Freitag, 30. Oktober 2009

Drei Plätze mehr und eine gelbe Karte

Nachdem ich gestern bei der Unfallkasse angerufen habe (das sind diejenigen, die für den Unfall auf dem Schulweg aufkommen müssen und unter anderem meinen Führerschein und mein Auto einschließlich Umbau bezuschusst haben), um denen zu erklären, dass ich leider nicht, wie mal geplant, mit dem Auto zur Schule fahren kann, da dort nicht genügend Behindertenparkplätze sind, hat die Beraterin aus der Reha-Abteilung kurzerhand für heute einen Ortstermin bei der Schule festgelegt. Es sollte ein so genannter "technischer Berater" von der Unfallkasse kommen und sich das vor Ort ansehen. Vor allem auch, weil das Problem, dass ständig ein Lehrer einen der drei Behindertenparkplätze für sich beansprucht, von der Schule nicht gelöst werden konnte.

Der technische Berater kam pünktlich, die Parkplätze waren wieder komplett belegt. Im Schlepptau hatte er noch jemanden vom Bauamt und von der Schulbehörde. Der Hausmeister und die stellvertretende Direktorin kam auch dazu. So ein Aufriss! Aber: Die stellvertretende Direktorin konnte sich nun nicht aus der Affäre ziehen und behauptete erst, der rote Sportwagen würde jemandem gehören, der nebenan einkauft. Als sie sich dann nicht mehr rausreden konnte, meinte sie, der Lehrer hätte es heute morgen eilig gehabt und sie spricht mit ihm, dass das nie wieder vorkommt. Erst als dann sogar schon der Hausmeister bestätigte, dass der Herr immer dort steht, platzte einigen der Kragen.

Ende vom Lied: Es gibt wohl einen gehörigen Einlauf, was die Falschparkerei angeht. Sozusagen eine gelbe Karte für das unsportliche Foul. Aber gleichzeitig hat der Typ vom Bauamt zugesagt, dass innerhalb der nächsten zwei Wochen weitere Parkplätze geschaffen werden sollen, und zwar drei Stück (dann hätten wir sechs). Gleichzeitig soll eine Dornenhecke verschwinden, zerbrochene Pflastersteine ausgebessert werden und vor allem Schilder aufgestellt werden, damit eindeutig ist, wer da zu parken hat - und wer nicht.

Ich bin mal gespannt, ob das was wird. Aber ich finde es sehr nett, dass man wenigstens dort mich ernst nimmt. Immerhin wäre bei einem vierten Schüler im Rollstuhl (oder einem Lehrer) das ganze Theater wieder von vorne losgegangen, so dass die drei zusätzlichen Plätze nicht verkehrt sind. Ob es jedoch etwas bringt, dass man vor jeden Parkplatz ein Schild stellt? Es gibt wirklich Leute, die verstehen den Sinn der ganzen Sache nicht, wie hier auf einem aktuellen Bild von heute zu sehen:


Direkt am Bahnhof Altona gibt es zwei Behindertenparkplätze. Der linke wird von einem Lieferwagen blockiert, auf dem rechten steht ganz rechts jemand, der Platz zum Aussteigen benötigt - und weil da ja noch Platz ist, hat sich ein Opel Corsa einfach frech auf geringstem Abstand daneben gestellt. Davon abgesehen, dass dieser Parkplatz ringsherum von Kopfsteinpflaster oder Bordsteinkanten eingefasst ist, hat der zurückkehrende Fahrer des grauen Mazda noch ein ganz anderes Problem: Er kommt nicht mehr in sein Auto.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Unsportliches Foul

Es ist nicht nur ein Vorteil, dass ich mit dem Auto zur Schule fahren darf. Ich würde mal sagen: Anders geht es kaum. Wie sonst sollte ich den ganzen Krempel, einschließlich Laptop, den ich für den Unterricht trotz doppelter Büchersätze brauche, mitkriegen? Und die Strecke von 3.5 Kilometern ist auch nicht zu unterschätzen. Auch wenn der Weg durch den Wald sehr schön ist.

Ich habe, genauso wie die anderen beiden Rollifahrer, die mit dem Auto zur Schule kommen, eine Parkkarte für den Schulparkplatz bekommen. Drei Rollstuhlfahrer, drei Behindertenparkplätze - müsste doch eigentlich aufgehen.

