mit krimineller Energie einen Ersatzführerschein besorgt hat und später mit dem angeblich verlorenen ersten Lappen trotz Fahrverbot weiter Auto gefahren ist. Die Frage ist auch, ob sie die Sanktionen, die der Staat als Bestrafungsmöglichkeiten für solche Fälle zur Verfügung hat, überhaupt beeindrucken können. Obwohl ich denke, dass sie ein paar Monate im Knast doch vielleicht kratzen und zum Nachdenken anregen könnten. Doch egal, das Thema ist abgeschlossen.

Ich habe sehr bewusst den Ausdruck "Monster im Rollstuhl" gewählt, um mich in diesem Alptraum zu beschreiben. Und gleichzeitig auch meine Distanz zu diesem Monster auszudrücken. Möglicherweise ist das notwendig, bevor irgendein Leser aus diesem Blog-Eintrag eine Amoklage konstruiert und mir das SEK ins Haus schickt. Nein, Kinners, ich bringe keine Leute um. Ich entführe weder Tankwagen noch hetze ich andere Leute in Autos auf Menschen, die mit dem Rad unterwegs sind. Ich besorge mir auch keine Schusswaffen und ich besuche auch nicht die Frau, die mich körperlich (und sehr offensichtlich auch seelisch) sehr verletzt hat. So dramatisch und zerstörerisch und gefährlich die Inhalte dieser Alpträume auch wirken und so eindrucksvoll sie mich auch manche Nacht beschäftigen, so skurril sind sie doch am Morgen danach. Auch, dass ich mich mit dieser Frau unterhalte: Selbst wenn sie eines Tages doch noch auf die Idee käme, sich doch noch bei mir entschuldigen zu wollen, hätte ich wirklich null Bedarf, mich mit ihr zu treffen, und vielleicht noch ihr schlechtes Gewissen zu therapieren (oder, um den Traum noch einmal aufzugreifen, sie davon zu erlösen).

Nein, nochmal ganz im Ernst: Diese Alpträume und auch deren Inhalte, insbesondere irgendwelche Rachegelüste, auch sehr heftige, sind normal. Ich habe lange Zeit im Koma gelegen, habe eine schwere Verletzung davon getragen, bin aus meinen sozialen Bindungen herausgerissen worden und war ein Jahr in Kliniken eingesperrt. Musste Rollstuhlfahren lernen, mit körperlichen Einschränkungen zurecht kommen und eigentlich ein komplett neues Leben beginnen. Es wird noch Jahre dauern, bis ich das komplett verarbeitet habe. Aber: Ich habe ein komplett neues Leben begonnen, eins aus dem ich mich wider Erwarten nicht in mein bisheriges zurücksehne, eins mit dem ich sehr gut zurecht komme. Ich möchte mein Abi schaffen, ich habe meine Leute, mit denen ich befreundet bin oder die ich sogar sehr lieb habe, ich habe meinen Sport, den ich trotz körperlicher Einschränkungen ausüben kann und der mich richtig herausfordert, ich bin finanziell abgesichert, ich liebe mein WG-Zimmer, ich werde gemocht, gekrault, um Rat und Meinung gefragt - lediglich zwei Dinge könnten besser sein: Erstens würde ich gerne endlich mal mit jemandem ins Bett gehen und zweitens möchte ich gerne nächsten Monat Sommeranfang haben. Alles klar?

Ich werde jetzt noch zwei Stündchen in meinem frisch bezogenen Bettchen schlafen, bevor mich der Schulalltag wieder einfängt. Und falls nun wirklich noch jemand nicht genug beschwichtigt wurde und ernsthafte Zweifel verblieben sind, mein Traum könnte mit der Wirklichkeit verschmelzen, oder ich sei nicht in der Lage, mich ausreichend zu kontrollieren, darf er mir gerne eine Mail schreiben. Dazu einfach in der rechten Spalte neben meinem Profilfoto auf "Mein Profil vollständig anzeigen" klicken und an die auf der sich dann öffnenden Profilseite hinterlegte Mailadresse eine kurze Nachricht schicken - mit Name und Telefonnummer. Sofern es sich um eine offizielle Behördennummer handelt, garantiere ich einen Rückruf...

Sonntag, 17. Oktober 2010

Schneewittchen und die 7 Rollis

Eigentlich meinte ich, ich hätte mit der Begleitung unserer Amerikaner meinen Reeperbahn-Soll für dieses Quartal erfüllt, aber wenn es einen guten Grund gibt, stürze ich mich selbstverständlich auch ein zweites oder drittes Mal ins blinkend rote Getümmel.

Und diesen guten Grund gab es tatsächlich. Catharina, von der ich über ein Vierteljahr nichts gesehen oder gehört habe (bis auf ein einziges Mal bei der Physio, da war sie jedoch mittendrin und ich wollte sie nicht stören), rief mich an, sie sei am Dienstag entlassen worden. Sie habe ein neues Handy, daher habe nur sie meine Nummer, ich ihre aber nicht. Sie habe eine Wohnung in Hamburg-Harburg bekommen, nicht schön, aber fürs Erste reiche es. Ihr falle die Decke auf den Kopf. Ihre Leute seien allesamt so überfürsorglich, das sei zwar von Montag bis Freitag okay, aber bitte nicht auch noch am Wochenende. Sie wollte wissen, ob ich am Wochenende nicht ein paar rollende Leute zusammentrommeln könnte für einen netten Abend auf dem Kiez.

"Na klar", habe ich ihr geantwortet. Bloß nicht fragen, warum Kiez, bloß nicht überlegen, ob wirklich jemand Zeit haben könnte. Wenn jemand versucht, auf eigenen Beinen ... pardon ... Rädern zurecht zu kommen, nachdem er sich vor einem Vierteljahr noch umbringen wollte, das erste Wochenende allein zu Hause ist und von sich aus zum Hörer greift, um irgendwas anderes zu tun als dumm rumsitzen, dann kann die Antwort nur "na klar" heißen. Finde ich.

Simone, Cathleen, Sofie, Frank, Jana, Catharina und ich - sechs spontane Zusagen. Ohne dass meine Leute von Catharina wussten - das blieb bis zuletzt eine angekündigte Überraschung. Sofie meinte, sie würde Besuch bekommen von Vanessa, die würde aber auch gerne mitkommen, sei jedoch als einzige keine Rollifahrerin. Habe zwar eine angeborene Querschnittlähmung (Spina bifida), die jedoch so tief lokalisiert und zudem inkomplett sei, dass sie laufen könne. Bißchen wackelig, aber es sei okay. Sie würde aber aus einem anderen Grund noch auffallen, jedoch sei das ihre Überraschung, sagte Sofie, wenn ich so ein Geheimnis um die siebte Person machen würde.

