Sonntag, 27. September 2009

Mainhatten und Graffiti

Zurück von einem Trainingswochenende in Frankfurt am Main sehe ich mit etwas gemischten Gefühlen der neuen Schulwoche entgegen. Am Mittwoch schreibe ich meine erste Klausur und das ausgerechnet in Mathematik und bei jenem Lehrer, der am liebsten dumme Sprüche austeilt. Noch eine kurze Kostprobe? Er sagt zu einer Mitschülerin, die besonders heftig Akne im Gesicht hat: "Seit ich Sie kenne, weiß ich, dass sich Hirn in Eiter verwandeln kann."

Großartig. Vielleicht reifen meine Mitschülerinnen und Mitschüler ja irgendwann mal so weit, dass sie geschlossen rausgehen und nicht über diesen beleidigenden Mist noch lachen. Ich würde es mir wünschen.

Dafür war die Stimmung in Frankfurt aber um so genialer. Die Unterkunft war rollstuhlgerecht, selbst das Essen war gut. Von Frankfurt haben wir nicht sehr viel gesehen, außer einer Schwimm- und einer Sporthalle. Am Freitag bin ich gleich nach der Schule abgedüst, gerne hätte ich für meine Hausaufgaben bereits meinen Laptop gehabt, aber das lässt weiter auf sich warten. Noch am Freitagabend gab es nach dem ersten Kennenlernen (wobei sich viele jedoch schon von vorherigen Trainingslagern kannten, aus Hamburg waren diesmal Cathleen, Simone, Yvonne und Tatjana dabei) schon einen ersten Programmpunkt: Ein Zirkeltraining in einer Sporthalle. Ich bin noch nie so tot ins Bett gefallen wie an dem Abend.

Samstag begann mit Frühschwimmen, 90 Minuten noch vor dem Frühstück. Anschließend war Kraft- und Ergometertraining dran, abends fuhren wir 12 Kilometer im Rennrollstuhl auf einem Sportplatz. Während ich am Freitag eher durch die lange Fahrt und die Schulwoche erschöpft war, war ich Samstag körperlich an meiner Konditionsgrenze angelangt. Umso erstaunter war ich, dass wir am Sonntagvormittag nur noch lockeres Handbiken (also Fahrradfahren) auf dem Programm hatten. Um 12.30 Uhr war bereits wieder Abreise. Leider viel zu kurz für ein Wochenende mit total netten und witzigen Leuten.

Zu Hause angekommen traute ich meinen Augen nicht: Jemand hatte mit giftgrüner Farbe die Buchstaben VPCC auf meine Fahrertür gesprüht. Könnte man sich bitte mal an anderen Fahrzeugen vergreifen und nicht ständig an meinem? Das nervt! Kostenvoranschlag der Werkstatt: Rund 800 Euro.

Bleibt noch zu erwähnen, dass mein UMTS-Stick noch immer nicht da ist. Angeblich war der Versand ja am letzten Montag nochmal ausgelöst worden. Als ich heute nochmal wieder telefonisch nachfragte, bekam ich zu hören, dass der Stick seit etwa acht Wochen nicht lieferbar ist. Ist das nicht eine bodenlose Frechheit, mir seit Bestellung die Gebühren zu berechnen und dann auch noch felsenfest mehrmals zu versprechen, das Ding sei verschickt worden? Ich finde: Ja!

Dienstag, 22. September 2009

Pampers, Pampers, Pampers

Der Titel des Beitrags lässt nichts gutes erahnen. Entweder wird es wieder irgendein Schweinkram oder es lockt schon wieder Horden von Fetischisten an. Oder beides? Trotzdem kann ich das Thema aktuell nicht aussparen. In meinem Kopf drehen sich heute den ganzen Tag nur Pampers, Pampers und nochmal Pampers. Wie bei Jochen Busse, der mir heute in unserer WG mehrmals zitiert wurde:


Worum geht es? In erster Linie um Cathleen. Sie wurde bisher über das Internat mit Pampers versorgt, da sie wegen einer angeborenen Querschnittlähmung nicht soviel Kontrolle über ihre Blase hat, wie sie haben müsste, um es zuverlässig von einer Toilette zur nächsten zu schaffen. Besonders unterwegs und nachts hat sie Probleme, wobei sie allerdings, je nach Trinkmenge, runde zwei bis maximal vier Stunden "anhalten" kann. Sie hat keine komplette Querschnittlähmung. Auch bei ihr unterstützt Oxybutynin (wie bei mir). Das soll als allgemeine Info erstmal reichen.

Meine Unfallkasse sagt zu mir: Kümmere dich selbst drum. Lass dir vom Arzt verordnen, was du brauchst, wähle einen günstigen Versandhändler, reiche einen Kostenvoranschlag ein und wenn alles okay ist, bekommst du eine Einkaufsberechtigung bis zu einer bestimmten Menge pro Quartal. Die ist aber so großzügig bemessen, dass ich sie nicht mal annähernd ausschöpfe und trotzdem gut damit auskomme.

Cathleens Krankenkasse, in Böhmen, äh, Barmen zu Hause, sagt: Kümmere dich selbst drum. Lass dir vom Arzt attestieren, dass du Pampers brauchst, dann nimm den Versandhändler, mit dem wir einen Vertrag haben, und vereinbare mit ihm, was du bekommst. Wir zahlen monatlich pauschal 33 Euro dorthin, damit ist alles bezahlt. Wenn du mehr brauchst, als du für 33 Euro bekommen kannst, musst du den Rest selbst zahlen.

Okay. Dann rechnen wir mal. Der Monat hat 30 Tage. Pro Tag soll ich mindestens 2 Liter trinken. Ein wenig Flüssigkeit nimmt man noch über die Nahrung auf. Man schwitzt, man atmet Flüssigkeit aus, rechnen wir mal, dass man pro Tag rund einen bis 1,5 Liter Urin ausscheidet. Nehmen wir das Mittel von 1,25 Litern pro Tag. Cathleen ist sehr klein, bei einer urologischen Untersuchung wurde ihre Blasenkapazität auf maximal 550 ml geschätzt. Wobei sie mehr als 250 ml nicht mehr kontrollieren kann. Das heißt: Spätestens bei 250 ml will sie auf Klo. Das sind bei 1,25 Litern pro Tag rund 5 Mal.

Das wiederum würde bedeuten, dass sie pro Monat 150 Windeln benötigen würde. Vom billigsten Produkt (ein Markenprodukt aus Schweden) könnten pro Monat 90 Stück abgerufen werden, eine weitere Packung würde die 33-Euro-Marke überschreiten. 90 Stück, das bedeutet im Schnitt alle 8 Stunden eine neue Windel. Rechnen wir mit 1,25 Litern pro Tag, würden in den 8 Stunden 420 ml Urin produziert werden. Dieses Markenprodukt hat eine Auslaufgrenze von 510 ml.

Was aber, wenn sie zwischendrin Sex haben will und nochmal die Windel wechseln möchte? Oder Schwimmen? Oder ein Exemplar reißt kaputt oder klebt nicht. Oder geht verloren. Oder wechselt den Besitzer, weil die beste Freundin ihre zu Hause vergessen hat. Oder oder oder. Vielleicht zieht sie auch nochmal um die Häuser und trinkt drei Flaschen Bier. Was dann? Nichts. Dann muss sie wohl, wenn sie nicht draufbezahlen will, in die Hosen machen. Drei Windeln pro Tag sind laut Versorgungsvertrag auf Bundesebene ausreichend.

Das Problem betrifft nicht nur Cathleen, sondern auch viele, viele andere Menschen, die gesetzlich krankenversichert sind. Es gibt bereits ausführliche Widerspruchs- und Klagebegründungen zum Download.

Ich vermute, dass diese Kostenbremse eingebaut worden ist, weil in vielen Heimen den Leuten lieber eine Pampers umgebunden wird, statt sie auf Klo zu setzen. Pampers ist halt einfacher. Diejenigen, die wirklich so etwas brauchen, müssen mal wieder drunter leiden. Ich bin froh, dass es mich nicht persönlich betrifft. Aber wir alle werden dafür kämpfen, dass Cathleen nicht vom Regen in die Traufe kommt.