Geht es aber nicht, weil mein netter Mathelehrer mit seinem schicken roten Sportwagen unbedingt auf dem Behindertenparkplatz parken muss. Unsportliches Foul sozusagen. Aber schließlich ist der Weg ja kürzer von dort. Im Gegensatz zu ihm kann ich mich halt nicht einfach irgendwo anders hinstellen, weil man dann zwar beim Aussteigen noch genug Platz neben der Fahrertür hat, nach ein paar Stunden aber meistens nicht mehr. In der Regel lässt niemand eine Türbreite Platz neben einem anderen Auto. Auch dann nicht, wenn ein fettes Schild drin hängt. Das heißt: Ich käme nicht wieder weg.

Es ist nicht etwa so, dass er dort parken dürfte, er macht es einfach. Es ist auch nicht so, dass keine anderen Parkplätze mehr frei wären. Es sind oft noch genügend Parkplätze auf dem Schulparkplatz. Nur die nützen mir halt nichts, wie gesagt. Für ihn wären sie okay. Es ist sogar so, dass er, wenn er zur nullten Stunde kommt, also sehr früh, und noch 30 Plätze frei sind, sich auf den Behindertenplatz stellt.

Ich habe den Lehrer schonmal persönlich angesprochen, da meinte er: Ja nee, er hatte es eilig und ich könnte ja sonst auch woanders parken, sind ja noch genug Plätze frei. Da habe ich ihm das erklärt, warum das nicht geht. Da meinte er, dass er dann eben künftig woanders parkt.

Nächsten Morgen stand er da wieder. Der Hausmeister hat ihn schon angesprochen, der Vertrauenslehrer auch. Kein Erfolg. Die stellvertretende Schulleiterin möchte sich mit solchen Banalitäten nicht beschäftigen.

Gestern bin ich eine Viertelstunde zu spät gekommen, da der nächste freie und brauchbare Parkplatz bei Aldi war. Um zur Schule zu kommen, musste ich im Regen mit dem ganzen Gepäck erstmal in den Linienbus und drei Stationen zur Schule zurück fahren. Ich hätte natürlich auch eine halbe Stunde zu Fuß fahren können. In der ersten Stunde schrieben wir Klausur. Ganz toll.

Im Moment bin ich ziemlich ratlos. Ich habe keinen Bock auf riesiges Theater, gerade auch weil Mathe nicht mein Lieblingsfach ist und ich über die letzten 08 Punkte in der Klausur recht glücklich bin, aber es kann doch irgendwie nicht sein, dass ich mich um Führerschein, Auto, Parkplatz, Schule, scheiß Behinderung, alleine Wohnen und was-weiß-ich-nicht-alles kümmere, um den Weg zum Abi irgendwie zu finden und dann jemand mit solchen unnützen und stumpfsinnigen Aktionen alles komplett blockiert, oder?

Das ist wirklich kein Prinzesschen-Gehabe. Ich komme meistens zur zweiten oder dritten Stunde, die anderen Rollifahrer zur ersten, so dass es fast immer mich trifft. Die Schule liegt an einer sieben- oder achtspurigen Bundesstraße, da sind kilometerweit keine Parkplätze, schon gar keine für behinderte Menschen. Arghhh!

Samstag, 24. Oktober 2009

Weit kann er nicht mehr sein

Bevor es nächste Woche wieder los geht (Dienstag und Donnerstag schreiben wir eine Schulvergleichsklausur, das ist sowas wie Pisa, heißt KESS und steht für "Kompetenzen und Einstellungen der Schülerinnen und Schüler", am Mittwoch dazwischen noch eine Klausur im Leistungs- bzw. Schwerpunktfach), haben wir die letzte Ferienwoche genutzt, nochmal ein wenig die Sau rauszulassen.

Am Donnerstagabend fuhren Cathleen, Luisa, Simone und ich zuerst ins Festland-Bad in der Holstenstraße, um dort ein bißchen zu schwimmen und zu chillen. Der Brüller des Nachmittags war, als eine Mutter die vier Rollstühle, die am Beckenrand parkten, wegschob. Beziehungsweise eher wegtrug, da sie festgebremst waren. Wir waren gerade am anderen Ende des Beckens und sahen das auch nicht sofort, doch plötzlich rief Simone völlig erstaunt: "Da haut jemand mit unseren Rollis ab!"

