Donnerstag, 31. Dezember 2009

Beinahe schon fast vorbei

Es ist ja schon vorbei, das Jahr 2009! Fast vorbei. Beinahe. In ein paar Stunden.

Nein, nicht schon wieder ein Blog-Resümee. Das hatten wir gerade erst.

Gerade erst? Nein, es war zum 100. Beitrag. Und dieses hier ist schon der 150. Wahnsinn. Das hätte ich nicht gedacht, als ich mich hier registriert habe. Und über 17.000 Mal wurde er inzwischen angeklickt. Danke, liebe Leserinnen und Leser.

Es sind wirklich 150, auch wenn nur 147 angezeigt werden. Die drei verschwundenen wären fast gar nicht aufgefallen, wenn ich es nicht erwähnt hätte. Warum sie weg sind, erwähne ich heute mal nicht.

Wozu denn eigentlich dieses heutige Posting? Na, ist doch klar: Um meinen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch zu wünschen!

Also dann: Guten Rutsch!

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Herr Pampe und sein Boss

Ich habe wirklich die Nacht kaum geschlafen. Vielleicht zwei Stunden. Wenn ich daran denke, wie mühevoll ich mir meinen Führerschein "erarbeitet" habe während meines Klinik-Aufenthaltes, mit Gutachten von der Klinik und Fahrprobe mit dem TÜV und MPU (Idiotentest) und Hilfsmittelberatung und Fahrstunden und theoretischer und praktischer Prüfung und Ausnahmegenehmigung vom Mindestalter und Ausnahmegenehmigung für das Parken und Steuerbefreiung und TÜV-Abnahme für den Umbau und ... jetzt schickt mein Vater ein Fax zur Führerscheinstelle und alles war vergeblich? Zumindest bis ich 18 bin?

Was wäre ich ohne Frank, der mit mir heute morgen zur Führerscheinstelle gefahren ist. 95 Sperrungen, Umleitungen, als wir endlich ankamen, war der Sachbearbeiter beim Frühstück. Also erstmal warten.

Nach einer Viertelstunde durften wir rein. Wir stellten uns vor, er fragte mich, ob ich meinen Führerschein dabei hätte. "Der liegt bei der Polizei." - "Sehr gut, dann waren die ja mal richtig fix."

Frank hakte gleich ein: "Was ist daran sehr gut? Das ist sehr schlecht für meine Mandantin. Sie kommt nämlich jetzt nicht mehr zur Schule." - "Ja, das ist hart, aber es steht eindeutig im Gesetz, für Ausnahmen vom Mindestalter ist die Zustimmung des gesetzlichen Vertreters erforderlich. Und der hat sie widerrufen. Widerrufene Zustimmung heißt keine Ausnahme, keine Ausnahme heißt kein Führerschein unter 18. Da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen, da müssten Sie vielleicht erstmal mit dem Vater reden, der wird ja Gründe haben, warum er Ihnen die Zustimmung wieder entzieht."

"Was mich jetzt interessiert", sagte Frank, "ist: Die Ausnahmegenehmigung wurde nur deshalb widerrufen, weil der Vater seine Zustimmung zurückgezogen hat?" - "Das ist als Grund völlig ausreichend", antwortete der Mitarbeiter.

"Das steht außer Frage. Meine Frage war, ob es der einzige Grund war für den Widerruf." - "Das reicht als Grund aus, Sie brauchen nicht zwei oder drei Gründe, Rücknahme der Zustimmung des gesetzlichen Vertreters reicht aus, um die ganze Ausnahmegenehmigung zu widerrufen." - "Okay. Hatten Sie im Fall meiner Mandantin diesen einen ausreichenden Grund oder gab es noch weitere Gründe darüber hinaus, die in Ihre Entscheidung eingeflossen sind?" - "Das hatte ich nicht zu prüfen, weil, wie gesagt, der eine Grund ausreicht."

"Gut. 'Nicht geprüft' heißt also: Der Widerruf der Ausnahmegenehmigung stützt sich zur Zeit ausschließlich auf das zurückgenommene Einverständnis des Vaters. Richtig so?" - "Kann man so sagen." - "Also richtig so. Das ist nämlich sehr wichtig. Der Vater hat zwar seine Zustimmung zurückgenommen, hatte aber bereits zu dem Zeitpunkt, als er Ihrer Behörde erklärt hat, dass er die Zustimmung zurücknimmt, kein Sorgerecht mehr. Damit spielt diese Erklärung rechtlich keine Rolle."

"Doch." - "Nein. Bei Erteilung des Bescheides lag das geforderte Einverständnis der gesetzlichen Vertreter vor. Jetzt wurde bestimmt, dass der Vater nicht mehr gesetzlicher Vertreter ist, also kommt es ab dem Zeitpunkt, wo der Vater dieses Recht verliert, nicht mehr auf sein Einverständnis an. Es heißt: Das Einverständnis der gesetzlichen Vertreter muss vorliegen. Er ist aber nicht mehr gesetzlicher Vertreter. Also muss sein Einverständnis auch nicht mehr vorliegen. Folglich ist es völlig egal, was er danach noch alles erklärt."

"Ich nehme an, das haben Sie schriftlich. Das mit dem Sorgerecht." - "Selbstverständlich", sagte Frank.

"Gut, dann formulieren Sie das doch kurz in ein, zwei Absätzen, packen die Dokumente dazu und reichen einen Widerspruch gegen unsere Entscheidung ein. Dann wird das geprüft." - "Dann ist meine Mandantin volljährig. Sie benötigt den Führerschein für ihre Mobilität im Rahmen der Gesundheitssorge und der Schulausbildung. Ich protestiere gegen die sofortige Vollstreckung der Entscheidung ohne vorherige Anhörung der Betroffenen und beantrage, dass der Bescheid vorläufig außer Vollzug gesetzt wird." - "Ja, machen Sie das bitte schriftlich und packen Sie alle erforderlichen Dokumente dabei." - "Das mache ich nicht schriftlich, das erkläre ich Ihnen hiermit mündlich zur Niederschrift." - "Ja, dann gehen Sie bitte in das Gebäude A zum Empfang, die Mitarbeiterin dort nimmt das dann auf." - "Gut. Wer ist Ihr Vorgesetzter?" - "Der ist im Weihnachtsurlaub." - "Ist 'Weihnachtsurlaub' sein Vor- oder Nachname?"

"So, es reicht jetzt", sagte er, öffnete die Tür und machte eine Geste, dass wir den Raum verlassen sollen. "Wer ist der Nächste?" Frank sagte: "Das sind diese 150-Prozentigen, die sich nie eingestehen können, dass sie auch mal einen Fehler machen. Die halten sich für unfehlbar." Ich eierte hinter ihm her. "Und jetzt?" - "Abwarten."

Wir fuhren zum Gebäude A, zur Information. "Zulassung, Führerschein oder Ausnahme?" fragte uns die Dame mit ausländischem Akzent. "Zur Rechtsantragsstelle möchten wir", sagte Frank. "Einen Antrag erklären zur Niederschrift." - "Oh ich weiß nicht, in welcher Sache? Zulassung, Führerschein oder Ausnahme?" - "Führerschein." - "Dann gehen Sie bitte Haus D." - "Nee, Haus D hat uns gerade nach Haus A geschickt, zur Information." - "Ja, aber Führerschein gibt es in Haus D." - "Wir wollen zur Rechtsantragsstelle." - "Antrag auf Fahrerlaubnis können Sie stellen in Haus D bitte. Ich habe hier keine Anträge für Führerschein."

"Gut, wo erreiche ich den Leiter der Behörde?" - "Leiter ist in Weihnachtsurlaub." - "Ach der auch? Der wird ja aber einen Stellvertreter haben für die Zeit. Wo erreiche ich den?" - "Das ist der Herr ..., haben Sie einen Termin?" - "Nein, wo bekomme ich den?" - "In Geschäftszimmer, das ist Raum ..."

Wir mussten einmal quer durch das Gebäude vom Altbau in den Neubau, dort in den Fahrstuhl und oben wieder zurück vom Neubau in den Altbau, um das Geschäftszimmer zu erreichen. Dort hing ein Zettel an der Tür: "Bitte in Zimmer ... melden." Dort angeklopft: "Wir möchten zu Herrn ..." - "Haben Sie einen Termin?" - "Leider nicht." - "Worum geht es denn?" - "Meiner Mandantin wurde der Führerschein weggenommen, so richtig mit Polizei und Sichersetellung und so. Aber nur, weil ein Mitarbeiter der Führerscheinstelle etwas übersehen hat. Kann ja mal vorkommen. Jetzt wollten wir eben mit ihm reden, aber der ist ... sagen wir mal ... sehr pampig. Kann seinen Fehler nicht zugeben und verweist uns auf den schriftlichen Dienstweg. Der dauert aber einige Wochen und meine Mandantin kommt ohne Auto nicht mehr zur Schule und zum Arzt."

"Warten Sie mal, ich frage mal kurz, ob er einen Moment für Sie Zeit hat." Alle Achtung. Sie verschwand, kam kurz danach wieder und sagte: "Kommen Sie bitte mit." Auf dem Schreibtisch lag die Bild-Zeitung. "Ich bin gerade beim Frühstücken, aber das macht nichts, kommen Sie rein, geht das so? Warten Sie, ich schiebe die Stühle eben zur Seite. So. Was kann ich für Sie tun? Ein Führerschein wurde entzogen, habe ich gehört, wegen eines Fehlers unserer Behörde?"

"Ja, meine Mandantin hat vorzeitig vor dem 18. Geburtstag eine Fahrerlaubnis bekommen wegen Ihrer Behinderung und dem Weg zur Schule. Ganz normal, mit MPU, Gutachten, Auflagen, umgebautes Auto, Fahrtenbuch, Einverständnis der Eltern." - "Ich verstehe. Und dann?" - "Mutter und Vater hatten damals gemeinsames Sorgerecht. Inzwischen dreht der Vater ein bißchen am Rad, jetzt kürzlich auch ein bißchen doller, nun wurde ihm das Sorgerecht entzogen. Das gibt es schriftlich." - "Oh jee. Ja." - "Ja, nicht schön, aber das sind nunmal die Fakten. Jetzt hat der Vater aus Frust hierher ein Fax geschickt, gleich nachdem ihm das Sorgerecht entzogen wurde und er eine Kontaktsperre hat, dass er sein Einverständnis für den Führerschein widerruft." - "Oh. Nein. Das ist aber gemein. Ja, manchmal kann man sich in die Menschen nicht reinversetzen." - "Genau. Problem ist jetzt: Ihre Behörde hat daraufhin den Führerschein über die Polizei einziehen lassen. Mit Bescheid und Amtshilfe-Ersuchen und Sicherstellungsprotokoll und und und. Das Ding ist nur: Der Vater war zu dem Zeitpunkt, als er sein Einverständnis zurückgenommen hat, überhaupt nicht mehr gesetzlicher Vertreter. Das heißt: Auf seine Zustimmung ist es in dem Moment schon gar nicht mehr angekommen. Und nur auf diese Rücknahme von dem Einverständnis stützt ihr Mitarbeiter seine Entscheidung. Das hat er mir heute morgen persönlich bestätigt." - "Hm. Wusste er denn zu dem Zeitpunkt, als er das angeordnet hat, dass der Vater kein Sorgerecht mehr hat?"

"Vermutlich nicht. Aber jetzt weiß er es. Er weiß also jetzt auch, dass es für die Anordnung des sofortigen Vollzugs keine Handhabe mehr gibt, vor allem, weil ja auch keine Anhörung stattgefunden hat, bei der diese Dinge ja ans Licht gekommen wären. Dann wäre es ja gar nicht zu der Entscheidung gekommen. Ich verstehe, wenn er darüber jetzt nicht sofort entscheiden will, aber meine Mandantin braucht ihr Auto, nur so funktioniert der ganze Eingliederungsplan, da hängt ja noch eine Menge mehr dran. Ich habe also darum gebeten, dass dieser sofortige Vollzug erstmal außer Kraft gesetzt wird. Sie hat sich ja nichts zu Schulden kommen lassen und führt ihr Fahrtenbuch und hält sich an alle Auflagen und so. Der Mitarbeiter möchte aber, dass wir das normale Widerspruchsverfahren beschreiten. Nur dann ist die Mandantin 18."

"Haben Sie die ganzen Unterlagen mal da? Ich schau mir das mal eben an." Er bekam von Frank die Unterlagen rübergereicht. Dann griff er zum Telefon. "Ja, ... hier. Bearbeiten Sie die Sache Julia ...? Das ist die junge Frau im Rollstuhl. Ja, kommen Sie doch mal bitte in mein Büro. Was? Nein, bitte sofort."

Sehr gut. "Wir versuchen, das mal zu klären. Ich muss natürlich auch erstmal hören, wie sich das aus seiner Sicht darstellt. Kommen Sie denn mit den ganzen Umbauten so zurecht? Ich sehe das manchmal hier auf dem Hof, wenn Leute kommen und hier diesen blauen Parkausweis beantragen. Die sind manchmal so schnell mit ihrem Rollstuhl im Auto, das ist sagenhaft. Ich bewundere das." - "Vielen Dank", sagte ich und lächelte ihn an. Schleim. Dann klopfte es. Herr Pampe kam herein.

Der Leiter wollte die Akte lesen. "Herr ..., setzen Sie mich mal ins Bild. Warum wurde das jetzt angeordnet? Wegen dieses Schreibens hier vom Vater? Seite ...?" fragte er und zeigte ihm die aufgeschlagene Akte. Herr Pampe nickte. Der Leiter erklärte: "Wie ich hier gerade erfahren habe, hatte der Vater zu dem Zeitpunkt kein Sorgerecht mehr. Das ist wohl sowas wie eine Trotzhandlung von ihm." - "Das konnte ich zu dem Zeitpunkt aber nicht wissen." - "Das wirft Ihnen auch niemand vor. Ich muss jetzt nur von Ihnen wissen: Wenn Sie gewusst hätten, dass der Vater kein Sorgerecht mehr hat, hätten Sie dann nach dem Schreiben genauso gehandelt und den Führerschein eingezogen?" - "Natürlich nicht. Das ist ja wie bei einer GmbH. Wenn da der gesetzliche Vertreter ausscheidet, kann der ja auch nichts mehr erklären. Dann gilt nur noch, was die übrigen oder die neuen wollen. Die Mutter ist noch übrig, und die hat den Widerruf nicht mitunterschrieben, also würde ich davon ausgehen, dass die weiterhin einverstanden ist."