Montag, 21. September 2009

Viel Sand aus der Servicewüste

Ich habe mich lange durchgefragt, viele Angebote verglichen, in einem Forum um Meinungen gebeten und mich dann endlich für ein Business-Notebook entschieden. Auf den ersten Blick sieht es gut aus, die Software funktioniert auch, aber leider ist im Bereich der Handauflagefläche (also dort, wo man seine Handballen auflegt, wenn man tippt) die Oberfläche völlig speckig und weißlich angelaufen. Nein, es handelt sich um ein nagelneues Gerät.

Also rief ich heute mittag beim Kundenservice an und schilderte das Problem. Davon habe man noch nie gehört, ob ich das Gerät schonmal gereinigt hätte. "Nein, natürlich nicht, ich habe es nur ausgepackt." Man verlangte, dass ich davon ein paar Fotos mache und an den Kundenberater schicke. Einen Moment später rief man zurück, dass diese Art von Schäden bisher nicht aufgetreten seien und man davon ausgehe, dass ich versucht hätte, das Gerät mit ungeeigneten Reinigungsmitteln (Spiritus) zu reinigen. Das sei ein unzulässiger Eingriff und damit seien auch die Garantieansprüche erloschen. Man könnte mir aber trotzdem einen Techniker vorbeischicken. Das würde mich 335,60 Euro kosten, davon rund 130 Euro Anfahrt, 35 Euro für die Vor-Ort-Reparatur (statt Mitnehmen und Wiederbringen), rund 55 Euro für den Techniker, der hier eine halbe Stunde zu schrauben hat, da für diese Fläche das komplette Laptop zerlegt werden muss. Das Ersatzteil kostet rund 62 Euro und dann kommt noch die Steuer drauf. Ja nee, ist klar.

Selbstverständlich habe ich nichts gereinigt. Ich gehe doch nicht mit Spiritus an einen Computer! Warum auch? Allenfalls würde ich mal mit einem feuchten Lappen was abwischen, wenn es sein müsste. Egal. Ich will mich darüber nicht mehr länger ärgern und war vorhin in einem Computershop in der City und habe dort das gleiche Laptop noch einmal bestellt. Es wird voraussichtlich Mittwoch geliefert, da es nur in deren Lager vorrätig ist, aber nicht im Laden. Ich werde es mir dann genau ansehen, bevor ich es kaufe. Das andere Laptop werde ich danach einer ehemaligen Zimmernachbarin aus dem Krankenhaus schenken, die seit ihrem Unfall unterhalb C6 gelähmt ist (also auch die Hände nicht bewegen kann), für ihren Sturz mit dem Motorrad niemanden haftbar machen kann, kein Geld hat und seit ihrer Entlassung in eine Pflegeeinrichtung das Internet vermisst. Sie wird sich über die schäbige Handauflagefläche nicht stören, wenn sie ein neues Laptop geschenkt bekommt. Ich will das nicht mehr sehen und an dieses Theater nicht mehr erinnert werden. Ich bin echt bedient.

Soll ich noch darauf eingehen, ob mein UMTS-Stick da ist? Ich habe heute nochmal nachgefragt, da ich in meinem Online-Portal schon wieder nichts davon erkennen kann, dass er nun rausgeschickt wurde. Der Anbieter hatte es vergessen und mir am 17.09. versprochen, es nachzuholen. Die Kollegin konnte das nicht tun, da die letzte Bestellung noch nicht in die Rechnung übertragen worden war und man immer nur eine Bestellung zur Zeit abwickeln könne. Fragt sich nur, warum sie mir hoch und heilig versprochen hat, dass das Ding jetzt rausgeschickt worden ist. Hätte ich heute nicht nochmal nachgefragt, würde ich Weihnachten wohl immernoch darauf warten. Heute nun sei der Versand nochmal ausgelöst worden. Mal sehen, was die mir als nächstes erzählen.

Sonntag, 20. September 2009

Cathleen zieht bei uns ein

Die Zitterpartie ist beendet.

Hauptsächlich lag die Verzögerung an der Mutter, die sich mit der Sache einfach nicht beschäftigen wollte. Sie war überzeugt, dass es ihrer Tochter in dem Internat gut gehen würde. Dass sie anfangs mal gesagt hat, dass sie auch einer WG-Lösung zustimmt, wenn sicher ist, dass es ihr in der WG gut geht und sie die Schule vernünftig weitermacht, davon wollte sie am Ende nichts mehr wissen. Sogar das Jugendamt und das Sozialamt hatten zugestimmt, nur dann wollte die Mutter plötzlich nichts mehr dazu sagen und den Antrag gar nicht erst mehr unterschreiben. Hätte sie wenigstens Argumente gehabt und begründen können, warum sie das nicht wollte, hätte man sich damit befassen und es vielleicht auch akzeptieren können. Aber sie hat einfach nur "Nein" gesagt und wollte über die Gründe nicht sprechen. Dass sie sich dann doch noch damit beschäftigt hat, lag an einem Brief von Cathleen, den ich nicht kenne, aber von dem sie mir erzählt hat. Darin hat sie geschrieben, dass sie die Gründe für ihr "Nein" gerne verstehen möchte, weil sie sonst den Eindruck hat, dass die Mutter willkürlich und nach Lust und Laune über ihre Zukunft bestimmt. Das möchte sie von ihrer Mutter nicht glauben, das würde sie enttäuschen.

Daraufhin, so sagte Cathleen, habe die Mutter nicht argumentiert oder begründet, sondern ihr einfach den unterschriebenen Antrag wortlos in die Hand gedrückt. "Mach damit, was du willst", soll sie gesagt haben. Ich kann nicht glauben, dass der Mutter ihre Tochter so egal ist. Ich verstehe nicht, was da abgeht. Mit der Aktion hat die Mutter ja nun erst recht bewiesen, dass sie "einfach so" entscheidet. Aber Cathleen ist meine Freundin und nicht die Mutter, und für Cathleen freue ich mich riesig. Ich wünsche mir, dass wir gut miteinander klar kommen werden.

Freitag, 18. September 2009

Klausuren und Putenbrust

Endlich Wochenende! Wir haben heute unseren Klausurenplan bis zum Halbjahreswechsel bekommen. Zwischen der ersten und der letzten Klausur liegen 48 Unterrichtstage und wir schreiben in der Zeit 23 Klausuren und zwei vierstündige Schulvergleiche. Am 30.09. geht es mit Mathe los. Die letzte ist am 08.01. in Biologie. Das heißt, wir schreiben im Durchschnitt alle 2 Tage irgendeine Klausur. Dabei bin ich noch recht gut dran, da ich sechs Klausuren nicht mitschreiben muss, da ich die Fächer nicht belegen muss. Wahnsinn! Erstmal verdrängen. :)

Ich habe mich übrigens inzwischen festgelegt auf meine Prüfungsfächer. P1 muss Pädagogik sein, P2 ist bei mir Deutsch (muss Deutsch oder Englisch sein), P3 mache ich Biologie und P4 (mündlich) habe ich mich für Englisch entschieden bzw. entscheiden müssen. Große Auswahl blieb nicht, da ich Mathematik auf keinen Fall wollte. Wer Mathe nicht will, muss Deutsch und Englisch nehmen und entweder Biologie oder Chemie.

Aber ich denke, dass ich das hinkriegen werde. Ich darf nur nicht lange krank werden, da mein Stundenumfang ja durch meine Behinderung und die Vorgaben der Unfallkasse bereits so stark reduziert ist, dass lange Krankheitszeiten die Zulassung zum Abi gefährden würden.