Nach einem Kraulspurt durch das 25-Meter-Becken fragten wir die Frau, was das denn sollte. Sie hat sie zwar nur 5 Meter weiter, direkt vor das Fenster gestellt, aber immerhin sind das 5 Meter, die wir dann auf dem Hintern über die Fliesen rutschen müssten. "Ja", meinte sie, "meine Jungs wollen jetzt hier springen und ich wollte nicht, dass die Dinger nass werden." Super! Tolle Idee. In ein Becken mit mindestens 20 Schildern: "Wassertiefe 150 cm - nicht springen!" Die Jungs sprangen exakt 6 Mal, dann kam ein Bademeister an und wies die Mutter auf das Verbot hin. Allerdings war er es auch, der unsere Rollstühle wieder an den Beckenrand schob bzw. hob. Die Mutter lief mit "ihren Jungs" einfach zu einem anderen Becken mit Sprungturm. Ich will nicht gehässig sein, aber ich fürchte fast, dass diese Mutter die erste ist, die sich aufregt, wenn man ihre Badelatschen am Beckenrand 30 Zentimeter nach rechts schiebt, weil sie im Weg stehen...

Abends fuhren Cathleen und ich mit zu Simone, um dort zu schlafen und vor allem, um einen Kuchen zu backen für einen Freund, der am nächsten Tag feiern wollte und uns alle eingeladen hatte. Es war recht kuschelig zu dritt in Simones Bett - wenigstens war es 140 cm breit und niemand von uns ist besonders groß oder besonders füllig.

Die Geburtstagsparty war ebenfalls super: Singstar, Ligretto, Die Werwölfe und jede Menge gute Laune. Die zweite Nacht schliefen wir drei in der WG, und obwohl wir Cathleens und mein Bett hatten, um uns aufzuteilen, schliefen wir erneut zu dritt in einem Bett. In meinem, denn meins ist auch 140 cm breit. Es war etwa 2 Uhr, als wir endlich im Bett lagen und etwa 4 Uhr, als wir endlich schliefen. Auch wenn man schon zwei Tage miteinander verbracht hat, gibt es noch für zwei weitere Stunden Neuigkeiten auszutauschen und am besten eignet sich dafür bekanntlich die Nacht.

So toll die letzten Tage auch waren, jetzt bin ich froh, wieder ein Bett für mich alleine zu haben (ohne eingeschlafene Arme und fremde Hände im Gesicht) und ein wenig Zeit und Ruhe, um mich auf die erste Schulwoche vorzubereiten. Die nächsten Ferien beginnen kurz vor Weihnachten und ein Blick in die bereits geschmückten und mit Lebkuchenherzen gefüllten Supermarktregale sagt mir: Weit kann er nicht mehr sein, der Weihnachtsmann.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Kein vorläufiger Rechtsschutz

Mal wieder ein völliger Reinfall vor Gericht: Mit der Hilfe eines Rechtsanwalts, der sich auf Sozialrecht spezialisiert hat und auch bei mehreren Selbsthilfeverbänden als Verbandsjurist tätig ist, hat Cathleen ihre Krankenkasse verklagt (siehe auch hier), sie mit ausreichend Verbrauchshilfsmitteln zu versorgen. Es wurde eine einstweilige Verfügung beantragt, dass sie ab sofort wieder so viele Pampers bekommt wie sie auch benötigt. Ergebnis: Die Richterin sagte, dass sie die Situation von Cathleen "unerträglich und indiskutabel" findet. Das Problem liege aber nicht bei der Krankenkasse, sondern beim Lieferanten. Die Krankenkasse hat mit einem Lieferanten einen Vertrag geschlossen, dass er alle bei dieser Kasse versicherten Menschen mit vernünftigen Inkontinenzhilfsmitteln versorgt. Dafür bekommt er pro Person eine durchschnittliche Pauschale von immer 33 Euro. Er bekommt die 33 Euro also sowohl, wenn jemand nur für 8,25 Euro ein Paket Tena Lady abruft, als auch wenn jemand für eigentlich 75 Euro drei Kartons Pampers benötigt. Wenn der Lieferant jetzt, nachdem die Verträge geschlossen sind, die Tena-Lady-Omas mit Kusshand nimmt, bei den anderen aber erzählt, dass die Kasse nur Produkte bis 33 Euro bezahlt, ist das nicht rechtmäßig.