"Genau so machen wir das", sagte der Leiter. "Machen Sie bitte gleich mal so ein Ding fertig, äh, dass wir den Kram hier zurücknehmen nach 48 und dann Ihre Vorschriften mit dazu. Das andere Ding da wird ausgesetzt, ergibt sich ja logisch. Begründung: Unsere Behörde hat inzwischen von Tatsachen Kenntnis erhalten, die blablabla. Schreiben Sie rein, war nicht mehr vertretungsberechtigt. War der Behörde nicht angezeigt worden. Äh schreiben Sie mit rein: Der zu Unrecht eingezogene Führerschein wird der Betroffenen wieder ausgehändigt. Irgendwie sowas. Fummeln Sie das mal eben zurecht. Belehrung nicht vergessen. Und dann bringen Sie das hierher zur Unterschrift bitte. Das muss ich unterschreiben." - "Und was mache ich mit dem Vater? In Kopie?" - "Nix! Das heften Sie zur Akte, schreiben einen Vermerk zu der Seite mit diesem Bescheid hier und dann nix weiter. Wenn er nachfragt, soll er erstmal nachweisen, dass er vertretungsberechtigt ist. Keine Auskünfte an Unberechtigte."

"Dankeschön", sagte Frank.

"Achso, wenn Sie nochmal einen Moment draußen warten würden", sagte er zu uns. Wir rollten nach draußen, er schloss die Tür. Durch die Tür war aber alles zu verstehen, da er direkt dahinter stand. "Herr ..., was ist denn da drüben los bei Ihnen, haben Sie da so viel zu tun oder was? Sie können doch nicht die Leute auf das Widerspruchsverfahren verweisen. Das Mädel fährt hier mit einem Anwalt auf. Das zahlen wir am Ende alles! Sie müssen doch damit rechnen, dass das nach hinten losgeht, gerade wenn Sie wissen, dass Sie falsch entschieden haben, weil Sie nicht alle Fakten kannten. Es verlangt ja niemand von Ihnen, dass Sie alle Fakten kennen, aber wenn Sie das merken, dann ... ein bißchen mehr Fingerspitzengefühl. Gerade bei Behinderten! Überlegen Sie mal, wie schnell daraus eine Show wird! Bild-Zeitung, fette Überschrift: Behinderter Frau wird Führerschein weggenommen von der bösen Behörde. Ihr Anwalt wurde abgewimmelt. Jetzt stellt sich raus: Alles ein Irrtum! Und dann eine rührige Geschichte. Und wir mittendrin als Deppen der Nation und ich oder Herr ... machen hier auf Elefant im Sand."

"Ich habe es verstanden. Ich schreibe eben den Bescheid." Er kam aus der Tür und stampfte ohne ein Wort an uns vorbei. Der Leiter kam nochmal raus. "Wenn der Kollege das fertig geschrieben hat, bekommen Sie Ihren Führerschein wieder ausgehändigt. Ich wünsche Ihnen allzeit gute Fahrt." - "Vielen Dank." sagte ich.

"Darf ich noch eine Frage stellen?" fragte Frank. "Der Vater hat zur Zulassungsstelle den gleichen Blödsinn geschickt. Betrifft die Zulassung des Autos. Gleiche Rechtslage. Die sind noch nicht tätig geworden oder es liegt heute in der Post. Könnten Sie da ..." - "Ich sage dem Kollegen Bescheid, dass er sich mit der Zulassungsstelle hier im Haus kurzschließen soll. Die Unterlagen über das Sorgerecht haben wir ja, das mache ich dann. Sagen Sie ihm gleich noch das Kennzeichen, ja?"

Zwanzig Minuten später kam Herr Pampe wieder, ging ohne uns zu beachten in das Büro, kam mit einer Unterschrift und einem aufgestempeltem Siegelabdruck wieder raus. "Sie dürfen jetzt erstmal ohne Führerschein fahren, müssen aber alle Auflagen genauso beachten. Wenn Sie angehalten werden, sagen Sie, dass Sie im Besitz einer Fahrerlaubnis sind, nur den Führerschein nicht dabei haben. Dann könnte es sein, dass sie verwarnt werden, auch gebührenpflichtig, das leiten Sie dann an mich weiter." - "Der Führerschein liegt noch bei der Polizei. Die haben gesagt, dass die Post erst heute rausgeht. Wir würden jetzt mit dem Bescheid dorthin fahren und den Führerschein wieder abholen." - "Ich glaube nicht, dass das funktioniert, aber Sie können es ja versuchen. Dann sollen die hier kurz anrufen."

Ich war erstmal überglücklich. Bis ich zu Hause ankam. Ich passte gerade den Briefträger ab, der ein Einschreiben für mich hatte. "Stilllegung des Kraftfahrzeuges." Ja super. Dürfte sich aber erledigt haben, werden wir telefonisch mit der Zulassungsstelle klären.

Am Nachmittag fuhr ich mit Frank zur Polizei. Als wir nach dem Beamten verlangten, hieß es, der wäre gerade unterwegs. Aber in etwa 20 Minuten sei er wieder da. Also warteten wir. Als er reinkam und uns sah, kam er auf uns zu und sagte: "Und?" Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. Er guckte mich an: "Nein! Zeigen Sie her." Ich packte den Bescheid aus. "Wahnsinn. Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Wie haben Sie das angestellt? Das ist alles schon fertig geschrieben und eingetütet. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sie hier heute auftauchen. Nun habe ich mir die Arbeit umsonst gemacht. Siehste, Pech gehabt. Ich hol den ganzen Kram mal eben her. Haben Sie das Protokoll von gestern dabei?" Ich nickte. Ich bekam schon einen Schreck, dass er es losgeschickt hat. Aber er hat sein Versprechen gehalten.

Im Zurückkommen riss er einen großen Briefumschlag auf. "Hier, Lotto, guck dir das mal an, alles für die Katz!" sprach er seinen Kollegen an. "Man, man, man. ... und ich gurken gestern zu der jungen Frau im Rollstuhl und nehmen ihr den Führerschein weg. Den Führerschein!! Großes Theater, die Führerscheinstelle ruft hier extra an und mit Fax und hüh und hott und wir gondeln da extra hin und richten da Unheil an, du, und heute war sie mit ihrem Anwalt da und dann schreiben die, April April, alles nur geträumt."

Lotto, der Kollege, rümpfte die Nase. "Na toll." Er nahm seinem Kollegen das Papier aus der Hand. "Das hätten die ja auch mal vorher überprüfen können da, die Klappstühle. Die gehören alle verhaftet. Vor allem sind Sie ja nun den ganzen Tag unterwegs wegen diesem Schwachsinn hier. Wir kriegen die Fehlfahrt ja wenigstens noch bezahlt."

"Ist mir alles egal, Hauptsache, ich habe meinen Führerschein wieder", sagte ich und hätte vor Glück bald geheult. Der Beamte drückte mir den in die Hand. "So, hier. Feierlich zurück. Nicht wieder wegnehmen lassen!" Ich musste noch unterschreiben. Und dann nichts wie nach Hause.

Dienstag, 29. Dezember 2009

Jetzt gehts richtig los

Inzwischen überschlagen sich die Ereignisse. Ich versuche, ein wenig Ordnung reinzubringen. Ich hoffe, ich schreibe das alles richtig und gebe das richtig wieder. Mir raucht immernoch der Kopf.

Am Morgen war die Mitarbeiterin vom Jugendamt bei mir vor der Tür, siehe Beitrag von gestern. Wie wir später erfahren haben, hat die Polizei, die vorgestern bei dieser Aktion hier war, nicht bemerkt oder nicht für besonders wichtig gehalten, dass ich noch minderjährig bin. Das hat mich auch nicht gestört.

Als die Beamten aber meinen Vater besucht haben, um ihm zu erzählen, dass er für die nächsten 14 Tage hier nicht aufzutauchen hat, hat er wohl erwähnt, dass er sich als Vater den Umgang mit seinem Kind nicht verbieten lässt. Woraufhin wohl die Polizei gesagt hat, dass er in Haft genommen wird, wenn er noch einmal bei mir aufkreuzt in den nächsten 14 Tagen. Daraufhin soll er dann gefragt haben, wie er denn für mich sorgen soll, immerhin habe er das Sorgerecht.

Ey, so ein Witzbold. Er kümmert sich wochenlang nicht um mich, und wenn, macht er Blödsinn oder rastet aus, und jetzt ist ihm sein Sorgerecht wichtig. Nun, das führte dazu, dass die Beamten meinen Vater nach meiner Mutter gefragt haben, er denen erzählt hat, dass die im Krankenhaus ist mitsamt der Diagnose und die Polizei daraufhin das Jugendamt hier vorbeigeschickt hat.

Das wäre ja erstmal nicht weiter schlimm. Gleichzeitig scheint diese Situation meinen Vater aber noch auf ganz andere Ideen gebracht haben, die nun langsam echt nicht mehr witzig sind. Um meinen Führerschein frühzeitig zu bekommen, müssen meine Eltern ihre Erlaubnis erteilen. Um ein Auto auf meinen Namen anzumelden ebenso. Um das Auto zu versichern, um hier alleine zu wohnen...

Es war kurz vor zwölf, als schon wieder die Polizei bei mir auf der Matte stand. Ich dachte noch: "Die sind ja fürsorglich. Wollen schon wieder fragen, ob mein Vater aufgetaucht ist..." - Ätsch. Sie legten mir ein Fax von der Führscheinstelle auf den Tisch. Mein Vater hat seine Zustimmung für den Führerschein widerrufen. Das bedeutet: Der Führerschein ist mit sofortiger Wirkung ungültig und wird eingezogen.

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Es begann sich alles zu drehen. Ich habe Frank dazugerufen. Der las sich das durch und meinte: "Das Problem ist die Anordnung der sofortigen Vollstreckung. Selbst wenn man widersprechen würde, hätte das erstmal keine aufschiebende Wirkung. Wer weiß, was der denen erzählt hat." Der Polizist schüttelte den Kopf: "Ist bei solchen Sachen immer so. Wenn die Eltern die Zustimmung zurücknehmen, wird das Ding sofort eingezogen. Das ist schließlich kein Mofa, sondern ein Auto."

Aber Frank lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen: "Moment mal. Die Mutter ist im Moment völlig außen vor. Das heißt, der Vater vertritt die Tochter alleine. Wäre der Vater jetzt verstorben, würde für das Kind ein Vormund bestellt werden. Bis der Vormund bestellt ist, bleiben alle Rechtsgeschäfte, denen die Eltern zu Lebzeiten zugestimmt haben, bestehen, auch solche mit Dauerwirkung. Bis der neue Vormund dem aktiv widerspricht. Falls er das für nötig hält. Oder zwischendrin das Jugendamt bzw. das Gericht das tut. Richtig?"

Der Polizist zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Ich bin kein Jurist. Aber das könnte sein. Nur was soll das? Der Vater ist ja nicht verstorben." - "Das nicht, aber ihm wurde das Sorgerecht entzogen. Damit ist er nicht mehr gesetzlicher Vertreter und damit kann er die Zustimmung nicht zurücknehmen. Die Rücknahme der Zustimmung ist ein Rechtsgeschäft, bei dem er sein Kind vertritt. Das kann er nicht, solange er kein Sorgerecht hat."

Der Polizist blies seine Wangen auf, atmete die Luft durch die gespitzten Lippen aus und sagte: "Bamm badamm bamm, bamm bamm bamm." Er grübelte, grinste, kratzte sich am Kopf und sagte dann: "Ich würde Ihnen ja gerne helfen. Aber wir müssen mal beim Vorgang bleiben. Die Führerscheinstelle hat uns um Amtshilfe gebeten. Wir fahren hierhin, sacken das Ding ein und gut. Ob das jetzt so richtig ist, müssten Sie dann direkt mit der Führerscheinstelle klären. Also am besten gleich im neuen Jahr dorthin fahren mit den Dokumenten vom Gericht, aus denen das hervor geht, dass der Vater zu dem Zeitpunkt nicht mehr gesetzlicher Vertreter war. Und dann am besten auch gleich mit einem neuen Einverständnis des neuen gesetzlichen Vertreters."

"Ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag." - "Nee, jetzt mal im Ernst. Wir können darüber nicht verhandeln. Wir können hier nicht ohne den Führerschein rausgehen."

Frank gab nicht auf: "Okay, das werden wir im Moment nicht verhindern können, aber trotzdem möchte ich noch einen Vorschlag machen. Der ist so gut, den müssen Sie sich bitte noch anhören. Sie haben gesagt, Sie wollen uns gerne helfen." - "Na dann mal los", sagte er, sichtlich genervt von der Laberei.

"Also. Ich bin mir sicher, dass diese Entscheidung sofort widerrufen wird, wenn die Behörde erfährt, dass der Vater nicht mehr vertretungsberechtigt ist. Das kann schon morgen der Fall sein. In der Zeit gondelt aber der Führerschein durch die Behördenpost, wir haben Jahreswechsel, nächste Woche muss sie mit dem Auto schon wieder zur Schule. Ich schlage vor, Sie stellen das Ding jetzt sicher, stellen ein Sicherstellungsprotokoll aus, verwahren den bei sich auf der Dienststelle und ich besorge Ihnen bis Freitag ein Dokument von der Führerscheinstelle, dass Sie den Führerschein wieder ausgeben dürfen."

Der Polizist schüttelte den Kopf. "Sicherstellungsprotokoll können Sie bekommen. Aber ich kann das nicht bis Ende der Woche zurückhalten. Ich habe morgen Spätdienst. Wenn mir bis morgen abend die Führerscheinstelle schriftlich mitteilt, dass ich den Führerschein wieder ausgeben darf, können wir das so machen. Wenn nicht, geht das Ding Mittwoch in die Post."

Okay. Ich gab ihm meinen Führerschein. Mit Tränen in den Augen und einem dicken Kloß im Hals. Ich habe keine Ahnung, wie Frank das anstellen will, denn zu dem Zeitpunkt war nicht mal sicher, ob meinem Vater wirklich das Sorgerecht entzogen wurde. Denn darüber stand nichts in der Akte, die Frank sich zum Teil kopiert hatte. Der Polizist schrieb ein Protokoll, ich sollte unterschreiben. Frank sagte: "Mache bitte vorsorglich bei 'Der Sicherstellung wird ausdrücklich widersprochen' ein fettes Kreuz!"

Ich bekam einen Durchschlag und die beiden schwirrten ab. Die waren gerade aus der Tür, da sah ich, dass das Faxgerät, das bei uns auf dem Flur steht, blinkte. Kein Papier mehr. Als ich neues einlegte, kam noch eine Seite von den Kopien der Akte, da stand aber nichts entscheidendes mehr. Aber dann kamen mehrere Seiten von meinem Vater, die er in der Zwischenzeit gefaxt hatte: Kündigung meiner Wohnung, Kündigung der Autoversicherung, Widerruf der Zustimmung für den Führerschein, Widerruf der Zustimmung für die Zulassung meines Autos, ...

