Samstag, 30. Januar 2010

Ein Satz mit X

Ein Satz mit X: Das war wohl nix. Nachdem ich am letzten Wochenende bei Jan schlafen wollte, das aber letztlich daran scheiterte, dass die Wohnung arschkalt war und er keine vernünftige Decke zum Zudecken hatte (siehe hier), hatte er sich nicht mehr bei mir gemeldet. An sein Handy ging er nicht dran, SMS beantwortete er nicht - und solche Spielchen, dass ich Freunde anrufen lasse oder selbst mit unterdrückter Rufnummer anrufe, mache ich nicht. Wenn er nicht mit mir reden will, werde ich das nicht erzwingen. Ich hätte nur gerne verstanden, warum er nicht mit mir reden möchte. Ob er sauer ist, ob ihm das alles unangenehm und peinlich ist, ob er mich hasst, ob er mich noch liebt - mich eine Woche lang im Unklaren zu lassen, finde ich alles andere als prickelnd.

Ich könnte jetzt auch sagen, dass ich unsere Beziehung nach einer Woche Unklarheit beendet habe. Das trifft es aber nicht, auch wenn ich ernsthaft mit dem Gedanken gespielt habe. Nein, ich habe gestern erfahren, dass er zum 1. Februar nach Süddeutschland zieht. Eine Freundin vom Sport erzählte mir heute, dass er sich bei einem Team in der Oberpfalz erkundigt hat, ob er dort künftig trainieren kann. Als ich dann noch fünf Mal nachfragte, meinte sie, dass er dort wohl eine Steffi kennen gelernt hätte, schon vor einiger Zeit. Bei einem Trainingslager.

Ich kommentiere das nicht weiter. Außer: So oberflächlich, dass er es mir nicht erzählen muss, kann es ja nicht gewesen sein, wenn er nun gleich dorthin zieht. Er hat mich inzwischen bei Facebook aus seinen Freunden gelöscht. Dafür steht sie als "neue Beziehung" drin und jede Menge Kommentare, er liebe sie über alles.

Im Moment ist meine Erleichterung darüber, dass wir nicht miteinander geschlafen haben, eindeutig größer als der Schmerz über meine erste Trennung. Ich bin ein bißchen geschockt, ich verstehe das alles nicht wirklich, ich fühle mich betrogen. Ich finde es schade. Aber so richtig schmerzhaft finde ich es im Moment nicht. Vielleicht ist es auch am besten, wenn ich gar nicht weiter nachfrage.

Freitag, 29. Januar 2010

Hilfsbedürftigkeit und Hilfsbereitschaft

Dass es noch weiter schneien soll, wurde angekündigt. Also sind Sofie und ich zum Großeinkauf losgezogen. Wer weiß, ob wir mit unseren Rollstühlen in den nächsten Tagen aus dem Haus kommen, wenn das eintritt, was die Wettervorhersage verspricht. Liam ist für zwölf Tage bis nächsten Freitag auf einer Fortbildung im Breisgau und sonnt sich, während hier oben die Welt untergeht.

In so einen Kombi geht ja jede Menge rein. Im dicksten Schneesturm fuhren wir zurück - bis zur Tiefgaragen-Einfahrt. Das Tor war eingefroren. Also mussten wir auf der Straße parken. Es hat fast eine Viertelstunde gedauert, bis wir überhaupt aus dem Auto ausgestiegen waren. Sofie konnte auf der Beifahrerseite gar nicht raus, weil ich dort mit ihrem Rollstuhl vor mir nicht den Bordstein hoch kam, also musste sie auf meinen Sitz rutschen und dort aussteigen.

Die Straße ist nicht geräumt, fette Eisschichten liegen unter dem frischen Schnee. Die Reifenspuren, in denen die Autos regelmäßig fahren, waren schonmal aufgetaut. Bei dem Versuch, im rechten Winkel durch diese Spuren zu kommen, fuhren wir uns fest und bekamen uns weder selbst noch gegenseitig wieder hinaus. Während die Vorderräder im Eis versanken, rutschten die Hinterräder auf dem glatten Schnee. Unsere Straße ist eine Sackgasse, daher kommen nicht viele Autos. Das erste Auto, das kam, fuhr um uns herum. Der Fahrer half nicht.

Dann kam ein Junge, ich vermute etwa 12 Jahre alt. Ich sprach ihn an: "Du, kannst du uns bitte helfen?" - "Was krieg ich dafür?" - "Einen Backs", antwortete Sofie schlagfertig. Der Junge guckte sie entsetzt an. "Kannst weitergehen, entschuldige, dass wir dich um Hilfe gebeten haben." fügte sie hinzu. Völlig sprachlos ging er weiter.

Inzwischen schneiten wir so langsam ein. Dann kam eine Frau mit ihren Kindern aus dem Nachbarhaus, setzte ihre beiden Kinder ins Auto. Bevor sie einstieg, schlurfte sie zu uns. "Kann ich euch helfen?" - "Würden Sie uns bitte einmal helfen, hier aus der Fahrrinne wieder rauszukommen?"

Das größte Problem war, dass sie selbst ständig wegrutschte. Als sie Sofie über den Gehweg auf den relativ ebenen Weg zum Haus geschoben hatte und zu mir zurück kam, fragte sie mich: "Und der Einkauf im Auto? Wie kommt der jetzt ins Haus?" - "Keine Ahnung, wir fragen nachher irgendjemanden. Vielleicht wird ja auch das Garagentor repariert, dann können wir das selbst." - "Ich trag euch das eben rein." sagte sie, während sie mich in Richtung von Sofie schob.

"Nee, das ist nett gemeint, vielen Dank. Wir sind schon froh, dass wir von der Straße runter sind." - "Ich muss mich bei mir zu Hause auch immer um den Einkauf kümmern, also wo soll das ganze Zeug hin? Ich sage eben kurz meinen Kindern Bescheid." - "Nein, lassen Sie mal. Das ist mir echt unangenehm." - "Ruhe jetzt. Wer weiß, wann das Garagentor wieder funktioniert. Bis dahin ist die Milch eingefroren und geplatzt."

Sie ging zu ihren Kindern und sagte: "Ich muss den beiden eben helfen. Ich komme gleich wieder." Dann trug sie doch tatsächlich den kompletten Einkauf, den wir glücklicherweise schon gleich in mehreren Klappkisten verstaut hatten, inklusive der ganzen Getränkekisten bis zum Eingang. Das dauerte letztlich keine drei Minuten, aber ich hätte fast geheult, so unangenehm war mir das.

Das Tor wurde rund zwei Stunden später repariert. Inzwischen steht das Auto wieder in der Tiefgarage. Schon Scheiße, wenn man so behindert ist.

Gerade gestern diskutierte ich mit einer Fußgängerin darüber, dass es Rollstuhlfahrer gibt, die fremde Hilfe als selbstverständlich ansehen und diese zum Teil sogar schon regelmäßig in den Tagesablauf einplanen und für völlig selbstverständlich halten. Für solche Zeitgenossen kann ich mich wirklich nur fremdschämen. Selbstverständlich ist es beschissen, fremde Hilfe zu benötigen und um diese auch noch bitten zu müssen, obwohl einem das schon endpeinlich ist. Aber trotzdem gehören sich Freundlichkeit und Dankbarkeit.

Meine Diskussionspartnerin hat am Bahnhof einer Rollstuhlfahrerin geholfen, die sich von ihr rund 45 Minuten durch die Stadt schieben lassen und sie dabei noch in einem unmöglichen Tonfall herumkommandiert hat. Als Krönung war sogar noch ein Abstecher auf eine Toilette drin, wo die Rollstuhlfahrerin verlangt hat, auf die Toilette umgesetzt zu werden, festgehalten zu werden, da sie nicht frei sitzen könnte - am liebsten hätte sie noch den Hintern abgewischt bekommen. Eine Beschwerde, dass das Hemd hinterher nicht richtig in der Hose steckt, war auch noch drin. Unglaublich, was sich manche Leute rausnehmen.

Ja, manchmal benötigt man als Rollstuhlfahrer fremde Hilfe. Ich finde es schön, dass die meisten Menschen hilfsbereit sind. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich jung und weiblich bin. Ich würde niemals auf die Idee kommen, fremde Hilfe vorauszusetzen oder mich, wenn ich Hilfe bekomme, nicht anständig dafür zu bedanken. Und ich würde nur dann um Hilfe bitten, wenn es wirklich gar keinen anderen Weg mehr gibt. Und mit "gar keinen" meine ich wirklich "gar keinen". Dazu gehört auch, dass ich mich nicht aus Bequemlichkeit von anderen Menschen schieben lasse und vor allem, dass ich nicht etwa wildfremde Leute frage, ob sie mit mir auf die Toilette gehen. Sowas geht gar nicht.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Giftblätter

Eigentlich sollten wir sie schon am Dienstag bekommen und dann für den Rest der Woche frei haben, aber das Chaos mit dem Umzug in den letzten Teil des Neubaus unserer Schule machte mal wieder einen Strich durch alle Rechnungen. Heute war es nun endlich so weit. Mein erstes Zeugnis nach meiner einjährigen Zwangspause kann sich sehen lassen, finde ich. Eigentlich hieß es, wir bekommen in Klasse 11 noch Notenzeugnisse, nun haben wir doch Zeugnisse mit Punkten bekommen. Irgendwie hat da keiner den Durchblick. Ist mir aber auch egal, die Klausuren wurden schließlich auch schon einheitlich mit Punkten bewertet.

Deutsch: 13
Mathematik: 10
Englisch: 14
Pädagogik: 12
Psychologie: 12
Französich: n.e.
Spanisch: n.e.
Biologie: 09
Chemie: 06
Politik, Gesellschaft, Wirtschaft: 07
Kunst: befreit
Musik: befreit
Darstellendes Spiel: befreit
Religion: n.e.
Philosopie: n.e.
Sport: befreit

Meine Abiprüfung möchte ich gerne in Pädagogik, Deutsch, Biologie und Englisch machen. Die 9 Punkte in Biologie ärgern mich ein wenig, zumal ich 11 und 10 Punkte in den Klausuren hatte. Aber vermutlich laber ich nicht genug dummes Zeug im Unterricht, so dass das am Ende dabei raus kommt. Genauso in Deutsch. 12 und 15 Punkte ... naja, ich will nicht meckern. Ich freue mich über das Zeugnis.

Mathe 10? No comment. Am geilsten finde ich, dass sie bei "befreit" immer ein Sternchen gemacht haben und unten dann als Erklärung neben dem Sternchen steht: "Nach schulärztlichem Attest eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit." Über die Formulierung bin ich nicht glücklich. Ich überlege mir noch, wie ich damit umgehen will.

Dafür gönnt man mir wenigstens unter "Ordnung und Verhalten" ein "stets sehr gut" - wenn die wüssten, was sie nicht wissen... Immerhin hat es keinen Punktabzug gegeben, weil ich im Unterricht ein paar Mal aus Versehen laut gepupst habe. Ich bin mal gespannt, wann Frau Bummel mich nach dem Zeugnis fragt. Ich habe lange nichts mehr von ihr gehört.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Eisiger Wind, sexy Po

Heute wurde es etwas wärmer. Wir haben nur noch so zwei bis vier Grad unter Null. Dafür aber einen eisigen Wind, der ekligen Schneegriesel durch die Straßen peitscht. Inzwischen reicht es mir und vielen anderen Rollifahrern echt. Nirgendwo kommt man mehr vernünftig hin, man ist ständig vom Schnee durchnässt, kalt und vor allem: Sämtliche Lager, Steckachsen etc. am Rollstuhl geben ihren Geist auf. Sobald der Schnee weg ist, ist die nächste Grund-Instandsetzung nötig.

Weil sie Straßenglätte vorausgesagt haben, bin ich lieber wieder mit Bus und Bahn zur Physio gefahren. Als Ronja mit meiner Massage fertig war und ich zur Einzeltherapie rücklinks auf der Liege lag, kam schon wieder eine Bemerkung über meine Bekleidung. "Seit du die engeren Hosen trägst, kann ich deine Beine viel besser sehen. Das ist wichtig." Ich nickte etwas genervt. "Du hast aber auch die richtigen ausgewählt. Es gibt eine Sorte, die sind aus solchem Synthetik-Zeugs, da brauchen die Finger nur ein kleines bißchen rauh zu sein und schon bleibt man am Stoff hängen mit der Haut. Aber bei dir fühlt sich das richtig glatt und angenehm an."

"Hier ist aber auch irgendwelches Synthetik-Zeugs drin", erwiderte ich. Sie meinte: "Ja, aber es gibt so moderne Sachen, da ist das so. Die kosten auch gleich viel mehr." - "Ja, 119 Euro, die habe ich auch gesehen, als ich diese gekauft habe. Die waren mir zu teuer." - "Ja, das ist voll der Irrsinn." Da sie mich nervte, nervte ich zurück: "Aber du hast ja gesagt, diese sind sexy."

"Ja, das stimmt wirklich. Ich finde, das sieht richtig knackig aus. Auch so am Po und so." Hallo?! Jetzt wird es aber charmant. Jedem Typen hätte ich für die plumpe Anmache die kalte Schulter gezeigt und mir einen neuen Physiotherapeuten gesucht, bei ihr ... naja ... sie hat eben geistige oder -wie es korrekt heißt- kognitive Einschränkungen. Da wirkt es eher unbeholfen bis lustig. "Meinst du meinen Windelpo?" Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Das wäre fies.

"Nein, so insgesamt meinte ich. Die Windel ist mir egal, die haben ja einige Patienten." - "Ja genau. Darf ich mal was direktes fragen? Stehst du auf Frauen?" Die Reaktion kam prompt: "Äh nein?! Ich habe einen Freund! Wieso?" - "Ich dachte, weil du mich knackig und sexy findest." - "Oh nein, ich steh nicht auf Frauen. Ich hoffe, du hast dir keine Hoffnungen gemacht und bist jetzt enttäuscht! Das tut mir leid!"

Jetzt musste ich wirklich lachen. Sie guckte nur irritiert. "Nein nein, alles okay." Die Frau ist echt genial. Während sie eng anliegende Hosen knackig und sexy fand, kam ich mir eher so vor:


Beim anschließenden Schwimmtraining vom Verein ist Jan nicht aufgetaucht. Seit Sonntagmorgen habe ich von ihm nichts mehr gehört oder gelesen. Ich habe heute eine SMS geschrieben, ob er noch lebt und noch mit mir redet, aber auch darauf habe ich bis jetzt keine Antwort bekommen.