Die Richterin hat der Kasse empfohlen, zu überprüfen, ob der Vertrag richtig geschlossen wurde, so dass er auch wirklich so umgesetzt werden muss, wie man sich das bei Vertragsabschluss vorgestellt hat, und ober er dann auch wirklich so umgesetzt wird von dem Lieferanten. Es ist also eine Sache zwischen der Kasse und dem Lieferanten, nicht aber zwischen dem Versicherten und der Kasse. Daher gibt es keinen vorläufigen Rechtsschutz - die Kasse handelt nach dem Gesetz. Cathleen kann sich aber bei der Kasse beschweren und darauf drängen, dass die Kasse dem Lieferanten auf die Füße tritt. Tut die Kasse das nicht vernünftig, kann Cathleen sich bei der Aufsichtsbehörde beschweren. Vorläufigen Rechtsschutz gibt es aber -wie gesagt- nicht.

Aber die Klage an sich ist trotzdem nicht erledigt. Das war ein Eilverfahren vorab. Die Verhandlung hierzu kommt nochmal hinterher. Bis dahin hat sich entweder das Problem erledigt oder der Rechtsanwalt kann nachlegen. Einen Termin für die Verhandlung gibt es nicht vor Sommer 2012. Bis dahin schafft es die Krankenkasse entweder, dem Lieferanten auf die Füße zu treten oder Cathleen geht weiterhin von ihrem Taschengeld in Vorleistung.

Samstag, 17. Oktober 2009

Eine Woche Düsseldorf

Sie ging schneller vorüber als ich anfangs dachte, die Woche im Trainingslager in Dusseldoof. Jetzt bin ich allerdings auch froh, wieder in Hamburg zu sein. Die Unterkunft war unter aller Kanone: Etagenbetten für Rollstuhlfahrer (da die offiziellen Rollstuhlzimmer bereits wegen der Messe belegt waren), eine rollstuhlgerechte Toilette und Dusche für alle Personen, Unterbringung im obersten Stockwerk und nur einer von zwei Aufzügen funktionierte. Dieser war aber so klein, dass immer nur zwei Rollstuhlfahrer gleichzeitig mitfahren konnten, und wurde von einer Kindergruppe aus Hannover arg in Anspruch genommen (schließlich konnten die Kinder nicht vom 1. Stock ins Erdgeschoss die Treppe nehmen, sondern drückten lieber alle Etagen und stellten Stühle und Wäschewagen in die Türen, so dass wir immer erst irgendeinen Fußgänger finden mussten, der durch alle Etagen stiefelt und die Türen freiräumt).

Ich habe auch noch nie in meinem Leben so schlecht gegessen. Beziehungsweise so schlechtes Essen vorgesetzt bekommen, dass ich es, ohne es groß anzurühren, wieder zurückgegeben habe. Und ich bin bestimmt nicht zimperlich. Aber wenn Kartoffeln von außen eine fingerdicke harte Schicht haben und innen roh sind, ist damit irgendwas nicht in Ordnung. Fleisch gab es nur als gepresste Masse aus einem Blech-Eimer, lauwarm und versalzen, insgesamt wurde der Fraß mit kiloweise Glutamatpulver verrührt. Die Brötchen schmeckten recht gut, der Brüller war jedoch, als die Putzfrau mit ihren Dreckhandschuhen zwei herabgefallene Brötchen wieder in den Korb zurücklegte und erstmal alle anfassen und in Reihe bringen musste (damit sie nicht gleich wieder runterfallen). Mit den Handschuhen hat sie vermutlich vorher die Toiletten geputzt - meine Oma nimmt solche Mehrweg-Dinger immer zum Abwaschen.

Ich war mit fünf anderen Mädels in einem Zimmer. Cathleen schlief über mir, Simone durfte auch jeden Abend Klimmzüge machen, die anderen drei Mädels kamen aus Niedersachsen. Miriam, Jaqueline (beide 17 und mit Zerebralparese) und Sofia (14, mit Spina bifida) waren uns "zugeteilt" worden. Wir kannten uns vorher nicht, was erstmal nicht weiter tragisch gewesen wäre, wäre nicht bei allen dreien der Pflegeaufwand so hoch gewesen, dass wir keine ruhige Minute mehr bekamen. Ich bin mir sicher, man hätte es auch anders lösen können, aber die Betreuerin aus Niedersachsen, eine Birte aus Hannover, war von sich sehr überzeugt und versuchte permanent, auch uns drei Hamburgerinnen überflüssige Hilfe aufzudrängen. Dabei betonte sie aber ständig, wie schlecht bezahlt sie doch sei und erzählte uns eine nach der nächsten Geschichte von ihrem Arbeitsplatz, ihren Kollegen, ihrer Katze und ihrem Supermarkt - lauter uninteressante Dinge, die niemand wirklich hören wollte. Aus jedem zweiten Satz konnte man heraushören, wie toll sie sich findet.

