Mittwoch, 31. März 2010

Hochkant rausgeworfen

Wenn mich jemand fragen würde, ob ich finde, dass ich gutmütig, nachsichtig und geduldig bin, würde ich das sofort bejahen und mich allgemein als sehr geduldig, gutmütig und nachsichtig einschätzen. Sicherlich bin ich in einigen Situationen auch verhältnismäßig leicht reizbar, aber insgesamt gehöre ich ganz sicher nicht zu denjenigen, die sofort austicken, sobald irgendwas nicht nach ihrem Kopf geht oder jemand etwas nicht weiß oder nicht gleich versteht.

Seit einigen Wochen bis Monaten ist ein neunzehnjähriges Mädel beim Sport, das seit einem Verkehrsunfall vor einigen Jahren im Rollstuhl sitzt. Jede Woche erzählt sie auf ein Neues von dem Stress zu Hause. Der Vater sei abgehauen, die Mutter mit vier Kindern überfordert, kein Geld, nur Streit. Gestern kam sie schon total verheult an und meinte, sie sei froh, mal für ein paar Stunden dort raus zu sein. Sie wird nach dem Training vermutlich zu irgendwelchen Freunden fahren, um mal eine Nacht woanders zu schlafen. Mal sehen, ob sich jemand finde. Sie schlafe mit einem Bruder zusammen in einem Zimmer und das sei unerträglich, da er die ganze Nacht noch vor dem PC sitze. "Da würde ich das Stromkabel aus dem Fenster werfen", meinte ich scherzhaft und erfuhr, dass er insgesamt körperlicher Gewalt wohl nicht abgeneigt sei. Auweia.

Nach kurzer Rücksprache mit Cathleen habe ich ihr angeboten, dass sie eine Nacht bei uns schlafen könne. Entweder bei Cathleen im Bett und Cathleen schläft bei mir, oder ansonsten hat Lina noch ein Gästebett, das sich innerhalb von 3 Minuten selbst aufbläst. (Mit ihr in einem Bett schlafen wollte ich dann doch nicht. Auch wenn ich damit im allgemeinen kein Problem habe und schon etliche Freundinnen und auch Freunde mit in meinem Bett geschlafen haben, muss ich die Leute vorher genau kennen und auch einschätzen können.) Sie nahm die Möglichkeit mit dem aufblasbaren Gästebett dankend an. Sie wusste aber, dass wir alle heute morgen früh in die Schule müssten.

Wir haben abends noch zusammen Brot gegessen, einen Augenblick mit einigen aus der WG gemeinsam ferngesehen, das Bett aufgeblasen - dann fing sie an, mir von ihrem unerträglichen Leben zu erzählen. Nicht lange, vielleicht so fünf Minuten, aber ich musste sehr schnell erkennen, dass ich ihr nur zuhören kann, denn die Probleme, die sie hat, sind so verfahren, dass sie eigentlich professionelle Hilfe bräuchte. Um halb eins, eigentlich viel zu spät, machten wir dann Licht aus und wünschten uns gute Nacht. "Gute Nacht" und "Licht aus" heißt bei mir eigentlich "Schlafen", vor allem, wenn man am nächsten Morgen früh raus muss. Sie quatschte aber noch weiter und erzählte mir ihre halbe Lebensgeschichte. Ich wollte nicht unhöflich sein, dachte mir, dass sie vielleicht endlich mal die Möglichkeit hat, aus ihrem Alltagstrott rauszukommen und einfach das Bedürfnis hat, mal mit jemandem zu reden, also antwortete ich auch immer nochmal kurz und knapp. Nach gut einer Stunde schlief sie endlich ein.

Ich drehte mich auf die Seite und fünf Minuten später fing jemand an zu Schluchzen. Ich machte das Licht an und fragte sie, was los sei. Sie hatte sich komplett unter der Decke verkrochen. Ich fragte ein zweites, drittes Mal, hörte immer nur "nichts". Irgendwann machte ich das Licht wieder aus und legte mich wieder hin, dachte, sie würde aufhören. Aber das Gegenteil war der Fall: Es wurde immer heftiger und lauter. Nach 10 Minuten knipste ich das Licht wieder an, da war es genau 1:35 Uhr. Sie lag immernoch unter ihrer Bettdecke. Ich fragte sie erneut, was los sei und als ich erneut drei Mal keine Antwort bekommen hatte, forderte ich sie ihm eher energischen Tonfall auf: "Sprich mit mir!" Sie redete nicht. Irgendwann beugte ich mich über sie und zog die Bettdecke über ihrem Gesicht weg. In dem Moment stieß sie mich wie eine Irre zurück, so dass ich auf den Rücken zurückfiel und brüllte mich an: "Fass mich nicht an!"

"Was soll das?" fragte ich sie. "Warum heulst du?"

Wie eine Furie fing sie zu schimpfen an. Ich sei eine scheinheilige Kuh und ich würde sie nicht wirklich mögen, sondern sie nur ertragen. Ich war so perplex, dass ich mir zusammenstotterte: "Wieso mögen, wieso ertragen? Ich habe dir angeboten, eine Nacht bei mir zu schlafen, damit du mal zu Hause rauskommst!" - "Du weißt doch gar nicht, was zu Hause ist! Deine Eltern finanzieren dir mit 17 einen Platz in der WG, schieben dir ein Auto in den Hintern, PC hier, Spielekonsole da, Frollein Jule hat gefurzt, warten Sie, ich kaufe eine Tüte frische Luft."

"Hast du nen Knall?" war das einzige, was mir dazu einfiel. Ich könnte die Wahrheit nicht ertragen. Ich würde nichts mehr merken. Für mich gab es nur eine Antwort: "Raus. Zieh dich an und zisch ab." Sie dachte gar nicht dran, meinte, ich hätte sie eingeladen. Ich sagte: "Pack deine Sachen und verschwinde. Ich will dich hier nicht mehr sehen." Ich setzte mich in meinen Stuhl. Musste mir anhören, dass ich nicht wüsste, was wahre Freundschaft bedeute. Ich kenne sie doch kaum! Ich denke eher, sie weiß nicht, dass wir keine Freunde sind!

Drei Mal habe ich ihr gesagt, sie solle nicht so rumschreien, da die anderen Leute in der WG schlafen. Das kratzte sie aber nicht, sie brüllte über den Flur, dass ich noch keine Lebenserfahrung hätte und glauben würde, hinter dem Mond wäre Jahrmarkt. "Hör auf hier rumzuschreien und mach, dass du rauskommst!"

Halb in der Tür meinte Sie dann noch, dass sie nicht wisse, wie sie nach Hause kommen solle. Ich konnte mir die schnippische Bemerkung nicht verkneifen: "Versuch es mal per Rollstuhl, geht schneller als krabbeln." Ich war so richtig in Fahrt. Als die Tür zu war und ich mich umdrehte, schauten mich Cathleen und Frank in ihren Zimmertüren stehend an. "Sorry, die hat ihre Tabletten vergessen." - "Geht sie die jetzt holen?" fragte Frank und verdrehte die Augen. Ich hatte einen mindestens 1000-fach erhöhten Adrenalinspiegel. Mein Herz raste, ich fühlte mich total zittrig. Aber ich war stolz darauf, mich selbst durchgesetzt zu haben.

Sowas hatte ich auch noch nicht erlebt. Dass jemand aus dem Nichts so explodiert - da ist wohl mal eine Therapie fällig. Aber dringend.

Montag, 29. März 2010

Hörnchen und Hörner

Murmeltiere gehören bekanntlich zur Familie der Hörnchen. Mit Hörnchen verbinde ich zwar in erster Linie die eigenartig geformten Brötchen oder die rotbraunen knuffigen Nagetiere, die bei diesem Wetter bereits wieder in großer Zahl durch die Bäume turnen, aber nicht zuletzt auch den Kinofilm, in dem ein Wettermoderator in einer Zeitschleife festhängt und täglich darüber berichten muss, wie ein paar fragwürdige Typen ein Murmeltier aus seinem Winterquartier holen und anhand seines Schattens das Wetter der nächsten Wochen bestimmen wollen.

Einen ganz anderen Schatten hat hier ganz offensichtlich jemand, der mit mir zusammen am Schulschwimmen teilnimmt. Und wenn das jetzt wöchentlich so weiter geht, bekomme ich nicht nur ein Hörnchen, sondern ein ausgewachsenes Horn. Im Moment komme ich mir noch vor, als wenn ich im falschen Film bin.

Letzte Woche war nach dem Schulschwimmen mein Schwimmanzug weg. Ich war mir zwar ziemlich sicher, dass ich ihn nicht verloren haben kann, aber wirklich ausschließen kann ich es auch nicht. Als Fundsache abgegeben hat ihn niemand und aus dem sonderbaren Verhalten eines Mitschülers kann man auch nicht wirklich schlau werden.

Also habe ich heute nach dem Schwimmen meinen (zweiten) Schwimmanzug sehr bewusst zusammen mit meinem Handtuch und dem Duschzeug in meiner Tasche verstaut und diese Tasche dann auch den ganzen Tag nicht mehr geöffnet. Selbstverständlich trage ich die nicht den ganzen Tag in der Schule mit mir herum, auch schließe ich keine nassen Sachen in meinem Fach ein, das beschlägt ja alles von innen und alles, was sonst noch drin liegt, ist am Ende auch nass. Das würde wohl auch keinen Sinn machen.