Montag, 25. Januar 2010

Irritiert und unterkühlt

Zwischen Jan und mir herrscht wohl erstmal Funkstille. Wie die Überschrift schon verrät, bin ich irritiert und nicht nur im übertragenen Sinne unterkühlt. Eigentlich sollte es ein nettes Wochenende werden und ich wollte bei ihm schlafen. Wir waren gestern mit ein paar Leuten im Kino, haben uns "Friendship!" angeschaut, gelacht, gemeinsam noch etwas gegessen und sind dann zu zweit zu Jan nach Hause gefahren.

Zum ersten Mal habe ich dabei auch seine Wohnung kennen gelernt. Das sah so alles sehr nett aus, nur wohnt er, genau wie ich, noch nicht so lange alleine. Insofern fehlen ihm auch viele Dinge. Was ja nicht schlimm ist. Ich bin nicht verwöhnt, finde einheitliches Geschirr eher spießig und habe auch nichts gegen eine auf dem Boden liegenden Matratze als Bett. Auch als Rollstuhlfahrerin nicht.

Als wir zu ihm nach Hause kamen, war es etwa 0.30 Uhr nachts und ein Fenster im Schlafzimmer war gekippt. Draußen waren 12 Grad unter Null und wir waren schon entsprechend durchgefroren. Die Wohnung ist nicht unterkellert und das Schlafzimmer hat zwei Außenwände und zum Teil noch einfache Verglasung. Ist halt sehr günstig. Richtige rollstuhlgerechte Wohnungen findet man in Hamburg nicht unter 600 Euro, diese kostet 250 Euro warm und ist eigentlich nicht rollstuhlgerecht, aber ebenerdig. Für ihn reicht es, sagt er.

Ich schaute auf das Thermometer, das im Schlafzimmer hing. Acht Grad plus. Dann schaute ich auf meine Decke: Eine dünne Sommer-Steppdecke, so dünn, dass ich im ersten Moment dachte, es sei nur ein Bezug. Dünner als eine Wolldecke auf jeden Fall. Ich dachte: "Das ist jetzt nicht sein Ernst." Er schloss das Fenster und meinte, dass er mir noch eine Wolldecke zusätzlich geben könnte. Ich antwortete: "Mach doch erstmal die Heizung an!"

"Zwischen 22 und 7 Uhr geht die Heizung nicht. Wasser wird auch nur lauwarm. Der Vermieter spart." - "Ich hoffe, du hast einen Heizlüfter."

Jan schüttelte den Kopf. Ich wusste nicht, ob er mich verarscht. Aber er meinte das augenscheinlich ernst. "Einen Schlafsack? Jan, ich leg mich nicht bei dieser Kälte unter eine dünne Wolldecke." - "Komm doch mit unter meine Decke, dann wärmen wir uns gegenseitig. Ich habe ein dickes Federbett. Ich schlafe hier jede Nacht!"

Okay, ich wollte kein Spielverderber sein. Meine Hose war nass vom Schnee, sonst wäre sie vielleicht wärmer gewesen als mein Schlafanzug. Ich packte mich zu ihm unter die Decke, kuschelte mich fest an ihn. Er schlief ein, ich wurde und wurde nicht warm. Nach etwa einer Stunde weckte ich ihn. Als er sich drehte und die Decke halb von mir runterrutschte, fing ich so an zu zittern, dass meine Zähne richtig heftig aufeinander klapperten. "Jan, das geht so nicht. Ich hol mir hier den Tod." Ich zog die Decke wieder über mich.

"Du übertreibst", antwortete er. Wie nett! Ich fühlte mich so richtig ernst genommen. Er nahm meinen Arm und sagte: "Du hast nicht mal eine Gänsehaut. Schlaf jetzt!" Ich dachte, ich spinne. Ich tastete im Dunkeln nach dem Lichtschalter.

"Was soll das denn jetzt? Es ist zwei Uhr nachts!" - "Mir ist arschkalt und ich werde nicht warm. Ich schlage vor, ich zieh mich an und fahre zu mir nach Hause. Wenn du mitwillst, kannst Du gerne mitkommen, aber ich bleibe nicht hier." - "Du hast ja ganz blaue Lippen! Hast du dich nicht richtig zugedeckt?" - "Jan, ich habe eine Querschnittlähmung! Ich habe Eisbeine seit wir draußen waren und die werden von alleine nicht wieder warm und kühlen mich immer weiter aus. Wenn dazu noch diese arschkalte Wohnung kommt, unterkühle ich irgendwann." Er krabbelte zu einem Schrank und deckte mich wieder halb auf. Herrje!!! Er holte ein Fieberthermometer raus. "Miss mal bitte. Du siehst nicht gut aus."

Ich steckte mir das Thermometer in den Mund. Ich hätte beim Zähneklappern beinahe drauf gebissen. Bei 34.3 Grad piepte es. Das müsste nun eindeutig genug sein. "Hast du richtig gemessen?" - "Unter der Zunge. Tu mir bitte den Gefallen und gib mir meine Klamotten, damit ich mich im Liegen anziehen kann." Er wollte nicht mit. Ich rief mir ein Taxi. Als ich mich, immernoch zähneklappernd, ins Taxi umsetzte und der Fahrer meinen Rollstuhl in den Kofferraum verladen hatte, sagte der: "Du bist kalt! Mercedes gute Heizung. Vorher Passat, nix gute Heizung. Immer frieren. Für junge Lady ich mache heiß wie Wüstensturm?" - "Wüstensturm ist okay", antwortete ich. Der Afrikaner drehte alle Regler bis zum Anschlag. Dann erzählte er mir erstmal seine halbe Lebensgeschichte. Ich wäre fast eingeschlafen. Aber er wusste den Weg.

Als wir bei mir zu Hause ankamen, zeigte die Uhr knapp 46 Euro. Immerhin waren wir auch gut eine halbe Stunde unterwegs gewesen. Inzwischen klapperten meine Zähne nicht mehr, aber ich fror nach wie vor. Mir war scheißegal, was die anderen Leute im Haus darüber denken würden, wenn ich mir um kurz vor 4 Uhr nachts die Badewanne einlasse. Während es plätscherte, machte ich mir eine große Tasse Milch mit Honig in der Mikrowelle heiß und nahm sie mit. Das Badewasser erstmal nicht zu warm, reinsetzen und dann nach und nach heißes Wasser mit der Handbrause zulaufen lassen. Wie schön, dass bei uns in der WG sowohl die Heizung als auch das Heißwasser nachts geht.

Um kurz vor 5 Uhr fühlte ich mich wieder so gut, dass ich direkt in mein Bett verschwunden bin. Jan hat sich den ganzen Sonntag lang nicht ein einziges Mal gemeldet. Ich will echt nicht glauben, dass ihm das so scheißegal ist. Ich finde eigentlich, dass ich nicht unbedingt empfindlich bin. Ich bin schon bei 14 Grad Wassertemperatur in der Ostsee schwimmen gewesen. Aber das hier war doch eindeutig ein bißchen zu heftig.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Leggings und Schokokuchen

Als ich von der Schule nach Hause kam, hatte ich schon wieder die Nachricht auf dem AB, dass heute das Schwimmtraining erneut ausfällt. Okay, lässt sich nicht ändern, hoffentlich ist der Winter bald vorbei, damit wir wieder draußen trainieren können. Das Tauwetter hat nur kurz angedauert, heute schneite es schon wieder. Da sie auch einen Temperatursturz sowie Schneeregen mit Straßenglätte angesagt hatten, beschloss ich, zur Physio mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

Schwimmen fiel aus, Bewegungsbad war nur für letztes Mal abgesprochen, also ließ ich meine Badesachen zu Hause, packte aber meine nicht gestohlene und frisch gewaschene und damit nicht mehr nach Chemie stinkende (vergleiche hier) Leggings ein. Ronja, meine Physiotherapeutin, hat einen Leggings-Faible. Weil man in den Leggings die Beine so gut sieht (ob sie gestreckt sind, ob sie verdreht sind, welche Muskeln man trotz seines Querschnitts anspannen kann, ...), schickt sie erstmal alle Patienten zum Klamottenkaufen. Jana war auch schon auf Einkaufstour, ist jedoch nicht des Ladendiebstahls verdächtigt worden.

Als ich nach drei verpassten Anschlüssen endlich im Krankenhaus ankam und mit dem Gerätetraining beginnen wollte, kam Ronja auf mich zu und sagte: "Wir haben ein Problem. Zwei Kolleginnen haben sich krank gemeldet und hier herrscht gerade großes Chaos. Kannst du gleich zur Massage kommen und danach Gerätetraining machen und wir lassen die Einzelbehandlung ausfallen? Ich muss noch eine Patientin von meiner Kollegin übernehmen und habe danach noch eine Patientin, die ihren Termin verlegt hat und die krieg ich nicht ans Telefon. Ich kann ihr nicht absagen und ich will sie nicht einfach so wieder wegschicken. Kompromiss sozusagen."

Ja, kein Problem. Solange ich meine Massage bekomme, bin ich glücklich. "Och Ronja, nun hab ich nur für dich extra so eine tolle Leggings gekauft und nun sagst du das ab", scherzte ich. Sie guckte mich entsetzt an. Ronja versteht solchen Humor erst im zweiten Anlauf. "Hast du die wirklich extra gekauft?" - "Ronja, das war nur ein Scherz. Ich kann sie ja zur Massage anziehen." - "Ey, verarsch mich nicht! Sonst gibts auch keine Massage!"

Na gut. Die Massagen von ihr sind und bleiben einfach nur genial. Ich stehe ja eher auf die harte und kräftige Tour, allerdings darf es nicht weh tun und muss gleichzeitig noch entspannend sein und vor allem was bringen. Also dass die eher verspannten Muskeln sich hinterher entspannt anfühlen und man richtig merkt, dass sie da irgendeine Verspannung bearbeitet und dabei auch was bewirkt. Das tut sie. Der kleine Kampfzwerg ist gut. Ich hatte zwar erst drei Massagen bei ihr, aber wenn mich jemand fragen würde, ob ich sie empfehlen würde, würde ich es uneingeschränkt tun. Man muss eben nur mit ihrer sehr einfachen und eher tollpatschig wirkenden Art klar kommen. Und mit ihrem Leggings-Faible...

Als ich zum Gerätetraining fuhr, traf ich Jana auf dem Flur. Sie wollte auch dorthin. "Hast du danach bei Ronja einen Einzeltermin?" Sie nickte. Ich erzählte ihr kurz vom heutigen Chaos. "Wollen wir sie nicht fragen, ob wir zu zweit was machen können? Da geht doch bestimmt was. Und wenn nicht, kannst du doch vielleicht so lange schwimmen, wie ich mit ihr Therapie mache." - "Hast du Bewegungsbad?" fragte ich sie. Sie nickte.

"Ich habe nicht mal Badesachen mit", antwortete ich. Jana zuckte mit den Schultern: "Hast du keine zweite Unterhose mit? Kannst von mir eine kriegen. Da unten guckt doch keiner zu. Unterhose und T-Shirt." Wir fragten Ronja. "Natürlich kannst du mitmachen, wenn Jana damit kein Problem hat."

"Sie hat nur keine Badesachen dabei. Kann sie mit Unterhose und T-Shirt schwimmen?" fragte Jana. Ronja zuckte gleichgültig mit den Schultern. "Ich kann ja meine neuen Leggings anziehen", scherzte ich. Ich würde das alles gar nicht erwähnen, wenn Ronja mich daraufhin nicht blitzartig angeschaut hätte und -zwar mit einem Grinsen, aber dennoch- eindeutig ernsthaft gesagt hätte: "Ja, das könntest du machen. Das sieht bestimmt sexy aus!"

Mir wären fast die Augen rausgefallen. Jana kam mir zuvor und fragte lachend: "Hey Ronja, stehst du etwa auf Frauen in sexy Leggings?" Sie wurde rot wie eine Tomate. "Nein, natürlich nicht!"

Jana antwortete: "Na, ich glaub aber doch." Ich musste lachen. Die Vorstellung war schon ziemlich absurd. Aber sie belästigte ja niemanden mit ihrem komischen Faible. Er war nur sehr amüsant.

Auf dem Rückweg durch den Schneematsch fuhren wir über Bergedorf. Im Bahnhof Bergedorf ging natürlich der Aufzug zum Gleis 4 mal wieder nicht. Der nächste Regionalexpress zum Hauptbahnhof fuhr erst in über einer Stunde. Unten war auch keine Infosäule, also überlegten wir, wie wir am besten nach Mümmelmannsberg zur U-Bahn kommen würden. In Billstedt wird ja auch gerade gebaut. Das würde uns jetzt rund eine Stunde kosten - dann könnten wir uns auch in die Dönerbude setzen und auf den Regionalexpress warten. Während wir redeten und Jana zum fünften Mal auf den Knopf drückte und senkrecht nach oben in den Schacht guckte, ob der Aufzug nicht doch kommen würde, sprach uns plötzlich eine Frau dumm von hinten an: "Könnt ihr nicht die Treppe nehmen? So jung und schon so behindert?"

Lediglich die offensichtlich verstellte Stimme hinderte mich daran, mich gleich mit ausgestreckter Faust umzudrehen... Es war Sofie. "Hey, was machst du denn hier?" - "Ja und ihr? Immer wieder die üblichen Verdächtigen vor defekten Aufzügen!"

Die zündende Idee hatte Sofie. "Wir fahren einfach auf Gleis 5, dort steht eine Infosäule. Dann soll sich Unternehmen 'S-Bahn' mal was einfallen lassen." Gesagt, getan. Die Frau von der Infosäule war schnell im Bilde. "So ein Mist, der Aufzug steht hier als okay im System", sagte sie. "Aber bleiben Sie auf dem Bahnsteig, Sie bekommen Hilfe." Oha. Alle Achtung. Das 5. Gleis wurde eigentlich nur zu Hauptverkehrszeiten benutzt. An der Anzeigetafel stand: "Hier kein Zugverkehr"

Noch zwei Minuten. Dann sprang die Anzeige um: Nächste S-Bahn zum Hauptbahnhof in 6 Minuten. Drüben, auf Gleis 4, wo die Bahnen sonst abfahren, schaltete sich die Anzeige um auf "Bitte Ansage beachten". Rund 150 Leute standen auf dem Bahnsteig. *GONG* "Verehrte Fahrgäste, bitte beachten Sie: Auf Grund einer Betriebsstörung verkehrt der nächste Zug in Richtung Hauptbahnhof abweichend aus Gleis 5. Ich wiederhole: Auf Grund einer Betriebsstörung verkehrt der nächste Zug in Richtung Hauptbahnhof abweichend aus Gleis 5. Wir bitten um Entschuldigung. Knack. Plopp."

