Sonntag, 28. Februar 2010

Der muhende Helmut

"Dreh dich nicht um, sondern küss mich und du wirst geheilt." Für einen Moment überlegte ich, ob ich die Frauenstimme kannte und mir nur irgendwer einen blöden Scherz spielte. Aber ich kannte die Frauenstimme nicht und auch die Hand auf meiner Schulter war mir unangenehm. Ich drehte mich um, schaute nach oben und sah ein ziemlich ranziges Geschöpf, eine vermutlich obdachlose Frau Mitte 40, schmutzige Fingernägel, Zahnlücken und speckige Haare. Sie trug eine abgewetzte dunkelrote Jacke und um den Hals ein graues Tuch. Es war 20 Sekunden vor dem Halt im Hamburger Hauptbahnhof und ich stand direkt an der Tür, zum Aussteigen bereit, in der S 31.

"Nehmen Sie mal bitte Ihre Hände weg. Ich mag nicht angefasst werden."

"Jetzt hast du dich ja doch umgedreht", lallte sie. "Nun ist es zu spät für eine Heilung und du wirst ein Leben lang in diesem Stuhl sitzen müssen."

"Damit hatte ich mich sowieso schon abgefunden", konterte ich. "Würden Sie jetzt mal die Hand von meiner Schulter nehmen?" fauchte ich sie an. In dem Moment fing sie an zu brüllen und durch den Wagen zu laufen. "Meine Kräfte stauen sich ungenutzt!"

Ich schaute auf den Mann, der hinter mir stand und bereits einen Stöpsel aus dem Ohr gezogen hatte, um mitzukriegen, was hier abgeht. "Was hat die denn geraucht?" fragte er kopfschüttelnd.

"Auf jeden Fall irgendwas, was sich ganz offensichtlich nicht mit ihren kleinen bunten Pillen verträgt." antwortete ich. Eine Frau, die auch aussteigen wollte und schräg hinter mir stand, fing an zu kiechern.

Auf der Rolltreppe hatte ich die ranzige Frau wieder hinter mir. "Soll ich dich festhalten oder kannst du das alleine?" fragte sie und drückte gegen meine Schiebegriffe. "Finger weg!" brüllte ich sie an. "Ich habe Ihnen eben schon einmal gesagt, Sie sollen mich nicht anfassen!"

Als ich in der U-Bahn war, saß am Ende des Wagens Helmut. Bekannt wie ein bunter Hund, weil er scheinbar jeden Tag in der U-Bahn sitzt. Ich habe ihn nun schon mehrmals gesehen. In seinem Hackenporsche hat er immer seinen halben Hausstand dabei, dazu eine Plastikmaske, die er sich zwischendurch immer mal wieder vor sein Gesicht hält und ruft: "Hier kommt Helmut. Ich bin eine Kuh!" Und dann bläst er in eine Plastiktröte hinein, die ein Geräusch macht, als wenn eine Kuh muht. Das allerdings so laut, dass alle im Wagen zusammenzucken und sich umdrehen. Er wiederholt noch einmal: "Hier kommt die Kuh!" und bläst noch mehrmals in die Tröte.

Wie immer: Einige Leute fingen zu grinsen an, andere schauten ihn ernst an. Ich bekam Blickkontakt mit einer jungen Frau. Sie verdrehte die Augen und ich kommentierte: "BSE, Rinderwahnsinn, irgendwie sowas." Sie lachte. Vielleicht ist es eine sehr einfache oder gar schon ungezogene Art, sich über andere Menschen lustig zu machen. Ich finde es jedoch sehr spannend, andere Menschen zu beobachten. Viele verhalten sich sehr unauffällig, aber einige wenige sorgen für jede Menge Spaß und Unterhaltung auf einer sonst so eintönigen Fahrt. Und wer sich so skurril verhält wie der muhende Helmut, muss auch damit rechnen, dass man sich über ihn lustig macht.

Freitag, 26. Februar 2010

Wahrnehmbare Häufung

Als ich vorgestern auf dem Weg zum Schwimmtraining mal wieder nicht mit einem öffentlichen Bus fahren durfte, weil schon ein weiterer Rollstuhlfahrer drinnen stand und der Busfahrer den Aufstand probte (er habe eine Vorschrift zu beachten, wonach nur ein Rollstuhlfahrer mitgenommen werden dürfe), wusste ich noch nicht, dass ich einen Stein ins Rollen bringen würde. Jedes Mal, wenn mir so etwas passiert, schreibe ich inzwischen einen (auf meinem PC bereits fertig gespeicherten und nur noch mit den aktuellen Daten zu füllenden) Brief an den jeweiligen Verkehrsbetrieb - mit Durchschrift an die zuständige Verkehrsbehörde. Alle anderen Rollstuhlfahrer aus der WG und etliche weitere Leute, die ich vom Verein kenne, machen das inzwischen genauso, weil es einfach nervt, wenn es immer von der Laune eines Busfahrers abhängig ist, ob man mitgenommen wird oder -wie in diesem Fall- 40 Minuten auf den nächsten Bus warten muss.

Bisher bekam ich immer nur als Antwort, dass man mit dem jeweiligen Fahrer gesprochen habe und man hoffe, künftig sei damit alles in Ordnung. Die Behörde hingegen bedankte sich bisher immer und schrieb, dass der Verkehrsbetrieb auf die Mitnahmepflicht hingewiesen worden sei und man davon ausgehe, dass es sich um einen bedauerlichen Einzelfall gehandelt hat.

Heute jedoch bekam ich von der Behörde kein Standardschreiben, sondern einen persönlich verfassten Brief, in dem man mir mitteilte, dass man wegen einer "wahrnehmbaren Häufung dieser Vorfälle" dem Verkehrsunternehmen "aufgegeben" habe, innerhalb von 14 Tagen "Maßnahmen einzuleiten, die eine nachhaltige Schulung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die aktuelle Rechtslage" sicherstelle. Man habe das Unternehmen darauf hingewiesen, dass in einem Wiederholungsfall "ein Bußgeldverfahren eingeleitet" werden könne. So weit sind wir also inzwischen. Steter Tropfen höhlt den Stein?!

Dienstag, 23. Februar 2010

Winterspuren

Endlich komme ich wieder alleine aus dem Haus. Weil die Gehwege und Nebenstraßen noch vereist sind (teilweise 10 bis 15 Zentimeter dick), kam ich nicht "zu Fuß" vor die Tür. Zumindest nicht alleine. Ich hätte mit dem Auto zur Schule, zum Einkaufen, zur Therapie fahren können, denn am jeweiligen Ziel wäre mit Sicherheit irgendeine Stelle besser geräumt gewesen als vor unserer Haustür (wo wir zu allem Überfluss auch noch dafür selbst bezahlen) - wenn nicht das elektrische Rolltor zur Tiefgarage seit Wochen defekt wäre. Andere Mieter haben ihr Auto so lange nach draußen gestellt, nur zu den Parkplätzen wäre ich eben wegen der vereisten Wege auch nicht gelangt. Allenfalls mit fremder Hilfe.

Seit heute funktioniert das Rolltor wieder. Der Vermieter hat - und das gibt es wohl heutzutage eher selten - jeden Mieter schriftlich darauf aufmerksam gemacht, dass er wegen dieses Defektes die komplette Monatsmiete für den Stellplatz aus Kulanzgründen erlassen bekommt. Bei denjenigen, wo der Stellplatz zur Wohnung gehört, schreibt er dem Mietkonto einmalig 60 Euro gut. Er bittet um Entschuldigung. Das finde ich mal einen fairen Zug, auch wenn die Einschränkungen, die ich durch dieses Theater hatte, um ein vielfaches höher waren als diese 60 Euro. Aber das liegt ja zum größten Teil an meiner Behinderung, und die hat er ja noch weniger zu verantworten als das defekte Rolltor.

So konnte ich heute gleich mit meinem Rollstuhl zum Sanitätshaus fahren, um dort die Winterspuren beseitigen zu lassen. Zwei neue Vorderräder, vier neue Kugellager, zwei neue Antriebsräder und ein neuer Kissenbezug plus Arbeitslohn und Steuer: Knapp 2.100 Euro. Der teuerste Punkt sind die Antriebsräder mit fast 500 Euro pro Stück. Insbesondere das Fahren durch / über das scharfkantige Eis auf den Gehwegen hat Felge und Greifreifen so in Mitleidenschaft gezogen, dass eine Reparatur nicht mehr möglich ist und beide Räder komplett ersetzt werden müssen. Das Salz hat nicht nur den Kugellagern (die rausgeschlagen und neu eingeklebt werden müssen), sondern auch den Steckachsen und den (ebenfalls geklebten) Aufnahmehülsen den Rest gegeben und sie in eine zusammenhängende Einheit verwandelt. Sogar an den Speichen hat sich Rost gebildet und teilweise tropfte aus den Lagern schon die fette braune Soße. Der Mitarbeiter des Sanitätshauses rief bei meinem Kostenträger (der Unfallkasse) an und wollte eine Reparaturfreigabe (die er ab 200 Euro immer braucht). Die Unfallkasse wollte erstmal einen Kostenvoranschlag und als der durchgefaxt war, kam prompt der Rückruf: Die Unfallkasse schickt einen Sachverständigen. Wenn ich warte oder wiederkomme, ist er in einer Stunde da.