Aber jetzt ist Wochenende. Also Themenwechsel: Kristina (die ich vom Training kenne) ist an diesem Wochenende bei mir zu Besuch. Wir haben gerade für heute eingekauft und uns ein Stück Fleisch gebraten, zusammen mit Kartoffeln und frischem Gemüse. Lecker! Da mehrere Leute in der WG Appetit hatten, haben wir auch gleich für mehrere Leute zum Mittagessen eingekauft. Und da Kristina zuckerkrank ist und Insulin spritzen muss, mussten wir das Fleisch abwiegen. Dabei fiel uns etwas unglaubliches auf: Das auf den Packungen angegebene Gewicht stimmt in keinem einzigen Fall. Es handelt sich um von der supermarkteigenen Fleischerei selbst verpacktes Putenbrustfilet, das in Styroporschalen abgepackt und mit Frischhaltefolie überklebt in Kühltruhen liegt. Anderes Fleisch haben sie dort nicht. Die Idioten haben die Verpackung mitgewogen, pro Packung sind das 46 Gramm. Macht pro Kilo Fleisch rund 140 Gramm Verpackungsmüll, der mit 1,47 Euro zu Buche schlägt. Das heißt: Eigentlich kostet das Kilo Fleisch nicht 10,49 Euro, sondern 11,96 Euro. So bekommt man natürlich auch gute Sonderangebote hin. Ich habe das Gefühl, man muss überall damit rechnen, verarscht zu werden. Könnte das sein?

Donnerstag, 17. September 2009

Einer dieser Tage

Heute war wieder einer dieser Tage, an denen ich mich abends frage, ob es besser gewesen wäre, gar nicht erst aufgestanden zu sein.

Ich hatte zwar nicht meinen "Lieblingslehrer" in der Schule und unser Nachbar ist zur Zeit auch erstaunlich ruhig (um die Frage aus den Kommentaren zu beantworten), dafür ist aber alles das, was ich heute gerne in Ordnung gebracht hätte, irgendwie schief gegangen. Man könnte auch sagen: "Heute ist nicht mein Tag."

Es fing damit an, dass jemand über Nacht von meinem Auto die Kennzeichen abmontiert hat. Ich habe keine Ahnung, was jemand damit will, mir bringt es jedenfalls eine Menge Ärger. Die Polizei meinte, man könnte die an ein anderes Fahrzeug basteln und damit einen Tankbetrug begehen, das sei eine gängige Masche. Wenn man sich dann die Videobänder ansehen würde, käme darauf mein Kennzeichen, aber ein ganz anderes Auto. Ganz große Klasse, ich freue mich schon auf Dutzende Anzeigen, dass ich getankt und nicht bezahlt habe. Ich sage so gerne bei der Polizei aus oder schreibe etwas dorthin. Mir ist ja schließlich immer langweilig... Dieser Irrsinn hat mich die erste Schulstunde gekostet, denn ich konnte ja unmöglich ohne Kennzeichen fahren und "zu Fuß" sind es dann doch ein paar Kilometer zu viel, vor allem mit Gepäck.

Als ich nach Hause kam, kam gleichzeitig der Paketbote von UPS und brachte eine Sendung für mich. Ich nahm sie an und als ich den Karton aufmachte, lag darin ein Zettel, dass die Sendung nachträglich von UPS neu verpackt worden ist, weil der ursprüngliche Karton nicht stabil genug war. Oder auf Deutsch: "Wir haben den Karton geschreddert, den Inhalt umgefüllt und nun werde glücklich." Wurde ich aber nicht, da der Inhalt ein luftgefülltes Sitzkissen im Wert von rund 480 Euro ist und das selbstverständlich nicht mehr intakt war, sondern beschädigt. Außerdem fehlte der lose beigelegte Kissenbezug und eine Infobroschüre (auf letzte hätte ich verzichten können). Es brauchte sechs Telefonate, bis mit allen Beteiligten vereinbart war, dass der Müll hier wieder abgeholt und ein intaktes Kissen nachgeliefert wird. Wahnsinn.

Dann verfolgte ich online die Bestellung meines Schul-Laptops. Gestern um 9.03 Uhr zur Post in Stuttgart aufgegeben, müsste sie heute eigentlich auf dem DHL-Paketwagen sein. Oder? Nö. Die letzte Eintragung: "Die Sendung wurde am Einlieferungs-Paketzentrum bearbeitet." Abends um 17.30 Uhr. Also kommt er dann wohl morgen. Hoffentlich. Und hoffentlich nicht geschreddert.

Dann freute ich mich über eine SIM-Karte für mein mobiles Internet. Aber leider fehlte in dem Paket und auf dem Lieferschein der UMTS-Stick, der laut Auftragsbestätigung dabei sein sollte. Also rief ich eine 01805-Nummer an, um mir nach 10 Minuten Musik erklären zu lassen, dass man das vergessen hätte und nun nochmal eine neue Woche Lieferfrist bräuchte. "Für Sie ist das besonders ärgerlich", meinte die Dame im Callcenter, "da Sie bereits seit Bestelldatum ihre mobile Internetflat bezahlen, aber sie die ersten 14 Tage nicht nutzen können." Mein Vorschlag: Einen halben Monat gutschreiben und nochmal 10 Euro drauf für die verspätete Bereitstellung. - Antwort: Nein, das ginge nicht, ich könnte die SIM-Karte ja solange für das Handy nutzen. Ja nee, is klar.

Also dachte ich mir, dass mich wenigstens Cathleen ein wenig aufmuntern könnte. Aber nein, auch von dort gibt es noch keine neue Nachricht. Die Mutter überlegt weiter und möchte am Wochenende mit ihr sprechen. Cathleen will am Wochenende wieder anrufen. Dann wird es aber auch höchste Zeit, denn ich glaube nicht, dass der Vermieter das Zimmer länger als bis Monatsende leer stehen lässt.

Jetzt gehe ich duschen. Hoffentlich ist das Wasser warm.^^

Mittwoch, 16. September 2009

Bloß keine Ungeduld

Seit Montag warten wir alle stündlich auf eine Entscheidung, ob Cathleen bei uns einziehen darf. Cathleen selbst dreht völlig am Rad, ist erstmal wieder in ihrem Internat, da sie keine Schule versäumen soll. Sie sagt, ihr ist nur noch übel und sie schläft kaum noch, hat keinen Appetit, kann sich nicht konzentrieren. Sie möchte, dass es endlich weitergeht.

Heute hat Sofie bei dem Sozialarbeiter angerufen, der letzte Woche das Gespräch mit allen geführt hat, um zu fragen, ob es was neues gibt. Cathleen selbst traut sich nicht, dort anzurufen und beim Sozialamt selbst werden wir wohl kaum eine Auskunft bekommen. Der Sozialarbeiter war sehr freundlich und sagte zu, sich beim Sozialamt zu erkundigen.

Eine Stunde später rief er zurück: Das Sozialamt würde wohl zustimmen. Es ist noch nicht alles zu 100% geklärt, aber es würde wohl klappen. Es fehlt aber noch der Antrag der Mutter! Das heißt: Cathleens Mutter hat noch gar nicht unterschrieben. Also habe ich sie angerufen und da sagte sie mir: "Sie ist sich noch unsicher, da in ihrem Internat ja auch ein fertiges Therapiekonzept vorliegt, was man hier erst wieder neu erstellen müsste. Die ganzen Termine sind dort ja schon festgelegt, wann sie Krankengymnastik hat und so ... hier ja nicht."

Als ich Cathleen das erzählt habe, antwortete sie ohne irgendein Gefühl zu zeigen: "Dann ist das wohl so. Vermutlich will es mein Stiefvater nicht. Oder sie ist zickig, weil sie nicht früh genug gefragt wurde oder nicht genug mitreden durfte."

Ich fragte völlig entsetzt: "So schnell gibst du doch jetzt aber nicht auf?" - Sie antwortete: "Wenn mein Stiefvater was nicht will, kann man daran nichts machen." Wir haben uns geeinigt, dass der Sozialarbeiter nochmal bei ihrer Mutter anruft. Als er von Sofie den aktuellen Stand erfuhr, war er nicht gerade erfreut. Er will nun morgen nochmal mit der Mutter reden. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.

Es kann doch nicht wahr sein - da beschäftigt diese Frau allen Ernstes ein Dutzend Leute über mehrere Tage, kommt nicht zum Termin, weil sie einkaufen muss, findet beim zweiten Termin alles toll und bringt jetzt so eine Ausrede als Begründung? Ich muss das nicht verstehen, oder? So nach und nach verstehe ich aber, warum Cathleen das zu Hause nicht mehr aushält. Da würde ich auch wahnsinnig werden.