"Sind wir die Betriebsstörung?" fragte ich Sofie. Sofie antwortete: "Nö, der kaputte Fahrstuhl." Jana versteckte ihr Gesicht hinter ihren Händen. Einige Fahrgäste schauten zu uns rüber. "Sorry Leute, drüben geht der Aufzug nicht", rief Sofie nach drüben. Einige schüttelten die Köpfe. Als hätte jemand den Startschuss gegeben, setzten sich die Leute langsam in Bewegung. Treppe runter, durch den Tunnel, Treppe rauf. 150 Leute müssen wegen 3 Behindis den Bahnsteig wechseln. Dann kam die Bahn. Der Fahrer stieg aus: "Na Mädels, schafft ihr das ohne Rampe?"

Jana sagte: "Das ist so peinlich! Die mussten wegen uns alle den Bahnsteig wechseln. Aber wir freuen uns, dass wir mitkommen." Der Fahrer antwortete: "Och, da macht euch mal keinen Kopf. Die können ja alle laufen! Und die Weiche war noch nicht gestellt, dann ist das alles kein Problem! Ist ja nicht eure Schuld, wenn der Aufzug nicht geht. Da setzt sich immer das ganze Streuzeug in die Türschienen und dann blockieren die Dinger."

Mit anderen Worten: Es fehlt der Mann mit dem Besen. Kein Kommentar. Der Zug fuhr ab, alles gut. Bis Berliner Tor. Dann ging es über Minuten nicht weiter. Alle Türen sperrangelweit offen, arschkalt, keine Information. Immer, wenn Sofie die Tür zu machte, wollte 10 Sekunden später wieder einer raus oder rein. Und das Problem bei den alten Zügen ist, dass die Heizung nicht geht, wenn der Zug nicht fährt. Weil nämlich, kaum zu glauben aber wahr, die Wärme von den Bremsen zum Heizen genommen wird. Und wenn der Zug steht, wird nicht gebremst, und wenn nicht gebremst wird, wird nicht geheizt. Dann endlich eine Durchsage: "Wegen eines Polizeieinsatzes im Bereich Hauptbahnhof verzögert sich die Weiterfahrt um voraussichtlich 10 bis 15 Minuten."

Alle bis auf wir drei und zwei Omas stiegen aus dem Wagen aus. Die meisten gehen natürlich zu Fuß die eine Station weiter. Wenn die schon von 15 Minuten sprechen, werden es erfahrungsgemäß eher 30. Sofie schloss zum mindestens 20. Mal die Tür. Dann kam der Zugführer aus seinem Kabuff. "Da hat es wohl einen Personenunfall gegeben. Das kann noch dauern. Aber ich kann euch hier nicht raussetzen, ihr kommt hier nicht weg. Vom Hauptbahnhof kommt kein Zug in die Gegenrichtung, wir fahren auch nicht weiter und vom Bahnsteig kommt ihr nicht die Treppen runter. Ihr müsstet leider abwarten." Ja, lässt sich ja nicht ändern.

Ich kippte meinen Rollstuhl gegen die Wand, um entspannter zu sitzen. Jana fuhr vor eine Bank und legte ihre Füße hoch. "Erstmal bequem machen, wer weiß, wie lange das hier noch dauert", sagte sie. Die eine Oma, die noch nicht ausgestiegen war, regte sich gleich auf. "Mit den Schuhen auf den Sitz?" fragte sie. Jana antwortete gleich: "Auf der Sohle ist noch nie jemand gelaufen. Die sind blitzeblank." Hat die Oma nicht verstanden. Macht nichts.

Sofie allerdings war weniger entspannt. Ich möchte mich nicht rechtfertigen, warum ich mal wieder über den Schweinkram schreibe. Es gehörte zum heutigen Tag genauso wie der Gleiswechel und die sonderbare Schwimmstunde. Es war genial. Wer es aber trotzdem nicht lesen will, sei vorgewarnt und kann runterscrollen. Wer meint, dass er für Sofie Partei ergreifen muss: Sie hat ihr Okay gegeben für meinen Blog und ist sehr entspannt. "Ich piss mir gleich in die Hosen", meinte sie irgendwann. Jana hatte die Idee, ob es nicht auf dem Bahnsteig irgendeine Möglichkeit gibt. Nein, gab es nicht. Es rannten noch genug Leute herum, wir würden auf jeden Fall die Aufmerksamkeit des Fahrers auf uns ziehen, wenn wir hier plötzlich aus- und wieder einsteigen. "Ist hier nicht irgendwo eine leere Flasche?" fragte ich, zwängte mich durch den Wagen und suchte in den Mülleimern und unter den Sitzen. "Jule wird zur Flaschensammlerin", spottete Jana.

Keine Flasche. Es hatte auch niemand eine Trinkflasche mit, deren Inhalt man aus der Tür rauskippen könnte, um sie anschließend für andere Zwecke zu benutzen. "Hock dich doch einfach zwischen zwei Sitzbänke", sagte Jana. Sofie zeigte ihr einen Vogel. "Und in dem Moment kommt jemand rein oder der Kutscher aus seiner Butze raus und fragt, ob ich Hilfe brauche, oder was. Näh!" - "Wir stellen uns davor!" - "Nix." - "Willst du von mir ne Pampers haben und die anziehen?" - "Vergiss es, ich zieh hier nicht in einer hell erleuchteten Bahn blank. Und fall dabei vielleicht noch aus dem Stuhl."

Der Fahrer kam erneut raus. "Kein Personenunfall, ein Polizeieinsatz im Zug. Da haben sich wohl welche gekloppt. Es soll in 10 Minuten weiter gehen." Als die Tür wieder zu war, fragte ich Sofie: "Hältst du das noch aus." - "Ist schon zu spät." Janas schaute intensiv unter Sofies Stuhl. "Es leckt noch gar nicht." Wer den Schaden hat... Sie kann so nett sein. Aber, auch wenn es für außenstehende eher skurril, eklig oder gar abartig scheint, wir hatten unseren Spaß. Jeder setzte noch einen drauf. Sofie: "Das Kissen ist sehr saugfähig. Das fängt erst mit der Zeit an zu kleckern. Und dann vor allem, wenn man bergauf fährt." - "Oder kippelt", fügte ich hinzu.

"Oder kippelt", bestätigte Sofie. Jana: "Hast du ein Handy in der Hosentasche? Das würde ich rausnehmen, falls es nicht die Trekking-Ausführung ist." - "Gut, dass du das sagst. Aber mein Handy ist im Rucksack", antwortete sie. "Zwischen den Schwimmsachen", setzte ich noch oben drauf. "Achso, zum Thema Schwimmsachen: Unsere Physio steht darauf, wenn ihre Patientinnen mit knackig engen Leggings schwimmen gehen." - "Echt?" grinste mich Sofie an. "Ach ist das die mit der geistigen Behinderung, von der du neulich erzählt hast?"

Ich nickte. "Und jetzt wart ihr drei mit Leggings im Whirlpool kuscheln oder was?" - "Nein, ich hatte keine Badesachen mit und wir hatten spontan zusammen Bewegungsbad. Da hab ich meine Sporthose angezogen und sie fand es sexy." - Sofie antwortete: "Sexy!?! Na super! Pass bloß auf, dass sie dich nicht mal in der Kniekehle krault, während du da auf der Liege liegst und das nicht merkst." Jana krümmte sich schon vor Lachen.

"Na, Sofie, wie fühlt man sich mit nasser Hose?" fragte Jana. Sofie antwortete: "Och, noch ist es schön warm am Arsch. Frag mich in einer halben Stunde nochmal." - "Wir können ja im Hauptbahnhof für dich noch schnell ein Getränk kaufen, dann kannst du bis zu Hause nochmal nachwärmen." - "Bäh, Jana, jetzt wirds eklig." - "Nee, das ist schon eklig. Guck dir die Sauerei doch mal an hier. Wenn die Bahn losfährt, läuft das alles hin und her." - "Wie gut, dass wir nächste Station aussteigen."

Kaum ausgesprochen, ging es tatsächlich endlich weiter. Die letzten bissigen Sprüche bekomme ich nicht mehr zusammen, aber im Hauptbahnhof kam der Fahrer aus seiner Tür und wollte uns helfen. Aussteigen geht jedoch auch bei den alten Bahnen ohne Hilfe. Sofie antwortete auf sein Hilfsangebot ohne eine Miene zu verziehen: "Nein danke, raus kommen wir alleine. Und passen Sie auf, hier ist irgendwas ausgelaufen. Tschüss und danke nochmal!"

Als wir eine Dreiviertelstunde später endlich wieder zu Hause waren, stand Lina in der Küche und backte einen Kuchen. Sofie begrüßte sie: "Hi! Na? Das war wieder ein Tag. Aufzug in Bergedorf kaputt, unseretwegen haben sie alle aufs Gleis 5 gejagt, dann Schlägerei im Hauptbahnhof mit Polizei, so dass keine Bahn mehr fuhr - jetzt haben wir es gleich 20 Uhr und ich hatte noch nicht mal Mittagessen." - "Frag mich mal. Den Kuchen wollte ich schon heute mittag backen." - "Oh nee, und ich muss dir was ekliges erzählen." Lina antwortete, während sie nach dem Kuchen schaute. "Lass mich raten. Du hast gerade gepupst." - "Falsch." - "Du hast dir in die Hosen gemacht." - "Richtig." - "Bin ich gut? Im zweiten Anlauf! Achso, und ich soll dir von Frank ausrichten, dass du morgen das Auto haben kannst."

Ich wollte Sofie nochmal ärgern und gleichzeitig auch eine Steilvorlage kreieren, um Lina von der Physiotherapeutin erzählen zu können. "Sag mal, hast du eigentlich ne Leggings drunter?" - "Oh nee. Nicht die Story schon wieder. Ich geh duschen."

Lina verstand nur Bahnhof. "Welche Story? Erzähl! Ich wills hören!" So wäre fast der Kuchen angebrannt. Schokoladenkuchen übrigens.

Sonntag, 17. Januar 2010

Cathleens Einweihungsparty

Endlich gibt es mal wieder etwas positives zu berichten. Ohne jede Ironie, nicht mal mit einem faden Beigeschmack. Gestern abend feierte Cathleen endlich ihre offizielle WG-Einweihungsparty. Ein Vierteljahr hat es gedauert, bis es endlich so weit war. Dafür war es aber ein schöner Abend. Simone konnte leider nicht, aber ansonsten waren alle Leute aus der WG (logisch), aus unserer Sportgruppe sowie Jana da. Und endlich waren auch mal wieder nur Leute da, von denen ich den Eindruck hatte, dass ihnen was aneinander liegt.

Wir haben zusammen gegessen, gequatscht, Musik gehört, Spiele gespielt und einen prima Abend verlebt. Jana blieb bis 4 Uhr morgens, irgendwo mit im Bett schlafen wollte sie dann aber doch nicht. Nadine, Kristina und Merle teilten sich Cathleens Bett, Cathleen, Jan und ich schliefen in meinem Bett. Ich lag in der Mitte, vor mir und in meinem Arm lag Jan, hinter mir lag Cathleen. Es war sehr kuschelig. Obwohl es sehr eng war: Ich habe schon schlechter geschlafen.

Heute haben wir bis 11 Uhr ausgeschlafen, dann gemeinsam gefrühstückt und ein paar Pläne geschmiedet für die Sommerferien. Urlaub muss man ja rechtzeitig buchen, gerade wenn man als Gruppe etwas machen möchte. Wir haben uns geeinigt: Eine Woche an die Ostsee! Natürlich nicht in irgendwelche Touristengebiete, aber wenn man jemanden kennt, der dort aufgewachsen ist, bekommt man schnell mal einen Geheimtipp.

Mittwoch, 13. Januar 2010

Alles nicht geklaut

"Ich glaub, es geht schon wieder los! Das darf doch wohl nicht wahr sein..." *sing*

Sandra hat mich heute morgen als dumme Schlabberfotze bezeichnet. Natürlich so, dass es niemand mitbekommt. Ich habe nichts gemacht. Weder bewusst einen Anlass geliefert, noch darauf in irgendeiner Form reagiert. Mal sehen, wie das weiter geht. Sie kann es anscheinend nicht sein lassen und spielt definitiv mit ihrem Schulplatz. Es ist einfach nur erbärmlich.

Da die letzte Doppelstunde ausfiel, konnte ich schon sehr früh wieder nach Hause. Mit 11 Punkten aus der Chemieklausur in der Tasche. Bin ich gut?

Der frühe Schulschluss war aber ganz gut, da Mittwoch ja bekanntlich Großkampftag ist. Erst Gerätetraining, dann Physiotherapie, anschließend noch Schwimmtraining. Lässt sich leider nicht anders legen, allerdings sagt mein behandelnder Arzt aus der Klinik, dass das nicht problematisch ist, da es beim Gerätetraining ja nicht um ein Leistungstraining geht, sondern lediglich um einen Ausgleich der einseitigen Belastung - unter therapeutischer Aufsicht. Also besteht keine Gefahr, irgendetwas zu überanstrengen.

Irgendwo in meinem Schrank fand ich dann auch noch dunkelblaue Baumwoll-Leggings. Die neue Physiotherapeutin, mein kleiner Kampfzwerg, hat ja einen Leggings-Faible. Damit man die Beine sieht. Als ich das Ding zu Hause anprobierte, schließlich hatte ich das Jahre lang nicht mehr an, merkte ich: Am Hintern und an den Beinen zu kurz. Sagt mal, werde ich dicker? Oder wachse ich noch? Unten gucken fünf Zentimeter meiner Storchenbeine raus, das muss ja nun wirklich nicht sein. Ich hatte ja durch die ausgefallenen Stunden genug Zeit, noch ein kurzes Shopping einzuschieben.

Ein großes Sportwarenhaus liegt direkt am Hamburger Hauptbahnhof. Eine Person an der Kasse, ansonsten kein Personal weit und breit. Endlose Schlange. Am Aufzug stehen Hinweisschilder, allerdings steht nicht drauf, was man wo bekommt, sondern welche Hersteller in welchen Etagen zu finden sind. Und dann sind doch tatsächlich alle Klamotten nach Herstellern sortiert. Und ich habe aus meiner Sitzposition null Überblick, sehe immer nur die nächsten drei Kleiderständer.

Dann fand ich endlich doch noch eine Mitarbeiterin, die hinter einer Stahltür heraus kam. "Entschuldigung, wo finde ich Leggings?" - "Haben wir nicht." - "Wie... keine Leggings?" - "Nö. Wir haben so Longtights. Wofür wollen Sie die haben?" - "Äh, was meinen Sie?" Ich stand etwas auf dem Schlauch. Zum Anziehen wollte ich die haben, nicht zum Fensterputzen. Ich verstand die Frage nicht.

