Freitag, 30. April 2010

Kurzes Vergnügen

Die Freude über die Rückkehr in die eigenen vier Wände war nur kurz. Am Montagmittag kam nach ihrer Sprechstunde meine Hausärztin zu einem Hausbesuch vorbei und bestätigte mir das, was Sofie und ich schon vermutet hatten. Die Matratze entlastet die geschädigten Hautpartien nicht so, wie es erforderlich wäre, damit das abheilen kann. Ich konnte mich gar nicht so viel drehen, wie die jeweils unten liegenden Stellen sofort wieder gerötet wurden.

Meine Hausärztin telefonierte gleich von meiner Wohnung aus mit der Klinik, aus der ich einen Tag zuvor entlassen worden war. Die meinten nur: "Dann müssen Sie die Patienten noch einmal vorstellen." Ganz großes Kino. Also habe ich mir gleich wieder ein paar Sachen packen lassen. Nach einer halben Stunde kam ein Krankenwagen. Meine Hausärztin meinte, sie würde mich begleiten, damit das im Krankenhaus voran geht und man sich dort bemüht. Es handelte sich um eine private Krankentransport-Organisation. Ein Sanitäter war total ungepflegt, beide zusammen fühlten sich wohl total cool und fingen an, mich anzugraben, während sie mich auf der Trage zum Auto rollerten. Ich weiß nicht mehr genau, was sie gesagt haben, aber es ging in die Richtung: "Falls die Trage umfällt, hätte ich Freude dran, die Kleine von der Erde aufzuheben. Endlich mal keine alte Oma." Mir war nicht danach, zu fragen, wie oft ihnen denn die Trage umkippt.

Dann haben sie es nicht gerafft, dass die Frau, die mitfuhr und freundlicherweise meine Tasche schleppte, nicht meine Mutter, sondern meine Ärztin war. "Hübsches Mädel haben Sie da", meinte einer. Meine Ärztin überhörte es. Dann meinte er, dass er sie nicht im Krankenwagen mitnehmen kann und sie sich bitte ein Taxi nehmen soll. Sie meinte, sie würde sich neben mich setzen und sich anschnallen. Dann sagte einer zum anderen grinsend: "Lass sie doch!" und beide stiegen vorne ein, nachdem sie mich eingeladen hatten. Der Brüller war, als in der Kieler Straße jemand nach hinten fragte, ob wir etwas dagegen hätten, wenn sie sich kurz einen Kaffee holen würden, sie hätten noch keine Pause gehabt. Ich habe weder Fieber noch zuviel getrunken! Meine Ärztin hat geantwortet: "Lassen Sie den Unsinn! Wenn Sie jetzt nicht auf dem direkten Weg zum Ziel fahren, sorge ich dafür, dass Sie nie wieder im Dienst einen Kaffee trinken."

Als wir dann endlich da waren, nachdem die beiden Experten sich auf dem Gelände auch noch zwei Mal verfahren haben, schaute sich ein Arzt noch einmal meine Haut an und meinte, dass ich weiterhin auf so einem Luftkissenbett liegen müsste. Es seien aber im nahen Umkreis keine solchen Betten frei. Man würde nun eine Anfrage starten, wo das nächste freie Bett ist und dann die Verlegung dorthin organisieren. Die Antwort kam nach 10 Minuten: Im Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum!

Weitere 30 Minuten später befand ich mich auf einem "Ambulance Flight" von Hamburg nach Bochum. Davon mal abgesehen, dass ich lieber nicht wissen möchte, was das Theater kostet, war es ziemlich spannend. Außer dass man liegend nicht viel von allem sieht und nach 90 Minuten der ganze Spuk schon wieder vorbei war. Inzwischen habe ich ein Zweibettzimmer und wieder ein nettes, tolles, brummendes Luftkissenbett. Wie lange noch, ist offen.

Sonntag, 25. April 2010

Wegen Überfüllung entlassen

Seit heute nachmittag bin ich wieder zu Hause. Eigentlich habe ich noch mit mindestens einer weiteren Woche Klinikaufenthalt gerechnet und geplant war es auch anders, aber ich denke, unter den möglichen Alternativen ist es die beste.

Es begann damit, dass heute morgen gegen 8.50 Uhr der Rettungshubschrauber (in der Querschnittszene auch als "Schaschlikbomber" bezeichnet) auf seinem Landeplatz rund 200 Meter von meinem Bett entfernt landete. Das macht der zwar rund zehn Mal pro Tag, und den Lärm, der dabei entsteht, hört man irgendwann nicht mehr - aber diese "Lieferung" kam von einer Hamburger Kupferhütte und brachte einen Patienten mit schwersten Brandverletzungen.

Eine Stunde später hieß es, dass ich mein Bett räumen müsste. Nicht, weil das Brandopfer dort rein sollte, sondern weil von der Station der Schwerbrandverletzten der Zwölfte von Zwölfen in dieses Bett sollte, damit das erste Bett für den Typen aus dem Hubschrauber frei wird. Und da ich ohnehin an letzter Stelle stand, was diese Luftbetten anging, war ich nun diejenige, die eine Woche früher als geplant auf einem Sonntag ihr Bett räumen musste, damit die (schätzungsweise) 20 Leute, die außer mir in solchen Betten lagen, ihr Bett behalten durften.

Zuerst hieß es, ich würde in eine andere Hamburger Klinik verlegt werden, in der es auch solche Betten gibt. Dann wusste man, dass es dort keine freien Betten gab. Dann wollte man mich nach in die Unikliniken nach Lübeck und nach Kiel verlegen, dann in den Friederikenstift nach Hannover. Dort waren jedoch auch nirgendwo freie Spezialbetten. Dann sagte der Arzt, dass es auch möglich wäre, mich in ein Bett zu verlegen, das eine spezielle Matratze habe, die ein Wundliegen von ohnehin geschädigten Hautpartien zwar nicht annähernd so gut verhindere wie dieses Luftkissenbett, aber zusammen mit ständiger Umlagerung wäre das zumindest "verantwortbar". Man kümmere sich.

Dann wurde ich auf eine andere Station verlegt, wo man ein solches "anderes" Bett hatte. Das war zwar nicht mehr angewärmt, aber dafür auch nicht mehr so laut. Bei dieser Matratze liegt man auf Tausenden zehn Zentimeter hohen luftgefüllten und miteinander verbundenen Noppen, die sich exakt an den Körper anpassen und nicht mehr permanent brummen, sondern nur noch beim Umdrehen quietschen und zischen. Allerdings war ich die fünfte Person in einem Vierbettzimmer. Wenn jemand der vier anderen Leute aus dem Raum musste, mussten die Betten im Raum hin und her geschoben werden. Und irgendeiner musste ständig raus.