Also habe ich mich entschieden zu warten. Das Sanitätshaus hat einen Aufenthaltsraum, wo ich Getränke und Fernsehen serviert bekam, nach 45 Minuten klopfte ein Typ wie ein Bär mit Vollbart an und meinte, er sei der Gutachter. Der Mitarbeiter vom Sanitätshaus kam dazu, mein Rollstuhl kam erneut auf die Werkbank. Er drehte einmal an den Antriebsrädern, schaute in irgendwelche Listen und rief vom Handy bei meiner Unfallkasse an. Ergebnis des Gutachtens: Wirtschaftlicher Totalschaden. Der Stuhl ist gerade mal ein Jahr alt. Er sagte zu mir: "Sie dürfen mit Ihrem Rollstuhl doch nur aus der Wohnung raus, wenn es draußen trocken ist und kein Schnee liegt. Wussten Sie das nicht?" Ich starrte ihn entsetzt an. Er zwinkerte mir zu. "War ein Scherz. Das ist bestimmt schon der vierzigste Stuhl, den ich diese Woche aus dem Verkehr ziehe. Und Ihrer sieht noch recht harmlos aus. Die Dinger sind einfach nicht für solches Wetter gebaut. Regen geht gerade noch, Schnee ist schon Mist und wenn dann noch Split und Salz gestreut werden, können Sie gleich schonmal 500 Euro Kosten einplanen. Wenn man sich dann noch über vereiste Fußwege und zentimeterdicke Eiskanten quälen muss, wie es in Hamburg diesen Winter überall Realität war, geben Sie jedem Stuhl den Rest. Dafür sind die nicht gebaut."

"Und nun?" fragte ich.

"Ganz einfach, Sie kriegen einen neuen Stuhl und der alte kommt in die Presse. Entweder nochmal den gleichen oder sonst lassen Sie sich mal zum Helium beraten. Den kann ich im Moment empfehlen. Ich schreibe eine entsprechende Empfehlung. Den Rest klären Sie hier mit dem Sanitätshaus. Ich muss weiter. Schönen Tag noch!" Und tschüss.

Das kann doch wohl nicht wahr sein. Der Stuhl ist ein Jahr alt, hat rund 4.000 Euro gekostet und wird nach einem Jahr weggeschmissen. Kann man nicht erwarten, dass die Dinger etwas länger halten? Auch wenn der Winter schon extrem war - so richtig toll finde ich das nicht. Der, den er mir empfohlen hat, sieht natürlich toll aus, wie ich finde.

Sonntag, 21. Februar 2010

Der Gedankenleser - alles nur geträumt

Manchmal, wenn ich zum Sport, zur Physiotherapie oder zur Nachbetreuung in das Querschnittzentrum fahre, in dem ich fast ein Jahr stationär behandelt wurde, läuft mir der Chefarzt über den Weg. Meistens grüßt er, manchmal drückt er mir die Hand, fragt, wie es mir geht. Manchmal sieht man ihn mit Stöpseln im Ohr beim Betriebssport auf irgendwelchen Fitnessgeräten turnen, manchmal fährt er mit lauter Musik im Auto vom Gelände. Weiter kenne ich ihn nicht. Einmal war ich in seinem Zimmer, vielleicht für zwei Minuten, als ich ihn fragen musste, ob ich von der Klinik aus in ein Trainingslager fahren darf (siehe hier).

Heute morgen klingelte mein Telefon und es meldete sich eine extrem tiefe Männerstimme, die ich zuerst überhaupt nicht einordnen konnte. Ich lag noch im Bett. Dann verstand ich den Namen, konnte ihn verknüpfen und saß in Millisekunden aufrecht. Es war der Chefarzt der Klinik, der wissen wollte, ob ich ihm einen Gefallen tun könnte. In seiner Klinik werde eine Patientin betreut, die über fast drei Jahre lang im Koma gelegen hat und nun, nach erfolgreicher neurologischer Reha wegen Komplikationen noch einmal bei ihm operiert worden ist. Sie ist seit einem Unfall ebenfalls querschnittgelähmt und hat niemanden, der sie besucht. Er meinte, dass sie in meinem Alter sei und ob ich nicht mal mit zusammen mit einer Freundin dieser Patientin einen Besuch abstatten könnte, wenn ich mal wieder "im Hause" wäre. Damit sie etwas mehr Anschluss finde.

Kurzerhand erzählte ich Cathleen und Simone davon, beide wollten mit. Also brachen wir ganz spontan sofort auf. Als wir im Krankenhaus ankamen, dauerte es fast 30 Minuten, bis wir sie endlich gefunden hatten. Doch dann war es sehr nett. Am Anfang war sie erst etwas distanziert, als sie hörte, dass der Chefarzt uns gebeten hatte, mal vorbei zu schauen, aber ich hielt es nicht für gut, ihr etwas vorzulügen. Schließlich hat er weder darum gebeten und außerdem ist sie ja nicht dumm und kann sich auch eins und eins zusammenrechnen, wenn nach mehreren Jahren Therapie aus dem Nichts plötzlich drei Rollifahrerinnen in etwa ihrem Alter aufkreuzen.

Zuerst fragte sie, warum wir denn im Rollstuhl sitzen würden, doch dann begann sie, von ihrem Schicksal zu erzählen. Sie ist mit ihren Eltern, die bei einem Verkehrsunfall beide verstorben sind, in einem Auto gewesen, als ein Geisterfahrer sie frontal erfasste. Eigentlich käme sie aus Bayern, einige Angehörige leben in Israel und in Amerika, die ganze Familie sei zerstritten und es gebe nur noch eine Oma, die aber im Pflegeheim lebe, dement sei und sie nicht besuchen könne. An den Unfall habe sie gar keine Erinnerung, sie habe aber alle Zeitungsartikel nachträglich besorgt und gesammelt.

Am heftigsten fand ich ihre Geschichte, wie sie die Zeit im Koma erlebt hatte. Sie sagte, sie habe alles mitbekommen, was um sie passiert ist. Sie habe mal oberflächlich, mal tief und fest geschlafen und viel geträumt. Sie habe oberflächlichen und tiefen Schlaf trennen können und habe im oberflächlichen Schlaf alles um sie herum mitbekommen. Dass das ein Traum ist und sie "mal aufwachen müsste", hat sie aber erst sehr spät realisiert. Sie habe alles aus ihrer Umwelt immer automatisch in ihre Träume eingebaut. Wenn irgendwo etwas piepte, träumte sie, sie sei beim Einkaufen an einer Scannerkasse. Wenn Wasser rauschte, träumte sie, sie sei schwimmen. Als man sie regelmäßig mit dem Bett vor die Tür ins Grüne schob, träumte sie, dass sie im Urlaub sei und sich sonne. Wenn irgendwo die Tagesschau lief, träumte sie, sie wäre bei ihren Eltern zu Hause und diese würden nebenan fernsehen. Wenn jemand mit ihr sprach, verstand sie das und antwortete im Traum. Natürlich nicht laut, sondern eben nur geträumt. In den Träumen sei sie einem richtig geregeltem Leben nachgegangen. Alles war super, alles passte, Party mit Freunden, Urlaub, alles prima.

Sie wurde lange Zeit beatmet und immer, wenn dieses Gerät zu heftig eingestellt war, habe sie sich gefühlt, als wenn sie hyperventiliert. Dann träumte sie, sie hätte Streit mit ihrer Mutter und würde bitterlich weinen, niemand würde sie verstehen. Oft weinte sie so lange, bis eine Ärztin vorbei kam und mit ihr sprach, danach war es wieder okay. Cathleen fragte, ob sie sich erinnern konnte, wie sie aufgewacht ist.

"Ja, sehr genau sogar. Ich habe irgendwann realisiert, dass ich schlafe und träume. Und da habe ich mich fest entschieden, die Augen zu öffnen und wach zu werden. Plötzlich war ich wach."

Ich wollte wissen, wie man so etwas realisiert. Sie antwortete: "Das bahnte sich lange Zeit an und kam dann doch sehr plötzlich. Ich wurde beatmet und scheinbar wurden die leichten Schlafphasen immer oberflächlicher. In diesen Phasen habe ich zeitweilig selbst mitgeatmet. Das hat die Beatmungsmaschine erkannt und die Ärzte darauf aufmerksam gemacht. Die haben dann der Beatmungsmaschine gesagt, dass sie nur dann beatmen soll, wenn ich nicht selbständig atme. Wenn ich selbst atme, soll sie nur assistieren. Immer, wenn ich die Luft anhielt, schaltete die Maschine von assistierter Beatmung auf passive Beatmung um und machte dabei einen Piepston, der sich wie ein bedauerndes 'Ohhhhh' anhörte. Immer, wenn ich versuchte, selbst zu atmen und ein paar Atemzüge regelmäßig geatmet hatte, piepste die Maschine wieder und machte ein Geräusch wie ein fröhliches 'Uiiiiiii'. Am Anfang träumte ich, ich würde Tauchen lernen und würde eine Ausbildung an einer Pressluftflasche machen. Aber dann fand ich diese Erklärung selbst blöd und überlegte im Traum hin und her, welches technische Gerät ständig meine Atmung kommentieren würde. Ich fand keine Antwort."

Ich fand ihre Geschichte extrem interessant und spannend. Sie fuhr fort: "Ich erinnere mich sehr genau, dass mich ständig jemand mit Namen ansprach und mir sagte, dass ich aufwachen sollte. Ich würde träumen und ich sollte doch mal die Augen öffnen. Während dieser Zeit träumte ich, ich wäre auf Klassenfahrt und in meiner Klasse gab es ein Mädchen mit gleichem Vornamen und das würde schlafwandeln. Ich diskutierte immer und immer wieder mit meinem Lehrer, dass man schlafwandelnde Leute nicht aufwecken sollte. Er sagte mir dann, dass das bei ihr eine besondere Art des Schlafwandelns ist. Sie schlafwandle mit geschlossenen Augen, deswegen dürfe man sie ansprechen. Das mit dem Nicht-Ansprechen gelte nur bei offenen Augen. Ich habe ihm das geglaubt und die Ansprache nicht auf mich bezogen. Auch dass ich angefasst und gestreichelt wurde, habe ich nicht auf mich bezogen. Im Traum war da eine Mitschülerin, die in diesen Situationen, teilweise waren wir in dunklen Höhlen, Angst hatte und sich an mir festhielt. Wenn jemand mich nicht streichelte, sondern mich antippte oder kniff, träumte ich, mich würden Mitschüler ärgern. Dass die Ärzte am Bett dann noch diskutierten, dass ich auf die Kniffe mit verstärkten Augenbewegungen reagieren würde, habe ich immer kommentiert mit den Worten: 'Ihr Arschlöcher, das tut ja schließlich auch weh.' Aber natürlich war das nur im Traum, wo die Ärzte meine Mitschüler waren."