Mit sechs Rollstühlen in einem normalen Zimmer zurecht zu kommen, war eine logistische Herausforderung. Erstmal mussten die Mädels aus den oberen Betten (Cathleen, Simone und Sofia) nach oben, dann mussten wir ihre Rollstühle in die Raummitte und auf den Schreibtisch (ja, richtig gelesen) stapeln, bevor die drei anderen in ihre Betten kamen. Im Zimmer roch es permanent nach feuchtem Keller, was vermutlich aus der schimmeligen Duschkabine kam, die an das Zimmer angeschlossen war, die wir aber mit den Rollstühlen nicht erreichen konnten. Wie gesagt, unser Bad war auf dem Flur.

Übertreibt die Stinkesocke mal wieder ein bißchen? Nein, tut sie nicht. Ein Bild von der stinkenden Dusche:


Legger, oder? Mag ja für den einen oder anderen normal sein, aber bei mir zu Hause sieht das nicht so aus. Und darüber bin ich sehr froh. Okay, die Bettwäsche stank auch, die Betten wackelten und knarrten. Jedes Mal, wenn Cathleen sich umdrehte, rieselte mir Sand aus ihrer Matratze durch den Lattenrost in die Augen. Oder alternativ auf die Bettdecke.

Trotz aller Widrigkeiten war es eine sehr schöne Woche. Ich habe sehr viel dazu gelernt, hatte sehr viel Zeit für meinen Sport, mein Training und mein Team, war zum allerersten Mal in meinem Leben auf einer Rehabilitations- und Pflegemesse, habe dort alles mögliche ausprobiert (es gibt ja wirklich spannende Sachen, wenngleich auch viel Blödsinn), habe, wie schon in dem Beitrag vom Dienstag erwähnt, erfahren, dass die Leute im Rheinland sehr viel gelassener, unkomplizierter und rücksichtsvoller sind als in Hamburg, hatte insgesamt sehr viel Spaß und würde mich jederzeit wieder anmelden.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Trainingslager in Düsseldorf

Hamburg hat Herbstferien. Auch wenn die Zeit vom Sommer bis jetzt sehr kurz war, sich sehr kurz angefühlt hat, quasi wie im Flug vergangen ist, so bin ich schon sehr stolz auf diesen ersten Etappensieg. Ich habe es geschafft, ohne größere Schwierigkeiten nach einem Jahr Pause wieder in den Unterricht einzusteigen. Bis jetzt ohne größere Schwierigkeiten.

Zur Zeit bin ich mit Simone, Cathleen, Yvonne, Merle, Nadine und Kristina in Düsseldorf im Trainingslager. Samstagfrüh ging es los, am kommenden Wochenende werden wir wieder zurück sein. Man scheucht uns hier von Training zu Training. Ob Schwimmen, Ausdauertraining auf dem Sportplatz, heute Zirkeltraining in der Halle - ich bin völlig fertig und werde bereits um 23.00 Uhr das Licht ausmachen. Aber mir gefällt es sehr gut, mich auszupowern und es sind sehr viele nette Leute dabei.

Was mir aber auffällt, und das muss schnell noch erwähnt werden: In Düsseldorf sind zwar nicht so viele öffentliche Plätze rollstuhlgerecht wie ich das aus Hamburg gewöhnt bin, besonders bei den abgesenkten Bordsteinen fühle ich mich in Hamburg besser wahrgenommen, dafür gibt es in Düsseldorf aber bei den öffentlichen Verkehrsmitteln weniger Probleme (die Aufzüge funktionieren, sind zum Teil wesentlich größer und in wesentlich höherer Stückzahl vorhanden als in Hamburg). Und, ganz wichtig, die Leute sind wesentlich hilfsbereiter. Das fällt enorm positiv auf.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Verirrte Omas und kein Alkohol

08 Punkte in einer Matheklausur hätte ich mir wohl niemals träumen lassen. Vor meinem Unfall wäre ich über eine 4 (06 bis 04 Punkte) in Mathe glücklich gewesen. Dabei habe ich nicht anders gelernt als vorher und hatte auch schon entsprechend Schiss, ob ich überhaupt noch 04 Punkte bekommen würde. Entsprechend bin ich mit 08 mehr als zufrieden.

