Dienstag, 31. August 2010

Einmal Triathlon bitte

Zurück von einem total verregneten Wochenende. Es war, von den üblichen Widrigkeiten, von denen man sich nicht ärgern lassen darf, abgesehen, absolut geil. Cathleen und Simone haben kurzfristig ihr Hotelzimmer gecancelt, um mit mir im Auto schlafen zu können. Das hätte ich mir ja nicht träumen lassen. Aber so eine Dreier-Schlafparty im Auto ist doch sehr reizvoll.

Wir wollten auf jeden Fall früh losfahren, um uns vor Ort noch das Gelände anschauen zu können. Tatjana fuhr als Trainerin mit dem Fahrzeug vom Verein, so dass die ganzen Bikes und Rennstühle dort mitkamen. Da das Equipment noch in der Sporthalle stand, mussten wir uns nicht mal um das Verladen kümmern, sondern konnten völlig unabhängig fahren. Am Morgen rief Tatjana an und fragte, ob sie auch meine Ausrüstung mitnehmen sollte, dann könnte ich am Abend noch eine kleine Runde mit den anderen drehen. Ich erwiderte, dass der Aufwand, diesen ganzen Kram mitzuschleppen, in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Sie meinte, dass noch Platz im Bus sei und es wirklich kein Problem sei. Ich solle doch mal Klamotten einpacken und am besten auch einen Neo, dann könnte ich am Abend auch noch einmal mitschwimmen. "Hören wir mal auf unsere Trainerin", dachte ich mir und packte den ganzen Kram zusammen.

Am späten Vormittag fuhren wir los. Fast wären wir nicht mal bis zur Autobahn gekommen. Wir fuhren innerorts auf einer vierspurigen Straße, auf der 60 erlaubt ist, im rechten Streifen mit 60. Einer älteren Dame im Polo ging das nicht schnell genug, sie wechselte hinter mir auf den linken Fahrstreifen und überholte mich mit 61 km/h. Im gleichen Moment bog 500 Meter hinter uns ein Rettungswagen mit Blaulicht ein. Ich sah ihn im Rückspiegel, nur war der weit genug weg und nicht so schnell, dass man jetzt sofort reagieren, geschweige denn in Panik verfallen müsste. Es wäre völlig ausreichend gewesen, in 20 Sekunden, nach einer Kreuzung, an der wir grün hatten, die linke Spur frei zu machen, damit er überholen kann, wenn er das überhaupt will. Oft fahren die Dinger ja mit Patienten an Bord eher 45 als 60.

Die Polofahrerin sah jedenfalls in dem Moment, als ihre Rücklichter auf Höhe meines Vorderrads waren, den Rettungswagen, vier Mal flackerten kurz ihre Bremslichter auf, dann setzte sie den Blinker rechts, zog im selben Moment nach rechts und bremste scharf. Mitten auf dieser besagten Kreuzung. Nur dadurch, dass ich sofort auch nach rechts auswich und eine Vollbremsung machte, konnte ich den Zusammenstoß verhindern. Die hätte mich voll erwischt. Auf dem Kilometerzähler war noch nicht mal eine dreistellige Zahl. Ar***loch!!!

Also die Bremsen funktionieren. Bremsassistent, ABS auch, und ob das große gelbe Dreieck mit dem Ausrufezeichen in der Tachomitte immer aufflackert bei solchen Aktionen oder ob das ESP da auch noch eingegriffen hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls kamen unsere 3 Tonnen unerwartet schnell zum Stehen. Die Polofahrerin kümmerte das alles nicht, ich überlege sogar immernoch, ob sie das überhaupt mitbekommen hat, sie bog rechts ab als wäre nichts gewesen, und fuhr in der neuen Straße links an der Mittelinsel vorbei über die Pfeile auf dem Boden, die in die entgegengesetzte Richtung zeigten, ordnete sich nach 100 Metern aber wieder richtig ein. Cathleen, die neben mir auf dem Beifahrersitz saß, schaute mich fassungslos an und stammelte: "Ich glaub das alles nicht."

Der Rest der Strecke verlief aber ohne weitere Zwischenfälle und ich muss sagen, das Fahren mit Tempomat ist auf langen Strecken sehr angenehm. Es war ja meine erste Fahrt außerhalb Hamburgs, bis zu meinem 18. Geburtstag durfte ich das Bundesland nicht verlassen, allenfalls als Beifahrerin.

Als wir ankamen, wartete Tatjana schon auf uns. "Jule, ich finde, du machst morgen auch mit. Einfach mal dabei sein. Zeit ist egal." - "Äh was? Ich bin doch gar nicht vorbereitet, völlig aus dem Training..." - "Quatsch. Du bist gut in Form. Hier ist nix los. Ihr seid die einzigen drei mit Rolli und der Veranstalter freut sich. Das ist nur die halbe Distanz. Du hast 8 Stunden Zeit. Das schaffst du locker in 4 Stunden. Mit einer halben Stunde Mittagessen und einer Stunde Verdauungsschläfchen zwischendrin." - "Ich habe doch gar keine Startlizenz." - "Hast du. Du bist klassifiziert, alles andere ist Formsache." - "Ich habe keine Dopingbescheinigung mit für meine Tabletten!" - "Du hast aber eine, du hast sie nur nicht dabei. Das ist nur eine Ordnungswidrigkeit, kein Verstoß. Der Verein hat die in deiner Akte, die könnte sofort gefaxt werden. Aber hier kontrolliert auch keiner. Hier fährt keiner Spitzenzeiten, die einzigen drei kennen sich persönlich und schlafen im selben Auto. Das ist geschenkt."

Ähm. Naja. Lust. Hätte ich. Geld? 95 Euro Startgebühr?! Rad ab?!?! Achso, 15 Euro Pfand für den Transponder für die Zeitmessung. Na dann! Hoffen wir mal, dass ich den nicht verliere. Ja. Kurzentschlossen. Ich fahre mit. Nahezu völlig unvorbereitet. Was man ja nicht machen soll.

Als erstes mussten wir alle zur Meldestelle und unsere Unterlagen vorlegen. Der Typ war völlig überfordert und fand uns nicht im System. Es waren nur zwei ältere Männer eingetragen, die allerdings keine Rollstuhlfahrer waren, sondern andere Behinderungen hatten. Zum Glück hatten Simone und Cathleen ihre Anmeldung ausgedruckt und mitgebracht. Für mich handelte Tatjana die 10 Euro Nachmeldegebühr noch heraus, weil alles so chaotisch war. Am frühen Abend war eine Besprechung, wo einem nochmal die ganzen Selbstverständlichkeiten erklärt wurden, zum Beispiel, dass man einen Helm tragen muss beim Biken. Im Rennrolli aber nicht - so ein Schwachsinn. Machen wir aber trotzdem, ne?! Ja und man dürfte nicht mit nacktem Oberkörper fahren. Dabei lasse ich meine Ti**en so gerne in der Sonne hängen.

Was viel spannender war, war, dass die Schwimmstrecke mit 4 Stufen endet und man sich tragen lassen muss. Aber die "Trennsischen Äria" sei gleich daneben. Und der Laufkurs habe zwei Mal einen hohen Bordstein im Weg. Ey hallo?! Okay, meine Konkurrenz muss da ja auch auf Null abbremsen. Wir erreichten noch, dass an der Stelle Hütchen (Leitkegel) aufgestellt werden, denn wir kommen da ja mit einer anderen Geschwindigkeit an als die Fußgänger und wir können nicht mal eben da hoch hüpfen, sondern packen uns allenfalls gehörig auf die Fresse.

Wir fuhren noch einmal die Strecke mit unseren Alltagsrollstühlen ab, um auf die wichtigsten Dinge vorbereitet zu sein, es gab mehrere Stellen, die sehr eng waren und, wie gesagt, die zwei Bordsteine. Und einmal Kopfsteinpflaster. Wir bekamen noch ein Abendessen von Tatjana zubereitet, dann entschieden wir uns, schlafen zu gehen und im Bett noch einen Moment zu quatschen. Simone hatte ihr Laptop mit Internet-Stick mit...

Erstmal fuhren wir mit dem Auto drei Kilometer weiter auf einen abgelegenen Parkplatz. Ich hatte mir in einem Bettendiscounter für 80 Euro eine Roll-Matratze gekauft (140 x 200), dazu drei Kissen. Für den Fall der Fälle hatte ich noch einen alten wasserdichten Schutzbezug für die Matratze aus dem Schrank gekramt und dann hatte jeder seinen Schlafsack dabei. Drei Leute in einem 1,40 breiten Bett ist zwar sehr kuschelig, aber dadurch, dass man an den Seiten nicht rausfallen kann, ist das kein Problem. Wir haben auch schon im Golf hinten auf der Ladefläche geschlafen mit drei Leuten.

Wenn ich Leute so sehr mag wie Cathleen und Simone, mag ich auch ihre körperliche Nähe. Man muss halt in Kauf nehmen, dass man irgendwann fremde Haare im Mund hat, fremde Arme im Gesicht, dass jemand in unmittelbarer Nähe redet, sabbert, schmatzt oder pupst. Oder sich ankuschelt.

Am nächsten Morgen klingelte um 6 Uhr der Wecker. Simone war gleich hellwach, ich so halbwegs, Cathleen mussten wir fast aus dem Schlafsack ziehen. Wir fuhren die kurze Strecke zurück und wollten eigentlich erstmal auf Klo, duschen und frühstücken. Nein, Duschen stehen noch nicht bereit. Toiletten auch noch nicht, wir seien sehr früh. Tatjana wunderte sich. Noch zweieinhalb Stunden bis zum Start.

Dann bekamen wir ungeduscht und in Schlafklamotten unser Frühstück. Cathleen kippte vor Müdigkeit fast in ihre Milch. Anschließend mussten die Bikes und die Stühle abgenommen werden. Der Typ hatte keinen Plan, dafür aber eine Liste, die er abhakte, er maß allen möglichen Blödsinn aus, wie beispielsweise die Sitzhöhe, während aber die Räder noch gar nicht angebaut waren, sondern der Stuhl auf dem Rahmen auflag. Egal. Die Stühle sind alle nach den Bestimmungen, insofern hätte er auch beim korrekten Messen nichts gefunden. Noch zwei Stunden bis zum Start.