Wir trafen uns im Hauptbahnhof. Catharina wurde von ihrer Mutter begleitet, der es sichtbar schwer fiel, ihre Tochter an eine Horde Rollstuhlfahrer abzugeben. Allerdings erkannte sie Cathleen, Sofie und mich als diejenigen wieder, die ihrer Tochter vor einem Vierteljahr zum Schwimmen verholfen haben. Sie sagte aber nichts weiter mehr dazu. "So Mama, jetzt verkrümel dich doch mal, ich schaff das schon alleine. Du bist zu alt für die Party." - Klare Worte. Die Mutter verschwand. Fehlte nur noch Vanessa.

Plötzlich tauchte zwischen uns ein Mädchen auf, schätzungsweise 13 oder 14 Jahre alt, vielleicht auch erst 11 oder 12. Einerseits wirkte sie schon sehr weit entwickelt (deutliche Brust), andererseits war sie sehr klein, höchstens 135 cm. Ich war im Sitzen kaum kleiner als sie im Stehen. Trug neongelb-camouflage-farbene Rave-Pants, Buffalostiefel, Zebrajacke mit Kapuze, gepflegte, blonde, schulterlange Haare, keine Schminke, ein Kaugummi im Mund, drei Piercings in der linken äußeren Ohrmuschel ... bitte was? Mit 14?! Ich weiß, es gibt kein Mindestalter, aber wessen Eltern erlauben einem Kind unter 14 bitte solche Piercings? Und vor allem, welches halbwegs seriöse Studio pierct Kinder? Ich habe bestimmt nicht viele konservative Einstellungen, aber Kinder piercen oder mit irgendwelchen Tatoos schmücken - das geht mal gar nicht. Sorry.

Egal, war ja nicht mein Kind. Das Mädel wuselte wie ein kleiner Terrier zwischen uns herum, tickte mir auf die Knie, sprang weiter zu Sofie, tickte ihr auf die Knie, sprang weiter zu Frank, tickte ihm auf die Knie und rief keck und mit frecher Stimme: "Na?! Merkst du das?" Frank reagierte gelassen: "Na du Wirbelwind, hast du denn deine Hausaufgaben schon fertig?" Das Mädel streckte ihm die Zunge raus, sprang zurück zu Sofie, stieg mit einem Fuß auf die Haltebuchse ihres Vorderrads, drückte sich hoch und setzte sich mit einer Drehung auf ihren Schoß. Umarmte Sofie halb und fragte: "Duhu? Holst du mir ein kühles Bier? Ich hab gerade Bock auf eins, aber der Typ am Kiosk wollte nicht mit mir reden. Wie immer." Sie verdrehte die Augen.

Cathleen und ich schauten uns stirnrunzelnd an. "Wollt ihr auch eins? Ich schmeiß ne Runde", sagte sie. "Oh nee", dachte ich mir, "kann mal einer dieses nervige Kind wegschicken?" - Sofie antwortete ihr: "Okay, ich hol dir eins. Will noch jemand was vom Kiosk?" Das konnte nicht ihr Ernst sein. Obwohl ... vermutlich wollte sie ihr ein Malzbier holen und sie dann verabschieden. Irgendwie wurde es auch allerhöchste Zeit, dass diese Vanessa endlich kommt, damit wir weiter konnten. Sofie fuhr zu einem SB-Markt und kam mit acht Flaschen Bier im Ruckack wieder. Sie verteilte sie, nachdem sie die Kronkorken an der Bremse ihres Rollstuhls geöffnet hatte. Das konnte jetzt nicht ihr Ernst sein, dass sie dem Mädchen Bier gab! Als Sofie ihr die Flasche gab und das Mädchen diese sofort ansetzte und einen tiefen Zug nahm, stammelten Simone, Cathleen und ich nur noch ein "Ähhh hallo?" in Richtung Sofie heraus. Das Mädchen rülpste laut. Sofie sprach sie an: "Mahlzeit. Übertreibs nicht." Sofie grinste. Das Mädchen grinste auch. Irgendwas war hier faul.

Plötzlich grinste das Mädchen nicht mehr, sondern drückte mir ihre Flasche in die Hand. "Nimm. Schnell.", sagte sie. Verdattert nahm ich die Flasche, bevor sie mir das Bier über die Hose kippte. Sie kniete sich hin, band demonstrativ ihre Schuhe zu. Hinter uns trottete eine Polizeistreife vorbei. Als sie weiterging, stand sie wieder auf und wollte ihr Bier zurück. "Danke. Ich habe keinen Bock, schon wieder kontrolliert zu werden." - "So. Wollen wir los?", fragte Sofie. Ich antwortete: "Warten wir nicht noch auf Vanessa?"

Sofie grinste. "Darf ich vorstellen? Das ist Vanessa." Das Mädchen hielt die Bierflasche vom Körper weg und verbeugte sich tief. Fast bis zur Erde. Wir stellten uns alle einmal vor. Als wir losfuhren und dieses Mädchen vor uns her lief, fiel mir auf, dass das Mädchen komisch lief. Es wackelte mit dem Po, ging irgendwie seltsam. Nicht wirklich breitbeinig, aber irgendwie holte sie den meisten Schwung aus der Hüfte und irgendwie hob sie ihre Füße auch unnatürlich weit hoch. Tiefer Querschnitt - trägt vermutlich orthopädische Schienen unter der Hose. Aber sie war schnell. Ich passte Sofie ab und fragte sie: "Wie alt ist Vanessa?!" Sofie grinste. "Dreiundzwanzig. Aber sie benimmt sich manchmal wie zehn. Das Showprogramm war meine Überraschung." Die war ihr gelungen.