Nun bloß nicht ungeduldig werden. Mal sehen, was der Sozialarbeiter erreicht. Und so lange: Warten, warten, warten. Ätzend. Auch für mich, die Cathleen lieber gestern als heute hier bei sich hätte.

Montag, 14. September 2009

Schwimmen einmal anders

Was bin ich froh, dass ich am Montagmorgen nicht zur ersten Stunde in die Schule muss. Nachdem gestern abend Sofie, Frank, Liam, Lina und ich Luisa für einen gemeinsamen Spieleabend besucht haben (Juliane, eine weitere Freundin von Luisa, war auch noch da) und es etwas später wurde, war ich froh, heute morgen etwas länger schlafen zu können. Zusammen mit einem Block Freistunden ließ sich der Vormittag ganz gut ertragen.

Heute nachmittag wollte ich noch einmal schwimmen gehen, allerdings für mich alleine. Bis zur Schwimmhalle sind es etwa 1.500 Meter, die schaffe ich locker in fünf bis zehn Minuten. Je nach Ampelphasen - und zu Fuß natürlich. Am nervigsten finde ich dabei immer die Packerei und Schlepperei. Während ich überlegte, ob ich den ganzen Kram überhaupt in der kleinen Sporttasche mitbekommen würde, oder ob ich eine große nehmen muss (und wie kriege ich die dann mit?), warf ich die komplette Planung und alle fünfhundertundzwo Empfehlungen aus der Ergotherapie und der Reha über Bord und besann mich neu: Was brauchst du wirklich, Stinkesocke?

Übrig blieben: Ein großes Handtuch, eine Schwimmbrille, Duschgel, eine Bürste und meine Chipkarte für die Kasse sowie ein Euro für den Schrank. Fertig. Diesen ganzen Zirkus wie: Wasserdichtes zweites Sitzkissen, Handtuch für das Sitzkissen, Handtuch für die Rückenlehne, Handtuch zum Abtrocknen, Handtuch für die Füße, zweite Hose, Müllbeutel, Windeln, Analtampons, Katheter, Desinfektionsmittel, Einmalhandschuhe, Einmalwaschlappen und das Schaumstoffbrett für den Boden zum Ein- und Aussteigen aus dem Wasser schenkte ich mir. "Man muss sich nicht behinderter machen als man ist" lautet der Standardspruch meiner Leute. Das sollte nun auch mal für mich gelten. Wenn man unerfahren und neu in der "Branche" ist, sind diese kleinen Helferlein ja ganz nützlich, aber das muss auch unkomplizierter gehen, gerade wenn man den ganzen Kram herumschleppen muss.

Also: Zu Hause auf Klo gegangen, Analtampon eingeführt, Badeanzug angezogen, Jeans drüber, Fleeceshirt drüber, großes Handtuch zusammelgerollt mit Duschgel, Bürste und Schwimmbrille drin, Chipkarte und einen Euro sowie den Haustürschlüssel und das Handy eingesteckt und los. Auf der Hinfahrt klappte alles prima, keine Schlange an der Kasse, schnell die Jeans und das Fleeceshirt in den Schrank, kurz unter die Dusche gesetzt, auf dem Rollstuhl das Sitzkissen umgedreht (von unten ist der Bezug nämlich rutschfest und wasserdicht), großes Handtuch auf das Sitzkissen und über die Rückenlehne gelegt, ab ins Wasser.

Dieses Mal waren nicht so viele Kaffeetanten unterwegs, dafür aber ein Typ, der sich mit mir die Bahn teilte und natürlich, da er mit Beinen schwamm, deutlich schneller war als ich. Er überholte mich jede dritte Bahn. Als wir zusammen am Ende ankamen, sprach er mich an: "Warte mal." Häh?! Was? Ich kenne den überhaupt nicht. "Du schwimmst ohne Beinschlag, dafür bist du ganz schön schnell. Darf ich dir einen Tipp geben?" Ich zuckte mit den Schultern und nickte. "Wenn du die Hand in dem Moment, wo sie aus dem Wasser kommst, etwas aus dem Unterarm heraus drehst, kriegst du sie leichter aus dem Wasser. Das macht weniger Unruhe. Du machst so ...", führte er vor, "und sinnvoller ist es so." Okay?! Hat mir noch nie einer gesagt. Also versuchte ich es. Ich merkte jetzt nicht so den Unterschied, aber er fand, es würde deutlich besser aussehen. Mal Tatjana fragen, was sie davon hält.

"Ich habe dich noch nie hier gesehen. Schwimmst du öfter hier?" fragte er beim nächsten Treffen, 10 Minuten später, weiter. Ich erklärte ihm, dass wir hier manchmal Schwimmtraining machen, das aber nur die Ausweichhalle ist. Und ich jetzt privat hier wäre. Was wollte der Typ eigentlich von mir? Der war mindestens 10 Jahre älter als ich. Aber er schien mich zumindest interessant zu finden.

Nach zwei Stunden, er trainierte immernoch, kletterte ich aus dem Wasser. Jetzt fror ich und vor allem der Weg zur Dusche war kalt. Was ich nicht bemerkt hatte, war, dass der Typ auf der anderen Seite des Beckens ebenfalls rausgeklettert war und mir plötzlich und "zufällig" über den Weg lief. "Na, schon fertig?" fragte er mich. Ich überlegte, ob es nervte oder ob ich ihn nett finden sollte. "Ja, du auch?"

"Ja, brauchst du Hilfe?" Ich schüttelte den Kopf. 'Wollte er mir beim Duschen helfen?' dachte ich und grinste in mich hinein. "Darf ich fragen, wie das passiert ist?" fragte er.

"Verkehrsunfall", beantwortete ich seine Frage. "Ich war Fußgängerin auf dem Weg zur Schule und eine Rentnerin hat mich plattgefahren." Er zeigte sich entsetzt. Und wollte wissen: "Hast du noch Schmerzen? Entschuldige, wenn ich zu aufdringlich bin, aber ich kann mich da überhaupt nicht hineinversetzen." - "Nein, Schmerzen habe ich nicht. Mir geht es ganz gut. Rollstuhlfahren ist halt etwas umständlicher als Laufen, manchmal etwas nervig, wenn Aufzüge nicht gehen oder so, aber man kommt zurecht. Und man hat immer seinen Sitzplatz dabei", scherzte ich. Er lächelte unbeholfen.

Dann erzählte er mir, dass sein Vater einige Jahre vor seinem Tod im Rollstuhl gesessen hat, nachdem man ihm wegen Knochenkrebs ein Bein im Oberschenkel amputieren musste und er keine Kraft mehr hatte, um mit Hilfsmitteln zu laufen. Er habe sich jedoch völlig aufgegeben. "Krebs ist ja nochmal eine ganz andere Situation", versuchte ich, etwas schlaues beizutragen. Er nickte. Irgendwann setzte er sich auf einen vor meinem Umkleideraum im Gang herumstehenden Duschrollstuhl und erzählte mir die halbe Leidensgeschichte von seinem verstorbenen Vater. Merkwürdigerweise werden einem, wenn man im Rollstuhl sitzt, sehr häufig solche Geschichten erzählt. Meine Freundinnen berichten davon auch in einer Tour. Allerdings hatte dieser Typ eine angenehme Art, zu erzählen, und er fragte auch viel und war sehr interessiert. Was mich ja sehr nervt, sind diese Leute, die alles verstehen können, aber dabei 1000 Mal erklären, wie Scheiße das Leben ist und das sowieso alles egal ist und sie auch schonmal 6 Wochen im Rollstuhl saßen. Aber er war anders.

Inzwischen war ich getrocknet und mir war nicht mehr kalt. Komischer Ort, um sich zu unterhalten. Noch dazu in Badesachen und in einem öden Gang. Ich hatte aber auch keine Lust, ihn noch auf einen Kaffee einzuladen, weil ich nicht abschätzen konnte, was er sich davon versprechen würde und was er noch so für Krisen durchlebt hat. Schließlich bin ich ja auch nicht sein Psychiater. Als ich mich von ihm verabschiedet hatte und endlich zum Duschen rollte, bereute ich das allerdings. Vielleicht hätte ich ihn doch einladen sollen. Dann fiel mir jedoch ein, dass ich ja nur das nötigste zum Schwimmen mitgenommen hatte, also nicht nur kein Geld für den Kaffee dabei hatte, sondern außerdem auch nur ein Fleeceshirt und vor allem keine Pampers. Also hatte das wohl alles so seinen Sinn, dachte ich mir. Vielleicht treffe ich den Typen ja nochmal wieder irgendwann. Als ich aus meiner Umkleide rauskam, war er jedenfalls schon über alle Berge.

