Sonntag, 29. November 2009

Rollstuhlfahrer unerwünscht

"Oh nein, nicht schon wieder so ein Behindi-Mitleids-Thema", werden die ersten Leser nach der Überschrift denken. Tja, liebe Leser, ich wünschte auch, dass ich so etwas nicht ständig miterleben müsste. Meine Leser können weiterscrollen, das wünsche ich mir für mein Leben in solchen Momenten auch.

In Momenten, wo die Welt in Ordnung ist, wo ich versuche, meinen Jan anzugraben, gerade seine volle Aufmerksamkeit habe, ihn bei lauter Diskomusik antanze, ihm Salzstangen in den Mund stecken darf (nicht mit dem Mund, aber immerhin frisst er mir inzwischen aus der Hand...) und wo es dann plötzlich heißt: "Behinderte raus!"

Das wurde so nicht ausgesprochen. Soll ich erwähnen. Sagt Frank, der Jurist aus unserer WG. Aber ich darf öffentlich sagen, dass man gestern abend sieben Rollstuhlfahrer aus dem Roschinsky geworfen hat - und nur die sieben Rollstuhlfahrer. Dass ihnen angedroht wurde, man würde die Polizei rufen, wenn sie dem Rauswurf nicht nachkommen und somit einen Hausfriedensbruch begehen. Schließlich darf die Inhaberin ja selbst entscheiden, welche Gäste sie haben will und welche nicht.

St. Pauli ist eine eher linke Szene. Entsprechend gibt es auch Menschen, die nicht wegschauen, sondern sich einmischen. So verließen mit uns rund 50 Leute die Kneipe und schworen, den Laden niemals wieder aufzusuchen. Einige Gäste verlangten, die Geschäftsführerin sprechen zu dürfen. Nachdem das draußen immer weiter eskalierte, kam sie vor die Tür und erklärte, dass es Sicherheitsbestimmungen gäbe, an die sie sich zu halten hätte. Mit uns wollte sie aber nicht sprechen.

Morgen früh hat einer der Beteiligten einen Termin bei der Boulevardpresse. Man muss sich ja nicht alles gefallen lassen. Ich bin gespannt, ob die etwas schreiben.

Mittwoch, 25. November 2009

Kampf der Giganten

Ich habe drauf gewartet, jetzt ist es endlich da: Das Video vom letzten Rollstuhlbasketballspiel in Wetzlar. Man muss es gesehen haben. Die beiden besten deutschen Mannschaften kämpfen um den Sieg. Etliche Dreipunktewürfe (Distanz mehr als 6,25 Meter, dazu der Höhenunterschied beim Rollstuhlbasketball von rund 1,50 Meter) wie am Schnürchen und eine Bombenstimmung mit 4.000 Zuschauern in der restlos ausverkauften Arena sind immer wieder eine Reise wert. Auch wenn Wetzlar von Hamburg mit dem Zug etwas schwierig zu erreichen ist.

Bitte schaut Euch das Video an - es lohnt sich.


Na? Zuviel versprochen?

Dienstag, 24. November 2009

Tod einer Sozialtherapeutin

Seit meiner Entlassung aus dem Krankenhaus hilft mir -bis ich 18 bin- eine Sozialtherapeutin, in ein selbständiges Leben zu finden. Frau W. habe ich zuletzt vor 14 Tagen gesehen, letzten Dienstag fragte mich eine andere Mitarbeiterin der Einrichtung am Telefon, ob ich eine Woche ohne diese Hilfe auskommen würde, da Frau W. krank sei. Selbstverständlich komme ich mal eine Woche ohne Frau W. aus, selbstverständlich auch zwei oder drei. Ich bin ohnehin dafür, diese Besuche zu meinem 18. Geburtstag einzustellen, da ich mich selbstständig genug fühle. Im Gegensatz zu Cathleen, die ihre Sozialtherapeutin (von einer anderen Einrichtung) sehr in Anspruch nimmt, was auch okay ist und wofür sie ja auch bezahlt wird.

Aber zurück zu meiner Frau W. Bei mir stellte sich heute ihre Nachfolgerin vor. Frau S., keine zehn Jahre älter als ich, gerade mit dem Studium fertig und ohne jede Berufserfahrung. Und ohne jedes Feingefühl. Ich bin, was meine Behinderung angeht, sicher nicht zimperlich, aber da ist sie gleich angeeckt. Und als ich sie dann fragte, ob sie mir was zu Frau W. sagen könnte, immerhin hat sie sich noch nicht mal von mir verabschiedet, erwähnte sie nahezu beiläufig, dass sie sich in der letzten Woche umgebracht hätte.

Bitte was?! Ja. Beim Job ein Sparbuch einer Klientin eingesteckt, beim Geld abheben geschnappt worden, verhört worden, aus dem Job fristlos rausgeflogen, eine Nacht gegrübelt, keinen Ausweg gesehen, Suizid. Stand sogar in der Zeitung - die ich nicht lese. Wie kann so etwas sein?!

Ich bin völlig geplättet. Völlig neben der Spur. Davon abgesehen, dass ich es ihr nicht zugetraut hätte und sehr verwirrt bin, dass ich mich so getäuscht haben könnte in einem Menschen - da macht jemand einen Job, bei dem er Menschen, die durch irgendein Ereignis (es muss ja nicht unbedingt ein Unfall mit Querschnittlähmung sein) aus ihrem Lebensmittelpunkt geschoben werden und zurück in ein geordnetes Leben, in ein gesellschaftliches Miteinander wollen, dabei hilft, ihre zum Teil nahezu unüberwindbaren Probleme zu lösen - und dann ist jemand so naiv, dass er glaubt, mit gestohlenem Geld glücklich oder sorgenfrei zu werden?

Und dann lässt sie sich erwischen und schafft es dann nicht, reinen Tisch zu machen? Klar, der Job ist weg. Der gute Ruf auch. Ich persönlich hätte mir nicht vorstellen können, ihr weiterhin zu vertrauen, wenn sich diese Geschichte denn wirklich so zugetragen hat. Aber deshalb sich umbringen? Sein Leben wegwerfen?

Nun, es kann jeder mit seinem Leben machen was er will. Es steht mir auch nicht zu, darüber zu urteilen. Ich kenne die Fakten nicht, nur Gerüchte und Halbwahrheiten aus der Zeitung. Ich bezweifel aber, dass diese Entscheidung eine gute war. Wäre ich die Betroffene, wäre ich vermutlich fuchsteufelswild und endlos sauer. Ich würde nach einer harten Strafe rufen. Es geht überhaupt nicht, dass ein Mensch, der für einen irgendwie "Bedürftigen" soziale Dienste erbringt, diesen bestiehlt. Ich hätte mich vermutlich dafür stark gemacht, dass sie nicht mehr in diesem Job arbeiten darf. Aber mit einer Bewährungsstrafe hätte ich leben können. Trotz eines solchen Vergehens bleibt sie ein Mensch. Auch wenn sie Schuld auf sich geladen hat.

Mit meinen Leuten in der WG habe ich sehr intensiv über diese Neuigkeit gesprochen. Alle waren fassungslos über diese so heftige Tat. Auch wenn ich meine Gedanken einige Stunden später wieder ein wenig geordnet habe - unbegreiflich bleibt es mir wohl für immer. Ich kann vor allem nicht begreifen, dass ich sie vor zwei Wochen noch scheinbar völlig sorgenfrei gesehen habe. Mit ihr geredet habe, mich verabschiedet habe bis zur nächsten Woche. Und dann sowas?!

Sonntag, 15. November 2009

Ein Rennrollstuhl für 1.500 Euro

Um die Frage zu beantworten, ob man sich einen neuen Rennrollstuhl zulegt, muss man sich erstmal selbst die Frage stellen, ob man diesen Sport überhaupt langfristig und professionell machen möchte. Denn so ein Sportgerät kostet in einfachster brauchbarer Ausstattung mindestens 5.000 Euro. Da ich noch nicht hundertprozentig weiß, wie ich in den nächsten zwei Jahren mit der Schule zurecht komme, ob ich mich in meiner Leistung entsprechend steigern kann, ob ich überhaupt die Zeit habe, intensiv zu trainieren, ob dieser Sport für mich das richtige ist und ob mein Körper ein dauerhaftes intensives Training akzeptiert, wäre es aus meiner Sicht verfrüht, so viel Geld dafür auf den Tisch zu legen.

Aber eine Entscheidung musste her, denn den Rennrollstuhl, den ich bisher leihweise nutzen konnte, sollte verkauft werden. Die Eigentümerin brauchte das Geld. Insofern kam mein Verein gestern abend gleich mit zwei Nachrichten auf mich zu: Erstens könnte ich den Stuhl nicht mehr länger leihweise nutzen und müsste ihn gereinigt und gewartet zurückgeben, zweitens würde man den Stuhl als Vereinseigentum kaufen und ihn mir dann wieder leihweise zur Verfügung stellen.

So sicher bin ich mir dann aber doch, dass ich die geforderten 1.500 Euro für einen Stuhl, der dann mir privat gehören würde, investieren wollte. Man muss zwar kein Geld zum Fenster rausschmeißen - eigentlich könnte ich ja froh sein, wenn mir der Verein "meinen" Stuhl kauft und ihn mir dann, wann immer ich ihn brauche, verleiht. Aber: Ich würde ihn dann halt nicht alleine benutzen. Wenn ich mal nicht zum Training käme oder irgendwo Materialmangel herrscht (auf Wettkämpfen etc.), könnte es gut sein, dass auch andere Vereinssportler ohne eigenen Rennrollstuhl dieses Gerät ausgeliehen bekommen.

Gehen wir mal davon aus, dass auch alle so sorgfältig damit umgehen wie ich, so müsste ich doch jedes Mal meine Einstellungen wieder finden. Bei Defekten wäre ich diejenige, die dann überraschend keinen Stuhl hat oder erstmal Reifen flicken muss. Und dann eben nicht zu guter Letzt der hygienische Aspekt. Sicher benutzt jeder sein eigenes Sitzkissen und selbstverständlich wird der Stuhl nach jedem Einsatz gereinigt. Aber trotzdem möchte ich mir nicht vorstellen, dass direkt vor mir schon jemand anderes trainiert hat, alles völlig verschwitzt oder vom Regen durchnässt ist, und ich mich dann in einen feuchtwarmen Rollstuhl setzen muss. Ganz zu schweigen von anderen Sekreten oder Körperflüssigkeiten, die während Wettkämpfen oder intensivem Straßentraining bei einigen Athleten ihren Lauf nehmen.

So konnten wir uns kurzerhand darauf einigen, dass ich den Rennrollstuhl privat anschaffe und der Verein für die eingesparten 1.500 Euro ein weiteres Sportgerät, nun für den noch jüngeren Nachwuchs, im nächsten Frühjahr anschafft. Nach Zustimmung meiner Eltern darf ich nun einen gebrauchten Rennrollstuhl mit internationaler Karriere (wer hat sowas schon?) mein Eigen nennen.

Zu einer der vermutlich letzten Nachtfahrten vor dem Wintereinbruch sind Cathleen, Kristina, Merle, Nadine, Simone, Yvonne und ich heute nacht aufgebrochen. Es war angenehm warm, aber doch zu kalt, um kurzärmlig zu fahren. Die Straßen waren nass, aber es regnete zunächst nicht. Die Strecke, Länge rund 18 Kilometer, kannte ich noch nicht: Aus Niendorf am Airport vorbei, durchs Niendorfer Gehege, Farnhornweg bis Luruper Chaussee und dann mit einem Knick zu unserem Zielpunkt in der Nähe des Volksparks.

Tatjana hatte große Lust auf Konditionstraining und wollte uns in vier Intervallen zu je vier Minuten in Höchstgeschwindigkeit durch die Nacht donnern sehen. Nach einem allgemeinen Aufwärmprogramm waren einzelne Streckenabschnitte wie gemacht dafür. Aber leider machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. In einigen Straßen lief das Wasser wegen des Laubs zum Teil so schlecht ab, dass wir wegen tiefer Wasserpfützen langsam fahren mussten. In der Volksparkstraße fuhren drei Chaoten mit Kleinbussen mit so hoher Geschwindigkeit neben uns durch eine Wasserpfütze, dass wir drei Mal hintereinander regelrecht geduscht wurden. Yvonne und Simone kreischten laut - das Wasser war natürlich eiskalt. Und vor allem dreckig. Dieses unfreiwillige Bad zwang uns, erstmal langsam aus dem Bereich rauszufahren, dann aber anzuhalten und uns zumindest einmal grob die Haare, das Gesicht und die Hände abzutrocknen.

Ich hatte das Gefühl, meine ganzen Haare wären voller Sand. Insofern war ich auch nicht böse drum, als es in der Elbgaustraße zu regnen anfing. Die Luft war relativ warm, im zweistelligen Bereich, wir schwitzten durch das intensive Training und die warme Dusche war nicht mehr weit. Man könnte fast sagen, dass der Regen angenehm war. Auf jeden Fall nach der Schmutzwasserdusche.

Nadine und Kristina waren die ersten, die aus ihren Rollstühlen ausstiegen, alles stehen und liegen ließen und unter die heiße Dusche watschelten. Nadine und Kristina können trotz ihrer Lähmung gehen - und vor allem im Stehen duschen. Als Cathleen und ich mit Hilfe von Tatjana in den Duschraum kamen, standen dort im flackernden Licht zweier defekter Leuchtstoffröhren zwei Frauen, die auf dem Weg dorthin alle vom Regen und von der Matschdusche durchnässten Klamotten von sich gerissen und auf dem Fußboden verteilt hatten. Da lag eine Hose, hier lag ein BH und dorthinten trieben Armwärmer in Richtung Abfluss.

Ich nahm nur meinen Helm ab und packte die Funkeinheit weg, dann setzte ich mich in kompletter Montur unter die Dusche. Es war sowieso schon alles nass und wenigstens wurden so der ganze Sand und Dreck und einzelne Blätter, die bei dem Matschangriff über uns gegossen wurden, ausgespült und würden nicht zu Hause das Sieb unserer Waschmaschine verstopfen. Cathleen machte es mir nach, Simone, die kurz danach reingerollt kam, meinte nur: "Was macht ihr denn da? Ein Wetlook-Match?"

Natürlich haben wir uns beim Duschen noch ausgezogen, denn wir wollten ja auch sauber werden. Im Gegensatz zu der Sporthalle in Wandsbek, in der wir manchmal nach einem Straßentraining duschen, ist hier das Wasser wenigstens angenehm warm. Simone kam nach dem Training mit zu uns nach Hause. Bis spät in den Sonntag hinein träumten wir von unserer Strecke:

Freitag, 13. November 2009

Frisbee und Nackenschläge

In Hamburg ist wieder DOM! So heißt das größte Volksfest des Nordens im Stadtteil St. Pauli in der Nähe der Reeperbahn. Grund genug für Simone, Cathleen, Sofie, Frank und mich, diesem Volksfest mal wieder einen Besuch abzustatten. Eigentlich wollten Lina und Liam auch dabei sein, haben es sich aber kurzfristig doch noch anders überlegen müssen, da die Eltern von Liam unangemeldet zu Besuch kamen und erwarteten, dass die beiden mit ihnen in der WG bleiben.

"Was wollen Rollstuhlfahrer auf einem Volksfest?" könnte man denken und in der Tat hört man diese Frage auch manchmal. So oder so ähnlich. Da kann die Musik aus den Karussells noch so laut sein. Es ist schon richtig, in viele Fahrgeschäfte möchte ich gar nicht rein. Ich kann weder meinen Rumpf noch meine gelähmten Beine aktiv anspannen, würde also nur von den Sicherheitsbügeln gehalten werden. Das macht keinen Spaß, sich so durchschütteln zu lassen und immer Angst zu haben, dass sich die Füße irgendwo verklemmen oder man mit dem Kopf irgendwo gegenschlägt.

Aber: Es gibt durchaus auch Fahrgeschäfte, da macht es Spaß. Es gibt ein Kettenkarussell, das sich in dreißig Metern Höhe dreht. Absolut geiler Ausblick dort oben, nur etwas kalt. Aber man kann sich ja warm anziehen. Autoscooter mit rollstuhlgerechtem Zugang ist auch vorhanden und wird natürlich schamlos ausgenutzt. Einige andere Karussels gehen ebenfalls mit Hilfe durch das Personal, so zum Beispiel auch mein absoluter Favorit, die Frisbee. Eine Schiffschaukel, bei der aber kein Schiff schaukelt, sondern eine Drehscheibe. Es dreht und schaukelt also zur gleichen Zeit. Nervenkitzel pur.

Insgesamt muss man sagen: Das Hilfspersonal an den einzelnen Karussels versteht zwar meistens kein Wort Deutsch, ist aber hilfsbereit ohne Ende. Zieht einen die Stufen hoch oder trägt einen sogar - so freundlich erlebt man das nicht immer. Gerade im Bereich St. Pauli erlebt man ja auch oft sehr krasse Dinge. So blieb auch dieser Tag nicht ohne Erlebnis der besonderen Art: Während wir am so genannten Dom-Eck eine Bratwurst futterten, ging eine obdachlose Flaschensammlerin an uns vorbei und versetzte Sofie ohne jede Vorwarnung und ohne jeden Grund, quasi im Vorbeigehen, einen Handkantenschlag ins Genick. Lachte und ging weiter. Wir waren so perplex, dass wir drei, vier Sekunden brauchten, um überhaupt zu reagieren. Die Frau ging einfach weiter. Hier ist man als Rollstuhlfahrer nun doch im Nachteil: Die anderen Leute interessierten sich nicht für die Sache, sondern gingen schnell weiter, und die Polizei war nicht in greifbarer Nähe. Es ist ohnehin fraglich, was die hätte ausrichten können. Sofie ist jedenfalls nicht ernsthaft verletzt. Glück im Unglück und ein kleiner Schreck an einem sonst gelungenen Tag.

Dienstag, 10. November 2009

Ran an Jan!

Es macht ihm Spaß, mich zu necken. Seit Wochen schon. Er ist Single und eher schüchtern und still. Aber er hat es faustdick hinter den Ohren. Und er hat es eindeutig auf mich abgesehen, das fällt auch schon den anderen auf. Und das finde ich schön. Nicht so sehr, dass es den anderen auffällt, sondern dass er es auf mich abgesehen hat! Wenn er da ist, habe ich eine ganze Horde wilder Schmetterlinge in meinem Bauch. Ein aufregendes und schönes Gefühl, von dem ich oft nur gelesen habe und es mir nicht vorstellen konnte. Jetzt darf ich es mal so richtig intensiv kennen lernen und finde, dass die Beschreibung dafür sehr gut passt.

Ich war mir lange Zeit nicht sicher, ob er meinen Blog kennt. Erzählt habe ich ihm davon noch nicht. Ich habe meine Freundinnen und Freunde gebeten, es ihm nicht zu stecken. Vielleicht liest er es ja irgendwann trotzdem mal. Aber bitte, bitte: Keinen Hinweis geben. Kommt, Leute, echt nicht.

Der Typ macht mich irre. Meistens sehen wir uns beim Schwimmtraining. Er knuddelt mich zur Begrüßung. Oder überrascht mich von hinten und piekst mir in die Seite. Was ich sonst überhaupt gar nicht mag, aber bei ihm freue ich mich über die Aufmerksamkeit, die er mir schenkt. Er ärgert mich, wo er kann. Fährt hinter mir her und drängt mich plötzlich ab. In Richtung Pfeiler, Wand oder Schwimmbecken. Wenn er im Wasser an mir vorbei will, sucht er demonstrativ Körperkontakt. Immer mit der Ausrede: "Entschuldigen Sie, ich müsste da mal vorbei." Leider immer viel zu kurz. Am liebsten würde ich ihn dabei einfach festhalten und fest an mich ranziehen. Das traue ich mich natürlich nicht.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob er wirklich was von mir will. Und ich traue mich nicht, ihn das zu fragen.

Heute war eigentlich auch Schwimmtraining. Und zwar in der Ausweich-Schwimmhalle bei mir um die Ecke. Die Schwimmhalle ist etwa 1.500 Meter von meiner Wohnung entfernt. Und inzwischen habe ich mir angewöhnt, nur noch das nötigste mitzunehmen. Das heißt: Ich ziehe mir meine Badesachen schon zu Hause drunter, nur noch einfache Sportkleidung drüber - so unkompliziert wie möglich. Cathleen macht es genauso, nur sie wollte wegen einer (abklingenden) Erkältung noch nicht wieder mit.

Als ich in der Schwimmhalle ankam, wartete Jan dort. Huch? Wieso wartet er und zieht sich nicht schon um? "Schwimmen fällt aus." Ich knuddelte ihn zur Begrüßung und hielt das erstmal für einen seiner Scherzchen, aber es war Ernst: Genau in dem Moment bekam ich eine SMS von Tatjana, dass das Training abgesagt wird, weil fast alle krank sind. Na super. Eine halbe Stunde früher und ich hätte mir das alles sparen können.

Aber dann hätte ich Jan nicht gesehen! Vielleicht sollte das so sein? Ich überlegte nicht lange: Stinkesocke, das ist deine Chance! Nutze sie richtig! Jan ist zwar rund sieben Jahre älter aber ... lecker. Ich musste rausfinden, ob er jetzt sofort wieder nach Hause wollte. "Und nu?" fragte ich beiläufig. "Keine Ahnung!" antwortete er. Das war die beste Antwort, die er geben konnte. Ich tat so, als wenn ich einen Moment überlegte und dann sagte ich: "Ich bekomme vom Schwimmen immer so Hunger. Ich hätte vielleicht Lust, da hinten ist so ein Croque-Laden..."

"Wir sind doch gar nicht geschwommen!" antwortete er und grinste. Ich sagte: "Wir können ja auch ohne Tatjana schwimmen gehen. Ich habe zufällig meine Badesachen drunter." Ich zog den Reißverschluss von meinem Fleecepulli soweit runter, dass er mir von oben reinschauen und meinen Badeanzug sehen konnte. Er überlegte einen Moment und sagte dann: "Croque?" Angebissen! "Croque!" bestätigte ich. Abfahrt.

Der Inhaber empfing uns mit den Worten: "Na ihr beiden Hübschen, was darf ich euch denn Gutes tun?" *LOL* Okay. Er ist schon etwas älter, manchmal ein wenig sonderbar, aber er ist nett. Wir mampften zusammen unsere Croques, es war sehr ungezwungen, wir haben viel geredet, viel gelacht, es war schön. Er kann sehr toll erzählen, sehr fesselnd erzählen, hat seinen Humor genau auf meiner Wellenlänge und er ist irgendwie cool und vor allem nicht eingebildet oder arrogant.

Immerhin haben wir uns fast zwei Stunden unterhalten. Ich habe die Zeit völlig vergessen. Als ich ihn zum Abschied umarmt habe (nachdem wir zur Schwimmhalle zurückgefahren sind und er dort in sein Auto wollte), habe ich drei Momente lang gezögert und überlegt, ob ich ihm einen flüchtigen Mini-Kuss auf die Wange gebe und danach einfach schnell wegdüse und warte, was als nächstes von ihm kommt. Irgendwie müsste er ja darauf reagieren. Hauptsache nur, es wird nicht peinlich und zerstört nicht alles. (Ich weiß, was sollte es zerstören?! Aber das sagt sich so einfach.)

Aber ich habe es mich nicht getraut. Ich habe ihn umarmt, gedrückt, tschau gesagt und bin zurück nach Hause gefahren. Kurz bevor ich zu Hause ankam, bemerkte ich einen gewissen Harndrang. Klar, die Fritz-Brause zum Croque machte sich bemerkbar. Im allerletzten Moment fiel mir ein, dass ich ja gar keine Pampers anhatte! Argh!! Panik! Ich war zu Hause auf Klo, hatte mir meine Badesachen angezogen und dann ... kam alles anders und spannender als geplant.

Ich stand an einer roten Ampel und fasste mir unauffällig wohin: Zum Glück bisher alles trocken. Gewisse Erleichterung. Und erst jetzt kam mir nach und nach in den Sinn, was das für eine peinliche Situation hätte geben können, wenn das ausgerechnet bei meinem ersten Date sprichwörtlich in die Hose gegangen wäre! Das wäre nicht nur peinlich gewesen, das hätte irgendwie alles versaut. Besser gar nicht erst drüber nachdenken. Oh Mann, der Typ hat mich derart abgelenkt - ich merke erst so langsam, wie verknallt ich eigentlich bin.

Ich muss dringend was unternehmen: Ran an Jan!

Montag, 9. November 2009

Parkplätze und kleine Brötchen

Richtig gut sieht es inzwischen aus auf dem Behindertenparkplatz vor der Schule. Es kann zwar im Moment keiner der drei Rollstuhlfahrer dort parken, weil dort Bauarbeiten stattfinden (irgendeiner scheint richtig viel Geld locker gemacht zu haben, denn die nehmen auch von den alten drei Parkplätzen gerade sämtliche Stein- und Rasenplatten hoch und scheinen das alles komplett neu zu verlegen), aber das nimmt man doch gerne in Kauf, wenn man damit einer guten Lösung so viel näher kommt. Nein, der Typ vom Bauamt hat sich nicht aus der Affäre gezogen.

Inzwischen bin ich auch soweit beruhigt, dass ich dieses "Geschenk" auch einfach annehmen kann. Anfangs hatte ich ein bißchen ein schlechtes Gewissen, den Bogen überspannt zu haben. Aber ich habe mittlerweile von so vielen Leuten (teilweise ungefragt, teilweise von Leuten, die ich gar nicht kenne) Zuspruch bekommen, dass es richtig war, dass mal einer den Mund aufgemacht hat, dass ich mich schon frage, warum das vor mir noch niemand getan hat, wenn das Problem schon so lange gegenwärtig war.

Der Lehrer mit dem roten Sportwagen, unser Mathelehrer, hat mich allerdings noch nicht angesprochen und auch noch keinen dummen Kommentar gemacht. Er verhält sich mir gegenüber so neutral, dass es fast schon unheimlich ist. Entweder hat er keinen blassen Schimmer, was da gelaufen ist, oder der Typ hat so gepflegt welche zwischen die Hörner bekommen, dass es im Moment nur noch für ganz kleine Brötchen reicht. Ich hoffe, es ist nicht die Ruhe vor dem Sturm.

Dienstag, 3. November 2009

Ein Käfig voller Hosenscheißer

Die Falschpark-Orgie zieht große Kreise, wie ich heute erfahren habe. Als ich heute morgen durch die Schule düste, stellte sich mir plötzlich ein mir sehr bekannter Lehrer :) in den Weg und sprach mich an: "Hängen Sie es bitte nicht an die große Glocke, dass ich Sie deswegen anspreche, aber ich drücke Ihnen beide Daumen wegen der Sache mit dem Falschparker. Ich wünschte, in unserem Kollegium hätten einige Leute Ihr Rückgrat. Ich muss mir die Kritik leider auch vorhalten lassen, ich kannte das Problem und habe nur halbherzig reagiert."

Ich war völlig verdattert. Was wollte der von mir? "Ich verstehe nicht ganz. Haben Sie jetzt meinetwegen Ärger?", stammelte ich. Er antwortete: "Geht so. Nein, eigentlich nicht. Aber die Sache liegt jetzt beim Staatsrat auf dem Tisch."

"Was ist ein Staatsrat?" fragte ich. Hörte sich wichtig an. - "Der Staatsrat ist in Hamburg der höchste Beamte eines Resorts. Also in diesem Fall derjenige, der direkt unter der Schulsenatorin steht."

"Und was sagt der Staatsrat?" - "Der sucht nach einer Erklärung, warum Herr XY regelmäßig den behinderten Schülern die Parkplätze wegnimmt. Noch hat er keine gefunden. Unsere Direktorin sagte heute morgen: Er schäumt vor Wut."

"Ich hasse es, wenn sich Probleme nur mit solchem Aufriss lösen lassen. Eigentlich möchte ich hier nur in Ruhe und unauffällig zur Schule gehen." - "Genau deswegen habe ich Sie angesprochen. Sie haben völlig richtig gehandelt. Das Problem sind nicht Sie. Das Problem ist ein Kollege, der Streit sucht in einem Käfig voller Hosenscheißer. Mehr will ich dazu nicht sagen. Sie haben alles richtig gemacht."

Auweia. Da habe ich ja was gezündet.