Sie erzählte: "Das ganze Koma beschäftigte ich mich also nur damit, mich nicht angesprochen zu fühlen. Bis dann endlich jemand Tacheles redete. Mich fest am Handgelenk packte, mich mit Vor- und Zunamen ansprach und sagte: 'Jetzt hört mir mal alle zu und versetzt euch mal in die Lage einer Patientin im Krankenhaus. Angeschlossen an ein Beatmungsgerät, das immer piept, wenn man nicht mehr mitatmet. Und haltet alle mal aus Spaß für einen Moment die Luft an. Wie beim Schwimmen. Bitte alle einmal mitmachen. Es ist wichtig. Auch du. Alle!' Ich hielt die Luft an. Das Gerät piepte. 'Und weiteratmen.' Das Gerät lobte mich wieder."

"Das ist ja ein irrer Trick. Wer kommt denn auf so etwas?" fragte ich. Sie fuhr fort: "Das machten wir einige Male. Als er weg war, bekam ich Panik. Ich träumte, alleine an einem Forschungsraum zurückgelassen worden zu sein, angeschlossen an einem Gerät, das ständig meine Atmung kontrollierte und immer piepte, wenn ich die Luft anhielt. Ich wollte rufen nach dem Lehrer, nach meinen Mitschülern, aber es ging nicht. In dieser Panik raste mein Puls und löste den nächsten Alarm aus. Ich merkte, dass plötzlich jemand meinen Schweiß von der Stirn wischte, meine Hand nahm und mit mir redete: 'Du bist in einem Krankenhaus, du musst keine Angst haben.' Ich träumte, an mir würden Medikamente erforscht werden. Ich wollte um mich schlagen und mir alle möglichen Schläuche rausziehen und wurde am Bett festgeschnallt. Das mit dem Festschnallen ist wirklich passiert, auch in der Realität. Ich hatte richtige Alpträume."

Wahnsinn. "Dann endlich kam dieser Mann wieder, der wollte, dass ich die Luft anhielt. Inzwischen träumte ich, ich wäre im Krankenhaus in einer Forschungsreihe und mit Medikamenten vollgepumpt. Ich wollte mit ihm diskutieren, aber er hörte mir einfach nicht zu. In Wirklichkeit sprach ich ja auch nicht. Er sagte, dass ich mit ihm nur kommunizieren könnte, wenn ich meine Augen bewegen würde. Wenn ich 'Ja' sagen wollte, sollte ich den Kopf still halten und nach rechts blicken. Ich blickte nach rechts und er reagierte wirklich darauf. Ich merkte, wie mir jemand immer wieder die Augen öffnete. So sagte ich ihm, dass es mir schlecht ginge, dass ich unheimliche Ängste hätte, dass ich das sofort beenden möchte, was auch immer man hier mit mir täte. Er fragte mich, ob ich mich angesprochen fühlte. Ob ich ihm mal vertrauen könnte. Ob ich verstehen würde, dass ich im Krankenhaus sei. Ich hätte einen Unfall gehabt und würde im Koma liegen. Ich antwortete dann immer: 'Nein!' weil ich dachte, er würde mich verwechseln. Die hätten die Akte verwechselt, ich wäre falsch in ein Forschungsprojekt reingekommen und mit Medikamenten vollgepumpt. Und irgendwann fragte er mich, ob ich durch einen großen Irrtum hier liegen würde. Und ich dachte: 'Endlich versteht er mich.' und schaute nach rechts. Dann sagte er immer und immer wieder, dass ich im vertrauen müsste. Dass ich träumen würde. Dass ich einen Unfall hatte. Dass ich im Koma liegen würde. Und dass ich beatmet werden würde und dieses Gerät piept, wenn ich die Luft anhalte. Wenn ich mir ganz fest vornehmen würde, wach zu werden und die Augen aufzureißen, könnte es klappen. Ich sollte es einmal probieren, ich hätte doch nichts zu verlieren. Beim dritten Mal war ich wach. Er sagte mir später, er habe sich ein halbes Jahr mit mir beschäftigt und es war nicht das dritte, sondern mindestens das fünfzigste Mal."

Sie zeigte uns einen Artikel aus irgendeiner Zeitschrift, in dem über diesen Mann berichtet wurde. Überschrift: "Der Gedankenleser."

Wir haben verabredet, uns noch einmal zu treffen in der nächsten Woche. Als Cathleen, Simone und ich im Bus zurück saßen, hat keiner mehr ein Wort gesagt. Wir alle waren wohl völlig überwältigt von dieser Geschichte. Nicht negativ. Aber auch nicht positiv. Nachdenklich halt. Ich überlegte, ob ich mal so einen Job machen möchte später. Unheimlich spannend hört es sich an. Aber ob die Gedankenleser so oft Erfolg haben? Gerade vor kurzem habe ich einen Artikel in der Presse gesehen, in dem es darum ging, dass ein Mann nach Jahren aus dem Koma erwacht war, weil man eine falsche Diagnose gestellt hatte. Ich glaube, es war in Belgien. Ich werde mich mit dem Thema auf jeden Fall nochmal intensiver beschäftigen.

Und mir über kurz oder lang die Frage stellen müssen, ob ich zur Zeit in einem realen Leben lebe - oder vielleicht auch in einem Koma-Traum?! Ein unheimlicher Gedanke, eines Tages aus dem Leben aufzuwachen und zu realisieren, dass die letzten Jahre nur ein Traum waren und es Menschen, vielleicht sogar Familienangehörige und Freunde gibt, die immer wieder an mein Bett gekommen sind, weil sie die Hoffnung hatten, eines Tages würde ich aus meinem Koma erwachen. Und dass das, was ich gerade erlebe, nicht wirklich passiert. Ich glaube, wenn man diesen Gedanken intensiv genug verfolgt, ist er geeignet für ein gutes Drehbuch - oder für einen Absprung in die Schizophrenie.

Freitag, 19. Februar 2010

Schrottprojekt, Hühnersuppe und Meerjungfrauen

Im zweiten Schulhalbjahr müssen wir im Unterrichtsfach Psychologie Zweiergruppen bilden und selbständig Projekte zu vorgegebenen Themen ausarbeiten. Ich habe mir zusammen mit einer Mitschülerin ein Projekt ausgesucht, bei dem es um den Einfluss von äußeren Umständen auf die Antworten eines Probanden bei einer Befragung geht. Die Projekte haben drei Teile: Im ersten Teil sollen die beiden "Projektleiter" das schriftlich zu Hause vorbereiten und dann den Mitschülern vorstellen, im zweiten Teil soll der ganze Kurs einige Stunden lang in der Öffentlichkeit eine Befragung oder ein Experiment oder eine Beobachtung durchführen, im dritten Teil sollen wieder die beiden "Projektleiter" den Kram auswerten und dem Kurs die Ergebnisse vorstellen und alles gesammelt als schriftliche Arbeit abgeben.

Jede Zweiergruppe hat ihre Termine bekommen und meine Partnerin und ich hatten eigentlich bis Ende des Monats dafür Zeit. Meine Mitschülerin hatte mir am letzten Wochenende einen Entwurf zugemailt, der ging aber gerade über eine Dreiviertelseite und als Richtlinie waren etwa fünf Seiten Projektbeschreibung, fünf Seiten Anleitung und zwei bis fünf Seiten Ankreuzbogen vorgegeben. Bevor ich sie mir zur Brust nehmen konnte, dass ich gerne eine gute Beurteilung haben möchte und mir ihre Dreiviertelseite nicht ausreicht, erfuhr ich gestern sozusagen "nebenbei", dass die Termine neu festgelegt worden waren. In der Stunde war ich nicht da. Heute war unser Abgabeschluss für den ersten Teil. Und wir sind die erste Gruppe.

Also habe ich gestern, nachdem ich meine "Kollegin" nicht erreichen konnte und sie sich auch nicht zurückmeldete, von Schulschluss bis 4.00 Uhr nachts (also 14 Stunden durchgehend) nur am PC gesessen und getippt. Ich hatte das Glück, dass in meiner WG eine Psychologin wohnt (Sofie), die mir einige gute Tipps geben konnte. Natürlich hat sie mir nicht geholfen, ich soll ja was lernen, aber ich konnte mit ihr meine Ideen austauschen.

Ich hatte die Idee (und meine Mitschülerin fand sie gut), in Hamburg Leute zu befragen, ob sie finden, dass es in Hamburg ausreichend Aufzüge in den U-Bahn-Stationen gibt. In einem Fall sollte das Gespräch damit angefangen werden, dass gerade 7 Millionen Euro in neue Aufzüge investiert worden sind, in einem anderen Fall damit, dass gerade mal 40% der Stationen behindertengerecht sind. In allen anderen Fällen sollte ganz neutral nichts vorweg geschoben werden, sondern durch den Standort Einfluss genommen werden. Zum Beispiel sollte das 3. Team am Jungfernstieg vor den beiden neuen Aufzügen der U-Bahn-Station stehen, das 4. am Jungfernstieg vor den Treppen der S-Bahn, ein 5. oben auf dem Jungfernstieg vor der Tür der Beratungsstelle der Rentenversicherung, ein 6. auf dem Jungfernstieg vor einem Nobelkaufhaus. Das siebte und achte Team sollte zwar an neutralen Orten stehen und auch die Fragen neutral stellen, aber einmal mit Springerstiefeln und Bomberjacke bekleidet sein und einmal aus einer Rollstuhlfahrerin und einem "Hippi" bestehen.