Als wir in der S-Bahn saßen, wollte die unbedingt mit uns anstoßen. "Auf einen feucht-fröhlichen Abend", meinte sie. Irgendwie gefiel mir ihre freche Art. Sie hatte sich bei Sofie auf den Schoß gesetzt, quer über beide Beine, und ließ ihre Unterschenkel gegen die Speichen von Sofies Rad baumeln. Fragte sie, wie es ihr geht, war plötzlich total nett. An der Stadthausbrücke stiegen Sicherheitsleute ein. "Die Fahrkarten bitte!" Die Rollstuhlfahrer wurden nicht kontrolliert, aber von Vanessa wollten sie eine Fahrkarte. "Begleitperson", sagte Sofie. Der Typ nickte. Sah das Bier. Deutete drauf. "Äh, wie alt bist du?" fragte er.

"Ich halt nur für sie die Flasche", antwortete sie und deutete auf Sofie. "Oder haben Sie mich trinken sehen?" Der Typ verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und ging weiter. Vanessa schmollte und sagte: "Das fehlte noch, dass der mir mein Bier wegnimmt." Und nahm einen weiteren Zug aus der Flasche. "Bis Reeperbahn müssen die leer sein, da ist Glas nicht erlaubt", sagte sie. Alle Achtung! Ich hätte nicht gedacht, dass sie sowas so genau nimmt. Das hatte allerdings mit der nächsten Überraschung zu tun und die war nicht mehr weit.

Da die S-Bahn-Station nicht barrierefrei war, mussten wir über die Rolltreppen nach draußen. Ich fragte Catharina, ob wir gemeinsam jemanden anprechen sollten, der sich zur Sicherheit hinter sie stellt. "Nein, hoch kann ich alleine. Nur runter bin ich mir noch etwas unsicher." Supi.

Vanessa stiefelte vorweg, wurde fast von einem Typen umgelaufen, der sich umdrehte, um sich nochmal zu vergewissern, dass da wirklich sieben Leute im Rolli über die Vergnügungsmeile zogen. "Guck mal, ne Horde Behinderte", rief er seinen Leuten zu. Vanessa schüttelte den Kopf, stiefelte weiter. Plötzlich fing sie an zu singen: "Schneewittchen und die sieben Rollis...", meinte dann aber: "Nee, irgendwas ist da verkehrt." Dieser Zwerg (wie sie sich selbst nannte) hatte meinen Humor. Wir kamen an dem ersten Fachgeschäft für alle möglichen Spielzeuge vorbei (also kein Ramschladen) und mussten unbedingt hinein. "Mal sehen, ob die auch Dildos für Zwerge haben", witzelte sie. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass sie Witze dieser Art schon lange nicht mehr hören kann. Aber solange sie selbst solche Sprüche klopft, war alles okay.

Der Laden war groß genug, um ihn mit 7 Rollis befahren zu können. Zwergendildos hatten sie keine, dafür aber viele andere lustige Sachen. Catharina ging es gut, sie amüsierte sich und schien glücklich zu sein. Als wir wieder rauskamen, warteten bereits zwei Polizisten auf uns. Vanessa kam als letzte aus dem Laden und wurde prompt umzingelt. "Guten Abend. Eine kurze Personenkontrolle." Vanessa war sichtlich genervt und stampfte mit einem Fuß auf. "Oh menno, wir sind noch nicht mal 10 Minuten hier!" Einer der Polizisten antwortete sofort: "Kinder in deinem Alter haben sich in solchen Läden gar nicht aufzuhalten. Wissen deine Eltern, wo du bist?"

"Ja. Ich habe ihnen erzählt, dass ich mit ein paar Freunden über die Reeperbahn ziehe und sie haben mir viel Spaß gewünscht." sagte sie und kramte in ihrer Bauchtasche nach ihrem Portemonnaie. Sofie lachte. "Jaja", sagte der eine Polizist und deutete auf ihre Brusttasche. "Nimm mal bitte die Hände da raus." Sie gehorchte aufs Wort, funkelte die beiden Polizisten an und sagte: "Ich will dir nur meinen Ausweis zeigen, okay? Ich hab keine Waffen dabei. Keine Spritzen, kein Pfefferspray, nix. Ich mach jetzt vorsichtig den Verschluss auf, lass die Tasche auf den Boden fallen, schiebe sie dir mit dem Fuß rüber und dann darfst du sie herzlich gerne durchsuchen."

"Du hattest schon öfter mit der Polizei zu tun?" fragte der Polizist. - "Täglich", antwortete Vanessa. Sofie lachte erneut. Vanessa schob ihm die Tasche zu. "So, bitte, darfst du durchsuchen." - "'Sie' bitte, ja?" - "Darfst 'du' durchsuchen", wiederholte Vanessa. Der Polizist belehrte sie: "Es heißt 'Sie'." - Vanessa antwortete: "Du duzt mich ja auch. Ich bin dir aber nicht böse und du wirst auch gleich merken, warum." - "Sollten Sie über 16 sein, entschuldige ich mich bei Ihnen." - "Nein nein, es ist alles gut so wie es ist." Der Polizist zog sich Lederhandschuhe an und begann mit spitzen Fingern, die Bauchtasche zu durchsuchen. Vanessa verdrehte die Augen. "Da ist nichts drin! Keine Spritzen, keine scharfen Gegenstände. Mensch, seh ich so unseriös aus?" Der Polizist fand ihr Portmonnaie, fand den Personalausweis. Reichte ihn seinem Kollegen. Der hatte schon sein Funkgerät in der Hand, als der andere Polizist den Führerschein kurz in die Hand nahm und wieder wegsteckte, dann den Schwerbehindertenausweis von Vanessa in der Hand hielt. Damit dürfte ja eigentlich erklärt sein, dass es vielleicht gesundheitliche Gründe haben könnte, dass sie so klein ist und damit noch viel zu jung aussieht. Aber dann hielt er plötzlich eine Chipkarte in der Hand und sagte zu seinem Kollegen: "Du. Warte mal eben. Guck mal."

Der antwortete nur: "Ach du Scheiße." Vanessa nickte. "Genau." Der Polizist fragte: "Sind Sie Polizeibeamtin?" Ich guckte Vanessa verwundert an. Sie antwortete: "Nee, Kollege, Tarifangestellte. Erkennt man daran, dass auf meinem Ausweis kein Dienstgrad draufsteht. Schwerbehinderte werden in aller Regel in unserem Verein nicht verbeamtet und Zwerge haben im Vollzugsdienst auch nichts zu suchen, okay? Und wenns euch recht ist, würde ich dann gerne mit meinen Freunden weiterziehen. Im Gegensatz zu euch bin ich nämlich heute schon fertig mit meinem Dienst und ich habe das Gefühl, hier laufen noch ganz viele richtige Verbrecher rum." - "Ja sofort. Ich frage nur noch einmal über Funk nach, dann dürfen Sie sofort weiter." - "Ach Kollege, eben waren wir doch noch beim Du." Der Typ war völlig durch den Wind. Brabbelte irgendwas ins Funkgerät. Dann kam zurück, dass alles in Ordnung sei, Vanessa bekam ihren Ausweis wieder, die Polizisten entschuldigten sich noch mindestens drei Mal und wünschten uns einen schönen Abend. Und wir sollten nicht böse sein.