Auch bei Cathleen läuft es super: Eine 2 in Englisch statt bisher durchweg 4 oder 5 - wir haben zusammen geübt! Oder es liegt daran, dass sie sich sauwohl dort fühlt, wie sie sagt. Die Mitschüler scheinen sie gut zu integrieren, sie hat auch schon etliche hier angeschleppt, was ich sehr gut finde. Die, die hier waren, machten einen sehr aufgeschlossenen Eindruck, wollten gleich mal ausprobieren, wie man Rolli fährt usw. Sie ist völlig aufgeblüht und kaum wiederzuerkennen. Nicht, dass sie vorher besonders betrübt war, ihr irgendwie besonderes, herzliches Lachen fiel einem schon immer sehr schnell auf. Aber neuerdings sehen ihre Augen und ihre Haut sehr viel besser aus. Ich komme mir schon wieder vor wie meine Oma, aber es stimmt wirklich.

Aber nicht alles funktioniert so wie wir es uns vorstellen. Ihr Problem mit der Krankenkasse ist noch immer nicht abgestellt und jetzt wird die Kasse verklagt. Da eine (vorläufige) Entscheidung schnell benötigt wird, muss Cathleen übernächste Woche zu einer Anhörung zum Sozialgericht. Sie hat so viel Schiss, dass sie unbedingt möchte, dass ich sie begleite. Schön, dass wir da Ferien haben. Ich werde es tun. Zum Glück hat die Mutter unterschrieben und stellt sich nicht noch quer. Auch Simone wird dabei sein und hat bereits zugesagt.

Und es gibt aktuell ein Problem mit einer Sozialarbeiterin, die für Cathleen in die Wohnung kommt. Hier ist ein Streit bereits so weit, dass die anderen Mitglieder in der WG darauf drängen, dass diese ausgewechselt wird. Die Sozialarbeiterin, die sie normalerweise betreut, ist im Urlaub und so sind zwei andere Halbtagskräfte im Wechsel dran. Eine von ihnen ist unmöglich, hat zu ihr gar kein Vertrauen. Neulich hat sie von Cathleen verlangt, ihren Rucksack auszukippen, da sie sehen wollte, ob sie Alkohol und Zigaretten versteckt. Sie meinte, sie würde nach Alkohol riechen und nach Rauch. Cathleen sagte, dass bei einer Mitschülerin, bei der sie war, zu Hause geraucht wird (die Eltern) und deswegen ihre Klamotten stinken. Danach musste sie allen Ernstes in ein Röhrchen blasen, dass sich lila verfärben sollte, wenn sie Alkohol getrunken hat. Ich hätte mich geweigert, so einen Affenzirkus mitzumachen, aber Cathleen hat ihr bewiesen, dass sie nichts getrunken hat. Ich finde das ganz schön übertrieben.

Dafür war allerdings das Schwimmen wieder gut. Als wir beim Training waren, fühlte ich mich zwar nicht ganz so wohl, dafür aber hinterher umso besser. Wir haben ein Sequenztraining von vier mal vier Minuten Vollpower mit jeweils zwei Minuten Erholungsphase gemacht, Puls gemessen, Bahnen gezählt - ich war zwar nicht die schnellste, aber auch nicht die langsamste. Cathleen und Simone hole ich allerdings noch nicht ein. Die beiden Wasserratten sind kaum zu bremsen. Aber ich habe Yvonne, Nadine und Merle abgehängt. Und ich wäre beim letzten Durchgang sogar noch schneller gewesen, hätte sich da nicht eine Oma in der Bahn geirrt und erstmal penetrant den Weg blockiert. Aber man kann ja nicht alles haben.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Man ist wieder einer wie alle

Zwar nicht über Triathlon, Schwimmen oder Rennrollstühle, aber über meinen Rollstuhlsport gab es einen sehr ausführlichen Bericht im Fernsehen, den man jetzt auch im Internet ansehen kann. Es geht in erster Linie um die Rolle des Rollstuhlsports in der Rehabilitation. Ich finde es sehr gut gemacht, aber seht einfach selbst. Sowohl die Basketballgruppe (in der ich anfangs ein paar Mal war) als auch die Sporthalle im Krankenhaus und der Doc kommen mir sehr bekannt vor...