Natürlich weiß jeder, was bei dieser Befragung rauskommt, aber wir sollen das ja lernen. Ich habe also in einer 14-stündigen Mammut-Aktion alleine diese Hausaufgabe fertig bekommen, mich dann zwei Stunden hingelegt und bin völlig übermüdet mit dem Taxi (wegen immernoch defektem Garagentor) zur Schule gefahren und durfte dann erfahren, dass diese Projekte vermutlich erstmal auf Eis gelegt sind. Nähere Informationen bekämen wir am nächsten Montag. Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll.

Als ich wieder zu Hause war, habe ich alle Termine für heute abgesagt, Telefon und Handy abgestellt, "bitte nicht stören" an die Tür gehängt und mich ins Bett gepackt. Ich war so fertig von der fehlenden und durchgearbeiteten Nacht, dass mit beim Mittagessen der Kopf fast in die Hühnersuppe gekippt wäre.

Als ich abends wieder aufwachte, hörte ich andere Hühner gackern. Simone war bei Cathleen zu Besuch. Die beiden waren gerade von draußen reingekommen, völlig durchgefroren und ließen sich die Badewanne einlaufen. Die Tür zum Badezimmer stand halb offen und als ich vorsichtig um die Ecke schaute, stieg gerade Simone zu Cathleen in die Badewanne. "Was macht ihr denn da?" fragte ich.

"Aufwärmen. Wir wollten dich vorhin fragen, ob du mitkommst, aber du wolltest ja nicht gestört werden. Jetzt ist uns kalt, ich habe schon ganz blaue Beine. Willst du auch noch mit in die Wanne?" fragte Cathleen und Simone kiecherte. Einen Moment überlegte ich, ob ich wenigstens so tun sollte, als wenn ich mich ausziehe, aber dann schaute auch noch Lina um die Ecke und traute ihren Augen kaum. Am Ende standen wir zu viert im Bad, Liam, der unbedingt die zwei badenden Meerjungfrauen sehen wollte, kochte denen sogar extra einen heißen Tee und ein lustiger DVD-Abend rettete den Tag.

Donnerstag, 11. Februar 2010

Nichts zu sparen

Treue Leser erinnern sich dunkel: Cathleen hat ihre Kasse verklagt, ihr mehr als drei Pampers pro Tag zur Verfügung zu stellen. Siehe auch hier und hier. Sie hat zwar in einer vorläufigen Entscheidung Recht bekommen, dass ihr die Kasse mehr als drei Pampers pro Tag zahlen muss, aber das Problem liege nach Auffassung des Gerichtes darin, dass das Unternehmen, das mit der Kasse einen Liefervertrag hat, die Anzahl beschränke, obwohl die Kasse eindeutig einen Vertrag geschlossen hat, der keine Beschränkung der Anzahl zulässt.

Der Lieferant muss also eigentlich soviel liefern wie benötigt wird. Er bekommt dafür 33 Euro pauschal pro Monat und Kunden. Benötigt ein Kunde wenig, profitiert er, benötigt ein Kunde viel, zahlt er drauf. Am Ende soll es stimmen, die Menge machts. Sowas wie eine Kopf- oder Fallpauschale gibt es also bereits.

Der Lieferant hat eben nicht die Menge gesehen, sondern den einzelnen Kunden. Bei Kunden mit nur einer Packung Tena Lady hat er sich gefreut, bei Kunden mit drei Kartons Windeln im Monat hat er gesagt: "Deine Kasse zahlt nur einen Karton." Und dann nicht gesagt: Was interessiert mich fremdes Schicksal, piss doch in die Hose oder ins Bett.

Wachgerüttelt durch die mahnenden Worte der Richterin hat Cathleens Krankenkasse dem Lieferanten damals auf die Füße getreten. Drei Monate lang lieferte er nun ein Markenprodukt in ausreichender Menge und sogar in vernünftiger Saugstärke. Das gleiche, was ich auch bekomme. Jetzt, im Februar, ist es über ihn angeblich nicht mehr zu beziehen. Angeblich habe er sämtliche Verträge mit dem Hersteller aufgekündigt. Was er nur nicht bedenkt: Ich kaufe bei demselben Lieferanten auf Rechnung ein und bekomme diese Artikel weiterhin. Ich reiche die Rechnung nämlich bei meiner Unfallkasse ein, bei Cathleen wird direkt über die Krankenkasse abgerechnet. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Sie bieten Cathleen nun an, zwar dieselbe Menge zu liefern, dafür aber kein Markenprodukt mehr. Sondern einen billigen No-Name-Import. Zwei Fotos dazu:
Links das Markenprodukt, rechts das No-Name-Ding.


Alleine von der Dicke her eine Zumutung: Keine Hose geht mehr zu. Das rechte No-Name-Ding trägt ohne Ende auf. Vom Gewicht unterscheiden sie sich ebenfalls beträchtlich: 118 Gramm das Markenprodukt, 210 Gramm das No-Name-Teil. Und die Saugfähigkeit, also das, worauf es ankommt? Beim Markenprodukt 780 Milliliter (auch wenn 2.800 ml drauf steht, das ist der Wert, wann eine in einen Eimer getränkte und dann an einer Leine aufgehängte Windel zu tropfen aufhört, also realitätsfremd), beim No-Name-Teil gerade mal 370 ml. Also weniger als die menschliche Blase fasst.

Immerhin hat der Saftladen nur eine Probe und keinen ganzen Karton von dem Mist geliefert. "Probieren Sie es aus." Haben wir. Beide. Und nun hätten wir gerne wieder den Markenartikel. Der Anwalt kümmert sich, mahnt erneut die Kasse. Man bekommt irgendwie nie seine Ruhe, muss ewig weiter kämpfen. Auch wenn es egoistisch klingt: Ich bin froh, mit meiner Unfallkasse einen deutlich großzügigeren Kostenträger gefunden zu haben. Ich verstehe nicht, wieso man immer und immer wieder versucht, an Stellen zu sparen, wo es einfach nichts zu sparen gibt.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Schwimmen zählt nicht

Zur Zeit komme ich nicht aus dem Haus. Vor der Tür hat sind die Gehwege nicht nur vereist, sondern auf dem Eis liegt festgetretener, aber nicht mit dem Eis verbundener Schnee, in dem man mit den Vorderrädern versinkt. Das betrifft nicht nur mich, sondern auch die anderen Rollstuhlfahrer in meiner WG und auch viele andere Rollstuhlfahrer in Hamburg.

Ich könnte normalerweise wenigstens mit dem Auto losfahren, das geht aber im Moment auch nicht, da das elektrische Garagentor defekt ist. Ein Ersatzteil soll erst in der nächsten Woche geliefert werden, solange lässt sich das Tor überhaupt nicht öffnen oder schließen. Das Rolltor ließe sich im Notfall mit einer Handkurbel öffnen - aber nicht wieder schließen. Keine Ahnung, wer so etwas baut. Jedenfalls haben wir uns zwangsweise darauf einigen müssen, dass das Tor geschlossen bleibt, denn durch das geöffnete Tor könnte jede wildfremde Person durchs ganze Haus spazieren.

Die anderen Mieter haben immerhin die Möglichkeit, ihr Auto solange draußen zu parken. Ich könnte das auch, würde dann aber immer jemanden benötigen, der mich dorthin schiebt und mir beim Verladen des Rollstuhles hilft. Sowohl beim Losfahren als auch beim Zurückkommen. Und das geht eben nicht.

Somit fahre ich im Moment mit dem Taxi zur Schule. Um zu fragen, ob das übernommen wird, musste ich sowieso bei meiner Unfallkasse anrufen. Also bequatschte ich Frank nochmal, ob es nicht doch irgendeinen Ansatz gibt, um mein Problem mit dem Schwimmen zu lösen. Vor allem, weil ich im Schwimmunterricht mal nicht "anders" bin und mit den anderen mithalten kann, fände ich es sehr wichtig, dass ich daran teilnehmen kann und nicht etwa in einem anderen Schwimmbad am Montagmorgen schwimme - wie es hier vorgeschlagen wurde. Woanders schwimmen kann ich jederzeit.

Frank meinte: "So, wie es jetzt ist, ist es nicht optimal. Es gibt zwei Möglichkeiten, nämlich die eine, dass die Unfallkasse klipp und klar sagt, dass auch 'privates' Schwimmengehen während des Schulschwimmens verboten ist, oder dass es irgendeine Möglichkeit gibt, das weiterhin zu tun." Im ersten Fall müsste ich es künftig sein lassen, im zweiten Fall käme ich in die Behindertendusche. Also ganz oder gar nicht. Also sollte ich fragen, ob etwas dagegen spricht, wenn ich während meiner Freistunden im gleichen Schwimmbad privat schwimmen gehe wie meine Klassenkameraden.

Gesagt, getan. Die Taxikosten werden übernommen. "Und dann hätte ich noch eine Frage bitte. Ich habe ja deutlich weniger Stunden als meine Mitschüler in meinem Jahrgang, und daher auch deutlich mehr Freistunden. Darf ich in den Freistunden eigentlich privat schwimmen gehen?"

"Sie dürfen in den Freistunden machen, was Sie wollen!" - "Dürfte ich dann auch in dem Schwimmbad schwimmen gehen, wo meine Mitschüler in der Zeit Schwimmunterricht haben?"