Wir präparierten unsere Wechselzonen, räumten den herumstehenden Müll so hin, dass man da überall durchkam, räumten mindestens 20 Stühle zur Seite, die im Weg rumstanden, ein offizieller Typ half uns dabei, dann wurden wir mit unserer Startnummer bemalt. Dann durften wir endlich auf die Toilette, die allerdings einen Kilometer entfernt und alles andere als rollstuhlgerecht war. Aber man konnte sie zu zweit (einer bleibt vor der Tür und passt auf) benutzen. Vor allem wollte ich endlich mal meine Windel loswerden, die ich schon seit dem Vorabend anhatte. Noch 90 Minuten bis zum Start.

Zwischendurch forderte uns Tatjana immer wieder auf, möglichst viel zu trinken. Simone hatte vorher auf ärztliche Anweisung ihre Blasenmedikamente abgesetzt, die bei ihr bewirken, dass sie nicht von sich aus pinkeln kann, sondern die Blasenmuskulatur zusammengezogen bleibt und man durch Harnröhre zum Entleeren kurzzeitig einen Katheter einführen muss. Das Absetzen ist beim Wettkampf nötig, da sich die Flüssigkeit sonst bis in die Nieren zurückstaut und auch die Blase ernsthaft Schaden nehmen könnte. Man kann ja nicht unterwegs anhalten und sich erstmal steril kathetern.

Dann zogen wir uns im Bus auf der Ladefläche um, die Wettkampfklamotten an. Wir trugen als Wettkampfkleidung alle drei lange Einteiler, das einzige, was bei diesen Lufttemperaturen (Luft kälter als Wasser, teilweise Regen) Sinn machte. Sofort danach scheuchte uns Tatjana in unsere Rennstühle, Aufwärm- und Dehnprogramm. Wir rollten durch einige Menschenmengen, die nach uns starten würden. Ich war aufgeregt ohne Ende. Da die Straßen noch nicht gesperrt waren, konnten wir nur auf einem langen Weg hin und her fahren. Ich musste schon wieder pinkeln. Und wir sollten viel trinken. Da ich alleine nicht aus dem Stuhl kam (oder wenn, dann nicht alleine wieder rein), konnte ich die Entscheidung, was wann zu tun sei, nur der Autonomie meiner Blase überlassen. Eklig? Vielleicht. Aber in dem Moment wirklich nicht zu ändern.

Das Wasser hatte 17 Grad. Neo war zwar nicht verpflichtend, aber eindeutig erlaubt und empfohlen. Nur über den Einteiler noch einen Neo anzuziehen, während man keine Kontrolle über Rumpf und Beine hat, war schon eine Herausforderung. Der Boden war teilweise nass vom Regen, aber einigermaßen sauber. Ich war als erste dran. Tatjana hob mich aus dem Stuhl und setzte mich auf die Erde. Ich sollte mich auf die Erde legen. Mit ihrer Hilfe ging es recht gut, ich rollte mich mehrmals vom Bauch auf den Rücken und zurück, sie quetschte mich in das Teil. "Erstmal bis zur Brust, den Rest kannst du vor dem Start machen. Nächster!" Sie schnippte mir den leeren Ärmel ins Gesicht. "Lächeln nicht vergessen. Du machst das schon", sagte sie. Noch 15 Minuten bis zum Start.

Simone und Cathleen waren eindeutig eingespielter mit Tatjana beim Anziehen. Als sie mit Cathleen fertig war, schob sie unsere Stühle auf ihre Plätze. Und kam mit Trinkflaschen wieder. "Trinkt noch was", meinte sie grinsend. Irgendwie war diese Frau leicht sadistisch angehaucht. Da aber Cathleen und Simone auch tranken, hielt ich mich an die Anweisung. "Sie können die Sportler schonmal zum Start bringen", sagte einer von den offiziellen Leuten. Ich glaube, ich überlege mir das nochmal. "Neo an, Reißverschluss zu, wo sind Eure Badekappen? Habt ihr eure Transponder um und weiß jeder, wie er schwimmen muss?" Erst Cathleen, dann Simone, zuletzt ich. Drei Minuten vorher durften wir vom Steg ins Wasser und zur Startlinie schwimmen. Wir waren die einzigen drei in dieser Wettkampfklasse. Das Wasser war arschkalt, ich war froh, einen Neo zu tragen.

Dann kam das Startzeichen. Und ich schwamm los. Cathleen und Simone hinterher. Ich verschluckte mich im Wasser, ich war viel zu aufgeregt. Ich versuchte, etwas entspannter zu werden. Ich verschluckte mich noch einmal. Neben mir fuhr ein Kayak. Ständig hatte ich den Strudel seines Paddels neben mir. Und die Wellen waren eklig. Dann schluckte ich eine Menge Wasser und verschluckte mich daraufhin zum dritten Mal. Beim Husten kotzte ich dann auch noch die Hälfte davon wieder aus. Lecker. Der Typ im Kayak stieß mich mit seinem Paddel an. Jetzt platzte mir der Kragen: "Jetzt verpiss dich hier mal!" brüllte ich ihn an. Das half. Er hielt deutlich mehr Abstand, ging aber zwischendurch auch Cathleen nochmal auf den Keks. Ich hörte sie nur brüllen, verstand aber nichts. Es war aber eindeutig in abweisendem Tonfall.

1900 Meter schwimmen, wir hatten alle Zeit der Welt. Cathleen war kurz vor Simone an der Wechselzone. Helfer trugen einen nach draußen bis zum Bike. Tatjana half uns, den Neo auszuziehen und ins Bike zu kommen. "Ihr seid gut, alle drei!" meinte sie. Wir lagen alle drei unter einer Stunde!

90 Kilometer biken. Nichts leichter als das. Noch nie gemacht. Wären nur die Strecken schon abgesperrt. Die Fußgänger waren teilweise erst Stunden später dran (je nach Startklasse), offenbar hatte man mit uns noch gar nicht gerechnet. An der ersten Kreuzung wollten wir eigentlich bei rot über die Ampel, denn wir rechneten damit, dass die Rennstrecke gesperrt war. Das wäre fatal geworden, weil nämlich quer ein Auto kam. Zwei Polizisten liefen zu ihrem Streifenwagen, der auf dem Gehweg geparkt war, sprangen rein und fuhren los. Blaulicht an, einer griff zum Funkgerät, dann stellte er sich dem Querverkehr in den Weg. Am anderen Ende der Straße sahen wir auch einen Streifenwagen, der gerade erst die Straße sperrte. Na super. Durften wir jetzt weiter? Wir fuhren quasi im Gegenverkehr, uns kamen aber immer noch wieder Autos entgegen. Die fuhren aber alle brav rechts. "Hauptsache, es überholt keiner", sagte Cathleen, die direkt hinter mir fuhr. So richtig Gas geben konnte man in der Siutation nicht. Laut Tacho fuhr ich 18 km/h.

Doch dann wurde die Straße endlich gerade und nach einer Steigung konnte man richtig aufdrehen. Es ging leicht bergab. 48, 49, 50, 51 km/h ... irre. Der Fahrtwind wehte mir um die Ohren, zwei Insekten klatschten gegen meine Brille (die ich nachts nie trage, aber man sollte stets auf die erfahrenen Leute hören), ich fühlte mich gut. Und als wenn ich das schaffen könnte. Ich bin noch nie 90 Kilometer am Stück gefahren. Und natürlich war 50 km/h auch nicht die durchschnittliche Geschwindigkeit. Ich hatte eine Pulsuhr am Handgelenk und von Tatjana die Empfehlung bekommen, mich nach Möglichkeit im Bereich zwischen 100 und 120 zu bewegen. Als ich das zum ersten Mal kontrollierte, war der Puls bei 98.

Das Wetter war kühl, aber es regnete nicht. Eigentlich gut. Die Klamotten trockneten nach dem Schwimmen auch sehr schnell, ich hatte genug zu trinken und vor allem auch genug zu essen an Bord. Seitens des Veranstalters gab es ausschließlich Bananenstücke für uns. Toll, sowas kann man beim Wechseln sich in den Mund stopfen lassen, aber nicht unterwegs solchen Schmierkram in die Hände nehmen, wenn man mit diesen fahren muss. Wie gut, dass ich meine Müsli-Riegel dabei hatte. Schon hatten wir das erste Drittel geschafft. Wir blieben zusammen. Ankommen war das Ziel.

Auch das zweite Drittel verlief ohne besondere Zwischenfälle. Es war nach wie vor trocken, die Strecke war okay, mein Puls auch, ich fühlte mich nach wie vor fit. Das einzig nervige war, dass wir mehrmals abbremsen mussten, weil die Strecke nicht voll gesperrt war und Autofahrer uns in die Quere kamen. Am Ende wusste man aber, wo man aufpassen musste. Nach 60 Kilometern waren wir bei 2:42 Stunden, zusammen mit der Schwimmzeit und dem ersten Wechsel bei 3:46 Stunden.

Doch dann, die letzten dreißig Kilometer, zogen sich wie Kaugummi. Es tröpfelte paar Mal leicht, was reichte, um den Asphalt nass zu machen, so dass man sich gut einsauen konnte. Ich schwitzte nicht übermäßig, aber schon so, dass ich zeitweilig doch gerne kurzärmlich gestartet wäre. Einige Leute, die an der Strecke entlang gingen, feuerten uns an, das hob dann wieder etwas die Stimmung. Zum Glück hatte ich noch keine Blase oder Scheuerstelle. Aber meine Arme wurden immer lahmer. Vor allem bei dem Gedanken, dass wir die Rennstrecke noch vor uns hatten und man bei diesem Triathlon nicht tauschen konnte, wie sonst üblich (erst Schnellfahren, dann Biken).

Wir erreichten alle kurz hintereinander die Wechselzone. Tatjana stand bereit. Erst Simone, dann Cathleen, dann ich, ich bei 5:37 Stunden. Wir bekamen volle Trinkflaschen, die Nummer auf den Rücken gedreht, jeder eine Drittel-Banane in den Mund gesteckt, ein Becher Cola dazu, neue Riegel, jede Menge Zuspruch und Lob und dann konnte es weitergehen. Im Rennstuhl.