Jedenfalls kam ich zu Hause an und packte meine Tasche aus. Ich rollte das Handtuch auseinander - und was war nicht mehr drin? Mein Schwimmanzug. Weg. Nummer 2 in 7 Tagen. Ich wusste nicht, ob ich weinen, lachen oder einfach nur einen Wutanfall kriegen sollte. Es war so eine Mischung aus allem. Ich kippte meine Tasche aus, der gesamte Inhalt verteilte sich auf dem Badezimmerfußboden. Dazwischen war ein schwarzer Schwimmanzug, genau so einen, wie er mir seit letzter Woche fehlt, allerdings mit Hygienestreifen im Schritt und Etikett am Träger. 30 Euro. Nagelneu.

Okay. Am ungefährlichsten wäre es sicherlich gewesen, die ganze Geschichte von letzter Woche einfach im Sande verlaufen zu lassen. Wenn dann doch jemand von seinem schlechten Gewissen so geplagt ist, dass er das irgendwie beruhigen muss, hätte er mir einfach das Ding wieder zurückgegeben. Gewaschen, anonym auf den Tisch gelegt oder vielleicht in meine Tasche gepackt, so wie jetzt der neue.

Nun könnte es ja sein, dass das nicht geht, weil das vielleicht doch so eine Art "Trophäe" ist, weil derjenige das Ding in der Zwischenzeit entsorgt hat (Wo versteckt man zu Hause einen nassen Badeanzug, ohne dass Muddi den findet oder es nach drei Tagen ganz tierisch modert? Ich hätte damit früher meine Probleme gehabt.), weil derjenige den auch weiterhin "besitzen" möchte, weil er den vielleicht in den letzten 7 Tagen 35 Mal zum Onanieren benutzt hat, was weiß ich ... dann ist es ja auch noch okay, wenn man mir stattdessen den gleichen in neu in die Tasche steckt. Es ist zumindest eine nette Geste und ich verstehe das so, als wenn jemand etwas wiedergutmachen möchte.

Aber warum um alles in der Welt ist denn nun der zweite Schwimmanzug, den ich heute getragen hatte, auch wieder weg? Das ist jetzt langsam echt nicht mehr witzig. Auch wenn es wieder nur ein einfacher zu 20 bis 30 Euro war, auch wenn es mir finanziell nicht so weh tut - mit einigen Kleidungsstücken verbinde ich auch die eine oder andere Erinnerung. Und ich möchte einfach nicht, dass jemand in meinen Klamotten wühlt. Badesachen sind so etwas wie Unterwäsche, etwas intimes (vielleicht ist es deswegen ja auch so interessant?), und ich möchte nicht, dass jemand ungefragt die Sachen anfasst.

In dem Murmeltierfilm durchbricht der Hauptdarsteller die Zeitschleife, die ihn gefangen hält, indem er sein Leben ordnet und eine Frau kennenlernt. Nächsten Montag ist Ostern, da ist keine Schule. Aber sollte in der Woche danach wieder jemand an meiner Tasche gewühlt haben, werde ich Anzeige erstatten. Bis jetzt ist es eine Angelegenheit zwischen Schülern, bei der nächsten Aktion lasse ich es offiziell werden.

Sonntag, 28. März 2010

Leute wie ich

Immer mal wieder erzähle ich gerne von den besten Sprüchen, die man sich als Rollstuhlfahrerin der Öffentlichkeit so anhören muss. Über die Ursachen und Hintergründe, warum Menschen in für sie unbehaglichen Situationen (als unbehaglich empfinden halt viele Menschen, wenn etwas in ihrer Nähe ist, was für sie nicht alltäglich ist und sie verunsichert) merkwürdig reagieren, habe ich schon sehr oft nachgedacht und auch das eine oder andere Mal schon etwas dazu geschrieben, viel mit Freundinnen und Freunden darüber diskutiert - aus meiner Sicht bleibt es ein sonderbares Phänomen.

So komme ich aus einem Geschäft auf die Straße, als mich eine Frau, etwa 35 Jahre alt, schwarze Hautfarbe, aufdringlich nach Parfüm riechend, anspricht und mir eine Visitenkarte in die Hand drückt, mit den Worten: "Hier sind Spezialisten, die Leuten wie Sie ein würdevolles Leben ermöglichen." Ich war so perplex, dass ich die Karte nicht angenommen, sondern nur den Kopf geschüttelt und mich aus dem Staub gemacht habe. Den Namen der Organisation habe ich mir dennoch gemerkt und zu Hause nachgeschlagen. Es handelt sich um eine Gesellschaft für selbstbestimmtes Sterben. Allerdings war diese Visitenkarte abgegrabbelt, so dass ich vermute, dass diese Frau keine offizielle Vertreterin dieser Organisation war, sondern lediglich ... ja was? Mit mir ins Gespräch kommen? Mir ernsthaft helfen? Keine Ahnung. Jedenfalls ist ja völlig unpassend, dass sie von einem "würdevollen Leben" spricht, wenn es um das Sterben geht. Ich vermute sehr, dass sich die Organisation von dieser Frau distanzieren würde, insofern spare ich mir gleich, den Namen zu nennen.

Ein anderes Mal stehe ich am Hauptbahnhof und warte auf zwei Freundinnen. Zusammen wollen wir shoppen gehen. Laura, die erste Freundin, eine "Fußgängerin", trifft ein. Wir müssen noch auf die dritte warten. Laura möchte nicht so lange stehen und setzt sich auf meinen Schoß. Kurze Zeit später werde ich von einem Mann des Bahn-Sicherheitsdienstes angesprochen, ich möge bitte aufstehen, man mache so etwas nicht. Ich gucke ihn ungläubig an und frage: "Was macht man nicht?" - "Na, Behinderten den Sitzplatz wegnehmen!" Nachdem Laura aufgestanden war, forderte er mich erneut auf, aufzustehen. Ich fragte: "Wem nehme ich denn den Sitzplatz weg?" - "Na ihr", sagte er und deutete auf Laura. Im weiteren Gespräch klärte sich dann auf, dass das mein Rollstuhl ist und Laura laufen kann.

Heute waren wir auf dem Hamburger Dom (Volksfest), nein, es gab keine Krawalle anlässlich des St.-Pauli-Fußballspiels nebenan, als wir wegen eines Regenschauers in einer Wurstbude warteten. Plötzlich spricht uns ein wildfremder Mann an, ob wir kein Zuhause hätten. Simone und Cathleen haben ihn gleich ignoriert, ich habe ihn etwas verdattert angeschaut. Ja, sagt er, notfalls hätte er noch ein Zimmer frei, nur müssten wir uns das teilen. Aber es sei warm und trocken. Ich lehnte dankend ab.

Auf dem Rückweg stand in Altona eine Frau, die gerade einen Staubsauger im dortigen Elektronikmarkt gekauft hatte, im Aufzug. Sie musterte uns von oben bis unten und von unten bis oben. Auf dem Bahnsteig, als wir auf unsere Bahn warteten, sprach sie uns an. Sie sei Modeberaterin oder Modedesignerin oder ähnliches, habe auch Kunden, die im Rollstuhl sitzen, und müsse unbedingt Simone einen Tipp geben. Simone trägt sehr viele Klamotten, die von ihrer Mutter selbst genäht werden. Außerdem hat sie einen sehr individuellen Geschmack. Nicht übertrieben und überwiegend schlicht und unauffällig, aber es gibt immer einen absolut schrillen Hingucker. Das kann ein Kleid sein, unter dem sie eine Leggings trägt, die an einem Bein rot und an dem anderen Bein grün ist, das kann eine schwarze Umhängetasche mit einer pinken Spinne drauf sein - heute waren es Sneaker mit neongelben bzw. neonorangen Schnürbändern. Die Frau meinte, das sei sehr unvorteilhaft, weil sie damit ihre Behinderung so sehr betonen würde. Simone runzelte nur die Stirn und meinte: "Äh... ja. Danke für den Tipp."

Es wird doch nie langweilig, weil zwischen den üblichen Sprüchen (nicht so schnell, da vorne wird geblitzt; guck mal, die machen einen Ausflug) doch immer noch mal wieder etwas überraschendes ist, was Leute wie ich noch nicht gehört haben.

Mittwoch, 24. März 2010

Keine Fundsache

Nachdem ich am Montag regulär morgens am Schwimmen teilgenommen habe (vor den Ferien hat es an einem Montag nicht geklappt, weil da der Raum mit Dusche und WC für Rollstuhlfahrer gesperrt war, aber inzwischen funktioniert alles) und ich, als ich abends endlich wieder zu Hause war, meine Schwimmsachen auspacken wollte, fehlte der Schwimmanzug. Ich war mir 100%ig sicher, dass ich den beim Duschen ausgezogen habe, ihn nach dem Abtrocknen ins Handtuch eingewickelt und in meinem Beutel verstaut habe. Da er aber zu Hause nicht da war, glaubte ich zunächst an einen Filmriss.

Gestern bin ich in einer großen Pause schnell bei der Schwimmhalle vorbei gerollt, um zu fragen, ob den jemand abgegeben hat. Da waren zwar einige Fundsachen, aber nichts von mir dabei. Der Raum sei abends gereinigt worden, es sei ausgeschlossen, dass da noch was liege. Okay, es war zwar ein Markenartikel (Speedo), aber eben nur die ganz einfache und schlichte Linie zu 30 Euro. Aber es war einer meiner Lieblingsbadeanzüge, da er durch die auf dem Rücken gekreuzten Träger extrem gut saß.