Samstag, 12. September 2009

Asbest und blinde Mädchen

Zur Zeit kann leider kein Straßentraining stattfinden. Nicht etwa, weil in Hamburg schon Schnee liegt, sondern weil in Hamburg zur Zeit 124 Sporthallen gesperrt sind, da der Verdacht besteht, dass die Heizungsanlagen asbesthaltigen Staub in die Hallen blasen. Normalerweise endet unser Training immer an einer von wenigen (ich glaube es sind sechs) bestimmten Sporthallen, um dort duschen und die Rennrollstühle kurzzeitig zwischenlagern zu können. Ausgerechnet diese Hallen sind alle von den Sperrungen betroffen (bei über 50% aller Hamburger Hallen ist das jedoch keine Kunst), Alternativen gibt es nicht. Solange überprüft wird, ob sich der Verdacht bestätigt, bleiben die Hallen zu und das dauert noch bis mindestens zu den Herbstferien. Super.

Also trafen wir uns heute morgen an einer Schwimmhalle, um zu trainieren. Neben Simone und mir hatten sich auch Cathleen, Yvonne, Nadine, Merle, Kristina und eben Tatjana angemeldet. Simone und ich waren einen Moment zu früh und warteten draußen. Zwei Mädchen, schätzungsweise erste bis zweite Klasse, kamen vorbei und hatten einen langen Holzstock dabei. Eine von den beiden hatte mit einem Schal die Augen verbunden, die andere führte sie am Arm. Als sie kurz danach ein zweites Mal direkt vor uns vorbei liefen, diesmal konnten beide wieder sehen, fragte Simone: "Was habt ihr denn da - einen Blindenstock?" Das eine Mädchen antwortete: "Nein, wir haben gespielt, dass wir blind sind, aber es hat uns nicht gefallen." Ahja. "Wollt ihr schwimmen gehen?" Ich nickte. "Wir waren gestern mit Papa schwimmen und haben tauchen geübt. Jetzt müssen wir aber weiter. Tschühüüß!" Irgendwie waren die niedlich.

Weniger niedlich war aber eine Frau Mitte 40, vom Dialekt her vermutete ich, dass sie aus Griechenland kam, die kurz danach direkt zu uns ging, vor uns stehen blieb und meinte: "Ihr seid arm." - "Wieso sind wir arm?" - "Ihr seid arm. Weil ihr in den Dingern sitzen müsst. Könnt ihr gar nicht laufen?" Ich war ziemlich perplex, Simone rollte einfach ein Stück weiter. Sollte ich es ihr nachmachen? Ja. Sie hatte 15 Jahre mehr Erfahrung als ich. Also rollte ich ihr hinterher. Die Frau kam uns aber ebenfalls hinterher. "Nun sagt mal, könnt ihr gar nicht gehen?" Simone antwortete: "Können Sie mal aufhören, mir hinterher zu laufen?"

"Entschuldigung, ich habe doch nur etwas gefragt!" - "Ja, ich möchte mich aber nicht mit Ihnen unterhalten." - "Meine Güte, bist du unfreundlich!" - "Ich muss ja nicht zu jedem freundlich sein, oder? Jetzt lassen Sie mich in Ruhe." Die Frau ging weiter. Blieb aber nach 10 Metern stehen und brüllte in unsere Richtung: "In Deutschland sind die Leute so unfreundlich. So kaltherzig. Ich liebe meine Heimat. Dort wird auch auf der Straße gesprochen, nicht so verbissen wie in Deutschland."

Als wir endlich im Wasser waren, staunten wir nicht schlecht, wieviele Leute sich an einem Samstagmorgen in ein Schwimmbad verirrten. Da wir keine eigene Bahn hatten, belegten wir die abgetrennte "Trimmbahn", da wir dachten, dort würde man einigermaßen voran kommen. Nein, in der Trimmbahn mussten einige ältere Damen ein Kaffeekränzchen abhalten. Sie standen am Rand und unterhielten sich, ab und zu schwammen sie in Rückenlage eine Bahn, aber nicht rechts, sondern fünf Mal diagonal. Wasserratte Cathleen tauchte konsequent unter ihnen durch, ich kollidierte jedes dritte Mal mit ihnen. Yvonne war auch schon sichtlich genervt.

Nach zwei Stunden Training war ich wie tot. Und hungrig ohne Ende. Zu Hause wartete Sofie bereits mit einer Gemeinschaftspizza. Leckere drei Bleche hatte sie vorbereitet. So habe ich dieses Wochenende kochfrei: Morgen abend wollen wir bei Luisa grillen und uns mit ihr in ihrer neuen Wohnung einen schönen Abend machen.

Freitag, 11. September 2009

Linke Gewalt

Heute musste ich zu einer Nachuntersuchung ins Krankenhaus. Nichts spektakuläres, sondern man wollte sich in erster Linie anschauen, wie ich mit meiner Haut, meinen Gelenken, meiner Blase, meinem Darm, meinem Kreislauf und meiner Psyche zurecht komme.

Zuerst hatte ich ein Gespräch mit einem Psychologen. Diese Untersuchungen werden nicht von demjenigen gemacht, der einen sonst behandelt. Er stellte mir ein paar Fragen, ich habe ihm ein bißchen was aus meinem Alltag erzählt, eine Stunde war angesetzt, nach 15 Minuten war ich wieder draußen. Ich hätte gut mitgearbeitet. Ähm, naja, ich will ja auch was von denen, oder?

Dann musste ich in ein Untersuchungszimmer fahren, am anderen Ende des Gebäudes, einen Becher mit auf Klo nehmen und mich anschließend nackt ausziehen, mich auf eine Liege legen und warten. "Mach es dir schonmal bequem, der Doktor kommt gleich." Ja nee, ist klar. Nackt im Untersuchungszimmer auf einer sterilen Liege bequem machen. Ich kann mir kaum etwas bequemeres vorstellen. Vor allem, weil die Liege so ausgerichtet war, dass man mir vom Flur aus zwischen die Beine schauen konnte, sobald die Tür aufging.

Die Tür ging aber nicht auf, sondern eine der beiden anderen. Der Arzt schaute sich peinlich genau meine Haut an den Beinen an, zwischen den Zehen, am Po, bewegte alle Gelenke in alle möglichen Richtungen *knack*, machte ein Ultraschall vom Bauch, befand, dass alles in bester Ordnung ist, und schickte mich zum Belastungs-EKG auf die Rolle. Also auf ein Ergometer, bei dem man mit dem Alltagsrollstuhl auf ein Gerät gestellt wird, ähnlich wie beim Bremsentest beim Auto. Ich musste mich obenrum wieder komplett ausziehen, wurde verkabelt, bekam auch noch ein Mundstück mit einem Schlauch in den Mund und eine Schwimmklammer auf die Nase, so dass ich durch diesen Schlauch atmen musste, eine Klammer ins Ohr - fehlten nur noch die Antennen auf dem Kopf.

Ich musste 8 Minuten lang fahren, angefangen mit 75 Watt. Alle 2 Minuten wurden es 25 Watt mehr, am Ende also 150 Watt. Die ersten sechs Minuten waren albern, die letzten 2 Minuten merkte ich, dass ich überhaupt was leiste. Das sind jetzt keine großen Töne, sondern es war wirklich so. Mein Puls lag am Ende bei 134, meine persönliche Grenze wäre bei 203 gewesen. Der Arzt, der das untersuchte, meinte, das wäre eine Topfform [sic!] und Lungenfunktion und EKG seien ohne Beanstandung. "Wie lange krieg ich jetzt TÜV?" Der Arzt hatte die Frage sofort verstanden und meinte: "Im Vierteljahr möchte ich dich wiedersehen."