Nach einem Kilometer war die Stelle mit dem Bordstein, bei der man zum ersten Mal aufpassen musste. Es standen aber zwei Helfer dort, die jeden hochzogen, so dass man ganz langsam drüber fahren konnte. Alles andere hätte auch zwangsläufig zum Sturz geführt. Die Cola war nicht förderlich, ich hatte jetzt jede Menge Luft im Magen, die total nervte. Die insgesamt 21 Kilometer sollten wir in höchstens einer Stunde schaffen können. Mein Puls lag inzwischen bei 118, ich pinkelte zum gefühlten 15. Mal, ich schwitzte wie ein Schwein und ich wollte nur noch auf den Arm. Keiner von uns dreien sagte mehr irgendetwas.

Die Laufstrecke war unter aller Kanone, zum Wenden musste man vorne angehoben und umgedreht werden, teilweise musste man abbremsen und hinter anderen Läufern, teilweise hinter Schülern, hinterher fahren, da man nicht überholen konnte. Ich wollte nur noch ins Ziel. Hätte ich ein Handy dabei gehabt, hätte ich Tatjana angerufen uns sie gebeten, mich unterwegs einzusammeln. Zum Ende bekam ich auch noch Bauchkrämpfe. Iso-Drink, noch ein Energy-Gel, beides half nicht. Ich war keineswegs dehydriert, mein Puls war okay, keine Ahnung. Die Krämpfe wurden zwei, drei Mal fast unerträglich. Dann musste ich ein paar Mal pupsen und es ging wieder. Sowas hat man mit Querschnittlähmung ja bekanntermaßen nicht unter Kontrolle. Ich hoffte, dass ich nicht auch noch einkacken würde. Falls das nicht schon passiert war. Obwohl mir das in dem Moment auch egal gewesen wäre. Ich wollte nur noch ins Ziel, fertig werden und Ruhe haben.

Nach insgesamt 6:44 Stunden war es soweit. Wir überfuhren die offizielle Ziellinie und wurden von einigen hundert Leuten beklatscht. Dass da so viele standen, fiel mir erst jetzt auf. Ich war völlig fertig mit der Welt. Wir bekamen kurz eine Mini-Medaille überreicht, dann stürzte man sich schon wieder auf die nächsten Leute, die ins Ziel liefen. War auch völlig okay, ich wollte meine Ruhe haben. Wir fuhren zu unseren Klamotten, Tatjana nahm uns in Empfang und umarmte uns alle. Ich machte die Augen zu und dämmerte einen Moment vor mich hin. Versuchte, ruhig zu atmen. Cathleen fiel mir um den Hals: "Du hast es geschafft!" Dann bekam ich einen Kuss auf die Wange. Ich öffnete die Augen. Alles drehte sich. Ich hielt mich an Cathleen fest, obwohl ich sicher im Stuhl saß. Nach zwei, drei Sekunden ging es wieder. Ich umarmte Cathleen. Dann Simone. Dann beide zusammen. Dann beide zusammen mit Tatjana.

"Ich möchte aus dem Stuhl", sagte Simone. "Am besten da hinten auf den Rasen. Einmal lang machen. Und dann duschen." Tatjana zog uns nacheinander mit den Rennstühlen auf die Rasenfläche und hob einen nach dem anderen aus dem Stuhl und legte ihn auf den Rasen. Simone lag auf dem Rücken und schaute den Himmel an. Cathleen ließ sich, sobald Tatjana sie losgelassen hatte, daneben fallen. "Ich glaub, ich hab eingekackt", warnte ich Tatjana vor. Sie antwortete lachend: "Na auch das noch." Also nahm sie ein Rad ab und kippte mich mit dem Stuhl seitlich um. Dann konnte ich rauskrabbeln. "Da ist nix", meinte sie. "Alles sauber. Hast wohl nur gepupst." - "Ich hatte tierische Bauchkrämpfe unterwegs", erzählte ich ihr.

"Und ich hätte den Idioten mit dem Kayak am Anfang fast ermordert", ergänzte Simone. "Der Idiot hat mir ein paar Mal was gegen den Kopf gegeben mit seinem blöden Paddel." Da war ich ja noch gut bedient. "Die Polizisten waren auch geil", meinte Cathleen. "Feiern da und erst als wir kommen, uns anstellen und bitten, sperren die mal die Straße." - "Ihr seid durchgekommen, das ist die Hauptsache", sagte Tatjana.

"Ich will jetzt duschen, saubere Klamotten, essen und schlafen." - "Einmal die Rollstühle kontrollieren", kam eine Stimme aus dem Hintergrund. Ach ja, Check Out. Aber dann. Nach dem Essen quatschten wir noch einen Moment mit Tatjana, duschten unsere Rennrollstühle und Handbikes einigermaßen sauber, verluden sie in den Bus, fuhren aus dem Getümmel auf einen Waldparkplatz und legten uns erstmal ein paar Stunden aufs Ohr. Und fuhren mitten in der Nacht auf einer völlig leeren Autobahn völlig entspannt nach Hamburg zurück. Morgen habe ich den schlimmsten Muskelkater meines Lebens!

Donnerstag, 26. August 2010

Überzeugt, überrascht, begeistert

Sehr gut. Nein wirklich. Ich bin überzeugt und begeistert. Hätte ich nicht gedacht, dass er mir so sehr gefallen würde. Nein, nein, ich werde es nicht übertreiben, ich weiß, er ist nur ein Gebrauchsgegenstand. Und irgendwann wird er seine erste Schramme bekommen, wenn er sie jetzt nicht sowieso schon hat, ohne dass ich davon weiß oder es bemerkt hätte. Aber dass es einen solch großen Unterschied gibt, den man so sehr merkt, davon bin ich wirklich überrascht.

Überzeugt, überrascht, begeistert - das Ding heißt Viano, hat viel zu viele PS (224) und jede Menge Schnickschnack, den man -wie immer- eigentlich nicht braucht, den man aber gerne mitnimmt oder mitnehmen muss. Und der gerne sofort nach Ende der Garantie kaputt geht. Mal schauen.

Der Endpreis, den mir der Händler vor einigen Wochen ausgerechnet hatte, hat sich nur "moderat" nach oben verändert. Durch einen Zuschuss meiner Unfallkasse, den ich zwar noch nicht ausgezahlt, aber bereits per Fax zugesichert bekommen habe, muss ich am Ende noch knapp 31.000 € selbst abdrücken. Und mit Blick darauf, dass ich in den Zeiten, in denen noch ein Vormund über mich bestimmen durfte, möglichst gar nichts hin- oder hergebucht habe, weil ich jedes Mal einen halben Roman in irgendwelche Formblätter malen und auf Genehmigung warten musste, konnte ich das vom Girokonto bezahlen und musste meine Ersparnisse (also die fest angelegten Entschädigungszahlungen) überhaupt nicht anrühren. Wenn jetzt allerdings die Erstattung kommt, muss ich mein Girokonto dringend mal aufräumen. Meine Bank hat mich schon mindestens 5 Mal zu einem Gespräch eingeladen.

Eine ziemliche Frechheit fand ich, dass der Händer "vergessen" hatte, mich darauf hinzuweisen, dass mich sein Service knapp 950 € kostet, die bei Fahrzeugübergabe zu zahlen sind. "Können Sie hier gleich mit EC-Karte zahlen", meinte er. Es ging um den behindertengerechten Umbau, den es nicht ab Werk gibt, sondern der vom Händler in Auftrag gegeben wird. Also nicht die Überführungsgebühr, sondern eine zusätzliche Servicegebühr. Ich dachte mir: 'Stinkesocke, du bist 18, du bist selbst für dich verantwortlich, lass dich nicht verarschen.' Wollte ich mich wirklich mit ihm um 1.000 € streiten, wo er so nett war, mir 20% zu geben?

Wollte ich. "Ähm, davon haben Sie mir ja noch gar nichts erzählt." - "Das ist immer so. Haben wir auch besprochen." - "Daran kann ich mich aber gar nicht erinnern." - "Sie wollen doch jetzt nicht ersthaft den Preis drücken, nachdem ich Ihnen schon 20% Rabatt eingeräumt habe, oder?"

Tatsächlich, diese Tour. Hatte ich einen Grund, nett zu ihm zu sein? Nein. Ich will das Auto, er will mein Geld. Darüber haben wir einen Vertrag. Im Moment hält er sich nicht dran. Denn im Vertrag steht nichts von dieser Gebühr. Also in die Offensive: "Wieso Preis drücken? Sie fangen doch gerade nochmal an, den Preis neu zu verhandeln. Ich will ein Auto, Sie wollen Geld. Welches Auto und wieviel Geld haben wir beide schriftlich vereinbart. Ich halte mich an den Vertrag und Sie sollten das auch tun."

Jetzt musste man nur hoffen, dass die keine Hintertür haben, um die 20% wieder rausrechnen zu können. Aber Frank hatte sich den Vertrag angeschaut und gesagt, ich könnte ihn unterschreiben. Ganz so blauäugig gehe ich an solche Dinge ja nicht ran, wenn ich mich damit auch nicht auskenne. Drei, zwei, eins ... "Bevor wir uns mit Ihnen streiten, schenken wir Ihnen die Gebühr. Fühlen Sie sich eingeladen." Sollte ich jetzt dankbar sein? Kann ja wirklich sein, dass so etwas üblich ist und die vergessen haben, das in den Vertrag zu schreiben. Ist dann aber deren Problem, nicht meins. (Doch, es ist meins, wenn ich nämlich ein schlechtes Gewissen eingeredet bekomme.)

Anfangs hatte ich ernsthafte Bedenken, dass er viel zu groß sein würde und viel zu schwer, und ich muss zugeben, es ist kein Auto, mit dem ich zum Einkaufen fahren werde. Alleine das Ein- und Ausladen meines Rollstuhls von der erhöhten Sitzposition aus ist eine ziemliche Anstrengung, da ich mich fast überkopf raushängen muss. Mir wurde schon empfohlen, mich dabei anzuschnallen, um nicht irgendwann mal aus Versehen den kompletten Abflug zu machen.