"Ja, wofür brauchen Sie die? Zum Laufen?" - Äh, was? Wenn Sie welche haben, mit denen ich wieder laufen kann, kaufe ich Ihnen gleich 10 Stück davon ab. Sowas blödes. "Ähm, nee, eher so für Gerätetraining." - "Ah ja, da haben wir einmal hier unten welche von Firma A, die sind hier, und sonst im 1. OG welche von Firma B und im 5. OG von Firma C." - "Sind die nach Firmen getrennt?" - "Ja. Jede Firma hat hier ihre Ausstellfläche." Kein Wunder, dass die Kette pleite geht, wenn der Kunde für eine Hose durch drei verschiedene Etagen toben muss.

"Die gehen ja gerade bis zum Schienbein. Ich suche schon welche, die bis zum Knöchel gehen." - "Sie meinen Acht-Achtel-Hosen. Dieses sind Sieben-Achtel-Hosen. Schauen Sie mal, die haben wir hier. Diese würde Ihnen gut stehen." - "119 Euro? Das sind irgendwie 100 zu viel." - "Ja, die sind so teuer." - "Nee, ich suche wirklich was ganz einfaches." - "Sowas gibt es nicht." - "Sie meinen, Sie haben sowas nicht. Kann ich mir gar nicht vorstellen, Sie werden doch über 6 Etagen noch irgendwo andere Hosen haben." - "Ja, dann müssen Sie mal im 1. und im 5. schauen, ob da noch was ist, was Ihnen besser gefällt."

Nö. Aber im dritten Obergeschoss waren so Tanz- und Fitness-Klamotten. Und da fand ich dann auch eine schwarze Leggings für stolze 24,95 Euro. Ich nahm dann auch gleich noch einen auf 30 Euro runtergesetzten Marken-Schwimmanzug mit, bezahlte brav an der Kasse, verzichtete auf die Tüte und stopfte das Zeug in meinen Rucksack. Und dann bloß raus hier.

Als ich endlich unten ankam, fuhr ich auf dem direkten Weg zum Ausgang Mönckebergstraße. Der ist dichter am Bahnhof, so dass ich nicht durch den ganzen Schnee musste, dafür musste ich aber noch einmal quer durch den Laden. Es geht bergab, so dass man mit dem Rollstuhl auch ein wenig schneller wird. Als ich die Tür erreichte, merkte ich, wie ein Typ im blauen Pullover hinter mir her rannte. Er überholte mich und ich dachte, er wollte mir die Tür aufhalten. Das wäre doch aber nicht nötig gewesen. Fehlanzeige. Er stellte sich mir in den Weg. Ich schaute etwas dumm aus der Wäsche. "Guten Tag, kann es sein, dass Sie vergessen haben zu bezahlen?"

"Bitte?" Ich überlegte eine Sekunde. "Nein, kann nicht sein. Ich habe bezahlt." - "Kann ich mal bitte in Ihren Rucksack reinschauen?" In meinen Pampers wühlen? Nö. "Sie können meinen Kassenbon sehen." - "Nee, ich möchte in den Rucksack schauen. Den haben Sie geöffnet." - "Ja, um die bezahlte Ware darin zu verstauen." - "Haben Sie was zu verbergen?" - "Ja." - "Gut, dann rufe ich jetzt die Polizei." - "Ja, dann machen Sie das." - "Gut, dann kommen Sie jetzt mit in mein Büro." - "Nö. Wenn Sie die Polizei rufen wollen, dann machen Sie das, ich warte hier solange, ansonsten fahre ich jetzt weiter." - "Nee, Sie kommen mit in mein Büro." - "Nix. Ich gehe nicht mit Ihnen in irgendwelche Büros. Darf ich mal Ihren Ausweis sehen?"

Stinkesocke zitterte am ganzen Körper, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen und möglichst cool zu bleiben. "So, entweder Sie kommen jetzt freiwillig mit ins Büro oder ich schiebe Sie dorthin." - "Flossen weg!" - "Sie verhalten sich super verdächtig." - "Zeigen Sie mir Ihren Ausweis und rufen Sie eine Verkäuferin, dann darf die von mir aus hier an Ort und Stelle in den Rucksack schauen." Der Typ schüttelte den Kopf. "Sie kommen jetzt erstmal mit ins Büro, da rufen wir eine Mitarbeiterin als Zeugin dazu. Wir machen hier keine Show im Laden."

Die Rettung! Vor der Tür durch die Fußgängerzone schlenderte eine Fußstreife. Der Typ stand mit dem Rücken zur Glastür. Ich fuhr langsam einige Zentimeter zurück, dann mit Anlauf zum Türflügel rechts neben ihm. Es gelang mir, die Tür aufzustoßen. Der Typ öffnete auch seine Tür, stellte sich mich sofort wieder in den Weg. Ich brüllte in Richtung der Fußstreife: "Entschuldigung, können Sie mir mal bitte helfen?" Die beiden hatten mich gehört, schauten, kamen auf mich zu. "Wie können wir Ihnen helfen?"

"Der Typ hier behauptet, er sei Ladendetektiv und ich hätte geklaut. Ich soll in sein Büro kommen, er will meinen Rucksack durchsuchen, ich darf nicht weiterfahren. Er hat keinen Ausweis und ich habe nicht geklaut." - "Okay, ich weiß, dass der Herr hier als Detektiv angestellt ist." sagte der eine Polizist. Die Polizistin sagte: "Haben Sie denn sehen können, dass die Dame etwas eingesteckt hat?" Und der Idiot sagt auch noch: "Ja."

"Das stimmt doch überhaupt nicht", erwiderte ich.

"Moment mal. Konnten Sie sehen, was das war?" - "Ja, ein schwarzer Badeanzug." - "Ja, den habe ich aber bezahlt. Den Kassenbon habe ich hier, den wollten Sie nicht sehen." - "Sie haben einen bezahlt und einen zweiten so eingesteckt. Das habe ich genau über den Überwachungsmonitor gesehen. Der ist jetzt in Ihrem Rucksack." Für einen Moment war ich mir unsicher. Hingen da zwei zusammen? Aber die hätte die Kassiererin doch auseinander gemacht. Nein, das war ein Badeanzug und auf dem Schoß lag auch nichts. Blödsinn.

Die Polizistin sagte: "Okay, dann möchte ich tatsächlich einmal in Ihren Rucksack schauen." - "Bitte, wenn es sein muss." - "Ach, jetzt doch?" fragte der Detektiv.

"Ich lasse keine fremden Männer ohne Grund in meiner Unterwäsche und meinen Hygieneartikeln wühlen. Ich habe nichts gestohlen." - "Ja ja", sagte der Detektiv.

"So, sind da irgendwelche spitzen Gegenstände im Rucksack? Irgendwas, woran ich mich verletzen könnte? Spritzen, Messer, andere Waffen?" fragte die Polizistin. Ich händigte ihr den Rucksack aus und schüttelte den Kopf. Der andere Polizist sagte: "Ich hätte in der Zwischenzeit gerne mal einen Ausweis von Ihnen." Ich drückte ihm meinen Ausweis in die Hand. Er fing gleich an, meinen Namen durchzufunken. Na super. Sie holte inzwischen die eingekauften Klamotten raus. "Die sind bezahlt", sagte der Detektiv. Dann holte sie meine blaue Baumwollhose raus. "Die ist verwaschen", sagte die Polizistin. Dann kramte sie weiter, holte ein Badehandtuch, einen Kissenbezug und meinen schwarzen Badeanzug raus. Den ich für die Physio und für das Schwimmen hinterher mitgenommen hatte. "Da haben wir ihn doch", sagte der Detektiv und wollte ihn der Polizistin aus der Hand nehmen.

"Moment mal, ich durchsuche die Tasche." Ich sagte: "Das ist meiner. Der ist gebraucht." Sie krempelte das Ding auf Links. Guckte den sehr genau an. "Ein Etikett hängt zwar nicht mehr dran, Hygieneschutz auch nicht mehr. Aber der Waschzettel ist nicht ausgeblichen, keine losen Fäden. Ist das wirklich Ihrer?"

Ich nickte. "Riechen Sie mal dran. Der war gerade in der Wäsche." - "Der riecht eindeutig nach Persil." Sie roch an dem neuen mit Etikett. "Und der nach Chemie. Nee, der ist schonmal gewaschen worden. Ohne Etikett, ohne Hygieneschutz, da würde ich mal der Dame glauben schenken wollen, dass das ihrer ist. Das passt auch zum Handtuch, zum Duschgel im Rucksack." - "Ich habe gleich einen Therapietermin im Krankenhaus im Bewegungsbad. Das lässt sich nachprüfen, der ist in zwei Stunden und dorthin werde ich nicht ohne Badeanzug gehen."

"Pack wieder zusammen den Kram", sagte der Polizist, der die ganze Zeit daneben stand, zu seiner Kollegin. In der Zwischenzeit liefen alle möglichen Leute an uns vorbei und gafften. Ich sah vermutlich aus wie eine Tomate. Dann bekam ich meinen Rucksack wieder. "Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen", sagte der Detektiv. Ich antwortete: "Sie können mich mal. Ich weiß nicht, wie Sie steif und fest behaupten können, Sie hätten gesehen, wie ich etwas eingesteckt habe." Zu der Streife sagte ich: "Darf ich weiterfahren?" - "Sie kriegen noch Ihren Ausweis zurück. Einen schönen Tag noch." - "Vielen Dank."

So ein Saftladen! Das war wohl für die nächste Zeit das letzte Mal, dass ich da drin war. Da gehe ich lieber woanders shoppen.

Beim Gerätetraining war alles wie immer, danach sollte ich erst eine Massage bekommen und dann ins Wasser. Okay, dieses Mal in anderer Reihenfolge. Ich erzählte Ronja erstmal von meinem Einkaufserlebnis. Sie war völlig fassungslos: "Was echt? Ich wüsste gar nicht, was ich machen soll." Die Massage war, wie letztes Mal schon, sehr gut. Auch die Physiotherapie im Wasser war gut. Also es bringt auch wirklich was. Ich merke Muskeln, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie einsetzen kann.

Das Schwimmtraining mit dem Verein war dieses Mal eher nicht so spitze. Tatjana hat eine neue Kollegin, die auch Nadine heißt, und alles besser weiß. Die beiden können sich überhaupt nicht leiden, hatte man den Eindruck. Allerdings macht Tatjana das Training sonst immer supergut und lässt sich von Nadine nicht die Butter vom Brot nehmen. Tatjana wollte eine Übung machen und Nadine sagt einfach: "Ich würde gerne etwas anderes machen." Hallo? Was für ein Durcheinander! Dann musste sie ständig das Gegenteil von dem machen, was Tatjana angesagt hatte. Ich bin gespannt, wie lange das so weiter geht.

Hinterher wollten wir eigentlich mit einigen Leuten (dieses Mal mit allen Leuten) in den heißen Pool, der war aber geschlossen. Also gingen wir zusammen in das Kinderbecken. Das war zwar nur 60 Zentimeter tief, aber genauso warm. Im Kinderbecken war auch eine große Höhle, in der es regnete. Die Höhle war ziemlich groß, dreißig Leute hätten wohl locker reingepasst, und unter der Decke waren so Wassersprüher wie bei einer Sprinkleranlage. Der feine Nieselregen war aber eher unangenehm, so dass ich da lieber wieder raus wollte. Als dann Jan noch sagte: "Das ist Beckenwasser, was da umgewälzt und nach oben gepumpt wird, kein Frischwasser", erst recht. Igitt!

Schade. Gemeinsame Knutsch- und Fummelstunde musste leider ausfallen. Dafür sehen wir uns aber am nächsten Wochenende!

Dienstag, 12. Januar 2010

Viel Zeit für Wochenendpartys

Wir haben heute unseren neuen Stundenplan für das 2. Halbjahr bekommen. Mehr Doppelstunden, kaum noch Einzelstunden, insgesamt eine Stunde Psychologie mehr. Und besser verteilt. Das ist sehr positiv. Ebenso finde ich sehr positiv, dass ich keine Freistunden mehr habe. Ich muss ja insgesamt acht Schulstunden zu Hause arbeiten, da ich sonst (nämlich wenn ich diese Zeit in der Schule absitze) meine Rente verliere. Im ersten Halbjahr musste ich, um genau meine Stunden zu erwischen, oft eine Doppelstunde zwischendurch nach Hause fahren. Jetzt komme ich meistens zur ersten Stunde, um dann nach vier Stunden wieder nach Hause zu fahren. So bin ich die meisten Tage schon um 11.45 Uhr wieder zu Hause und kann mich entspannt an die Heimarbeiten und Hausaufgaben machen.

Einen Tag in der Woche verschiebt sich das alles um eine Schulstunde nach hinten, ich muss also erst um kurz vor 9 Uhr dort sein und darf dafür bis um halb 1 dort bleiben. Auch okay.

Krass ist allerdings der Montag. Ich kann nach einem Partywochenende ausschlafen, ausschlafen und mich nochmal umdrehen, entspannt frühstücken, duschen - und muss dann um 11.50 Uhr zu meiner ersten Stunde. Der Tag geht dann bis 15.20 Uhr, dann ist die 8. Stunde zu Ende. Das wird ganz schon eng, da ich um 16.00 Uhr schon Krankengymnastik habe und danach noch gerne zum Sport möchte. Mal schauen, wie ich das hinbekomme.

Am Montagmorgen von etwa 10 Uhr bis halb 12 ist Schulsport angesagt, und zwar (im zweiten Halbjahr) Schwimmen. Stinkesocke, die alte Wasserratte, überlegt sich nun folgendes: Am Unterricht darf ich nicht teilnehmen, weil ich dann meine Zeiten überschreite. Aber es kann mich doch eigentlich niemand davon abhalten, morgens privat zum Frühschwimmen in dieselbe Halle zu fahren, oder?

Sonntag, 10. Januar 2010

Viel Jan, viel Schnee

Schon seit einigen Wochen nervt mich ein unerträgliches Verhalten einiger Leute aus meiner Clique. Ich habe es bisher weder hier noch im persönlichen Kontakt thematisiert, da ich keinen Streit wollte. Ich war auch scheinbar die einzige, die das so richtig gestört hatte, zumindest hat niemand anderes aus meiner Clique etwas gesagt, und so hatte ich auch sehr große Angst, mit meiner Kritik zum Außenseiter gestempelt zu werden, vor allem, weil es solche "Ausgrenzungs-Ansätze" meiner "Freunde" schon einmal gab, als ich es wagte, mich über etwas zu beschweren über etwas ein bißchen zu nörgeln.

Dabei hatte das Wochenende so gut angefangen: Ich habe Jan endlich wieder gesehen. Wir haben uns zum Schwimmen getroffen, nur wir beide, in einer genialen Therme mit angenehm heißen Pools in einem genialen Ambiente. Man konnte prima relaxen in einer Palmenlandschaft, an einer Wand wurde über die gesamte Breite und Höhe ein Videobild an die Wand geworfen, das perfekt an diese Landschaft angepasst war. Gut, der Spaß kostet einen dann auch mal eben 18 Euro, aber dafür ist es dann auch nicht so voll. Ab 21 Uhr wird auf Kuschelstimmung umgeschaltet, die Videowand bleibt dunkel, das Licht außerhalb des Beckens wird abgeschaltet und etliche Kerzen werden aufgestellt. Wir haben eng umschlungen neben einem Felsen am Beckenrand gehangen und ziemlich heftig gefummelt und geknutscht, natürlich trotzdem so, dass es für niemanden aufdringlich war. Wir waren auch nicht die einzigen, die die Stimmung sehr romantisch fanden.

Danach hat er bei mir geschlafen, es war total schön und kuschelig, wir haben den halben Samstag im Bett verbracht, dann ausgiebig gefrühstückt, zusammen über einige Internetclips gelacht, Fotos angesehen - bis wir dann irgendwann gefragt wurden, ob wir spontan mit auf die Geburtstagsfeier von Basti möchten. Basti ist der jüngere Bruder von Nadine. Allerdings nicht von der Nadine, die ich vom Training kenne, sondern von einer Nadine, die sich kurzfristig unserer irgendwie immer größer werdenden Clique angeschlossen hat. Nadines Schwester soll in einem Pflegeheim sein und darüber soll irgendein Kontakt zustande gekommen sein. Niemand weiß es so genau. Inzwischen sind wir, glaube ich, fast 20 Leute.

Nun würden Jan und mich dieser Basti nicht so unbedingt interessieren, eben weil wir ihn bis dahin gar nicht kannten, aber wenn die ganze Clique dorthin fährt, könnte es ja recht nett und lustig werden. Jan hatte Lust, ich auch, so ließen wir uns überreden, den gemeinsamen Abend mit ganz vielen Leuten zu verbringen.

Der Abend war auch ganz lustig, wir haben uns nett unterhalten und einige Spiele gespielt, die in so großer Runde natürlich auch wesentlich mehr Spaß machen als in kleiner Runde. Bis zu einem bestimmten Grad wäre ich auch bereit, stillschweigend hinzunehmen, dass sich ein Gastgeber oder einzelne Gäste nicht so recht in die Lage anderer Gäste (ob nun mit oder ohne Rollstuhl) hineinversetzen können und deshalb vielleicht das eine oder andere ungünstig bis unmöglich ist.

Damit meine ich zum Beispiel, dass ich es kommentarlos hinnehmen würde, wenn die Party oben stattfindet und es nur eine schmale, steile Treppe gibt, um dorthin zu kommen. Rutscht man halt auf dem Hosenboden rückwärts stufenweise nach oben und tut ein bißchen was für seine Arm- und Schultermuskulatur. Dass die Rollstühle nicht nach oben dürfen, weil es oben weißen Teppichboden gibt, der dreckig werden könnte, kann man auch noch hinnehmen, dann sitzt man halt auf der Erde. Auf der Erde deshalb, weil es nur einen Schreibtischstuhl gab und ein Sofa, das aber bereits mit anderen Gästen belegt war. Solange ich mich an die Wand anlehnen kann, ist ja alles gut.

Zu essen gab es Lauchsuppe mit extra viel Lauch, Zwiebelbrot mit Kräuterdipp, Kartoffelsalat mit Zwiebeln, Zwiebeln, Zwiebeln, Zwiebeln und selbstgemachte Lasagne - mit nur ein paar Zwiebeln. Ich hätte mich jetzt an ein kleines Stück Lasagne gehalten, da man als Querschnitt solche Dinge wie Lauch und Zwiebeln (und alles was sonst noch extrem bläht) nicht verträgt. Er kam jedoch schon mit der Bemerkung ins Zimmer: "Die ist teilweise ein bißchen schwarz geworden, ich wollte es aber extra lange drin lassen, denn das Hack ist aus dem Supermarkt und zum Wochenende ... weiß man ja nicht so genau, wie oft das schon umetikettiert worden ist. Ha ha ha." Das war mir nicht geheuer, also verzichtete ich und nuckelte an meiner Cola. Damit hatte ich eindeutig den ruhigeren Job, denn durch das Zimmer liefen permanent zwei nicht erzogene Katzen, die jeden, der auf der Erde saß, beklettern mussten, um an sein Essen zu kommen und giftig fauchend reagierten, wenn man sie wegschob. Sofie bekam einen qualifizierten Tatzenhieb ab, als sie verhindern wollte, dass die Katze am Rücken eines Mädchen hochkletterte, das zu Bastis direktem Freundeskreis gehörte, noch etwas jünger war und wie am Spieß vor Angst schrie. Die Katze war regelrecht aggressiv, wollte zum Essen und fauchte, nur Sofie ließ sich nicht beeindrucken, packte das Viech gezielt im Nacken und warf es in Richtung Flur.

Jana futterte ein Stück Lasagne. Irgendwann kam dann der Punkt, wo die ersten Leute auf das Klo wollten. Es gab oben keins, und unten war es im Kelleraufgang. Das Haus ist über 80 Jahre alt und man hat, als die Zeit vorbei war, in der man ein Scheißhaus im Garten hatte, nachträglich ein Indoor-Klo und einen Anbau realisiert. So ging, nachdem man eine Estrichstufe hinter einer Holz-Kellertür überwunden hatte, seitlich links von einem Treppenpodest das einzige Bad des Hauses ab. Liam sagte gleich: "Da kommt ihr nicht rein. Auch nicht auf der Erde rutschend. Ich könnte jeden einzelnen tragen, aber das Klobecken steht völlig frei, man kann sich weder anlehnen noch festhalten." Wer baut solche Klos?! Und wieso sagt einem das niemand vorher?

"Ich habe gehört", sagte Nadine, "dass sich die Rollstuhlfahrer sowieso kathetern müssen und habe auch nochmal eine Bekannte gefragt, und jetzt haben wir in einem Nebenraum eine Isomatte auf die Erde gelegt. Dann braucht ihr gar nicht nach unten jedes Mal. Die Beutel schmeißen wir dann weg, das machen wir für euch." Und das ist jetzt nicht mehr nett gemeint, sondern dreist. Nicht nur, so etwas vor allem Partygästen zu erwähnen. Sondern: Man weiß, dass die Gäste nicht auf die Toilette kommen und weist sie nicht vorher darauf hin, sondern setzt einfach voraus, dass sie in eine Plastiktüte pissen? Ich katheter mich nicht und viele andere machen das nicht mit Beutel, sondern direkt ins Klo, haben also gar nicht das passende Equipment dabei. Nicht jeder kann sich auf der Erde liegend kathetern oder frei sitzen. Es war also eine ziemliche Zumutung. Ich fuhr also meine Getränkezufuhr auf Null herunter und hoffte, den Abend irgendwie zu überstehen und bald aufbrechen zu können.

Um kurz nach eins brachen Liam und Lina auf. Eigentlich wollten sie Sofie, Frank und mich mitnehmen. Jan wollte nach der Party zu sich nach Hause, weil er heute zu einer Familienfeier musste. Er wollte direkt zur S-Bahn fahren, die zwei Kilometer schaffe er in 10 Minuten, kein Problem, alles okay. Nach der Familienfeier wollte er wieder zu mir kommen. Weil wir aber nicht Jana alleine nachts durch Hamburg fahren lassen wollten (Jan und Janas Wege hätten sich irgendwann getrennt), hatten wir später verabredet, dass Jan, Jana und ich mit der S-Bahn fahren. Nun fing Laura, auch seit neuestem in unserer Clique, zu diskutieren an, ob sie nicht im Auto mitfahren könnte. Sie wohne nur zwei S-Bahn-Stationen entfernt, aber sie fürchte sich alleine im Dunkeln. Auf diese Tour sprangen dann auch noch Melanie und Anna auf. Weder Laura, Melanie noch Anna sind Rollstuhlfahrer. Die drei fingen nun so heftig an, sich über diesen einen frei gewordenen Platz zu streiten (und das noch bevor Liam oder Lina zustimmten, dass überhaupt jemand von denen im Auto mitfahren darf), dass Sofie sagte: "Passt auf, bevor der Kindergarten hier überhand nimmt, fahrt alle drei mit dem Auto mit und wir beide fahren auch mit der S-Bahn, was meinst du, Frank?"

Spätestens jetzt hätte ich erwartet, dass die sagen: "Ach, vergiss es, Schnapsidee, wir fahren S-Bahn." Stattdessen kam: "Eeeehrlich? Das würdet ihr für uns machen?" Sofie guckte sparsam und sagte dann leise zu mir: "Bevor das hier noch eskaliert, lass uns zusammen S-Bahn fahren. Da haben wir unsere Ruhe." Liam sagte, ihm sei egal, wen er mitnehme, er habe drei Plätze frei und man solle sich einigen. Tatsächlich bestanden die drei Fußgänger auf die Mitnahme im Auto.

Die ganze Geschichte bekam dann noch den krönenden Abschluss, als wir etwa 20 Minuten danach los wollten und feststellten, dass seit dem Abend mindestens zehn Zentimeter Neuschnee gefallen waren. Dazu wehte ein eisiger Wind. Nun sind wir nicht aus Zucker und bei der Überlegung, ob wir uns von einem Taxi zum Bahnhof bringen lassen, meinte Nadine, dass es zum Bahnhof zu Fuß rund 10 Minuten seien, permanent bergab ginge und man mit dem Taxi einmal quer durch den Ort müsste, während man zu Fuß auf direktem Wege dorthin käme. Es sei den ganzen Tag geräumt worden, durch ein bißchen Schnee kämen wir locker hindurch.

Sofie, Frank, Jana, Jan und ich machten uns auf den Weg. Wir testeten erstmal aus, wie gut wir voran kommen würden, zur Not würden wir uns noch über Handy ein Taxi rufen. Aber es funktionierte ganz gut. Es war zwar beschwerlich und nervig und teilweise brauchte man auch zwei, drei Anläufe, um einen Bordstein hochzukommen, und der Wind wehte teilweise eisig und brachte jede Menge losen Schnee mit sich, aber man kam vorwärts. Und es ging auch wirklich ständig leicht bergab. Die S-Bahnen fuhren im 30-Minuten-Takt und wir gingen davon aus, die knapp zwei Kilometer in 20 statt in 10 Minuten zurückgelegt zu haben.

Der gut beleuchtete und gepflasterte Weg ging auch durch eine Art Park, durch den keine Autos fahren dürfen. Da wir immer nur geradeaus fahren mussten und man durch das Schneetreiben kaum etwas sehen konnte, sahen wir auch nicht, was uns hinter einer lang gezogenen Rechtskurve erwartete: Wir mussten eine Holzbrücke überqueren und dahinter ging es wieder bergauf! Großartig. Noch bevor wir überhaupt dorthin kamen, klagte Jana, dass ihr schwindelig sei. Ihr Kreislauf mache ihr Probleme. Frank hielt sie sofort an der Jacke fest, damit sie nicht plötzlich aus dem Rollstuhl kippen würde. Denn dann würden wir vier sie nicht wieder alleine hineingesetzt bekommen. "Mir ist ganz schwindelig", sagte sie. Frank kippte sie nach hinten und legte ihren Kopf auf seinen Schoß. Sofie griff sich die Hose am Schienbein und zog ihre Füße nach oben. Wir warteten einen Moment.

"Besser?" fragte Frank nach einer Minute. - "Ein bißchen", sagte Jana. Und gleich danach: "Ich muss spucken." Oh nein. Sofie ließ los, Frank ließ ihren Rollstuhl wieder aufrecht kippen. Sofie fuhr neben sie, drehte ihren Kopf auf die von ihr abgewandte Seite und hielt sie im Nacken und an der Stirn fest. Lecker. Lasagne, würde ich sagen. Ich weiß, warum ich das nicht gegessen habe. Jana würgte und spuckte. Sie fror. Irgendwie war mir nicht sehr wohl in der Situation, ich machte mir Sorgen. Ich fragte Frank, ob wir jemanden auf der Party anrufen sollten, einen Fußgänger, der zumindest Jana bis zum Bahnhof schiebt, denn der Weg würde ab sofort bergauf gehen. Leider war niemand erreichbar, nirgendwo ging einer ans Handy. Zu laute Musik, keinen Bock - ich weiß es nicht.

Frank gab Jana seine oberste Jacke. Er hatte mehrere Schichten übereinander. Wir fuhren langsam weiter. Die Brücke war gefroren und nicht gestreut, wir mussten uns am Geländer hochziehen. Und hinter der Brücke ging es bergauf. Sofie sagte: "Na super, soviel zum Thema 'bergab'." Jana kam gar nicht mehr weiter, Sofie und ich nur mit allergrößter Anstrengung zentimeterweise. Das Problem waren nicht die Antriebsräder, die hatten genug Grip. Das Problem waren die Vorderräder, die im losen Schnee versanken und ihn vor sich her schoben. Man musste auf den Hinterrädern leicht angekippt zentimeterweise vorwärts fahren. Jana ging es für diesen Balance-Akt nicht gut genug. Sie fror, sie wirkte teilnahmslos. Es war kurz davor, dass wir einen Rettungswagen gerufen hätten. Doch gehören Kreislaufprobleme zum Querschnitt und wenn ich jedes Mal, wenn jemand "Kreislauf" hätte, wie Horst Schlämmer sagen würde, den Rettungsdienst anrufen würde, könnte ich eine eigene Rettungswache aufmachen. Außerdem wollte Jana es partout nicht, sie hätte das im Griff, es sei nur die blöde Situation hier mit der Steigung.

Also fuhren wir zu viert um sie herum und bewegten immer abwechselnd uns zehn Zentimeter vor und zogen dann Jana in der Mitte mit ihrer Hilfe wieder zehn Zentimeter vor. Keine Menschenseele unterwegs, Schneesturm - und kein Bahnhof in Sichtweite. Jana kotzte noch zwei Mal in den nächsten 20 Minuten, dann ging es ihr allerdings wieder blendend. Sie wollte von sich aus trinken und alleine fahren und fing an, zu erzählen, wie peinlich ihr das sei und dass sie froh sei, uns dabei zu haben und dass sie sich auf ihr Bett freue... Kurz vor dem Bahnhof überholte uns ein Typ, der auch zur S-Bahn wollte und Jana ein Stück schob. Als wir endlich in der Bahn saßen, schaute ich auf die Uhr und stellte fest, dass wir für die knapp zwei Kilometer fast 90 Minuten gebraucht hatten. Ohne Schnee wären es gerade mal 10 Minuten gewesen. Wir waren durch den Sturm komplett weiß und nass.