Ich habe echt keinen Bock mehr. Gibt es Leute, die das alles so wegstecken? Ich weiß, dass man das alles nicht ernst nehmen muss und dass das am Ende doch wieder anders kommt. Aber es kostet so viel Kraft und ist so unnütz. Ich bin in mein Zimmer verschwunden mit dem ganzen Papierkram, habe die Tür hinter mir zugemacht, habe mich auf mein Bett gelegt und geheult.

Zu um zwei bin ich mit Frank zum Jugendamt gefahren. Wir wollten uns vorher noch eine halbe Stunde lang mit dem anderen Anwalt besprechen, bevor wir den Termin hatten. Bester Ort: Bei Frank im Auto in einer Parkgarage. Wie bei der Mafia. Der andere Anwalt war Fußgänger, sah eher einfach aus. Hatte eine braune Stoffhose an und einen beige-braunen Strickpullover mit großen Karos. Er hatte die Seiten schon von Frank gefaxt bekommen, ich legte die ganzen Briefe von meinem Vater noch nach, Frank erzählte noch von der Aktion mit dem Führerschein. Der andere Anwalt seufzte nur, schien aber nicht besonders beunruhigt zu sein. "Damit schießt er sich aber eher ein Eigentor", sagte er.

"Die Frage ist ja, ob er überhaupt noch das Sorgerecht hat und diese ganzen Aktionen starten kann", sagte Frank. Der andere Anwalt sagte: "Also das der Mutter ruht. So nennt man das. Wenn die wegen einer Borderline-Störung in der Klinik ist, könnte man das begründen." - "Zumal sie ja vorher schon die Situation der Tochter nicht richtig erfasst hat und immer dachte, sie träumt und wenn sie aufwacht, ist alles wieder normal", fügte Frank hinzu. "Aber was ist jetzt mit dem Vater? Der spielt ja völlig verrückt. Erst dieser Übergriff mit der Randale bei uns in der Wohnung und dann jetzt diese Sachen."

"Also die Wohnung kann er nicht einfach kündigen, das kriegen wir auf jeden Fall vom Tisch gewischt", sagte der Anwalt. Das war doch schon eine gute Ansage. "Aber bei den anderen Dingen, mit dem Auto, ... das sehe ich noch nicht. Nur die Tatsache, dass er die Wohnung nicht betreten darf, heißt ja nicht, dass er die Tochter nicht vertreten könnte. Er kann es ja, das hat er ja bewiesen. Dass die Entscheidungen nicht im Sinne der Tochter sind, steht erstmal außen vor. Er ist aber durch den Platzverweis nicht automatisch unfähig, seine Tochter zu vertreten."

"Die Frage ist ja", sagte Frank, "ob er das Kindeswohl gefährdet, oder?" - "Das wäre eine Frage, aber dieser Kündigungskram ... das reicht nicht aus. Das mit der Wohnung wird er zurücknehmen, die anderen Sachen mit dem Auto sind keine Kindeswohlgefährdung. Das kann er ja frei entscheiden, ob er seiner minderjährigen Tochter erlaubt, Auto zu fahren." - "Stichwort 'Behinderung' und 'Schulbesuch'? Sie fährt ja mit dem Auto zur Schule." - "Stichwort 'Bus' oder 'Taxi'. Das kriegst du nicht begründet."

"Und was ist mit den Schlägen und der Randale im Zimmer des Kindes?" - "Das hängt jetzt davon ab, wie die Polizei und das Jugendamt das werten. Das ist Ansichtssache. Letztlich kann er sich dagegen wehren, dann hängt es vom Richter ab. Ich kenne keinen Richter, der wegen einer Ohrfeige einem Vater das Sorgerecht entzogen hat. Das müsste ja auch erstmal vorläufig angeordnet werden und dafür reicht es nie und nimmer. Die beste Lösung wäre, wenn das Jugendamt zu der Einschätzung gekommen wäre, dass das Kindeswohl im Moment gefährdet ist durch den Vater und das Jugendamt das Kind vorübergehend in Obhut nimmt. Dann würden die anordnen, dass erstmal alles so bleibt. Widerspricht der Vater, womit man rechnen muss, käme die Sache noch diese Woche vor Gericht. Wenn Julia dann aussagt, dass sie Angst hat vor dem Vater, blabla, vernünftig begründet, könnte es passieren, dass ihm vorläufig das Sorgerecht oder Teile davon entzogen werden und auf das Jugendamt oder irgendeine dritte Person übertragen werden. Dabei kann aber auch großer Blödsinn rauskommen, manche Richter sind ziemlich realitätsfremd. Auf alle Fälle glaube ich nicht, dass das Jugendamt oder irgendein anderer, der das Sorgerecht vorläufig übernimmt, die Zustimmung für die Autofahrerei erteilt. Sowas wäre mir zum Beispiel viel zu riskant. Stell dir vor, Julia fährt sich tot. Dann muss ich erklären, warum ich das erlaubt habe. Das Risiko nimmt keiner in so einer Sache auf sich."

"Wenn ihm aber das Sorgerecht entzogen wurde, vorläufig", sagte Frank, "kann er doch keine Erklärungen mehr für das Kind abgeben. Also auch keine Erklärung, mit der er eine erteilte Zustimmung widerruft." - "Das wird schwierig. Formal könnte man das so vielleicht durchkriegen. Aber wenn es heißt, dass es die Fahrerlaubnis nur mit Zustimmung des gesetzlichen Vertreters gibt, wird die Behörde verlangen, dass der neue gesetzliche Vertreter, also jetzt das Jugendamt oder später ein Pfleger oder Vormund oder sonstwas, diese Zustimmung auch erteilt. Vor allem jetzt, wo der Lappen schonmal weg ist. Aber lasst uns erstmal sehen, was das Jugendamt will."

Wir wurden empfangen an einem runden Tisch, die Meike saß dort, eine alte Frau mit 08/15-Haarschnitt, spießigem grauen Wollkleid und langer Halskette und angeketteter Brille, sah so richtig typisch nach Behörde aus, saß daneben. Sie fing gleich an. Erzählte mir noch einmal, was ich am Wochenende erlebt hatte. Fragte mich, ob mein Vater so etwas schon öfter gemacht hätte. Dann erzählte sie, dass es bereits eine dicke Akte über mich gibt. Wegen des Verfahrenspflegers mit meiner Entschädigung durch die Versicherung. "Die heißen jetzt Verfahrensbeistand. Seit 1. September. Schon gewusst?" fragte sie meinen Anwalt.

"Öfter mal was neues", antwortete er. - "Ja, da sagen Sie was." Super. Interessiert das hier jemanden? Dann fragte mich die Mitarbeiterin: "Was ist mit Ihrer Mutter?" - Wollen die jetzt rausfinden, was ich weiß? "Die ist im Krankenhaus in ... Wegen einer Borderline-Störung." - "Sie wissen, was das ist, ja?" - "Ja. Ich durfte es live erleben." - "Ja. Ja. Ja." *nick*

"Die Frage ist jetzt, ob wir tätig werden müssen. Wenn Sie jetzt frei entscheiden dürften, Julia, was würden Sie sich wünschen, wer für Sie sorgen soll? Sie werden in einem halben Jahr, na gut, etwas mehr noch, da werden Sie volljährig. Solange haben Ihre Eltern beide das Sorgerecht. Solange Ihre Mutter noch im Krankenhaus ist, wird sie sich da sicher ein bißchen zurückhalten, also liegt es eher bei Ihrem Vater im Moment. Mit dem werden wir reden. Er soll Sie ja geohrfeigt haben. Das geht natürlich nicht und das darf auch nicht wieder vorkommen. Aber wären Sie damit einverstanden, dass er trotzdem weiter für Sie sorgen darf, wenn er verspricht, dass das nicht wieder vorkommt?"

"Es ist ja so", sagte der Anwalt, aber die Mitarbeiterin unterbrach ihn sofort. "Nee nee, lassen Sie Julia mal selbst reden."

"Ich möchte das nicht. Seit ich meinen Unfall hatte, ist er mit mir völlig überfordert. Also nicht, weil ich so unausstehlich bin, sondern weil er einfach nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Er macht keine Therapie mit mir zusammen, er möchte am liebsten, dass ich meine Schule abbreche und mich zu Hause pflegen lasse, dass ich keinen Sport mache, weil da nur traurige Gestalten rumfahren, er findet, dass alle meine Freundinnen und Freunde im Rollstuhl mir nur das Leben schwer machen und er legt mir permanent Steine in den Weg."

"Dass Sie sich pflegen lassen?" fragte sie erstaunt. Ich sagte: "Ja, genau. Er meint, ich gehe nur zur Schule, weil ich mir was beweisen will und dabei nur verdrängen will, wie behindert ich eigentlich bin." Sie hob die Augenbrauen. "Darf ich das mal so mitschreiben?" fragte sie. Ich schaute meinen Anwalt an, der zuckte mit den Schultern und nickte.

"Aktuell ist er gerade wieder genervt und hat mal kurzerhand die Wohnung seiner Tochter gekündigt." sagte Frank und schob das Schreiben rüber. Die Mitarbeiterin schob es zu "Meike" weiter. Die las das durch und sagte: "Na das ist ja ein Ei."

"Julia hat ja auf Empfehlung der Ärzte und Therapeuten das Zimmer in der WG bekommen und wird ja auch sozialtherapeutisch betreut. Sie macht ihre Schule, hat ihre Freunde, ist im Sportverein, kommt mit ihrem Leben zurecht, verhält sich tadellos. Trinkt nicht, raucht nicht, macht sogar ihre Hausaufgaben." - "Das ist doch schön", grinste die Mitarbeiterin.

"Es wäre doch schade, wenn sie dort ausziehen müsste." sagte der Anwalt. - "Das vergessen Sie mal ganz schnell. Da hätte sicher das Vormundschaftsgericht mitzureden. Wenn sie alleine wohnen kann und es fachliche Gutachten gibt, irgendeins haben wir hier ja auch in der Akte, habe ich gesehen, dann kann er nicht einfach so die Wohnung kündigen. Das ist jetzt auch irgendeine Trotzreaktion, denke ich. Aber mal wieder zur Sache zurück: Die Mutter kann im Moment nicht für Sie sorgen. Der Vater soll es nicht machen, sagen Sie. Wer dann?"

Ich zuckte mit den Schultern. "Ich habe Angst vor ihm", sagte ich. - "Sie haben Angst vor ihm." wiederholte sie nickend. - "Nach diesem Wochenende ja. Ich kann mich doch nicht wehren. Ich hätte immer Angst, dass er wieder ausrasten würde. Er hat an meinem Rollstuhl ein Rad zerstört. Stahlfelge und Titangreifreifen. Mit den Dingern fährt man sonst Bordsteine und Treppen runter. Er hat es zerstört, so hat er dagegen getreten. Ich habe einfach Angst. Eigentlich kann ich mit Hilfe meiner Sozialtherapeutin auch sehr gut alleine für mich sorgen.", sagte ich.

"'Alleine sorgen' kennen die deutschen Gesetze nicht. Bis sie 18 sind, brauchen Sie jemanden. Der muss zumindest benannt werden. Ob und wieviel er letztlich dann tut, ist eine andere Sache. Aber es muss jemanden geben."

"Die Frage ist ja auch, ob der Vater dem so einfach zustimmt. Ich denke eher nicht." sagte der Anwalt. - "Das müsste ein Familienrichter entscheiden. Wir würden eine Empfehlung schreiben und dann geht das seinen Weg. Wenn sie Angst hat, und die lässt sich ja auch begründen, wird das wohl nicht alleine der Vater sein. Aber was dabei rauskommt, weiß niemand vorher. Gut wäre, wenn Sie jemanden benennen könnten, Julia. Die Oma, den Onkel, eine Patentante. Und denjenigen auch vorher fragen."

"Wer hat denn jetzt im Moment das Sorgerecht?" fragte der Anwalt. "Das der Mutter ruht ja." Die Mitarbeiterin nickte. "Ja, es gibt ein Attest der Klinik, aus dem man schließen kann, dass das Sorgerecht ruht. Die Polizei hat, nachdem sie erfahren hat, dass Julia noch minderjährig ist, das sieht man ihr ja nicht sofort an und es ist ja auch nicht so häufig, dass Minderjährige schon alleine wohnen, das Kind in unsere Obhut gegeben. Wir müssen jetzt bis morgen abend entweder das Familiengericht einschalten oder das Kind an den Vater zurückgeben. Oder sein schriftliches Einverständnis haben, dass das Sorgerecht vorläufig auf jemanden übertragen wird."

"Also hat er im Moment nicht das Sorgerecht?" bohrte der Anwalt nach. - "Nein, im Moment liegt es beim Jugendamt. Wir werden morgen früh mit dem Vater reden und ihm ein Schreiben vorlegen, dass er das Sorgerecht auf das Jugendamt überträgt. Unterschreibt er nicht, werden wir sofort danach das Familiengericht einschalten. Die werden dann noch morgen das Sorgerecht erstmal weiter auf das Jugendamt übertragen und vermutlich für nächste Woche einen Termin festsetzen, wo erstmal für die nächsten Wochen vorläufig entschieden wird."

"Dazu müsste es ja noch einen Beschluss geben. Der war noch nicht in der Akte heute morgen. Dass das Sorgerecht im Moment beim Jugendamt liegt." - "Da hat Julia morgen eine Ausfertigung in der Post. Die ist schon raus. Ich kann Ihnen das aber auch nochmal kopieren." - "Und siegeln?" fragte Frank. "Was haben Sie denn damit vor?" fragte die Mitarbeiterin.

"Na, erstmal die Kündigung der Wohnung zurücknehmen. Ich kenne den Vermieter. Dem wird es reichen, wenn er erfährt, dass derjenige zu dem Zeitpunkt kein Sorgerecht hatte. Der will ja sein Geld und Julia will ja da wohnen bleiben." - "Achso, achso. Ja wenn Sie sich darum kümmern wollen, das wäre toll. Ja, wir siegeln das nochmal. Als Zweitschrift. Und der Vermieter soll bitte was schriftliches schicken, und wenn Sie uns das bitte zur Akte reichen..."

Vom Führerschein hat Frank nichts mehr gesagt. Das Schlitzohr. Natürlich wollte er den gesiegelten Brief dafür haben. Auch. Oder in erster Linie. Er will morgen früh mit mir dorthin. Er sagt, dass er vielleicht den Sachbearbeiter so überrumpelt bekommt, dass er den Bescheid zurücknimmt und keine neue Erklärung haben will. Ich glaube, ich mache heute nacht kein Auge zu vor Aufregung. Ich will meinen Führerschein wieder haben!

Genug geschrieben. Sonst hängt sich noch mein Blog auf.

Montag, 28. Dezember 2009

Meike am Morgen

Ich habe Ferien, ich kann ausschlafen. Also soll doch bitte keiner von mir erwarten, dass ich in den Ferien vor 10 Uhr aufstehe. Andere Leute schlafen sogar bis 12 Uhr. Ich weiß, dass das für die ältere Generation unvorstellbar ist. Genauso unvorstellbar ist es aber für mich, jeden Tag, ob Wochenende oder Werktag, ob Winter oder Sommer, um 6 Uhr aufzustehen. Ich geh morgens einmal aufs Klo, trinke vielleicht was, vielleicht lasse ich auch einmal kurz frische Luft in mein Zimmer, aber dann schlafe ich weiter. Dafür bleibe ich lieber abends ein bißchen länger wach.

Entsprechend wenig begeistert bin ich, wenn jemand voraussetzt, dass ich um 8 Uhr morgens an einem Ferientag schon geduscht, mit perfekter Frisur und mit Frühstück im Bauch vor meinem frisch bezogenen Bett stehe und den Vögeln draußen ihr Morgenlied abnehme. Es klingelte um genau drei Minuten nach acht Uhr bei uns an der Wohnungstür. Und zwar wieder und wieder. Keine Chance, das zu ignorieren. Ein bißchen mulmig war mir, weil ich nicht genau wusste, ob es möglicherweise irgendjemand aus meiner Familie war. Oder vielleicht der Typ vom Sanitätshaus, den ich per Mail um einen Termin (allerdings nicht um einen Hausbesuch!) gebeten hatte?

Als ich mit zerzausten Haaren, Schlafklamotten und alles andere als wach an der Haustür ankam, klingelte es erneut und jemand klopfte gegen die Tür. Schön wäre jetzt ein Türspion in meiner Höhe, aber das wird sich in Kürze ändern, wie wir gestern, nach dem Terrorangriff meines Vaters, beschlossen haben. Ich stellte mich hinter die Tür, bremste den Rollstuhl fest und machte die Tür einen Spalt auf. Sollte jemand dagegen drücken, müsste er mich hinter der Tür seitwärts über das Laminat schieben. Während er dazu Anlauf nimmt, würde ich die Tür ins Schloss werfen.

Nein, es war eine Frau. Ziemlich groß, schätzungsweise Anfang 40, Jeans, langer Mantel, strenge Frisur, kalter Blick, Aktentasche, Dienstausweis in der Hand. "Guten Morgen, mein Name ist ..., ich bin vom Jugendamt und möchte zu Julia ..." Ich schaute mir den Dienstausweis an, schien echt zu sein. "Das bin ich", sagte ich.

"Lassen Sie mich bitte rein?" fragte sie. Ich antwortete: "Sie holen mich gerade aus dem tiefsten Schlaf." - "Ja, das habe ich gemerkt. Darauf kann ich aber leider keine Rücksicht nehmen. Ich muss dringend mit Ihnen sprechen. Bitte lassen Sie mich rein." Puls 200. Was wollte die von mir? Gute Frage! "Was wollen Sie von mir?" - "Das möchte ich drinnen gerne mit Ihnen besprechen, nicht hier im Flur." - "Ich lasse aber nicht einfach fremde, unangemeldete Leute in meine Wohnung. Bin ich verpflichtet, Sie reinzulassen?"

Sie war sichtlich genervt. Kann ich aber auch nicht ändern. Da kann mir doch jeder irgendeine Pappe unter die Nase halten! Natürlich gibt es einen aktuellen Bezug, aber trotzdem... ständig wird einem empfohlen, keinen unangemeldeten Leute einfach so in die Wohnung zu lassen und jetzt soll ich innerhalb von wenigen Sekunden entscheiden, was richtig ist? Damit bin ich einfach überfordert!

Sie antwortete: "Im Prinzip nicht. Nur dann entscheide ich über Sie, ohne dass Sie vorher darauf Einfluss nehmen konnten. Und das ist dann vielleicht nicht in Ihrem Sinne." - "Würden Sie bitte zwei Minuten warten? Nicht weggehen, ich komme sofort wieder." Sie seufzte. Ich schloss die Tür.

Ich klopfte bei Frank und Sofie. Und fühlte mich absolut beschissen, sie zu wecken. Wenn sie durch das Gebimmel nicht ohnehin schon wach waren. Sofie fragte, wer da ist. "Jule." - "Komm rein." Die beiden lagen im Bett. "Tut mir leid. Aber ich weiß nicht, was ich machen soll. Vor der Tür steht eine Frau und sagt, sie kommt vom Jugendamt und möchte sofort in die Wohnung, sonst trifft sie Entscheidungen, die vielleicht nicht in meinem Sinne sind. Kann mir jemand helfen?"

Keine fünf Sekunden später war Frank in seinem Rollstuhl. Wir fuhren zur Tür, mein Herz klopfte wie wild. Frank machte die Tür auf. "Guten Morgen. Was ist hier los?" - "Ich möchte zu Frau ... und bin vom Jugendamt." - "Darf ich mal Ihren Dienstausweis sehen? Und in welcher Sache kommen Sie und was möchten Sie genau?" - "Das möchte ich gerne drinnen mit Frau ... besprechen." - "Nein, erstmal möchte ich wissen, was Sie überhaupt wollen, und dann entscheiden wir, ob wir Sie reinlassen. Sie werden Ihr Anliegen sicher in wenigen Stichworten zusammenfassen können." - "Wer sind Sie denn überhaupt?"

"Rechtsbeistand." - "Dann möchte ich gerne eine schriftliche Vollmacht sehen." - "Jetzt reicht es aber, meine Mandantin steht neben mir." - "Dann möchte ich gerne mal Ihre Ausweise sehen." - "In welcher Sache?" - "Sie sind nicht gerade kooperativ! Als Anwalt sollten Sie wissen, dass fehlende Mitwirkung in einem Verfahren sich oft zum Nachteil der Betroffenen auswirkt." - "Als Mitarbeiterin einer Behörde sollten Sie wissen, dass man nicht einfach unangemeldet bei minderjährigen Bürgern vor der Tür steht und sie einschüchtert. Sie haben doch ein Telefon, dann rufen Sie vorher an und machen kurzfristig einen Termin. Und geben meiner Mandantin so eine Chance, sich vorher über ihre Rechte beraten zu lassen und sich auf das Gespräch vorzubereiten. Sie sprechen von Mitwirkung. Was genau wollen Sie denn jetzt von meiner Mandantin? Wobei soll sie mitwirken?"

"Anrufen war leider nicht möglich, woher sollte ich die Telefonnummer haben?" - "Woher haben Sie denn überhaupt ihre Adresse?" - "Na von der Polizei." - "Aha. Und die hat keine Telefonnummer aufgenommen?" - "Zumindest hat sie die nicht weitergegeben." - "Und was möchten Sie jetzt von meiner Mandantin?" - "Mit ihr reden, und zwar nicht hier im Flur." - "Sie sollen angedeutet haben, dass Sie eine Entscheidung zu treffen haben, die ohne die Mitwirkung meiner Mandantin möglicherweise nicht in ihrem Sinne ausfallen würde. Ist das so richtig?" - "So in etwa." - "Ja, sowas nennt man, glaube ich, Nötigung. Und worum geht es nun?" - "Passen Sie mal auf. Ich habe Ihnen jetzt mehrmals erklärt, dass ich das nicht im Flur besprechen möchte. Das wird ein längeres Gespräch und längere Gespräche führe ich grundsätzlich nicht im Stehen in Hausfluren. Meine Geduld ist jetzt auch am Ende. Sie können mich also jetzt reinlassen oder ich schreibe rein, dass die Betroffene sich bei ihrer Anhörung nicht äußern wollte."

"Ah, sie kommen wegen einer Anhörung. Eine Anhörung findet immer dann statt, wenn in die Rechte eines Betroffenen eingegriffen werden soll. Auf eine Anhörung möchte sich meine Mandantin in jedem Fall vorbereiten und rechtlich beraten lassen. Die findet jetzt nicht statt. Wir hätten gerne einen neuen Termin. Sagen wir heute um 13 Uhr in Ihrem Büro?" Sie lachte kurz. "Nein, wir machen das jetzt oder ich schreibe rein, dass die Betroffene sich bei ihrer Anhörung nicht äußern wollte."

"Nicht äußern wollte? Dann werde ich als Zeuge aussagen, dass gar keine Anhörung stattgefunden hat. Bei einer Anhörung wird dem Betroffenen die Möglichkeit gegeben, sich zu der Sache zu äußern. Das setzt aber voraus, dass man überhaupt weiß, was Sache ist. Sollte also irgendein Bescheid ergehen, der nicht im Sinne meiner Mandantin ist, werde ich sofort Rechtsmittel einlegen und beantragen, dass die Wirksamkeit solange aufgeschoben wird, bis über den Einspruch entschieden worden ist, da kein Anhörungsverfahren stattgefunden hat. Dazu bekommen Sie dann auch eine schriftliche Vollmacht. Das heißt aber im Klartext: Wir vergeuden Zeit und Arbeitskraft auf Kosten der Steuerzahler. Sie müssen doch ein Interesse haben, den Fall vom Tisch zu kriegen. Was spricht gegen 13 Uhr in Ihrem Büro?"

"Ich muss kurz telefonieren." Sie ging nach draußen.

"Was will die?" fragte ich Frank.

"Sorgerecht? Dein Vater hat einen Platzverweis bekommen, deine Mutter liegt im Krankenhaus und du bist nicht volljährig. Jede Wette. Aber in Sorgerechtssachen äußert man sich nicht unvorbereitet und schon gar nicht zwischen Tür und Angel."

Die Frau kam wieder. "14 Uhr 30 bei meiner Chefin. Können Sie da?" - "Selbstverständlich, ich habe Urlaub. Äh, dürfte ich mir eben noch schnell die Akte kopieren?" - "Wie bitte?" - "Naja, ich möchte mich schon vorbereiten. Sie dürften eben reinkommen, kriegen auch einen Kaffee, können sich auch kurz ein Bild von Jules unaufgeräumten Zimmer machen, dürfen mir auch über die Schulter schauen, dass keine Blätter verschwinden, und dann kriegen sie das Ding gleich wieder mit." - "Ich weiß doch noch nicht mal, ob Sie überhaupt Anwalt sind. Sie wollten mir ja keinen Ausweis zeigen!" - "Das würde doch keine Rolle spielen. Die Betroffene hätte doch ebenso ein Recht auf Akteneinsicht, wenn sie ohne Anwalt kommt. Sie hätte sogar einen Anspruch auf Kopien." - "Ich muss nochmal telefonieren."

"Mach doch schonmal einen Kaffee fertig", sagte Frank. Ich werde wahnsinnig. Irgendwie wird mir das alles zu viel. Wiese können die mich nicht einfach in Ruhe lassen? Hätte ich Frank nicht, wie wäre das ausgegangen?

Sie kam wieder. "Ist in Ordnung, wenn ich dabei sein darf." - "Ja, kommen Sie rein. Das Ding hat sogar einen Vorlageneinzug, das geht schnell. Wollen Sie einen Kaffee?" - "Nein danke, lassen Sie mal."

Die Akte war relativ dick. Frank blätterte und blätterte und meinte dann: "Das eine Gutachten hier und so ungefähr die letzten 10 Seiten reichen mir." Fummelte den Schnellhefter auseinander, legte die Blätter in das Faxgerät und ließ sich Kopien machen. "Und die Wohnung ist komplett behindertengerecht?" fragte sie. "Das ist ja schön. Ich finde es gut, dass eine gewisse Anzahl neuer Wohnungen heute so gebaut werden muss. Aber diese hier ist echt schön. Sehr geräumig. Wieviele Leute wohnen hier?" - "Sechs", antwortete Frank.

"Alles Rollstuhlfahrer?" fragte sie weiter. "Nein. Nur zum Teil." Sie nickte. "Nein, echt schön."

Sie bekam ihre Akte wieder. "So, dann sehen wir uns heute um halb drei bei Ihnen im Büro. Wo genau ist das?" Wir bekamen eine Visitenkarte von ihr. Meike. Diplom-Sozialpädagogin. So war sie nachher sehr nett und vermutlich will sie auch nur, dass es mir gut geht. Aber trotzdem fand ich es gut, dass das erstmal so gelaufen ist. Man hört und liest so viel Blödsinn, gerade wenn meine Eltern so schräg drauf sind. Hinterher sagte Frank, dass es ja auch sein könnte, dass einer von beiden Elternteilen beantragt hat, das alleinige Sorgerecht zu bekommen. Oder dass meine neue Sozialarbeiterin von diesem ambulanten sozialtherapeutischen Dienst, die einmal pro Woche kommt, irgendwas angeregt hat ohne mit mir darüber zu reden.

Nun habe ich um halb drei einen Termin beim Jugendamt. Frank hat einen Kollegen von ihm angerufen, der uns dorthin fährt, weil Frank sich mit Jugendrecht nicht so gut auskennt. Stinkesocke in Begleitung von zwei Anwälten auf dem Weg zur Chefin oder Abteilungsleiterin oder sonstwas von einem Jugendamt. Wichtiger geht es mal wieder nicht. Dabei will ich eigentlich nur chillen und Donnerstag schön Silvester feiern. Aber es geht ja nicht immer nur nach dem eigenen Willen, ne?!

Sonntag, 27. Dezember 2009

Eine Nacht im Krankenhaus

Die Weihnachtstage habe ich bei mir in der WG verbracht. Liam und Frank haben zwei Tage vor Heilig Abend noch einen kleinen Weihnachtsbaum besorgt, keinen aufblasbaren, sondern einen im Eimer, den man hinterher einpflanzen kann, Lina und Sofie haben ihn geschmückt, es war recht nett. Cathleen war am Heilig Abend bei ihrer Mutter, Liam und Lina waren bei Liams Eltern. Sofie, Frank und ich haben es uns im Gruppenraum gemütlich gemacht, gemeinsam gegessen, geredet, sind anschließend zum Gottesdienst in den Hamburger Michel gefahren. Ich habe es schon erwartet: Die Kirche war bis auf den letzten Platz belegt. Wenn man jetzt erwähnt, dass es sich um den vierten Gottesdienst an diesem Tag handelte und die Kirche 2.500 Plätze hat, kann sich wohl jeder vorstellen, was dort los war. Aber die Leute waren ruhig und nett, die kleinen Kinder, die sonst oft lauter sind als der Pastor, waren alle schon im Bett.

Am ersten Weihnachtstag habe ich erstmal ausgeschlafen, mittags haben wir alle zusammen gegessen, bevor Sofie und Frank zu Sofies Mutter und Lebensgefährten verschwunden sind. Am zweiten Weihnachtstag hatten wir in der WG ein gemeinsames Frühstück und dazu auch einige Freunde eingeladen.

Nachgedacht oder gegrübelt habe ich eigentlich nicht viel. Letztes Jahr Weihnachten habe ich im Krankenhaus verbracht, mich mehr oder weniger amüsiert über einen Pfleger, der als Weihnachtsmann verkleidet und "Ho Ho Ho" rufend über die Flure tobte, an einem Videoabend in der Sporthalle teilgenommen und Frust geschoben. Vor zwei Jahren habe ich mit meinen Eltern gefeiert, als 15-jährige mich über alle möglichen Geschenke gefreut, da war die Welt noch in Ordnung. ;)

Dieses Jahr habe ich (noch) nichts vom Weihnachtsmann bekommen. Ich war halt nicht brav genug. Innerhalb der WG schenken wir uns nichts, das haben wir von vornherein so festgelegt, und das finde ich auch gut so. Jeder hat was zu einem gemeinsamen Bunten Teller, der im Gruppenraum auf dem Tisch steht, dazugegeben. Ansonsten habe ich noch eine Kleinigkeit für meinen Jan, den ich erst in der nächsten Woche wieder sehe, da er bei seinen Eltern in Regensburg ist.

Das ist für mich aber auch nicht überraschend. Wenn ich an den übrigen Tagen des Jahres keinen Kontakt zu meiner Familie haben will, muss das auch nicht an Weihnachten sein, auch wenn überall propagiert wird, dass es sich um das Fest der Liebe, der Familien und der Versöhnung handele. Unsere Probleme sind so schwerwiegend, dass sie sich nicht mit einem Weihnachtsfest lösen können.

Nicht verstanden hat das meine Mutter, die mich am 2. Weihnachtstag nachmittags anrief. Mal wieder auf dem Handy und mit unterdrückter Rufnummer. Sie wollte mir noch einmal ein schlechtes Gewissen machen, indem sie mich darauf hinwies, dass sie ja im Moment in der Klinik sei, ausgerechnet über Weihnachten, und ich würde sie nicht besuchen. Es sehe für sie so aus, als wenn ich, jetzt wo ich genug eigenes Geld habe, keinen Kontakt zu ihnen mehr nötig hätte. Der Vorwurf ist natürlich heftig, aber es muss ja immernoch eine Steigerung geben, wenn man Gespräche erzwingen will. Sie hat es nicht verstanden, vermutlich kann sie es nicht verstehen. Als ich aufgelegt hatte, habe ich einen Moment darüber nachgedacht, mir eine neue Handynummer zu besorgen.

Ich will es gar nicht kommentieren. Ich habe es auch nicht kommentiert, als meine Großtante, die mit der Currywurst, plötzlich vor der Tür stand und rein wollte. Sofie hatte die Tür geöffnet, meine Großtante aber gar nicht erst reingelassen, sondern mich zur Tür geschickt. Ich dachte: "Sollte sie jetzt das Weihnachtsfest zum Anlass nehmen, sich zu entschuldigen, lässt du sie rein. Auch wenn sie nicht deine Ansichten hat, ich möchte, dass man mich versteht, dass sich langfristig etwas ändert, also gib ihr eine Chance." Aber sie grüßte nicht mal, sondern wollte gleich mit den Worten "ich muss mit dir reden" an mir vorbei stapfen. Was nicht funktionierte, da ich mich, bevor ich die Tür geöffnet habe, geschickt positioniert und den Rollstuhl festgebremst habe, so dass die Tür nicht weiter aufging. Also rappelte sie gegen die Tür. Leider etwas unglücklich mit dem Kopf. Sie flippte gleich aus: "Du spinnst ja wohl!"

Ich erwiderte: "Entschuldigung, aber du bist gegen die Tür gelaufen! Was möchtest du? Auf 'mit dir reden' habe ich keinen Bock. Das eskaliert jedes Mal." Sie hielt sich den Kopf, aber es blutete nicht. "Das nehme ich dir übel. Mich hier als alte gebrechliche Frau im Flur abzufertigen und mir die Tür vor den Kopf zu schlagen. Du brauchst dich bei mir nicht mehr zu melden. Und auch nicht um Geld betteln. Glaube ja nicht, dass du von mir noch einen Cent bekommst!"

Was sollte das jetzt schon wieder? Ich melde mich bei ihr sowieso nicht. Und zum letzten Mal habe ich von ihr 50 Euro geschenkt bekommen, das war exakt vor zwei Jahren zu Weihnachten, dazwischen hat sie für mich eben eine Currywurst bezahlt und mir ein paar Socken, weiß mit rosa Streifen von Tschibo, ins Krankenhaus mitgebracht. Und eine Illustrierte. Habe ich je nach Geld gebettelt? Ich kann mich nicht daran erinnern. In den letzten zwei Jahren auf keinen Fall. Auf meinem Sparbuch liegen über 10.000 Euro, von dem fest angelegten Unfallgeld mal ganz zu schweigen. Wieso sollte ich da um Geld betteln?! Irgendwie sind die alle irre. Und der Hinweis auf ihre Gebrechlichkeit ... sie rennt kilometerweit mit ihrem Wanderverein und weist eine Rollstuhlfahrerin auf ihre Gebrechlichkeit hin. Skurriler geht es kaum.

Also schloss ich die Tür und ließ sie draußen labern. Als ich mich umdrehte, stand Sofie am Ende des Flurs, machte eine Scheibenwischergeste und murmelte: "Die haben doch alle ein Rad ab."

Jetzt, als die Tür zu war, fiel mir ein, dass auch meine Mutter am Telefon schon eine Bemerkung über Geld gemacht hatte. Wahrscheinlich haben die beiden miteinander telefoniert und darin liegt auch der Besuch der Großtante begründet. Ein Glück, dass ich sie nicht reingelassen habe. Nun stand sie im Flur, lehnte sich gegen die Tür, klopfte und murmelte: "Mach die Tür auf, ich weiß, dass du dahinter stehst." Genial. Ich ließ sie stehen und fuhr in mein Zimmer.

Abends wollte ich mich gerade ausziehen, als plötzlich Krach im Flur war. Ich hörte Liam irgendwas energisch rufen, konnte das aber nicht verstehen, da Musik lief. Ich drehte die Musik leise und lauschte. In dem Moment sprang meine Zimmertür auf und mein Vater stürmte rein. Er brüllte mich an: "Hast du Tante ... die Tür an den Kopf geschlagen? Überlege dir genau, was du jetzt sagst." Ich zog erstmal den Kopf ein, sagte dann: "Sie ist gegen die Tür gelaufen."

Jetzt stand er direkt vor mir. Er hatte eine Fahne. Ich hatte Angst. "Ich frage noch einmal: Hast du Tante ... die Tür an den Kopf geschlagen?" Liam stand in der Zimmertür, sprach meinen Vater an: "Herr ...!" Bevor er irgendwas sagen konnte, ging er auf ihn zu, Liam ging zwei Schritte rückwärts, mein Vater knallte die Tür zu. Nun kam er wieder auf mich zu: "Ich warte auf eine Antwort!" Ich erwiderte: "Ich habe dir schon eine Antwort..." Weiter kam ich nicht, dann bekam ich eine Ohrfeige. Die saß. Aber richtig. Mit erhobener Hand stand er vor mir: "Hast du ihr die Tür an den Kopf geschlagen oder nicht? Überlege dir genau, was du sagst!"

Ich antwortete: "Sie ist gegen die Tür gelaufen!" Er wollte mit der anderen Hand zuschlagen, aber ich riss die Arme hoch. "Nimm die Arme runter", brüllte er mich an. Das fehlte noch. Ich schrie nach Liam, schrie um Hilfe. Mein Vater wollte mir den Mund zuhalten, war aber wohl von der Kippfreudigkeit meines Rollstuhls überrascht. Ich bekam das Übergewicht und fiel nach hinten und rollte aus dem Stuhl raus. Ich glaube wirklich, dass er davon selbst überrascht war. "Du zerstörst unsere ganze Familie, merkst du das nicht?" Zum Glück hatte mich nirgendwo gestoßen bei meinem freien Fall. Ich robbte ein Stück zur Wand, setzte mich rückwärts gegen Bett und Wand, kauerte mich zusammen. Er versetzte meinem umgefallenen Rollstuhl einen Tritt, so dass er halb unter meinen Schreibtisch donnerte. Ich war erschrocken und ängstlich zugleich über dieses Gewaltpotential, das ich bisher so noch nicht erleben musste.

Er ging wutschnaubend und Türen knallend raus. Das ganze hatte keine zwei Minuten gedauert. Ich heulte und als ich hochzog, merkte ich einen metallischen Geschmack im Mund. Ich blickte an mir herab. Mein T-Shirt war voller Blut. Es war meine Nase, die blutete. An meinen Rollstuhl kam ich nicht. An die Taschentücher auf dem Nachttisch auch nicht. Ich versuchte, das Blut mit den Fingern abzuwischen, aber es lief ohne Ende. Ich rief nach Liam. Niemand kam. Hörte mich keiner? Dann ging die Tür einen Spalt auf. "Ist er noch drin?" - "Nein, er ist raus", antwortete ich. Liam kam rein. Sah mich. Sagte: "Ach du Scheiße." In dem Moment klingelte es an der Tür. Er rannte hin, ich rief ihm hinterher: "Lass ihn draußen!"

Dann hörte ich hektische Schritte auf dem Flur. "Wo ist das?" - "Hier gleich die Tür." Die Polizei. Irgendwann muss ich in dem Verein noch Mitglied werden. So oft wie im letzten Jahr hatte ich nie in meinem Leben mit den Bullen zu tun. Die ganze Falschparkerei, eingeschlossen in Aufzügen, verrückte Nachbarn, abgetretene Außenspiegel, ... so langsam reichte es. Eine Frau, Mitte 20, kam auf mich zu. Ihrem Kollegen sagte sie: "Ruf mal nen Arzt." Sie hockte sich neben mich. "Nehmen Sie mal den Kopf auf die Brust. Ist vermutlich nur die Nase. Zähne sind noch alle drin?"

Keine Ahnung. Doch, Zähne waren noch drin. Keine Ahnung, wieso die Nase überhaupt blutete, die hatte eigentlich gar nichts abgekriegt. "Bleiben Sie mal sitzen. Hier sind Papiertücher, nur erstmal drunter halten. Sonst geht es Ihnen gut? Haben Sie sonst irgendwo Schmerzen?" Ich schüttelte den Kopf. Ich war eigentlich auch gegen großes Tamtam, die Nase fühlte sich nicht gebrochen an und würde wohl jeden Moment wieder aufhören zu bluten.

Nun kamen noch mehr Polizisten. Was für eine Aufregung! Die beiden wurden aber gleich wieder weggeschickt. "Der ist abgehauen. Handelt sich wohl um den Vater." - "Na dann: Frohe Weihnachten!" sagte der andere. Ich war zitterig, fing an zu frieren. Zwei Mal gab mir die Polizistin neue Taschentücher. Ein Teil des Blutes lief im Rachen runter und verklebte dort. Das war ziemlich eklig. Irgendwie hörte es überhaupt nicht auf. Dann kam eine ganze Horde Leute ins Zimmer. Einer stellte sich vor, sagte, er sei der Notarzt. Ich solle mal die Taschentücher wegnehmen. Er schaute mir in den Mund. Er wackelte an meiner Nase und fragte, ob das weh täte. Tat es nicht. Er fragte mich, was passiert sei. Ich sagte ihm, dass ich eine Ohrfeige bekommen hätte und aus dem Rollstuhl gefallen sei. Aber eigentlich nicht auf die Nase. Er legte mir eine Infusion in den Arm. So ein Zirkus! Dann meinte er, dass ich mal für ein paar Minuten die Nasenflügel zusammendrücken sollte.

Nach drei Minuten hörte die Blutung auf. Ich musste mich auf eine Trage legen und sollte mit ins Krankenhaus. Ich wollte eigentlich nicht, aber die Polizistin meinte, es sei besser. Ich wurde in den Rettungswagen verladen, der Notarzt stieg zwar erst mit ein, verabschiedete sich dann aber von mir. Ich fragte: "Wo bringen Sie mich denn hin?" - "Ins Albertinen-Krankenhaus." - "Nee, dorthin möchte ich nicht. Können Sie mich nicht nach ... fahren? Dort war ich bis vor kurzem und die haben die ganzen Unterlagen da. Außerdem sind die auf Querschnitte spezialisiert." - "Was meinen Sie mit Querschnitt?" - "Na meine Querschnittlähmung." - "Sie sind querschnitzgelähmt?" Oh. Mein. Gott. "Ja, fahren Sie mich bitte nach ...?" Die beiden schauten sich an. "Ich muss das klären, wir dürfen immer nur das nächste aufnahmebereite Krankenhaus anfahren." - "Naja, es muss ja aber auch geeignet sein. Ich reagiere ja alleine schon auf viele Medikamente ganz anders, fängt beim Blutdruck an."

Der andere Typ kam wieder, hatte eine Mappe in der Hand. "Sie müssten hier einmal unterschreiben, dass Sie die Kosten für den Transport übernehmen, wenn Ihre Kasse nicht zahlt." Ich unterschrieb und los ging es. Einmal quer durch Hamburg. Die Straßen hatten offenbar einige Frostschäden davon getragen, ich kam mir vor wie auf einem Kamel. Eine halbe Stunde später wurde ich ausgeladen. "Das kenne ich hier", dachte ich mir. Ich wurde in einen Raum geschoben, wurde von einem Arzt, den ich nicht kannte, untersucht. Kopf bewegen, Arme bewegen, Rücken abklopfen, abhören, ... nichts spannendes festzustellen. "Ich möchte gerne noch ein paar Bilder von Ihrem Kopf machen", sagte er. Also musste ich noch in eine Röhre. Da war aber auch nichts zu sehen.

Danach bekam ich ein Bett auf meiner alten Station, ein Zimmer zusammen mit einer anderen Frau, die aber schon schlief. Es wurde einmal Blutdruck gemessen. Ich soll klingeln, wenn mir übel würde. "Ein Klogang und eine Pampers wären ganz gut", sagte ich. Nein, ich sollte nicht aufstehen. "Können Sie sich kathetern?" Na sicher. Licht aus, schlafen konnte ich aber nicht. Was für eine Nacht! Was für ein Theater wegen ein wenig Nasenbluten! Und wofür habe ich eigentlich die Ohrfeige bekommen? Irgendwann schlief ich dann doch ein.

Um sechs tobte die Schwester rein. Was habe ich das vermisst in den lezten sechs Monaten! Wenn mir nicht mehr übel sei, könnte ich nach Hause. Der Arzt käme gleich und würde mich noch einmal ansehen, dann könnte ich gehen. Sie war gerade aus der Tür, da kam ein Arzt rein. Den kannte ich auch nicht. Wenn mir nicht mehr übel sei, könnte ich nach Hause. "Wieso übel? Mir war nicht übel. Ich hatte Nasenbluten." - "Ja. Ich ziehe Ihnen noch die Kanüle aus dem Arm, dann können Sie los." - "Ich muss erstmal organisieren, wie ich nach Hause komme. Mein Rollstuhl ist zu Hause und ich habe auch niemanden, den ich jetzt anrufen und fragen könnte." - "Nee, Sie kriegen einen Transportschein und wir bestellen Ihnen ein Fahrzeug." Zehn Minuten später bekam ich meine Papiere und zwei dicke Sanitäter mit einem fahrbaren Sitz kamen rein. Ich wurde in einen VW-Bus verladen, der eine Sanitäter setzte sich neben mich auf einen Klappsitz und dann ging es los.

Um kurz vor acht Uhr war ich wieder zu Hause. In meinem Zimmer sah es aus! Auf der Erde jede Menge Verpackungen von irgendwelchen medizinischen Sachen, vollgeblutete Tücher - wie auf einem Schlachtfeld. Ich wurde aufs Bett gehoben. Mein Rollstuhl lag noch immer unter dem Schreibtisch. Der eine Sanitäter holte ihn hervor. Das eine Rad, gegen das mein Vater getreten hatte, hatte so eine Acht, dass das Rad am Rahmen schleift. Hallo?! Stahlfelge, Titangreifreifen? Verbogen? Wie gut, dass ich den Tritt nicht abgekriegt habe!

Leider habe ich keine Ersatzräder. Ersatzschlauch, Ersatzreifendecke ja, aber kein komplettes Rad. Mein Glück war, dass im Abstellraum noch ein alter Rollstuhl von Sofie stand, den ich mir erstmal unter den Nagel gerissen habe. Leider lassen sich die Räder verschiedener Rollstühle wegen verschiedener Steckachsen nur begrenzt untereinander tauschen, leider hat man keinen Anspruch auf einen zweiten Rollstuhl und auch nicht auf ein zweites Paar Räder. Da alleine schon die Räder fast 1.000 Euro kosten, habe ich mir bisher keine gekauft. Das wird sich jetzt aber wohl ändern.

Erstmal habe ich eine Mülltüte aufgemacht, um den ganzen Kram in meinem Zimmer loszuwerden, dann das ganze Blut vom Laminat geschrubbt, mich gewaschen (duschen soll ich heute nicht) und kaum war ich wieder in meinem Zimmer, klingelte es an der Tür. Hätte mein Vater oder sonst irgendwer aus meiner Familie vor der Tür gestanden, hätte ich nicht geöffnet. Liam kam gleich um die Ecke, noch in Schlafsachen. Es war die Polizei. Zwei andere Beamte. Sie wollten wissen, wie es mir ginge und ob mein Vater nochmal aufgetaucht sei. "Nicht, dass ich wüsste", sagte ich.

"Ihm wurde ein Platzverweis ausgesprochen. Sollte er hier in den nächsten 14 Tagen vor der Tür auftauchen, rufen Sie bitte gleich die Polizei und sagen am Telefon, dass es sich um jemanden handelt, der einen Platzverweis bekommen hat. Dann kommen wir ganz schnell. Ich will mich in Ihr Privatleben nicht einmischen, es geht mich auch nichts an, aber an Ihrer Stelle sollten Sie sich überlegen, ob Sie nicht bei Gericht eine Verfügung beantragen, dass er hier nicht auftauchen darf. Dann können Sie selbst entscheiden, wann Sie ihn sehen wollen." Ich sagte, dass ich darüber nachdenken werde und mich mit meinem Anwalt abspreche. Dann verschwanden sie wieder.

Ich habe keine Lust mehr. Auf diesen ständigen Zirkus. Ich möchte meine Ruhe haben. Ich weiß, es ist nicht so einfach und ich weiß auch, dass man sich seinen Problemen stellen muss. Aber ich finde, so langsam ist das Maß jetzt mal voll. Ich bin 17. Und ich finde, allmählich wird das alles zu viel für eine 17-jährige. Mensch, andere Leute in meinem Alter... ach, lassen wir das. Erstmal schlafen.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Die erste Nacht mit Jan

Gestern war das letzte Schwimmtraining vor den Weihnachtstagen. Das ist auch kein großes Kunststück, wenn der 23.12. auf einen Mittwoch fällt. Ein Kunststück war hingegen, eine geeignete Schwimmhalle zu finden, da etliche Hamburger Bäder am Tag vor Heilig Abend bereits vorzeitig schlossen oder den üblichen Vereinsbetrieb außerhalb der regulären Öffnungszeiten bereits eingestellt hatten.

Die einzige Möglichkeit bot das Festland in der Holstenstraße, was aber unser Verein wegen der teuren Eintrittspreise nicht so gerne sieht. Hier kostet das Schwimmtraining pro Person 2,46 Euro nur für Eintritt. In unseren "üblichen" Trainingsbädern zahlen wir 1,48 Euro für jeden. Bei zehn Leuten sind das mal eben 10 Euro mehr, da kommen im Jahr mal schnell 500 Euro zusammen. Aber manchmal geht es eben nicht anders, wenn kein "billiges" Bad mehr geöffnet hat - und im Festland gibt es den schönen Warmwasserpool! :)

Dem Rat von Sofie folgend (siehe ihren Kommentar hier), habe ich Jan vorher schon per SMS eingeladen, nach dem Training noch mit zu mir zu kommen. Und er hat zugesagt! Das fand ich so genial. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite war mir klar, dass sich das Zeitfenster für das gefürchtete Gespräch über meine Inkontinenz damit langsam schloss. Ich hoffte inständig, dass das nicht unser erster und letzter Abend werden würde oder dass sich gleich am Anfang unüberwindbare Hindernisse in unsere Beziehung drängen würden.

Es kam aber -wie immer- ganz anders. Simone, Yvonne, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle, Jan, Kevin, Marco, Rolf, ich und Trainerin Tatjana hatten allesamt einen Tag vor Heilig Abend nichts besseres zu tun, als ein wenig Platz für den Weihnachtsspeck zu generieren und warteten auf den Einlass. Beim Festland, erbaut in 2009, gibt es leider nur eine Umkleidekabine für Rollstuhlfahrer. Daneben einen rollstuhlgerechten Raum mit Dusche (samt Klappsitz), Waschbecken und WC. Beide Räume gehen von einem Flur ab, der durch eine Tür vom Hauptgang abgetrennt ist. Meistens teilen sich die Frauen auf die beiden Räume auf, während die Jungs sich in dem Flur umziehen. Die "normalen" Umkleiden, Duschen und Toiletten sind nicht rollstuhlgerecht.

Cathleen, Simone und ich quetschten uns in den Duschraum. Wie schon öfter (siehe auch hier), war mal wieder die Toilette defekt. Es ist doch sagenhaft, dass sie einer Gruppe Rollstuhlfahrer an der Kasse den Eintritt abnehmen und mit keinem Sterbenswörtchen erwähnen, dass das einzige rollstuhlgerechte WC außer Betrieb ist! Wir haben uns darüber nun schon mindestens drei Mal beschwert. Entsprechend konnten wir drei nur duschen. Aber ich hatte eine entsprechende Steilvorlage für mein Problem.

"Jungs, Klogang fällt aus, Toilette ist mal wieder kaputt", sagte ich, als ich die Tür zum Flur öffnete. "Nadine hat bestimmt Katheter mit Beutel mit, aber das nützt euch ja nicht viel." scherzte ich weiter. Nadine erzählt das jedem, das ist kein großes Geheimnis. Zur Aufklärung für meine nicht fachkundigen Leser: Kathetern müssen alle, deren Blase durch Medikamente oder durch die Schädigung im Rückenmark etc. gelähmt ist und sich daher nicht selbständig oder nicht vollständig entleert. Kathetert wird immer nur kurz, das heißt, das Ding wird sofort nach Gebrauch wieder entfernt und weggeworfen. Die einfache Variante besteht nur aus einem sterilen und in Kochsalzlösung getränkten Plastikschlauch, den man auf dem Klo sitzend durch die Harnröhre schiebt (nein, das tut nicht weh), die kompliziertere Variante ist für alle Leute, die das auf dem Klo nicht hinkriegen (weil sie nicht frei sitzen können, weil sie das nicht sehen etc.), die hat dann am Ende einen Beutel mit Rücklaufventil, in dem der Urin aufgefangen wird. Frauen können Männerkatheter verwenden, aber nicht umgekehrt, da Männer die deutlich längere Harnröhre haben (20 cm zu 3 cm bei Frauen) und Frauenkatheter in der Regel zu kurz sind. Lediglich der Durchmesser sollte in etwa stimmen.

Allgemeines Gemecker folgte, auch die Tür zum Umkleideraum ging auf und Yvonne beschwerte sich, ich behielt aber Jan im Auge und den schien das überhaupt nicht zu stören. Auf dem Weg zum Schwimmbecken, der sich durch einen endlosen Flur zieht, nahm ich mein Schicksal in die Hand und sprach ihn an (frei nach dem Motto: Wer fragt, der führt): "Musst du eigentlich kathetern?" Er schüttelte den Kopf. "Nee, zum Glück nicht. Ich habe das so unter Kontrolle. Außerdem war ich zu Hause erst." Oh nee. Knirsch. Damit stiegen die Chancen, dass er keine Antenne für solche Probleme haben könnte. "Und Du?"

Ich biss mir fast auf die Lippe. Dann druckste ich herum: "Ich muss auch nicht kathetern, ich bekomme sie auch so komplett leer." - "Aber ohne Pressen hoffentlich?" fragte er besorgt. Zur Aufklärung: Bei neurologischen Erkrankungen oder Schäden am Rückenmark ist es nicht gut, wenn die Blase mit übermäßigem Druck entleert wird, da dadurch Urin aus der Blase in die Nieren zurückgepresst werden kann. Spätestens bei einem Harnwegsinfekt bedeutet das automatisch auch einen Infekt der Nieren.

"Ja, ohne Pressen", sagte ich. Argh, das lief in die falsche Richtung. Ich fügte schnell hinzu: "Ich muss eher aufpassen, dass es sich nur dann entleert, wenn ich das auch wirklich will." So, nun war es raus. Er guckte mich an: "Achso, verstehe." Dann trennten sich unsere Wege kurz. Wir mussten durch je einen Vorraum, von dem aus die nicht-rollstuhlgerechten Duschen abzweigten. Die Vorräume waren bereits nach Geschlechtern getrennt. Auf der anderen Seite trafen wir uns wieder. Die zehn Sekunden Trennung waren ganz gut, ich überlegte mir, nicht weiter auf das Thema einzugehen, sondern seine Reaktionen zu beobachten. Er sprach das Thema auch nicht mehr an, sondern wir begannen mit dem Schwimmtraining.

"Wenden am Bahnende" stand auf dem Plan, so ein Blödsinn, wenn wir für Triathlon trainieren. In Seen und Flüssen wird in der Regel nicht gewendet und wenn doch, dann meistens an einer Boje und nicht mit einer Rolle wie am Beckenrand. Aber es gibt natürlich auch Wettkämpfe, bei denen ein festes Schwimmbecken herhalten muss. Also übten wir alle die Wende am Beckenrand. Am ätzendsten fand ich dabei das Wasser in meinem Ohr.

Am Ende verschwanden Jan und ich noch wieder in dem heißen Pool, den wir, da es schon kurz vor 21 Uhr war und dieser Pool zusammen mit dem Kinderbereich um 21 Uhr schließt, für uns alleine hatten. Eng umschlungen knutschten wir und drückten uns fest gegeneinander. Er hielt mich mit beiden Händen am Po fest, ich hatte meine Arme um seine Schultern gelegt. Ich hätte noch endlos so weitermachen können, aber die Schwimmmeisterin warf uns raus. Die anderen waren schon fertig mit Umziehen, Cathleen fragte vorsichtig, ob sie mit uns zurückfahren dürfte. "Na klar."

Ich wusste nicht, ob wir uns zusammen im gleichen Raum umziehen sollten. Ich war recht froh, dass er mir die Entscheidung abnahm und sagte: "Du darfst zuerst duschen, wenn du möchtest." Vielleicht wollte er mir damit auch die Frage entlocken, ob wir nicht zusammen duschen wollen - aber das können wir ja auch nächstes Mal noch machen. Ich duschte mich, dann ließ ich ihn mit seinen kompletten Klamotten in den Duschraum, während ich mich mit Cathleen in die Umkleide begab. Cathleen schaute mir zu. Ich bat sie, da sie ja diesen Blog auch kennt, Sofie anzusprechen, dass wir bereits drüber gesprochen hätten. Nicht, dass sie noch ein Gespräch darüber anfängt...

Sofie kam zu Hause auch gleich auf mich zu und bat, mich kurz unter vier Augen sprechen zu dürfen. Ich war erstaunt. "Jan kennt deinen Blog ja noch nicht, oder? Da musst du drigend aufräumen. Ich kenne dein Passwort nicht, sonst hätte ich das schon getan. Da haben rund ein Dutzend Leute rumgeschmiert." Ich nutzte die Chance, ihr gleich mitzuteilen, dass ich ihm das gesagt hätte. "Und?" wollte sie wissen.

"Keine Reaktion bisher", antwortete ich.

Da man nach dem Schwimmen hungrig ist, machten wir uns auf die Schnelle eine Pizza selbst. Den Teig hatte ich vorher schon vorbereitet, nur noch belegen und ab in den Ofen. Dann holte ich eine normale Unterhose aus meinem Zimmer, verschwand im Bad, schmiss die Pampers weg, duschte mich untenrum kurz ab, zog mich an und nahm meine Beute mit in mein Zimmer. Wir wollten Fotos gucken auf dem Laptop.

"Wollen wir uns aufs Bett setzen?" fragte ich. Er nickte. "Schön breit, das Bett." Grins. "Willst du hier schlafen?" nutzte ich meine Chance, ihn entscheiden zu lassen. Seine spontane Antwort: "Darf ich denn?" - Was hat er vor?! "Kommt drauf an, ob du lieb bist", gab ich zurück. Aus dem 'Fotos gucken' wurde nicht viel, es war mehr Geknutsche und Gefummel. Als er mir unter das T-Shirt gehen wollte, hielt ich ganz still, machte die Augen zu und genoss. Er traute sich aber nicht weiter als bis kurz über den Bauchnabel. Ich bekam eine Gänsehaut, so schön war das.

Gegen Mitternacht wollten wir ins Bett gehen. Er verschwand im Bad, ich kümmerte mich schnell um meinen Blog und löschte alles, was irgendwie Mist war oder sich auf den Mist bezog. (Ist ja immer schlecht, wenn solche Bezug nehmenden Beiträge alleine da stehen, auch wenn der Beitrag sonst in Ordnung ist.)

Er war nicht darauf vorbereitet, bei mir zu schlafen (ist das nun ein gutes, ein schlechtes oder ein beabsichtigtes Zeichen?) und hatte ein T-Shirt und eine Shorts an. Ich machte es ihm nach und wir beide verschwanden im Bett. Ich hoffte, meine Blase würde sich in dieser Nacht benehmen. Wenn Simone oder Cathleen bei mir im Bett schläft, hatten wir bisher immer eine Pampers an, schließlich muss man den anderen nicht ungefragt an einem Bad teilnehmen lassen. Bei Jan wollte ich es erstmal so versuchen und ihn vielleicht später noch darauf ansprechen.

Ich legte mich auf die eine Seite, deckte mich zu. Jan krabbelte hinterher, kroch unter seine Decke. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis eine Hand unter meine Bettdecke kam. Er streichelte mir den Bauch unter meinem T-Shirt. Seine Hand war warm und weich. Ich rutschte etwas dichter an ihn heran. Er zog mich fest an sich und umklammerte mit seinen Armen meinen Körper. Wir lagen nun Bauch an Bauch. Und knutschten uns die Lippen wund. So fühlte es sich zumindest irgendwann an, als die Uhr auf drei zuging.

"Wollen wir schlafen?" fragte er irgendwann. Ich nickte. "Willst du auf mir liegen?" fragte er mich. "Und auf meinem Bauch einschlafen?" Verlockende Idee.

"Dann geh ich aber vorher nochmal auf Klo. Sicher ist sicher", antwortete ich. Er nahm das so hin. Als ich wiederkam, krabbelte ich zu ihm unter die Bettdecke, legte mich auf ihn, mein Ohr auf seine Brust. Ich konnte seinen Herzschlag hören. Es war weich und warm. Ich spürte aber noch was anderes spannendes an meinem Bauch. Wir beide schliefen friedlich ein. Nach rund einer Stunde war mein Arm taub, deshalb legte ich mich neben ihn, aber trotzdem so, dass ich ihn berührte, und legte einen Arm über ihn.

Heute morgen um 10 wachte ich auf. Mein erster Griff versicherte: Es war alles trocken. Allerdings habe ich morgens nach dem Aufwachen nie viel Zeit bis zum Klo. Und ich sollte dabei auch besser nicht über ihn rübersteigen. Ich bat ihn, mich einmal schnell durchzulassen. Es kam kein "Och, ist doch gerade so schön", kein "Keine Panik" oder ähnliche Diskussionsstarts, sondern er setzte sich hin, ließ mich mit einem Küsschen auf den Mund durchkrabbeln, zack, saß ich in meinem Stuhl. Dabei pupste ich natürlich laut. Ich hoffte, dass er das nicht gehört hatte, aber er grinste gleich und sagte: "Puuuuups!" Und ließ sich wieder auf sein Kopfkissen fallen.

"Entschuldigung." sagte ich. "Ich habe das leider nicht so unter Kontrolle." Er sagte gar nichts. Ich musste erstmal ins Bad. Als ich wiederkam, lag er auf dem Bett, hatte die Bettdecke zurückgeschlagen und das T-Shirt ausgezogen. Was für eine Einladung. Ich krabbelte wieder ins Bett, knutschte ihm die Brust und legte mich wieder so hin wie wir gestern abend eingeschlafen sind. Ich wollte das unbedingt nochmal klären. "Das passiert mir leider öfter mal." sagte ich. - "Was?" fragte er. - "Na, Puuuuups!"

"Ich stell mir das lustig vor beim Bewerbungsgespräch", witzelte er. "Oder bei einem Vortrag vor der Klasse." - "Mir reicht schon, wenn das in der ersten Nacht mit dem Freund passiert", antwortete ich.

"Du hast heute nacht auch schon zwei Mal gepupst", sagte er. Ich hob meinen Kopf und blickte ihn entsetzt an. "Wie peinlich!" - "Bei dem einen Mal hast du dazu noch mit dem Mund geschmatzt - als würdest du gerade Gummibärchen essen. Daraus habe ich geschlossen, dass es dir gut geht." Boa, war der gemein. Ich legte mich wieder auf seine Brust. Ich merkte, wie ich rot anlief und mein ganzes Gesicht glühte. Er streichelte mir über die Haare. "Darf ich dich Pupsi nennen?"

Ey hallo? "Ich finde das nicht witzig, dass du dich darüber lustig machst." fauchte ich ihn an. Er antwortete: "Ich mache mich nicht lustig, ich nehme das mit Humor. Solltest du auch tun. Du sagst ja selbst, du kannst es nicht ändern." Schon. Richtig. Aber trotzdem möchte ich nicht mit einem solchen Kosenamen aufgezogen werden. Ich überlegte einen Moment, entschied mich dann aber für Diplomatie: "Ich finde das trotzdem nicht gut. Stell dir vor, ich hätte ins Bett gepisst. Dann würdest du mich jetzt 'Pissi' nennen, oder was? Das verletzt mich."

Dann kam die unglaubliche Antwort: "Nö, dann hätte ich zurückgepisst", sagte er und lachte dabei, als wenn er den Witz des Tages erzählt hätte. Hatte er vielleicht auch, ich weiß es nicht. Ich fand das alles überhaupt nicht witzig, denn ich habe mir tagelang einen Kopf gemacht, damit genau so eine Situation nicht eintritt. Er nahm mich und meine Probleme nicht ernst, sondern machte sich darüber lustig. Ganz toller Freund.

"Ich geh mal Frühstück machen", sagte ich. "Ich weiß nicht, ob du duschen möchtest in der Zwischenzeit, ich muss heute vormittag noch einige Dinge erledigen." - "Och Pupsi", sagte er, "nun hab dich nicht so. Wir hatten so einen tollen Abend und so eine schöne Nacht und nun regst du dich über einen Pups auf." - "Ich rege mich nicht über den Pups auf, sondern über deine beschissene Reaktion. Du machst dich über mich lustig, und darauf habe ich keinen Bock."

"Das ist nunmal so bei den Rollstuhlfahrern", sagte er. "Wenn du aus dem Stuhl kippst, lachen auch alle. Es sei denn, dir passiert was ernstes. Dann helfen dir alle und zwar ohne dass du überhaupt einmal darum bitten musst. Du kannst dir aussuchen, ob du deine Behinderung akzeptierst und über sie und vor allem über dich lachen kannst, oder ob du sie ernst nimmst und sie dein Leben bestimmen lässt. Du kannst es doch nicht ändern. Du pupst sowieso, ob du willst oder nicht. Also sei einfach du selbst, und wenn dir danach ist und die Situation komisch ist, dann lache drüber, sonst ignoriere es einfach, und sollten Leute dabei sein, die das nicht wissen, dann entschuldige dich, um dein Gesicht zu wahren."

Ich schluckte. Der Monolog ging weiter. "Bei deiner Behinderung sind peinliche Sachen vorprogrammiert. Einmal liegst du auf der Straße, der Rollstuhl auf dir drauf, einmal hältst du die Bahn auf, weil sich eine Rampe verkeilt hat oder sich plötzlich nicht mehr einfahren lässt, einmal müssen dich ein halbes Dutzend Leute eine Treppe hochtragen, einmal brauchst du fünf Anläufe, um dich aus einem Schwimmbecken rauszuheben, einmal kommst du als einzige nicht durch eine schmale Tür oder durch die schmale Kasse im Supermarkt, einmal siehst du als einzige nichts, einmal stolpern Leute in der überfüllten U-Bahn über dich, einmal pupst du laut und alle kriegen es mit und einmal pinkelst du dir vor allen Leuten in die Hosen. Alle Leute gaffen, Kinder suchen die Hand ihrer Mutter und fragen, warum die Frau oder der Mann das tut oder warum das so ist und du würdest am liebsten sehen, wenn alle weitergehen oder zumindest nicht blöde gaffen oder gar noch Fragen stellen würden. Oder noch besser: Dich einfach in Luft auflösen. Das geht aber nicht. Das wurde nicht erfunden. Man kann also sich nur der Situation stellen. Das gelingt am einfachsten, wenn jemand aus der Szene oder auch gute Freunde dabei sind und man gemeinsam darüber lachen kann. Das gelingt aber auch, wenn man über sich selbst und seine Behinderung lachen kann. Kann man das nicht, geht man irgendwann seelisch kaputt und entwickelt sich zu einem alten, jähzornigen Greis, der aufs Amt stürmt und alle runterputzt, weil ihm 10 Prozentpunkte für eine Voll-Invalidität fehlen. Oder weil die Rollstuhlrampe vor dem Gebäude um 0.8 Zentimeter zu schmal ist - einen Zollstock haben solche Leute immer dabei."

Ich schluckte nochmal. "Trotzdem möchte ich nicht 'Pupsi' genannt werden. Ich finde es ja sehr gut, wenn dich das nicht stört. Aber man muss es nicht auch noch betonen." - "Da hast du vielleicht recht. Vielleicht habe ich etwas überzogen reagiert, als du dich dafür entschuldigt hast und ich merkte, dass dir das ziemlich peinlich ist. Aber trotzdem möchte ich, dass du darüber einmal nachdenkst."

Das werde ich mit Sicherheit tun. Aber erstmal werden wir jetzt Heilig Abend feiern. Er mit seiner Familie, ich mit einigen Leuten aus der WG. Wir wollen auch noch in die Kirche. Ich freue mich auf einen schönen Abend.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Überforderte Schisssocke

Kaum beginnt der beknackte Schnee draußen zu tauen, bin ich auf dem besten Weg zu neuem Glatteis. Seit gut drei Wochen bin ich inzwischen mit Jan zusammen, er kann gut küssen, er fasst sich gut an, wenn wir im Whirlpool eng aneinander ein paar Zärtlichkeiten austauschen, er schmeckt lecker, er riecht gut ... ich will mehr!

Doch ich verzweifel im Moment an einer sehr schwierigen Entscheidung: Soll ich mit ihm vorher darüber sprechen, dass und warum ich außerhalb meiner vier Wände Pampers trage - oder findet er das am besten selbst raus? Dass einige Rollstuhlfahrer und vor allem Rollstuhlfahrerinnen so die nicht ganz so gesellschaftsfähigen Folgen ihrer Undichtigkeit diskret neutralisieren, wird ihm sicherlich bekannt sein. Aber wird es ihn schocken? Wird er damit umgehen können oder wird er hoffen oder gar davon ausgehen, dass ich zu den modernen Kathetermäuschen gehöre, die sich - durch blasenlähmende Medikamente oder regelmäßige Botoxspritzen in die Blasenwand - untenrum komplett dicht machen lassen?

Ich weiß von zwei guten Freundinnen, dass genau dieses Problem alles auf einen Schlag beenden könnte. "Ich melde mich dann mal wieder..." Ich habe Angst, dass Jan sich die Frage stellen könnte, warum ich das noch vor dem ersten Fummeln anspreche, wenn es doch eigentlich gar keine Probleme damit gibt - und vermuten könnte, dass ich mich als Katze im Sack verkaufen möchte.

Von vielen Leuten außerhalb der Rolliszene bekam ich zu fast 100% den Rat, es vorher anzusprechen und offen darüber zu reden. Aber so einfach ist das nicht. Nicht, weil ich nicht über das Thema reden kann. Sondern weil ich denke, etwas falsch zu machen und ihn entweder zu unterschätzen oder ihn zu überfordern. Ich kann ihn einfach nicht einschätzen. Letztlich wäre es mir am liebsten, ich würde beiläufig auf dieses Thema kommen. Oder jemand aus meinem Umfeld würde es erwähnen und ich könnte Jans Reaktion sehen und dann einhaken. Mir fehlt der Anlass, warum ich mit ihm darüber reden sollte. Es soll eben nicht so wirken, als wenn ich davon ausgehe, er habe Vorurteile oder als wenn ich damit Probleme hätte. Gleichzeitig muss ich noch erklären oder zumindest durchblicken lassen, warum ich das überhaupt anspreche.

Diejenige, die ich mir noch am besten vorstellen könnte, mir bei dem Gespräch zu helfen, rät mir davon ab, es überhaupt vorher anzusprechen. Ich wünschte echt, ich hätte es hinter mir.

Montag, 21. Dezember 2009

Ein Nein zur Therapie

Ich habe mich inzwischen mit meiner Psychologin darauf geeinigt, mich aus der Therapie meiner Mutter komplett herauszuhalten. Das heißt: Ich werde sie weder besuchen, noch an Familien- oder Mutter-Kind-Therapien teilnehmen. Wir haben fast eine Stunde lang nur darüber geredet, ob ich das tun sollte oder nicht. Letztlich kristallisierte sich das immer mehr heraus, was ich schon von Anfang an dachte: Ich möchte meinen zukünftigen Weg nicht zusammen mit meiner Mutter gehen.

Es ist letztlich eine sehr schwere Entscheidung und es ist mit Sicherheit keine lang-, sondern eher eine mittelfristige. Diese mittelfristige Entscheidung musste aber sein, denn nur mit kurzfristigen Ausreden oder neuen Hoffnungen von einer Woche auf die nächste hätte meine Mutter nicht leben können. Es ist aber wichtig, dass sie weiß, woran sie ist.

Ich habe mich so entschieden, weil ich der Überzeugung bin, dass ich meiner Mutter nicht helfen werde, wenn ich an ihrer Therapie teilnehme oder sie regelmäßig besuche. Ob ich dabei bin oder nicht - der Schlüssel zum Erfolg und zum Fortschritt ihrer Therapie liegt anderswo. Ich bin überzeugt, dass sie auch ohne mich ihr Problem auf bestmögliche Weise löst und es auch mit mir ungelöst lassen könnte. Der Weg ohne mich ist sicher ein anderer und vielleicht auch anfangs ein schwierigerer. Aber es gibt einen Weg.

Auf der anderen Seite bin ich nach über einem Jahr intensiver Therapie heute an einer Stelle meines Weges, wo die ersten Freunde zu mir sagen: "Die Stinkesocke macht ihr Ding inzwischen. Am Anfang dachte ich noch: Na, ob sie das wirklich schon alles so verkraftet hat? Oder ob da noch der herbe Rückschlag kommt? Aber nun bin ich zuversichtlich, dass sie sich in ihrem Umfeld und in ihrem Leben wohl fühlt."

Ich bin mir relativ sicher, dass ich auf einem guten Weg bin. Ich bin mir relativ sicher, dass mich die üblichen Dinge des Alltags, und seien sie noch so chaotisch, nicht einfach aus der Bahn werfen. Ich sehe nicht die Gefahr, in ein tiefes Loch zu stürzen. Ich sehe im Moment auch kein Potential für eine handfeste Krise. Sicher, wer weiß, wann ich den ersten Trennungsschmerz verkraften muss, wann ich einen fetten Harnwegsinfekt, eine fette Druckstelle oder andere heftige Komplikationen bekomme oder was sonst noch so alles passiert? Aber ich denke eben, ich bin auf einem guten Weg.

Ich bin mir aber ebenso relativ sicher, dass eine Therapie mit meiner Mutter mich von diesem Weg abbringen könnte. Sie vertritt, sei es durch ihre Überzeugung, sei es durch ihre Krankheit, Ansichten, die ich nicht teilen kann und nicht teilen möchte, die sich aber auch nicht verdrängen oder klären lassen. Sie hätte die Kraft, mein jetziges Leben in Unordnung zu bringen.

Damit meine ich nicht, dass ich mich nicht mit meiner Behinderung, meinem Leben, meinen Einschränkungen auseinandersetzen möchte. Ich meine damit, dass ich für mich einen Zugang zu meinem neuen Leben gefunden habe, den sie (genauso wie mein Vater) bisher immer in Frage, ins Lächerliche oder ins Unglaubwürdige gezogen hat. Ich müsste am Ende vermutlich für meine eigene Existenz argumentieren. Die Kraft habe ich nicht. Und das ist der Punkt, an dem ich egoistisch genug bin, meiner Mutter den Wunsch nach Besuch und gemeinsamer Therapie ihrer Erkrankung abzuschlagen.

Sonntag, 20. Dezember 2009

Zweiohrküken und Keinstromaufzug

Fast jeder erfolgreiche Kinofilm wird ein zweites Mal aufgewärmt. Mit einem zweiten Teil. Der zweite Teil wird meistens mit weniger finanziellen Mitteln produziert als der erste, und so wundert es nicht, warum der zweite (dritte, vierte, ...) Aufguss oft nicht mal annähernd das Niveau des ersten Filmes erreicht. Nicht so bei "Keinohrhasen". Dessen zweiter Teil, "Zweiohrküken", ist durchaus sehenswert. Ich persönlich finde ihn wesentlich trauriger und tiefsinniger als den ersten Film, aber am Ende sind alle happy. Etliche Gags sind auch dabei, einige niveauvolle, viel Schweinkram und die übliche Portion Machogehabe. Im Gegensatz zum ersten Film (oder habe ich es nur schon verdrängt) gibt es einige sehr alberne und irreale Szenen.

Zusammengefasst: Der Film hat mir gefallen. Das Popcorn hat auch geschmeckt. Die Leute, mit denen ich dort war (Sofie, Frank, Liam und Lina), waren gut drauf. Der Rest war Scheiße. Stinkesocke meckert mal wieder. Über ein Chaos, wie es in einer Comedy nicht besser könnte vorkommen.

Sinnvollerweise reserviert man für einem Samstagabend die Kinokarten vorher. Es gibt eine Reservierungs-Hotline. Dort unterhält man sich mit einem Computer. Über den kann man sich durch ein Menü fragen und für jede erdenkliche Vorstellung jede freie Karte reservieren. Ob Loge oder Parkett, ob am Gang oder in der Mitte, egal welcher Film, welche Uhrzeit und mit wievielen Personen, man bekommt am Ende eine Abholnummer und kann sich direkt im Kino seine vorbestellten Karten aus einem Automaten holen. Das gleiche funktioniert auch über ein Online-Portal. Super bequem. Es sei denn, man ist Rollstuhlfahrer. Rollstuhlfahrerplätze lassen sich nicht über das Internet oder über den Sprachcomputer der Hotline reservieren. Es gibt aber auch keine Möglichkeit, im Kino direkt anzurufen. Es sei denn, man kennt den Trick 17: Man quatscht sich durch sämtliche Abfragen durch und gibt dann bei der Anzahl der zu reservierenden Karten einfach "neun" (oder mehr) ein. Dann nämlich wird man mit einer Mitarbeiterin der Kasse verbunden, die die Bestellung persönlich aufnimmt.

Leider kommt diese Abfrage für die Anzahl erst ganz am Ende. Und es kann sein, dass an der Kasse gerade so viel zu tun ist, dass es dann heißt: "Zur Zeit sind alle Abfrageplätze belegt. Bitte rufen Sie später wieder an." Wie nervig. Toll auch, wenn man Rollstuhlfahrerplätze und weitere Plätze für Fußgänger reservieren will. Beides zusammen geht nämlich nicht. Man muss also die Rollstuhlfahrerplätze über die Dame an der Kasse persönlich reservieren, danach noch einmal anrufen und die Fußgängerplätze über den Sprachcomputer reservieren. Leider bekommt man so keine zusammenhängenden Plätze. Was im Klartext heißt: Wenn man mit einer Gruppe, bestehend aus Rollifahrern und Fußgängern, gemeinsam ins Kino will, fährt man am besten morgens ab 10 Uhr schonmal vorbei und kauft sämtliche benötigten Karten für die jeweilige Vorstellung.

So machte das auch Lina gestern. Leider verfügt dieser eine Kinosaal nicht über rollstuhlgerechte Plätze, sondern nur über einen rollstuhlgerechten Zugang. Daher fragte die Mitarbeiterin an der Kasse, ob wir uns auf normale Sitzplätze am Gang umsetzen könnten. Selbstverständlich. Nur darf man leider nicht voraussetzen, dass die Mitarbeiterin mitdenkt. Sonst hätte sie nämlich diejenigen Sitzplätze in der mittleren Reihe des Kinos genommen und nicht die in Reihe 5. Die Sitzplätze waren zwar am Gang, allerdings musste man, um zu Reihe 5 zu kommen, erst 10 Stufen abwärts fahren. Wie schön, dass Liam kräftig genug war, um seine Mädels über die Stufen zu befördern.

Aber auch die Hin- und Rückfahrt war genial. Dass Schnee liegt und immer mehr Schnee fällt, liegt wohl an der Jahreszeit. Warum aber wird die Treppe an "unserem" S-Bahnhof geräumt, der Weg zum Aufzug aber nicht? Es war kaum vorwärts zu kommen in dem dicken Matsch und so verpassten wir erstmal die Bahn. Zeit genug, genau diese Frage mal an der Infosäule zu stellen. Antwort: "Die Räumung der Bahnhöfe wird durch Subunternehmen geleistet. Dort sitzen anscheinend nicht die hellsten Köpfe. Ich werde das umgehend weitergeben." Okay.

Nach dem Kino kehrten wir noch kurz in unserer Lieblingskneipe in der Schanze ein, tranken noch ein Bier, bevor es zurück nach Hause gehen sollte. Die Haltestelle "Sternschanze" ist im S-Bahn-Bereich rollstuhlgerecht, die Rolltreppe war zwar defekt, jedoch funktionierte der Aufzug. Zumindest bis wir oben ankamen. Oben dachte er sich: "Meine Fahrgäste sind so nett, ich mach einfach mal die Tür nicht auf und genieße ihre Anwesenheit noch ein wenig länger." Liam war über die Treppe gegangen und stand nun draußen. Kein Knopfdruck, kein Rütteln an der Tür konnte diese dazu bewegen, sich uns zu öffnen.

Also fuhren wir wieder nach unten. Das ging. Aber unten das gleiche Spiel: Die Tür öffnete sich nicht. Noch ein letztes Mal nach oben: Wieder Fehlanzeige. Zeit für den Alarmknopf. Nach 30 Sekunden eine Sprechverbindung mit der Notrufzentrale der S-Bahn Hamburg: "Guten Morgen, sie haben den Notruf gewählt?" - "Ja, guten Morgen, wir stecken im Aufzug fest. Die Tür bleibt verschlossen." - "Es sind zu viele Personen im Aufzug." - "Wie bitte?" - "Es sind zu viele Personen im Aufzug." - "Es sind genau 4 Personen im Aufzug und das Ding ist auf 825 Kilogramm ausgelegt. Wir wiegen nicht mal die Hälfte." - "Es ist kalt, vier Personen sind zu viele für den Aufzug. Fahren Sie bitte einzeln hoch, dann klappt das." - "Naja, jetzt wir kommen hier nicht mehr raus." - "Ja, fahren Sie bitte einzeln hoch!" - "Ja, das geht nicht, die Tür öffnet sich nicht. Wir würden ja gerne aussteigen, nur es geht nicht." - "Ja, fahren Sie bitte nach unten und steigen Sie dort aus. Bis auf einen. Und dann fahren Sie einzeln hoch." - "Unten öffnet sich die Tür auch nicht." - "Probieren Sie das bitte aus." - "Das haben wir schon ausprobiert." - "Probieren Sie es bitte nochmals aus. Ich möchte das sehen."

Ah, Big Brother is watching us. Also fuhren wir nach unten. Unten das gleiche Spiel: Die Tür blieb zu. "Ich werde einen Techniker anrufen und mich gleich wieder bei Ihnen melden." Geniale Idee. Nach 10 Minuten meldete sich der Herr wieder: "Ich habe einen Techniker erreicht, der ist auf dem Weg zu Ihnen. Das wird aber noch einen Moment dauern." - "Wie lange?" - "Etwa 30 bis 45 Minuten. Der Techniker ist zur Zeit in Bergedorf. Und es liegt Schnee. Ich bitte Sie um ein wenig Geduld, der Techniker kommt so schnell es geht." Wahnsinn.

"Ich muss mal", sagte Lina. Ich liebe ihren Humor. "Mach doch in die Hose", antwortete Frank ohne eine Miene zu verziehen. Lina streckte ihm die Zunge raus. "Oh menno. Kalt!"

Eine Stunde später drückten wir erneut auf den Notrufknopf. "Der Techniker kommt so schnell es geht, sie müssten sich leider noch einen Moment gedulden." Idioten. Bevor wir noch etwas fragen konnten, hatte er schon aufgelegt. So langsam wurde es wirklich kalt. Lina verlor langsam die Geduld. "Ich piss mir hier echt gleich in die Hosen. Das kann doch nicht Stunden dauern!" Frank fragte: "Hat einer ne Windel für Lina?" Sofie und ich schüttelten den Kopf. Solche Vorräte, dass man noch andere damit versorgen kann, nehme ich für gewöhnlich nicht mit. Jetzt wurde es Frank zu bunt. Er drückte erneut den Notrufknopf. Es tutete und tutete, aber niemand meldete sich. Ich kann verstehen, dass es keinen Spaß macht, Leute in Notlagen zu vertrösten. Aber zumindest eine ungefähre Angabe zur Wartezeit wollten wir haben. Es war nichts zu machen. Es meldete sich niemand.

Also griff Frank zum Handy. "Rollstuhlfahrer und ihre Beziehung zur Polizei" - darüber könnte ich bald einen eigenen Aufsatz schreiben. Das zweite Mal innerhalb von drei Tagen, dass ich mir absolut hilflos vorkam. "Guten Morgen. Wir sind eine Gruppe von vier Rollstuhlfahrern, die am S-Bahnhof Sternschanze seit fast zwei Stunden im Aufzug festhängt. Die Notrufzentrale hat uns auf eine Wartezeit von etwa einer Stunde eingestimmt, ist aber jetzt nicht mehr erreichbar. Wir frieren und müssen zum Klo. Können Sie uns irgendwie helfen?" Frank wurde gefragt, wo genau das ist und wo man ihn zurückrufen könne. Vermutlich war das eine Rückfrage, um die Authentizität des Anrufes einzuschätzen, denn meines Wissens wird die Handynummer zur Polizei immer übermittelt. "Es ist bereits ein Fahrzeug zu Ihnen unterwegs." - "Ja, keine Panik bitte. Auf eine halbe Stunde mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr drauf an, wir würden nur gerne vor Sonnenaufgang mal wieder ins Warme." - "Das eingesetzte Fahrzeug müsste jeden Moment bei Ihnen eintreffen."

Oh nein. Man konnte durch den gläsernen Aufzug in die Schanzenstraße schauen. Ein Streifenwagen kam mit Blaulicht die Straße entlang und parkte direkt vor dem Eingang. Zwei junge knackige Uniformierte kamen die Treppe hoch und unterhielten sich mit Liam. Dann kamen sie zu uns. "Wir fragen gerade nochmal bei der Leitstelle der S-Bahn nach, was hier los ist. Ich habe schon von ihrem Kumpel gehört, dass sie hier schon 2 Stunden festhängen. Entweder kommt jetzt hier in den nächsten 5 Minuten ein Verantwortlicher vorbei oder wir holen die Feuerwehr. Verletzt ist aber niemand von Ihnen, oder?"

Als es hieß, dass der Verantwortliche noch etwa 15 Minuten brauche, antwortete der eine Beamte: "Dann bestell uns mal hier ein Fahrzeug der Feuerwehr zum Öffnen der Aufzugstür." Gesagt, getan. Ich schaute auf die Uhr: Diesmal waren es sechs Minuten. Auch die Feuerwehr kam mit Blaulicht. So ein Irrsinn. Ein großes Fahrzeug, sechs Leute drin, eine große Werkzeugkiste. Der dritte Schlüssel passte - die Tür war auf. Wir durften endlich aussteigen. Die Polizei sperrte die Aufzugstüren oben und unten mit Flatterband ab.

Da es schon kurz vor drei Uhr war, mussten wir in Altona umsteigen. Natürlich war an "unserem" Bahnhof zwar frisch geräumt und gestreut worden (irgendwann an dem Abend oder in der Nacht), der Weg zum Aufzug jedoch immernoch nicht. Wenigstens funktionierte er. Als wir endlich wieder zu Hause waren, wollte ich nur noch ins Bett. So ein schöner Abend mit so einem bescheuerten Abschluss. Am meisten genervt war Lina, denn die musste vor dem Zubettgehen noch duschen.