Aber dann! Man kann ihn mit meinem alten Golf IV überhaupt nicht vergleichen. Er schnurrt wie ein zahmes Kätzchen, vor allem drinnen würde man nicht denken, dass es sich um einen Dieselmotor handelt. Die Motorleistung ist viel zu groß, nur leider konnte ich in der Ausstattung, die ich behinderungs- und auflagenbedingt benötige, keine andere Motorisierung wählen. Drinnen riecht es noch sehr neu. Noch kein Staub, keine Pommes unter den Sitzen und kein Fettfilm an den Scheiben. Die Übersicht nach vorne ist atemberaubend, nach hinten dank Rückfahrkamera auch.

Die Rückfahrkamera ist genial. Wer damit noch Poller umfährt, muss blind sein. Man kann wirklich auf den Zentimeter genau einparken und sieht alles, auch weit über den rechten und linken Fahrzeugrand hinaus. Einen elektrisch verstellbaren Fahrersitz nimmt man gerne mal mit, wenn man ihn nicht selbst bezahlen muss, elektrische Schiebetüren auf beiden Seiten und eine Standheizung mit Fernbedienung auch. Nein, Leute, ich kann das Auto im Winter nicht freikratzen. Das klappt wirklich nicht. Auch nicht beim Golf.

Die beleuchteten Ausstiege sind Serie. Ein klarer Vorteil, wenn man im Dunkeln da unten einen Rollstuhl zusammenbauen soll. Nicht nur, dass man die Öffnung für die Steckachse findet, sondern der vorbeifahrende Verkehr bekommt den dort unten liegenden Rollstuhl und die geöffnete Tür noch genial angestrahlt. Getönte Scheiben hinten und elektrische Fensterheber sowie elektrische Ausstellfenster hinten gehören ebenso zum Standard wie der Licht- und Regensensor.

Was ich selbst bezahlen musste: Sitzheizung, Gepäcknetz, Teppichboden, Klimaanlage, Radio, Alarmanlage und Tempomat.

Auf jeden Fall fährt er, alles funktioniert, er passt in die Garage und ich komme zurecht. Was will man mehr?

Und der Platz ist mehr als gut. Wenn man im hinteren Bereich alles ausbaut, passt tatsächlich eine 140 x 200 cm große Matratze hinein. Ich bin wegen meines langen Klinik-Aufenthalts nicht fit genug. Aber Cathleen und Simone wollen am Wochenende an einem Triathlon teilnehmen. Ich denke, ich werde sie spontan begleiten und im Auto schlafen. Mal schauen.

Montag, 23. August 2010

Ein aufregender Tag

Huch? Hallo? Ich werde ja ganz rot vor Scham. 55 Glück wünschende Kommentare? Womit habe ich denn das verdient? Ich muss zugeben, im ersten Moment, als ich eben die Zahl "55" sah, dachte ich, da hätte jemand rumgespammt. Aber nein! Ein Eintrag netter als der andere. Auf jeden Fall sage ich erstmal: Vielen, vielen Dank! Ich habe mich sehr gefreut. Dass hier inzwischen am Tag teilweise weit über 100 Besucher vorbei kommen, war mir bekannt, dass aber jeder zweite davon gratuliert, hat mich dann doch sehr überrascht.

An meinem Geburtstag habe ich noch in der Nacht von den Leuten aus meiner WG ein Ständchen und einen Geburtstagskuchen bekommen. Die meisten Glückwünsche kamen dann per SMS, per Mail und über Social Network. Aber ich habe mich auch gewundert, wieviele Leute trotzdem noch etwas auf dem herkömmlichen Postweg versenden.

Gewundert habe ich mich auch über den Besuch meiner Eltern am Vormittag. Sie kamen zusammen mit meiner Currywurst-Tante und hatten sich hinter einem großen Blumenstrauß versteckt. Sie fragten, ob sie reinkommen dürften, später wiederkommen dürften oder lieber gar nicht wiederkommen sollen. Im Verhältnis zu den letzten Überfällen, bei denen es immer kurz davor war, dass sie die Tür eingetreten hätten, kamen mir diese Sätze beinahe wie ein Kniefall vor. Ich antwortete, und im Nachhinein bin ich recht erstaunt, dass mir gleich diese Antwort eingefallen war, dass ich es am besten fände, wenn wir draußen an der frischen Luft reden würden. (So kann ich mich einfach entfernen, wenn das zu dumm wird.)

Normalerweise ist das die Steilvorlage für meine Tante, zu fragen, ob sie einmal die Toilette benutzen könnte. Nicht, weil sie mal muss, sondern um in die Wohnung hinein zu kommen. Dass es so ist, hat sie selbst schon mal indirekt zugegeben, als ich vor langer Zeit mit ihr darüber sprach, dass sie gerne die Wohnung ihrer Bekannten sehen wollte und man sowas am besten dadurch anstelle, dass man frage, ob man das WC benutzen dürfe. Das würde einem selten verwehrt werden. Ich glaube, ich muss das nicht kommentieren. Auch deshalb nicht, weil sie sich diesmal zusammengenommen hat und nicht fragte, sondern hinter meinen Eltern hinterherdackelte.

Ich sagte Sofie Bescheid, dass ich kurz nach draußen gehen würde. Ob sie mal ein Auge aus dem Fenster werfen könnte, falls in der nächsten halben Stunde Schreie, Ringkämpfe oder Schüsse zu hören seien. Sie fragte, ob ich mir das ernsthaft antun wollte. Ich überlegte auch schon, warum man sich so handzahm gab, ob möglicherweise etwas dahinter stecken könnte. Immerhin war ich 18 und hätte alles unterschreiben können, wofür sie früher noch die Zustimmung meines Vormundes gebraucht hätten.

Nein, es kam anders. Mein Vater entschuldigte sich zwar nicht für seine gewalttätige Aktion, sondern sagte fast gar nichts, meine Mutter sagte jedoch, dass sie über Monate in einer Klinik gewesen und inzwischen mit Therapie und Medikamenten recht gut eingestellt sei. Sie meinte, sie habe während ihrer Therapie auch irgendwelche Bücher über Querschnittlähmungen gelesen. Sie sagte, dass sie verstanden habe, dass sie mit meiner Situation überfordert sei. Sie könne sich nicht in meine Situation hineinversetzen und sie könne sich nicht vorstellen, selbst mit einer Querschnittlähmung zu leben. Wenn ich es hinkriegen würde, mit einer solchen Behinderung zu leben, dann solle ich diesen Weg gehen, aber bitte akzeptieren, dass weder mein Vater noch sie mir dabei helfen könnten.

Ich habe mir das nur angehört. Ich habe in den letzten Monaten niemanden um Hilfe gebeten. Von daher verstand ich nicht ganz, was sie mir damit sagen wollte. Sie fuhr fort: "Dein Unfall hat unsere Ehe zerrüttet. Wir werden uns trennen. Ich werde in eine andere Stadt ziehen, vermutlich nach Köln, dort wollte ich schon immer wohnen, und dort ein neues Leben beginnen. Dein Vater hat, bedingt durch seinen Job, bereits in Hannover eine Wohnung gefunden und wohnt schon nicht mehr hier."

"Dann wünsche ich euch beiden, jedem von euch, alles Gute für euer neues Leben." Dann standen sie auf und gingen davon. Keine Verabschiedung, keine Umarmung, nichts. Und ich blieb zurück mit einem Kopf voller Fragezeichen. Was sollte der Blumenstrauß? Was wollte man mir sagen? Ich hatte ja schon über Monate keinen Kontakt mehr. Wollte man mir sagen, dass das auch in Zukunft so bleiben soll? Sollte es eine Art Abrechnung sein für die gescheiterte Ehe? Oder wollte man nur nicht auf sich sitzen lassen, dass ich den Kontakt abgebrochen habe? Und was sollte meine Tante dabei, die die ganze Zeit kein Wort gesagt hatte? Und wieso das alles ausgerechnet an meinem 18. Geburtstag?

Dass meinetwegen ihre Ehe in die Brüche gegangen ist, den Schuh ziehe ich mir nicht an. Ich kann nichts für meine Behinderung. Ich hatte nicht mal Schuld an dem Unfall. Meine Eltern waren es, die damit nicht klar kamen. Nicht ich. Sie selbst sind an dieser Aufgabe gescheitert. Klingt vielleicht frech, sehe ich aber so. Und ich glaube, das will ich auch nicht diskutieren.

Die Geburtstagsparty jedenfalls wurde sehr nett. Viele Leute vom Triathlon kamen, fünf aus der Schule, insgesamt waren wir fast 20 Leute, prima Sache. Wir haben gegessen, getrunken, gespielt, gequatscht und gefeiert und fast alle haben auch bei uns geschlafen. Mit Luftmatratzen und Schlafsäcken auf dem Fußboden, sofern nicht noch in irgendeinem Bett Platz war. Was mir persönlich sehr gut gefallen hat, war, dass ich mir eine anti-alkoholische Party gewünscht hatte und das auch durchsetzen konnte. Bier und Wein war okay, aber ich wollte kein Besäufnis mit irgendwelchen hochprozentigen Getränken. Auch wenn es mein 18. Geburtstag war und ich erstmalig so etwas offiziell hätte trinken dürfen. Nein. Auch wenn es uncool klingt, die Stimmung war trotzdem super. Und einen Vorteil hatte es: Ich musste keine Kotze aufwischen.

Nun bin ich 18 und darf unbegrenzt und ohne Fahrtenbuch Auto fahren. Unbegrenzt heißt: Auf der Autobahn auch außerhalb Hamburgs und auch über 100 km/h, nicht nur zu speziellen Anlässen wie Therapie, Schule etc. - und letztlich nicht mehr mit der Gefahr, durch eine Laune meiner Eltern oder meines Vormundes oder der Behörde, die diese Ausnahme gestattet hat, meinen Führerschein wieder abgeben zu müssen. Klar, ich bin genauso noch in der Probezeit wie alle anderen Führerscheinneulinge. Auch wenn das eine Jahr auf die Probezeit bereits angerechnet wird.