"Sie dürfen auch ganz normal mitschwimmen. Sie dürfen Ihre Leistung auch mit anderen messen oder messen lassen. Sie dürfen nur am Ende keine Note dafür bekommen."

"Achso? Weil man mich ganz, ganz doll gewarnt hat, ich müsste diese 20-Stunden-Regel ganz genau einhalten und dürfte nicht eine Minute länger am Unterricht teilnehmen, sonst würde ich meine Rente verlieren."

"Das ist im Prinzip auch richtig. So erklärt man es erstmal ganz einfach. Aber es gibt mehrere Urteile dazu, und dann wird es speziell. Ich erkläre Ihnen das mal genau." - "Das wäre prima."

"Nach einem Gutachten sind Sie erwerbsunfähig. Das bedeutet, dass Sie nicht in der Lage sind, dauerhaft mehr als 15 Stunden (zu je 60 Minuten) pro Woche zu arbeiten. Diese Feststellung ist nicht als Leistungsbeurteilung zu verstehen, sondern trägt", wie hat sie es genannt?, "Ihrem Bedürfnis nach und Ihrem Anspruch auf lebenslange Rehabilitation Rechnung. Das heißt auf Deutsch: Wir wollen, dass Sie Ihre Therapien, insbesondere die Physiotherapie, ohne Druck durch den Arbeitgeber fortführen können. Sie sollen nicht mehr als 3 bis 4 Stunden ununterbrochen sitzen, weil das Ihrer Haut im Gesäßbereich nicht gut tut. Sie sollen sich alleine versorgen können, weil das nicht nur billiger, sondern auch angenehmer für alle Seiten ist. Sie brauchen länger unter der Dusche und auf dem WC. Deswegen wird das so festgesetzt, auch wenn sich die Betroffenen oft leistungsfähiger fühlen. Sie sollen aber die Chance haben, kürzer zu treten, ohne dass Sie gleich den Job verlieren. Wichtig ist, dass Sie das entscheiden können, wenn es gerade notwendig ist und dann nicht erst lange Anträge stellen müssen. Querschnittlähmung kann Jahre lang gut gehen, aber ein Infekt oder eine Druckstelle kann Sie vielleicht Monate lang aus der Bahn werfen. Da sind Sie froh über jede Stunde, die Sie Ruhe haben."

Ich fragte sie: "Darf ich fragen, woher Sie sich so gut mit Querschnittlähmungen auskennen?"

"Ja, dürfen Sie. Ich bin selbst querschnittgelähmt. Aber zurück zum Thema: Wie Sie das im Alltag umsetzen, ist aber eine völlig andere Sache", fuhr sie fort. "Sie dürfen aus nicht mehr als 15 Stunden Einkommen erzielen. Sobald Sie für eine 16. Stunde bezahlt werden, ist der Sack zu und die Rente wird gestrichen. Wenn Sie aber 30 Stunden in der Firma sitzen und in der Zeit das Pensum von 15 Stunden schaffen und auch nur für 15 Stunden bezahlt bekommen, weil Sie vielleicht alle 20 Minuten für 5 Minuten die Augen schließen und sich entspannen, dann ist das Ihr Ding. Wenn Ihr Arbeitgeber das mitmacht, können Sie auch morgens eine Stunde arbeiten, mittags eine Stunde arbeiten und abends eine Stunde arbeiten und dazwischen in das betriebseigene Fitness-Center oder in die Kantine gehen und Fernsehen. Das spielt alles keine Rolle."

"Gut, nun habe ich aber keinen Job, sondern bin Schülerin." - "Richtig. Und da ist es genauso. Sie haben den Leistungsdruck von 15 Stunden pro Woche, sind 20 Schulstunden oder 10 Doppelstunden. Dafür bekommen Sie Noten. Und vermutlich für einige Hausarbeiten. Sie können diese Hausarbeiten aber theoretisch auch in der Schule machen, während die anderen genau dieses Fach haben, sogar im selben Unterrichtsraum. Sie dürfen in Ihren Freistunden auch am Unterricht teilnehmen, auch aktiv. Sie dürfen nur keine Note dafür bekommen. Es muss sichergestellt sein, dass in dem Moment, wo es Ihnen schlecht geht oder wo Sie eine Druckstelle bekommen oder wo Ihre Spastik zunimmt, Sie ohne mit der Wimper zucken zu müssen Ihre Stundenzahl auf das Minimum runterschrauben können. Ohne dass es sich im Zeugnis auswirkt. Sie können also problemlos am Schwimmunterricht teilnehmen - solange Sie nicht unter dem Druck stehen, eine gute Leistung abgeben zu müssen."

Das hörte sich doch ganz anders an. "Sie dürfen zum Beispiel auch nicht dazuverdienen. Deswegen bekommen Sie ja die Rente auch schon als Schülerin. Das ist eben eine Besonderheit bei der Unfallversicherung. Sobald Sie 15 Stunden am Unterricht teilnehmen und gehen danach 1 Stunde Babysitten, ist die Rente weg. Das dürfen Sie nicht tun. Wenn Sie aber nach den 15 Stunden noch 15 Stunden freiwillig am Unterricht teilnehmen - kein Problem. Sie können auch 15 Stunden als Gast in die Uni gehen oder 15 Stunden Wikipedia lesen oder 15 Stunden die Bibel studieren oder 30 Stunden ehrenamtlich unter Obdachlosen Brot verteilen. Das spielt alles keine Rolle. Sie dürfen nur nicht weiter unter Leistungsdruck stehen."

"Gibt es dazu irgendwie ein Merkblatt oder sowas? Wo das drin steht?" - "Nein, aber es gibt mehrere Urteile dazu, die ich Ihnen zumailen kann, wenn Sie das wollen. Sie können Sie auch im Internet raussuchen, das Bundessozialgericht hat eine Internetdatenbank, in der jeder recherchieren kann." Das wird Frank mit Sicherheit wissen und finden.

Das sind doch mal erfreuliche Nachrichten. Denn so kann ich ganz normal mit den anderen Schülern ins Schwimmbad und gemeinsam am Sport teilnehmen - und darf sogar in den Umkleideraum für Behinderte. Muss mich also nicht mehr auf dem Gang umziehen, darf mich vorher auch duschen, auf die Toilette - was für ein Luxus. Ich bin mal gespannt, wie das nächste Woche wird.

Dienstag, 9. Februar 2010

Nackt und attraktiv

Auch die Stinkesocke ist schon lange im Social-Network-Fieber und schaut täglich auf ihre Facebook-Seite, um zu erfahren, wie es ihren Freunden und Bekannten geht. Dass das in erster Linie "Spielkram" ist, ist mir bewusst. Und doch: Ein Typ, den ich vom Sport kenne (ich mache Rollstuhlsport, er spielt Wasserball), hat mich, wenn wir Schwimmtraining hatten, schon öfter angesprochen. Bisher immer nur oberflächlich, bisher dachte ich, es ist von ihm nur höflich und nett gemeint. Also habe ich mich mit dem einen oder anderen unauffälligen Blick auf seinen knackigen Hintern in der Badehose zufrieden gegeben und mir eingeredet, er sei in fester Beziehung oder zumindest nicht an einer behinderten Siebzehnjährigen interessiert. Er ist Neunzehn.

Seit er mich bei Facebook geaddet hat, weiß ich, dass er Single ist. Letzte Woche hat er an so einem Freund-Fakten-Spiel teilgenommen und jede Menge pikante Fragen beantwortet. Die Fragen, die er über mich beantwortet hat, kann ich, wenn ich selbst Fragen beantworte, lesen.

"Findest Du Julia attraktiv?" und "Möchtest Du Julia mal nackt sehen?" hat er beides mit "Ja" beantwortet. Ich rätsel nun seitdem, ob er das einfach nur so angeklickt hat, ob er das überhaupt angeklickt hat (vielleicht versendet sich der Scheiß ja auch von selbst) oder ob er mich wirklich attraktiv findet und ... mich mal nackt sehen will. Ich meine: Das will man ja nicht, wenn man nichts von demjenigen will. Oder? Oder doch? Oder ist es am Ende doch nur ein ganz billiges Spiel?

Ich überlege nun, ob ich ihm einfach eine Nachricht schreibe: "Hey, was ist das denn? Du findest mich attraktiv und willst mich nackt sehen? Ich hoffe, das hat sich nicht von alleine verschickt!" Aber das kann auch übel nach hinten losgehen, oder?

Warum muss das immer alles so kompliziert sein?

Montag, 8. Februar 2010

Die Dusche bleibt leer

Heute war wieder Schulschwimmen mit Uschi angesagt. Wissend, dass es vermutlich wieder endlose Diskussionen mit dem Personal über die Behindertendusche gibt, habe ich mich wieder zu Hause bereits so weit präpariert, dass ich nur noch ein paar Klamotten ausziehen und ins Wasser springen muss, aber dennoch wollte ich unbedingt nochmal dieses Thema ansprechen.

Man holte mir sogar extra den Chef des Hauses. Es gäbe einen Vertrag mit der Stadt, nach dem die Schwimmgruppen in den Schulen uneingeschränkten Zugriff auf die rollstuhlgerechten Einrichtungen der Schwimmhalle haben müssten. Uneingeschränkt hieße, dass diese Einrichtungen während des Schulschwimmens für den üblichen Besucher gesperrt seien. Es soll halt nicht passieren, dass behinderte Schüler erstmal eine halbe Stunde warten müssten, bevor irgendwelche Omas die Behindertenumkleide verlassen, und damit jede Woche eine Ausrede hätten, um nicht am Schwimmunterricht teilzunehmen. Das kann ich ja auch irgendwie verstehen.