Dann hieß es, man würde sich darum kümmern, dass ich eine solche Matratze nach Hause bekäme. Wenn ich darauf achte, dass ich mich wirklich alle zwei Stunden drehe und sofort wiederkomme, wenn es schlechter werden würde, könnte man es verantworten, mich zu entlassen. Nichts lieber als das. Ich sprach das mit meiner WG ab. Und gegen 16.30 Uhr kam heute ein Typ aus Rendsburg, der diese Matratze anlieferte. Kurz danach wurde ich dann mit einem Krankenwagen von einem Fahrer und einem übergewichtigen Sanitäter, dessen nackter Bauch zwischen weißem Hemd und Hose hervorschaute, nach Hause gebracht.

Nun soll ich im Bett bleiben, mich alle zwei Stunden drehen, um die verbrühten Stellen zu entlasten (die allerdings schon viel besser aussehen als vor einer Woche) und darf ab Mittwoch für eine halbe Stunde aufstehen. Das soll dann alle drei Tage um eine halbe Stunde erhöht werden. Die nächsten 10 Tage tägliche Kontrolle durch den Hausarzt - ich muss erstmal rausfinden, ob meine Hausärztin überhaupt hierher fährt, da sie ja auf der anderen Seite von Hamburg ihre Praxis hat. Da muss ich morgen mal telefonieren. An Schule ist in den nächsten vier Wochen erstmal nicht zu denken. Schöne Scheiße... aber wenigstens bin ich wieder in meinen eigenen vier Wänden und kann ausschlafen. Auch wenn alle zwei Stunden wecken und neu lagern bestimmt nicht entspannt ist.

Die Leutis aus der WG waren jedenfalls alle sehr lieb zu mir. Die haben nicht nur die Matratze angenommen und sich mit dem Typen von diesem Notdienst aus Rendsburg abgekaspert, sondern auch schon mein Bett bezogen, mir hier alles mögliche ans Bett gebracht, Obst, Abendessen - auch wenn im Krankenhaus alle sehr nett waren, vergleichen kann man es natürlich nicht.

Dienstag, 20. April 2010

Grillparty auf dem Balkon

Vielen Dank für die ganzen Genesungswünsche, als Kommentar oder per Mail. Ich habe mich sehr gefreut. Meiner Haut geht es schon viel besser, es ist also auf dem richtigen Weg, allerdings dauert es noch etwas.

Meine Tischnachbarin, die mit dem kalten Mineralwasser, hat mich heute noch einmal besucht. Die andere, die mit dem heißen Teewasser, hingegen noch überhaupt nicht. Allerdings soll sie sich heute morgen erkundigt haben, wieso ich nicht zum Unterricht kommen würde. Sie hat nicht realisiert, dass ich jetzt erstmal hier ein paar Wochen im Krankenhaus liegen darf und fing angeblich sogar schon an, die Aktion mit dem Krankenwagen als überzogen darzustellen. Natürlich ist der weder mit Lalülala gefahren noch war ein Arzt dabei, aber es war auf jeden Fall gut, dass die Haut so schnell wie möglich entlastet wird und die nassen Sachen von den verbrühten Stellen kommen. Von daher war die Entscheidung mehr als richtig.

Ich habe heute Besuch von einem Außendienst-Typen von der Unfallkasse bekommen. Er wollte, dass ich einen Unfallfragebogen ausfülle. Er meinte, dass er hofft, dass die Tee-Verschütterin eine Haftpflichtversicherung hat, denn die Unfallkasse wird sie vermutlich in Regress nehmen. Wenn das wirklich so ist, könnte diese Tasse Tee richtig teuer werden.

Auf zwei Fragen, die ich per Mail bekommen habe, möchte ich gerne noch eingehen. Erstens: Ich habe von dem heißen Wasser nicht viel gemerkt, da ich in dem Bereich kaum geordnete Empfindungen habe. Es war nicht angenehm und meine Beine fanden das mit Sicherheit nicht witzig, denn ich musste aufpassen, dass die Spastik mich nicht aus dem Rollstuhl rutschen lässt. Zweitens: Ich bin nackig und mit einem Bettlaken zugedeckt, das aber mehr Schutz gegen Blicke und Zugluft ist, da es nicht auf der Haut aufliegt, sondern wie eine Zeltplane über das Bett gespannt ist. Kalt ist mir aber nicht, denn im Zimmer ist es kuschelig warm und die Matratze ist auch auf Körpertemperatur.

Ich habe heute richtig viel Besuch bekommen von den Leuten vom Sport und auch nochmal aus der WG; als die Ärztin reinkam, waren einmal acht Leute zur gleichen Zeit da, und sie fragte: "Was ist denn hier los? Party?!" - Einer von meinen Sportleuten meinte: "Grillparty. Der Kollege holt gerade den Grill aus dem Auto, den wollten wir hier auf dem Balkon aufbauen. Spricht irgendwas dagegen?" - Einen Moment hat sie gezögert, dann antwortete sie: "Nö, legt mir einfach eine Thüringer mit drauf. Mit Senf bitte." Alles klar.

Dann fügte noch eine Sportkollegin hinzu: "Achso, und Jule kriegt erstmal nur Bier. Tee ist für die nächsten zwei Wochen gestrichen, den verschüttet sie bloß." - "Ich hab dich auch lieb", war meine Antwort. Einige kugelten sich schon vor Lachen. Die Ärztin muss gedacht haben, sie ist im Irrenhaus. Genauso schnell wie sie reingestürmt kam, war sie auch wieder draußen. Was sie wollte, weiß ich bis jetzt nicht.

Und Frau Bummel war auch da. Wollte allerdings nur wissen, ob sie was unterschreiben muss. Und war nach fünf Minuten wieder draußen...

Montag, 19. April 2010

Hauptsache Haut

Endlich darf ich wieder sitzen und am Laptop schreiben... seit letzten Freitag bin ich im Krankenhaus und schaue die Decke an. Nicht aufstehen, nicht umdrehen, nicht hinsetzen, zum Essen und trinken am besten mit Strohhalm und Kopf seitwärts im Liegen. Einziger Lichtblick: Ein Flachbild-Fernseher an einem langen Arm, den man so über das Bett schwenken kann, dass man in Rückenlage mit Blick an die Decke was sieht. Da hat mal einer mitgedacht.

Normalerweise bin ich Teamwork eher zu- als abgeneigt, aber seit letztem Freitag muss ich mir das wohl nochmal überlegen. Wir saßen in Sechsergruppen an den Tischen und ...

Ich muss anders anfangen. Wenn man eine Querschnittlähmung hat, sind ja nicht nur die jeweiligen Bewegungen eingeschränkt, sondern auch die Empfindungen in den gelähmten Bereichen und natürlich auch Durchblutung etc. Das kann sehr gefährlich werden: Setzt mal sich zum Beispiel auf einen Schlüssel, würde man normalerweise sofort wieder aufstehen und das Ding unter dem Hintern wegnehmen, weil es weh tut oder zumindest unangenehm ist. Ich merke das jedoch nicht, so dass ich irgendwann davon eine Verletzung bekomme, die dann auch noch sehr schlecht abheilt, weil ja die Durchblutung in dem Bereich eben auch nicht gut ist.

Deswegen wird während der medizinischen Reha nach dem Unfall oder auch bei Nachkontrollen immer wieder darauf hingewiesen, dass man auf seine Haut aufpassen muss. "Hauptsache Haut" ist zum Beispiel im Krankenhaus überall an den Wänden auf irgendwelchen Postern und auf Flyern. Ich hatte einmal eine Mini-Druckstelle, nämlich als ich zum 50. Geburtstag meiner Mutter sollte vor rund 15 Monaten. Das hat mir gereicht. Daher passe ich immer sehr, sehr genau, fast schon peinlich genau, auf, dass ich mich nirgendwo draufsetze, drauflege, mich vorsichtig umsetze und keine spitzen, scharfen oder heißen Sachen auf meinen Schoß lege. Zum Beispiel: Wenn ich ins Bett gehe, schlage ich vorher immer erst einmal die Decke zurück und gucke, ob da irgendwas drinliegt, was da nicht reingehört. Manchmal werfe ich tagsüber doch mal etwas drauf, was da sonst nicht hingehört, und das rutscht dann unter die Decke oder ähnliches.

Wir saßen also in Sechsergruppen an den Tischen und sollten auf einem A2-Poster so ein komisches Schema aufmalen in der Gruppe und während eine Mitschülerin dieses Poster ausrollt auf dem Tisch, schiebt eine andere einen Becher heißen Tee (heißes Wasser, der Teebeutel hängt noch drin, gerade frisch aufgebrüht) bis 5 Zentimeter vor die Tischkante, direkt dort, wo ich sitze. Ich habe gerade einen Stapel Hefte und 10 dicke Edding-Stifte für das Plakat in den Händen und sage sofort: "Nee, stell die Tasse bitte woanders hin, nicht dass mir das noch über den Schoß kippt." - Die Mitschülerin sagt: "Alter, nun entspann dich doch mal!" Die mit dem Poster sagt: "Komm, bevor es Theater gibt...", greift nach der Tasse, verfehlt sie und kippt mir das heiße Wasser mitsamt der Tasse über den Schoß.

Ich habe nur den ganzen Kram, den ich in der Hand hielt, auf den Tisch geschmissen und wollte zum Waschbecken, aber meine Tischnachbarin, auch Rollstuhlfahrerin, hatte schon geistesgegenwärtig ihre Wasserflasche in der Hand und kippte mir die 1,5 Liter kaltes Mineralwasser über den Schoß. Der Lehrer kam an und sagte: "Was macht ihr denn da? Was soll denn sowas?" Meine Tischnachbarin antwortete: "Jaja, rufen Sie lieber mal einen Krankenwagen."

Ergebnis: Beide Oberschenkel verbrüht und zwar sowohl vorne als auch seitlich als auch zum Teil hinten. Die schlechte Nachricht: Mindestens zwei Wochen stationäre Behandlung. Und das Haus ist voll, eventuell werde ich noch verlegt. Ätzend! Die gute Nachricht: Es hätte wesentlich schlimmer kommen können. Das verdanke ich wohl meiner Tischnachbarin, die gleich kaltes Wasser hinterhergekippt hat. Es ist nichts offen, es tritt keine Feuchtigkeit aus, es ist nur knallrot und glüht. Derzeit liege ich in einem Luftkissenbett. Keine Wechseldruckmatratze, bei der sich alle paar Minuten andere Kammern aufblasen, sondern ein Luftkissen, vergleichbar mit einer Hüpfburg. Unter mir wird Tag und Nacht warme Luft durchgeblasen und wenn man sich bewegt, schwingt der ganze Kram wie eine große Hängematte. Unter mir ist ein riesiger Blechkasten und das Ding macht einen Lärm wie eine große Kühltruhe. Laut Typenschild (Liam musste gleich nachschauen) ist das Betriebsgeräusch 58 db(A).

Aber es gibt schlimmeres. Meine ganzen Leutis aus der WG waren schon hier und meine Tischnachbarin aus der Schule, ich habe ein Einzelzimmer (schön Fernsehen und Musik hören) und das Personal ist auch nett und wenn ich Glück habe, bin ich bald wieder raus.

Mittwoch, 7. April 2010

Erschrocken und entsetzt

Manchmal ist die Schulbehörde ja sehr schnell. Ich hatte bereits heute eine (erste) Antwort auf meinen Brief vom letzten Donnerstag. Ich möchte sie meinen Lesern nicht vorenthalten:

"Sehr geehrte Frau ..., vielen Dank für Ihr Schreiben vom 01.04.10, gerichtet an die Senatorin Christa Goetsch. Frau Goetsch hat mich gebeten, Ihnen zu antworten. Bitte erlauben Sie mir zunächst, Ihnen mein Mitgefühl für Ihre Behinderung und meinen Respekt vor Ihrer Willensstärke auszudrücken. Selbstverständlich dürfen Sie davon ausgehen, gerade von staatlichen Stellen nicht wegen Ihrer Behinderung benachteiligt oder gar diskriminiert zu werden. Über Ihre Schilderung bin ich gleichermaßen erschrocken und entsetzt. Ich habe Ihr Schreiben zum Anlass genommen, eine Untersuchung dieser Angelegenheit einzuleiten. Diese wird voraussichtlich ein bis zwei Wochen in Anspruch nehmen. Bis dahin bitte ich Sie um Geduld. Mit freundlichen Grüßen"

Ich glaube nicht, dass viel mehr passiert. Aber wenigstens scheint man auf die Sache aufmerksam geworden zu sein.

Dienstag, 6. April 2010

Peinlichkeiten - Heimlichkeiten

Nun ist sie wieder weg. Es war ein aufregendes Osterwochenende. Und der Höhepunkt war unser Straßentraining in der Nacht auf Ostermontag. Wir alle hatten eine viel zu lange Winterpause, aber für Lisa war es das allererste Mal. Bisher hatte sie nur auf dem Sportplatz, in der Sport- und in der Schwimmhalle trainiert. Ich erinnere mich noch sehr gut an mein erstes Straßentraining, an dem ich teilgenommen habe, bevor ich mir so recht überlegen konnte, ob ich das überhaupt wollte.

Dass das nachts stattfindet, hat lediglich den Grund, dass nachts kaum Verkehr auf den Straßen ist. Auch wenn man mit Rennrollstühlen locker 30, teilweise sogar 50 km/h erreichen kann, die Beschleunigung und die Verzögerung entsprechen nicht dem eines normalen Autos, daher wäre unser Training im normalen Straßenverkehr ein absolutes Verkehrshindernis. Wir wurden von Tatjana ausdrücklich schon per Mail darauf aufmerksam gemacht, dass durch den Winter viele Straßen kaputt sind und wir jederzeit mit tiefen Schlaglöchern rechnen müssten. Sie ist die Strecke vorher mit dem Auto abgefahren und es gibt derzeit noch zwei ganz heftige: Eins an der Buskehre Övelgönne und eins in der Ebertallee, kurz vor dem Osdorfer Weg. Aber auch weniger heftige, die für Autofahrer kaum merkbar sind, können für Rennräder oder Rennrollstühle schon gefährlich werden.

Die Strecke war 26 Kilometer lang, in erster Linie verlief sie über die Elbchaussee stadteinwärts, dann durch den Halbmondsweg in Richtung Luruper Hauptstraße und von dort noch ein einer Schleife über die Elbgaustraße zu einer Sporthalle, in der wir nachts noch duschen und die Rennrollstühle unterstellen und am nächsten Tag reinigen können (sofern sich nicht sowieso schon der Hausmeister die Stühle mit einem Hochdruckreiniger vornimmt, was er immer sehr gerne macht). Einige, wie zum Beispiel Simone oder Yvonne nehmen ihre Stühle auch immer selbst wieder im Auto mit.

Da es sich nicht um einen Marathonwettkampf handelt und gerade, wenn wir lange nicht trainiert haben und neue Leute, wie Lisa, dabei sind, fahren wir ja nicht die ganze Zeit Höchstgeschwindigkeit, so dass man für die Strecke mindestens zwei, eher drei Stunden einplanen muss. Drei Stunden ist gerade für Neulinge eine enorme Herausforderung. Die Körperhaltung mit stark angewinkelten Beinen ist anstrengend, ebenso die Belastung der Hände, der Arme und der Schultern. Muskelkater ist vorprogrammiert. Besonders wichtig ist bei diesen Nachttemperaturen auch, dass es nicht regnet. Was im Sommer durchaus angenehm sein kann, ist zu dieser Jahreszeit ein ernsthaftes Problem, man würde wirklich zu schnell auskühlen. Zumal man keine Regenkleidung tragen kann und auch keine Kleidungsstücke tragen sollte, die sich im Rad verfangen könnten.

Pflicht ist auf jeden Fall ein Fahrradhelm, dazu gibt es eine Empfangseinheit mit Knopf im Ohr, damit man hört, was die Trainerin im Begleitfahrzeug sagt. Wenn man etwas langärmliges trägt, müssen die Ärmel auf jeden Fall ganz eng anliegen, empfehlenswert sind Armwärmer aus dem Rennradsport. Ansonsten kann man ein oder mehrere T-Shirts tragen, eventuell auch über einem Einteiler, der aus Oberteil und Hose besteht. Bei der Hose ist es besonders wichtig, dass sie keine Falten hat, da man sich sonst sofort Druck- und Scheuerstellen holt, was bei Leuten, die ihre Beine nicht spüren, in doppeltem Maße schlimm ist: Sie merken es nicht und wegen schlechter Durchblutung der Beine heilen Verletzungen auch kaum ab. Mit einem aufgeschlagenen Knie kann man locker schonmal ein Jahr zu tun haben. Schuhe gibt es keine. Wenn man, so wie Yvonne, regelmäßig seine Socken verliert, sollte man versuchen, eine Hose oder einen Einteiler mit Füßen zu finden. Die Füße hängen in der Luft, über der Straße, unter dem Gesäß.


Auf dem Foto kann man eine Sache sehr genau erkennen: Während man auf dem Sportplatz höchstens mal mit etwas Sand und Staub zu kämpfen hat, darf man bei einem Straßentraining oder sogar Straßenrennen nicht zimperlich sein. Rennrollstühle sind zum Geradeausfahren gebaut, da kann man nicht jeder Pfütze ausweichen. Auch die Autos, die einen überholen, tun das meistens nicht. Gerade auf nassen Straßen sieht man hinterher aus wie eine Drecksau: Der ganze Schmutz spritzt hinter dem Vorderrad hoch und je nach Geschwindigkeit auch gerne mal bis zu den Füßen oder Knien. Und alles, was die Hinterräder aufwirbeln, bekommt man gegen Rücken, Schultern und Ellenbogen.

Gerade bei Intervalltraining oder so genannten Pyramiden, wo Leistung entweder ein paar Mal hintereinander in einem festen Zeitrahmen abgerufen wird oder wo in vorher festgelegten Intervallen Höchstleistungen für eine zu- und später wieder abnehmende Zahl von Minuten abgefordert wird, hat man keine Chance, sich um rinnende Schweißströme, die einem über das Gesicht laufen und unter dem Helm zu jucken anfangen, zu kümmern. Genauso wenig um laufende Nasen oder eine verschleimte Kehle. Wie man so genannte Rotzraketen so abfeuert, dass man sich nicht selbst damit im Fahrtwind beschießt oder sich komplett die Schultern oder Knie vollschnoddert, hat man irgendwann mehr oder weniger drauf.

Und auch das leidige Thema, dass man in den zwei bis drei Stunden, gerade wenn man viel trinkt, um nicht zu dehydrieren und keine Bauchkrämpfe zu bekommen, ständig pinkeln muss, ist jedes Mal wieder aufs Neue aktuell. Gerade bei Menschen, die eine Rückenmarkverletzung oder -erkrankung haben, ist die Blasenkontrolle ja häufig unterbrochen. Einige lassen sich den Blasenmuskel durch Medikamente (wie Oxybutynin oder hochdosiertes Tolterodin) lähmen, so dass sich die Blase niemals von alleine entleert (sondern sich das eher in die Nieren hochstaut, wenn man nicht rechtzeitig mit einem Einmalkatheter durch die Harnröhre die Blase entleert), andere tragen Pampers, die das, was unkontrolliert rausläuft, aufsaugen. Beides ist mit stundenlangem Training oder bei Wettkämpfen nicht besonders kompatibel, denn zwischendurch unter möglichst sterilen Bedinungen am Straßenrand zu kathetern, gestaltet sich sehr schwierig und zeitaufwändig, und im Rennrollstuhl Pampers zu tragen bedeutet vorprogrammierte Druck- und Scheuerstellen. Irgendwie haben wir aber bislang immer eine Lösung gefunden: Sobald das Training über 2 Stunden geht, werden 10 bis 15 Minuten Pause für die Kathetermäuse eingelegt. In Wettkämpfen, die länger als 90-120 Minuten dauern, muss vorher mit dem Arzt die Medikamentendosis einmalig so angepasst werden, dass sich das nicht in die Nieren hochstauen kann (also von alleine rausläuft - das, was man sonst mit den Medikamenten gerade verhindern will). Die kurze Halbwertszeit dieser Medikamente ist hier eindeutig von Vorteil. In jedem Fall ist dieser Sport, wenn man ihn professionell betreibt, bei Menschen mit Rückenmarksverletzung in dieser Beziehung immer eine ziemliche Sauerei. Man kann sich darüber aufregen, sich davor ekeln oder es einfach als gegeben hinnehmen, hinterher gründlich duschen, die Klamotten waschen und den Rollstuhl reinigen.

Anders ist es allerdings bei Spastikern, die meistens volle oder nur leicht eingeschränkte Kontrolle über ihre Blase haben. Da ist ja kein Nervenkanal unterbrochen, lediglich eine Schädigung im Gehirn führt zu Bewegungslähmungen oder unkontrollierten Muskelspannungen. Die können im Alltag meistens auch ganz normal auf Toilette gehen, manche haben lediglich kein gut ausgebildetes Gefühl dafür, wann es mal wieder sein muss. Lisa, die durch ihren frühkindlichen Hirnschaden eine spastische Lähmung hat, gehört zu jener Gruppe rollender Behindis, die ganz normal auf die Toilette gehen kann. Womit wir endlich wieder beim Thema "Lisa" wären, die zu diesem berühmt-berüchtigten Thema einen großen Beitrag geleistet hat, den ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte.

Lisa war bereits den ganzen Ostersonntag Feuer und Flamme und der Tag konnte nicht schnell genug vorbei gehen. Sie fragte sowohl Cathleen als auch Simone, die bei Cathleen zu Besuch war, als auch mir permanent irgendwelche Löcher in den Bauch. Ob schonmal jemand eingeschlafen ist mitten in der Nacht, ob wir schonmal von der Polizei angehalten oder von einer Radarfalle geblitzt wurden, ob sich schonmal jemand verletzt hat, wie cool es wohl wäre, mit der ganzen Horde mal bei Mc Donald's durch die Drive-In-Spur zu fahren ... bis dann irgendwann die Frage kam, ob unterwegs irgendwo ein Klo ist. Cathleen verneinte das mit den Worten: "Nach zwei Stunden gibt es eine Pause, wo nachts keiner ist, so lange musst du entweder aushalten oder vorher in die Hosen machen." - Lisa wären fast die Augen rausgefallen. Sie guckte von einem zum anderen. Simone bestätigte: "Ja, ist so. Wir machen da ernsthaft Sport und keinen Eiertanz. Du bist da auch nicht auf einer Beautyfarm. Glaubst du, bei einem Marathon oder Triathlon halten die Sportler unterwegs an und werfen irgendwo eine Münze ein für ein öffentliches Klo, während die Konkurrenz in aller Seelenruhe überholt?"

Die Unterhaltung hatte zur Folge, dass Lisa uns zu diesem Thema bis in alle Einzelheiten ausfragte. Sie kannte ja etliche Leute bereits vom Training auf dem Sportplatz. Sie wollte nun wirklich im Detail über jeden einzelnen Bescheid wissen ("Und wie ist das bei der?") - und ihre größte Sorge kam zum Schluss: "Nur mal angenommen, also wirklich nur mal angenommen, wenn mir das auch passieren sollte, erzählt ihr das dann meinen Eltern?" - "Möchtest du das vor ihnen verheimlichen?" - "Das ist doch richtig peinlich!" Soso *lach*.

Am Ende hat sie sich in unser Team super eingefügt. Es war zwar kalt, aber nicht zu kalt, und trocken. Niemand ist über ein Schlagloch gestürzt, alle waren noch besser in Form als befürchtet und alle waren froh, als sie am Ende im Bett lagen. Lisa wäre fast schon beim Duschen eingeschlafen, so fertig war sie. Und sie hat 12 Stunden am Stück geschlafen, nicht einmal mitbekommen, dass ich, als ich ausgeschlafen hatte, aufgestanden bin. Ja, Erschöpfung nach Sport kann sehr angenehm sein.

Als am Abend die Eltern kamen und sie abholten, redete sie ohne Punkt und Komma. Von dem kleinen Mann im Ohr, von Fahren im Scheinwerferlicht, von verschiedenen Trainingsaufgaben und von den mindestens 10 Streifenwagen, die uns mit Blaulicht entgegen gekommen sind und vermutlich zu einer Massenschlägerei auf der Reeperbahn oder in der Schanze wollten. Die Eltern haben sich bei uns mindestens 20 Mal bedankt. Ich glaube, sie haben es nicht bereut, mal ein Wochenende ohne ihre Tochter wegzufahren und ich glaube, die Tochter hat es nicht bereut, mal ein Wochenende etwas getan zu haben, was ganz viel Spaß macht.

Sonntag, 4. April 2010

Ballamann, Dildos und DSDS

Seit gestern abend ist Lisa bei uns. Wir haben uns getroffen, um mit ihr gemeinsam über das Volksfest zu gehen. Sofie, Frank, Lina und Liam, Jana und zwei Freunde von Lina waren auch noch dabei, also sechs Rollifahrer und drei Fußgänger insgesamt. Die Leute glotzten natürlich wieder, als wäre eine Gruppe Behindis spannender als die ganzen Fress- und Fahrgeschäfte, aber das ist ja nichts neues. "Drei Betreuer für sechs Behinderte? Die sparen aber auch wo sie können", regte sich ein älterer Herr auf und seine Frau stimmte ihm zu. So kurios das auch klingt, es ist nicht erfunden.

Die Frage, ob wir nur am Wochenende rausdürfen oder heute einen Ausflug machen, haben wir mal nicht gehört, den Spruch mit der 30-Zone dafür aber umso öfter. Lisa wollte in jedes dritte Karussell rein und die Schausteller sind allesamt sehr behindertenfreundlich. Überall wurde uns geholfen, man hatte fast das Gefühl, die kräftigen Jungs, die sonst Karten abreißen oder schauen, ob die Bügel richtig geschlossen sind, waren froh, mal ein paar sexy Mädels auf den Arm nehmen zu dürfen. Man muss dann echt ein dickes Fell haben, denn die umstehenden Leute gaffen in solchen Momenten, teilweise sogar mit offenen Mündern. Aber die Hauptsache ist, wir haben unseren Spaß, und den hatten wir bestimmt.

Anschließend fragte ich Lisa: "Und nun? Noch ne Runde über den Kiez?" - Grinsen und eifriges Nicken. Jede Wette, dass sie dort noch nie gewesen ist. Wir gingen in den Ballamann, das ist ein Indoor-Beach-Club gleich am Anfang der Reeperbahn, und bestellten uns einen Eimer Sangria. Und eine Fritz-Kola für unseren Nachwuchs... Sie wollte natürlich auch einen eigenen Strohhalm haben. "Ein winziger Schluck ist okay, hat mein Papa gesagt!"

Um kurz vor elf, als eigentlich noch gar nichts los war, zogen wir noch ein kleines Stück über die Reeperbahn. Lisa wollte unbedingt in einen der Sexshops. Ich habe mich ein bißchen dumm gestellt, mir das Schaufenster angesehen und dann gesagt: "Nö, da will ich nicht rein. Was haben die denn hier für komische Küchengeräte ausgestellt? Das ist ja öde." Lisa grinste: "Ich weiß, wofür die sind."

"Nun sag bloß", nahm Sofie sie auf den Arm. Sie merkte es nicht: "Na klar, ich bin nicht so naiv wie du denkst! Das sind Vibratoren. Eine Freundin von mir hat auch sowas. Aber die hat alles, das ist langweilig." - "Och du, so langweilig sind die nicht", sagte ich. Sie guckte mich mit großen Augen an: "Hast du auch so einen?" Ich grinste. Sie sagte: "Du verarschst mich. Sag mal wirklich: Hast du einen?" Ich nickte.

"Jetzt kommt es raus", sagte Frank. Lisa setzte noch einmal nach: "Nein, jetzt sag doch mal in echt. Hast du wirklich sowas?" - "Ja! Wirklich." - "Schwörst du?" - "Ich schwöre." - "Wahnsinn." - "Aber ohne Batterien." - "Das ist dann aber ein Dildo!" Ich musste mich arg zusammenreißen. Sie war so süß. Und wollte natürlich alles andere als süß sein.

Als wir wieder zu Hause waren, stand zur Entscheidung, ob wir "früh" ins Bett gehen oder noch die Aufzeichnung von DSDS schauen. Mich interessiert das nicht wirklich, aber Lisa war Feuer und Flamme. Also haben wir uns im Gruppenraum zu siebt auf das Sofa gepackt (ja, es ist groß genug), uns zugedeckt und uns angeschaut, wie sich Kim aus dem Viertelfinale gesungen hat. Es war noch nicht ganz vorbei, als zwischen uns jemand tief und fest schlief...

Freitag, 2. April 2010

Soooo süß

Eigentlich sollte sie mit ihren Eltern über die Ostertage auf eine Ostsee-Insel fahren, aber Lisa hat scheinbar so lange gezetert, bis die Eltern entnervt den dickköpfigen Plänen ihrer Tochter zugestimmt haben. Lisa ist 14, wird aber in diesem Jahr noch 15 (wie sie ständig betont, wenn man sie nach ihrem Alter fragt), ist Einzelkind, lebt mit ihren Eltern in einer ziemlich großen Luxusvilla (mit Personal wohlgemerkt) in den so genannten "Elbvororten" Hamburgs, also in einem Nobelviertel, und ist sehr verwöhnt. Ich glaube, sie hat inzwischen drei Laptops (eins für zu Hause, eins für die Schule und eins für unterwegs), ein I-Phone - und was das Kind halt noch so braucht. Ich weiß auch, was die Eltern beruflich machen, aber wenn ich es hier schreiben würde, wären Rückschlüsse auf die Familie für jeden meiner Leser ganz einfach möglich, und ich glaube, das kommt nicht so gut an. Also fasse ich es nur mit Linas Worten zusammen: "Die Eltern haben richtig Asche."

Die viele Asche konnte zwar Lisa nicht vor einem frühkindlichen Hirnschaden bewahren, kann aber sicherlich deren Auswirkungen etwas erträglicher machen. Während die Angehörigen und Freunde anderer Kinder, die wesentlich schwerer eingeschränkt sind als Lisa, alle Hebel in Bewegung setzen, um die einfachsten Therapiemaßnahmen irgendwie finanziert zu bekommen, war Lisa letzten Sommer zum dritten Mal bei einer Delfin-Therapie, fährt für so ein ganzheitliches Gedöns mindestens einmal im Jahr zur Kur ins Ausland, fährt die neuesten und besten Rollstühle und -man glaubt es kaum- hat einen eigenen persönlichen Fahrdienst. Während wir in einer Zwölfergruppe über das Volksfest ziehen, schaut ein bestimmt nicht schlecht bezahlter Fahrer in einem großen Volvo mit Standheizung auf dem Parkplatz Deutschland sucht den Superstar. Und ist selbstverständlich jederzeit über Handy, ähm, I-Phone direkt erreichbar und innerhalb von 150 Sekunden persönlich zur Stelle. Lisa geht auf eine private Schule und schafft durch die intensive Förderung vermutlich ihren Hauptschulabschluss. Sie ist zwar kein Dummchen, denkt und redet aber verlangsamt und ist in ihren Bewegungen durch den erhöhten Muskeltonus (Spastik) eingeschränkt.

Was ich jedoch sehr positiv finde, ist, dass weder Lisa noch die Eltern wirklich abheben. Wenn man sich den Luxus leisten kann, wäre es albern, darauf zu verzichten. Solange das nicht als Maß aller Dinge im Vordergrund steht, man nicht auf andere herabschaut, und solange es alles noch einen Sinn macht und nicht nur noch das Ziel hat, anzugeben, finde ich es okay. Dass es dieses Ziel nicht hat, davon bin ich inzwischen überzeugt. Sie macht Rollstuhlsport bei mir im Sportverein. Dort gab es im letzten Sommer, als sie noch 13 und ich noch im Krankenhaus war, ein Sportfest für Kinder und Jugendliche und, und das wurde mir nun schon mehrfach erzählt, Lisas Eltern waren beide dort und sind immer diejenigen, die die Ärmel am weitesten hochkrempeln. Der Vater stellte sich spontan mit Jeans und T-Shirt und Chefkochschürze an den Grill und hat für 150 Leute die Würstchen gewendet und für die Väter Bier gezapft, die Mutter hat zusammen mit anderen Eltern hunderte Brötchen belegt und zwischendurch immer wieder Teller in einem Waschbecken abgewaschen.

Lisa kommt seit einiger Zeit in meine Trainingsgruppe, ist auch ein paar Mal schon auf dem Sportplatz einige langweilige Runden mitgefahren, war beim Schwimmen und macht einen recht guten Job. Irgendwann brachte sie mal der Vater zum Training. Als wir vor dem Training in der Runde standen und quatschten, kamen Lisa und er dazu, er gab allen die Hand, auch seiner Tochter, die er gerade abgeliefert hatte, und die ihm erstmal einen Vogel zeigte: "Papa du bist so albern, das ist voll peinlich mit dir." Er war sehr interessiert und ließ sich alles erklären, als Lisa im (geliehenen) Rennrollstuhl saß und ihre erste Runde gedreht hatte. Als sie äußerte, dass sie gerne langfristig dabei bleiben möchte, dachte ich gleich, Papa kauft ihr jetzt ein Handbike und einen Rennrollstuhl für jeweils 10.000 Euro und in zwei Jahren ist sie rausgewachsen, aber: "Solange du hier einen Stuhl leihen kannst, leihst du dir einen, wie andere Anfänger auch. Im neuen Mercedes mit 1.000 Fahr-Assistenten lernt man auch nicht das Autofahren. Das lernt man im alten VW Golf mit 300.000 Kilometern, der an jeder Ampel erstmal aus geht. Wenn man den sicher beherrscht, man seine ersten drei Poller umgefahren hat und das Ding innen lauter klappert als das Radio spielen kann, dann kann man mal nachdenken, wie man sein Geld sinnvoll investiert."

Zurück zum Osterwochenende: Lisa will unbedingt am Ostersamstag mit uns über das Volksfest und in der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag mit uns am ersten Straßentraining des neuen Jahres teilnehmen. Tatjana hatte das ausdrücklich erlaubt, sie meinte, Lisa wäre eine Kandidatin dafür. Normalerweise ist Ostern kein guter Termin, jedoch wollen etliche von uns auf einige Wettkämpfe in diesem Jahr und haben durch den langen, schneereichen Winter ein erhebliches Trainingsdefizit. Lisa hätte problemlos auch beim zweiten oder dritten Training einsteigen können, aber was sie sich in ihren Dickkopf gesetzt hat, stößt sie nicht wieder um. Von gestern bis morgen will sie bei ihrer Oma schlafen, morgen abend mit uns über das Volksfest und dann bis Montagabend bei uns "wohnen". Am Ende haben die Eltern zugestimmt.

Cathleen und ich kennen Lisa schon vom Sport, Lina und Liam kennen die Familie - insofern ist das für uns kein Problem. Lisa ist -wie viele Kinder und Jugendliche mit frühkindlichem Hirnschaden, sofern sie nicht so schwer körperlich beeinträchtigt sind, dass sie auf Pflege angewiesen sind- absolut zahm und lieb, man könnte sogar sagen, sie frisst einem aus der Hand. Zwar weiß sie genau, was sie will, ich habe sie aber noch nie zickig oder schlecht gelaunt erlebt. Sie ist bildhübsch, sieht ein wenig aus wie ein blonder Engel, und wäre so gerne 5 Jahre älter und schon erwachsen. Das ist soooo süß!!! Sie will unbedingt zu den "Größeren" dazugehören, saugt das Leben, das jenseits ihres Luxus-Alltags passiert, wie ein großer Staubsauger ein, ohne auch nur die Hälfte davon richtig zu verstehen, und versucht jedem bewusst unterschwellig klar zu machen, dass sie eigentlich schon erwachsen ist. Aber eben auf eine sehr niedliche Art, weil sie noch nicht merkt, dass ein Erwachsener, der erwachsen ist, ja sich nicht mehr bewusst als erwachsen ausgeben muss.

Als der Vater Lisa vorgestern vom Schwimmen abholte und uns fragte, ob es wirklich okay sei, wenn Lisa bei uns schläft, fragte ich, ob Lisa eine Wertmarke hätte. Der Vater wusste nicht, was das ist. "Naja, Rollstuhlfahrer dürfen öffentliche Verkehrsmittel unentgeltlich benutzen, wenn sie eine so genannte Wertmarke dabei haben, die man beim Versorgungsamt beantragen kann." - "Meine Tochter fuhr sonst nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber wenn sie das mit euch künftig macht, dann beantragen wir so etwas. Für Ostern ist es zu spät, da soll sie sich dann eine Fahrkarte kaufen." Ob wir gemeinsam essen würden, fragte er. Was für eine Frage! Dann wollte er uns 50 Euro in die Hand drücken: "Sie isst und trinkt drei Tage, verbraucht Wasser und Strom, dafür sollt nicht ihr aufkommen." - "Sie darf gerne unser Gast sein", sagte ich.

"Akzeptiert. Lisa, dann lädst du deine Gastgeber aber einen Abend zum Essen ein. Oder ihr bestellt euch eine Pizza. Oder ihr kocht zusammen und du bezahlst den Einkauf. Hörst du!?" - "Ja Papa, ich krieg das schon hin." - "Und passt bitte gut auf sie auf, ich verlasse mich auf euch. Lasst sie nicht irgendwo alleine, ich habe Angst, jemand könnte sie entführen." - "Bitte was?" - "Es gab vor Jahren schon einmal einen Versuch. Mit so einem Risiko lebt jedes Kind reicher Eltern. Wenn etwas komisch ist, zögert nicht die Polizei zu rufen." Ach du Scheiße. Das hatte gerade noch gefehlt. "Achso und ein Bier darf sie mittrinken. Und alles andere darf sie probieren, aber nur einen winzigen Schluck. Sie verträgt nichts und sie ist auch erst 14 und ich möchte kein Besäufnis oder dass sie irgendwas raucht oder irgendwelche Partydrogen einwirft." Was für Sorgen der sich macht und was der von uns denkt! "Ich werde dieses Jahr 15", fügte Lisa hinzu.

Morgen abend ist es soweit - ich bin sehr gespannt und freue mich sehr auf sie. Sie wird bei mir im Zimmer schlafen. Ob, wie die 19-jährige von letzter Woche, auf einer selbstaufblasenden Matratze am Boden oder mit in meinem Bett, überlasse ich ihr.

Donnerstag, 1. April 2010

Wer sucht, der findet

In den ersten beiden Wochen im Juni müssen wir von der Schule aus ein Praktikum machen. Also in zwei Monaten, allerhöchste Zeit, loszuziehen, nach möglichen Stellen zu fragen und sich zu bewerben. Es muss etwas aus dem Bereich Pädagogik / Psychologie sein.

Als erstes habe ich mich in zwei Schulen für Menschen mit Lernbehinderungen umgesehen. In der ersten Schule hieß es, dass man grundsätzlich keine Schülerpraktikanten nehme, in der zweiten ging man sogar noch einen Schritt weiter. Die Mitarbeiterin im Sekretariat erklärte: "Wir sind eine Schule für Lernbehinderte, nicht für Körperbehinderte." Ich fasste noch einmal nach: "Nein nein, mir geht es in erster Linie auch um Schüler mit Lernbehinderung, nicht um solche mit einer Körperbehinderung."

Sie antwortete: "Ja, aber du bist körperbehindert und wir sind eine Schule für Lernbehinderte." Ich glaubte, dass sie mich immernoch nicht verstanden hatte: "Ich suche keinen Schulplatz, ich möchte nur zwei Wochen Praktikum machen." Nun wurde sie frech: "Das habe ich schon verstanden, aber ich erläutere es gerne auch für nicht Lernbehinderte noch ein drittes Mal: Wir sind keine Körperbehindertenschule."

Wahrscheinlich wollte sie ausdrücken, dass die Schule nicht rollstuhlgerecht ist. Was ich aber nicht verstehen kann, denn laut Verzeichnis sei sie rollstuhlgerecht. Egal. Ich überlegte, was mehr bringen würde: Sie gleich als Arschloch zu beschimpfen oder mich über ihr arschiges Verhalten schriftlich zu beschweren. Ich entschied mich für das zweite, erfuhr dann aber von Frank, dass es wenig Sinn machen würde, da im Zweifel Aussage gegen Aussage stehe. Dennoch könnte es aber sein, dass sie bereits öfter mit solchen Dingen aufgefallen ist oder man zumindest hellhörig wird. Daher habe ich mit ihm zusammen eine Mail geschrieben:

"Sehr geehrte Frau Senatorin Goetsch, nach einer einjährigen krankheitsbedingten Unterbrechung versuche ich zur Zeit, mein Abitur an der ...-Schule zu absolvieren. Im Juni steht ein zweiwöchiges Praktikum an, das einen pädagogisch-psychologischen Einschlag haben soll. Meine Lehrer empfahlen mir, mich an der ...-Schule für lernbehinderte Menschen zu bewerben. Nachdem ich mich in einem Verzeichnis vergewissert hatte, dass die Schule rollstuhlgerecht (und damit auch für mich zugänglich) ist, suchte ich heute das Sekretariat dieser Schule auf und fragte nach der Möglichkeit eines Schülerpraktikums. Ich bin davon ausgegangen, dass ich mich als Schülerin, die im Rollstuhl sitzt, denselben Kriterien stellen müsste wie meine nicht behinderten Mitschüler. Dass ich jedoch schon aufgrund meiner Körperbehinderung im Vorfeld abgelehnt werden würde und die Mitarbeiterin der Schulbehörde mich mit Bezug auf meine Behinderung beleidigt, verletzt mich nicht nur sehr, sondern ruft gerade mit Blick auf die (lern-) behinderten Schüler dieser Schule absolute Fassungslosigkeit hervor. Ihre Mitarbeiterin versuchte mir mittels eines Wortspiels zu erklären, dass es sich um eine Schule für Lernbehinderte, nicht für Körperbehinderte (wie mich) handele. Weil mir weder der Sinn des Wortspiels noch die Rolle meiner Körperbehinderung bei der Bewerbung um einen Praktikumsplatz deutlich wurden, fragte ich insgesamt zwei Mal nach. Eine vernünftige Antwort bekam ich jedoch nicht. Ihre Mitarbeiterin merkte stattdessen an, dass sie die Antwort (in Form des Wortspieles) auch für Nicht-Lernbehinderte (wie mich) gerne nochmal wiederhole. Ich bitte um Prüfung und schriftliche Antwort. Mit freundlichen Grüßen"

Ich fragte auch in dem Unfallkrankenhaus nach, in dem ich lange Monate behandelt worden bin. Schülerpraktikum? Na klar! Im psychologischen Dienst darf ich 14 Tage dabei sein. Das finde ich absolut super. Ich habe gleich einen Personalbogen bekommen, musste den ersten Teil ausfüllen, bekam einen Stempel drauf, musste damit ins Personalbüro und bekam gleich eine Bescheinigung, dass ich einen Praktikumsplatz habe. "Manche Schulen wollen vorab einen schriftlichen Nachweis haben, dass Sie tatsächlich einen Platz haben. Wenn Sie den nicht brauchen, schmeißen Sie ihn weg. Und sollten Sie sich noch anders umsehen und was besseres finden, wäre es nett, wenn Sie uns absagen, damit wir nicht auf Sie warten." Es geht eben auch anders.