Am Donnerstag bekomme ich vermutlich mein neues Auto. Wenn alles klappt. Es ist bereits in Hamburg, wird aber noch umgebaut und muss auch erst zum TÜV zum Gutachten für die eingebauten Umbauten. Und dann zur Zulassung. Und ich habe mir inzwischen eine Visakarte bestellt. Damit ich beim Bezahlen auf den Pornoseiten im Internet und bei Hotels etc. nicht immer Sofie fragen muss. Bisher habe ich noch keine Nachteile gespürt, dass ich 18 bin. Ich hoffe, dass es so bleibt und ich mir nicht allzu schnell wünsche, doch wieder ein Kind oder eine Jugendliche zu sein.

Alles in allem war mein 18. Geburtstag ein aufregender Tag. Die vielen Leute, die an mich gedacht haben, der Besuch meiner Eltern, die tolle Party, die vielen Veränderungen. Er war aufregend, intensiv. So sehr ich ihn ersehnt hatte, so sehr freue ich mich jetzt, dass er endlich da war.

Samstag, 21. August 2010

Endlich volljährig

Hallo liebe Leute von A bis Z, von 1 bis 100, von Norden bis Süden, von Osten bis Westen ... ich bin 18 - und das ist am besten!!!

Nein, ich bin noch völlig nüchtern. Aber ich weiß gerade noch nicht so ganz, worüber ich mich am meisten freuen soll. Dass in meinem Briefkasten gestern schon jede Menge Post lag, auf der stand, dass sie erst morgen geöffnet werden soll? (Und das im Zeitalter von E-Mail, SMS & Co.!) Dass ich heute nachmittag ganz viele Freunde treffen werde? Dass ich endlich aus diesem Käfig der Minderjährigkeit freigelassen werde, der mich zum Schluss nur noch behindert hat? Dass ich endlich nicht mehr Fahrtenbuch führen muss und mit dem Auto überall hinfahren darf (und nicht nur auf festgelegten Strecken)? Dass ich noch in diesem Monat mein neues Auto bekommen werde? Dass ich jetzt endlich auch auf dem Papier als "erwachsen" gelte und meinen Vormund los bin? Dass mir meine Eltern nichts mehr sagen können? Dass ich endlich tun und lassen kann, was ich will?

Ich glaube, ich freue mich erstmal über alles. Das macht mich gerade so besoffen, dass ich auch ohne einen Tropfen Alkohol völlig ausgelassen flache Sprüche klopfen kann. Einmal in diesem Blog möge man mir es bitte nachsehen!!!

Donnerstag, 19. August 2010

Der Knackpo und die Grenze

So ein sexueller Fetisch ist ja eine komplizierte Sache. Vor allem, wenn ich glaube, dass mein Fetisch nur deswegen ein Fetisch ist, weil meine Umwelt für meine Normalität zu verkrampft ist. Oder so ähnlich.

Ich bin keine Fetischistin. Ich gehöre zu den Verkrampften. Zu denen, die zwar sexuelle Vorlieben anderer akzeptieren können und teilweise auch interessant finden, auch keine Probleme haben, darüber zu reden, die jedoch Fetischisten nicht mögen. Fetischisten, die ihre sexuellen Präferenzen nicht unter Kontrolle haben. Hätten sie sie unter Kontrolle, wäre es ja kein Fetisch. Und die dann diesen Fetisch auch noch verleugnen. Schließlich ist man damit ja nicht normal. Oder wird man erst zum nicht normalen Menschen gemacht und hat ihn deswegen, den Fetisch? Es ist vielleicht kein Teufelskreis, aber allemal eine schwierige Frage.

Schon seit sehr langer Zeit kenne ich jemanden, der in der Jungs-Gruppe Triathlontraining macht. Er ist schon wesentlich länger dabei als ich, allerdings ist er mir anfangs nicht aufgefallen. Da hatte ich auch genug mit mir selbst und meinem eigenen Training zu tun, als dass ich mich für die Jungs-Gruppe begeistern konnte. Doch inzwischen hat sich natürlich die eine oder andere Gelegenheit geboten, mal einen Blick dorthin zu werfen. Da ist schon der eine oder andere fesche Typ dazwischen, der mich nicht so ganz kalt lässt.

Aber das will ich gar nicht erzählen. Es gibt dort einen Typen, der ist bereits fast 30, für mich also viel zu alt, wie ich finde. Der interessiert sich für mich. Oder besser: Für meinen Po. Und zwar dann, wenn er in einem knack-engen Neo eingepackt ist. Er schaut immer dorthin, sobald er die Chance bekommt und macht hin und wieder auch entsprechende Bemerkungen. Nicht übertrieben. Und respektvoll. Schmeichelhaft. Und selbstverständlich beschränkt sich unsere Kommunikation nicht nur darauf. Sondern er interessiert sich auch für mich, für meine Schule, für einfach alles. Er hört zu, er ist witzig, ich mag ihn. Und er mag mich. Und meinen Po.

Er sagt es auch ganz offen, dass er Frauen, die gerade einen Neo tragen, sexy findet. Er meint, darin kämen alle Kurven besonders gut zur Geltung. Er ist einfach ehrlich damit. Das mag ich, damit kann ich umgehen. Auch wenn man gewiss darüber streiten kann, ob ich in dem Ding sexy aussehe.

Dass ich mich extra für ihn und extra unauffällig in den Sand gelegt habe, mit nassem Neo, Po nach oben, um ihm den Kopf zu verdrehen, ist doch klar. Dass ich den extra lange anbehalten habe, nur für ihn, ist doch auch klar. Dass ich ihn gefragt habe, ob wir noch eine Abschlussrunde zusammen schwimmen wollen, nach dem gemeinsamen Neo-Training im See, fand er auch gut. Und ich fand es auch schmeichelhaft. Ich habe auch nichts dagegen, dass er meinen Hintern bestaunt. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn er ihn anfassen würde. Nicht angrabschen, sondern anfassen. Fühlen, ob sich das mit seinen Händen genauso gut anfühlt wie es in seinen Augen aussieht. Warum nicht?! Ich will nichts von dem Typen, aber ich finde ihn sympathisch und mir gefällt einfach seine Aufmerksamkeit. Und sein offener Umgang mit seiner Vorliebe. Vermutlich ist es dewegen eben kein Fetisch, denn er eckt damit nicht an.

Wäre es jetzt so, dass derselbe Typ keinen Popo-Fetisch, sondern einen Pipi-Fetisch hätte, wäre das auch okay für mich. Ich fände den Gedanken daran zwar etwas befremdlich, denn Pipi ist in meinen Augen ein Abbauprodukt und kein Spielzeug, aber es wäre okay. Wenn es dieselbe Distanz gäbe wie bei den Schwärmereien über meinen Po in Kautschukhülle, hätte ich auch kein Problem damit, ihm mit irgendwelchen Pipi-Geschichten den Kopf zu verdrehen. Aber ich würde erwarten, dass er meine Grenzen respektiert. Was der Popo-Typ macht. Und Carsten leider nicht.

Bei meinem Blog handelt es sich um eine Art Tagebuch, das ich in erster Linie für mich selbst schreibe. Ich freue mich, wenn es anderen gefällt. Aber ich schreibe es nicht, damit es anderen gefällt. Ich werde also weiter schreiben. Und auch über Pipi, wenn mir gerade danach ist - oder gerade nicht danach war. Das einzige, was sich ändern wird, wenn sich hier nicht bald etwas ändert: Ich werde einstellen, dass ich Kommentare einzeln freischalten muss. Was ich sehr schade fände. Weil ich Kommentare liebe. Fast alle.

Dienstag, 17. August 2010

Offener Vollzug

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als kürzlich bei uns im Bad ein Handtuch hing, in dem "Strafvollzug" eingestickt ist. Frank hatte damit genau das erreicht, was er erreichen wollte. Großes Interesse und ratlose Gesichter. Vor allem, als er meinte, es sei ein Erinnerungsstück.


Bevor hier aber jemand das Gerücht verbreitet, ich würde mit schweren Jungs in einer Wohnung wohnen, möchte ich erwähnen, dass man die Dinger für 12,90 € im Santa-Fu-Shop kaufen kann.

Szenenwechsel. Wenn ich in Bergedorf auf die S-Bahn warte, stelle ich mich meistens so auf den Bahnsteig, dass ich an der Zugspitze einsteigen kann. Gerade auf der Linie S 21 fahren noch die alten Wagen, die eine enorme Einstiegshöhe haben und gerade mit schwerem Rucksack schaffe ich es manchmal nicht alleine. Dann hilft freundlicherweise ein anderer Reisender, wenn ich ihn darum bitte. Oder im Notfall der Fahrer - mit einer Rampe oder einem Schubs.

Der Fahrer sitzt nunmal vorne im Zug. Wenn man also notfalls die Hilfe des Fahrers in Anspruch nehmen möchte, muss man sich schon dort positionieren, wo er mit seinem Zug hält. Alle gleich langen Züge halten an ziemlich derselben Stelle - doch nicht alle Züge sind gleich lang. Darauf muss man achten.

Meistens fahren auf der Linie S 21 Züge aus zwei Einheiten zu je drei Wagen. Das ist dann ein so genannter "Vollzug". Im Gegensatz zu einem "Kurzzug", der nur aus einer Einheit zu drei Wagen besteht, und einem "Langzug", der aus drei Einheiten zu je drei Wagen besteht. Langzüge fahren meistens auf der Linie S 3, die bei mir zu Hause vorbei fährt.

Jedenfalls muss ich ständig, wenn ich jetzt diese Schilder sehe (selten hängen alle drei an derselben Stelle, wie auf dem Bild), an dem der Fahrer anhält, an das Handtuch aus dem Straf-Vollzug denken. Ich finde, dieses Wort ist ein geniales Teekesselchen - ein Wort mit verschiedenen Bedeutungen.


Und heute hatten wir einen offenen Vollzug. Weil irgendeinem Wahnsinnigen die Warterei im Tunnel zu lange gedauert hat, öffnete er auf freier Strecke die Not-Entriegelung und kletterte aus dem Zug. Meinetwegen hätte er sich dabei ruhig ein paar Knochen brechen dürfen. Hat er aber nicht. Der Idiot hat offenbar den Tunnel durch einen Fluchtweg verlassen. Der Zug fuhr aber, weil die Polizei erstmal alles absuchen musste, um sicherzustellen, dass man keinen Hilflosen ohne Orientierung überfährt, nicht weiter. Und die Züge auf dem Nachbargleis auch nicht. Und weil das kurz vor dem Bahnhof Altona war, kam für 40 Minuten lang der komplette S-Bahn-Verkehr rund um den Bahnhof Altona zum Erliegen. Mehr als 80% der Hamburger S-Bahn-Linien waren davon betroffen. Ich war froh, als die Leute die Tür wieder zusammengebastelt hatten und wir aus dem dunklen Tunnel rausfahren konnten.

Sonntag, 15. August 2010

Rollstuhlfahrer zahlen doppelt

Es ist Jana, die sich aktuell sehr für den frei gewordenen WG-Platz bei uns interessiert. Seit Lina und Liam, wie hier schon berichtet, quasi "Hals über Kopf" ausgezogen sind, würde sie, da sie sich mit den verbliebenen vier Leuten sehr gut versteht, gerne bei uns einziehen. Ich kenne sie jetzt seit rund einem Dreivierteljahr, Sofie und Frank kennen sie schon etwas länger. Sie wohnt jetzt in einer Wohnung, die sie eher durch Zufall bekommen hat - eine an Muskelschwund erkrankte Tochter ihres Vermieters ist verstorben, woraufhin er diese Wohnung an Jana vermietet hatte.

Zuerst meinte er, er würde mit der Vermietung kein Geld verdienen wollen, sondern er freue sich, dass er die komplett rollstuhlgerechte Wohnung zweckmäßig vermieten könne, doch dann wollte er plötzlich 50% mehr Miete. Da das ja nicht so ohne weiteres geht, schließlich gibt es ja so etwas wie Gesetze, hat Jana das abgelehnt. Seitdem macht er ihr nur noch Schwierigkeiten. Sie ist ständig in Aufregung, weil er wieder irgendetwas ausheckt. Beweisen kann sie natürlich nie, dass der Vermieter dahinter steckt, aber in letzter Zeit fällt in ihrer Wohnung unnatürlich oft der Strom aus, so dass der AB nicht geht, der Gefrierschrank auftaut und ähnliche Scherze. Komisch ist nur, dass der Strom immer einige Minuten, bevor sie wiedergekommt, wieder geht. Das sieht sie an einem digitalen Wecker, der in dem Moment bei 0.00 Uhr anfängt zu zählen und blinkend die Minuten anzeigt, die vergangen sind, seit wieder Strom da ist. Und das sind meistens einstellige Zahlen...

Mal ist ihr Auto eingesaut, mal ist ihr Handbike, das im Flur steht, ohne Luft, mal uriniert einer in ihren Briefkasten, mal sind die Pflanzen, die vor ihrer Tür stehen, kaputtgebrochen - irgendwas ist immer. Nun will sie, wie gesagt, bei uns einziehen. Von mir aus darf sie das herzlich gerne, und wenn sie das Zimmer, in dem sonst zwei Personen wohnen, alleine bezahlen kann, wird sich auch unser Vermieter nicht querstellen. Allerdings dürfen noch die Behörden mitsprechen.

Ja, ganz richtig gelesen, sie muss das Bezirksamt um Erlaubnis fragen. Weil es sich um rollstuhlgerechten Wohnraum handelt und dieser in Hamburg Mangelware ist, darf der nur mit Zustimmung der Behörde vergeben werden. Vorher muss Jana nachweisen, dass sie wirklich diesen Wohnraum benötigt.

Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass ein Vermieter, der öffentliche Mittel bekommen hat, um Wohnungen rollstuhlgerecht zu machen, nur in Rücksprache mit dieser Behörde an Rollstuhlfahrer vermieten darf. Dass man so also sicherstellt, dass nicht irgendwer in eine teuer umgebaute Wohnung zieht, sondern derjenige, der auch wirklich diese Umbauten braucht (wie unterfahrbare Spüle und Herd, ebenerdige Dusche, breitere Türen, Aufzug, ...). Kurios wird es aber, wenn es der Behörde nicht reicht, den amtlichen Schwerbehindertenausweis vorgelegt zu bekommen, in dem ja steht, ob jemand Rollstuhlfahrer ist. Nein, das reicht nicht, der Hausarzt muss das auch noch einmal schriftlich bestätigen. Das Attest geht dann zum Gesundheitsamt, das lädt zu einer amtsärztlichen Untersuchung (sofern man nicht nach Aktenlage beurteilen kann) und bestätigt das alles. Und dann muss man noch glaubhaft machen, warum man in seiner bisherigen Wohnung nicht mehr weiter wohnen kann. Und dafür zählen ausschließlich medizinische Gründe.

Bei Jana ist es so, dass die Hausärztin (zufällig dieselbe wie bei mir) sehr ausführlich geschrieben hat, dass Jana in einer Wohngemeinschaft mit anderen behinderten Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, sehr viel besser aufgehoben wäre. Das reicht dem Amt, sagt der Sachbearbeiter. Und kassiert 17 Euro Gebührenpauschale plus 74 Euro für die ärztliche Stellungnahme des Gesundheitsamtes. Zusammen mit den 15 Euro Attestgebühren beim Hausarzt hat Jana bereits über 100 Euro auf den Tisch legen müssen, um überhaupt erstmal die Berechtigung zu bekommen, in eine rollstuhlgerechte Wohnung einziehen zu dürfen.

Wäre ausreichend rollstuhlgerechter Wohnraum in Hamburg vorhanden, wären nicht nur dessen Preise angemessen, sondern dann wäre auch dieses Verwaltungsverfahren überflüssig. Doch bis dahin zahlen Rollstuhlfahrer, die in Hamburg eine Wohnung suchen, doppelt. Die hohe Miete und das Verwaltungsverfahren. Naja, irgendeiner muss ja schließlich dafür aufkommen, dass man in einer Welt voller Barrieren lebt.

Mittwoch, 11. August 2010

Ein Fragezeichen

Erneutes Outdoor-Schwimmtraining im See bei zwar sommerlichen Luft-Temperaturen und piwarmem Wasser, aber dennoch dem einen oder anderen heftigen Regenguss: Die letzten Tage der Ferien muss man ausnutzen, dachte sich Tatjana und bekam sogar jede Menge Resonanz. Es war aber trotzdem noch unerwartet voll an diesem See. Viele Langstreckenschwimmer, Triathleten und whatever nutzten diesen Nachmittag zum Trainieren. Und es gab einen Spanner.

Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich Zeuge, wie sich jemand im Gebüsch versteckt hatte und sich einen runterholte. Nicht, dass mich das jetzt verwundert, dass es solche Leute gibt. Nicht, dass es mich jetzt sonderlich interessiert. Und auch nicht, dass es mich jetzt unwahrscheinlich anwidert. Dass es zumindest aus meiner Trainingsgruppe alle machen, hatte kürzlich ein gemeinsames Privacy-Spiel ergeben. Nur ziehe ich für solche Dinge eher mein Bett oder die Badewanne oder vielleicht auch Dusche vor. Vielleicht auch ein Sofa. Aber eins haben alle diese Orte gemeinsam: Ich kann andere Leute davon ausschließen, an meiner Aktion unfreiwillig teilzunehmen. Nun weiß ich natürlich, dass diese unfreiwillige Teilnahme anderer auch für einige Leute, die in der Öffentlichkeit irgendwas sexuelles anstellen, ein Kick ist.

Egal, das alles wäre nicht weiter erwähnenswert gewesen, wäre dieser Typ nicht anschließend zu uns gekommen und hätte uns gefragt, ob er eine unserer Muschis lecken dürfte. Kein Scherz. Nicht gesponnen. Sondern wörtlich so gefragt. Ich habe mich gleich ohne jeden weiteren Kommentar entfernt, jedoch hatte Kristina ihn akustisch nicht verstanden und fragte auch noch drei Mal nach! Was ihn natürlich besonders schmeichelte.

Nun frage ich mich natürlich ernsthaft, was er mit dieser Aktion erreichen wollte. Abgespritzt hatte er bereits. In seine Badehose. Wollte er nochmal? Wollte er nur Aufmerksamkeit? Wollte er ausprobieren, wie wir darauf reagieren? Dachte er ernsthaft, jemand würde darauf abfahren? Oder glaubte er, dass behinderte Mädchen auch gerne mal sexuelle Erfahrungen machen wollten? Ich begreife es nicht, denn eigentlich muss ihm doch klar sein, dass jede zweite zum Handy greift und die Bullen ruft.

Okay, haben wir nicht gemacht. Unsere "zweiten" haben wir alle zu Hause gelassen. Aber dennoch bleibt ein Fragezeichen.

Montag, 9. August 2010

Ich bin keine Behinderte

Man könnte darüber streiten, ob es sinnvoll ist oder nicht, Rollstuhlfahrer im Regionalzug in einem Mehrzweckabteil einzuquartieren. Ich halte es für sinnvoll, dass die Stellfläche, die frei bleibt, wenn keine Rollifahrer mitfahren, auch noch von anderen Personen (zum Beispiel mit ihren Fahrrädern) genutzt werden kann. Oder von Leuten, die sich lieber auf Klappsitze setzen anstatt zu stehen.

Ich halte es allerdings für sinnlos, darüber diskutieren zu müssen, ob die Rollstuhlstellplätze in einem Zug mit etwa 600 Sitzplätzen bei Bedarf vorranging für Reisende im Rolli oder doch vielleicht für Reisende mit Fahrrad zu verwenden sind. Der Regional-Express von Hamburg nach Schwerin oder Rostock hat drei Fahrradabteile und ein Mehrzweckabteil. Das Mehrzweckabteil ist die einzige Möglichkeit für Rollstuhlfahrer, in dem Zug mitzukommen. Somit würde ich mich als Fußgängerin (wäre ich eine) mit meinem Fahrrad lieber in ein anderes Fahrradabteil quetschen, als einen anderen Menschen (im Rollstuhl) von der Mitfahrt auszugrenzen.