Kaum waren die außer Sichtweite, mussten wir sie natürlich fragen, was das mit dem Ausweis auf sich hatte. "Ich bin Verwaltungsangestellte bei der Polizei, ganz einfach. Habe eine Verwaltungsausbildung gemacht und arbeite nun zwischen trockenen Akten. Sowas gibts auch bei den Bullen. Für den Vollzugsdienst bin ich zu frech, zu klein, zu wackelig und unter den engen Uniformhosen tragen meine Windeln auch zu sehr auf. Nein, im Ernst, man muss ja gewisse gesundheitliche und sportliche Voraussetzungen mitbringen und ich scheitere schon an der Körpergröße." Simone wollte wissen, ob sie denn nicht wenigstens die schweren Jungs verhören dürfte. "Natürlich nicht. Wenn der beim Verhör ausrastet, bin ich dem doch gar nicht gewachsen. Körperlich nicht, und entsprechend ausgebildet bin ich auch nicht. Ich könnte höchstens spucken oder versuchen, unter dem Messer durchzutauchen." Und dass sich alle Polizisten untereinander duzen, darüber wurden wir auch noch aufgeklärt. Auch über die Grenzen eines Bundeslandes hinweg. Klingt doch mal nett.

Muss ich erwähnen, dass Vanessa, um den Geldautomaten bedienen zu können, auf meinen Schoß klettern musste? Muss ich erwähnen, dass Vanessa in der Großen Freiheit zum zweiten Mal von der Polizei kontrolliert wurde? Allerdings ließen die ziemlich schnell von ihr ab, als sie erklärte, schon einmal kontrolliert worden zu sein. Die Beamten ließen sie den Perso rausholen, schauten drauf und begnügten sich damit. Vanessa meinte, auf der Reeperbahn wurde sie an einem Abend schon bis zu acht Mal von den Bullen kontrolliert. Sie sei auch schon abgetastet und durchsucht worden. Gestern blieb es bei den 2 Malen. Und: Es wollte kein einziger Geschäftsmitarbeiter ihren Ausweis sehen. Lediglich an einigen Clubs standen Einlasskontrollen. Zusammen mit den vielen Zwergenwitzen, der Tatsache, dass sie im Supermarkt nirgendwo dran kommt, nicht mal alleine Geld abheben kann (weil man zwar mit ausgestrecktem Arm an den Schlitz kommt, aber den Bildschirm nicht erkennt, genauso wie Rollifahrer), fand ich es erstaunlich, wie fröhlich sie das trotzdem wuppt. Ich würde irre werden, wenn mich alle drei Minuten jemand fragt, ob ich schon 18 bin.

Aber das war dann zu fortgeschrittener Stunde egal. Wir hatten einen super Abend. Haben Billard gespielt am Hamburger Berg, haben uns bis kurz vor 2 Uhr noch eine Liveband angehört und hatten jede Menge Spaß. Bauchtaschen sollte man übrigens auf dem Kiez nicht sichtbar tragen. Viele Prostituierte machen das auch und vielleicht steht ja einer der Freier auf Zwerge, meinte Frank, der sich dafür prompt einen festen Faustschlag gegen seinen Oberarm abholte. Irgendwann stellte man fest, dass Simone kaum größer ist, aber wegen ihres Rollstuhls wesentlich höher sitzt. Und Catharina mit uns sehr glücklich war, denn sie bedankte sich etliche Male für den schönen Abend. Am Ende bin ich auch so richtig happy aber erschöpft ins Bett gefallen.

Freitag, 15. Oktober 2010

Natascha

Den Kommentaren auf meinen gestrigen Beitrag über den arschigen Nachbarn zufolge, haben die meisten Leser mich doch so verstanden, wie ich es sagen wollte. Dass ich nicht gegen alle Hartz-4-Empfänger wettere, sondern lediglich gegen einen ganz bestimmten. Und gegen den nicht, weil er Hartzie ist, sondern weil er ein Arsch ist. Aber das Thema ist aus meiner Sicht erstmal geklärt.

Und damit kann ich ja zum nächsten Schlag ausholen. Als Angehörige einer gesellschaftlichen Randgruppe habe ich mir ein neues Opfer aus einer anderen gesellschaftlichen Randgruppe ausgesucht, um auf ihm herumzuhacken. Gestern der Arbeitslose, heute jemand, der sich in seinem Körper unwohl fühlt. Man beachte meine Ironie.

Aus Sicht meines Vaters wurden Homo- und Bisexuelle als Kind mal zu heiß gebadet oder sind von der Wickelkommode gefallen. Ihn würde es schon zur Verzweifelung treiben, dass seine Tochter mit einer anderen Frau im Bett liegt und kuschelt. Bekleidet und ohne jeglichen sexuellen Hintergrund (so etwas soll es geben!) jemand anderen zu massieren oder zu kraulen, wenn man ihn lieb hat, gerne mag, wäre für meinen Vater absolut undenkbar. Dass die Tochter, die das macht, auch noch behindert ist und die Empfängerin dieser Zärtlichkeit möglicherweise auch noch, wäre möglicherweise das Tüpfelchen auf dem i, möglicherweise auch eine Entschuldigung - ich weiß es nicht, möchte nicht darüber nachdenken und werde es meinen Eltern auch niemals erzählen. Dem Rest meiner Familie auch nicht, denn dort wird man auch nicht anders denken. Ich bin aber auch sehr froh, sagen zu können, dass ich zumindest in dieser Hinsicht auf deren Meinung keinen Wert mehr lege.

Eine derartige Haltung gegen Homo- und Bisexualität erlebe ich leider viel zu häufig, vor allem bei älteren Menschen. Ich weiß, dass sich homosexuelle Menschen früher sogar fast automatisch strafbar gemacht haben. Unglaublich. Unverständlich. Nein, homosexuell bin ich nicht. Bisexuell vielleicht. Vielleicht ein bißchen, vielleicht auch mehr. Ich weiß es nicht. Es ist mir aber auch relativ schnuppe. Wenn mir also jemand erzählt, er sei homo- oder bisexuell, ist es in etwa so, als würde mir jemand erzählen, dass es draußen regnet. Habe ich trockenes Wetter erwartet, überrascht es mich. Aus der Fassung schlagen würde es mich allenfalls, wenn es saure Gurken oder krumme Nägel regnen würde.

Dass es Menschen gibt, die sich in ihrem Körper mit ihrem von der Natur vorgegebenen Geschlecht nicht wohl fühlen, ist mir auch bekannt. Ich bin ganz froh, ein Mädel zu sein. Im Stehen pinkeln könnte ich sowieso nicht, also ist alles okay. Dass sich manche Menschen Kleidung des anderen Geschlechts anziehen, finde ich sogar spannend. Einer von vielen Gründen, warum man mich jedes Jahr wieder auf dem Christopher-Street-Day findet. An einem See, an dem wir manchmal trainieren, läuft auch immer ein Typ in Ballett-Kleidern rum oder geht sogar damit schwimmen. Früher, vor meiner Behinderung, hätte ich geglotzt. Ungläubig, wie ein Straußenvogel, dem sie ein Ei aus dem Nest geklaut haben. Heute, wo ich Füße mit 8 Zehen und Hände mit 3 Fingern gesehen habe, mit Hautlappen geschlossene Rückendefekte, so groß wie ein Bierdeckel, oder eitrige Druckgeschwüre mit freier Aussicht bis zum Knochen, haut mich doch kein Typ im Tutu mehr aus dem Stuhl. Der entlockt mir vielleicht noch ein herzliches Schmunzeln.

Ich weiß allerdings, dass viele Menschen sich nicht hineinversetzen können, wie es in Menschen aussieht, die sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen. Ich kann es auch nicht, um das diesmal gleich vorweg zu schieben. Aber ich kann vorbehaltlos akzeptieren, dass es einen enormen, vielleicht sogar schmerzhaften oder unerträglichen Druck geben kann. Dass man alles geben würde, um im "richtigen" Körper sein zu dürfen. Hormonpräparate einführt, Operationen in Kauf nimmt, unheimlichen gesellschaftlichen Druck erfährt - ich beneide diese Menschen nicht. Ich sehe ein ernsthaftes Problem.

Ich merke schon, das Thema, auf das ich kommen möchte, ist so sonderbar, dass die Einleitung immer länger wird. Auf den Punkt: Es gibt auch Menschen, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, ohne dass es sich dabei um das von der Natur vergebene Geschlecht dreht. Sondern denen geht es um die Makellosigkeit, die Vollkommenheit, die Gesundheit, die sie nicht akzeptieren können. Die einen solchen Leidensdruck erzeugt, dass man, ähnlich wie derjenige, der lieber zum anderen Geschlecht gehören würde, gerne ... ja ... behindert wäre. Dass man alles geben würde, um ein Bein weniger zu haben, Querschnitt zu sein - für die meisten Menschen unvorstellbar, aber das gibt es. Und "Body Integrity Identiy Disorder (BIID)" nennt man sowas.

Wenn nun, um an anderer Stelle wieder einzusteigen, mein Vater und viele andere Menschen auf dieser Welt Homosexualität schon nicht akzeptieren können, sich mit Leuten mit "falschem" Geschlecht noch schwerer täten, muss man wohl diejenigen Leute einzeln suchen, die Verständnis dafür hätten, dass jemand gerne behindert wäre. Am allermeisten würde mich irritieren, dass ich (heute nicht mehr, vor einiger Zeit schon noch) sehr viel dafür gegeben hätte, meinen Unfall rückgängig zu machen, und dass es nun plötzlich jemanden gibt, der genau entgegengesetzt denkt.

Insofern kann ich zumindest sehr gut nachvollziehen, dass derartig "gepolte" Menschen in unserer Gesellschaft so gut wie keine Chance haben, irgendwie Fuß zu fassen. Sobald sie erzählen, wie sie ticken, werden sie ausgegrenzt. Also ertragen sie entweder den Leidensdruck, anders sein zu wollen, oder beginnen, die Gesellschaft mit dem zu füttern, was sie hören will, um diesen "anders gepolten" Menschen zu akzeptieren. Und das kann nur sein: "Ich bin wirklich behindert."

Und so ist kein Mensch mit Behinderung davor gefeit, irgendwann in seinem Leben mal mit jemandem konfrontiert zu werden, der auf den ersten Blick dieselbe Behinderung hat wie man selbst, auf den zweiten Blick einen aber um die damit erreichte Vollkommenheit beneidet - und einem das Blaue vom Himmel lügt. Und ja, es gibt einen aktuellen Anlass.

Natascha heißt sie, ist 32 Jahre alt und Rollstuhlfahrerin. Tauchte vor einiger Zeit bei unserem Training auf, erzählte uns von einem schlimmen Autounfall, wurde in unserer Trainings-Clique aufgenommen, rollte mit uns ins Kino, erfuhr sehr viele persönliche Dinge von jedem einzelnen - und hat uns von A bis Z belogen. Nix Querschnitt, nix Autounfall. Das war wie ein Schlag ins Gesicht.

Inzwischen hat sich bei uns das erste Gewitter gelegt. Inzwischen wissen wir, dass sich vor uns auch schon einige andere Vereine, die Medien und die Justiz mit ihr beschäftigt haben. Bisher hat sie jedes Mal, wenn sie "erwischt" worden ist, sämtliche Kontakte abgebrochen, ist in die nächste Großstadt geflüchtet, um ein neues Leben zu beginnen. Und hat dort die nächsten Leute genarrt. Soll das endlos so weitergehen?

Unser Vereins-Chef, den ich bekanntlich sehr schätze, war absolut fassungslos. Seine Vertreterin, die ich ebenfalls sehr gerne mag und zu der ich auch persönlich eine sehr enge freundschaftliche Beziehung habe, war ebenfalls sehr mitgenommen und stand über Tage einen gehörigen Schritt neben sich. Weniger wegen der Tatsache, angelogen worden zu sein, sondern vielmehr als sie ihre wahre Geschichte gehört haben. Anders als bisherige Vereine, mit denen Natascha zu tun hatte, haben die beiden sich lange mit einzelnen, später dann auch bei einer Versammlung mit allen beraten und haben Natascha in einem Dreiergespräch, während sie sie wissen ließen, dass sie erneut aufgeflogen ist, ein zweites Mal die Hand gereicht.

Es sei, so unser Vereins-Chef, im Sinne der gesamten Szene, dass wir Natascha nicht erneut den Boden unter den Füßen wegziehen, sondern ihr Hilfe anbieten. Nur wir könnten es glaubwürdig tun. So ist er eben. Jemand, der täglich versucht, die Welt zu retten. Er hat ihr eine (meine!) Psychologin vermittelt, nach einer Wartezeit kann sie dort in eine Therapie einsteigen. Es gibt einen Professor in Lübeck, der sich intensiv mit dieser Krankheit beschäftigt. Inzwischen hat Natascha ihre Lebens- und Leidensgeschichte aufgeschrieben. Das war eine Bedingung für die Therapie. Die wirkliche.

Natascha bekommt von mir irgendwann ihre zweite Chance. Sie bekommt von allen aus unserem Verein ihre zweite Chance. "Alle oder keiner" hieß es bei der entsprechenden Versammlung, bei der Natascha nicht dabei war. Und am Ende waren es alle, die bereit sind, ihr zu helfen. Wenngleich etliche nur sagten: "Ich werde sie ohne Vorbehalte dulden. Mehr bringe ich zum jetzigen Moment nicht zustande." Nachdem ich ihre Geschichte gelesen habe, bin ich ihr nicht mehr böse. Auch soll sie irgendwann eine zweite Chance von mir bekommen. Im Moment sind die Wunden einfach noch zu frisch.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Hartz IV und keine Eva

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich hier völlig unbeliebt mache, muss ich mal etwas zur allgemeinen Hartz-4-Diskussion loswerden. Ich werde von unserem Nachbarn, der von ALG 2 lebt, fast jedes Mal, wenn ich ihn sehe, darauf angesprochen, dass man behindert sein müsste, um als Arbeitsloser in diesem Land genug Geld zu haben. Die Aussage an sich muss man wohl nicht diskutieren und meine erste Antwort, dass wir ja gerne mal tauschen könnten, verkneife ich mir inzwischen auch, weil es einfach keinen Sinn macht, sich mit ihm zu unterhalten.

Derselbe Nachbar erzählt uns auch gerne mal die neuesten Behindertenwitze. Im Prinzip haben wir alle nichts gegen solche Witze, auch wenn es immer schon ein wenig seltsam ist, wenn ein nicht behinderter Mensch, der sonst weiter nichts mit einem zu tun hat, sie erzählt. Aber der hier kam wohl kürzlich im Fernsehen, in welchem Zusammenhang auch immer, jedenfalls habe ich ihn danach schon öfter gehört: "Was ist der Unterschied zwischen einer Pizza und einem Rollstuhlfahrer? Die Pizza schreit nicht, wenn man sie in den Ofen schiebt."

Ja nee, is klar. Am besten eignen sich dafür Gas-Öfen, falls beim Reinschieben die Flamme ausgeht... Hat mal jemand einen Baseballschläger? Herrje, was gibt es doch für Wichser auf dieser Welt!

Heute stand dieser besagte Nachbar in unserer Tiefgarage, und als ich reinrollte, stand er gerade an meinem Auto und schaute hinein. Er grüßte nicht, sondern fragte gleich: "Na, Leihwagen?" Ich schüttelte den Kopf. "Hat Papa Staat finanziert, wa?" Ich schüttelte nochmal den Kopf. "Wer dann? Du selbst verdienst doch nichts. So groß kann deine Rente doch nicht sein, wie alt bist du jetzt?"

Ich antwortete frech: "Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Nachbar." - "Man wird jawohl mal fragen dürfen, oder? Schließlich fährt ja nicht jede 18-jährige so ein Auto!" Hmm... wenn er weiß, wie alt ich bin, wieso fragt er dann? Mein einziger Kommentar: "Geh mal ausm Weg."

Ich habe kürzlich mal eine Aufstellung gemacht, was ich in den letzten Monaten ausgegeben habe. Pro Monat sind das meistens zwischen 1.000 und 1.200 Euro. Wenn ich jetzt bedenke, dass ich als Hartz-4-Empfängerin 359 Euro plus die Miete von 341 Euro bekäme, sind zusammen exakt 700 Euro; dass ich pro Monat rund 100 Euro für Kraftstoff und rund 200 Euro für Versicherung des Autos bezahle, frage ich mich gerade, was ich in meiner Rechnung übersehe.

Hätte ich das Auto nicht, würde ich mit der Bahn fahren. Oder mit dem Handbike. Es wäre alles beschwerlicher, auf jeden Fall, aber ich würde, wenn ich so zurecht kommen müsste, auch zurecht kommen. Viele Wege fahre ich ja schon freiwillig mit Bus und Bahn und Handbike. Ich könnte zumindest hier in der Großstadt auf ein Auto verzichten. Unter deutlichen Einbußen am Komfort, aber ich kann es mir vorstellen.

Okay, ich müsste mir als Fußgänger eine Fahrkarte kaufen, die ich als Rollstuhlfahrerin ja im Nahverkehr nicht benötige. Eine Monatskarte für Hartz-4-Empfänger kostet derzeit rund 38 Euro, die wären nochmal abzuziehen. Und ich habe auch nicht jeden Monat mit 1.000 Euro gelebt, sondern manchmal auch mit 1.200 Euro. Aber: Ich habe sehr gut gelebt. Ich habe nicht darauf geachtet, möglichst sparsam zu leben, im Gegenteil. Ich habe mir Klamotten gekauft (nicht viele, ich habe beispielsweise nur drei Paar Schuhe und drei Jacken, eine für warm, eine für kalt, eine für Regen, fünf oder sechs Hosen, ...), ich bin sehr oft mit Freunden Essen gewesen, manchmal im Kino, habe Tagesausflüge gemacht, Eis gegessen, unterwegs was zu trinken gekauft - und ich kaufe nicht mal im Discounter ein.

Ich hätte also, wenn ich darauf angewiesen wäre, noch locker Einsparpotenzial. Am meisten macht vermutlich aus, wenn man zusammen und in großen Mengen kocht, sich Lebensmittel einfriert und überwiegend Wasser aus dem Hahn mit Sprudel trinkt. Wie das bei mir oder in meiner WG der Fall ist.