Jan stieg in der City aus, wir fuhren zu viert weiter. Nicht ganz. Zu uns gesellte sich ein Typ, der sein Kleingeld rauskramte und uns für vier Euro Kokain abkaufen wollte. Der Typ ging uns immer weiter auf den Wecker und war selbst durch Ignorieren und Aus-dem-Fenster-schauen nicht davon zu überzeugen, dass er besser weiter geht. Drei Stationen vor unserem Ziel stieg er endlich aus.

Wir brachten Jana noch eben nach Hause, auch wenn das für uns noch eine halbe Stunde Umweg bedeutete. Aber sicher ist sicher. Als ich endlich in der WG angekommen war, freute ich mich auf eine heiße Badewanne. Und mein Rollstuhl auf eine gründliche Reinigung. Meine Klamotten auf die Waschmaschine. Mein Sitzkissen auf eine Wäsche. Ich sah aus wie ein dreckiger Eisbär. War völlig durchnässt vom Schnee und vom Schneematsch an den Ärmeln, in der Nierengegend und auf den Hosenbeinen. Die Pampers war auch längst übergelaufen, wobei der Vorteil war, dass man von außen nicht sehen konnte, was zur Schneenässe gehörte und was nicht. Ich war froh, dass Jan nicht mehr dabei war und spontan mit mir in die Badewanne oder vielleicht sogar ins Bett wollte.

Ich suche für dieses Chaos nicht die Schuld bei meinen "Freunden", sondern bei mir. Wie mir bereits einige Leute geraten haben, werde ich zu einigen Leuten, die mir zu egoistisch sind, mehr Distanz halten. Das wird schwierig, aber ich weiß inzwischen, dass Sofie und Frank ähnlich genervt waren von dem Abend - auch ohne sein heftiges Ende. Für das Wetter kann man niemanden verantwortlich machen. Aber ich habe als Lektion gelernt, dass man sich niemals ganz alleine auf eine Auskunft eines Dritten verlassen sollte. "Der Weg geht nur bergab." hat uns in enorme Schwierigkeiten gebracht.

Man darf natürlich nicht zu kleinlich sein. Gewisse Unwegsamkeiten dürfen einen nicht stören, man sollte seine Behinderung nicht als Maßstab aller Dinge sehen. Wie gesagt, dann rutsche ich eben mal auf dem Hintern die Treppe hoch. Aber anhand solcher Dinge wie improvisierte Toiletten oder dem Kindergarten um drei Plätze im Auto werde ich künftig meine Freunde aussuchen und auch aussieben. Auch auf die Gefahr hin, dass ich irgendwann drei Viertel meiner "Freunde" nicht mehr treffe. Aber das letzte (mir hoffentlich verbleibende) Viertel macht mich dann hoffentlich glücklicher und frei von derart Nerven aufreibenden Dingen wie solche Nachtfahrten im Schnee.

Freitag, 8. Januar 2010

Modernes Kuddelmuddel

Hamburg ist beim Ausbau der U- und S-Bahn-Stationen nicht gerade vorbildlich. Es gibt Berechnungen, nach denen es bis weit in die 40-er Jahre dauern wird, bis alle Stationen rollstuhlgerecht sind, sollte man mit dem bisherigen Tempo weiterbauen. Dann sind die ersten Anlagen allerdings schon wieder 60 Jahre alt. Und da selbst die beste Aufzugsanlage nach 20 Jahren Dauerbetrieb "fertig" ist, muss sich hier etwas tun.

Es tut sich auch was. Zum Beispiel gibt es einen Beschluss des Senats, bis Ende 2011 nicht nur wie bisher zwei bis drei Stationen pro Jahr zu modernisieren, sondern gleich dreißig modernisieren zu wollen. Guter Wille alleine reicht aber bekanntlich nicht, bisher weiß man von sechs Stationen, die bis Ende 2011 auch tatsächlich umgebaut werden sollen. Von denen muss alleine die Hälfte wegen aktueller Bauprojekte (Hafencity) ohnehin neu gebaut werden. Also bisher alles Augenwischerei.

Dass Bemühungen dieser Art viel Zeit brauchen, weiß jeder - und das versteht auch jeder behinderte Mensch (ob Rollstuhlfahrer, Blinder, ... oder was auch immer) in Hamburg. Umso mehr Aufmerksamkeit bekommen jene Menschen, denen zu dieser in weiter Ferne stehenden Hardware-Lösung auch eine kurzfristig verfügbare Software-Lösung einfällt. So wurde für relativ viel Geld ein Informationssystem erstellt, bei dem die Betriebszustände der Aufzüge von jedem, den es interessiert, online aufgerufen werden können.

Das ist, vom Grundgedanken her, sehr hilfreich, denn oft steht und fällt meine Pünktlichkeit damit, ob der Aufzug am Bahnsteig funktioniert. Tut er das nicht, benötige ich für das Wiedereinsteigen in die Bahn, die Fahrt zur nächsten rollstuhlgerechten Station, die Rückfahrt mit dem Bus (oder der Bahn gegenüber, sofern mein Zielbahnhof getrennte Bahnsteige mit getrennten Aufzügen hat) oder schlimmstenfalls "zu Fuß" mal gut und gerne ein bis zwei Stunden. Bei den momentanen Straßenverhältnissen ist es völlig aussichtslos.

Für den Hamburger Hauptbahnhof liefert eine Anfrage an das Informationssystem (08.01.10, 18.00 Uhr) folgendes Bild (zum Vergrößern anklicken):



Das heißt: Es gibt acht Aufzüge. Einer ist defekt, ob die übrigen sieben funktionieren, weiß niemand. Großartig.

In fast allen anderen wichtigen Umsteigestationen dasselbe Bild. Mit ein wenig Hintergrundwissen (ich denke mal, dass mir der Mitarbeiter, der neulich den Aufzug in der Elbgaustraße vor meinen Augen wieder fahrbereit gemacht hat, Zitat: "Der geht gleich wieder, Sie können drauf warten!", keinen Blödsinn erzählt hat) fasst man sich dann noch richtig an den Kopf.

Nämlich: Es werde nur dann "Aufzug defekt", also dieser rote Button, eingetragen, wenn der Aufzug mutwillig beschädigt wurde. Höhere Gewalt sozusagen. Ist der Aufzug defekt und ist das durch eine technische Schwierigkeit oder mangelnde Wartung bedingt, stehe dort, dass keine Auskunft möglich sei. Das habe wohl rechtliche Gründe.

Das würde bedeuten: "Keine Auskunft möglich" kann heißen, dass zur Zeit tatsächlich keine Informationen vorliegen oder dass der Aufzug defekt ist, man es aber nicht zugeben will, weil man sich sonst dafür verantworten müsste. Kein normaler Mensch fährt durch Hamburg und dokumentiert den Betriebszustand der Aufzüge - es sei denn, er bekommt es brühwarm nach Hause ins Wohnzimmer geliefert. Über das Internet. Das ist eine neue Gefahr, das am Image des jeweiligen Betreibers kratzen könnte.

"Aufzug funktioniert", also der grüne Button, bedeutet allerdings auch nicht, dass der Aufzug einen auch wirklich von oben nach unten oder von unten nach oben bringt. Er bedeutet nur, dass der Aufzug nicht manuell oder durch eine Sicherheitsschaltung gesperrt wurde. Es kann aber durchaus sein, dass der Aufzug festhängt oder wegen einer defekten Tür nicht losfährt - und trotzdem "Aufzug funktioniert" im System angezeigt wird. Wie zum Beispiel an dem Abend, als wir an der Sternschanze festhingen.

Als wäre das jetzt noch nicht genug Durcheinander, gibt es seit 01.01.10 eine neue EU-Norm (hurra!), nach der es verboten ist, Kinderwagen auf Rolltreppen zu befördern. Von Rollstühlen steht dort allerdings nichts. Vielleicht hat man nicht für möglich gehalten, dass fitte Rollstuhlfahrer durchaus auch Rolltreppe fahren können, vielleicht hat man sich nicht herangetraut - jedenfalls habe ich heute bereits den ersten Anschiss bekommen, dass es ein Gesetz gäbe, wonach das Rolltreppefahren für mich seit 01.01.10 verboten sei. Ich bin normalerweise nicht so pissig drauf, aber manchmal stinkt mir solches Verhalten einfach so sehr, dass ich meine Klappe nicht halten kann. Mit den Worten: "Sie können ja die Polizei rufen!" habe ich den Sicherheitsdienst stehen lassen und bin einfach weitergefahren. Auf die Diskussion, dass der Aufzug defekt ist, warum er defekt ist und dass das trotzdem keine Rechtfertigung liefert, auf die Rolltreppe zu fahren, hatte ich schlichtweg keinen Bock.

Laut Frank, ja ich weiß, er ist Gold wert, ist eine Norm kein Gesetz und nur Gesetze dürfen etwas verbieten. Gut zu wissen - der nächste Wichtigtuer ist bestimmt nicht weit. Vielleicht treffe ich ihn schon, wenn ich mich gleich auf den Weg zum Schwimmen mache. Zu zweit. Mit Jan. Ich freue mich riesig!

Donnerstag, 7. Januar 2010

Teure Räder, günstiger Delfin

Mein Rollstuhl ist endlich wieder repariert. Nach nur 12 Tagen kann ich endlich wieder auf eigenen vier Rädern unterwegs sein und bin nicht mehr auf die Leihgabe von Sofie angewiesen. Der Typ vom Sanitätshaus hat das von meinem Vater bei dieser Aktion zerstörte Rad entsorgt (da war nichts mehr zu richten, selbst die Steckachse hatte etwas abgekriegt), ein neues vorbeigebracht und auch zwei weitere komplette Räder mitgeliefert. So kann ich nun bei einer Reifenpanne (die wegen der pannensicheren Bereifung eigentlich selten vorkommt) oder anderen Schäden an den Rädern (Acht etc.) erstmal das Rad oder die Räder im Ganzen austauschen und habe sofort wieder einen fahrbereiten Rollstuhl.

Schon gestern kam die Mitteilung von der Unfallkasse, dass sie die Kosten der Instandsetzung in voller Höhe übernehmen. Sie belaufen sich auf insgesamt 1.103,54 € einschließlich Steuer. Für drei 24-Zoll-Rollstuhlräder einschließlich Lieferung. Ich bin mal gespannt, ob sie meinem Vater etwas davon in Rechnung stellen. Richtig fände ich es. Zumindest das eine Rad.

Und wo wir gerade beim Geld sind: Das Vermögensverzeichnis steht noch immer aus. Frau Bummel hat erneut gedrängelt, dass sie es dringend benötigt. Ich habe inzwischen vom Gericht erfahren, dass es dafür folgende Richtwerte gibt: Einzelstücke, die einen Neuwert von 25 Euro nicht überschreiten, können unter "Haushaltsgegenstände von geringem Wert" oder "persönliche Gegenstände von geringem Wert" zusammenaddiert werden. Für Sammlungen, bei denen alle dazugehörigen Teile insgesamt einen Neuwert von 50 Euro nicht überschreiten, gilt das gleiche.

Das bedeutet: Ich darf brav zählen. Ich wusste noch gar nicht, dass ich so viele Einzelstücke zu 24,95 Euro in meinem Besitz habe. Es ist sagenhaft. Eine Sache bereitet mir aber noch Kopfzerbrechen: Mein Delfin-Dildo hat mal 29,95 Euro gekostet. Ich überlege jetzt, ob ich das so in die Liste schreibe, oder ob ich ihn lieber mit ein paar Kondomen zusammen in eine Schublade packe und die Schublade als nicht-deklarationspflichtige Spielzeugsammlung für 34,95 Euro bezeichne. Oder soll ich lieber sagen, dass es ein Delfin im Sonderangebot war, der ebenfalls nur 24,95 Euro gekostet hat? Vermutlich würde ich so oder so einen Betrug begehen, und das ausgerechnet gegenüber einem Gericht! Ob und wie ich dafür wohl mal bestraft werde? ;)

Mittwoch, 6. Januar 2010

Viel Chemie und ein Kampfzwerg

Zum Glück ist es vorbei. Den ganzen Vormittag lang war mein Kopf voller Chemie. Kohlenwasserstoffe bis zum Umfallen. Als ich auf dem Rückweg von der Schule mein Auto vollgetankt habe, glaubte ich, die ganzen Strukturformeln durch den Schlauch kriechen zu sehen. Während ich tankte, kam ein Mitarbeiter angesprungen und wollte mir helfen. Leider kommt er immer erst, wenn ich schon meinen Rollstuhl zusammengebaut habe, aus dem Auto ausgestiegen bin und die Zapfpistole bereits im Einfüllstutzen steckt. Aber er durfte den Ölstand kontrollieren. Dieser Stab ist so angebracht, dass man in sitzender Position nicht sehen kann, wo man ihn wieder reinstecken muss.

Als ich nach dem Bezahlen wieder zu meinem Auto rollte, wurde ich auf einen alten Mercedes aufmerksam, dessen Motor laut aufheulte, während das Auto selbst nicht einmal Schrittgeschwindigkeit fuhr. Der Fahrer, ein alter Mann, hatte das Spiel mit Gas und Kupplung wohl nicht mehr so ganz im Griff, während er versuchte, möglichst nah an die Zapfsäule heranzufahren. Während ich meinen Rollstuhl verlud, stieg er aus. Er benötigte für das Aussteigen genauso lange wie ich für das Einsteigen. Nur dass ich dabei noch einen Rollstuhl verlade. Dann schlurfte er an seinem Auto entlang, hielt sich an der Dachreling fest und holte einen Gehwagen aus dem Kofferraum.

Ich kenne inzwischen etliche Leute (Kristina, Nadine, Britta, ...), die auch die paar Schritte zum Kofferraum oder Laderaum (so nennt man es ja beim Kombi) gehen, um dann dort ihren Rollstuhl auszuladen. Die halten sich zum Teil auch an der Dachreling fest. Nur haben die alle ein umgebautes Fahrzeug, das sie mit den Händen fahren. Damit sie dann, wenn es darauf ankommt, auch sicher bremsen und ausweichen können. Was dieser alte Mann mit Sicherheit nicht könnte. Nicht wegen seines Alters, sondern wegen seiner körperlichen Einschränkungen. Wenn ich darüber nachdenke, was für einen (aus meiner Sicht berechtigten) Aufriss man (nicht nur bei mir) gemacht hat, damit man als Rollstuhlfahrer ein Auto fahren darf, will es mir nicht in den Kopf, warum es für ältere Menschen nicht wenigstens eine körperliche Pflichtuntersuchung gibt. Einmal mit 60, mit 70, mit 75, 80 und dann alle 2 Jahre. Zum Beispiel. Ich wäre dafür.

Zurück in der WG, fällt mir Cathleen um den Hals. Umarmt mich, drückt mich, knutscht mich ab, so stürmisch, dass wir uns, nur noch auf den linken Rädern stehend, fast auf die Nase gelegt hätten. Eine Zwei in Deutsch war der Auslöser. Oder vielmehr, dass sie früher immer mit Glück eine Vierminus bekommen hat. Bis wir zusammen geübt haben. Darüber habe ich mich doch sehr gefreut.

Und dann in meinem Zimmer: Acht Anrufe in Abwesenheit auf meinem Festnetztelefon. Mit Nachrichten. Ich hörte den AB ab. 1. Tatjana: Schwimmen fällt aus. Scheiße. 2. Jan: Schwimmen fällt aus. Er vermisst mich so. Ob wir uns am Freitag sehen? Wie süß, endlich meldet er sich mal. 3. Meine Hausärztin: Ich möge sie mal bitte zurückrufen. 4. Frau Bummel: Ich möge sie mal bitte zurückrufen. 5. Frau Bummel: Ich möge sie mal bitte zurückrufen, wenn ich aus der Schule wieder da bin. 6. Frau Bummel: Ich müsste doch schon lange wieder da sein. Wo ich denn bleibe. 7. Frau Bummel: Sie mache sich Sorgen, ich möge mich dringend melden. 8. Frau Bummel: Aufgelegt. Meine Fresse.

Also habe ich als erstes bei Frau Bummel zurückgebummelt, äh -gebimmelt. Ob ich nicht die Mittagszeiten kennen würde? Ey hallo?! Ich dachte, es sei dringend. Und auf meinem Handy hat sie übrigens nicht versucht. Sie wollte mir nur sagen, dass sie beim Gericht nachgefragt hat wegen meines Vermögensverzeichnisses. Es müsste doch eins angelegt werden, da der Rechtsanwalt nur die Gelder aus dem Unfall betreut. "Da müssen Sie wohl doch eine Inventur machen", scherzte sie. Sehr witzig. Ich werde hier nicht meine Filzstifte zählen. Und auch nicht meine Büroklammern. Die spinnen doch. Ich habe das erstmal so zur Kenntnis genommen, werde nun aber selbst beim Gericht nachfragen, was genau da aufgeführt werden muss. Nur leider konnte ich noch keinen erreichen.

Und was wollte meine Hausärztin? Ich wurde gleich durchgestellt. Eine Frau Bummel habe sie angerufen und ihr Dokumente gefaxt. Was denn da los sei. Ich erzählte ihr kurz, was los ist. Frau Bummel wollte Informationen über Medikamente, Therapien und Arztbesuche. Für ihre Akte. Meine Ärztin hat gesagt, dass sie schriftlich anfragen soll, mündlich bekomme sie gar keine Informationen. Daraufhin habe ich gesagt: "Schriftlich auch nicht. Das möchte ich nicht." - "Das ist Ihr gutes Recht. Genau deswegen rufe ich an. Ich werde also schreiben, dass die Patientin mich nicht von der Schweigepflicht entbunden hat, so dass ich keinerlei Auskünfte erteilen kann."

Ich wollte wissen, woher sie überhaupt die Information hat, dass sie meine Hausärztin ist. Von der Unfallkasse! Frau Bummel habe zu meiner Hausärztin gesagt, ihr liege auch mein Gutachten über die Erwerbsfähigkeit und Schwerbehinderung sowie den Pflegebedarf vor. Laut Frank dürfe sie das bekommen, nur fragen wir uns alle, was sie damit vorhat. Die Frau ist mir ein wenig zu eifrig unterwegs in ihrem Ehrenamt.

Es blieb mir gerade noch Zeit zum Mittagessen, dann musste ich auch schon wieder los zur Physio. Nicht die KG, die ich ein- bis zwei Mal pro Woche für 20 Minuten in einer privaten Praxis habe, sondern der einmal wöchentliche Mega-Termin im Krankenhaus, mit Krafttraining und anschließender Einzelstunde. Krafttraining und Physiotherapie müssen ja sein, da beim Rollstuhlfahren der Körper ja nur einseitig belastet wird. Normalerweise bekomme ich auch noch eine Massage des Schulter-Nacken-Bereichs, so dass ich insgesamt locker zwei bis zweieinhalb Stunden beschäftigt bin. Aber heute erwartete mich ja Ronja und ich wollte erstmal schauen, wie lange ich es mit ihr aushalte, und danach, ob sie massieren kann.

Beim Gerätetraining sah ich sie noch nicht, da laufen Sporttherapeuten herum, aber danach fuhr ich in den Behandlungsraum (ein riesiger Raum, den man durch Vorhänge sechsfach unterteilen kann). Der komplette Raum ist zu meinem Termin meistens nur mit mir belegt. So war es auch heute. Ronja kam reingetorkelt, sie hatte ganz offensichtlich eine Gehbehinderung. Sie schloss die Tür hinter sich, aber nicht richtig, so dass sie, sobald sie drei Schritte weg war, sich langsam wieder öffnete. "Huch? Hab ich die nicht richtig zu gemacht?" Sie wackelte noch einmal dorthin, schloss die Tür noch einmal, rüttelte am Griff und sagte: "Nun. Nun ist sie zu."

Dann kam sie auf mich zu, streckte mir ihre Hand aus und sagte: "Wollen wir 'Du' sagen? Ich heiß Ronja." - "Ja gerne, ich bin Jule." - "Jule kann ich mir gut merken. Achso übrigens, hast du bestimmt schon gemerkt, ich habe auch eine Behinderung. Ich versuche immer, laut und deutlich zu reden, aber wenn ich zu doll nuschel, musst du einfach nachfragen. Das nehm ich dir nicht übel." - "Okay." - "Achso und ich laufe bißchen komisch. Das ist bei mir aber normal, da musst du gar nicht drauf achten." Das wird mir schwerfallen, weil es sehr offensichtlich ist und man im ersten Moment denken würde, sie ist beschwipst.

"So als erstes müssen wir das mit der Unterschrift machen." Sie hatte meine Karteikarte in der Hand, faltete sie auf und hinaus fielen erstmal jede Menge loser Blätter. "Huch, was ist das denn alles." Sie legte die Karteikarte auf die Liege, sammelte die ganzen Blätter wieder vom Boden, konnte sich dabei aber nur mühsam auf den Beinen halten. Ich hatte Angst, sie würde jeden Moment umfallen. Aber sie fiel nicht um. Dann holte sie einen Kugelschreiber von der Fensterbank und trug das Datum ein. Sie malte die Ziffern quasi. Aber es war richtig. "So. Ein Autogramm bitte."

Dann fing sie an, meine Diagnose auf der Karteikarte zu suchen. Sie stand oben drauf, ich sah sie überkopf und auf weite Entfernung, sie suchte. Ich dachte mir: Das kann sie alleine. Ob das heute noch was wird mit der Therapie, ist eine andere Frage, wenn das so weitergeht, aber ich werde ihr nicht dazwischenfunken. "Bin ich blind?" Sie suchte. "Ach da. Herrje! Fett oben drauf. Inkomplett, ja toll, was heißt das jetzt? Das kann ja nun alles mögliche bedeuten." Recht hat sie. Sinnvollerweise hätte man zumindest die motorischen und sensiblen Restfunktionen angeben können. Ich bin mir sicher, irgendwo in den ganzen Zetteln, die sie runtergeworfen und wieder aufgesammelt hat, steht das auch, aber sie hatte die zündende Idee: "Ich probier das aus. Setz dich mal bitte um auf die Liege, möglichst weit an den Rand, Beine mal locker runterhängen lassen."

Nun war ich mal gespannt. Sie ging vor mir in die Hocke, wieder alles sehr wackelig, drückte an meinen Füßen herum. "Spürst du das? Und das? Das? Oder das? Das hier? Drück mal gegen meine Hand, fester, nach innen, nach außen, geht nicht? Mit Unterstützung? Mal den Arm hierher und mal in der Hüfte drehen? Nein so! Ich stoß dich mal an, nicht erschrecken..." Dann stellte sie sich hinter mich. "Ich zieh deinen Rumpf nach hinten, halt dich mal fest, keine Angst, ich halte dich, oh, da zittern aber paar Bauchmuskeln. Bis L 1 ist alles 5, L 2 ist links stärker, aber höchstens 2, rechts ist 1, L 3 ist auch links 1. Das muss ich mir aufschreiben." Was für ein Salat! Sie nahm wieder meine Karteikarte und fing an zu malen. Mühsam zeichnete sie.

Dann sollte ich mich hinlegen, auf den Rücken. Sie fuhr die elektrische Liege nach unten. "Ich bewege deine Beine durch." Als sie mir die Knie auf die Brust drückte und sich mit ihrem Gewicht auf mich lehnte, kam, was immer kommt und was ich schon erwartet hatte und was immer passiert, wenn man den unteren Bauchraum zusammendrückt. Und was Querschnitte nicht unter Kontrolle haben. Pups! Schön laut und deutlich. Sie verzog keine Miene, sondern fragte, bevor ich etwas sagen konnte: "Klappt das bei dir gut mit der Verdauung? Wenn du mal einen Bauchmassage brauchst, ruf einfach kurz an und komm vorbei." - "Entschuldigung", sagte ich. - "Nee, du brauchst dich nicht entschuldigen. Das passiert ja ganz von alleine!" sagte sie.

"Peinlich ist es aber trotzdem, vor allem, wenn die Leute um einen herum nicht wissen, dass man es nicht aus Respektlosigkeit macht, sondern weil man keine Kontrolle darüber hat." - "Das stimmt. Ich bin froh, dass ich es mir verkneifen kann, wenn das gerade nicht passt." Es stimmte. Sie ist wirklich sehr einfach gestrickt, aber sehr direkt und ehrlich. Und das muss nicht mal negativ sein, wenn man weiß, dass sie es nicht negativ meint.

"Wo hast du eigentlich deine Ausbildung gemacht?" fragte ich sie.

"Ich war erst auf einer Sonderschule für motorische Entwicklung und habe dort meinen Hauptschulabschluss gemacht. Dann habe ich zwei Jahre Ausbildung gemacht in der Krankenpflege in einer Wohneinrichtung für Behinderte und dann war ich in Eppendorf an der Physioschule. Hat aber alles bißchen länger gedauert, ich bin schon 24. Aber jetzt bin ich stolz, dass ich das alleine geschafft habe und endlich mein eigenes Geld verdienen kann und vor allem: Das ist mein Traumjob. Das wollte ich schon als kleines Kind machen. Und immer haben alle gesagt: Das schaffst du nicht. Und ich hab es doch geschafft." Irgendwie rührte mich dieser kleine Kampfzwerg. Sie war höchstens 155 cm groß.

Dann musste sie niesen. "Oh, jetzt habe ich mir in die Hände geniest. Ich muss die Hände desinfizieren. Nicht runterfallen, bin gleich wieder da." Will ich das wissen? Sie eierte zum Waschbecken und murmelte vor sich hin: "Auch zwischen den Fingern und den Handrücken waschen. So." Ich grinste in mich hinein.

"Hast du eigentlich auch eine eng anliegende Sporthose?" fragte sie. Ich schaute sie fragend an. "Weil ... da sieht man die Beine besser. Ob das alles gerade ist und ob irgendwo was zuckt. Bei den weiten Hosen sieht man das nicht und da verheddert man sich auch gerne mal drin." Ich hatte eine normale Sporthose an.

"Soll ich lieber in knack-engen pinken Leggings zur Physio kommen?" fragte ich sie grinsend. Aber sie verstand die Anspielung nicht, sondern antwortete: "Nicht so, dass es abschnürt, aber eng wäre schon gut. Die Farbe ist egal. Oder kurze Hosen, wenn es warm genug ist. Oben hast du ja schon was enges an."

Sie fragte mich, ob ich noch Metall im Rücken hätte und wenn ja, wo. Dann musste ich auf dem Bauch liegen, den Oberkörper über einem nach unten geklappten Teil der Liege in der Luft halten und die Arme auch noch komisch verknoten. Das zwiebelte! "Weiter atmen. Und halten, halten, halten, noch 5, 4, 3, 2 und langsam wieder absenken. Und dann nochmal mit einer Hand hinter dem Kopf." Die ganzen Übungen kannte ich noch nicht. Ich hoffte, dass sie wusste, was sie tut. Aber ich hatte keinen Grund, vom Gegenteil auszugehen. Ich vertraute ihr.

Dann sollte ich im Vierfüßlerstand auf der Liege stehen. Sie wusste genau, wo ich Hilfe brauchte. Sie hielt seitlich meine Hüften fest und schob meinen Hintern hoch, dann stellte sie aber meine Knie so hin, dass ich mich alleine halten konnte. Nun korrigierte sie die linke, aufstützende Hand und den rechten Arm sollte ich nach vorne strecken. "Weiter nach unten gucken! Und jetzt das Becken und den Rumpf in gerader Position halten. Nicht zur Seite von der Liege kippen." Was hatte sie vor? Sie hob vorsichtig mein linkes Knie an und drückte es nach außen, so dass die linke Seite des Beckens mit nach unten ging. "Halt dich gerade! Das Becken muss gerade bleiben!" Ich spannte Bauchmuskeln an, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte. Das war grenzwertig. Ich spürte ein leichtes Zittern. Und ich spürte noch etwas ganz anderes. Diese Übung schien sofort meine Blase zur Entleerung zu animieren. Keine Chance, das zu kontrollieren. Ich merkte, wie die Suppe zur Abwechslung mal nach vorne lief und hoffte nur, dass meine Pampers durch das Geturne nicht zu locker saß. Vier Mal machten wir die Übung, dann nochmal seitenverkehrt, dann durfte ich mich wieder hinlegen. Mit der vollgesogenen Pampers. Lecker! Ich betete innerlich, dass es nicht noch eine sichtbare Schweinerei gibt.

Sie zog ihr Programm knallhart durch. Ich glaube, das war die anstrengendste Physiostunde, die ich je in meinem Leben hatte. Aber sie war gut. Ronja wirkt zwar sehr tollpatschig und auf den ersten Blick auch nicht sehr intelligent, aber sie hat einen echt guten Job gemacht. Ich fragte sie, wie das bei ihr mit Massagen ist, und zwar nicht für den Bauch, sondern für den Schulter-Nacken-Bereich. "Ja, im Terminbuch steht, dass das jetzt noch dran ist." Ich hatte keine Uhr in Sichtweite. Ich machte mich obenrum nackig, legte mich auf den Bauch, bekam das obligatorische Handtuch untergelegt, aber auch eine Wolldecke auf die Beine. Damit ich nicht friere! Das kannte ich so noch nicht. Im ersten Moment dachte ich, es sei übertrieben, später fand ich das aber angenehmer so.