Anders ist es aber an der Tagesordnung. Da heute morgen keine S-Bahn zwischen Hauptbahnhof und Bergedorf fuhr, wollte ich den Regionalexpress nehmen, der auch in Bergedorf hält. Ich stellte mich an der Stelle auf dem Bahnsteig auf, wo üblicherweise die Tür zum Mehrzweckabteil hält. Nun muss ich nur darauf warten, dass der Zugbegleiter die elektrische Rampe ausfährt. Und während ich warte, räumen gefühlte 100 Reisende ihre Fahrräder in eben dieses Abteil, bis das so voll ist, dass nicht mal mehr ein Fußgänger hinein, geschweige denn hindurch kommt. Und zu allem Überfluss werden die Fahrräder dann auch noch an den Haltestangen angeschlossen, so dass man auch nichts mehr verschieben kann. Und die Besitzer entfernen sich und machen es sich auf den Sitzplätzen bequem, während ich in meinem Rolli sitzend an der Tür lehne und auf den Zugbegleiter warte.

Wie auch sonst immer ließ dieser auf sich warten. Neu war heute, dass ein Typ dort stand, der, ungehört von den meisten, wenigstens versuchte, für ein wenig Ordnung zu sorgen. "Nun nehmen Sie mal ein wenig Rücksicht! Die Behinderte will auch noch mitfahren! Keine weiteren Fahrräder mehr! Die Behinderte will auch noch mit! Ey! Die Behinderte will auch noch mit! Hallo! Die Behinderte will auch noch mit!" Seine Motivation in allen Ehren, nach dem ungefähr 15. Mal bat ich ihn, das ohnehin wirkungslose Geschrei zu unterlassen und mir nicht noch zusätzlich auf den Keks zu gehen. Was er natürlich genauso wenig verstand wie es ein anderer Typ kurz zuvor verstanden hat, dass ich nicht ungefragt angefasst werden möchte, wenn ich am Hauptbahnhof aus der S-Bahn aussteige. Stichwort: "Selbstbestimmtes Leben." So etwas soll es geben. Und es bedeutet: Ich entscheide, wann ich angefasst werden möchte. Eine Selbstverständlichkeit, die bei behinderten Menschen scheinbar nicht gilt.

Irgendwann kam die Zugbegleiterin. Mitte 50. Sah nur noch das Knäuel aus den gefühlten 100 Fahrrädern und sagte zu mir: "Da passen Sie nicht mehr rein." Na, ach was. - Früher hätte ich das mit einem Schulternzucken seufzend hingenommen, heute antwortete ich, auch wenn es mir schwer fällt, ständig um Rechte (?) kämpfen zu müssen: "Ja, würden Sie da dann bitte mal aufräumen?" Sie guckte mich entsetzt an, überlegend, ob ich das wohl ernst meinen könnte. Ich ergänzte: "Naja, wenigstens eine Durchsage, mit der man die Besitzer zu ihren Fahrrädern bestellt. Anschließen geht jawohl mal gar nicht. Da muss doch ein Fluchtweg frei bleiben, oder? Und bei der Gelegenheit muss auch noch ein Platz für mich drin sein. Oder wollen Sie mich jetzt hier stehen lassen und in einer Stunde proben wir dasselbe Theater noch einmal?"

"Ich kann nichts für Sie tun. Wir fahren in 2 Minuten ab." - "Das mag ja sein, aber nicht ohne mich. Ich bestehe auf mein Recht zur Beförderung." - "Sie sehen doch, dass der Zug voll ist." - "Ja voll mit Fahrrädern. Haben Sachen jetzt schon einen höheren Wert als Menschen bei der Bahn?" - "Diese Diskussion ist lächerlich und die führe ich nicht mit Ihnen." Sagte sie, schaute am Zug entlang und wollte gerade ihr rotes Abfahrsignal heben, als Stinkesocke sportlich an der Dame vorbei auf die offene Tür zufuhr. Ohne Rampe ist der Absatz etwa 30 Zentimeter hoch. Angekippt auf den Hinterrädern schafft es der geübte Rollifahrer, diesen Absatz, wenn auch mit einem gehörigen Rumms, aber dennoch sicher hinabzufahren. Das alles ging so schnell, dass die Zugbegleiterin zwar zu schreien anfing, jedoch es nicht mehr verhindern konnte. Nach drei Sekunden war alles vorbei.

So stand ich auf der eingeklappten Rampe, mitten im Chaos zwischen den gefühlten 100 Fahrrädern. "Sie sind wohl nicht ganz dicht", fuhr sie mich an, als sie nach Abfertigung des Zuges einstieg. Ich überlegte, ob ich ihr bestätigend von meiner Inkontinenz erzählen sollte, entschied mich dann aber für ein: "Das Maß ist gleich voll. Ich lasse mich von Ihnen nicht beleidigen." Der Zug fuhr ab und sie bestand darauf, meinen Fahrausweis zu sehen. Das erste Mal seit Monaten, dass einer meine Wertmarke kontrolliert. Und in Bergedorf, als ich aussteigen wollte, war sie nicht mehr da, obwohl sie wusste, dass ich dort wieder raus will. Hätten mir nicht ein junger Mann geholfen, die Stufe wieder hochzufahren, hätte ich so lange die Tür blockiert, bis jemand persönlich vorbei gekommen wäre.

Statt nun der Bahn zu schreiben, schreibe ich das lieber in meinen Blog. Schreibt man es der Bahn, kann nämlich das Geschilderte entweder nicht mehr nachvollzogen werden, die Zugbegleiterin hat den Fall ganz anders geschildert, ich habe irgendwelche Bestimmungen verletzt oder es handelt sich - wenn gar nichts anderes mehr geht - um einen bedauerlichen Einzelfall, den man nun dankend zum Anlass genommen hat, um den Betriebsablauf künftig zu verbessern.

Aufgemuntert hat mich dann ein weiterer Vortrag unseres Rollstuhlsport-Chefs im Sportverein. Dessen Aufforderung zum Tanz hat mir ja vor drei Wochen schon sehr gefallen. Heute ging es erneut um das öffentliche Bild eines behinderten Menschen. Und um das Bild zu beschreiben, was er am liebsten sieht, wäre "behinderter Mensch" schon verkehrt. Es handelt sich um Menschen, die mit einer Behinderung versehen worden ist, salopp ausgedrückt.

Ich habe vor diesem Menschen ungeheuren Respekt. Um nicht zu sagen: Ich ziehe den Hut vor ihm. Er besitzt einen unheimlich wertvollen Schatz: Den Schlüssel zu den Herzen seiner Mitmenschen. Ich weiß nicht, wie er es macht. Er ist nicht aufdringlich. Sondern eigentlich, wenn man mal überlegt, von sich aus eher im Hintergrund. Aber dennoch: Er hat ein derart feines Gespür für sein Gegenüber (oder auch für Stimmungen in Gruppen), dass man manchmal denkt, er könne hellsehen. Er trifft genau den Ton. Ehrlich, direkt, aber trotzdem so charmant, dass er die schwierigsten Dinge vermitteln kann ohne dass ihm jemand böse ist. Im Gegenteil, man ist dankbar, dass man ernst genommen wird und jemand Klartext redet. Und man weiß trotzdem, dass er sein Gegenüber genauso lieb hat wie die anderen Menschen um ihn herum. Man merkt, dass seine Liebe gegenüber seinen Mitmenschen (ich glaube, das ist die richtige Formulierung) durch die Behinderungen seiner Mitmenschen nicht beeinflusst werden.

Und daher ist es auch äußert glaubwürdig, wenn er sich vor eine Menschenmenge setzt und dafür wirbt, dass es in die Köpfe der Menschen muss, dass Behinderungen Dinge sind, die nicht mit dem Wesen eines Menschen, der mit ihnen versehen worden ist, zu verknüpfen sind. Sondern dass eine Behinderung eine meistens unfreiwillig und ungefragt aufgedrückte Zugabe ist, die diesem Menschen wie ein Schatten durch das Leben folgt.

Es führt zu weit, an dieser Stelle auf den Rest einzugehen. Dafür müsste man hier den ganzen Vortrag abdrucken. Und den ganzen Vortrag habe ich nicht. Aber, um den Kreis zu schließen, dieser Vortrag hätte dem Idioten, der auf dem Bahnsteig stand und 15 Mal wiederholte: "Die Behinderte will mit!" verdammt gut getan. Ich bin eben keine Behinderte. Auch wenn ich im Rollstuhl sitze.

Donnerstag, 5. August 2010

Automatische Drängelfunktion

In Hamburg Bergedorf wird zur Zeit mit großem Aufwand der Bahnhof (einschließlich Busbahnhof) neu gebaut. Die Kosten haben den geplanten Rahmen bereits um mehr als 150% überschritten, wie bei allen öffentlichen Großprojekten. In diesem Zusammenhang hat der Bahnhof Bergedorf auch neue Aufzüge bekommen. Jene, die ich auch benutzen muss, wenn ich mit Öffis zur Therapie ins Krankenhaus fahre.

Es ist kein Geheimnis und es stand auch mehrfach bereits in den Medien, dass die neuen Aufzüge permanent defekt sind. Ein Software-Fehler jagt den nächsten, in der letzten Woche funktionierte der Aufzug zum Gleis 3 und 4 wieder nur sporadisch. Ich würde schätzen, mehr als 85% der Zeit stand er still.

Immerhin scheint die Bahn bemüht zu sein. Heute morgen traf ich dort per Zufall etliche Krawattenträger und Leute im Blaumann, die eifrig diskutierten. Ich schnappte einen Teil der Diskussion auf, während Jana und ich auf den Aufzug warteten, und ich konnte mich nicht zurückhalten. Die Aufzugsfirma präsentierte ein Logbuch, nach dem der Aufzug in der letzten Woche über 98% funktioniert hätte. Während das Weichei von der Bahn schon mit den Schultern zuckte, weil er diesem schriftlichen Beweis nichts entgegen zu setzen hatte, platzte mir der Kragen. "Über 98% der Zeit funktionierte vielleicht das Licht in der Kabine, aber mehr auch nicht."

Auf die erste Empörung lehnte ich mich, auf meine Erfahrungen gestützt, weit aus dem Fenster und behauptete frech in die Runde: "Ich setze Ihnen jetzt sofort mit einer einfachen Alltagssituation diesen Aufzug außer Betrieb. Ohne List und Tücke und ohne rohe Gewalt. Sondern mit einer einfachen Alltagssituation, wie sie hier am Tag vermutlich 20 Mal vorkommt." - "Wer sind Sie denn überhaupt?" fragte der Typ von der Aufzugsfirma.

"Ich heiße Julia und ich benutze das Ding mehrmals pro Woche. Wenn es funktioniert, und mich nicht Reisende die Treppe runtertragen." Ein dickbäuchiger Mann in einem etwas angeölten Blaumann mit DB-Logo auf der Brust wischte sich gerade mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, dann hatte die Arme in die Hüften gestemmt und grinste mich an. Ich glaube, ihm gefiel die Show. Hingegen sagte der Typ von der Aufzugsfirma: "Wir haben jetzt keine Zeit für solchen Unsinn."

Worauf der Krawattenmensch von der Bahn zaghaft wiedersprach: "Naja, lassen wir den beiden Damen doch mal einen Versuch. Wenn das stimmt, können wir doch nur was lernen."

Okay. Spontanes Drehbuch: "Jana fährt mit einer Begleitung runter und kommt wieder hoch. Die Begleitung schiebt Jana in Schneckengeschwindigkeit aus der Kabine nach draußen. Stellvertretend für die alte Oma, die ihren alten Mann schiebt und selbst nicht mehr richtig laufen kann. Ich stehe oben und will in die Kabine, will nach unten fahren. Okay?"

Gesagt, getan. Der dickbäuchige Mann im Blaumann fuhr mit Jana nach unten und kam wieder hoch. Und dann schob er sie in Schneckengeschwindigkeit durch die Lichtschranke. "Noch langsamer", sagte ich. "Sie müssen fast stehen bleiben dabei." Dem Typen im Blaumann schien es Spaß zu machen. Und dann geschah, was geschehen sollte: Der Aufzug spielte verrückt. Der labert sowieso zu viel - aber nun ging es los. "Achtung! Tür schließt." Während Jana drin stand. Die Tür ging 2 Zentimeter zu, dann wieder auf. Vermutlich hat sie gerade noch geschnallt, dass dort gerade jemand rausgeschoben wird. Dann sofort noch einmal: "Achtung! Tür schließt." Wieder 2 Zentimeter, dann ging sie wieder auf. Und sobald sie wieder offen war: "Achtung! Tür schließt." Und wieder auf.

Vermutlich war die "Drei" eine magische Zahl für das Programm. Nun kam: "Bitte geben Sie den Türbereich frei!" Jana war noch nicht einmal draußen, ich noch nicht drinnen. Dazu ein ohrenbetäubendes Gepiepe. Und die Tür schloss sich langsam. In Schneckengeschwindigkeit. Bis sie an die Greifreifen von Janas Rollstuhl stieß. Die Lichtschranke war offensichtlich ohne Funktion. Die Tür ließ sich nicht beirren und versuchte permanent, sich zu schließen. Obwohl Jana dazwischen stand. Ich drückte draußen auf den Taster, aber das nützte auch nichts. Der Typ im Blaumann konnte Jana nicht weiterschieben, ohne die nagelneue Tür zu verschrammen. Die ganze Situation, vor allem mit dem lauten Gepiepe, war extrem nervig. Doch dann, nach etwa 10 Sekunden, wie durch ein Wunder, rauschten die Kabinentüren zurück, das Gepiepe hörte auf und es kam die Ansage: "Anlage außer Betrieb. Bitte räumen Sie die Kabine." Und draußen leuchtete das rote Licht auf.

Gewonnen. Der Typ von der Aufzugsfirma kommentierte: "Das ist die Drängel-Funktion. Wenn nach einer bestimmten Zeit die Lichtschranke nicht freigegeben wird, schließt die Tür langsam. Das trägt zur Erhöhung der Förderleistung bei, weil es verhindert, dass in einem prall gefüllten Aufzug ständig wieder die Tür aufgeht, weil irgendeiner seinen Hintern oder seinen Rucksack nochmal kurz rausstreckt. Und wenn das dann auch nicht funktioniert, schaltet sich der Aufzug aus Sicherheitsgründen ab." Ich kommentierte: "Toll. Und deshalb funktioniert der immer nur eine halbe Stunde?" Daraufhin sagte der Typ: "Wenn hier alle halbe Stunde eienr so langsam aussteigt, könnte das der Grund sein."

"Dann schalten wir doch einfach mal diese Drängel-Funktion für eine Woche aus", meinte der Typ im Blaumann. "Und schauen mal, ob er dann besser läuft." Der Typ vom Aufzugshersteller sagte: "Das geht nicht. Der ist mit Drängel-Einrichtung vom TÜV abgenommen. Wenn Sie das jetzt ohne betreiben wollen, müsste der neu abgenommen werden. Und das kostet richtig Geld." Ich sagte: "Entschuldigung, darf ich mich nochmal einmischen? Hier scheint doch die 'Drei' die magische Zahl zu sein. Drei Mal probiert die Tür, zu schließen, und wenn das nicht geht, kommt dieser Drängelversuch. Kann man die Zahl nicht einfach mal für eine Woche auf 30 oder 50 erhöhen?"

"Das könnte man wohl", antwortete der Typ. Nun bin ich mal gespannt. Stinkesocke rettet die Mobilität hunderter, ach was sage ich, tausender Bergedorfer. Wer baut eigentlich Aufzüge für Menschen mit Mobilitätseinschränkung, die eine Drängelfunktion haben? Und programmiert die so, dass sie beleidigt abschalten, wenn man den Behinderten nicht schnell genug rausgedrängelt bekommt? Einfach irre.

Sonntag, 1. August 2010

Alptraum

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich zuletzt in Hamburg die Straße "Hahnenkamp" zwischen dem Bahnhof Altona und dem dortigen Schnell-Restaurant überquert habe. Es muss Wochen her sein.

Freitag nacht hatte ich einen völlig widerwärtigen Alptraum. Ich weiß nicht mehr wie, aber ich lernte eine Familie kennen, die nichts zu essen, dafür aber bestimmt ein Dutzend Kleinkinder zu Hause hatte. Die waren alle völlig abgemagert. Ich hatte die Aufgabe, mich um eins dieser Kinder zu kümmern. Es war mir verboten, ihm was zu essen zu kaufen oder überhaupt Geld für ihn auszugeben, ich durfte nur seine Zeit vertreiben. Er hat sich gewünscht, am Bahnhof Altona die Fernzüge anzuschauen und war begeistert von ein- und ausfahrenden großen Loks.

Ich erinnere mich, dass ich vor Wochen einen kleinen Jungen dort gesehen hatte, der tatsächlich sehr abgemagert war, und der sich an den Loks begeisterte. Im Gegensatz zu "meinem" Jungen im Traum hatte dieser reale Junge eine Nasensonde und allem Anschein nach hatte er Leukämie. Kahl rasierter Kopf ... naja. Ich habe ihn im Vorbeifahren gesehen, damals. Und seine leuchtenden Augen beim Anblick dieser großen Lokomotiven.

Der Junge in meinem Traum freute sich also auch beim Anblick der Züge. Dann wollte er etwas essen und irgendwie machte ich ihm deutlich, dass ich ihm nichts zu essen kaufen darf. Aber er meinte, er würde da eine Stelle kennen, wo man Essen umsonst bekäme. Ich zögerte einen Moment, dann rollte ich hinter diesem Jungen her. Es war total unheimlich, kalt, nur komische Leute unterwegs, alles in komischen grauen Farben, kaputte Scheiben, schreiende Leute, irgendwo brannte es. Der Junge lief auf die Straße "Hahnenkamp", direkt zwischen Bahnhof Altona und einem Schnellrestaurant. Der Junge kniete sich mitten auf der Straße zwischen den fahrenden Linienbussen hin und begann, an irgendetwas zu lecken. Als ich ihn wegzog, sah ich, dass dort ein Schnuller in den Fugen zwischen dem Kopfsteinpflaster eingeklemmt war. Als ich den Jungen weggezogen hatte, kam ein ekliger Typ und strich diesen Schnuller mit Currysoße aus diesem Schnellrestaurant ein. Der Typ war so unheimlich und die ganze Situation so widerwärtig, dass ich laut schreien wollte.

Das war der Moment, in dem ich schweißgebadet aufwachte. Mein Puls raste, meine schweißnassen Haare klebten auf der Stirn, ich schlief nackt und ohne Decke, war am ganzen Körper schweißgebadet, hatte mich komplett nassgepinkelt und lag mit einem Arm halb draußen und nahezu diagonal im Bett. Ich zitterte am ganzen Körper und als endlich Licht brannte, realisierte ich, dass das alles nur ein Alptraum war. Cathleen kam rein, sah mich, erschrak sich ziemlich und fragte: "Was ist los!? Du hast geschrien wie am Spieß!" - "Ich hab Scheiße geträumt." Sie nahm mich in den Arm und tröstete mich. Und schlief bei mir, nachdem wir das Bett neu bezogen hatten.

Das einzige, was ich am nächsten Tag realisierte, war, dass draußen am Ende der Straße ein Altpapiercontainer gebrannt hatte. Den Brandgeruch hatte ich wohl in meinen Traum eingebaut. Das Fenster war offen, wenn auch nur hinter einem Rolladen.

Und heute kam ich dann zur Straße Hahnenkamp. Und als ich das Kopfsteinpflaster sah, musste ich mich enorm zusammenreißen, um nicht laut zu schreiben. In den Fugen klemmte ein Schnuller. Ohne Currysoße. Aber genauso wie im Traum. Ich schwöre, ich bin hier Wochen nicht gewesen. Ich rätsel nun die ganze Zeit, ob mir das jemand erzählt hat oder ob ich verdrängt habe, dass ich in den letzten Tagen dort gewesen bin und mir das aufgefallen ist. Ich bin völlig verwirrt.