Sonntag, 4. Oktober 2009

Völlig abgesoffen

Solange kein Schnee liegt, kann man mit einem Rollstuhl prima draußen fahren. Wegen geringen Temperaturen oder ein bißchen Regen von oben den Sport in die Halle und dort womöglich auch noch auf die Rolle (Ergometer) zu verlegen, ist reine Bequemlichkeit. Vor allem, wenn man sich bewegt, sich gut aufwärmt und die richtigen Klamotten anzieht, spricht nichts gegen Training an der frischen Luft.

Fast nichts. Als wir am Samstag mit Simone, Yvonne, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle und Tatjana zum Straßentraining aufbrachen, kam im Radio eine Unwetterwarnung. Gewarnt wurde vor einer Sturmflut. Naja, in der Elbe baden wollten wir nicht und stürmisches Wetter muss nicht negativ sein. Als Hamburger Deern liebe ich es, wenn mir frischer Wind um die Nase weht. Schauerartiger Regen muss einen auch nicht aus dem Stuhl werfen, solange man nicht stehen bleibt und auskühlt und hinterher eine warme Dusche hat. Also los!

Es war meine Lieblingsstrecke. Die, auf der ich zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben ein Straßentraining mitgemacht hatte. Vom Stadtrand über die Elbchaussee zum Volkspark. Soll ich sagen, dass wir nicht mal bis zur Elbchaussee gekommen sind? Als wir starteten, trieb der Wind dunkle Wolken in rasender Geschwindigkeit vor dem Vollmond vorbei. Eine gespenstische Atmosphäre. Wir kamen gerade den ersten steilen Berg hoch, waren vielleicht 10 Minuten unterwegs, dann begann es zu regnen. Erst nur mäßig, dann jedoch schlagartig so stark, dass man nicht mehr die Hand vor Augen sehen konnte. An Weiterfahren war überhaupt nicht mehr zu denken. Man sah selbst im Scheinwerferlicht des Begleitfahrzeuges nicht mehr, wo die Straße weiterging. Das Wasser kam uns auf der abschüssigen Straße wie ein Sturzbach entgegen. Wir hielten am rechten Straßenrand hintereinander. Ich kam mir vor wie unter einer voll aufgedrehten Dusche. Tatjana kam aus dem Auto, schob einen nach dem anderen rückwärts zur Autotür und hob die Leute aus den Stühlen in den Bus. Ich war komplett durchnässt. Der Wind wehte den Regen durch die offene Seitentür in den Bus. Sowas habe ich noch nicht erlebt.

Simone rief ihren Vater an. Weit konnte er schließlich noch nicht sein. Nach etwa 10 Minuten war der Wolkenbruch vorüber. An eine Fortsetzung des Trainings war nicht mehr zu denken. In den Rollstühlen stand das Regenwasser, wir waren klitschnass und froren trotz Heizung. Simones Vater kam nach etwa 20 Minuten dazu. Da auch er nur höchstens vier Stühle in seinen Bus bekommt, wollte er bei den Sportstühlen warten, bis Tatjana uns in die Halle zum Duschen und Umziehen gefahren hat und wieder zurück kommt. Auf der Fahrt in die Halle gerieten wir erneut in das Unwetter - einige Straßen standen knöcheltief unter Wasser und der Scheibenwischer war auf höchster Stufe bei Tempo 25 komplett überfordert. Etliche Fahrzeuge standen mit Warnblinklicht am rechten Straßenrand und waren einfach stehen geblieben.

In der Halle angekommen habe ich mindestens 15 Minuten versucht, unter der Dusche warm zu werden. Allerdings wurde das Wasser mal wieder nicht richtig heiß und ging vor allem alle 10 Sekunden aus. Nun verzögerte sich die Fahrt nach Hause auch noch, weil Tatjana ein zweites Mal los musste und die Stühle abholen musste. Sie war entsprechend genervt. Als Cathleen, Simone und ich um halb 5 endlich bei mir zu Hause waren, haben wir uns die Badewanne einlaufen lassen. Nach jeweils gut 10 Minuten war allen wieder einigermaßen warm. Dazu noch ein heißer Tee - und von draußen lief das Wasser bereits schon wieder an den Fenstern hinab. Aber nicht tropfenweise, sondern in Bächen.

Und so konnten wir von unserer Strecke nur träumen: