Donnerstag, 30. September 2010

Fünf Promille sind manchmal nicht viel

Heute war ich auf dem Rückweg von meiner Psychotherapie, stehe in Bergedorf vor dem Aufzug zum Gleis und wer kommt in dem Moment mit der Kabine nach unten gefahren? Der Leiter der Rollstuhlsport-Abteilung meines Vereins, den ich schon bei einigen Seminaren und Vorträgen kennen gelernt habe. Er wusste gleich, wer ich bin, begrüßte mich und sagte: "Schön, dass ich dich sehe. Hast du gerade mal zwei Minuten?" Na klar. Er erzählte mir, dass er noch ganz spontan eine Sportlerin für einen Termin in zwei Stunden bräuchte. Aus meiner Triathlon-Sparte hätte jemand abgesagt.

"Zeit hätte ich. Brauche ich dafür Sportsachen oder Sportgeräte?" - "Nein, im Gegenteil. Ich muss mir noch eine Krawatte raussuchen. Ich habe nur zwei. Aber die passen beide nicht. Ich hasse sowas. Es geht um die Unterstützung von behinderten Sportlern durch die Stadt. Ich habe einen Termin mit ein paar öffentlichen Geldgebern und bräuchte ein paar Sportler quasi als Vorführmodelle. Ich hätte fast 'zum Anfassen' gesagt, aber das stimmt natürlich nicht."

Vorführmodelle? Zum Anfassen? Er ist immer so direkt. Ich bin weder gut, noch lange dabei, noch kann ich viel über die Sportart erzählen, geschweige denn ist mein Name schonmal groß irgendwo aufgetaucht. "Sind da nicht andere Leute besser geeignet?" Er schüttelte den Kopf. "Für das, was ich vorhabe, bist du die Beste. Ich glaube, es ist von irgendwoher so gewollt, dass du mir hier über den Weg fährst. Also du hast Zeit und Lust, das finde ich gut, wir treffen uns in zwei Stunden am Bahnhof Sternschanze und fahren von dort aus zusammen dorthin?" Und dann sah er mich an, dass ich nicht "Nein" sagen konnte, obwohl mir die ganze Rückfahrt nach Hause lang nur ein Gedanke im Kopf herumschwirrte: "Was hast du dir da bloß eingefangen?"

Aber ich mag ihn auch sehr gerne und ich vertraue ihm eigentlich. Nein, nicht nur eigentlich. Ich vertraue ihm. Krawatte? Hoffentlich muss ich nicht noch irgendwas bügeln! Ich entschied mich für eine schwarze Stoffhose, schwarze Halbschuhe, ein weißes Damen-Oberhemd, einen schwarzen Nadelstreifenblazer und eine silberne Halskette. Ich fand ja immernoch, dass Leute, die viel länger dabei sind, wesentlich besser geeignet wären, aber wenn er unbedingt mich haben wollte ... bitte. Sonst trage ich Haare fast nie offen, aber um die noch hochzustecken, blieb keine Zeit. Und nix mit Bahnfahrt - ich kramte mein Auto aus der Tiefgarage. Das andere hätte ich zeitlich nicht geschafft und vor allem wollte ich mir nicht erst irgendwo die Klamotten einsauen. Per Handy sagte ich ihm Bescheid und erfuhr den genauen Treffpunkt.

Das Haus lag an einer großen Straßenkreuzung. Sieben Spuren längs, fünf Spuren quer. Und mittendrin die Stinkesocke auf Parkplatzsuche. Vor dem Haus, in dem das stattfinden sollte, waren zwei Behindi-Parkplätze. Einer war frei. Und ich kam auch gerade aus der richtigen Richtung. Attacke! Ich blinkte rechts, wollte rückwärts einparken, da steigt der direkt vor mir in die Eisen, hat den Parkplatz auch gerade gesehen und wollte direkt vor mir auch rückwärts einparken. Hatte der einen Behindertenausweis? War nicht zu sehen. Aber es war ein alter Kombi und hinten drin lag ein Kühlschrank oder eine Waschmaschine oder ähnliches. Ich entschied, dass der wohl keine Parkberechtigung haben würde und fuhr ihm bis auf 20 Zentimeter auf und blieb dort stehen. Immernoch rechts blinkend. "Mein Parkplatz." Hätte er jetzt das Fenster rutergekurbelt und einen Ausweis rausgehalten oder anders deutlich gemacht, dass er dort stehen dürfte, wäre ich weiter gefahren. Immerhin war er zuerst da. Aber so? Ihn einparken lassen und dann lange diskutieren? Nö.

"Hoffentlich ist das niemand, der auch zu der Sitzung will", dachte ich noch. Aber Krawattenpflicht und dann mit Kühlschrank im Auto? Auch nö.

Er fing an zu hupen. Rückwärtsgang rein, Rückwärtsgang raus, Licht an, Licht aus, 10 Mal nacheinander. Dann ging die Scheibe runter. Ich machte auch mein Fenster auf. "Ey Fo**e! Wenn du nicht Auto fahren kannst dann lass Papas Karre gefälligst in der Garage stehen. Ich will hier einparken. Also sieh zu, dass du deine Dreckskarre da weg kriegst. Ich fahr jetzt einen Meter vor und dann fährst du da weg, kapito?"

"Haben Sie denn auch einen Parkausweis?" fragte ich zurück, betont freundlich. Er zog die Handbremse an, schnallte sich ab, kam aus dem Auto. Da meine Zentralverriegelung ohnehin immer zu ist während der Fahrt, musste ich nur noch das Fenster schließen. Ich drückte meinen Parkausweis von innen gegen das Seitenfenster und schaute ohne eine Miene zu verziehen nach vorne. Er baute sich vor meiner Tür auf und rüttelte an meinem Türgriff. Pöbelte irgendwas mit Alder, Digger und Fo**e. Schlug mit der Faust gegen meine Scheibe. Es rummste einmal. Dann rotzte er einmal dagegen, stieg wieder in sein Auto und fuhr weg.

Ich merkte mir für alle Fälle das Kennzeichen, falls später meine Außenspiegel fehlen würden oder die Reifen zerstochen sind... Auf dem Gehweg standen einige Leute, die sich das Spektakel mit angesehen hatten. Einer davon wollte mir anzeigen, wie viel Platz ich noch zum Rangieren hatte. Was ich in der Rückfahrkamera allerdings noch viel besser sehen konnte. Nun noch im fließenden Verkehr den Rollstuhl zusammenbauen und aussteigen... Der ältere Herr kam um mein Auto herum und sagte: "Das ist schon sagenhaft, was man sich manchmal gefallen lassen muss! Aber Sie haben so toll eingeparkt. Ich war früher mal Fahrlehrer. Damals waren die Sitten noch nicht so rau und die Autos noch nicht so groß. Sie müssen sich mal so eine Rückfahrlinse hinten in die Scheibe kleben, dann können Sie genau sehen, ob sich etwas dahinter befindet! Nur so als Tipp! Auf Gefühl fahren ist immer sehr gefährlich!"

"Ich habe eine Rückfahrkamera, da kann ich alles bestens erkennen." - "Die ist doch sehr teuer!" - "Rentiert sich aber schon in dem Moment, wo man den ersten Poller nicht umfährt."

Als ich im vierten Stock endlich ankam, waren bereits gefühlte zehn Leute in dem Raum. Unter anderem unser Chef. Drei Sportler kannte ich aus dem Verein, ein Typ im Anzug saß am Fenster und sortierte irgendwelche toten Wespen, die da zu Dutzenden auf der Fensterbank lagen, ein anderer hackte wild mit einem Stick auf seinen Organizer ein und ein dritter las in seinen Unterlagen und knackte mit den Fingern. Ich sagte einmal laut "Guten Tag" und bekam das auch von allen erwidert. Über der Tür dröhnte eine Klimaanlage. Zum Glück war ich nicht overdressed. Hinter mir kamen noch zwei ältere Frauen in den Raum, redeten wie zwei aufgeschreckte Hühner über irgendeine Schiffsreise. Wieviele kommen noch?

Auf dem Tisch standen etliche Mini-Getränke-Flaschen und Gläser. Der Platz neben unserem Chef war noch frei. Er unterhielt sich gerade mit einer Sportlerin, die auf der anderen Seite neben ihm saß. Während ich "einparkte", drehte er sich zu mir, gab mir die Hand. Ich flüsterte ihm zu: "Muss ich die alle einzeln begrüßen?" Er schüttelte den Kopf und flüsterte zurück: "Nur wen du kennst. Gibt gleich eine Vorstellunsrunde." Auch das noch! Ich hasse es, vor Gruppen zu reden.

Es war erstmal harmlos. Ein alter Mann eröffnete diese Sitzung, bat alle, kurz zu sagen, wer man ist und in welcher Funktion man heute hier ist. Unser Chef flüsterte mir zu: "Sag einfach nur, du bist Jule, 18 Jahre alt, Schülerin und Rollstuhlsportlerin. Das reicht." Ich nickte.

"Wollen Sie denn gleich anfangen?" fragte er ausgerechnet mich. Mit Puls 200 betete ich den Satz nach, den ich gerade vorgekaut bekommen hatte. Der nächste war dran. Jetzt bloß keinen Stuss labern, nicht stottern, nicht pupsen und keine Gläser umwerfen. Hatte ich eigentlich eine Pampers um?! Ich überlegte das wirklich. Ungefähr so eine Überlegung wie die mit der ausgeschalteten Herdplatte. Nur dass bei mir kein Zwang draus wird, weil ich ja schlecht vor allen Leuten 30 Mal kontrollieren kann, ob es denn so ist...

Da ich schon sehr viel geschrieben habe, verkürze ich an dieser Stelle mal. Es ging im wesentlichen darum, wie man behinderte Sportlerinnen und Sportler, die eine gute Perspektive haben, sportlich erfolgreich zu sein oder zu werden, angemessen fördern kann. Mein Einsatz kam fast sofort. Nämlich als eine der beiden alten Damen, die eben noch über Kreuzfahrt philosophiert hatten, meinte, sie hätte so ihre Probleme, Behindertensport als Leistungssport anzuerkennen. Den genauen Wortlaut und den Vergleich, den sie gezogen hat, darf ich hier nicht öffentlich wiedergeben.

Aber es ging mehr als ein Raunen durch die Runde. Unser Chef ergriff das Wort. "Frau ..., für eine ähnliche Äußerung ist vor vier Jahren ein weltweit erfolgreicher Triathlet ohne Vorwarnung aus seinem Team ausgeschlossen worden. Und irgendwann bricht es Ihnen auch nochmal das Genick. Ich höre mir dieses Störfeuer aus Ihrem Sumpf nun schon seit einigen Jahren an und frage mich immer wieder, wieso niemand der Verantwortlichen den Mumm hat, Sie zu feuern." Sie grinste nur siegessicher. "Immerhin hätte er all diejenigen Hamburger hinter sich, die unsere durchaus erfolgreichen Sportlerinnen und Sportler, die bei den Paralympics waren, weil sie teilweise ebenfalls Jahrzehnte hart trainiert haben, dort nicht gewonnen haben, weil eine andere Nation besser war und härter trainiert hatte, zu Hamburgs Sportler einzelner Jahre gemacht haben. Und ich gebe zu, das passierte in den letzten 10 Jahren ungewöhnlich oft. Aber das Votum spricht wohl für sich. Hamburg ist eine Hochburg des Behindertensports, insbesondere des Rollstuhlsports. Und darauf sind viele Hamburger stolz. Auch wenn die Hamburger Tagespresse nach wie vor nicht mal einen Weltmeistertitel erwähnt. Auch wenn Stadt und Land gerade mal 5 Promille ihrer jährlichen Sport-Ausgaben in den Behindertensport investieren. Und 99,5% in andere Sportarten."

Mir fiel fast das Kinn runter. Ein halbes Prozent für den Behindertensport? Ja, ich hatte richtig gehört. Irgendeiner machte einen Scherz über 5 Promille Alkohol, die ja manchmal schon recht viel sein könnten, aber das wurde gekonnt überhört. "Fünf Wirtschaftsunternehmen, die sich für den Behindertensport in Hamburg begeistern, zahlen das 20-fache der öffentlichen Mittel, um die Spitzensportler zu unterstützen. Ein großer, millionenschwerer und gewinnorientiert handelnder Sportverein mit über 70.000 Mitgliedern in Hamburg unterstützt den Behindertensport in seinen eigenen Reihen jährlich freiwillig und mit großem Stolz mit dem achtfachen dessen, was Stadt und Land dem gesamten Hamburger Behindertensport geben wollen."

Die Frau, der ich am liebsten ins Gesicht gesprungen wäre, meldete sich noch ein letztes Mal zu Wort und stellte den Stolz in Frage. Ich darf es öffentlich nicht wörtlich wiederholen, aber es war aus meiner Sicht weit unter der Gürtellinie. Man könnte schon fast denken, sie sei neidisch, dass mehr paralympische Athleten mit Medaille aus Peking nach Hamburg zurückkehrten als olympische. "Ja, Stolz", führte unser Chef aus. Gerade vor zwei Monaten habe ein offizieller Vertreter jenes Vereins in der Vereinszeitung, die ihm auch zur Verfügung stünde, zu einer erfolgreichen Veranstaltung im Behindertensport geäußert: "Wir sind stolz auf unsere Sportler!" Sämtliche Paralympics-Sieger seien zu Ehrenmitgliedern erklärt worden (zuletzt gab es Ehrenmitgliedschaften aus sportlichen Gründen in der über 100-jährigen Vereinsgeschichte vor über 40 Jahren) und vom Boss des Clubs persönlich bei einer Sportveranstaltung im Stadion vor zehntausenden Fans geehrt worden. Ein klares Bekenntnis zum Behindertensport, ein klarer Ausdruck von Stolz auf die erreichten Leistungen.

Dann wurde ich gebeten, zu erzählen, wie ich zu meinem ersten Triathlon-Trainingslager gekommen bin. Ich fasste meinen Blog in 5 Minuten zusammen. Die drei männlichen Krawattenträger, die mir gegenüber saßen, saßen da mit weit geöffneten Augen und starrten mich an, als ich von der Oma erzählte, die mich erziehen wollte und mich umgefahren hat, von 12 Monaten im Krankenhaus und in der Reha. Dass ich über den Sport eigentlich wieder zurück in den Alltag gefunden habe. Meine Freunde kennengelernt habe, meine Wohnung gefunden habe, gelernt habe, mit meiner Behinderung zu leben. Ohne den Sport ... jetzt mal ganz ernsthaft ... ich weiß nicht, wo ich heute sein würde. Auch wenn ich gerade mal außerhalb jeder Konkurrenz einen halben Triathlon geschafft habe.

Mein "Chef" ergriff wieder das Wort. Behinderung sei hauptsächlich wegen Deutschlands Vergangenheit immernoch ein sehr sensibles und schlecht zu vermarktendes Thema. Es bessere sich zusehends. Aber eine angemessene Breite sei noch lange nicht erreicht. Man müsse bereit sein zu erkennen, dass sportlicher Wettkampf eine solche Kraft hat, dass er selbst Menschen, die wir vor 30 Jahren noch versteckt hätten, zu kleinen und großen Helden machen kann. Und zu Ehrenmitgliedern von millionenschweren Vereinen. Zu Sportlern des Jahres. Der Lebenssinn eines olympischen Goldmedaillengewinners liegt im Sport. Sonst würde er nie Weltbester werden können. Der Lebenssinn eines paralympischen Teilnehmers liegt ebenfalls im Sport. Alle weiteren Gedanken, ob ein- oder zweideutig, könne sich jeder selbst machen. Und dann noch einmal darüber nachdenken, ob die öffentliche Hand wirklich ihrer Verantwortung gerecht wird, wenn sie für die Entwicklung des Behindertensports (und nur darum geht es, um die Weiterentwicklung, um das Anstoßen neuer Dinge) gerade mal 5 Promille im Sport-Etat eingeplant hat.

Als ich wieder zu meinem Auto kam, waren alle Spiegel noch dran, alle Reifen noch ganz und kein Kratzer im Lack. Wenigstens eine erfreuliche Sache. Dass keine weiteren Gelder fließen werden, es bei den 5 Promille bleibt, diese dem allgemeinen Trend entsprechend noch eher gekürzt werden, muss ich wohl nicht erwähnen. Es hat nicht das gebracht, was ich glaube, was unser "Chef" sich davon erhofft hatte. Aber ich denke, es war nicht umsonst. Er sagte, es sei der Versuch gewesen, auf "Arbeitsebene" etwas zu erreichen, was auch immer das heißt. Ich glaube, dass es heißt, dass die Keule in Kürze von jemand anderem auf höherer Etage kommt. Ob das dann was bringt?

Dienstag, 28. September 2010

Ein schöner Tag

Der heutige Tag ist fast vorrüber. Es war, wie viele andere Tage, ein schöner Tag. Es war vor allem ein Tag ohne Chaos, ohne Nervereien, ohne Katastrophen. Ich bin ganz normal aufgestanden, habe geduscht, gefrühstückt, konnte zwischen zwei Regenschauern mit dem Fahrrad (Handbike) zur Schule fahren, war gut auf den Unterricht vorbereitet, kein Stress, keine Klausuren, keine nervigen Mitschüler, keine bescheuerten Lehrer - alles gut.

Nachmittags bin ich zum Gerätetraining ins Krankenhaus gefahren, ohne Zugverspätungen, Aufzugsausfällen oder anderen Katastrophen, hatte anschließend Physiotherapie, bin von meiner Physiotherapeutin eine Dreiviertelstunde am ganzen Körper nur durchgeknetet worden, das war so entspannend, dass ich fast eingeschlafen wäre auf der Liege, bin anschließend mit Jana zum Abendessen gefahren, wir haben uns sehr nett unterhalten, dann habe ich zu Hause festgestellt, dass ich zu morgen alle Hausaufgaben bereits fertig habe und auch nichts mehr vorbereiten muss, und dann habe ich mich zu Cathleen vor den Fernseher im Gruppenraum gepackt und mich berieseln lassen. Cathleen meinte, sie habe eine Phase in ihrem Zyklus, in der ihre Hormone sie zu einer schein-schwangeren Hundemama machen und sie bräuchte jemanden, den sie kraulen kann - na, was kann mir besseres passieren, als auf dem Sofa vor dem Fernseher mit dem Kopf auf ihrem Schoß zu liegen und gekrault zu werden?

Inzwischen liege ich in meinem Bett, mir ist wohlig warm, ich darf einen netten Blog-Eintrag schreiben und kann hoffentlich gleich gut schlafen. Nach einem schönen Tag.

Montag, 27. September 2010

Fehlende Mitwirkung, piepende Unterhosen

Weißt Du noch, wie oft du heute auf dem Klo warst? Nein? Führst du denn kein Miktionstagebuch? Wie ... "in der freien Entfaltung deiner Persönlichkeit einschränken" - was willst du denn?!

Du verbrauchst Wasser zum Spülen deines WCs! Wasser, das uns allen gehört. Wasser, für das du zwar bezahlst, aber lange nicht das, was es eigentlich wert ist. Und schon gar nicht an den, dem es gehört. Von der Verschmutzung des Wassers mal ganz zu schweigen. Führ gefälligst ein Miktionstagebuch oder du darfst nicht mehr auf die Toilette. So einfach ist das.

Eine große Ersatzkasse, die kürzlich fusioniert hat, versorgt Cathleen mit Inkontinenzprodukten. Nein, sie zahlt knapp 30 Euro monatlich dafür, dass ein Lieferant Cathleen mit Pampers beliefert. Der drückt sich gerne und möchte ihr gerne unzweckmäßige und viel zu geringe Mengen liefern, weil ihr Verbrauch seinen Gewinn schmälert. Regelmäßig regelmäßig regelmäßig versucht er aufs Neue, sich seinen vertraglichen Pflichten zu entziehen. Und die Krankenkasse zuckt mit den Schultern.

Das neueste ist aber nun, dass die Ersatzkasse die weitere Bewilligung der Leistung davon abhängig machen will, dass Cathleen für mindestens drei Monate ein Miktionstagebuch führt. Es soll aufgeführt werden, wann sie trinkt, wann sie pinkelt, wieviel sie pinkelt, wann sie die Windel wechselt - und vor allem, wie schwer die Windel beim Wechsel war. Wir haben schon rumgescherzt, dass sie ja, wenn sie von der Kundentoilette wieder runter ist, in die Fleischerei gehen kann oder an die Käsetheke. "Können Sie mal eben auswiegen?" Schließlich hat man ja unterwegs nicht überall eine Waage dabei oder will die nasse Windel zum Wiegen wieder mit nach Hause nehmen. Und wenn sich Cathleen und ich im Restaurant eine Cola teilen oder nach dem Sport aus derselben Flasche trinken, sollen wir dann einen Durchflusszähler am Flaschenhals installieren, um die Trinkmenge zu erfassen? Oder falls sie sich kathetert (was sie regelmäßig tut, um Restharn zu vermeiden), soll sie dann ihren Urin auffangen, um die Menge zu bestimmen? Und dafür einen Meßbecher im Rucksack mitnehmen? Oder zahlt die Krankenkasse dafür den Einmalkatheter mit Messbeutel, der doppelt so teuer ist wie der ohne?

Und was macht sie, wenn sie ins Bett pinkelt? Bettlaken auswiegen? Und wenn es in die Hose geht? Oder die Hälfte aus der Windel rausläuft? Oder sie beim Duschen, oder noch besser, in die Badewanne oder ins Schwimmbecken strullert? Und wer will die Trinkmengen in ein vernünftiges Verhältnis bringen, wenn wir Sport machen? Oder in die Sauna gehen? Sagt mal, Leute, merkt ihr dort noch was?!

Dachte sich auch Frank und rief bei der Kasse an. "Meine Mandantin schreibt kein Miktionstagebuch. Wir sind hier nicht im Zirkus." Man hatte ihm wohl erklärt, dass man dann die Leistung wegen "fehlender Mitwirkung" entziehen würde. Oder anders ausgedrückt: Ohne Pipi-Kalender keine Pampers. Was ihn zur Bestform aufkochen ließ: "Die Grenzen der Mitwirkungspflicht sind überschritten, wenn das nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis zu der Leistung steht, wegen Unzumutbarkeit oder wenn die Krankenkasse das Ergebnis, das sie haben will, auch einfacher rauskriegen kann. So steht es im Paragrafen soundso im Sozialgesetzbuch. Es reicht, wenn eine der drei Möglichkeiten vorliegt. Hier liegen aber alle drei vor: Es ist unverhältnismäßig, unzumutbar und das Ergebnis kriegen sie auch aus der Bestellhistorie abgeleitet, oder wollen Sie indirekt unterstellen, meine Mandantin verwendet die Hälfte der von Ihnen bezahlten Artikel für die Bodenpflege oder verkauft die Dinger für 30 Cent das Stück auf dem Flohmarkt?" Es war wohl schon der Gruppenleiter, den er da am Telefon hatte, und der hatte wohl schon den Kopf eingezogen. "Dann belästigen Sie uns hier nicht mit so einem Schwachsinn!"

Er nahm die Aufforderung wohl noch am Telefon zurück und meinte, so Frank, dass das Schreiben ein Versehen war und eigentlich nur an Bewohner von Pflegeheimen rausgehe, weil man da halt sicher gehen wollte, dass die Krankenkasse auch nur für ihre Patienten bezahle und nicht etwa für die anderer Kassen mit. Was für eine dumme Ausrede! Frank erläuterte hinterher noch, dass das bei Heimbewohnern noch wieder anders berechnet wird und dass das daher nur eine Schutzbehauptung war. Aber das ist nicht mehr wichtig. Wichtig ist: Cathleen darf wieder pinkeln, ohne vorher die Kasse um Erlaubnis fragen zu müssen und ohne einen Nachweis darüber führen zu müssen.

Dieser Blog wäre aber nicht meiner, wenn ich nicht an dieser Stelle noch einen draufsetzen könnte. Wirklich und wahrhaftig: In Australien wurde kürzlich eine Windel entwickelt, die einen wiederverwendbaren Sensor hat. Wird der Sensor nass, fängt er nicht nur an zu Piepen, sondern sendet auch noch eine SMS an eine vorher festgelegte Nummer mit einem vorher festgelegten Text. So kann die Pflegerin gezielt das richtige Zimmer aufsuchen, den Sender aus der Hose fummeln, abtrocknen, zum Desinfizieren und Aufladen in die Station stellen, ...

Damit aber nicht genug. Die SMS können auch ausgewertet werden zu einem Online-Miktionstagebuch. Dann kann der Doktor, die Krankenkasse oder der Fetischist von nebenan gleich nachgucken, wann jemand eingepullert hat. Und in einem Pflegeheim oder einer Behindi-Werkstatt tut man jeder inkontinenten Person so einen Sender in die Hose, auf dass es bald überall fröhlich piept. Bliebe nur noch die Frage zu klären, ob der Sender auch erfasst, falls jemand einkackt, und ob er dann auch piept oder polyphone Marschmusik sendet.

Man soll immer über seinen Tellerrand schauen. Kann ich nicht. Ich weiß nicht, ob das System in Pflegeeinrichtungen Sinn macht. Wenn es dazu führt, dass die Bewohner schneller aus ihren nassen Pampers geholt werden, könnte ich dem ganzen System fast noch etwas klitzekleines positives abgewinnen. Ansonsten: Nein, sag ich lieber nicht.

Samstag, 25. September 2010

Großbrand und Fallgrube

Dass der Freitag anstrengend werden würde, war mir schon am Donnerstagabend klar. Dass er aber so chaotisch werden würde, war absolut nicht zu erwarten. Es war mal wieder ein Tag, von deren Sorte man so schnell keinen zweiten braucht - bis auf sein Happy End.

Unter anderem Simone, Cathleen und ich waren am Freitagabend zum Geburtstag von Sarah eingeladen. Sie wollte reinfeiern. Schlafplätze gab es keine mehr, wenigstens ein Bier wollte ich mal trinken, insofern kam auch das Autofahren nicht mehr in Frage. Die S-Bahn fuhr nur noch bis kurz vor 1 Uhr nachts auf dem Streckenabschnitt (sonst fahren ja die Bahnen die ganze Nacht, aber eben auf diesem Streckenabschnitt nicht) - also mal wieder ein klarer Fall für einen großen Van, in dem man schlafen kann.

Es wäre kein Problem, mit dem Auto zur Schule zu fahren und anschließend damit zum Training und danach zu der Feier. Nur würde ich an dem Freitag bis 17.00 Uhr Schule haben und um 17.30 Uhr bereits in der Holstenstraße im Wasser sein wollen, was mit dem Auto unmöglich ist, da ich entweder über die A7 in Richtung Elbtunnel (bis 2012 ist noch eine Röhre gesperrt und daher um die Zeit dort regelmäßig zwischen 10 und 30 Kilometer Stau) oder über die B447 stadteinwärts fahren muss. Und die B447 ist um die Zeit ebenfalls dicht, weil die ganzen Leute, die glauben, dass sie durch die Stadt den Stau auf der A7 umfahren können, hier rumstehen. Insofern braucht man im abendlichen Berufsverkehr für eine Strecke, für die man nachts 13 Minuten braucht, zwischen 90 und 150 Minuten. Kein Scherz und nicht übertrieben.

Zweites Problem: Ich komme mit dem Van nicht in die Tiefgarage unter dem Schwimmbad (zu niedrig) und weitere rolligerechte Parkplätze sind dort weit und breit nicht. Daher blieb mir nur eine Möglichkeit: Das Auto morgens in die Nähe der Party stellen, mit Bus und Bahn zur Schule, mit Bus und Bahn zum Schwimmen, mit Bus und Bahn zur Party und abends im Auto pennen. Da ich erst um 10.40 Uhr in der Schule sein musste, war das auch kein Problem. Viel mehr wäre interessant gewesen, ob ich um die Zeit vor der Schule noch einen Parkplatz bekommen würde, denn die inzwischen sechs Behindi-Plätze sind regelmäßig von Leuten zugeparkt, die da nichts zu suchen haben.

Egal. Das ist alles nicht so wild, als dass man darüber einen Blog-Eintrag erstellen müsste. Dass im Festland mal wieder die einzige Behinderten-Toilette außer Betrieb war und wir alle brav unter der Dusche gestrullert oder kathetert haben, interessiert vermutlich auch nur die Fetischisten. Immerhin soll das gut gegen Fußpilz sein.

Nach dem Schwimmen standen Cathleen, Simone und ich im Bahnhof Holstenstraße. Wir hatten uns extra beeilt. Die Party sollte um 20 Uhr losgehen. Da wir erst um 19.00 Uhr aus dem Wasser kamen, war es bereits 19.40 Uhr. Auf dem Bahnsteig waren Hunderte Leute, und uns wurde schnell klar: Irgendwas stimmt hier nicht. Auf der Anzeigetafel stand nur: Bitte Ansage beachten! Super. "Wegen eines Polizei-Einsatzes im Hauptbahnhof ist der Zugverkehr zur Zeit unterbrochen." Weitere Informationen gab es nicht.

Der Bahnhof Holstenstraße liegt oberhalb der Straße. Unten brausten jede Menge Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht und Sirene durch. Irgendetwas roch angebrannt. Als würde ein Mülleimer brennen. Da wir nicht in einer Tunnelstation waren, kratzte uns das nicht sonderlich, die Dinger brennen ja öfter mal. Es war auch nicht eindeutig zu erkennen, woher dieser Gestank kam. Verstärkte Aufmerksamkeit bekam kurz danach auch die Anzeigetafel, die ankündigte, dass der nächste Zug nach Altona in 8 Minuten kommen sollte. Vielleicht kämen wir ja doch noch einigermaßen pünktlich.

Irrtum! Plötzlich kam ein kräftiger Windzug und mit ihm ein beißender Qualm über den Bahnstein geweht. Man konnte die Hand nicht mehr vor Augen sehen und musste sich die Jacke vor das Gesicht halten, um überhaupt noch Luft zu kriegen. Von einer Sekunde auf die nächste war der Bahnsteig völlig verqualmt. Die Leute verließen panikartig den Bahnhof. Nach ein paar Sekunden zog der Rauch weiter. Man bekam wieder besser Luft. Simone hatte Schiss: "Ich will hier weg." Tja, nur wie?! Aufzug im Brandfall nicht benutzen. Er könnte stehen bleiben oder in ein Stockwerk fahren, das noch verqualmter ist. Dort schließt sich die Tür nicht mehr wegen des Qualms zwischen der Lichtschranke und man erstickt. Oder so ähnlich. Gilt das auch für Aufzüge im Freien? Die Frage erübrigte sich, denn der Aufzug funktionierte nicht.

Die zweite beißende Qualmwolke wehte herüber. Immer mehr Tatütata kam herangefahren. Dann eine Lautsprecherdurchsage: "Wegen eines Feuerwehr-Einsatzes halten im Bahnhof Holstenstraße derzeit keine Züge. Reisende werden gebeten, den Bahnsteig aus Sicherheitsgründen zu verlassen. Benutzen Sie bitte keine Aufzüge." Der erste Zug nach dem Polizei-Einsatz am Hauptbahnhof war noch nicht mal da. Super. Und nun?

Inzwischen waren wir fast die einzigen auf dem Bahnsteig. Cathleen drückte den Notrufknopf an der Info-Säule. Es tutete und tutete und tutete. Und tutete. Und tutete. Und blinkte. Und tutete. Dann hörte das Blinken auf und es tutete nicht mehr. Cathleen drückte nochmal. Gleiches Spiel. Es tutete 30 Sekunden, niemand ging ran, Stille. Abermals wehte beißender Qualm über den Bahnsteig. Es war nicht zu erkennen, woher das kam. Man bekam keine Luft mehr. Wir hielten uns die Jacken vor das Gesicht. Wir mussten hier weg. Fest stand, dass der Qualm von überall herkam. War es schlauer, auf dem Bahnsteig zu bleiben oder sollten wir es wagen, uns mit den Rollstühlen rückwärts und mit beiden Händen am Geländer festgekrallt stufenweise die Treppen runterzulassen? Das dauert bei 70 Stufen seine Zeit, macht tierisch Lärm, ist anstrengend und geht unheimlich aufs Material. Abermals kam eine beißende Qualmwolke über den Bahnsteig geweht. Nein, wir mussten hier weg.

Es war absolut nicht zu erkennen, woher dieser Qualm kam. Ob von unten oder aus der Straße. Was, wenn wir auf der Treppe keine Luft mehr bekommen würden? Wenn wir das Geländer loslassen, fallen wir die 70 Stufen runter. Cathleen griff zum Handy. Wählte 110. Kam in die Warteschleife. Hallo?! Notruf? Warteschleife?! Wo sind wir hier eigentlich? Nach 30 Sekunden ging jemand dran. "Wir sind mit drei Rollstuhlfahrern auf dem Bahnsteig in der Holstenstraße, kommen hier nicht weg. Aufzug geht nicht, Treppen kommen wir nicht runter, hier ist beißender Qualm, wir kriegen kaum Luft." Cathleen bekam als Antwort: "Bleiben Sie ruhig. Halten Sie sich etwas vor das Gesicht. Hilfe kommt sofort." Was für eine Scheiße!

Sie kam sofort. Es dauerte keine Minute, da kam eine Polizeistreife im Laufschritt die Treppe hoch. Ein Mann, eine Frau. Abermals kam eine beißende Qualmwolke über den Bahnsteig gezogen. Der Mann brüllte mich an: "Kann ich dich über die Schulter werfen und runtertragen oder mach ich da was kaputt?" - "Nein, nein, geht nichts kaputt." Der Typ schnappte mich am Hosenbund, hob mich aus dem Stuhl, warf mich über seine Schulter, ich hing mit dem Kopf abwärts an seinem Rücken, er torkelte mit mir die Treppe runter. Nur nicht stürzen jetzt. Ich hörte seine Kollegin in seinem Funkgerät. "Benötigen dringend weitere Kräfte für den Bahnhof Holstenstraße. Der Bereich ist völlig verqualmt. Es halten sich noch mehrere Personen dort auf. Wir tragen gerade einige Mädchen im Rollstuhl dort weg."

Der Typ joggte mit mir auf der Schulter in Richtung Ausgang Neue Flora, setzte mich auf die Erde und lehnte mich gegen eine Mauer. "Kannst du einen Moment so sitzen bleiben, ich hole erstmal deine Freundin." Seine Kollegin kam mit Simone auf dem Arm angelaufen. Setzte sie unsanft neben mich und war wohl gerade über das Funkgerät angesprochen worden. Sie laberte irgendwas da rein und lief wieder weg. Einen Moment später kam der Typ wieder mit Cathleen auf der Schulter. "Die Rollstühle kommen gleich nach, wir müssen erst einmal den Bahnsteig absuchen, ob da noch weitere Personen sind." Weitere Polizisten kamen und sperrten die Eingänge mit rot-weißem Flatterband. Eine Frau im Sanitäter-Outfit kam zu uns, ob wir Atembeschwerden hätten oder Kratzen im Hals. Nein, hatten wir alles nicht. Dann bekamen wir endlich unsere Rollstühle wieder. Die Polizisten wollte unsere Personalien haben. Nur zur Sicherheit, falls noch etwas sein sollte. In der Zwischenzeit kamen immer mehr Feuerwehrautos und immer mehr Polizeiwagen. Ein Typ fing an, uns zu fotografieren. Ich konnte gerade noch rechtzeitig meinen Arm vor das Gesicht halten. Das fehlte noch!

Bevor wir dann endlich dort weg durften, habe ich noch ein Foto geschossen. Noch Fragen?


Da keine Züge mehr fuhren und auch die Straßen gesperrt waren, mussten wir ein Stück zurück zur Sternbrücke fahren und dort in den Bus nach Altona. Als wir dann endlich im Zug in Richtung Sarah saßen, war es bereits kurz nach 9. Und es dauerte noch bis kurz vor 10, bis wir endlich dort ankamen, wo wir aussteigen wollten. Zum Glück war der Bahnhof rollstuhlgerecht und nicht von Aufzügen abhängig, da hier lange Rampen gebaut worden waren. Das allerdings schon vor schätzungsweise 20 Jahren. In einer Kehre geriet mein Vorderrad in ein sieben Zentimeter tiefes Loch und ich fiel mit dem Kopf voraus aus dem Stuhl, der natürlich bei so einem Stoß schlagartig auf 0 abbremste. Zum Glück blieb ich mit den Beinen nirgendwo hängen und ich schaffte es auch, mich so abzufangen, dass ich nicht mit dem Gesicht über irgendwelche Steine rutschte. Und der Mutterboden an den Seiten war weich. Ich war gerade einigermaßen sicher gelandet, als ich merkte, dass Cathleen hinterhergeflogen kam. Simone war die Dritte in der Reihe, sie konnte gerade so eben noch bremsen.

Uns ist nichts passiert. Außer dreckige Klamotten, dreckige Hände und schmutzige Gesichter. Die Klamotten stanken ohnehin schon nach Großbrand, insofern mussten die sowieso in die Wäsche. Und im Auto lagen Wechselsachen für alle Leute. Eigentlich erst für nach der Party, aber das war jetzt egal. Sarah ließ uns alle drei erstmal duschen und frische Sachen anziehen. Und dann hatten wir eine absolut tolle Party. Haben ganz viel gequatscht, gespielt, gegessen, getrunken, gefeiert, gesungen (SingStar ist immernoch in...), gelacht und irgendwann dann auch zu Dritt im Auto geschlafen.

Als wir am nächsten Tag um kurz nach 11 endlich wieder wach waren, konnte ich mir nicht verkneifen, auch noch ein Foto von unserer in der Dunkelheit kaum sichtbaren Fallgrube zu machen. Um der S-Bahn Hamburg mal einen netten Hinweis zu geben.

Dienstag, 21. September 2010

Auch Mädels können bloggen

Ich war zugegebenermaßen ein wenig gerührt, als ich beiläufig in einer Mail erfuhr, dass eine mir bis dahin unbekannte Stephanie in einem Interview geschrieben hatte: "Eine ganz besondere Person ist mir aber aufgefallen, die ich unbedingt empfehlen möchte: Die Jule aka Stinkesocke [...]. Sie wurde auf dem Weg zur Schule von einem Auto angefahren und meistert ihr Leben seitdem sitzend."

Was wiederum, und das bewegte mich nun richtig heftig, eine mir bis dahin ebenfalls unbekannte Annina, Editorin des Blogs "Girls Can Blog", dazu brachte, meinen Blog zu lesen und mir ebenfalls eine Interview-Anfrage zu schicken.

Nach einigen Überlegungen, ob ich denke, mit meinem Geschreibsel wirklich in die dortige Reihe der Vorstellungen zu passen, insbesondere mit meinem vergleichsweise jungen Alter und mit meinen eher mäßig bis schlecht geschriebenen ersten Beiträgen, die ich teilweise orthografisch und grammatikalisch heftig finde (aber natürlich nicht korrigiere, denn es soll ja alles so bleiben, wie es ist), musste ich mir ja auch noch die Frage stellen, ob ich mit so einem Interview möglicherweise "berühmter" werde als ich es eigentlich will. Aber ich habe mich letztlich dazu entschieden, die sehr nette Einladung anzunehmen und zu erzählen, wie es zu meinem Namen kam, für wen ich eigentlich blogge, wer meine Zielgruppe ist - und beispielsweise, ob ich glaube, dass jeder bloggen kann.

Das vollständige Interview kann man inzwischen hier lesen. Ich finde, der Beitrag ist sehr gut geworden. Vielen lieben Dank, Annina!

Sonntag, 19. September 2010

Die Arie mit der Zulassung

Rollstuhlfahrer sind in Deutschland von der Kraftfahrzeugsteuer befreit. Voraussetzung ist, dass ein Pkw auf ihren Namen zugelassen wird. Die Steuerbefreiung gilt immer nur für ein Fahrzeug. Und das Fahrzeug darf nur von dem Rollstuhlfahrer selbst gefahren werden.

Oder von einer Person, die der Rollstuhlfahrer damit beauftragt hat, ihn zu befördern oder etwas für seinen Haushalt zu erledigen. Und nun wird es kurios: Wenn ich Paul bitte, mit mir zum Einkaufen zu fahren, darf Fußgänger Paul mein Auto fahren. Ich sitze ja auf dem Beifahrersitz.

(Vorausgesetzt, er benutzt nicht die Umbauten, sondern die herkömmlichen Bedien-Elemente des Fahrzeuges. Die müssen ja immer vorhanden bleiben, dürfen nur blockiert oder verdeckt werden, solange das Fahrzeug von einem Rollifahrer über den Behindi-Umbau bedient wird. Aber darum geht es gerade nicht.)

Wenn ich Paul bitte, das Auto umzuparken, weil ich plötzlich sehe, dass es im Weg steht, darf er damit auch alleine über den Supermarktparkplatz cruisen und, sofern erforderlich, auch noch einmal raus auf die Straße und eine andere Parkplatzeinfahrt nehmen.

Wenn ich das Geld zu Hause vergessen habe, dürfte ich Paul mit dem Auto nach Hause schicken, das Geld holen, direkt wiederkommen - und ich sammel in der Zwischenzeit schonmal alles in den Einkaufskorb, was ich so brauche.

Wenn ich Paul zum Einkaufen schicke und selbst zu Hause bleibe, wäre das auch in Ordnung. Er dürfte dann sogar noch nebenbei für sich einkaufen. Er darf dann nur nicht auf den Rolli-Parkplätzen parken.

Aber jetzt kommt es: Wenn Paul mich zur Krankengymnastik fährt, darf er nicht mit dem Auto wieder nach Hause fahren, solange ich drinnen rumturne (und mich hinterher wieder abholen). Denn das dient ja seinen Bedürfnissen, nicht meiner Haushaltsführung. Es sei denn, ich beauftrage ihn, in der Zwischenzeit bei mir zu Hause 10 Minuten Staub zu wischen. Dann wäre es wieder okay.

Und noch kurioser: Wenn ich Paul beauftrage, für mich bei K.O.-Kauf einen Kühlschrank zu besorgen, darf er dafür mein Auto benutzen. Wenn dann der Kühlschrank zu Hause ist und wir merken, er ist defekt, darf er auch mit dem Kühlschrank wieder zu K.O.-Kauf fahren und das Ding dort reklamieren. War das aber das letzte Ausstellungsstück, muss Paul das Auto stehen lassen und mit dem Bus nach Hause kommen. Die Rückfahrt dient nicht mehr meiner Haushaltsführung.

Man wird natürlich immer einen Grund finden, warum er das Auto wieder zu mir nach Hause bringt. Schließlich möchte ich, dass mein Auto, das nach einer Fahrt zum Zwecke einer Kühlschrank-Reklamation vor einem K.O.-Markt steht *wieher*, den Versicherungsbedingungen entsprechend noch vor Einbruch der Nacht wieder in meine Garage kommt. Und das wäre dann wieder ein Auftrag, der mit meiner Haushaltsführung zusammenhängt. Und dann dürfte Paul das Auto holen. (Oder eben gleich mitbringen, nachdem er den Kühlschrank abgegeben hat.) Man muss aber im Fall einer Kontrolle genau wissen, was man erzählt, denn sonst hat man schnell ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung an der Backe.

So bereits geschehen bei einem Vereinskameraden, dessen Mutter ihren Sohn zum Training gefahren hat und anschließend wieder nach Hause gegurkt ist, weil sie nicht 90 Minuten auf der Bank sitzen wollte. Hätte sie gesagt, sie will ihm noch schnell seine Jeans für morgen waschen, wäre alles okay. Sagt sie aber in der Polizeikontrolle, dass sie nicht 90 Minuten rumsitzen will, wird das Verfahren eingeleitet. Und in Hamburg sind die Polizisten fit bei dem Thema: Ich wurde zwar noch nicht so oft kontrolliert, aber wenn, wurde immer gefragt, ob ich die Berechtigte bin, schließlich steht in der Zulassungsbescheinigung ja drin, dass das Fahrzeug wegen einer Behinderung steuerbefreit ist.

Nach diesem Vorgeschmack kann sich jeder vorstellen, wie sich das Problem lösen lässt, dass wir meinen alten Golf als WG-Fahrzeug anmelden wollten und dann drei bis fünf Rollstuhlfahrer, die alle von der Kfz-Steuer befreit sind, dasselbe Fahrzeug nutzen. Ich könnte es spannend machen, aber ich mache es kurz: Es geht nicht.

Dass ich das Fahrzeug nur auf einen Namen anmelden kann, ist klar. Dass dieser dann das Fahrzeug auch an andere Leute innerhalb der WG verleihen darf, darauf lässt sich die Kfz-Versicherung noch ein. Gegen Aufpreis. Aber: Wenn mehrere Rollstuhlfahrer das Fahrzeug nutzen, die jeder für sich alle von der Kfz-Steuer zu befreien wären, wird ... richtig! ... niemand von der Kfz-Steuer befreit. Das sieht das Steuerrecht nicht vor. Es kann immer nur der Halter von der Kfz-Steuer befreit werden. Der darf das Fahrzeug aber nur für sich und für seine Haushaltsführung benutzen. Verleiht er es an jemand anderen, wird das Fahrzeug steuerpflichtig, auch dann, wenn derjenige, der es leiht, die gleichen Voraussetzungen erfüllt wie der Halter.

Mir ist schon klar, dass Gesetze niemals alle Eventualitäten abdecken können und es immer Lücken geben wird. Daher haben wir das Fahrzeug ordnungsgemäß angemeldet und zahlen brav die Kfz-Steuer, obwohl das Fahrzeug nur von Leuten genutzt wird, die allesamt von der Kfz-Steuer zu befreien sind.

Anders wäre es gewesen, wenn wir uns als "Stinkesocke und ihre behinderten WG-Freunde" zusammengetan hätten, von außen noch ein paar lustige Leute herangeholt hätten, zu siebt einen Verein gegründet hätten und in die Satzung geschrieben hätten, dass wir diese eine WG fördern wollen. Dann wären nach Eintragung alle die wieder ausgetreten, die nicht in der WG wohnen, die Satzung wäre mehrheitlich dahingehend geändert worden, dass nur WG-Bewohner eintreten dürfen - und dann hätte ich das Auto dem Verein geschenkt oder wir alle hätten es aus Mitgliedsbeiträgen gekauft. Dann hätten wir das Fahrzeug steuerfrei benutzen dürfen, weil es ja nur der Beförderung behinderter Personen dient. Sogar das Autoradio wäre dann gebührenfrei gewesen. Man hätte ein grünes Kennzeichen bekommen und als einzige Auflage, dass man das Fahrzeug als Behindertenfahrzeug kenntlich machen müsste. Also hätten wir rundherum schicke blaue Rolli-Aufkleber an die Türen gepappt.

Muss ich noch erwähnen, wie überfordert das Amt damit war, dass mein bisher steuerfrei geführtes Fahrzeug nun steuerpflichtig wird? Und dass ich gleichzeitig ein weiteres Fahrzeug neu anmelden möchte, das dann steuerfrei ist? Und dass das zweite Fahrzeug bereits umgebaut wurde und ein neues Sachverständigen-Gutachten vorliegt und dieses in die Fahrzeugpapiere eingetragen werden muss, noch bevor das Fahrzeug überhaupt erstmalig zum Straßenverkehr zugelassen wird? Man sollte denken, dass das im Zeitalter von Computern nur ein Knopfdruck ist.

Nein. Vier Stunden lang bin ich von Pontius zu Pilatus gerollt und habe insgesamt weit über 100 Euro Gebühren, die Kosten für zwei neue Kennzeichen und die Kfz-Steuer für beide Fahrzeuge (!) für ein Jahr im Voraus in bar abdrücken müssen. Die für den Viano wird nun in den nächsten Tagen erstattet, anders bekommt man den Fahrzeugwechsel beim Finanzamt aber nicht geregelt. Denn der Golf ist noch bis 24 Uhr steuerbefreit und der Viano wäre erst ab nächsten Tag 0.00 Uhr steuerfrei. Um zu vermeiden, dass ich 8 Bescheide nach Hause geschickt bekomme, wonach für einen Tag die Steuern ausgeworfen werden, gibt der Finanzbeamte die neue Steuerbefreiung erst einen Tag später ein und erlässt den einen Tag wegen Banalität oder anderen Gebrechen. Das geht aber erst nach dem Systemdurchlauf nachts um 3.00 Uhr. Damit sind aber beide Fahrzeuge erstmal steuerpflichtig und in Hamburg muss bei Zulassung für 1 Jahr im Voraus die Kfz-Steuer entrichtet werden, wenn man keinen Befreiungsbescheid vorlegt - sonst wird das Fahrzeug gar nicht erst zugelassen. Noch Fragen?

Immerhin nahm der Gebührenautomat 50-Euro-Scheine an. Da ich in weiser Voraussicht schon 20 davon eingepackt hatte, musste ich auch nicht den Geldautomaten der No-Name-Bank im Hause der Zulassungsstelle, der mich dann wohl nochmal 20 Euro Gebühren gekostet hätte, benutzen. Toll war allerdings, als ich den Restbetrag von 37 Euro in Ein- und Zwei-Euro-Münzen erstattet bekam *schepper* und alle in dem Raum sich umdrehten, um zu erfahren, warum ausgerechnet das behinderte Mädchen im Rollstuhl, das gerade so eben an den Geldschlitz kommt, den Jackpot geknackt hat.

Freitag, 17. September 2010

An den Rand gedrängt

Es ist gerade mal einen Monat her, als ich unter der Überschrift Rollstuhlfahrer zahlen doppelt über die Vergabepraxis für rollstuhlgerechte Wohnungen in Hamburg geschrieben habe. Jana wartet übrigens immernoch auf ihre Einzugsberechtigung, man prüft noch, vielleicht wird es ja zum 01.10. etwas.

Inzwischen bin ich auf einen Artikel aufmerksam gemacht worden, der im MieterJournal (3/10, Seite 5) des Hamburger Mieterbundes erschienen ist. Darin geht es zwar nicht um die abenteuerliche Abfrage einer medizinischen Diagnose als Begründung für einen Wohnungswechsel, wohl aber darum, dass das ganze Thema anscheinend über Jahre in Hamburg völlig vernachlässigt wurde.

So heißt es in dem Artikel: "Mitunter erscheint dann gar ein Leben im Heim erträglicher als die Einzimmer-Hochhauswohnung am Rande von Billstedt. Der verarmte Stadtteil verfügt über die meisten rollstuhlgerechten Wohnungen in Hamburg, 104 an der Zahl. In Eimsbüttel hingegen konnte die Zentrale Vermittlungsstelle der Stadt nur zwölf vorweisen, im noblen und zentralen Rothenbaum sogar nur vier. Wie die SPD-Fraktion auf eine Anfrage an den Senat im vergangenen Jahr weiter erfahren konnte, standen 184 Bewerber auf der Warteliste für die insgesamt 1.158 barrierefreien Wohnungen, nur fünf davon waren als frei gemeldet."

Wenn man dann bedenkt, dass die 184 Bewerber einen Dringlichkeitsschein benötigen, also akut von Obdachlosigkeit bedroht oder in unerträglicher Lage wohnen müssen (nachgewiesen beispielsweise durch ein ärztliches Attest), dann bekommt die ganze Geschichte noch eine wesentlich andere Dimension. Tja, Hamburg, irgendwas machst du falsch.

Donnerstag, 16. September 2010

Gewisse Außenseiterrolle

Inzwischen weiß ich, worüber sich meine Lehrer Sorgen machen. Ich bin heute morgen noch einmal mit der Frage, ob ich mir denn inzwischen Gedanken gemacht hätte, auf das Thema angesprochen worden. Ich habe geantwortet, dass ich mir zwar Gedanken gemacht hätte, dass ich das Thema aber als erledigt angesehen habe, da ich mich für durchaus ausreichend reflektiert halte. Und wenn da doch noch etwas sei, worüber man reden müsste, dann könnte man sich mit mir wie mit jedem anderen erwachsenen Menschen vernünftig unterhalten.

Ich habe wirklich nochmal über alles mögliche nachgedacht. Und meine Leser ja auch... das mit dem Laptop haben diejenigen, die sich bisher regelmäßig beschwert haben, inzwischen "gefressen". Das Parkplatzproblem besteht nach wie vor, weil dort regelmäßig Leute drauf stehen, die dort nicht hingehören; allerdings steht dort nicht mehr der Lehrer, der dort vorher regelmäßig gestanden hat. Nein, die Parkplätze sind super, aber bei der Problemsuche ist dieser Tipp schon recht "heiß".

Der Kommentar mit dem "Schwachsinn" trifft es vielleicht am besten. Nein, nicht der mit dem Schwimmbecken. Ich gehe weder mit Rollstuhl baden, noch hat meine Schwimmhalle einen Fünfmeterturm, noch pinkel ich so exzessiv ins Badewasser, dass es jemand mitbekommen könnte. Ich meinte den von und mit Terence Hill: Schwachsinn!

Man mache sich Sorgen darüber, ob ich gut in die Klassengemeinschaft eingegliedert sei oder ob ich möglicherweise schwerwiegende zwischenmenschliche Probleme hätte. Wie ich das beurteilen würde. Ich war erstmal perplex. Und antwortete dann: "Ich sehe das nicht so. Ich kenne die Leute seit einem Jahr, komme mit einigen gut zurecht, mit anderen weniger gut, vielleicht habe ich auch aufgrund meiner Behinderung eine gewisse Außenseiterrolle, aber die Mehrheit der Leute akzeptiert mich so und ... nein, ich würde nicht sagen, dass ich mich ausgegrenzt fühle. Die Probleme, die es mit einzelnen Mitschülerinnen gab, sind ja bekannt und von weiteren wüsste ich jetzt nichts."

Ich fragte, womit sie die Sorgen begründen. Oder ob es vielleicht nur so ein Gefühl sei. Und falls es ein Gefühl sei, ob es vielleicht mehrere Lehrer geäußert hätten. Es kann ja durchaus sein, dass die mit ihrem fachlichen Auge etwas sehen, was ich noch gar nicht wahrgenommen habe.

Nein, alles Grütze. Ich ärgere mich inzwischen, dass ich mir überhaupt Gedanken darüber gemacht habe und dass ich überhaupt zu dem Thema einen Beitrag geschrieben habe. Man mache sich Sorgen darüber, dass ich offenbar versuche, durch materielle Dinge die Aufmerksamkeit meiner Mitschüler zu erzeugen. Dass würden in der Regel nur Leute versuchen, die auf dem zwischenmenschlichen Weg mit den herkömmlichen Methoden nicht weiterkommen würden. Man wollte deshalb, dass sich eine Psychologin mit mir unterhält, jedoch habe diese das abgelehnt. Insofern könne man mir "dieses Angebot nicht machen". Aber man würde versuchen, mich bestmöglich zu unterstützen.

Ich verstand weiterhin nur Bahnhof und fragte konkret: "Durch was für materielle Dinge versuche ich denn Ihrer Meinung nach Aufmerksamkeit zu erlangen?" Das einzige, was mir einfiel, waren Markenklamotten. Damit versuchen ja viele Leute, Aufmerksamkeit zu bekommen. Mir ist das eigentlich relativ schnuppe, denn die meisten Markenklamotten passen mir im Sitzen sowieso nicht. Nein, ganz anders. Man wollte von mir wissen, wie hoch die Leasingrate für mein Auto sei und wovon ich die abbezahle. Man mache sich Sorgen, dass ich mich als 18jährige sofort überschuldet hätte. Und ob es nicht ein kleineres Auto auch getan hätte. Ich dachte nur: "Das glaub ich jetzt nicht."

Ich habe dann erklärt, dass das Auto bezuschusst wurde und bereits komplett bezahlt ist, dass ich mich damit nicht übernommen habe und damit nicht angeben will, sondern es benutzen will. Es soll zweckmäßig sein. Normalerweise möchte ich gar nicht weiter auf meine finanziellen Verhältnisse eingehen, aber wenn ich nur gesagt hatte, dass die Herrschaften das nichts angeht, hätte man das ja nur für ein weiteres Indiz gehalten, dass ich mir nicht helfen lassen möchte. Ja und dann bin ich ja, vor allem bei schönem Wetter, öfter mal mit meinem Handbike (nicht das Rennbike für Triathlon, sondern ein Vorspannbike, das man an den Alltagsrollstuhl an- und vor der Schule wieder abklemmen kann) zur Schule gefahren - das würde ich ja auch nur machen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Ey, hallo?! Gehts noch?!

Bei 500 anderen Schülern, die mit dem Fahrrad kommen, ist das kein Problem. Ich kann nicht Fahrrad fahren und komme mit einem Fahrrad für Rollis, dann ist das gleich ein Problem. Nur weil die das nicht kennen. Der Grund ist doch ganz simpel: Wenn ich mit dem ganzen Gepäck, das ich trotz doppelter Bücher noch habe, "zu Fuß" zur Schule fahre, geht es mit einem Handbike viel einfacher und viel schneller. Aber was solls. Ich habe nur gesagt: "Es ist wirklich nicht nötig, dass Sie sich Sorgen machen. Ich komme gut zurecht." - "Wenn Sie meinen ... wir werden es im Auge behalten."

Ich hatte eigentlich gedacht, dass der Horizont von den Menschen, die mich auf das Leben vorbereiten sollen, in dieser Hinsicht etwas höher liegt. Aber irgendwie kann man das wohl nicht erwarten und es hat wohl auch keinen Sinn, denen das alles zu erklären. Wenn ich regelmäßig gefragt werde, warum ich keinen Elektrorollstuhl habe, schließlich würde das doch viel einfacher gehen, zeugt das von so viel Unkenntnis und so wenig Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen, dass man erstmal einen Basiskurs durchlaufen müsste. Ist das mein Job, meinen Lehrern zu vermitteln, dass behinderte Menschen sich in der heutigen Gesellschaft nicht über ihre Behinderung definieren?

Ich bin immer geneigt, auf die Frage mit dem E-Stuhl zu antworten: Warum laufen Sie denn zu Fuß, statt im Rollstuhl zu fahren, schließlich ist es im Rolli bequemer und man hat immer gleich einen Sitzplatz dabei. Die ersten sind dann empört, weil sie mit dem Rollstuhl etwas verhext-verteufeltes verbinden, die zweiten sagen, dass sie zu Fuß viel schneller seien als mit dem Rollstuhl (was ja nur bedingt stimmt) und die dritten geben die richtige Antwort: "Warum soll ich mich in so ein Ding setzen, wenn ich noch laufen kann?" - Worauf ich dann antworte: "Warum soll ich mich von einem Motor schieben lassen, wenn ich mich noch selbst mit Muskelkraft fortbewegen kann?"

50% nicken dann zustimmend, das sind die, bei denen man hoffen darf, die anderen 50% sagen: "Na, aber es ist doch viel anstrengender mit Muskelkraft. Gerade bergauf." Das sind dann die, die erstmal verstehen müssten, dass sie eigentlich besser bedient wären, wenn sie die Treppe zur U-Bahn nehmen statt den Aufzug zu blockieren, auf den schon 5 Rollifahrer warten. Aber solange sie selbst nichts für ihre Fitness tun, werden sie nicht verstehen, dass ich für meine Fitness etwas tun möchte. Und mir somit weiterhin den E-Rolli schmackhaft machen wollen. Schwierig, schwierig.

Mittwoch, 15. September 2010

Sorgenvolle Lehrer

Inzwischen bin ich ja 18, und am liebsten werde ich auch wie eine Achtzehnjährige behandelt. Auch von meinen Lehrern, die sich gerade um mich Sorgen machen, mir aber nicht sagen wollen, worüber konkret. Ich solle mal nachdenken, sagte man mir am letzten Montag einigermaßen offiziell.

Ich habe noch versucht, mich davon wenig beeindruckt zu zeigen, denn wenn man mit mir über irgendetwas reden möchte, dann soll man es doch einfach tun. Also wenn ich Mist gebaut habe oder so. Kann ja mal vorkommen. Aber mir ein schlechtes Gewissen machen ohne dabei zu sagen, was eigentlich los ist, finde ich nicht nett und erst recht nicht altersentsprechend.

Nachdem man das heute auch nochmal wiederholte, bin ich langsam wirklich etwas verunsichert. Hat das mit meiner Aktion vom letzten Wochenende zu tun? Das vermute ich noch am ehesten. Aber warum redet man dann nicht mit mir? Traut man sich nicht? Ist es den Lehrern peinlich? Wenn man eine Ansage machen muss, weil etwas so oder anders nicht geht, kann man das ja auch ohne dass es peinlich wird. Ich weiß es nicht.

Oder habe ich durch meinen Krankenhausaufenthalt doch zu viele Fehlstunden und kann doch nicht für das Abi zugelassen werden ohne vorher doch noch ein Jahr zu wiederholen? Dann wäre das zwar sehr blöde, aber nicht zu ändern. Krankheit sucht man sich ja (meistens) nicht aus. Dann müsste ich da durch - und dann kann man mir das auch sagen. Aber eigentlich war das schon offiziell, dass es nicht zu viele Fehlzeiten waren.

Was bliebe sonst noch? Hausaufgaben zu oft vergessen, zu viele Stunden geschwänzt? Da ich viel zu Hause machen muss, muss ich mich schon entscheiden, entweder für Fleiß oder dagegen. Ich habe mich dafür entschieden, da ich ohne Fleiß mein Abi nicht mit der behinderungsbedingt reduzierten Stundenzahl schaffen werde, daher mache ich auch brav meine Hausaufgaben und fehle auch nicht ohne Grund in der Schule. Mag zwar etwas streberhaft klingen, aber anders wäre diese Zeit am beruflichen Gymnasium mit Sicherheit verschenkt - dann könnte ich lieber gleich eine Berufsausbildung machen.

Vielleicht habe ich zu viel geschwatzt im Unterricht. Das könnte wirklich sein. Aber dafür müsste man nicht so ein Fass aufmachen. Oder geht es schon wieder darum, ob ich am Sport oder Schwimmen teilnehmen darf? Oder oder oder... Ich bin gespannt, wann man mir etwas erzählt und mich aufklärt. Solange kann ich nur rätseln und mir kein schlechtes Gewissen einreden lassen.

Montag, 13. September 2010

Von Nobotti und einem Pfahl

Wenn ich aufmerksam durch Hamburg rolle, fangen meine Augen hin und wieder das eine oder andere Bild ein, über das ich schmunzeln muss. Manchmal kommt es auch vor, dass ein Bild so richtig im Kopf weh tut. Heute habe ich diese Situation ungewöhnlich oft erlebt. Gleich drei Mal nacheinander, daher möchte ich das meinen Lesern nicht vorenthalten.

Die erste ist noch relativ harmlos, allerdings wegen ihres hohen Verbreitungsgrades schon peinlich. In jedem S-Bahn-Zug hängt inzwischen mindestens 10 Mal die Aufforderung, Taschen nicht auf die Bänke zu stellen. Dafür muss Marleen herhalten, die vor lauter Taschen auf den Sitzplätzen nur noch einen Stehplatz abkriegt. Warum man nun aber die Kurzform von Marleen gewählt hat, die sich so gar nicht auf "stehn" reimt, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.


Den zweiten Hingucker lieferte mir heute ein Taxi. Nachdem ich kürzlich in einer Erörterung lernen musste, dass die Mehrzahl von "Taxi" nicht etwa "Taxen" heißt, wie im norddeutschen Raum gerne gesagt und auch auf vielen Verkehrsschildern zu lesen ist, sondern in korrektem Deutsch "Taxis", wundere ich mich, dass der Macher dieses Aufklebers (links unten auf der Heckklappe) zwar das wusste, ansonsten aber alles falsch gemacht hat, was man falsch machen konnte. Aus "Taxis dürfen das!" wurde "Taxi's dürfen DASS !!!" - mit dem Leerschritt vor der Ansammlung von Ausrufezeichen haben Spitzfindige sogar drei Fehler in drei Wörtern gefunden. Ich finde es klasse, wenn man sich so etwas an seinen Benz klebt und auch noch dazu steht. (Wie die Marleen aus der S-Bahn.)


Bliebe noch zu klären, von welchem Pfahl die Kosmetikerin für 25 Lire zu befreien ist (denn es soll bestimmt "entfählen" heißen), und warum sie sich diese Behandlung nicht selbst bezahlen kann. Jedenfalls: Wenn ich sie bei Werbung eines Kunden entfähle, erhalte ich bei meiner nächsten Massage einen Gutschein über 5 €, den ich dann überall auf der Welt einlösen kann. Was für ein tolles Angebot!


In diesem Sinne: Nobotti ist pörfeckt!!!

Sonntag, 12. September 2010

Keine Schnapsidee

Mein gestriger Blog-Eintrag hat ja ganz schönen Wirbel ausgelöst. Immerhin ist es, nach dem mit den Glückwünschen zum 18. Geburtstag, der am zweithäufigsten kommentierte Text der letzten zwei Jahre. Ich kann sagen, dass ich damit gerechnet habe, dass das nicht jeder toll findet. Aber das erwähnte ich ja auch schon. Ich kann und ich will nicht immer 100% "brav" sein. (98% reichen auch, oder?)

Ich passe schon auf mich auf. Ich passe auch darauf auf, dass ich niemanden unzumutbar belästige. Weder mit meiner Behinderung noch beim Ausleben meiner Triebe. Mir ist auch klar, dass solche Beiträge wie der gestrige nicht jeder mag und mit Sicherheit werde ich zukünftig auch nicht öfter über das Thema schreiben als bisher.

Ich bin dennoch überrascht, wieviele Leser mir eine neutrale oder sogar positive Resonanz gegeben haben. Und ich bin sehr überrascht, welche Reaktionen ich von meinen Freundinnen und Freunden, sofern sie denn diesen Blog kennen, bekommen habe. Die üblichen Sprüche und Neckereien waren natürlich unvermeidbar. Aber ausnahmslos alle haben das Bedürfnis gehabt, mir zu sagen, dass sie meinen Beitrag gut fanden. Auch wenn einzelne zum Thema an sich eine andere Meinung hatten: "Das macht man heimlich für sich alleine und redet nicht öffentlich drüber. Andere wollen das nicht wirklich wissen." Ein klassischer Fall von TMI (too much information). Aber, wie gesagt, sie fanden es dennoch okay. Ich bin mir halt sehr unsicher, auch wenn der Text vielleicht nicht so wirkt. Ich werde dort auch noch einen Kommentar schreiben.

Weshalb es sich auf jeden Fall gelohnt hat, darüber zu schreiben: Ich hatte mich Cathleen ein super tolles, intensives Gespräch. Draußen, im Dunkeln, an der Elbe. Ohne Sportrollstühle und ohne Gefummel (bevor jemand fragt). Dafür aber in einer wunderschönen Stimmung. Ich habe noch nie in meinem Leben mit einem anderen Menschen ein so offenes und vertrauensvolles Gespräch geführt, nach dem es mir so gut ging wie nach diesem. Was auch Cathleen für sich fand. Nein, es ging nicht nur um Sexualität, sondern um vieles mehr. Alleine deshalb weiß ich: Mein gestriger Post war keine Schnapsidee.

Samstag, 11. September 2010

Ziemlich böse

Ich war böse. Ziemlich böse. Keine Ahnung, ob es schlau ist, das hier zu schreiben. Ich habe aber auch keine Ahnung, ob es schlauer ist, nur die braven Dinge zu schreiben. Von ein paar kleinen Ausrastern mal abgesehen, die aber meistens Reaktionen und nicht Aktionen waren. Ich weiß es wirklich nicht.

Wie gesagt, ich war böse. Ich war ja vor zwei Wochen auf einem Triathlon, habe im Anschluss daran weniger Muskelkater gehabt als befürchtet, hatte mich ein paar Mal von meiner Physiotherapeutin durchkneten lassen und sogar auch schon zwei Mal wieder an lockerem Schwimmtraining teilgenommen. Nur Straßentraining wurde noch nicht wieder angeboten. Dieses Wochenende sollte es sein, es wurde aber bereits am Donnerstag abgesagt, weil zu viele Leute krank sind.

Also war ich gestern nachmittag in der Sporthalle, in der einige Rennrollis eingeschlossen waren (auch meiner), und habe meinem Stuhl zwei neue Reifendecken verpasst, da die alten an einer Stelle bereits eine Kerbe hatten und es dann nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es knallt. Außerdem hatte ich nach dem Wettkampf sämtliche Sitzbespannungen mit nach Hause genommen und mal von der Waschmaschine durchwaschen lassen. Auch wenn sie sonst nach dem Training regelmäßig abgespült werden, gerade nach einem Triathlon sollte das dann doch mal drin sein.

Jedenfalls fummelte ich diese nun auch wieder auf den Stuhl und plötzlich überlegte ich mir: Eigentlich könntest du ja den Stuhl einfach mitnehmen und für dich selbst ein bißchen trainieren. Das ist nicht ungewöhnlich, andere machen das auch, Simone beispielsweise hat ihren Stuhl fast nie in der Halle stehen. Die einzige Hürde war: Ich musste ganz alleine managen, dass ich in den Stuhl kam und ich musste eine Strecke finden, wo ich gut fahren konnte, ohne dabei in den Straßenverkehr zu geraten. Das wäre ohne Begleitfahrzeug lebensmüde.

Asphaltierte Wege an den Elbdeichen sind doch etwas schönes. Auch im Dunkeln. Man ist fast alleine, von ein paar Joggern abgesehen, am Weg stehen in gewissen Abständen Laternen, man kann auf die Elbe schauen, Schiffe beobachten, hat wunderbare frische Luft und himmlische Ruhe.

Und einen gewissen Nervenkitzel. Schreib ich es wirklich? Ja, ich schreibe es. Ein Hauptgrund, warum ich für mich alleine trainieren wollte, war gar nicht mal der Sport, die Bewegung, die körperliche Fitness. Sondern ich brauchte einen Kick. Einen Hormonkick. Ich weiß, es hört sich komisch an. Vielleicht sogar etwas krank. Vielleicht mache ich mich auch absolut lächerlich. Und vermutlich locke ich jetzt scharenweise irgendwelche komischen Leute hier auf die Seite. Also doch nicht schreiben? Menno!!!

Ich brauchte einen Kick. Einen Hormonkick. Ich habe trainiert und ... hatte keine Hose an. Klingt jetzt vielleicht albern. Und vermutlich werden sich jetzt die Hälfte meiner Freunde von mir distanzieren und mir raten, mal zum Psychiater zu gehen, aber es hat sich irgendwie einfach so ergeben. Natürlich war ich Herr äh Frau meiner Sinne. Und natürlich wäre das auch anders gegangen. Aber ich bin auf einen Parkplatz gefahren, völlig dunkel, völlig einsam, von allen Seiten gut einsehbar, direkt an der Elbe, bin im Auto nach hinten gekrabbelt, habe die Seitentür geöffnet, meinen Rennrolli rausgeschoben und wollte mich umziehen. Unter einem Laken (damit nicht alles dreckig wird) lag die Matratze und mein Schlafsack, und während ich mich auf der Matratze liegend auszog, um meine Trainingsklamotten anzuziehen, verspürte ich eine gewisse Lust, mich nackt in den flauschigen Schlafsack zu legen, ein bißchen Musik zu hören und mich zu streicheln, während draußen das Wasser der Elbe an mir vorbei floss und die Sterne leuchteten. Aber ich wollte ja trainieren.

Und plötzlich kam mir der Gedanke, wie es wohl wäre, nackt zu trainieren. Ich bekam Herzklopfen, wurde kribbelig, spürte eine gewisse Erregung und das alles wurde immer stärker mit jedem Gedanken daran, dass ich das ja wirklich machen könnte. Und irgendwann dachte ich dann: Naja, oben ohne, wenn das einer sieht, vermutet jemand ein Verbrechen oder eine Irre (bin ich ja auch) und ruft gleich die Polizei. Aber unten? Sieht ja keiner. Hinter dem Po ist die Rückenlehne, wenn das Shirt weit genug runter geht, sieht das niemand. Schon gar nicht bei der Geschwindigkeit. Von den Seiten kann niemand reinschauen und von vorne liegen die Brüste nahezu auf den Knien. Man sieht nur die nackten Beine unterhalb des Knies - ich könnte ja auch eine kurze Hose tragen. Mein Herz raste und ich beschloss mehr und mehr, es wirklich zu tun.

Die Scheiben vom Auto sind getönt, man kann von außen nicht reingucken, es sei denn, man drückt sich mit der Nase an die Scheibe. Hingegen konnte ich alles sehen. Und es war weit und breit niemand. Also zog ich nur ein enganliegendes, langärmliges Shirt an und kletterte in Windes-Eile in meinen Rennrolli. Autotür zu, abschließen, Schlüssel in die Kletttasche an der Rückenlehne ... und los. Es war nicht kalt, es war angenehme Luft und mein Puls war mindestens bei 150. Meine Trainingspartner hätten natürlich sofort gesehen, dass ich untenrum nackig war, aber wer das nicht vermutete, würde das auch nicht ahnen.

An ein vernünftiges Trainingsprogramm war in der Aufregung nicht zu denken. Ich fuhr, mal schnell, mal weniger schnell, auf dem asphaltierten Weg auf dem Deich, ich durfte jetzt nur nicht stürzen, umkippen oder vor Schreck in die Elbe lenken. Der Gedanke daran, was wohl passieren würde, wenn ich rausfallen würde und das jemand sieht, machte mich noch wuschiger. Diese exhibitionistische Ader kannte ich noch nicht von mir. In erster Linie reizte mich, etwas verbotenes, anstößiges zu tun. Man kann doch nicht immer nur lieb sein!

Nach einigen Minuten begegnete ich dem ersten Jogger, der war nur mit sich selbst beschäftigt und nahm mich kaum wahr. Ein Inlineskater drehte sich nochmal um. Ein anderer Jogger grüßte, mit einem anderen wäre ich im Dunkeln fast kollidiert, aber insgesamt war alles so wie sonst auch. Außer dass niemand wusste, was ich tat. Als ich an dem Punkt angekommen war, an dem ich wenden wollte, habe ich mich gerade hingesetzt, aus dem Dunkeln heraus lange in alle Richtungen geschaut und als ich niemanden sah, habe ich angefangen, mich zu berühren. Im Bett habe ich dafür meine Bauchlage und meinen Delfin, mit den Fingern im Sitzen habe ich es noch nie getan. Die direkten Berührungen spüre ich wegen meiner Querschnittlähmung nicht. Wohl aber, dass da etwas wohliges passiert und auf jeden Fall, dass das alles irre gut durchblutet ist und ganz viele Hab-mich-lieb-Hormone durch meinen Körper wuseln. Und dann plötzlich kam so eine Phase, in der ich nicht mehr aufhören konnte und nicht genug bekommen konnte. Und dann plötzlich hätte ich fast geschrien, so gut fühlt sich das an.

Ich will hier keinen Porno schreiben. Ich will weder, dass einer den "Flag it!"-Button drücken muss noch dass hier Dinge stehen, von denen sich jemand belästigt fühlen könnte. Ich möchte einfach nur beschreiben, dass ich, wenn auch auf zugegeben seltsame Art, etwas geschafft habe, über das ich sehr glücklich bin. Eben auch, weil ich einige Leute mit Querschnittlähmung kenne, die glauben, Sexualität nicht mehr erleben zu können, nur weil sie da unten keine Berührungen mehr empfinden. Ich muss auch gleich sagen, dass ich nicht weiß, wie das bei mir wäre, wenn ich ein kompletter Querschnitt wäre, vielleicht noch höher. Vielleicht wäre dann alles ganz anders.

Nach diesem Flash war alles ganz anders. Ich fühlte mich glücklich, wie auf Droge, mein Puls war erstaunlich langsam, ich saß da im Stuhl und dachte mir: "Was machst du hier eigentlich für einen Scheiß?" Mir wurde kalt und ich hätte am liebsten gerne mal geduscht. Ich hätte gerne jemanden gehabt, an den ich mich ankuscheln könnte. Den ich kraulen könnte, den ich umarmen könnte. Stattdessen waren da noch einige Kilometer zum Auto zu bewältigen. Halbnackt. Aber ich habe es ja nicht anders gewollt. Und als ich dann endlich wieder im Auto saß, mich angezogen hatte, die Heizung lief, das Radio mitten in der Nacht schöne sanfte Kuschelmusik spielte, die Bäume begannen, sich im Wind hin und her zu wiegen, einzelne Regentropfen auf die Windschutzscheibe fielen, ich das Fahrlicht anknipste, das einige Hasen von der Wiese scheuchte, und ich langsam vom Parkplatz rollte, dachte ich mir so: Socke, eigentlich geht es dir doch richtig gut.

Mittwoch, 8. September 2010

Wer sich nicht mehr wundern kann

"Wer sich nicht mehr wundern kann, ist seelisch bereits tot", soll Albert Einstein einmal gesagt haben. Sich zu wundern ist eine Eigenschaft, die ich zunehmend bei Menschen beobachte, die den Auftrag haben, Beschwerden oder Anregungen von Kunden oder Bürgern zu bearbeiten.

Mein Beitrag über die Not- und Gefahrenvorschrift hat so viel Interesse (aber auch Entsetzen) bei meinen Lesern hervorgerufen, dass einer von ihnen an die Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen in Hamburg einen bösen Brief geschrieben hat. Und deren Antwort kam prompt - mit Kopie an mich: Sie wundert sich. Und was sie besonders wundere, sei, dass es sich um die erste Beschwerde dieser Art handele. Tja, liebe Leute, einmal ist immer das erste Mal.

Dass sie sozusagen "von Amts wegen" der Beschwerde nachgehen muss, versteht sich fast von selbst. Und dass das Bäderland auf behördliche Nachfrage nicht offen zugibt, das Bedürfnis behinderter Menschen nach ein wenig Intimsphäre mit Füßen zu treten, auch. Natürlich gibt es solche Vorschrift nicht offiziell. Nur wurde sie bereits im Festland, im Schwimmbad Elbgaustraße, im Pauli-Bad und im Midsommerland umgesetzt. Im Midsommerland wurden extra neue Türen eingebaut. Der leitende Schwimmmeister eines der genannten Bäder hat mir von dieser Vorschrift persönlich berichtet. Denkt der sich sowas aus? Achso, na klar, der lügt oder hat was falsch verstanden. (In den anderen 15 Bädern war ich übrigens noch nicht.)

Fragen die Eltern ihr kleines Kind, ob es sich gerade einen Bonbon geklaut hat, werden, da bin ich mir sicher, neun von zehn Kindern den Kopf schütteln. Genauso ist es bei diesen lächerlichen behördlichen Anfragen an einen, der Ärger auf sich zukommen sieht: Lieber erstmal abstreiten, sich dumm stellen und am Ende irgendeinen Dummen finden, dem man den Ärger in die Schuhe schieben kann. Falls jemand etwas hartnäckiger nachfragt und doch etwas rausbekommt.

Szenenwechsel: Diese drei Bilder zeigen den WC-Raum, in dem es in meinen Beitrag vom letzten Freitag ging, von innen und von außen. Es gibt weder eine mechanische noch eine elektronische Verriegelung. Und man sitzt, wenn von außen einer mit dem Euroschlüssel die Tür öffnet, für eine halbe Minute auf dem Präsentierteller. Darüber kann man sich wundern - oder eben nicht. Otto Waalkes sagte einmal: "Wir rülpsen nicht, wir kotzen schon." In diesem Sinne bin ich mal gespannt, ob die Betreiberin der öffentlichen Toilette, die Hamburger Hochbahn, der Senatskoordinatorin einen Bären aufbindet. Oder ob man aus seinen Fehlern lernt und in den nächsten Wochen mit dem fröhlichen Nachrüsten der Schlösser beginnt.


Rechts neben der Tür der Schlüsselschalter mit einem Euro-Behindi-Zylindi. In der Tür selbst befindet sich ein Zylinder, zu dem nur der Betreiber die passenden Schlüssel hat.


Lichtschalter, darunter der Türöffner. Die Tür lässt sich von innen eindeutig nicht verriegeln.


Bester Ausblick: Wenn einer von außen den Schlüsselschalter bedient, nicht wissend, ob das WC frei oder besetzt ist, hat derjenige, der drinnen kackt, für eine halbe Minute den besten Ausblick. Laufen zufällig gerade ein paar Jugendliche vorbei, wie am letzten Freitag bei der fremden Dame, hat man schneller sein erstes Youtube-Video online als einem das lieb ist.

Dienstag, 7. September 2010

Ganz viel Statistik

Ich weiß nicht, ob sie ein generelles neues Feature ist oder ob man es nach einer bestimmten Zeit des Bloggens automatisch eingeblendet bekommt: Die Statistik-Funktion. Auf jeden Fall habe ich sie inzwischen entdeckt und ausgiebig getestet.

Anlässlich meines 100. Postings und auch bei meinem 200. Posting habe ich immer schonmal eine Auswertung meines Besucherzählers und meiner Themen gemacht. Doch jetzt gibt es ganz viele sinnvolle und sinnfreie Analysen, die ich anlässlich meines 229. Postings teilweise auch veröffentlichen möchte.

Am besten gefällt mir die Auflistung der Herkunftsländer. Also wo der Rechner steht, mit dem man den Blog liest. Wer hätte es gedacht, aber über 89% der Leute kommen aus Deutschland. Weitere knapp 5% kommen aus Österreich, knapp 3% kommen aus der Schweiz. Sind zusammen knapp 96%.

Was ich nicht vermutet hatte: 1,1% aus dem United Kingdom, 0,7% jeweils aus Schweden und den USA, 0,4% aus den Niederlanden. Und was ich erst recht nicht vermutet hatte: 0,3% aus Tansania. Macht dort einer meiner Leser regelmäßig Urlaub oder wohnt dort gar? In diesem Sinne: Welcome, Välkommen, Welkom, Karibu!

Ja, und dann scheint der Feuerfuchs den Erkunder weit abgehängt zu haben. Zumindest bei meinem Publikum: 68% zu 19%, der Rest verstreut sich auf ein paar bekannte und unbekannte Programmnamen. Mit mobilem Gedöns kommen weniger als 3% auf meine Seite, kann sogar sein, dass ich das selbst war. ;P

In einem offenen Fenster sitzen hingegen über 82% meiner Besucher, wenn sie meine Seite lesen, unter einem Regenmantel kommen nur 8% daher. Und sämtlicher Eierkram zusammengerechnet gibt knapp 5%. Der Rest sprengt den Rahmen dieses Postings. Kann noch jemand folgen?

Der meistgelesene Beitrag ist der über Behindertes Parken, gefolgt von meinem Alptraum und von meinem 18. Geburtstag.

Neben drei, vier Seiten im Internet, die auf meinen Blog verweisen, kommen die meisten Leute (90%) über eine Suchmaschine hierher. Die meisten suchen nach "jule stinkesocke", "stinkesocke blog", "jule stinkesocke blog" oder "querschnittlähmung blog". Warum allerdings meine Seite ausgespuckt wird, wenn jemand nach "sexy unfall mädchen" sucht, weiß ich ebensowenig wie bei "ti**en rollstuhl".

Und dann gibt es da ja immernoch die Suchanfragen, die innerhalb dieser Seite über die interne Suchfunktion gestellt werden. Und da muss ich mich schon sehr wundern, wonach hier gesucht wird.

Parkausweis. Ähm, ja. Hab ich. Kriegt man, wenn man nicht laufen oder nicht gucken kann, von der Behörde. Ist blau und auf die Rückseite kommt eine Unterschrift und ein schickes Foto.

Querschnittlähmung. Hab ich auch. Ich empfehle den Wikipedia-Eintrag, wenn man sich genau informieren will. Der ist sehr gut. Meine ist im oberen Lendenwirbelbereich und inkomplett (Grad B).

Schwänzen. Soll ich ehrlich sein? Habe ich in den letzten Jahren nicht wirklich gemacht. Da ich so schon viele Fehlzeiten habe und ohnehin schon nur den minimalen Stundenplan gebucht habe, um gerade so eben für das Abi zugelassen zu werden, kann ich mir Schwänzen absolut nicht erlauben. *Streberin*

Masturbiert. Jaja, sowas machen auch Behinderte. Wahrscheinlich waren diejenigen (ja, einige) auf der Suche nach unserem Privacy-Abend. Ich war auch erstaunt, dass alle es damals zugegeben haben, weil ich durchaus auch Leute kenne, die es nicht tun. Und denen ich das auch glaube.

Gesangsunterricht. Huch? Nein. Falscher Film. Habe ich nicht, habe ich nie gehabt, werde ich wohl auch nicht haben. Mein Gesang reicht gerade mal für die Dusche oder für das Autofahren. Aber nur, wenn ich alleine fahre.

Handy Untersuchung. Wurde insgesamt über 180 Mal gesucht. Keine Ahnung, was ich damit assoziieren könnte. Untersucht worden bin ich zu Genüge, aber nicht mit dem Handy. *schulterzuck*

Badeanzug strullen. Nein, keine Treffer. Ich würde "strullern" sagen. Kannst es ja mit dieser neuen Info noch einmal versuchen. Oder du suchst generell nach "pinkel*" und sortierst dann manuell. Damit bekommst du dann auch die Ergebnisse für "Badeanzug gepinkelt". Genial, oder?

Ballerina. Nein, nein. Kein Tanzunfall, sondern ein Verkehrsunfall. Und ich bin geritten früher. Eher mit Stiefeln als mit Ballettschuhen. Es gibt auch Rollstuhltanz, und ich möchte unbedingt mal an einem der nächsten Workshops teilnehmen (bisher kam mir immer etwas dazwischen), aber dabei soll es dann auch bleiben.

Sex trotz Rollstuhl. Habe ich noch nicht wirklich ausprobiert, soll aber funktionieren. Warum auch nicht? Okay, vielleicht ist es im Rollstuhl nicht so einfach, aber das muss man ja auch nicht als erstes ausprobieren. Ich melde mich, wenn es soweit war. Versprochen.

Pfandflasche. Es ist generell sinnvoller, Pfandflaschen zu benutzen, wenn man sowieso regelmäßig einkaufen geht und dort ein Leergutautomat steht, als aus demselben Laden die Einwegflaschen zu kaufen.

Kieferorthopäde. War ich lange nicht mehr. Meine Zähne sind gerade. Zahnspange muss ich auch keine mehr tragen. Ich brauchte auch zum Glück nie eine feste Klammer und habe gute Zähne. Alle Fragen zu dem Thema beantwortet?

Der Rest wurde unter 10 Mal eingetippt und wird von daher nicht angezeigt. In diesem Sinne: Gute Nacht!

Montag, 6. September 2010

Der Fremde unter meiner Decke

Am Samstag waren Cathleen und ich auf einer Party. Es war der 33. Geburtstag eines Typen, den wir vom Training und von Trainingslagern kennen. Ich finde ihn total toll und habe mich riesig gefreut, dass er mich zu seinem Geburtstag eingeladen hat. Es ist nicht der Typ, der auf Popos in Neopren steht, sondern einer seiner "Kollegen".

Für etwas ernstes wäre er mir viel zu alt und ich finde ihn auch körperlich überhaupt nicht anziehend. Er sieht nicht schlecht aus, aber er wäre einfach nicht mein Typ. Aber ich finde ihn menschlich total toll. Er ist sehr aufrichtig und ehrlich, er kann sehr gut reden, hat einen total witzigen und niveauvollen Humor und vor allem: Er kann einem sehr gut etwas erklären, ohne dass es besserwisserisch rüberkommt. Er hat so eine sehr charmante Art dabei, die ich sehr gerne mag. Er kann sehr gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen, wird aber von Gleichaltrigen auch akzeptiert und gemocht. Ich mag ihn einfach. Und Cathleen mag ihn auch sehr, das weiß ich. Vor allem kann man sehr gut mit ihm shakern, ohne dass man Angst haben müsste, er fühlt sich angebaggert und überschreitet plötzlich irgendwelche Grenzen.

Die Party war total toll. Die meiste Zeit haben wir in seinem Wohnzimmer gesessen, geredet, ein bißchen was getrunken und geknabbert (es gab erst belegte Brote und später Salzgebäck und Gummibärchen). Auch wenn ich zu den meisten Themen nicht viel beitragen konnte, war es super spannend. Viele vom Training kennen sich schon sehr lange und konnten tolle Geschichten erzählen.

Irgendwann erzählte er, warum er in einer gerade mal 30 Quadratmeter großen Wohnung wohnt als Rollstuhlfahrer. Alles war sehr beengt, wenn man vorwärts ins Bad fuhr, kam man nur rückwärts wieder raus, das Wohnzimmer war gleichzeitig Schlafzimmer, in der Küche konnte man sich auch nicht umdrehen und die Wände waren dünn wie Pappe. Aber es war alles sehr liebevoll eingerichtet. Er hat eine angeborere Behinderung und kann nur Teilzeit arbeiten. Er möchte nicht auf staatliche Hilfe zurückgreifen, einen Haftpflichtigen gebe es nicht. Daher müsse er mit 800 Euro pro Monat auskommen und da sei mehr als so eine kleine Bude nicht drin. An der Einstellung kann sich so mancher mal eine Scheibe abschneiden...

Hätte ich gewusst, dass es so toll wird, hätte ich meine Schlafsachen mitgenommen und hätte danach mit Cathleen im Auto gepennt. Hatte ich aber nicht. So konnte ich natürlich nichtmal ein Lemonbier trinken, was ich ja aber vorher wusste, nur später, da mir die Party sehr gut gefiel, gerne geändert hätte. Irgendwann sagte dann jemand, dass ein anderer Typ in der Nähe wohnte und dort etliche Leute schlafen. Ich überlegte einen Moment, Cathleen schaute mich an und nickte, dann fragte ich, ob es da noch zwei Plätze mehr gebe. Nein, alles belegt, aber beim Gastgeber im 140er-Bett seien noch zwei Plätze frei. Er schlafe dann auf dem ausziehbaren Sofa, man müsse nur damit klar kommen, dass er im selben Raum übernachte. Klar, in einer Einzimmerwohnung.

Wir überlegten nicht lange, sondern nahmen das Angebot an. So kamen Cathleen und ich dann doch noch zu unserem Lemonbier. Als dann um kurz vor Drei die letzten Gäste weg waren, fielen mir schon fast die Augen zu. Jetzt mussten wir noch komplett aufräumen, damit der Tisch auseinandergebaut und in die Küche geschoben werden konnte, das Sofa ausgeklappt, beziehen, ...

Bei dem Gedanken daran bat ich ihm an, ob er nicht einfach mit uns ins Bett will. Das Bett stand in einer Nische, also konnte auch dort niemand rauspurzeln. Ich würde freiwillig in der Mitte schlafen. Ich war überzeugt, dass er mich nicht anfassen würde.

Wir bekamen von ihm jeder ein großes T-Shirt zum Schlafen. Cathleen und mir ging es bis zu den Knien. Und dann schlief ich mit dem Bauch an Cathleens Po gekuschelt ein, halb unter ihrer Decke, halb unter der von einem fremden Typen ... irgendwie ungewöhnlich, ein bißchen kribbelig, sehr kuschelig und vor allem sehr nett von ihm, da wir so nicht mehr nachts noch nach Hause mussten. Ich schlief sofort ein und wir schliefen bis kurz nach 11 durch.

Wir durften bei ihm duschen, wir bekamen Frühstück, es war total nett. Ich hätte nie gedacht, dass ich so bald mal neben einem fremden Mann aufwachen würde. Was mir am meisten gefallen hat, war, dass weder an dem Abend noch nachts noch am Morgen, als wir duschen waren, ein einziges Mal irgendein Kommentar mit irgendeinem sexuellen Bezug gekommen ist. Keine Frage, ich bin auch hin und wieder mal für versaute oder derbe Sprüche zu haben, aber wenn man neben einem Typen schlafen kann und man den Eindruck hat, derjenige hat keine Neben- oder Hintergedanken, obwohl zwei halbnackte wesentlich jüngere Mädels in seinem Bett in greifbarer Nähe liegen, finde ich das sehr erwähnenswert.

Nicht, weil ich denke, dass das eine Ausnahme ist. Oder Männer irgendwelche triebgesteuerten Wesen sind - nicht, dass jetzt irgendwer so etwas hier konstruiert und böse Kommentare hinterlässt. Aber ich denke (und erlebe), dass es auch nicht die Regel ist. Und deswegen sind solche Übernachtungen bei fremden Männern auch eher die absolute Ausnahme von der Regel. Und werden es auch bleiben.

Sonntag, 5. September 2010

Not- und Gefahrenvorschrift

Viele Wege führen zur ambulanten Therapie ins Krankenhaus. Einer mit öffentlichen Verkehrsmitteln führt über einen der vielen Knotenpunkte in Hamburg, an dem sich eine U-Bahn-Linie und ganz viele Buslinien kreuzen. Ich sage bewusst nicht, welcher Knotenpunkt es ist, denn ich möchte von einer Situation berichten, die sich -zur Zeit noch- immer wieder provozieren ließe. Aber der Reihe nach.

Ich verließ am letzten Freitag den U-Bahnhof über die Rolltreppe und wollte zu meinem Bus, der in vier Minuten fahren sollte, war also etwas in Eile. Über die Rolltreppe gelangte ich direkt auf eine Art große Insel, an der ringsherum die Busse "anlegten". Mitten auf dieser überdachten Insel waren mehrere Geschäfte angesiedelt, ein türkischer Pizzabäcker, ein Bonbon-Laden, ein Kiosk und, was ich noch nie gesehen hatte, eine Behindertentoilette. Ich wusste, dass ein Stockwerk tiefer eine WC-Anlage ist und dachte immer, dort sei auch ein Behinderten-WC - nein, falsch, das Behinderten-WC ist mittig auf dem Busbahnhof.

Ich rollte also über diese besagte Insel zu dem Punkt, an dem mein Bus abfahren sollte, und bemerkte in dem ganzen Getümmel des freitäglichen Berufsverkehrs eine Traube von Jugendlichen vor einer geöffneten Stahltür stehen, allesamt laut schnatternd und ihre Handys in die Luft haltend. Hätte ich nicht dort vorbeifahren müssen, um zu meinem Bus zu gelangen, hätte ich die überhaupt nicht weiter beachtet. Was interessiert mich, woran die da Spaß haben?

So musste ich aber direkt daran vorbei und sah über der Tür ein Schild "WC" und das Rollstuhlfahrersymbol. Bis dahin wusste ich, wie gesagt, noch nicht einmal, dass sich dort ein solches WC befindet.

Beim Vorbeifahren konnte ich für einen kurzen Moment zwischen den Jugendlichen hindurch in den Raum hinein sehen. Drinnen stand ein Rollstuhl, mit dem Rücken zum Eingang, und ich konnte sehen, dass jemand mit heruntergelassener Hose auf einem Klo saß. Wie alt, wie derjenige aussah, konnte ich nicht erkennen. Wieso war die Tür überhaupt offen? Und was sollte der Zirkus hier?

In dem Moment kam wohl der Bus dieser Jugendlichen und sie verschwanden von dieser Tür. Die Tür fiel zu. Während ich auf den Bus wartete, kam irgendwann eine junge Frau in einem Elektro-Rollstuhl aus dem Raum und stellte sich neben mich. Sie wollte anscheinend mit demselben Bus fahren. Ich sprach sie an: "Was war denn da eben vor der Tür los bei dir?" Sie antwortete: "Ach, ich musste dringend auf die Toilette, sonst hätte ich diese hier gar nicht genommen. Man kann sie nicht abschließen und wenn von draußen ein zweiter Rollifahrer den Schlüsselschalter betätigt, geht die Tür auf und bleibt eine halbe Minute lang offen stehen. Und in der Zeit kamen halt die Jugendlichen vorbei und haben mich gefilmt. Vermutlich steht das morgen bei Youtube drinnen." - "Na super."

"Ja, normalerweise benutze ich das nicht, weil es mir eben zu riskant ist. Es sei denn, ich muss ganz dringend. Ist ja das einzige WC hier weit und breit. Ich hatte mich schonmal an den Betreiber gewandt, aber der meinte, Behinderten-WCs dürfe man nicht von innen absperren können, damit im Notfall jeder Hilfe leisten könne."

Was für ein Schwachsinn! Warum kann man nicht wenigstens ein Schloss einbauen, dass man im Notfall von außen mit einer Münze öffnen kann, das aber verhindert, dass jemand versehentlich die Tür öffnet, weil er denkt, es sei frei? Ich werde es nicht begreifen.

Den gleichen Blödsinn gibt es neuerdings in den Hamburger Schwimmbädern. Dort dürfen Umkleiden, Duschen und WCs für Behinderte auch nicht mehr verriegelt werden. Gar nicht. Das heißt konkret: Ständig kann jemand reinkommen, der denkt, der Raum sei frei. Man kann die Tür auch nicht von innen verkeilen oder ähnliches, weil es sich meistens um Schiebetüren handelt. Das sei, so ein Schwimmmeister kürzlich, eine neue Not- und Gefahrenvorschrift.

Solange man zu zweit schwimmen geht, kann einer vor der Tür stehen bleiben und aufpassen. Wenn nicht, muss man hoffen, dass niemand zur gleichen Zeit das WC oder die Dusche benutzen will. Was im Festland in der Holstenstraße beispielsweise recht vergeblich ist, denn das Behinderten-WC benutzen regelmäßig auch andere Leute, weil es sich um das einzige WC im gesamten Umkleidebereich handelt. Das nächste, normale WC ist erst in der Schleuse zwischen Umkleiden und Schwimmbecken. Was wiederum zur Folge hat, dass ich vor dem Schwimmen dort gar nicht mehr und danach nur noch "angezogen" dusche. Schließlich geht in den 10 Minuten im Durchschnitt 3 Mal die Tür auf und nach einem kurzen gemurmelten "Entschuldigung" wieder zu.

Donnerstag, 2. September 2010

Von Moral und ein bißchen Angst

Was möchte mir jemand sagen, der sich in der S-Bahn, keine zehn Meter von mir entfernt, mit seinem Kumpel unterhält: "Was ist eigentlich Moral? Warum stößt man zum Beispiel die Rollstuhlfahrerin, die dort hinten sitzt, nicht einfach einen Abhang hinunter?" Dass er es toll findet, wenn ich Angst bekomme? Dass er ein Spinner ist? Dass er mal ein bißchen Stimmung braucht? Oder möchte er einfach andere wissen lassen, dass er stärker und mächtiger ist und ganz einfach mit ihnen spielen könnte, wenn er denn wollte?

Ich habe keine Ahnung. Vielleicht alles auf einmal, vielleicht auch gar nichts davon. Ich hatte jedenfalls eine gute halbe Stunde Herzklopfen und habe überlegt, was die wohl mit mir anstellen, wenn ich vor ihnen aussteige und die Typen hinter mir herlaufen. Ob ich sitzen bleiben sollte bis zur Endstation, falls sie vorher nicht aussteigen. Oder ob ich mir vorher schon Hilfe organisieren müsste.

Ich entschied mich dafür, am Hauptbahnhof auszusteigen, obwohl ich eigentlich noch weiter fahren müsste. Am Hauptbahnhof läuft immer Sicherheitspersonal herum, so dass ich im Zweifel gleich laut schreien könnte. Die beiden Typen, übrigens auf Mitte 40 geschätzt, stiegen auch am Hauptbahnhof aus, entfernten sich dann allerdings, so dass ich, bevor die Bahn weiterfuhr, in dieselbe noch wieder einstieg. Sehr zur Verwunderung der anderen Fahrgäte, die natürlich die Unterhaltung der beiden nicht mitbekommen hatten. Mal wieder eine total ätzende Sache!