Das soll bitte keiner falsch verstehen! Ich will auch nicht als zweite Eva Herman daherkommen und jemandem Lebenstipps geben. Auch möchte ich nicht von ALG 2 leben müssen. Aber ich bin überzeugt, dass ich das hinbekäme, wenn es mal dazu kommen sollte, und hoffe, niemals eines besseren belehrt zu werden.

Freitag, 8. Oktober 2010

Besuch aus Amerika

Die erste Ferienwoche ging schneller vorrüber als ich es erwartet hätte. Lange war es bereits angekündigt worden: Im Rahmen irgendeiner Kooperation zwischen dem Deutschen und einem Amerikanischen Rollstuhlsportverband sollten insgesamt vierzehn Frauen und Männer aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach Deutschland kommen, um sich hier zwei Wochen mit uns auszutauschen, gemeinsam Sport und ein wenig Urlaub zu machen. Vier davon kamen nach Hamburg: Zweimal männlich, zweimal weiblich. Alle 14 kamen aus ärmlichen Verhältnissen. Daher wurden Leute gesucht, die diese Amerikanerinnen und Amerikaner kostenlos bei sich zu Hause aufnehmen.

Wir hatten angeboten, eine Frau aufzunehmen, denn bei uns steht ja immernoch ein Zimmer leer, seit Lina und Liam ausgezogen sind und Jana noch immer keine Einzugsberechtigung hat. Maximal zwei Frauen, wenn die sich das Zimmer teilen. Und wir wollten vorher informiert werden, um was für Personen es sich handelt. Außerdem für maximal eine Woche, dann muss getauscht werden, schließlich sind auch noch andere Leute mal gefragt und wir haben nicht die gesamten Ferien Lust, fremde Leute zu beherbergen.

Natürlich wurden wir nicht informiert. Natürlich ging man davon aus, dass wir sie zwei Wochen aufnehmen. Natürlich hatte man nicht auf "weiblich" geachtet. So teilte man uns Anfang Oktober mit, dass man sich freuen würde, dass zwei Männer für vierzehn Tage bei uns kostenlos wohnen könnten. Woraufhin Frank dann das Angebot komplett zurückzog: Wenn man sich nicht an Absprachen hält, gebe es gar nichts.

Tags darauf ruderte man doch noch zurück: Ob wir nicht doch die zwei Frauen für eine Woche aufnehmen könnten. Die Männer würden sowieso schon in einer Gastwohnung eines Krankenhauses unterkommen, weil sonst niemand bereit sei. Für die zweite Woche seien zwei andere Familien gefunden worden. Wir stimmten dann doch zu und am Ende reisten die Leute nicht Samstag, wie geplant, sondern erst am Dienstagvormittag an.

Dann wurde es jedoch sehr nett. Die beiden Mädels, Alexa und Robin, beide 18 Jahre alt, waren sehr aufgeschlossen und sehr freundlich, wir verstanden uns sofort als würden wir uns schon jahrelang kennen, die sprachliche Distanz war auch relativ schnell überwunden und unsere schlimmste Befürchtung, wir bekämen hier zwei Personen, die so gar nicht zu uns passen würden, erfüllte sich überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie packten sofort überall mit an (Tisch decken, Geschirr abräumen, Essen zubereiten, einkaufen), gingen äußerst zurückhaltend, nahezu schon vorsichtig, mit fremdem (unserem) Eigentum um und waren insgesamt absolut verträglich. Im Nachhinein hätten wir sie auch gerne noch eine Woche länger bei uns gehabt. Aber das weiß man ja vorher nicht.

Die beiden Jungs waren auch fast ständig mit uns zusammen, fuhren nur zum Schlafen in diese Gastwohnung. Wir hatten den Mädels extra noch zwei Betten organisiert, ansonsten war das Zimmer "nackt", hat aber ein eigenes Bad. Die in Hamburg untergebrachten Gäste kamen allesamt aus der Nähe von Garland (Texas) und erzählten aus ihrer Heimat nicht nur schönes. Was ich beispielsweise noch nicht wusste, ist, dass es in einigen Ländern der USA offiziell erlaubt ist, Kinder und Jugendliche zu schlagen. Wer sich in der Schule nicht benimmt, kriegt ein paar gescheuert, oder, bei schwerwiegenden Verstößen, was mit einem "Paddle" auf den Hosenboden. Auf meinen entsetzten Blick erzählte mir Robin, dass sie oft ungefragt schwätze und sich dafür regelmäßig, mindestens einmal pro Monat, eine Ohrfeige einhandele. Alexa erzählte, dass sie einmal ins Gesicht geschlagen wurde, weil sie während einer Klausur laut gepupst hatte - die Lehrerin wusste nicht, dass das passieren kann, wenn man wegen einer Querschnittlähmung seinen Darm nicht kontrollieren kann. Oder sie wollte es nicht wissen, denn beide sagten übereinstimmend, dass dieses "Recht" von den Lehrern oft sehr willkürlich angewendet wird und eindeutig häufiger gegen finanziell schlechter gestellte Schülerinnen und Schüler vollzogen wird.

Auffallend war außerdem ihr ungläubiger Blick, als wir mit ihnen die Reeperbahn besuchten. Sie wussten zwar, was da los ist und dass es so etwas gibt, aber im Detail hatten sie, glaube ich, keine Vorstellung von dem, was passiert, wenn man versucht, mit Sex Gewinne zu machen. Damit meine ich weniger den Straßenstrich, sondern vielmehr diese ganzen Touristenläden, die Sexartikel verkaufen. Es gibt einige wenige Fachgeschäfte, in denen man wirklich ernsthaft hochwertige Artikel, teilweise auch sehr ausgefallen, bekommt - der Rest ist Ramsch. Hausschuhe mit Penis vorne drauf, T-Shirts mit eingearbeiteter Vagina unter der Achsel, Billigpornos auf DVD, ... nichts, was die Welt wirklich braucht. Sie fanden es zwar äußerst spannend, insgesamt aber dennoch schmuddelig.

Am besten fand ich den Satz: "Und die Polizei schaut sich das alles an." Damit war nicht nur das Spektakel auf der Reeperbahn gemeint, sondern vor allem auch öffentliches Trinken von Alkohol, was zumindest in Texas auch verboten sein soll. Auch sagten sie, sie wundern sich über die Geduld unserer Polizisten. Die werden von Besoffenen angepöbelt und sagen immernoch: "Nun gehen Sie mal weiter, nun beruhigen Sie sich mal bitte." Robin meinte, bei ihr zu Hause wäre man sofort festgenommen worden, wenn man nicht sofort ganz kleine Brötchen backt.

Gestern waren wir zu einem der letzten Outdoor-Schwimmtrainings dieser Saison und haben die vier selbstverständlich mitgenommen. Auch wenn sie nicht im Triathlon, sondern lediglich im Rennrollstuhl (eine der drei Triathlon-Disziplinen) aktiv sind, konnten sie alle doch überraschend gut schwimmen. Der See hatte 12 Grad, die Luft 20, es war jedoch sehr angenehm - selbstverständlich mit Neo.

Die vier hatten außerdem Freikarten für das Musical "Tarzan" bekommen und waren begeistert. Insgesamt hat ihnen die erste (halbe) Woche sehr gut gefallen, wie sie erzählten. Sonst hört man regelmäßig, die Hamburger seien so wortkarg und unfreundlich, die vier waren jedoch vom Gegenteil überzeugt: Sie sagten, die Hamburger seien insgesamt sehr gastfreundlich, sehr hilfsbereit gegenüber Menschen mit Behinderung und sehr nett. Na das hört man doch gerne.

Montag, 4. Oktober 2010

Mission gescheitert

Ich weiß nicht, was wir verkehrt machen. Wir kommen keinen Schritt mehr weiter. Auch wenn seit heute Ferien sind, geht mir eine Sache nicht aus dem Kopf: Es geht dabei um Fatma, eine Rollstuhlfahrerin, die seit diesem Sommer an meiner Schule unterrichtet wird. Sie spricht wegen ihrer Behinderung, ich vermute, es ist ein so genannter frühkindlicher Hirnschaden (Zerebralparese), etwas langsam und undeutlich, dafür aber eher laut. Sie wirkt auf mich sehr intelligent, sie spricht perfekt Deutsch - aber sie hat die gesamte Zeit ihre Mutter dabei, die sich mit ihr ausschließlich in türkischer Sprache unterhält.

Ja, richtig, die Mutter sitzt im Unterricht permanent neben ihr. Die Mutter ist, von einem Sehschlitz abgesehen, total verhüllt (Çarşaf), Fatma ist ebenfalls von den Knöcheln bis zur Haarspitze verhüllt, jedoch schaut bei ihr das ganze Gesicht raus. Die Mutter ist dabei, weil Fatma angeblich nicht ohne Assistenz zurecht kommt. Die Mutter schiebt sie, reicht ihr jeden Stift, jedes Lineal, führt ihr sogar das Glas mit dem Wasser zum Mund. Obwohl ich glaube, dass die meisten meiner Leser wissen, dass ich mich für äußerst tolerant und offen halte, möchte ich noch einmal betonen, dass es mir absolut egal ist, wie sich jemand kleidet. Sicherlich finde ich das eine besser, toll oder passend und das andere unvorteilhaft, albern, geschmacklos oder noch ganz anders, aber letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Genauso muss auch jeder für sich entscheiden, ob er sich aus religiösen oder anderen Gründen verhüllen will, ein Kopftuch oder einen Schleier tragen möchte. Drei andere Schülerinnen aus meinem Jahrgang tragen ebenfalls Kopftücher, daran stört sich auch niemand. Ich möchte mir auch keineswegs anmaßen zu beurteilen, ob jemand in der Schule Assistenz benötigt oder nicht. Es gibt genügend Menschen mit Behinderung, die ihren Zivi mit in die Schule bringen oder ohne persönliche Hilfe gar nicht zurecht kämen.

Fatma allerdings scheint dermaßen unter dieser Situation zu leiden, dass ich ihr gerne helfen möchte. Sicherlich kann ich nicht die ganze Welt retten. Aber ich habe nicht nur das Gefühl, sondern einen erheblichen Verdacht, dass sie sehr leidet und permanent unterdrückt wird. Zum Beispiel dürfen Mitschüler nicht mit Fatma sprechen. Sobald jemand sie anspricht, faucht die Mutter dazwischen. Fatma selbst redet nur, wenn sie vom Lehrer gefragt wird. Jede Pause schiebt die Mutter sie raus, geht mit ihr auf die Toilette, zum Unterricht sind beide wieder da. Es ist eine absolut erdrückende Situation, wenn Fatma (und Mutter) in meiner Nähe sind.

Ich bin mir sehr sicher, dass das Mädchen sehr viel selbständiger sein könnte. Keine Frage, es ist toll, wenn sich jemand intensiv um sie kümmert. Aber es kann doch nicht sein, dass sie keine eigenen Kontakte aufbauen darf, dass sie nicht mal mit irgendwem kommunizieren darf, ohne Angst haben zu müssen. Wie soll so ein Mädchen ein Abitur, eine Reifeprüfung, ablegen? Die Lehrer scheinen mit der Situation überfordert zu sein, tun mal wieder so, als wäre alles in Ordnung, und schauen weg. Letztlich würde wohl auch zu viel Druck nichts bringen, denn ich fürchte, dann würde Fatma aus der Schule genommen oder auf eine andere Schule geschickt werden.

Kürzlich hat eine Mitschülerin (eine von den drei Kopftuch-Trägerinnen) versucht, mit der Mutter zu sprechen. Auf türkisch, sehr freundlich. Sie hat wohl auch drei Sätze gesagt, allerdings nur belangloses Zeug. Die Mitschülerin hat den Eindruck, dass die Mutter auch massiv unter Strom steht. Sie hat dann gefragt, ob sie nicht mal mit Fatma zusammen lernen darf. Sie würde gerne Hausaufgaben mit ihr zusammen machen oder für Klausuren üben. Nein, nichts zu machen. Ich habe die Mutter schon gefragt, ob Fatma nicht mal an einem Mobilitätstraining teilnehmen will - nachdem ich Fatma das nicht fragen durfte. Damit sie wenigstens mal lernt (so habe ich das natürlich nicht ausgedrückt), wie man Rollstuhl fährt. Keine Chance. Wir alle sind mit unserem Latein am Ende und höchst unzufrieden. Absolut ätzend!