Als ich wieder in die Schule rollte, sprach mich ein Mitschüler aus meinem Jahrgang an, mit dem ich auch am Montag zusammen Schwimmen hatte. Der Mitschüler ist eher ein Einzelgänger, sehr still und schüchtern, wenn er im Unterricht dran kommt, bekommt er gleich Panik und bringt kein vernünftiges Wort raus. Er scheint keine Freunde zu haben, steht immer irgendwo alleine in der Gegend rum, trägt eher seltsame Klamotten und macht insgesamt einen unscheinbaren Eindruck. Es ist niemand, den ich zu mir nach Hause einladen würde, aber auch niemand, dem ich nicht "Hallo" sagen würde. Wenn er mich ansprechen würde, würde ich sicherlich vernünftig antworten. Ich bin überzeugt, dass er sehr intelligent ist und sehr genau seine Mitmenschen beobachtet. Bisher hatte ich noch nie etwas mit ihm zu tun.

Umso überraschter war ich, dass er mich direkt vor dem Klassenraum ansprach. "Na? Wiedergekriegt?" Ich schaute ihn erstaunt an. "Nein, woher weißt du, dass ich etwas vermisse?" - "Ich habe gesehen, dass du zur Schwimmhalle gefahren bist, das macht man in der großen Pause am Tag danach nur, wenn man am Tag davor etwas verloren hat. Und daraus, dass du immernoch 'vermisse' sagst, schließe ich, dass du es nicht wiedergekriegt hast."

"Da hast du rattenscharf kombiniert", antworte ich.

"Was vermisst du denn?" fragte er. Warum interessierte er sich so sehr dafür?! Hat er vielleicht beobachtet, dass ich ihn verloren habe und ihn vielleicht sogar aufgehoben? "Meinen Badeanzug. Ich bin mir sicher, dass ich den in mein Handtuch eingewickelt habe nach dem Umziehen. Aber zu Hause war er weg. Weißt du, wo der ist?"

"Denkst du, ich habe ihn geklaut?" fragte er vorwurfsvoll, fast schon böse.

"Nein!" antwortete ich erschrocken. Wie kommt er auf so etwas? Das ist doch nun absolut nicht naheliegend, dass ich so etwas denken könnte. Außer wenn ... irgendwie kam mir dieser Typ komisch vor. "Ich dachte nur, du hättest ihn vielleicht gefunden."

Er wich meinem Blick aus. Irgendwas stimmte hier nicht. "Hast du?" fragte ich direkt.

"Nein, wie kommst du darauf?" fragte er.

"Hätte doch sein können", antwortete ich. Dann mussten wir in den Klassenraum. Während der Stunde schaute ich ein paar Mal zu ihm rüber, er hatte sein Gesicht im Buch vergraben. Ich beobachte ihn normalerweise nicht, aber irgendwas stimmte hier nicht. Hatte er ihn vielleicht aus meiner Tasche rausgenommen? Und wenn, was sollte das? Wenn er sich als "Finder" bei mir einschmeicheln wollte, hätte er doch eben seinen großen Auftritt haben können. Ich schämte mich dafür, zu denken, ein Mitschüler könnte mich bestehlen. Aber mein Bauch sagte mir, dass hier irgendetwas nicht stimmte.

In der nächsten kleinen Pause rannte er immer in meiner Nähe herum, aber immer bewusst abgewandt und scheinbar ziellos. Als wollte er mich nochmal ansprechen und würde sich nicht trauen oder auf eine passende Gelegenheit warten. In der nächsten großen Pause suchte er schon wieder meine Nähe. Als keiner in Hörweite war, sprach ich ihn an: "So, komm, jetzt mal Klartext. Was möchtest du mir sagen? Du eierst den ganzen Tag um mich herum und versuchst mit mir ins Gespräch zu kommen. Was ist los?!"

Hatte er mir den Badeanzug vielleicht geklaut, um einen Anlass zu haben, um mit mir ins Gespräch kommen zu können? Und jetzt gemerkt, dass das so nicht funktionierte? Ich war früher auch unheimlich schüchtern. Ich hätte zwar keinen Badeanzug geklaut, aber vielleicht meinen eigenen Stift aufgehoben und gefragt, ob derjenige ihn verloren hat. :)

Er wirkte völlig überfordert. Lehnte sich mit dem Po gegen eine Fensterbank, schloss die Augen und rieb sich mit den Händen über das Gesicht. Ich setzte noch einen drauf: "Was ist los mit dir? Darf ich meinen Badeanzug wiederhaben?"

"Ich habe den nicht!" schrie er mich an. "Und was mit mir los ist: Nichts ist mit mir los. Ich finde dich halt nur sehr ... ich finde es halt sehr bewundernswert, wie du das alles hinkriegst mit dem Rollstuhl und so." Er schaute ins Leere.

Ach du Scheiße. Der Typ war verknallt! Oder? Und der Badeanzug so etwas wie eine Trophäe? Das ist doch krank. Ich bin eindeutig nicht in den verknallt und ich will mit dem auch nichts zu tun haben und hätte gerne meine Sachen wieder zurück. Ich schaute ihn an. Sein Gesicht war bis über beide Ohren und den Hals dunkelrot.

Ich war mir nicht sicher, was mit ihm los ist, aber ich sagte ihm: "Hör mal, bevor du dir falsche Hoffnungen machst: Aus uns wird nichts. Es tut mir leid, aber du bist absolut nicht mein Typ. Ich denke, du bist ganz okay, aber mehr nicht. Sorry."

Er antwortete: "War ja klar. Sorry wenn ich dich belästigt habe." - "Darf ich meinen Badeanzug wiederhaben?"

Er flüsterte fast. "Das geht nicht." Dann rannte er weg.

In der nächsten Stunde war er zuerst nicht an seinem Platz. Alle seine Sachen lagen noch dort. Ich habe mir ernsthaft Sorgen gemacht, nicht dass er jetzt irgendwo auf dem Klo hängt und sich die Pulsadern aufschneidet. Weiß man es?! Ich nahm mir vor, in spätestens zwei Minuten irgendwas zu unternehmen. Keine 20 Sekunden später kam er rein. Beachtete mich nicht. Ging wie im Trance zu seinem Platz. Hatte wohl geheult.

Scheiße. Aber ich kann es nicht ändern. Und irgendwie ist mir das alles auch eine Spur zu Psycho.

Montag, 22. März 2010

Nicht doll, sondern Dell

Pünktlich, quasi in letzter Sekunde, kam heute morgen mein Laptop aus der Reparatur zurück. Ich hatte mir vor knapp einem halben Jahr für die Schule ein Business-Notebook von Dell gekauft, bei einem Computer-Shop in der City (nachdem ich kurz zuvor bei einem Online-Versand und vom Dell-Kundendienst bereits derbe verarscht worden war).

Ich bin davon ausgegangen, dass ein Dell-Laptop mindestens zwei Jahre hält. Ich bin sehr sorgsam damit umgegangen, was man nicht zuletzt daran sieht, dass die Hochglanzoberflächen (ich verstehe nicht, wieso man ein Laptop mit kratzempfindlichen Oberflächen ausstattet) noch nicht einen einzigen Kratzer, geschweige denn eine Schramme oder andere Macken, hatten.

Nach etwa vier Monaten fing nun der Bildschirm laut zu pfeifen an, sobald die Helligkeit etwas reduziert war (wie bei Akkubetrieb üblich). Das Gehäuse knarzte laut im Bereich der Handauflage. Jeder Aldi-Laptop hätte eine bessere Figur abgegeben. Also habe ich zu Beginn der Hamburger Skiferien das Ding zurückgebracht.

Heute morgen kam es nun per DHL zurück. Als zusätzlicher Service hatte mir der Shop angeboten, es mir direkt von Dell zuschicken zu lassen, damit ich nicht extra nochmal in die City fahren müsste. Als ich es auspackte, stellte ich fest, dass das Problem mit der knarzenden Handauflage überhaupt nicht behoben worden war.

Dafür war aber wohl die komplette Bildschirm-Einheit gewechselt worden. Das jedoch scheinbar mit roher Gewalt, denn die kratzempfindliche Hochglanzfläche oberhalb der Tastatur hatte etwa 10 Zentimeter lange, tiefe Schramme abbekommen.

Nun ist Stinkesocke ja keine Dummesocke: Bei der Abgabe des Laptops habe ich mir schriftlich bestätigen lassen, dass es keine Kratzer hat und sonst in ordentlichem Zustand ist. Der Geschäftsinhaber guckte mich zwar an wie ein Auto und dachte vermutlich, ich wäre ein wenig beknackt, aber nach meinen bisherigen Erfahrungen mit dem Dell-Kundendienst war es mir das wert. Den Namen und die Unterschriften habe ich verpixelt (zum Vergrößern bitte anklicken):


Natürlich habe ich den Karton in der WG vor Zeugen (Frank) geöffnet. Als ich das Ding wieder in den Laden brachte, staunte der Geschäftsführer nicht schlecht. Es wurde nun nochmals eingeschickt. Ich bin gespannt, ob es nun repariert wiederkommt (und das zerkratzte Gehäuseteil ausgetauscht wurde), oder nicht. Falls nicht, werde ich vom Kaufvertrag zurücktreten.

Samstag, 20. März 2010

Fünf Goldhamster

Meine Hausärztin hatte es wohl richtig gemacht. Heute bekam ich von meiner Unfallkasse die Mitteilung, dass sie die Kosten für einen neuen Rollstuhl übernehmen werden. "Eine entsprechende Mitteilung haben wir heute Ihrem Lieferanten übersandt."

Ich hatte meine Zweifel, ob meine Hausärztin meinen Kostenträger damit eher verärgert als überzeugt, aber sie scheint zu wissen, was sie tut. Auf jeden Fall hat es geklappt. Bei meinem Anruf beim Sanitätshaus erfuhr ich dann, dass mit einer Lieferung frühestens im Juni zu rechnen sei. Solange muss ich noch mit dem Zweitrollstuhl von Sofie herumfahren, der 100 Mal besser ist als die Mühle, die mir das Sanitätshaus als Ersatz zur Verfügung gestellt hat. Tatjana, meine Trainerin, meinte, als sie die Mühle gesehen hatte: "Woher hast du den denn? Das geht gar nicht. Der passt doch nicht mal, wenn man schielt. Alleine die Sitzbreite ist eine einzige Katastrophe! Links und rechts von deinem Po können problemlos noch fünf bis sechs Goldhamster mitfahren." - "Wieso denn ausgerechnet Goldhamster?" fragte ich stirnrunzelnd, noch nicht ahnend, dass dieser Blödsinn eine Steilvorlage war: "Naja, für fünf bis sechs Kaninchen reicht der Platz dann wiederum doch nicht."

Darüber nachdenken, was wohl wäre, wenn ich Sofie nicht hätte oder sie mir ihren Zweitstuhl nicht leihen würde, mag ich lieber nicht. Aber dass ich halbwegs unbürokratisch einen neuen Rollstuhl bekomme, finde ich aber schon positiv.

Donnerstag, 18. März 2010

Justitia braucht eine dritte Chance

Eigentlich wollte ich es mir nicht nehmen lassen, bei der Verhandlung gegen die Crash-Oma, die mich in 2008 auf dem Schulweg umgenietet hatte, in 2009 zu einem Fahrverbot von 3 Jahren verurteilt worden und anschließend wieder beim Autofahren erwischt worden ist, als Zuschauerin dabei zu sein (siehe auch hier). Ich hatte regelmäßig meinem Anwalt, der damals den Stein ins Rollen gebracht hat, eine Mail geschrieben, dass ich unbedingt den Termin wissen möchte.

Inzwischen habe ich erfahren, dass die Verhandlung schon im Januar 2010 stattgefunden hat. Ohne mich als Zuschauerin. Ich will es nicht spannend machen: Die 20 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung, die sie wegen meiner Sache bekommen hat, sind nicht widerrufen worden. Nach Ansicht des Gerichts sind es zwei grundverschiedene Sachen: Eine schwere Körperverletzung mit einem Auto und Auto fahren trotz eingezogener Fahrerlaubnis. Sie ist lediglich zu einer weiteren Haftstrafe, nämlich zu weiteren 4 Monaten auf Bewährung, verurteilt worden. Meine Hoffnung, sie würden wenigstens das Auto als Tatwerkzeug einziehen, war auch vergeblich. Allerdings schrieb mein Anwalt, dass dadurch, dass sie erklärt habe, ihr alter Führerschein sei verloren gegangen, die Staatsanwaltschaft auch Anklage wegen "Mittelbarer Falschbeurkundung" erhoben haben wollte.

"Mittelbare Falschbeurkundung" nennt man das, wenn man irgendwie erreicht, dass bei Behörden falsche Sachen in den Akten und Verzeichnissen eingetragen werden. Mein Anwalt schrieb, dass es gut gewesen wäre, wenn beide Straftaten in das Urteil eingeflossen wären, weil dann bei der nächsten Tat auch ein Betrug oder ähnliches ausreichen könnte, um die Bewährung zu widerrufen. Das Gericht fand aber, dass diese "mittelbare Falschbeurkundung" im Verhältnis zu dem "Fahren ohne Fahrerlaubnis" nicht so sehr ins Gewicht fällt und hat daher diesen Punkt fallen gelassen.

Alles zusammengenommen bekomme ich den Eindruck, dass in diesem Staat jeder machen kann, was er will. Ich möchte das auch nicht weiter kommentieren, es ist einfach nur lachhaft.

Donnerstag, 11. März 2010

Ausblick auf einen Stern

Zur Zeit bin ich sehr glücklich mit meinem Golf Kombi. Er ist zwar schon etwas älter, aber er fährt, verbraucht nicht viel Benzin äh Diesel - ich bin zufrieden. Am liebsten würde ich ihn noch einige Jahre fahren.

Wir haben sogar schon drin geschlafen. Ladefläche umgeklappt, Luftmatratzen rein, das funktioniert. Sogar zu zweit, sogar zu dritt. Man liegt zwar wie ein paar Ölsardinen in der Dose und die Rollstühle müssen draußen bleiben, aber es funktioniert. Schlecht wird es nur, wenn ich künftig wirklich meinen Sport machen möchte und zu einigen Wettkämpfen fahren will. Meine Ausrüstung bekomme ich nicht in den Golf (den Rennrollstuhl mit Umklappen und Beifahrersitz nach vorne drehen gerade so eben, aber das Handbike nicht mehr, geschweige denn noch Gepäck oder einen Alltagsstuhl) - das ist nicht optimal.

Schön wäre es, für Fahrten mit Übernachtung und Fahrten zu Wettkämpfen ein größeres Fahrzeug, am besten einen Kleinbus, zu haben. Quasi als Zweitfahrzeug, denn wer fährt schon mit einem Kleinbus einkaufen... Das klingt natürlich erstmal nach verwöhnter Stinkesocke. Auf der anderen Seite wäre ich, glaube ich, schön blöd, wenn ich eine Dreiviertel Million Euro auf dem Konto bunkern würde und mir zu diesem Wunsch großartige Kompromisse überlegen würde.

Ich habe mich mal erkundigt. Gebrauchte Fahrzeuge, die wenig Kilometer auf dem Tacho und ein Automatikgetriebe haben, gleichzeitig mit einer Standheizung nachzurüsten und dann auch noch behindertengerecht umbaubar sind, sind ab 20.000 Euro zu haben. Dann muss man jedoch fragen, warum jemand das Fahrzeug wieder loswerden will, man bekommt es nicht in der Ausstattung, die man gerne hätte, etc. - und ich bekomme bei einem Gebrauchtfahrzeug nur sehr schwierig Zuschüsse von meinem Kostenträger.

Interessant ist aus meiner Sicht ein Angebot eines Hamburger Mercedes-Benz-Händlers (Stinkesocke greift nach einem Stern und hebt vermutlich ab). Der möchte für einen Viano, neu, in Langversion, Diesel mit Automatikgetriebe, Lederausstattung, Standheizung mit Fernbedienung, Klimaautomatik, Tempomat, MP3-Radio, verspiegelten Scheiben einschließlich Überführung, Zulassung und Steuer rund 54.000 Euro haben. Für behinderte Menschen bietet er allerdings einen Preisnachlass von 20% auf den Listenpreis (vor der Steuer). Er sagt, er verdiene an dem Fahrzeug keinen Cent, sondern (hoffentlich) an späteren Service-Leistungen. Mercedes ist jedoch nicht das einzige Unternehmen, das so etwas macht. Bei Renault, Volkswagen, Audi und Ford sind ähnliche Rabatte drin - bei anderen Firmen sicherlich auch.

Mich würde das Fahrzeug also nur noch rund 42.000 Euro kosten. Die Unfallkasse unterstützt das auch noch, nämlich mit einem Grundbetrag von 9.500 Euro zuzüglich pauschal 5.750 Euro für einen Mehrbedarf wegen Querschnittlähmung (Standheizung zum Abtauen, größeres Fahrzeug, Automatikgetriebe etc.) zuzüglich dem behindertengerechten Umbau (Handbedienung für Gas und Bremse, Lenkraddrehknopf, Pedalabdeckung, ...). Einmal in 5 Jahren, aber zu dem Golf haben sie nichts dazu gegeben und der ist bereits 10 Jahre alt. Das heißt, ich müsste für einen nagelneuen Viano nach meinen Wünschen rund 27.000 Euro auf den Tisch blättern. Also den halben Listenpreis. (Der entsprechend ausgestattete VW-Bus wäre übrigens erheblich teurer. Kaum zu glauben, aber wahr.)

Das Fahrzeug hätte hinten so viel Platz, dass ich eine 1,40 x 2,00 Meter große Matratze reinpacken und jederzeit im Auto schlafen könnte. Außerdem wäre Platz für Rennrollstuhl und Handbike und Alltagsstuhl und, wenn man geschickt packt, auch noch für die jeweiligen drei Stühle von Simone und Cathleen. Vor meinem 18. Geburtstag wird das sowieso nichts, aber dann? Ich denke ernsthaft drüber nach!

Mittwoch, 10. März 2010

Viel Lärm um meinen Rollstuhl

Das Gute an den Ferien ist ja, dass man morgens frei hat. So kommt auch eine Schülerin mal morgens zum Arzt. Ich brauche ja immernoch ein Rezept für meinen Rollstuhl. Die Unfallkasse wartet dringend darauf, meine Hausärztin war in Urlaub und ihre Vertretung, Frau Doktor Zicke, wollte mir keins ausstellen.

Vor dem Praxiseingang, auf dem Grundstück, waren zwei gepflasterte Parkplätze. An der Hauswand davor hingen zwei Rollstuhlfahrersymbole. Entweder waren die neu oder ich hatte sie beim letzten Mal übersehen. Die Parkplätze waren schon länger dort, aber die Schilder wären mir sicherlich aufgefallen. So kam ich ohne große Kunststücke direkt in die Praxis. Ich wurde gleich freundlich bedient (dass es auch anders geht, durfte ich ja letzte Woche gerade erfahren), ich solle einen Moment im Wartezimmer warten. "Ich weiß nicht, ob Frau Doktor dazu noch Fragen hat, es ist besser, wenn Sie das direkt besprechen. Es dauert aber nicht lange."

Ich nahm mir eine Bravo vom Zeitungstisch. Lange ist es her, dass ich die zum letzten Mal gelesen habe. Das war während meines Klinikaufenthaltes, da hat immer einer aus irgendeinem Zimmer diese Dinger gekauft und dann machten sie die Runde. Einige Omis schielten zu mir herüber, wie ich aus dem Augenwinkel sehen konnte. Eine Oma pupste, ein Typ zog ständig hoch. Hier bin ich richtig.

Früher, wenn ich in der Schule Aufsätze schreiben musste, habe ich spannende Stellen immer angekündigt mit den Worten: "Und plötzlich geschah es." Bis mir in der 4. Klasse mal ein Lehrer sagte, dass ich statt "geschah es" lieber gleich schreiben soll, was denn geschieht. Ich will auf ihn hören: Und plötzlich ging die Tür auf und eine alte Frau stolperte hinein. Ich konnte sie nicht sehen, aber hören. Im Arm schien sie ihren Mann zu haben, der keuchte wie eine alte Dampflok. Dann ließ er sich auf den Boden fallen und sie rief: "Bitte helfen Sie uns, ich glaube, mein Fritz stirbt!" Oh. Mein. Gott.

Eine Frau, schätzungsweise Anfang 80, sprang wie von der Tarantel gestochen auf und wackelte zur offenen Wartezimmertür, um in den Empfangsbereich schauen zu können. Eine zweite Frau machte es ihr nach. So standen die beiden alten Hühner in der Tür und glotzten nach draußen. Dort kam Hektik auf, dann hörte ich die Stimme von der Ärztin: "Notfallkoffer, EKG, Sauerstoff. Du rufst den Notarzt, Du sperrst die Tür zu und Sie beide setzen sich wieder hin und machen mal für einen Moment die Tür zu." Das galt den beiden alten Damen. Worauf eine sagte: "Ich muss dringend auf die Toilette." Antwort: "Dann gehen Sie jetzt zügig dorthin und bleiben dort, bis das hier vorbei ist. Und die Tür bleibt zu." Ich dachte schon, sie würde sich unfreundlich behandelt fühlen, jedoch antwortete sie nur: "Jawohl, Frau Doktor." Anscheinend muss man wissen, wie man mit solchen Leuten umgeht. Wäre es um den alten Mann, der im Eingangsbereich der Praxis auf der Erde lag, nicht offensichtlich so ernst, hätte man das Schauspiel sehr gut verfilmen können.

Es dauerte ein paar Minuten, dann hörte man draußen Sirenengeheul. Es war ein Rettungswagen. Durch die Glastür konnte man nur Farben und Umrisse erkennen. Da es im Wartezimmer mucksmäuschenstill war, konnte man hören, wie einer der Sanitäter sagte: "Der Notarzt kommt vom Bundeswehrkrankenhaus." Keine Minute später hörte man über dem Haus ohrenbetäubenden Lärm. Auf dem Nachbargrundstück standen hohe Tannen, deren Äste im plötzlichen Wind hin- und herschaukelten und ihre letzte Schneelast abwarfen. Am Bundeswehrkrankenhaus ist ein Rettungshubschrauber stationiert, der eingesetzt wird, wenn jemand schonend oder schnell transportiert werden muss (das war hier sicherlich nicht der Fall) oder wenn der örtlich stationierte Notarzt gerade in einem anderen Einsatz ist (was hier vermutlich der Grund war). Der Rettungshubschrauber war derselbe, mit dem ich vor anderthalb Jahren nach meinem Unfall geflogen war (das allerdings wiederum wegen des schonenden und schnellen Transports). Allerdings war "mein" Notarzt damals weiblich, heute hörte man nur Männerstimmen auf dem Flur. Man hörte irgendetwas von einer Lungenembolie, jedoch nicht, ob dieser alte Mann nun eine solche hatte oder ob die bereits ausgeschlossen war. Geht mich ja auch nichts an. Eine gefühlte Viertelstunde später war das Drama vorbei. Der Mann wurde im Rettungswagen abtransportiert.

Irgendwann ging die Tür wieder auf und kurz darauf wurden die nächsten Patienten aufgerufen. Kurz danach wurde ich aufgerufen, sollte ins Labor fahren. "Wir schieben sie kurz dazwischen." Ich stellte mich neben eine Liege, gegenüber war eine Schrankwand mit integrierter Arbeitsplatte, dort räumte eine junge Frau herum, vermutlich eine Auszubildende. Dann kam die Ärztin rein und die junge Frau ging raus. "So. Hallo erstmal, ist leider etwas hektisch hier gerade. Es geht um Ihren Rollstuhl? Setzen Sie mich mal bitte kurz ins Bild."

"Also, ganz kurz: Alter Rollstuhl ist ein Jahr alt, hatte Kontakt mit Schnee, Salz, Streusand und scharfkantigen Eisplatten auf den Gehwegen und ist nun aus Sicht eines Gutachters, den die Kasse geschickt hat, ein wirtschaftlicher Totalschaden. Damit er ersetzt werden kann, benötigt die Unfallkasse eine Verordnung, dass bei mir immernoch ein Rollstuhl erforderlich ist und das immernoch die bestmögliche Therapie ist. Ich war in der letzten Woche schonmal hier, da hing allerdings ein Schild an der Tür, und mein Versuch, das bei Frau Dr. G. auf dem kurzen Weg zu erledigen, scheiterte, weil sie meinte, ich würde mir jedes Mal, wenn Sie in Urlaub sind, bei der jeweiligen Vertretung neue Rollstühle rezeptieren lassen."

"Das hat sie so gesagt?" Ich nickte. Sie schüttelte den Kopf. "Also zur Aufklärung: Wenn ich Urlaub mache, muss ich mindestens zwei Ärzte benennen, die mich vertreten. Das sind immer die beiden Praxen, die am nähsten dran sind. Das steht so in den Vorschriften. Das ist also keine Empfehlung. Ich kenne Frau Dr. G., wir haben einmal pro Quartal ein Treffen aller Hausärzte hier im Stadtteil. Sie verstehen, dass ich meine persönliche Meinung nicht vor meinen Patienten ausbreite, aber aus fachlicher Sicht kann ich ihr Verhalten nicht nachvollziehen. Das bringt Sie aber jetzt auch nicht weiter."

"Doch, das bringt mich weiter, weil ich nicht mehr zweifeln muss, ob es an mir gelegen hat, dass wir uns da gezofft haben. Die wurde ja richtig böse, als ich die 10 Euro Praxisgebühr nicht zahlen wollte und hat mich da rausgeworfen." - "Sie müssen die doch auch nicht zahlen. Haben Sie ihr das nicht gesagt?" - "Doch, aber der Sprechstundenhilfe war nicht geheuer, dass ich mit 17 schon einen Führerschein hatte und die Ärztin hat mich anschließend rausgeworfen." - "Ich ruf da an. Soll ich da anrufen?" Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern.

"Hat sie Sie wirklich rausgeworfen?" Ich nickte. Sie griff zum Telefon, schaute mich dabei an. Wahrscheinlich war sie sich selbst nicht sicher, ob sie mir das glauben konnte. "Gib mir mal bitte die Nummer von Frau Dr. G. ins Labor", sagte sie ins Telefon. Keine 20 Sekunden später kam die Mitarbeiterin vom Empfang mit einem kleinen Klebezettel mit der Nummer drauf herein.

"Ja, Dr. W. hier. Ich möchte mal die Kollegin G. sprechen, bitte." Wartemusik. Sie starrte mich an. Dann: "Hallo, W. hier. Geht um eine Patientin, die war letzte Woche bei Ihnen, eine junge Frau im Rollstuhl, Sie erinnern sich bestimmt. Sie sagt, Sie sei von Ihnen rausgeschmissen worden. Darf ich fragen, was da los war?"

Ich bekam die Antwort nicht mit. Aber ihre Reaktion: "Also was Sie mit Ihren Patienten machen, ist mir relativ egal, aber meine behandeln Sie bitte vernünftig. Das ist eine junge Frau, junge Frauen haben nunmal eine andere Sprache als studierte Naturwissenschaftler Mitte 50. Und wenn sie kiebig wird, werden Sie doch wohl was passendes rausgeben können, oder? Hier bei uns ist sie höflich. Und Praxisgebühr muss sie übrigens auch nicht zahlen - und das wissen Sie auch. Ich finde Ihr Verhalten erneut unmöglich." Man wünschte sich noch einen schönen Tag.

"Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass es besser gewesen wäre, einfach eine Woche zu warten", sagte ich. "Die Unfallkasse fragte am Telefon, ob ich das noch diese Woche schaffen würde." - Sie antwortete: "Manchmal komme ich mir vor wie bei 'Büro, Büro', das ist eine Serie, die in den 80er-Jahren im Fernsehen lief. Haben die auch gesagt, was auf dem Rezept draufstehen soll?" - "Ersatz des vorhandenen Aktivrollstuhls."

Sie sagte: "Das kann ich doch gar nicht beurteilen, ob es sich wirklich um einen wirtschaftlichen Totalschaden handelt. Steht da eine Nummer drauf?" Ich gab ihr den Zettelkram in die Hand. Sie telefonierte mit der Unfallkasse. "Die Patientin sitzt neben mir. Was soll ich da jetzt verordnen?" - Laber, sülz. - "Aber das kann ich doch gar nicht beurteilen, ich bin doch kein Orthopädietechniker. Ich kann Ihnen sagen, ob noch ein Rollstuhl erforderlich ist, aber nicht, ob der alte ersetzt werden muss. Ich untersuche doch nicht den Rollstuhl." - Laber, sülz. - "Nein, mache ich nicht. Ich bin doch hier keine Behörde!" - Laber, sülz. - "Aus medizinischer Sicht, und nur die kann ich beurteilen, ist es nicht erforderlich, den Rollstuhl auszutauschen. Aus technischer Sicht vermutlich schon. Darüber liegt Ihnen ein Gutachten vor. Was wollen Sie also jetzt von mir? Wieso schicken Sie die Patientin hier wegen so einem Papierkram durch die Gegend? Wenn Sie eine ärztliche Stellungnahme brauchen, ob mit der Totalzerstörung des Rollstuhls automatisch auch der Bedarf der Patientin an einem solchen Gerät endet, dann schreiben Sie mir eine Mail oder ein Fax und dann beantworte ich Ihnen das gerne zu den üblichen Vergütungen. Kleiner Tipp: Die Antwort darauf finden Sie beim Blättern auch in Ihrer Akte. Querschnittlähmungen werden nicht besser. Deswegen stellt Ihre Behörde die Behindertenausweise für Querschnittgelähmte in aller Regel auch unbefristet aus. Haben Sie noch Fragen?!"

Auweia. Sonst war die Unfallkasse immer sehr nett zu mir. Hoffentlich geht dieser Schuss nicht nach hinten los. "Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen sind meistens sehr großzügig, aber sie übertreiben es auch gerne mal mit ihrer Bürokratie. Ich habe nichts dagegen, wenn ein Sachbearbeiter hier anfragt, ob Sie nach wie vor den Rollstuhl brauchen. Aber Neuverordnungen gibt es nur dann, wenn Sie aus medizinischer Sicht einen neuen Rollstuhl brauchen. Sie werden aber trotzdem einen neuen bekommen. Wenn die Kasse ihn bis Ende nächster Woche nicht bewilligt hat, rufen Sie mich bitte nochmal an, okay?

Okay. Ich bin ja mal gespannt.

Montag, 8. März 2010

Wie eine Mutter

Eine Erfahrung, die ich aus dem Leben vor meinem Unfall auch nicht kannte, mache ich seit einiger Zeit. Vor meinem Unfall habe ich ein wenig Reitsport gemacht, wie viele Mädchen. Davor habe ich mich beim Kinderturnen und bei Leichtathletik nicht wirklich wohl gefühlt, beim Schwimmen konnte ich nie einen Blumentopf gewinnen. In allen vier Sportarten gab es nicht nur einen ungeheuren Konkurrenzdruck, sondern kaum richtiges Miteinander. Man kam zum Sport, hatte dort seinen Trainingstermin, anschließend fuhr man wieder nach Hause. Die Leute aus den anderen Gruppen kannte man nicht, höchstens vom Namen - oder von irgendwelchen Bestenlisten her. Beim Reiten waren zwar ein paar Mädchen in meinem Alter, aber die waren mir damals alle zu hochnäsig.

Anders erlebe ich das beim Rollstuhlsport. Nun geht es sowohl beim Sprint, Biken und auch beim Schwimmen um persönliche Bestleistungen, aber trotzdem wird erheblich viel Wert auf Zwischenmenschlichkeit und Teamgeist gelegt. Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist, dass viele Sportler früher zu den derzeit in Sporthallen stattfindenden Trainingsterminen kommen, um die vorher laufenden Nachwuchsgruppen zu unterstützen. So lernen zum Beispiel vor einem Trainingstermin die kleinen Zwerge, die wegen einer angeborenen Querschnittlähmung oder eines frühkindlichen Hirnschadens oder anderen fiesen Sachen schon mit drei, vier, fünf Jahren im Rollstuhl sitzen, spielerisch, wie sie mit dem Ding im Alltag zurecht kommen. Außerdem müssen sich natürlich auch behinderte Kinder bewegen und können nicht den ganzen Tag lang nur still in der Ecke sitzen.

Wenn ich es einrichten kann, komme ich auch immer etwas eher und helfe oder spiele noch ein wenig mit, bevor mein Trainingstermin stattfindet. Vor einigen Wochen lernte ich dabei Nele kennen, die mit ihren 13 Jahren schon verhältnismäßig alt für eine Kindergruppe ist. Nele ist seit Sommer 2009 in dieser Sportgruppe und wurde bis dahin von ihren Eltern in falsch verstandener Überfürsorge vor dem Leben beschützt. Ein leider scheinbar häufig auftretendes Phänomen. Sie hatte einen Rollstuhl, in dem sie nicht selbst fahren konnte, lediglich eine einzige gute Freundin, die sie mehr aus Mitleid als aus Freundschaft regelmäßig besuchte; wurde morgens vom Fahrdienst abgeholt und in eine Grund- bzw. nun Realschule gebracht, wo sie aber auch keinerlei individuelle Förderung bekommen hat - außer dass ein persönlicher Zivildienstleistender sich hin und wieder um sie kümmerte. Dann noch ein Krankengymnastiktermin pro Woche, ansonsten war ihr Leben nur ein Satellitendasein, in dem sich alles darum drehte, Kind zweier überforderter Eltern zu sein.

Anfangs wie ein scheues Reh, inzwischen auf Kurs zu wöchentlich neuen Aha-Erlebnissen, taut sie immer mehr auf und holt das nach, wovor die Eltern sie 13 Jahre lang beschützt haben. Ohne dass ich weiß warum, hat sie sich offenbar in mich vernarrt. Sobald ich in die Halle komme und die nächste Gelegenheit es zulässt, kommt sie auf mich zugestürmt, umarmt mich, knuddelt mich, erzählt mir alles mögliche und möchte, dass ich mit ihr weiter Rollstuhlfahren übe. In der letzten Woche stand ein besonderer Termin auf dem Plan: In Zweiergruppen, bestehend aus einem "Großen" und einem "Kleinen", wurde geübt, wie man S-Bahn, U-Bahn und Aufzug fährt. Rolltreppe fahren üben wir mit Kindern noch nicht, dazu sollen die Leute mindestens 16 sein und genau einschätzen können, was sie da tun.

Ich hatte -wie könnte es anders sein- Nele an meiner Seite. Getrennt von den Eltern zogen wir quer durch Hamburg, zusammen mit noch fünf anderen Zweiergruppen. Nele machte ihren Job sehr gut, sie ist sehr ehrgeizig. Sie erzählte mir, dass sie schon die ganze Nacht davor kaum geschlafen habe und seit morgens an nichts anderes mehr denken könne. Mit glühenden Wangen und knallroten Ohren konnte sie es kaum erwarten, dass es losgehen würde. Gemeinsam fuhren wir mit Bussen und Bahnen, erklärten den 10- bis 14-jährigen Jugendlichen, wie sie sich in Hamburg alleine (oder mit Freunden, die keine Verantwortung übernehmen, dafür aber körperliche Hilfestellung geben können) zurechtfinden. Natürlich hatte ich nur die Funktion eines "persönlichen Betreuers" von Nele, Anleiter war jemand mit wesentlich mehr Erfahrung, von dem selbst ich, die fast täglich selbst mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, noch etwas lernen konnte.

Kurz vor der Pause, die in der Mitte dieses Programms sein sollte, wurde Nele sehr still. Wir fuhren mit der U-Bahn in Richtung Hauptbahnhof und plötzlich kullerten einzelne Tränen. Sie wollte nicht mehr mit mir reden. War sie allgemein überfordert? Zu viele Eindrücke? War ihr kalt, hatte sie Hunger, Heimweh, war sie glücklich, traurig, dachte sie daran, dass dieser bis eben noch so schöne Tag, auf den sie sich so gefreut hat, bald vorüber ist? Es war nicht rauszukriegen. Sie schüttelte immer nur den Kopf und ich hatte das Gefühl, dass sie mit jeder Frage von mir ein bißchen verzweifelter wurde.

An dieser Stelle lernte ich zum ersten Mal, warum der Verein nur gut ausgebildete Leute als Übungsleiter einsetzt. Ich wurde zur Seite gezogen. "Solange es nicht schlimmer wird, lass sie erstmal in Ruhe. Entweder fängt sie sich gleich wieder, sonst gehen ein paar Leute vor und wir reden mit ihr zu dritt." Sie fing sich nicht. Zu dritt in einer ruhigen Ecke auf dem Bahnsteig der U-Bahn, die anderen waren schon vorausgefahren, nahm der Kursleiter ihre Hand und stellte ihr auf Anhieb die entscheidende Frage: "Weißt du, warum du weinst?" Sie schüttelte nicht mehr den Kopf, sondern nickte.

"Möchtest du mir das sagen?" Sie schüttelte wieder den Kopf. Es dauerte aber dennoch keine drei Minuten, bis der Kursleiter die Antwort wusste. Der für gleich geplante Toilettengang kam für sie etwas zu spät. Dass sie es erst zu spät gemerkt hat, ist für Menschen mit frühkindlichem Hirnschaden zwar nicht typisch, aber auch nicht ungewöhnlich, wurde mir hinterher erklärt. Ungewöhnlich ist jedoch, dass sie, die dieses Problem seit nunmehr 13 Jahren hat, noch so extrem darauf reagiert und völlig hilflos ist. "Papa wird richtig dolle schimpfen", schluchzte sie.

Wie gut konnte ich sie verstehen! Ich weiß sehr genau, wie froh ich bin, mit meinen Eltern dieses Thema nicht besprechen zu müssen. Hier im Blog, mit Freunden - kein Problem. Aber vor meinen Eltern wäre es mir nur peinlich und unangenehm. Bezeichnend war, dass sie keine Ersatzklamotten im Rucksack dabei hatte. Eine andere Helferin und ich wurden mit ihr auf Klo geschickt. Sie war völlig hilflos. Ich musste die komplette Verantwortung für sie übernehmen, ihr sagen, dass sie sich ausziehen soll. "Kannst du mir bei den Schuhen helfen?" Zum Glück war die Behindertentoilette sauber.

So extrem, wie ich befürchtet hatte, war es nicht. Die größte Menge fand doch noch den Weg ins Klo. Ich zog mir Einmalhandschuhe an und spülte ihre nassen Sachen am Waschbecken partiell etwas aus, packte sie in einen Müllbeutel und drückte ihr einen Einmalwaschlappen in die Hand. Anfangs heulte sie Rotz und Wasser, aber als sie merkte, dass ich völlig ruhig blieb, beruhigte sie sich auch nach und nach. Sie erzählte mir, dass sie nicht merke, wie voll ihre Blase ist. Wenn sie zu voll wird, laufe sie irgendwann über. Das merke sie dann. Das sind dann zwar nur relativ kleine Mengen, sofern sie dann bald ein Klo finde und sie nicht noch durchgekitzelt wird, aber trotzdem erwarten die Eltern, dass so etwas nie und nimmer passiert. Am schwierigsten sei das, wenn sie aufgeregt und abgelenkt sei, dann vergesse sie oft, regelmäßig "auf Verdacht" auf Klo zu gehen, oder wenn sie sich körperlich sehr anstrenge, wie beim Sport oder wenn sie alleine schwierige Sachen im Rollstuhl machen solle (Bordsteine rauf und runter fahren etc.).

In der Schule nach Klassenarbeiten etc. habe sie schon oft ihre Hose großzügig mit Deo eingesprüht, damit die Eltern zu Hause nichts riechen würden. Wie um alles in der Welt kann man nur jemanden, noch dazu sein eigenes Kind, so derbe unter Druck setzen? "Du kannst dir vorstellen, warum ich eine zweite Hose im Rucksack habe, oder?" fragte ich sie. Sie schaute mich an und ich merkte, wie sie nachdachte. Sie schien bis zu diesem Zeitpunkt noch nie realisiert zu haben, dass es auch andere Menschen gibt, die selbe oder ähnliche Probleme haben wie sie.

Ich bat ihr an, für den Rest des Tages auch eine Pampers von mir zu bekommen. Sie schüttelte den Kopf. "Papa sagt, das ist was für alte Omas, die nicht mehr klar im Kopf sind und nicht mehr wissen, wann sie auf Klo müssen. Ich weiß es und ich muss nur rechtzeitig hingehen. Er sagt, wenn ich die Dinger anziehe, verlerne ich das und muss irgendwann ständig gewickelt werden."

Ich sagte ihr, dass ich das ein bißchen anders sehe. "Natürlich sollst du nicht aufhören, regelmäßig auf Klo zu gehen. Du sollst ja nicht absichtlich in die Pampers machen. Aber wenn was passiert, ist es doch besser, wenn nicht alles nass wird. Ich glaube, du bist alt genug, dass du damit wie eine erwachsene Frau umgehen kannst und nicht wie ein Kleinkind, das aus Bequemlichkeit lieber weiterspielt und solange in seinem Saft sitzt, bis die Windel auch noch überläuft." Ein kaum sichtbares Lächeln huschte durch ihr tränenbenetztes Gesicht.

Ihre größte Sorge war, was wohl ihre Eltern dazu sagen würden, dass sie mit fremder Hose und Pampers zurück käme. Da beide Eltern sie abholen wollten, bat ich ihr an, dass der Kursleiter mit den Eltern spricht. Dass sie zustimmte, konnte aus meiner Sicht nur bedeuten, dass sie glaubte, nichts mehr verlieren zu können.

Ich möchte es an dieser Stelle abkürzen. Der Kursleiter und eine Übungsleiterin sprachen mit den Eltern, ich durfte dabei sein, sollte aber nichts von mir aus sagen, wenn ich nicht gefragt werde. Die Mutter war aus meiner Sicht noch zugänglich, dem Vater war es eher peinlich. "Sie wird einfach nicht erwachsen, vergisst sich, sobald es spannend wird, wie ein kleines Kind beim Spielen." Das war der Punkt, an dem der Kursleiter zu einer Gehirnwäsche ansetzte. Zwar freundlich, aber extrem deutlich verlangte er vom Vater, Selbstbestimmungsrecht und Intimsphäre der Tochter zu respektieren. Es folgte eine sehr sachlich und ruhig geführte Diskussion, in der der Vater anfangs noch überzeugt gegenan redete, später aber den Kopf immer weiter einzog. "Es geht Eltern heute schlichtweg nichts mehr an, ob die Tochter Tampons oder Binden benutzt, wie oft sie masturbiert und welches Deo sie gut findet. Und wenn es nach Haribo Tropifrutti riecht: Sie müssen es sich ja nicht aufsprühen. Ihre Tochter braucht Gestaltungs- und Rückzugsräume. Sie braucht jede Menge Hilfe, aber Sie müssen Ihre Tochter dorthin führen, dass Sie sich die Hilfe holt. Vielleicht bei Ihnen, aber vielleicht auch ganz woanders. Sie muss lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Sie muss eigene Erfahrungen machen."

Heute bekam ich von ihr einen Brief. Drei DIN-A4-Seiten mit Füller geschrieben. Auf der ersten Seite beschrieb sie den ganzen Tag aus ihrer Sicht. Was wir gemacht haben, wie sie das erlebt hat. Die letzten beiden Seiten beschreiben ihr Problem. Dass ihre Mutter mit ihr geredet hat. Der wichtigste Punkt: Sie hat ab sofort eine Wechselhose im Rucksack und sie bekommt ein Paket Pampers in den Schrank gestellt. Sie schreibt, dass sie erleichtert sei. Ich sei "wie eine Mutter" zu ihr gewesen. Sie wisse nicht, wie sie sich bei mir bedanken solle. Sie habe mich sehr lieb.

Eigentlich habe ich doch nur einem Mädchen dabei geholfen, ein kleines bißchen erwachsener zu werden. Es hat mich nichts gekostet, es war nicht mal sehr anstrengend, es hat mir sogar noch Spaß gemacht. Ich hätte niemals geglaubt, damit so etwas auszulösen. Ich bin aufgewühlt und tief gerührt zugleich.

Mittwoch, 3. März 2010

Frau Doktor Zicke

Spätestens seit diesem Tag weiß ich, dass ich einen neuen Rollstuhl brauche, da der alte (so alt ist er zwar noch nicht, aber eben auch nicht mehr nagelneu) diesen Winter leider nicht überlebt hat. Allenfalls als "wirtschaftlicher Totalschaden" durch Schnee, Salz, Split und scharfkantige Eisplatten auf den Gehwegen.

Die Unfallkasse rief mich an und bat mich, mir von meinem Hausarzt einen neuen Rollstuhl verordnen zu lassen. Das war mir nicht ganz schlüssig, denn immerhin hatte die Unfallkasse doch bereits ein Gutachten des von ihnen selbst beauftragten Sachverständigen, wonach eine Reparatur unwirtschaftlich sei. "Wir brauchen aber trotzdem eine neue Verordnung, sonst können wir das nicht abrechnen. Der Arzt muss quasi bescheinigen, dass ein (bestimmter) Rollstuhl aus medizinischer Sicht (immernoch) die beste Therapie oder der beste Ausgleich Ihrer Behinderung ist. Ich bin nur Verwaltungskraft, ich darf keine medizinischen Entscheidungen treffen und das Sanitätshaus und der Gutachter sind nur Techniker, die können ebenfalls nur den Zustand des Geräts beurteilen, aber nicht, womit Sie aus medizinischer Sicht optimal versorgt sind."

Verstanden. Wir bauen uns einen Verwaltungsvorgang. Also packte ich den ganzen Zettelkram in meinen Papphefter und gurkte zu meiner Hausärztin. Ohne Termin, denn nur ein Rezept ausstellen kann ja nicht so kompliziert sein. "Wir machen Urlaub! Vertretung machen Frau Dr. G. und Herr A." Wie schön, dass man ein Navi hat. Herr A. war zwei Straßen weiter, hatte seine Praxis aber im ersten Stock ohne Aufzug und Frau Dr. G. war ... ebenfalls in Urlaub?

Laut Praxisschild war noch Sprechstunde, aber alle Rolläden waren heruntergelassen. Es war ein Einfamilienhaus mit kleinem Grundstück, nett gelegen, eher vornehme Wohngegend. Ich parkte auf dem Grundstück, auf einem der beiden Praxis-Parkplätzen, baute meinen Rollstuhl zusammen und stieg aus. In dem Moment, als ich die Tür zur Praxis öffnen wollte, ging sie von innen auf. Eine Sprechstundenhilfe kam mit einem Eimer Spülwasser und einem Schwamm nach draußen und wollte die Eingangstür reinigen. "Haben Sie schon Feierabend?" fragte ich.

"Nein, wir haben nur schonmal die Rolläden runtergelassen, weil seit einer halben Stunde keiner mehr gekommen ist." Hm. Bißchen dämlich, fand ich. Denn ich wäre fast vorbei gefahren.

"Sie machen Urlaubsvertretung für Frau Dr. W., oder?" - "Ist die schon wieder in Urlaub?" fragte mich die Sprechstundenhilfe.

"Das steht zumindest an der Tür", sagte ich. Wie pampig ist das denn? Kein Wunder, wenn da keiner hingeht.

"Dann wird es wohl so sein", sagte sie.

"Ich wollte mir eigentlich eine Verordnung abholen, aber habe dann erst vor der Tür gesehen, dass sie in Urlaub ist. Ich habe zur Zeit nur einen Ersatzrollstuhl und die Unfallkasse bräuchte eine neue Verordnung, weil der andere ein wirtschaftlicher Totalschaden ist."

"Dann brauche ich mal Ihre Karte und dann frage ich Frau Doktor." Ich wartete vor der Tür im Sonnenschein (drinnen war schon alles dunkel), dann kam Frau Doktor raus, mit einer Tasse Tee in der Hand und pampte mich ebenfalls an: "Das hat doch wohl Zeit bis nächste Woche oder wann ist die Kollegin wieder da? Ich weiß doch gar nicht, wieviele Rollstühle Sie schon zu Hause stehen haben und ob Sie sich vielleicht jedes Mal, wenn Frau Dr. W. im Urlaub ist, einen neuen aufschreiben lassen."

Arschi! Ich kann nichts dafür, dass deine Praxis heute so leer ist! Ich erwiderte: "Hm, wenn ich das wollte, könnte ich ja auch jede Woche einen neuen Arzt aufsuchen. Also auch ohne, dass jemand in Urlaub geht. Meinen Sie nicht, dass die Kasse nachfragen würde?" - "Mag sein", antwortete sie schnippisch. "Fragen Sie nächste Woche Ihre Ärztin, wenn die wieder da ist."

Super. Sie schwirrte ab und es kam ihre Sprechstundenhilfe wieder zurück. Mit meiner Karte in der Hand. "Ich bekomme dann noch 10 Euro von Ihnen. Praxisgebühr. Oder haben Sie eine Befreiung?" - "Ich bin minderjährig."

"Na klar, deswegen fahren Sie ja auch alleine Auto. Wissen Sie, ich glaube ich weiß, warum Frau Doktor Ihnen nichts aufgeschrieben hat." - "Ich habe einen Führerschein mit 17." - "Und wo ist Ihre Begleitung?" - "Ich brauche keine Begleitung, ich habe einen regulären Pkw-Führerschein." - "Jaja. Und ich kriege jetzt 10 Euro von Ihnen."

"Selbst wenn ich 18 wäre, für mich zahlt die Unfallversicherung und nicht die Krankenkasse. Die Unfallversicherung kennt keine Praxisgebühr." - "Dann haben Sie bestimmt eine Bescheinigung darüber." - "Nein, denn die bekommen erst Volljährige. Sie haben die Karte doch ausgelesen, dann sehen Sie doch mein Geburtsdatum." - "Das ist mir hier alles nicht geheuer. Ich würde sagen, Sie zahlen die 10 Euro und bekommen eine Quittung, und wenn das alles rechtens ist, was Sie hier sagen, können Sie die ja von Ihrer Kasse wieder zurückholen." - "Das kommt nicht in Frage." - "Dann behalte ich Ihre Karte." - "Ja, ist in Ordnung. Ich werde das dann so meiner Kasse mitteilen."

In dem Moment kam die Ärztin von hinten angerauscht, drückte mir fast gewaltsam meine Chipkarte in die Hand und sagte: "So, und Sie verschwinden jetzt hier." Ich konnte mir nicht verkneifen: "Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben."

So eine Zickenfarm. Natürlich hätte ich gleich entscheiden sollen, dass ich eine Woche warte, bis "meine Hausärztin" wieder aus dem Urlaub zurück ist. Darüber habe ich in dem Moment nicht nachgedacht. Außerdem fahre ich auch ziemlich lange dorthin. Es hätte so einfach sein können. Aber dafür weiß ich jetzt, wohin ich nicht gehe, wenn ich irgendwann mal einen neuen Arzt suchen sollte.

Montag, 1. März 2010

Bitte keinen Spagat

"Wie sollten sich deiner Meinung nach die Fußgänger gegenüber den Rollis verhalten? Wie soll man den Spagat zwischen aufdringlichem Betütteln und blankem Ignorieren machen?"

Ja, es ist mal wieder Zeit, Leserbriefe zu beantworten. Nein, ich möchte nicht überheblich wirken. Aber bei 30.000 Besuchern bleibt schonmal der eine oder andere Kommentar hängen (die ich auch immer sehr gerne lese, auch wenn ich nicht immer alles nochmal kommentiere) - und auch die eine oder andere Zuschrift per Mail. Manches beantworte ich direkt, manches möchte ich auch nicht beantworten, manchmal fehlt mir auch die Zeit, manches ist mir zu intim. Auf wieder anderes weiß ich vielleicht auch gar keine Antwort. Oder ich freue mich einfach nur drüber, dass mein Blog auf manche Menschen eine positive Wirkung hat (was mir schon sehr oft geschrieben worden ist - eine Motivation, immer weiter zu schreiben).

Um die eingangs gestellte Frage aus meiner Sicht zu beantworten, sollte man sich vielleicht vergegenwärtigen, dass es zwischen Aufdringlichkeit und Ignoranz noch viele andere Abstufungen gibt. Ich möchte nicht als Behinderte behandelt werden, sondern als Mensch. Wenn es also einen Punkt gibt, an den der Fußgänger anknüpft, sollte er sich erstmal fragen, ob er hier einen Menschen ansprechen möchte oder einen Behinderten. Möchte der Fußgänger einen Behinderten ansprechen, sollte er es lieber gleich vergessen. Das geht meistens schief.

Einem wildfremden Menschen erzählst du auch nicht, dass du schonmal sechs Wochen in einem Rollstuhl sitzen musstest, weil du einen Bandscheibenschaden hattest oder ein Gipsbein. Auch nicht, dass du bei einem Unfall fast schonmal eine Querschnittlähmung bekommen hättest und auch nicht, dass dein Opa im Krieg beide Beine verloren und deswegen in einem Rollstuhl gesessen hat. Ich will es auch nicht hören. Ich komme mir dann immer vor wie dein Psychiater.

Wenn es so aussieht, als wenn ich Hilfe brauche, sieht es meistens nur so aus, weil dir das, was ich da gerade tue oder vorhabe, unbekannt ist oder unvorstellbar erscheint. Wenn ich Hilfe brauche, frage ich dich. Ich nehme Blickkontakt zu dir auf und schaue dir in deine Augen. Ich erkenne an deinem Blick sofort, ob ich dich ansprechen möchte oder nicht und ob du mir helfen wirst oder nicht. Oft genug habe ich Hilfe benötigt und oft genug habe ich Menschen vergeblich angesprochen. Es ist wie beim Autofahren: Irgendwann weiß man, dass man gleich übersehen wird, dass der Nebenmann gleich die Fahrspur wechselt oder ähnliches. Genauso weiß ich, ob ich dich ansprechen kann oder lieber nicht. Also vertraue einfach darauf, dass ich im Alltag alleine klar komme und hilf mir, wenn ich dich um Hilfe bitte.

Ich finde es jedoch, das nur nebenbei noch bemerkt, 1000 Mal besser, wenn jemand fragt, bevor er zupackt. Gerade beim Überfahren des Zwischenraums zwischen Bahnsteig und S-Bahn kann es fatal sein, wenn mich jemand einfach anfasst. Wenn ich mit den Vorderrädern des Rollstuhls mit Schwung zwischen Bahnsteig und Zug gerate, passiert nichts wirklich schlimmes - aber der Rollstuhl bleibt dort hängen und ich falle mit dem Kopf voraus in die Bahn. Das passiert nicht, wenn ich die Vorderräder vorher anhebe. Das geht aber nicht, wenn in dem Moment jemand unerwartet oder ungefragt von hinten schiebt.

Insgesamt möchte ich sagen: Ich möchte keine Aufdringlichkeit. Aber auch keine blanke Ignoranz. Und keinen Spagat. Ich möchte lediglich auf meine freundliche Bitte eine freundliche und ehrliche Antwort.