Ich versuchte ihm dann zu erklären, dass in der Zeit, in der ich schwimme, kein weiterer behinderter Schüler am Schulschwimmen teilnehme. Vielmehr sei ich eine behinderte Schülerin einer Schulschwimmgruppe, würde lediglich deshalb privat zahlen, weil ein Attest besagt, dass ich nicht offiziell am Schulschwimmen teilnehmen soll, sondern allenfalls privat. Dass ich zu dem Kurs gehöre und dass ich daran teilnehme, könne ihm meine Sportlehrerin bestätigen. Ich fragte, ob man sich nicht darauf einigen könne, dass ich die behindertengerechten Einrichtungen nutze, solange kein anderer Bedarf hat. Damit meine ich: Sobald ein Lehrer sagt, dass sie das brauchen, räume ich sofort das Feld.

Nein, das ginge einfach nicht. Wenn ich geschlossen mit der Schulklasse und ohne Eintrittskarte reingehen würde, wäre das kein Problem, so sei das nicht möglich. Und auch der vorgeschlagene Kompromiss sei nicht machbar. Wenn sich nämlich überraschend herausstellt, dass in der nächsten Woche eine der drei Schulen einen behinderten Schüler mitbringt, sei die Kabine bereits belegt, weil man erst hinterher mit mir sprechen könnte. Man könnte mich dann ja nicht nackt auf den Flur scheuchen. Gleichzeitig müsste er dann aber seinen Vorgesetzten erklären, warum er es mir erlaubt hätte. Das wolle er einfach nicht. Und damit ist die Diskussion beendet - und er möchte auch nicht, dass ich nach dem Schwimmen dort dusche. Entweder komme ich als normaler Badegast damit klar, dass die behindertengerechten Einrichtungen nicht zur Verfügung stünden (ich solle es so betrachten, als wären sie gar nicht da), oder ich könne eben nicht schwimmen.

Uschi sagt, dass auch sie keine Chance sehe, da sie nicht Chefin in der Schwimmhalle sei und der tatsächliche Chef der Schwimmhalle nicht mit sich reden ließe. Nun wäre da natürlich noch die Idee, bei meinem Leistungs- und Rententräger anzurufen und zu fragen, ob es nicht eine Chance gibt, den Schwimmunterricht aus der Berechnung der Stunden komplett herauszunehmen, denn das ist ja eigentlich keine zusätzliche Arbeitsbelastung, sondern eher Entspannung. Aber Frank meinte, ich sollte bloß die Finger davon lassen. Das würde keinen Erfolg haben und man wecke damit nur schlafende Hunde. Am Ende käme irgendein anderer Bürokrat auf die Idee und wertet meine privat organisierte und privat bezahlte Schwimmstunde (so, wie es jetzt ist) als Schulunterricht und mache mir Probleme.

Frank rät mir eher dazu, herauszufinden, ob diese Schwimmhallen-Unternehmen von der Stadt öffentliche Mittel bekommt oder bekommen hat. Einerseits dafür, dass es für die Hamburger Bürger eine öffentliche Einrichtung (Sportstätte, Freizeitbad) betreibt, andererseits für den behindertengerechten Aus- oder Umbau. Die Stelle, die solche Mittel bewilligt, hat an solchen Schilderungen in der Regel ein Interesse. Frank bezweifelt, dass die wissen, dass die Einrichtung nur außerhalb von Schul- (und womöglich Vereins-) Schwimmen rollstuhlgerecht ist. Die Senatsbeauftragte für die Belange behinderter Menschen könnte hier sicherlich weiterhelfen. Man müsse nur aufpassen, dass der Schuss nicht nach hinten losgehe: Immerhin hat man mir vor Betreten des Bades deutlich gesagt, dass die Einrichtungen nicht zur Verfügung stehen. Das darf also eindeutig weder mein Vorwurf noch deren Ausrede sein.

Vorerst bleibt es aber auch in und nach Woche 2 dabei: Die einzige Schülerin im Rollstuhl zieht sich auf dem Gang um, während die rollstuhlgerechte Umkleidekabine mit rollstuhlgerechter Dusche und rollstuhlgerechtem WC aus bürokratischen Gründen leer stehen muss. In Einzel- oder Gruppenumkleidekabinen komme ich nicht rein, da die Türen zu schmal sind, in den Duschraum komme ich zwar, könnte mich dort aber nur auf dem Fußboden sitzend duschen, sozusagen Hand-in-Hand mit den Fußpilzen, und in den Toilettenraum komme ich ebenfalls, nicht aber in die einzelnen Kabinen.

Ich bin mal gespannt, wann sich der erste darüber aufregt, dass ich quasi ungeduscht ins Becken springe. "Quasi", denn eine Stunde davor dusche ich ja zu Hause. Schön wäre allerdings, auch nach dem Schwimmen die Chlorbrühe abwaschen und nicht nur abtrocknen zu können. Aber vermutlich hat die Behinderte einfach mal wieder zu hohe Ansprüche. Soll sie sich doch freuen, dass sie überhaupt in die Halle darf und mitschwimmen kann. Ist ja schließlich nicht selbstverständlich.

Es ist mal wieder ein typisches Beispiel für eine vermeidbare Barriere. Kein behinderter Mensch, der zumindest die Hälfte seiner Tassen im Schrank hat, wird verlangen, unsinnig viel Geld für den barrierefreien Ausbau alter Gebäude oder andere unverhältnismäßige Maßnahmen auszugeben. Ich habe kein Problem, einen Lastenaufzug oder einen Lieferanteneingang zu benutzen, mich auf der Straße vom Apotheker bedienen zu lassen oder einen Umweg in Kauf zu nehmen, weil in eine vor 100 Jahren erbaute denkmalgeschützte U-Bahn-Station kein Aufzug eingebaut werden kann. Aber so ein kompromissloser Bürokratismus kotzt mich an.

Samstag, 6. Februar 2010

Zu jung für eine Behinderung

Heute rief mich eine Mitarbeiterin der Klinik, in der meine Mutter nach wie vor stationär behandelt wird, an, und bat mich, mit meiner Mutter zu sprechen. Bevor ich überhaupt etwas antworten konnte, wurde der Hörer bereits weitergereicht und augenblicklich war meine Mutter dran. Ich war so perplex, dass ich natürlich nicht sofort aufgelegt habe. So schnell kann man einfach nicht nachdenken und richtige Entscheidungen treffen. Aber hinterher ist man schlauer. Ich möchte entscheiden, mit wem ich rede und wann ich mit ihm rede - und nicht etwa ein solches Gespräch aufgezwungen bekommen. Wenn jemand mit übermittelter Nummer anruft und ich entscheide, ich gehe nicht dran, dann finde ich es unmöglich, wenn er danach mit unterdrückter Rufnummer erneut anruft. Und wenn ich bei unterdrückter Rufnummer auch nicht dran gehe, finde ich es schon dreist, dann jemanden vorzuschicken, der dann das Telefon weiterreicht.

Das Gespräch war zuerst sehr nett, sie hat sich erkundigt, wie es mir geht, was die Schule macht, ob ich neue Freunde gefunden hätte. Ich habe ihr auf oberflächlicher Ebene ein paar Dinge erzählt, aber noch während ich erzählte, warf sie mir bereits vor, sie nicht an meinem Leben teilnehmen zu lassen. Ich habe dann ohne darüber nachzudenken zurückgefragt: "Was mache ich denn gerade?"

Sie antwortete, dass das nicht das ist, was sie möchte. Sie möchte mit mir und meinem Vater zusammenleben. Ihr sei klar geworden, dass sie eine behinderte Tochter habe. Aber ihr sei auch klar geworden, dass sie eine gewisse Verantwortung für ihre Tochter habe und sie sie nicht einfach im Stich lassen könne. Sie wisse, dass sie mich im Stich gelassen hätte und dass ich in dieser Notlage einen Weg eingeschlagen hätte, der für mich am nächsten gelegen hat, als ein gemeinsamer Weg mit meinen Eltern nicht mehr zur Wahl stand.

Soweit gut. Aber nun kommt es. Sie ist der Überzeugung, mir mehr bieten zu können als in einer Wohngemeinschaft mit anderen behinderten Menschen. Und dann ging diese "Du verkommst in einem Sumpf des Schicksals"-Arie wieder los. Diese behinderten Menschen seien eine Last für mich, sie machen mir das Leben schwer, ich würde von ihnen nur lernen, mich zu bedauern und mein Leid zu vermarkten.

Ich habe dann noch einmal versucht, ihr zu erklären, dass ich in meiner jetzigen Situation glücklich bin. Dann fing sie an, dass es jawohl nicht sein könne, dass ich glücklicher sei als bei meinen Eltern zu Hause. Ihr Leben habe sich jahrelang nur um mich gedreht und nun sei es nicht gut genug gewesen. Ich habe ihr gesagt, dass man die Situation heute nicht mit meinem Leben in meiner Familie vergleichen könne, da ich damals keine Behinderung gehabt habe. Ich habe auch nicht gesagt, dass ich mich bei meinen Eltern nicht wohlgefühlt habe und dass ich unglücklich war. Aber in der jetzigen Situation bin ich so, wie es jetzt ist, glücklich.

Wenn sie wirklich an meinem Leben teilnehmen will, dann erwarte ich von ihr, dass sie sich mit der Situation von behinderten Menschen überhaupt erstmal auseinander setzt. Dazu gehört für mich als erstes, zu verstehen, dass man mit Selbstmitleid und Trübsal nicht weiter kommt. Keine Frage, dass es unter behinderten Menschen ebenso depressive und missmutige Zeitgenossen gibt, vielleicht auch in einem höheren Anteil. Aber in meinem Leben ist das im Moment nicht der Fall. Ich möchte als normaler Mensch behandelt werden, nicht als armes Ding im Rollstuhl. "Ich definiere mich nicht über meine Behinderung."

Was antwortet sie? "Nein, definieren sollst du dich auch nicht darüber, aber du scheinst sie auch noch nicht realisiert oder gar akzeptiert zu haben. Vielleicht ist das nach so kurzer Zeit auch zu viel verlangt. Ich habe in den letzten Wochen mir viele Gedanken gemacht. Du bist vermutlich noch viel zu jung dafür."

Genau. Ich bin zu jung, um behindert zu sein. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Oder lieber nicht, wenn man sich nicht übergeben will.

Wie schon gesagt: Hinterher ist man schlauer. Ich hätte gleich auflegen sollen.

Mittwoch, 3. Februar 2010

Tomaten auf den Augen

Gerade, wenn ich schon mittags mit dem Unterricht fertig bin, lohnt es sich, auf dem Rückweg von der Schule noch kurz an einem Einkaufszentrum anzuhalten. Also hatte ich gestern abend bereits das ganze Leergut ins Auto gestellt.

Da ich keinen Einkaufswagen schieben kann, muss ich die Kisten einzeln auf den Schoß nehmen. Lose Flaschen habe ich, sofern es sich nicht um zwei oder drei handelt, die man überkopf zwischen die anderen Flaschen in einer Kiste stecken kann, in einer Klappbox. Entsprechend muss ich den Weg vom Auto zum Getränkemarkt vier, fünf Mal zurücklegen und habe am Ende dann auch vier, fünf Leergutbons.

Die Leergutbons sind nicht das Problem, auch das mehrmalige Hin- und Herfahren nicht, ein bißchen nervig ist, wenn die beiden Behindiplätze neben dem Getränkemarkt von nicht Berechtigten belegt wurden und man dann 400 Meter weiter bergauf auf dem nächsten Behindiplatz parken muss, aber auch das ist nichts neues, über das man nun ständig wieder berichten müsste.

Der heutige Brüller war aber, dass ich mit eben solcher Klappkiste auf dem Schoß zurückrollte, die Heckklappe zuschmiss, mit dicken Handschuhen den Knopf auf meiner Fernbedienung suchte, um das Auto zu verschließen, mein Schlüsselbund in die Klappkiste legte und losrollte. Und in dem Moment rollte auch das Auto los, das neben mir parkte. Es stand schon die ganze Zeit dort mit laufendem Motor, aber nun hatte sich die Fahrerin entschieden, loszufahren, und zwar ohne nach vorne zu gucken. Sie guckte vielmehr über die linke Schulter seitlich nach hinten, wo jemand gerade dabei war, Getränkereste aus Flaschen in einen Gully zu kippen. Ey hallo?!

Ich vermute, es war ein Automatikfahrzeug, welches nun mit dieser Kriechgeschwindigkeit vorwärts rollte. Ich rief "Hallo?" und brüllte dann so laut es ging "EY!!!". Die Fahrerin guckte weiter nach hinten, hatte laute Musik im Auto laufen, die man auch draußen wahrnahm. Das Auto rollte mit minimaler Geschwindigkeit, aber die 20 Zentimeter, die mir noch blieben, reichten nicht, um durch den Schnee zu flüchten. Ich nahm meine linke Hand vom Greifreifen, dann berührte das Auto meinen Rollstuhl. Zum Glück schob sie mich seitwärts über die Schneedecke. Ich streckte meinen Arm aus und klopfte mit der flachen Hand auf die Motorhaube. Sie schaute noch immer nach hinten. Ich kam mir vor wie ein Kämpfer, der nun auf der Matte lag und durch Schlagen mit der Handfläche auf den Boden zeigte, dass er aufgab. Ich schlug nochmal auf die Haube. Sie reagierte nicht, schob mich weiter.

Im Augenwinkel sah ich einen Typen, der seinen Einkaufswagen auf der Schräge mit zwei Rädern ins Blumenbeet bugsiert hatte, vermutlich, damit er nicht wegrollte, und der nun, über Begrenzungsstangen springend, angesprintet kam. In diesem Moment überlegte ich, ob ich der Frau den gesamten Inhalt meiner Klappbox, mindestens zehn leere PET-Flaschen, über die Haube auf die Frontscheibe donnern sollte. Was aber, wenn sie dann aus Schreck Gas gibt? Ich nahm eine Flasche in die Hand. In dem Moment schaute sie nach vorne, erschrak sich und ... bremste endlich. Über eine halbe Autolänge hatte sie mich seitwärts geschoben, mindestens zwei Meter. Unfassbar.

Sie stellte den Motor aus und sprang heraus. Der Typ, der wie ein Hürdenläufer angesprintet kam, pöbelte gleich los: "Das muss man doch merken!" - "Ich habe Sie nicht gesehen! Sind Sie verletzt? Soll ich einen Krankenwagen rufen?" - "Nein, es ist nichts passiert, sie haben mich nur geschoben." - "Das ist mir so unangenehm, wie konnte das passieren!" Ich konnte mir nicht verkneifen: "Ich würde nach vorne gucken, wenn ich vorwärts fahre." - "Ich hab nach vorne geguckt!" - "Nee, Sie haben den Typen beobachtet, der da die Flaschen auskippt." - "Da haben Sie Recht. Und Sie wollen wirklich keinen Krankenwagen? Ich würde Ihnen einen rufen!"

Das ist doch mal nett. NEIN DANKE! Keine Verletzung, keine Beschädigung am Rollstuhl, nicht mal der Greifreifen zerkratzt, Plastik gegen Titanlegierung ist nun nicht wirklich dramatisch. Ich überlegte lieber nicht, was passiert wäre, wenn sie Gas gegeben hätte, so blieb mein Puls gerade noch unter 200.

Ein solcher Schreck pro Tag sollte eigentlich genug sein. Aber nein, auf der Rückfahrt fahre ich auf einer dreispurigen Straße. Auf der Spur, die ich benutze, ist Stau, weil vorne eine Ampel zu wenig Autos über die Kreuzung lässt. Es geht nur langsam voran. Links neben mir ist eine ellenlange Linksabbiegerspur, die komplett frei ist. Noch weiter links fährt der Gegenverkehr. Von rechts kommt eine alte Frau mit einem alten grünen Polo aus einer Grundstücksausfahrt von einem Baumarkt. Weil es sowieso nicht weitergeht, halte ich so, dass sie vor mir auf meinen Fahrstreifen abbiegen kann. Stinkesocke einmal freundlich.

Was macht sie? Fährt vor, biegt aber nicht in meine Spur, sondern will in die nächste, in die Linksabbiegerspur. Ich schaue in den linken Außenspiegel und sehe, wie ein silberner Golf an der wartenden Schlange vorbeizieht. Er will vermutlich links abbiegen, hat den Blinker links gesetzt und fährt völlig korrekt auf der Linksabbiegerspur an der wartenden Schlange vorbei. Ich bin mir nicht sicher, ob die Frau den sieht, schaue also auf den Kopf der Frau und sehe, dass die überhaupt nicht in die zweite Spur guckt. Sondern einfach abbiegt. Also hupe ich, um sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Im selben Moment gibt sie schon Gas und ... RUMMMS!

Der Golffahrer hat den Polo an der vorderen linken Ecke erwischt und zurückgeschoben. Aber mit rund 40 km/h. Wäre sie zehn Zentimeter weiter vorne gewesen, hätte es richtig gescheppert. So fiel beim Polo lediglich die vordere Schürze ab. Na super. Was beim Golf beschädigt war, konnte ich nicht sehen.

Der Golffahrer blieb auf dem Linksabbiegerstreifen stehen, stieg aus und kam zu Fuß zurück. Die Polofahrerin, kreideweiß, stieg ebenfalls aus. Ich stieg natürlich nicht aus. Das fehlte noch, im Schnee mit dem Rollstuhl mitten auf der Straße. Ich stellte dann mal den Motor aus und machte das Warnblinklicht an und wartete, was die beiden denn nun vorhatten. Die Autos hinter mir begannen, über die Linksabbiegerspur im Slalom um die drei Autos herumzufahren. Der Golffahrer kam an mein Fenster.

"Sie haben das gesehen, oder? Ich würde Sie bitten, kurz hier zu bleiben, falls wir einen Zeugen brauchen. Eigentlich ist das eindeutig, aber man weiß ja nie. Das ist nämlich ein Firmenwagen." Ich sagte ihm, dass ich im Auto sitzen bleibe, weil ich Rollstuhlfahrerin bin. Schloss das Fenster und wartete. Genau drei Wochen habe ich es geschafft, ohne direkten Kontakt zur Polizei zu überleben! Wahnsinn!

Genau 17 Minuten dauerte es, dann hielt ein Polizeiauto hinter mir. Ich öffnete wieder das Fenster. Eine Frau und ein Mann stiegen aus. Die Frau sagte: "Huch? Wie ist das denn passiert?" Der Mann antwortete: "Dahinten steht noch einer." Er kam zu mir ans Fenster. "Hallo. Sind Sie unfallbeteiligt?" Ich schüttelte den Kopf. "Nur Zeugin." - "Dann warten Sie bitte noch einen kleinen Moment."

Nun kam der Brüller Nummer Zwei für heute. Die Polofahrerin behauptete, ich sei Schuld. Ich hätte ihr durch ein Handzeichen signalisiert, dass sie fahren dürfe. Und als es mir nicht schnell genug gegangen sei, hätte ich gehupt und sie dadurch weggescheucht. Ja nee, is klar. Gehts noch?

Ich habe kein Handzeichen gegeben. Mache ich grundsätzlich nicht. Ich habe so gehalten, dass sie fahren konnte. Der Polizist sagte aber gleich: "Das spielt überhaupt keine Rolle. Wenn sie ein Handzeichen gibt, gibt sie das im Zweifel nur, um Ihnen zu signalisieren: 'Ich habe dich gesehen, meinetwegen kannst du fahren!' Sie hat aber nicht die Funktion eines Einweisers. Davon konnten Sie nicht ausgehen. Also müssen Sie selbst gucken, ob alle Fahrzeuge halten oder alle Spuren frei sind, ob Radfahrer oder Fußgänger kommen. Und die Hupe ist ein Warnzeichen. Wenn Sie gehupt hat, dann im Zweifel, um Sie zu warnen. Sie musste sogar hupen, wenn Sie das Unheil kommen sah. Ob sie es gesehen hat, weiß nur sie alleine. Sie ist ja nicht verpflichtet, auf die Nebenspur zu achten. Insofern spielt es überhaupt keine Rolle, ob sie gehupt, gewinkt oder sonstwas gemacht hat - Sie hätten schauen müssen, bevor Sie abbiegen."

"Ich möchte, dass auch die Daten der jungen Frau augenommen werden. Sie ist an dem Unfall beteiligt." - Der Polizist widersprach: "Nein, das ist sie nicht. Sie ist allenfalls Zeugin, aber wir benötigen keine Zeugen, da die Sachlage anhand der Unfallspuren und der Aussagen der Unfallbeteiligten klar ist." Er schaute mich an: "Vielen Dank, aber wir brauchen Sie hier nicht mehr."

Die Frau regte sich auf. "Das ist doch eine Frechheit! Sie ist am Unfall beteiligt und ich möchte, dass ihre Personalien festgestellt werden!" - "Nein, das ist sie nicht. Sie können sich ja das Kennzeichen aufschreiben." So eine dumme Ziege! Ich fuhr weiter. Durch den Blödsinn war mein ganzes Tiefkühlzeugs bestimmt schon angetaut. Ich bin nur froh, dass ich nicht der Golf auf der Überholspur war...

Montag, 1. Februar 2010

Uschi und das Wasser

Neues Halbjahr, neuer Stundenplan. Ich durfte heute ausschlafen, wenn ich gewollt hätte, sogar bis um 11, da ich erst um kurz vor 12 zur ersten Stunde gemusst hätte. Das ist so, weil ich pro Tag nicht mehr als vier Unterrichtsstunden machen soll. Würde ich öfter anwesend sein, würde ich meinen Rentenanspruch verlieren. Das will ich natürlich nicht.

Aber es kann mir ja niemand verbieten, den Sportkurs zu besuchen, der ab 10 Uhr im Schwimmbad das Wasser umrührt. Und mit "besuchen" meine ich nicht "offiziell teilnehmen", sondern regulär Eintritt zahlen und als Gast das Schwimmbad besuchen. Die Anlage ist groß genug, für Schulen wird nur ein komplettes Becken abgetrennt, der Rest ist für jedermann zugänglich.

Ich schwimme so gerne! Uschi, unsere Sportlehrerin, geht schon auf die 60 zu, lässt es sich aber nicht nehmen, noch selbst Sport und Schwimmen zu unterrichten. Normalerweise gibt es in Hamburg keinen Schwimmunterricht mehr durch Lehrkräfte, das macht das Schwimmhallenpersonal. Allerdings nicht bei reinen Sportlehrern, die können ja nicht in ihrem anderen Fach mehr Stunden übernehmen, so dass diese dann doch noch Schwimmen unterrichten dürfen. Und so eine reine Sportlehrerin ist unsere Uschi.

Ich habe sie vorher gefragt, ob sie das doof findet, wenn ich einfach parallel zur Schulzeit, wo der Rest meines Jahrgangs Schwimmen hat, privat in dieselbe Schwimmhalle komme. Nein, im Gegenteil, sie fand es gut. Es gibt aber weder ein "anwesend" noch am Ende eine Note, ich müsste Eintritt zahlen und dürfte eigentlich auch nicht mit in dasselbe Becken. Eigentlich.

Ich war tierisch aufgeregt. Weil ich nicht wusste, ob und wie das alles mit dem Umziehen funktioniert, habe ich mich zu Hause bereits schwimmfertig gemacht. Ich muss mich ja hinten zustöpseln, oder sagen wir mal, es ist besser. Warmes Wasser und die intensiven Körperbewegungen können die Darmtätigkeit anregen und das muss nun wirklich nicht sein. Es gibt aber so genannte Analtampons, die genauso funktionieren wie die Tampons für vorne und für hygienische Verhältnisse beim Schwimmen sorgen.

Am Ende war ich froh, dass ich das bereits zu Hause gemacht habe, denn die Behindertenumkleide und -dusche war in dem Bereich, der nur für die Schulen freigegeben war. Ich konnte mit Engelszungen reden, wenn ich in den "öffentlichen" Bereichen nicht klar kommen würde, müsste ich nachmittags wiederkommen. Was für eine Kundenfreundlichkeit! Zumal keine weitere Person meines Jahrgangs diese Rollstuhlumkleide nutzt, sie steht leer! Die andere Rollstuhlfahrerin ist vom Sport befreit. Egal. Ich zog mich auf dem Gang aus, Badeanzug hatte ich ja schon drunter, donnerte die Sachen in irgendeinen Schrank, geduscht hatte ich zu Hause (in die normalen Duschen kam ich ja auch nicht rein) - ab in die Halle.

Mein Jahrgang war noch nicht da, also nutzte ich das öffentliche Becken und schwamm sechs Bahnen, dann sah ich Uschi. Alleine in der Halle. Als ich winkte, stellte sie ihre Tasche auf die Wärmebank und kam zu mir. "Sie sind ja doch hier. Wollen Sie nicht mit nach drüben kommen?" - "Ja doch, gerne."

Sie ging wieder rüber, ich setzte mich wieder in den Rollstuhl und fuhr nach drüben in den für den Schulsport abgetrennten Teil der Halle. Und wartete. Uschi füllte irgendwelche Zettel aus, nach und nach kamen meine Mitschüler dazu. "Schwimmst du mit?" fragte mich eine von ihnen. Ich nickte freundlich, dachte aber gleichzeitig: "Nö, ich sitze hier zum Spaß im nassen Badeanzug."

Es gab ein paar Verhaltensregeln (keine Leute reinstoßen, wir haben nur die Bahnen 7 und 8, es wird vorher geduscht) und dann kam die Ansage: "Wer nicht mitschwimmt, braucht ein Attest." Sandra, die sich anscheinend sicher war, dass Uschi nichts von alledem, was sie sich im letzten Halbjahr schon geleistet hatte, mitbekommen hat, fügte hinzu: "Oder einen Behindertenausweis."

Es lachte ... keiner! Uschi ging auf Sandra zu und ich dachte, sie knallt ihr eine. Sandra zog den Kopf zwischen die Schultern und wurde sichtbar nervös. Dreißig Zentimeter vor ihr stehend sprach sie sie an: "Haben Sie einen Behindertenausweis?" - "Sehe ich so aus?" - "Sie schreiben mir bis morgen handschriftlich eine DIN-A4-Seite darüber, warum man mit einem Behindertenausweis nicht automatisch vom Schulschwimmen befreit ist und ob man jedem Menschen seine Behinderung ansieht. Das lassen Sie mir von Ihren Eltern unterschreiben und wenn das bis morgen 10.00 Uhr nicht im Lehrerzimmer in meinem Fach liegt, erteile ich Ihnen einen Tadel."

Sandra schluckte. Das saß besser als jede Ohrfeige. "Möchte noch irgendjemand einen dummen Spruch machen oder können wir jetzt mit dem Unterricht anfangen?" - "Entschuldigung, können Sie das Thema nochmal wiederholen?" fragte Sandra kleinlaut. Sie bekam als Antwort: "Nein, hören Sie zu oder fragen Sie Ihre Mitschüler. Nach der Stunde." Es war mucksmäuschenstill, nur das Wasser rauschte. Keiner sagte auch nur einen Piep. Ich bin kein Fan von extrem autoritären Lehrern, aber Uschi hatte ich ja auch schon nett erlebt und nach der Antwort hatte sie bei mir gleich einen Stein im Brett.

"Gibt es jemanden, der nicht schwimmen kann?" fragte Uschi. Alle guckten in die Runde, eine Mitschülerin sprach mich leise an: "Kannst du schwimmen?" Ich nickte. Sie machte einen erstaunten Gesichtsausdruck. Ich kam mir vor als käme ich vom Mond. "Gut, dann verteilen wir uns auf die Bahnen 7 und 8 und schwimmen jeder vier Bahnen hin und vier zurück, jeder in seinem Tempo und in seinem Schwimmstil. Es geht nicht um Zeit." Ich kraulte locker meine acht Bahnen und war die vierte oder fünfte. Ich konnte also locker mithalten.

Dann sollten wir nochmal zehn Bahnen schwimmen. 2 Brust, 2 Rücken, 2 Kraul, 2 Rückenkraul und 2 in einem ganz anderen Stil. Wer einen Stil nicht kann, darf stattdessen Brustschwimmen oder kraulen. Ich kann nur vier Stile, keine fünf, also habe ich am Ende nochmal gekrault. Es gab aber etliche dazwischen, die nur Brustschwimmen konnten und etliche, die nur Brust und Rücken konnten. Also war ich mit meinen vier Stilen schon gut. Dann mussten wir tauchen. Einmal tief, einmal weit. Das war auch kein Problem. Und dann war die Stunde auch schon vorbei. Die anderen durften, wer wollte, nochmal vom Dreier springen, ich durfte in die Behindertendusche - alles bestens. Nächste Woche will ich wieder mitschwimmen.