"Bißchen Glibber in die Hände", sagte sie und lachte. "Vorsicht, der Glibber ist kalt." Sie fing mit ihren Fingerkuppen an. Sie streichelte eher. Oder verteilte sie den "Glibber", wie sie es nannte? Das ging eine ganze Zeit so weiter und ich dachte schon: "Okay, massieren kann sie nicht." Aber dann ging es los. Alte Socke! Kampfzwerg! Hatte die eine Kraft in den Fingern! Ich musste mich teilweise beherrschen, ruhig weiter zu atmen und nicht die Luft anzuhalten. Es knackte mehrmals in ihren Händen. "Wenn es zu feste ist, musst du Bescheid sagen." - "Nee nee, alles gut so." Ich hatte das Gefühl, sie musste jeden einzelnen Muskelstrang einmal unter oder zwischen die Finger kriegen. - "Der hier oben, der obere Tapez ... äh Trapezius ... ich sag immer Tapezius, weil ich immer an Tapezieren denken muss ... der ist richtig verspannt. Da müssen wir nächstes Mal auch noch was dran machen." Den hatte meine bisherige Physiotherapeutin noch nie bearbeitet. Zumindest nicht so. Es fühlte sich an, als wenn sie mir von hinten in den Hals kniff und mir die Haut abzog. Ob das mit dem Tapezieren eine Eselsbrücke war, mit der sie sich die Namen merkte? Möglich wäre es. Ich musste schmunzeln.

Ich merkte, wie sich leise die Tür öffnete und schloss und jemand reinkam. Da ich mit dem Gesicht in Richtung Boden lag, konnte ich nichts sehen. Es war die Sporttherapeutin vom Krafttraining. Sie sagte zu Ronja: "Dein nächster Termin hat gerade abgesagt. Hat unerträgliche Kopfschmerzen." - "Oh, das ist blöd."

Ich scherzte: "Dann kannst du ja noch eine Stunde länger massieren." Die Sporttherapeutin antwortete: "Ja, das macht sie gut, oder? Ich hab mich auch schon durchkneten lassen." Ronja erwiderte: "Ne Stunde massieren mach ich nicht, aber wir können noch eine Stunde schwimmen gehen, wenn du noch Energie hast. Mit der anderen Patientin hätte ich KG im Wasser gehabt."

Nein, ich war ja vorher schon an den Geräten, man muss es auch nicht übertreiben. Aber ich würde schon gerne auch mal wieder Physio im Wasser machen. "Wollen wir nächste Woche ins Wasser? Dann bringe ich meine Badesachen mit", sagte ich. Machen wir so.

Ich fasse zusammen: Wenn ich mir das jetzt aussuchen könnte, ob ich Ronja haben möchte oder meine bisherige - im Moment würde ich mich klar für Ronja entscheiden. Auch wenn ihr Auftreten gewöhnungsbedürftig ist und ich glaube, dass sie in einer privaten Praxis unfairerweise kaum eine Chance hätte, einen Job zu finden. Es bleibt dabei: Sie hat einen sehr guten Job gemacht.

Lang ist er mal wieder geworden, der heutige Blog-Eintrag. Kürzlich wurde ich angesprochen, ob ich die wörtliche Rede vor Ort mitschreiben würde. Ich finde es immer sehr interessant, was meine Leser denken, darum animiere ich ja auch immer wieder, Kommentare zu hinterlassen.

Aber nein, ich schreibe nicht mit. Ich kann mir Gesprächsverläufe und überhaupt Wörter und Abfolgen sehr gut merken. Im Gegensatz zu Gesichtern, Namen und Bildern. Es ist auch nicht so, dass die wörtliche Rede immer 1:1 stimmt. Sie stimmt nur vom Sinn her. Jemand sagt: "Ich bitte um Entschuldigung, ich bin 20 Minuten zu spät." Dann kann hinterher bei mir durchaus stehen: "Sorry für meine Verspätung." Oder: "Tut mir leid, ich habe es leider nicht pünktlich geschafft." Oder ähnliches. Akzeptiert?

Dienstag, 5. Januar 2010

Vieles neu im neuen Jahr

Ich bin schon wieder voll im Stress. Das neue Jahr ist schon fast gar nicht mehr neu. Heute Statistik-Klausur, morgen Chemie und Donnerstag noch Bio. Die zählen alle noch für das alte Halbjahr.

Seit heute ist Sandra auch wieder in der Schule. Sie bekommt nach diesem Theater eine neue, eine letzte Chance. Sie musste sich bei mir entschuldigen, tat das eher widerwillig, soll sich benehmen. Ich gehe, äh rolle, ihr möglichst nicht über den Weg und hoffe, dass sie irgendwann mal merkt, dass das, was sie getan hat, zu weit gegangen ist.

Gerne würde ich auch Jan mal wieder sehen. Ich hoffe, dass ich wenigstens morgen zum Schwimmen komme. Dieser beschissene Neuschnee! Und diese beschissene Räum-und-Streu-Moral der meisten Leute! Sagenhaft.

Wenigstens funktioniert mein Internet wieder. Nachdem wohl irgendein Scherzkeks den Straßenkasten gesprengt hatte, waren ISDN und DSL über den Jahreswechsel und das Wochenende lahmgelegt. Vielleicht musste aber auch nur ein neuer Chip eingebaut werden, weil der alte "2010" nicht verstand. Wie der auf meiner Bankkarte...

Es gibt noch etwas neues: Ich bekomme eine neue Physiotherapeutin. Meine bisherige hat zum Jahreswechsel aufgehört ohne mir vorher ein Sterbenswörtchen zu sagen. Wie finde ich denn so etwas? Bei der neuen habe ich morgen einen Termin. Ich bin äußerst gespannt, denn Ronja (Räubertochter?) hat, so erfuhr ich schon aus Insider-Kreisen, selbst eine leichte körperliche und auch eine leichte kognitive Einschränkung.

Jana war bereits bei ihr heute, sie musste mich gleich danach anrufen. Sie sagte, im ersten Moment habe sie geschluckt. Sie torkelt ein bißchen beim Gehen, habe eine etwas unvorteilhafte Frisur und einen ebenso unvorteilhaften Gesichtsausdruck, bemühe sich zwar, laut und deutlich zu reden, klinge dabei aber wie mit einer Kartoffel im Mund, ihr Niveau sei relativ einfach, sie habe angeblich "nur" einen Hauptschulabschluss, aber, und nun kommt es und deswegen bin ich äußerst gespannt: Sie habe mit ganz viel Fleiß in fast doppelter Ausbildungszeit mit Unterstützung des Arbeitsamtes ihre Ausbildung abgeschlossen und eine Zulassung als Physiotherapeutin. Ich weiß nicht, wie man das ohne mittlere Reife schafft und welche kognitiven Einschränkungen sie wirklich hat, aber wenn das alles so stimmt: Hut ab!

Jana meinte jedenfalls, dass sie keinen Grund hätte, gleich zu wechseln. Das ist doch mal was.

Montag, 4. Januar 2010

Ich gehe mit meiner Laterne

... und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir. Ich trag mein Licht und fürcht' mich nicht, la bimmel, la bammel, la bumm.

So habe ich es im Kindergarten gelernt. Man könnte jetzt über den tieferen Sinn und über Parallelen im Leben, in meinem Leben, nachdenken und würde bestimmt irgendetwas finden. Ganz bestimmt.

In diesem Moment finde ich es allerdings lediglich schade, dass es am Ende nicht "la bummel" heißt. Denn "Bummel" heißt mein neuer vorläufiger weiblicher Vormund. Kein Scherz. Und der Name ist auch keineswegs Programm, dazu aber später mehr.

Erstmal muss ich erwähnen, dass es sich um eine etwa 1,80 Meter große Frau Mitte 30 handelt, die einen blonden Igelhaarschnitt trägt und eine Stimme hat, dass ich sie nicht brüllen hören möchte. Bezogen auf den Körperbau könnte man annehmen, sie sei Zehnkämpferin. Sie sagte, sie führe ehrenamtlich mehrere Betreuungen, jedoch noch keine Vormundschaft. Sie wohne mit ihrem Onkel zusammen in einem Haus im Hamburger Stadtteil Harburg, mit ihr vier Pflegekinder. Ein Pflegekind sei 14 Jahre alt und habe Spina bifida, eine angeborene Querschnittlähmung.

Das Gericht, eine Richterin, vermutlich um die 60 Jahre alt, stellte kaum Fragen, sondern wollte von meinem Vater wissen, wie er sich seine Zukunft mit mir vorstelle. Er antwortete, dass er keinen Bock darauf habe, sich für alles ständig rechtfertigen zu müssen. Die Richterin las ein Gutachten vor und fand, dass meine Mutter zur Zeit nicht für mich sorgen könne. Da ich erst 17 sei und es augenscheinlich niemanden gäbe, der für mich sorgen würde, auch nicht ein bißchen, so dass man es ergänzen könnte, müsste ich vorläufig einen Vormund bekommen. Ob ich jemanden vorschlagen wollte.

Da es innerhalb meiner Familie niemanden gab, der dafür in Frage käme, hätte ich am liebsten den Rechtsanwalt vorgeschlagen, der auch mein Geld aus dem Unfall betreut. Der hatte aber abgelehnt, er sei zu beschäftigt. Entsprechend wurde das Jugendamt beauftragt, jemanden zu benennen und die zauberten auch gleich die Frau Bummel aus dem Hut. Ja, sie heißt wirklich so! Mein Anwalt hatte schon vorher schriftlich beantragt, einige inhaltliche Dinge festzuschreiben. Dass ich weiter in der WG wohnen darf, dass ich weiter die Schule besuchen darf und dass ich weiterhin meinen Sport und meine Therapien machen soll. Die Richterin legte diese Dinge so fest. Ebenso, dass die Vermögensdinge bei diesem Rechtsanwalt bleiben.

Frank sagte, dass er die Frage, ob ich weiterhin Auto fahren darf, lieber nicht stellen möchte. Solange niemand darüber stolpert, sollte man keine schlafenden Hunde wecken.

Diese Entscheidung gilt vorläufig für zunächst drei Monate. Während dieser Zeit wurde meinem Vater auch verboten, Kontakt zu mir aufzunehmen. Das heißt, lediglich ich dürfte ihn anrufen, aber nicht umgekehrt. Kontakt zu mir soll nur über das Jugendamt laufen. In drei Monaten, also Anfang April, will man das eventuell noch einmal verlängern. Danach darf man nicht mehr verlängern, sondern es müsste ein länger gültiger Beschluss gefasst werden mit Gutachten und großem Aufwand, das will man aber wohl umgehen, da das dann nur noch für wenige Wochen gelten würde, bevor ich 18 bin.

Zurück zu Frau Bummel: Sie wollte als erstes zu mir mit in die WG. Jeder andere hätte gesagt: "Ich möchte mir mal ein Bild von Ihrer Wohnsituation machen." Frau Bummel sagte: "Ich möchte Ihre Unterkunft mal in Augenschein nehmen." Ja nee, is klar.

Spricht ja auch nichts dagegen, sie ist ja nun offiziell für mich zuständig. Sie verlangte nun, einen Schlüssel für die Wohnungstür und für mein Zimmer (das ist derselbe) zu bekommen. Außerdem möchte sie, dass ich mein Handy für eine Ortung freischalte, so dass sie jederzeit sehen kann, wo ich bin. "Die Kosten hierfür sind aus dem Mündelvermögen zu begleichen." So redet sie.

Es geht noch weiter: Über eben dieses Mündelvermögen müsste sie ein Verzeichnis anlegen. Ich sollte ihr eine detaillierte Aufstellung über alles geben, was mir gehöre. Jede CD, jeder Kugelschreiber, jede Unterhose. Ich habe geantwortet: "Für solchen Mist habe ich keine Zeit. Ich muss für die Schule lernen." Daraufhin sagte sie: "Dann machen wir das zusammen. Das Gericht schreibt es vor."

Irgendwas skurriles wollte sie noch. Das habe ich vergessen. Und dann: Es könnte sein, dass sie ihren Onkel vorbeischickt, wenn sie mal keine Zeit hätte und dringend etwas mit mir geklärt werden müsste.

Frank rollte durch die offene Tür in mein Zimmer. "Na, alles klar?" - "Sag mal, kennst du dich mit diesem Vermögensverzeichnis aus? Frau Bammel sagt, es müsste jeder Kugelschreiber benannt werden." - "Wieso, für dein Vermögen ist doch der Rechtsanwalt weiter zuständig?! Und alles, was hier an Kleinteilen rumliegt, ist kein Vermögen, sondern das sind Haushaltsgegenstände im üblichen Rahmen."

Frau Bammel antwortete nicht. Ich fragte weiter: "Und was ist mit einem Schlüssel für die WG und mein Zimmer?" - "Wofür brauchen Sie den denn?" fragte Frank. Sie blickte ihn genervt an und antwortete: "Es könnte ja mal was sein, ein Notfall. Und sie ist alleine zu Hause."

Irgendwie hat Frank auf alles eine Antwort parat: "Dann rufen Sie einen Schlüsseldienst und lassen Ihr Mündel das bezahlen. Ganz einfach. Und wenn kein Notfall ist, können Sie klingeln. Oder finden Sie nicht? Hier wohnen ja schließlich auch noch andere Leute, die sich ängstigen, wenn plötzlich wildfremde Leute vor ihnen in der Wohnung stehen."

"Dann wäre da auch noch die Handyortung", fuhr ich fort. Wenn schon, denn schon. - "Die elektronische Fußfessel darf im Strafvollzug nur mit Zustimmung des Betroffenen angewendet werden. Wie sieht es aus, Julia, stimmst du zu?"

Ich wollte sie nicht unnötig reizen, sondern ernsthaft antworten: "Ich denke, dass Sie mich anrufen können, wenn Sie etwas von mir wollen. Meine Handynummer haben Sie ja. Ich mache keinen Blödsinn, ich mache nichts Verbotenes. Aber rund um die Uhr abfragen wo ich bin? Das geht mir zu weit." - "Ich muss jederzeit wissen, wo Sie sind." - "Ja, dann rufen Sie mich an, wenn Sie es wissen müssen, dann sage ich es Ihnen."

Am Ende hat sie es geschluckt. Und ist abgedampft. Ohne Vermögensverzeichnis, ohne Schlüssel und ohne Freischaltung zur Handyortung.

Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir. Ich trag mein Licht und fürcht' mich nicht, la bimmel, la bammel, la bummel.

Wahnsinn.