Und tschüss. Ich fuhr nach unten zur Sporthalle, kurz duschen, dann auf meine ehemalige Station, um den Schwestern einmal "Hallo" zu sagen und um Simone zu treffen, die eine Freundin besuchen und mit mir zurückfahren wollte. Ich wurde gleich zu einem Becher Eis ins Schwesternzimmer eingeladen und musste erstmal erzählen, wie es mit der WG und vor allem der Schule klappt.

Auf dem Rückweg bereute ich mal wieder, mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren zu sein. Meine Güte, was für eine Strapaze! Eigentlich hatte gehofft, stressfreier und vor allem schneller durch Hamburg zu kommen als mit dem Auto. Es begann damit, dass die S-Bahn in der Hauptverkehrszeit Kurzzüge einsetzt. Alleine auf meinem Bahnsteig, ich habe in den 10 Minuten Wartezeit mal grob überschlagen, standen über 100 Leute. Hinzu kommt, dass auf dieser Linie überwiegend die Züge aus der Baureihe von 1974 eingesetzt werden, bei denen beim Einsteigen eine 15 Zentimeter hohe Stufe zu überwinden ist. Dort, wo eigentlich die Rollstuhlfahrer stehen sollen (nämlich nicht im Weg), hatte es sich ein Obdachloser schlafend bequem gemacht. Der Gestank war unerträglich. Ein zweiter Typ, der sich auch seit mindestens einem Monat nicht mehr gewaschen hatte und extrem alkoholisiert war, stand uns gegenüber, hatte eine Flasche Discounter-Bier in der Hand und verschüttete erstmal die Hälfte davon auf der Erde. Dann hielt der Zug auf offener Strecke und meine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich mit einer Durchsage: "Verehrte Fahrgäste, wegen betriebsfremden Personen im Gleis wurde der Strom abgeschaltet. Die Weiterfahrt verzögert sich um einige Minuten."

Jaja, einige Minuten. Nach einer halben Stunde fuhren wir immerhin schonmal bis zum nächsten Bahnhof, so dass wenigstens die Türen mal wieder aufgingen und mal wieder etwas frische Luft in den Wagen kam. Da sich zwischenzeitlich der auf der Erde liegende Obdachlose übergeben hatte, stiegen Simone und ich aus und wollten den nächsten Zug nehmen. Dieser kam auch nach drei Minuten, allerdings fuhr auch er nicht weiter. Auf dem Bahnsteig hörte man eine Durchsage: "Guten Tag, hier ist die Leitstelle der S-Bahn Hamburg. Wegen eines Polizeieinsatzes am Berliner Tor verkehren die Züge auf allen S-Bahn-Linien unregelmäßig und verspätet. Wir danken für Ihr Verständnis."

Nach weiterer Wartezeit ging es dann stationsweise weiter. Allerdings hielt der Zug in jeder Station rund 10 Minuten. Dann die Durchsage: "Wegen eines Polizeieinsatzes hält dieser Zug nicht in Berliner Tor. Ich wiederhole: Dieser Zug fährt ohne Halt durch Berliner Tor. Nächster Halt: Hauptbahnhof." Nicht, dass wir Berliner Tor aussteigen wollten, aber so etwas gibt es eher selten. Der Grund war eindeutig: Alle Straßen rundherum (die Bahn fährt über eine Brücke über der Straßen) waren abgesperrt und voller Polizei und Chaoten. Die Bahnsteige waren voller Polizei. Ganze Hundertschaften mit Helmen auf dem Kopf und hinter Plastik-Schilden versteckt hatten sich versammelt. Ich war froh, als wir das Chaos passiert hatten, aber im Hauptbahnhof war es auch nicht besser. Sirenengeheul, der Bahnsteig voll mit Chaoten und Polizei und wir mittendrin. Hoffentlich kommen die hier nicht alle in den Zug und prügeln sich hier drinnen!

Kamen sie nicht. Aus der Nachtausgabe einer Tageszeitung, die einer der am Hauptbahnhof eingestiegenen Fahrgäste im Zug liegen ließ, erfuhren wir den Anlass für die Straßenschlachten: Am Nachmittag hatte die rechte NPD am Hauptbahnhof demonstriert und jetzt wohl Tausende linke Chaoten auf den Plan gerufen. Damit das gleich jeder richtig versteht: Ich bin auch gegen rechts. Aber nicht für linke Gewalt.

Um halb 11 waren wir nach fast vier Stunden Fahrt zu Hause - reif für die Horizentale. Ich sage nur: Gute Nacht, Hamburg.

Donnerstag, 10. September 2009

Die Nummer 100

Mein 100. Beitrag handelt *trommelwirbel* von meinen 100 Blog-Postings. Originell, oder?

100 ist ja eine Zahl, die man so gerne in der Prozentrechnung erwähnt. Klar, denn wenn man etwas vergleichen will, muss man überall dasselbe Maßband nehmen. Sonst macht es keinen Sinn. Heute ist mein Maß voll. :)

Ohne den heutigen 100. Eintrag und ohne die Kommentare (die ja größtenteils nicht von mir kommen), besteht mein Blog inzwischen aus rund 62.500 Wörtern und aus knapp 327.000 Zeichen. Wollte nicht jemand, dass ich ein Buch schreibe?

Zum Thema Kommentare: Es sind 127. Wobei ich bei den gestrigen noch nicht aufgeräumt habe. Wird wohl nochmal nötig, denn bei einigen Themen schreiben meine Leser lieber als bei anderen Themen. Und manchmal auch lieber Blödsinn. Obwohl ich mich über jeden netten Kommentar nach wie vor freue und sie auch alle lese!

Am häufigsten, nämlich bei 30% der Beiträge, hat der Text irgendetwas mit meiner Behinderung zu tun. Ich bin selbst erschrocken, dass sie so viel Raum einnimmt. Obwohl, wenn man bedenkt, dass damit 70% einen anderen Inhalt hat, ist das doch vergleichsweise wenig für jemanden, der frisch im Rolli sitzt. Ist jemand der Leser genervt?

Ansonsten handelt sehr viel von meinem persönlichen Umfeld, allen voran meine Leute aus der WG und meine Freunde. Cathleen kommt in fast jedem vierten Beitrag vor, Simone, Sofie und Frank in immerhin rund jedem fünften. Ansonsten war mir wichtig: Meine WG und meine neue Wohnung, mein Auto, mein Führerschein, das Krankenhaus und die Reha, die Schule, mein Training, mein Unfall und der Prozess und einige Schildbürgerstreiche.

Da ich den Zähler erst ziemlich spät eingebaut habe, muss man die 4.350 Besucher, die er gezählt hat, hochrechnen. Zur Zeit kommen täglich zwischen 100 und 150 Besucher auf diese Seite. Das sind ziemlich viele, finde ich. Also bin ich durch diesen Blog sogar ein kleines bißchen berühmt geworden. Obwohl ich das eigentlich nicht will.

So. Das war es schon. Auf die nächsten 100 Postings!

Mittwoch, 9. September 2009

Alle Neune

Heute ist ein merkwürdiger Tag. So viele Neunen, mir wird ganz schwindelig.

Nicht nur, dass heute der Neunte Neunte Zweitausendneun ist, sondern dieses ist, wie ich gerade zufällig bemerkte, auch noch mein neunundneunzigster Post in meinem Blog insgesamt. Allerdings erst das achte Posting im September. Aber dafür hat sich heute mein neunzehnter regelmäßiger Leser in meine Abonnentenliste eingeschrieben. Herzlich willkommen!

Ganz neunmalkluge Leute haben festgestellt, dass heute der 252. Tag des Jahres ist. Die Quersumme dieser Zahl ergibt? Rischtisch: Neun!

Als ich heute morgen um neun Uhr neun und neun Sekunden aufwachte ... nein, das geht jetzt zu weit. Das wäre viel zu spät gewesen. Es war ungefähr acht Uhr neunzehn, früh genug, da ich heute erst zur neunten äh dritten Stunde zur Schule musste, als ich mich, während ich auf dem Bauch liegend langsam wach wurde, über ein komisches Gefühl an meiner Brust wunderte. Ich konnte es nicht eindeutig zuordnen. Es fühlte sich irgendwie ... verletzt? Nein. Wund? Nein. Kalt? Auch nicht wirklich. Es fühlte sich merkwürdig an. Komisch halt. Immer wacher werdend, fasste ich mit einer Hand an meine Brust und fühlte etwas feuchtes. Jetzt war ich ganz wach und wusste auch sofort, was los war. Ich schmiss die Decke und das zum Glück noch trockene Kopfkissen aus dem Bett, drehte mich auf den Rücken und staunte erstmal eine Runde.

Dass ich seit meiner Querschnittlähmung morgens dringender auf Klo muss als vorher, und dass der Weg dorthin einschließlich rübersetzen und Schlafhose runterziehen jeden Tag ein neues Abenteuer ist, daran habe ich mich bereits gewöhnt. Insoweit bin ich auch froh, nicht mehr bei meinen Eltern zu wohnen und irgendwas erklären zu müssen. Dass ich jedoch gar nicht mehr aus dem Bett komme, bevor die Sauerei los geht, hat eine neue Qualität. Und auch diese Mengen im Schlaf sind nicht normal. War gestern irgendwas besonderes? Party? Zuviel Bier? Omas neunundneunzigster Geburtstag? So langsam dämmerte es mir: So intensiv ich auch nachdachte, ich konnte mich nicht daran erinnern, gestern abend meine Oxybutynin-Tablette genommen zu haben. Mit fatalen Folgen!

Das passte mir natürlich gar nicht in die Tagesplanung. Duschen wollte ich sowieso, aber das Bett neu beziehen und eine Waschmaschine anstellen - das wird verdammt knapp. Also Frühstück ausfallen lassen und Vollgas geben. Und vor allem mal lüften! Nach dem Duschen, auf dem Weg zur Waschmaschine, traf ich Sofie. "Willst du jetzt waschen? Die Maschine ist leider belegt." Auch das noch. Ich konnte das Zeug unmöglich bis mittags irgendwo liegen und vor sich hin stinken lassen. Aber jemanden fragen, ob er das in die Maschine packt, wollte ich auch nicht. Also zumindest mit dem Laken ins Bad, unter der Dusche erstmal ausspülen und dann heute mittag waschen. Aber wo das dann triefnasse Zeug solange lassen? Im Zimmer wohl kaum, und im Bad sieht es jeder. "Was überlegst du?" fragte Sofie. "Soll ich deine Wäsche in die Maschine packen, wenn meine nachher fertig ist?"

Ich schüttelte den Kopf. "Nee, alles gut." - "Hast du ins Bett gemacht?" Oh nein! Ich wurde dunkelrot. Ich hatte das nasse Laken extra so in dem Deckenbezug eingewickelt, dass man es nicht sofort sehen konnte. Sofie sah natürlich meine knallroten Wangen, Ohren und meinen nervösen Blick, grinste, streckte mir die Hand aus und meinte: "Willkommen im Klub." Da in der Waschmaschine drehte sich ... Bettwäsche. Jetzt musste ich auch grinsen. Das musste am heutigen Datum liegen. "Also leg das vor die Waschmaschine, ich stelle das nachher an", sagte Sofie.

"Nein, das ist mir unangenehm", druckste ich weiter.

"Ach jetzt halt die Klappe, pack das Zeug da hin und sieh zu, dass Du zur Schule kommst." Ich liebe Sofies manchmal zu direkte Art. Aber sie wirkt bei mir Wunder. Auf dem Weg zur Schule musste ich mich wirklich schon beeilen. Ich wollte auf gar keinen Fall bei meinem "Lieblingslehrer", den ich in meiner ersten Stunde haben würde, zu spät kommen. Man muss ihm ja nicht unbedingt eine Steilvorlage für seine dummen Sprüche liefern.

Wer aber denkt, dass er bei mir damit heute schon alle eklige Sachen gelesen hat, kennt noch nicht Kapitel zwei, drei und neun. Während wir alle in atemberaubender Stille damit beschäftigt waren, eine Aufgabe zu lösen und mein Lieblingslehrer in das heutige Hamburger Abendblatt vertieft war, trat genau die Situation ein, vor der ich ohnehin schon soviel Angst habe: Nein, ich habe es nicht unter Kontrolle, wenn ich pupsen muss. Und das haben natürlich nicht nur neun Leute, sondern das hat jeder mitgekriegt. Während ich die Luft anhielt und versuchte, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten, schaute ich mit gesenktem Kopf und aus dem Augenwinkel zu meiner Tischnachbarin. Die andere Rollstuhlfahrerin. Ich sah, wie sie sich ein Lachen verkniff und dabei den Mund verzog. Im gleichen Moment stand der Lehrer auf und ging schrittweise in meine Richtung. "Oh nein", dachte ich. Das Blatt vor mir auf dem Tisch fing an sich zu drehen. Der Typ blieb direkt vor unserem Tisch stehen und sagte im militärischen Tonfall: "Wer war das?"

"Tschuldigung", murmelte ich. Er wiederholte seine Frage im gleichen Tonfall: "Wer war das?" Meine Tischnachbarin antwortete im gleichen Tonfall: "Ja, irgendein Arsch wird das schon gewesen sein, ne?" Er lachte dreckig. "Hähähä, irgendein Arsch, ja. Bedenken Sie künftig, dass sich Faulgase auch bei Windstille in Räumen ausbreiten. Immerhin tun Sie etwas gegen Ihre Migräne, die ja bekanntermaßen durch atomaren Überdruck im Hirn ausgelöst werden soll. Die Frage ist nur, was erstrebenswerter ist: Ein Krankheitsfall wegen Migräne oder 23 Krankheitsfälle wegen einer Methanvergiftung. Also gehen Sie künftig gefälligst auf Klo, wenn Sie kacken müssen!"

"Jawohl", antwortete ich deutlich für alle hörbar und nahm mir vor, bei der nächsten Ansprache dieser Art darauf zu beharren, dass er mir nur verboten hat, im Unterricht zu defäkieren. Immerhin wussten nun alle, dass ich die Verursacherin war. Als er wieder zu seinem Tisch zurückging, bedankte ich mich bei meiner Tischnachbarin. Die grinste nur.

Im zweiten Unterrichtsblock für heute glaubte ich noch an ein Déjà-vu-Erlebnis, allerdings reagierte der Lehrer im ersten Moment nicht darauf. Dafür aber eine Mitschülerin, die noch nie irgendwas mit mir zu tun hatte. "Oah, Alder, kann die da hinten mal mit dem Gefurze aufhören? Das ist jawohl voll eklig, ey! Wir sind doch hier nicht aufm Bauernhof. Echt ey!" Einige lachten. "Ist doch wahr, Mann. Wenn das in der zweiten Woche schon so los geht, ey." Bevor ich darauf etwas erwidern konnte, sagte der Lehrer: "Shirin, sowas kann auch mal aus Versehen passieren." - "Nee Mann, vorhin hat die das auch schonmal gemacht, ey!" - "Shirin, gehen Sie davon aus, dass es Umstände gibt, bei denen man das nicht unter Kontrolle hat, auch wenn einige das gerne anders hätten, allen voran sicherlich der oder die Betroffene. Wenn Sie es für nötig halten, öffnen Sie das Fenster, aber solche Sprüche möchte ich nicht hören."

Dann fragte sie wie ein vierjähriges Kind: "Hast du das nicht unter Kontrolle? Ehrlich? Das ist ja krass." - "Shirin, ich möchte Sie nach der Stunde mal unter vier Augen sprechen." Ohne Luft zu holen fuhr er mit dem Unterricht fort. Ich weiß nicht, was er ihr gesagt hat, aber nach der Stunde kam Shirin zu mir, streckte mir die Hand entgegen und entschuldigte sich. Ob freiwillig oder gezwungenermaßen konnte ich nicht erkennen, aber die Geste fand ich schon gut.

Fehlt noch Kapitel neun. Okay. Kapitel Neun: Am Nachmittag sind Sofie, Frank und ich zu Luisa gefahren, um sie in ihrer neuen Wohnung zu besuchen. Sie hat eine, wie ich finde, sehr schöne Wohnung gefunden. Allerdings ist alleine wohnen etwas völlig anderes als eine WG, sagte sie mehrmals. Ich finde es bescheuert, wenn jemand, der eigentlich in einer WG wohnen möchte, wegen seiner Behinderung gezwungen wird, alleine zu wohnen. Aber insgesamt trägt sie es wohl einigermaßen mit Fassung. Und freute sich, mit uns endlich mal wieder Phase 10 spielen zu können. Natürlich hörten wir nicht bei Phase Neun auf.

Damit endet Kapitel Neun und mit ihm auch mein heutiges neunundneunzigstes Blogposting. Ich muss mir ja für mein 100. Posting auch noch was aufsparen. Hattest du jetzt etwa gedacht, da kommt noch mehr Schweinkram? Nee, irgendwann ist auch mal gut damit. Schließlich darf ich das Niveau nicht ganz aus den Augen verlieren. Und schließlich hieße es dann ja auch nicht Kapitel Neun, oder?! Was?! Prost! Auf die Neun!

Dienstag, 8. September 2009

Lieber nicht zu früh freuen

Cathleen hatte gestern zusammen mit Sofie, ihrer Sozialarbeiterin und ihrer Mutter einen Termin beim Sozialdienst des Bezirksamts. Cathleen war am Wochenende bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, tauchte bei dem Termin am Montag allerdings ohne ihre Mutter auf. Sie hätte endlos auf sie eingeredet, aber die Mutter würde lieber einkaufen. Wie bitte?!

Als das Bezirksamt die Mutter auf dem Handy erwischt hat, sagte die, dass ihr nicht klar war, dass es wirklich auf ihre Mitwirkung ankommt. Ich sage dazu mal nichts. Da sie darüber hinaus Essen vorbereiten müsste, könnte sie auch nicht mehr kurzfristig nachkommen. Deshalb hat man als neuen Termin heute, also Dienstag, 9.00 Uhr ausgemacht.

Heute morgen kam dann dieselbe Formation noch einmal zusammen, dieses Mal mit der Mutter. Ihr einziger Beitrag zu der ganzen Sache war angeblich: "Ich bin mit allem einverstanden, was meine Tochter möchte und gut für sie ist. Wo muss ich unterschreiben?"

Ich fasse es zusammen: Auch der Sozialarbeiter der Stadt befürwortet, dass Cathleen bei uns einzieht, von hier eine Gesamtschule besucht und einmal pro Tag (montags bis freitags) für 20 bis 60 Minuten von einer Sozialarbeiterin besucht und betreut wird. Damit ist fast schon klar, dass es klappen wird, denn ein einfacher Sachbearbeiter im Amt wird sich nicht gegen die Empfehlung einer Fachkraft der eigenen Behörde stellen.

Die Kosten hierfür würden zum Teil vom Sozialamt, vom Jugendamt und von der Pflegekasse übernommen werden. Die Sozialarbeiterin bekommt pro Einsatz pauschal rund 37 Euro, der Pflegedienst pauschal rund 20 Euro. Macht rund 800 Euro pro Monat für die Sozialarbeiterin und rund 600 Euro pro Monat für den Pflegedienst. Dazu kommen noch rund 330 Euro Miete, 64 Euro Taschengeld und 195 Euro Verpflegungsgeld pro Monat. Damit ist das Wohnen in der WG mit Betreuung durch einen ambulanten Sozialdienst und einen ambulanten Pflegedienst günstiger als das Internat, das fast doppelt so viel kostet. Die Eltern müssen nach wie vor Unterhalt an das Sozialamt zahlen und bekommen natürlich auch kein Kindergeld oder Pflegegeld ausgezahlt.

Wir warten jetzt auf eine Entscheidung des Sachbearbeiters. Da sie drängt, denn Cathleen soll möglichst hier weiter zur Schule gehen, rechnen wir spätestens nächsten Montag mit einer klaren Auskunft. Ich bin sehr aufgeregt und drücke nach wie vor beide Daumen, dass das klappt. Cathleen ist völlig aus dem Häuschen. Allerdings warten wir noch ab, denn noch gibt es kein endgültiges Okay. Lieber nicht zu früh freuen.

Montag, 7. September 2009

Das erbärmliche Wrack

Die neueste verbale Entgleisung meines Lieblingslehrers lautet: Penner. Ich bin nicht betroffen, sondern jemand, der sein Buch nicht gefunden hat. Inzwischen sagte jemand, dass der Lehrer keinen Bock mehr auf Unterrichten hat und sich freut, wenn er noch irgendwohin versetzt wird, wo er weniger Arbeit hat. Er meint wohl, dass man ihn nicht rausschmeißen kann. Wenn er mich allerdings eines Tages mal als Krüppel bezeichnet, gibt es richtig Ärger. Irgendwann kommt ein Spruch, da bin ich mir sicher.

Nach der Schule hatte ich mein erstes Familiengespräch mit meiner Psychologin im Krankenhaus. Bis ich dort angekommen bin und meine Eltern tatsächlich auf dem Flur warteten, glaubte ich nicht, dass sie das ernst meinten. Allerdings war die anfängliche Freude schnell wieder vorbei. Mein Vater, sagte meine Therapeutin, ist für eine Familientherapie nicht zugänglich. Er müsste erstmal an sich selbst arbeiten, notfalls mit Hilfe eines eigenen Therapeuten. Das wollte er natürlich überhaupt nicht hören.

Aber es war vorauszusehen, als er zu meiner Therapeutin, die selbst Rollstuhlfahrerin ist, sagte, dass er die ganze Therapie, die im Krankenhaus gemacht wird, als Schritt in die falsche Richtung ansieht. Es kotze ihn an, wie in diesem Haus körperliche Wracks dazu gedrillt werden, sich gegenseitig mit Höchstleistungen zu überbieten. Ein defektes Auto werde repariert oder verschrottet - oder wenn es einen hohen Wert hat, als Oldtimer liebevoll gepflegt. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, mit einem Oldtimer an einem Rennen teilzunehmen.

Mein Vater sieht mich als jemand an, der durch einen bedauerlichen Unfall zu einem körperlichen Wrack gemacht wurde. Wenn es nach ihm geht, soll mein Lebensinhalt nur noch ein Dahin-Vegetieren in einem Pflegeheim sein. Er hat nicht verstanden, was es bedeutet, sich selbst zu duschen und anzuziehen - im Gegensatz dazu, dass jemand kommt und einen duscht und anzieht. Für ihn gehören behinderte Menschen durch einen Pfleger betreut, geduscht und angezogen. Sie müssen auch nicht mehr arbeiten, sie sollen Rente bekommen. "Da kommt doch sowieso nichts bei raus. Die Kosten, einen behinderten Menschen einzustellen, rechnen sich nicht mit dem, was er in seinem Leben mal erwirtschaften wird."

Weil ich gerade so gut in Fahrt bin, lasse ich auch nichts aus. Er ist ernsthaft der Meinung, dass die monatelange Rehabilitation nur ein Ziel hat: Der Rollstuhlfahrer soll keine Zeit haben, sich mit seiner "erbärmlichen" Lage zu identifizieren. Stattdessen hat er nur noch einen Kopf für Behindertensport, Arbeitsplatz, Schule, Studium - und merkt vor lauter Verblendung nicht, was er sich und seinem Umfeld damit zumutet.

Irgendwann hakte meine Therapeutin ein: "Wenn Sie meinen, dass das hier alles Schwachsinn ist - hat dieser Schwachsinn überhaupt keinen Wert, wenn man durch ihn erreichen kann, dass ein Rollstuhlfahrer wieder Sinn in seinem -wie Sie es sagen- erbärmlichen Leben findet und wieder lachen kann? Wäre dieses positive Feedback Ihrer Tochter, Ihres -wie Sie sagen- Wracks, es nicht wert, diesen Zirkus mitzuspielen? Verlangt er Ihnen so viel ab, als dass es sich nicht lohnen würde?"

Er antwortete, dass er ein ehrlicher Mensch ist und niemandem etwas vormacht. Er möchte ernst genommen werden und das verbietet solche Spielereien. "Ich glaube schon", antwortete meine Therapeutin, "dass Ihre Tochter Sie auch dann ernst genommen hat, als sie erfahren hat, welcher Weihnachtsmann ihre Geschenke unter den Baum gelegt hat. Hat Ihre Tochter nie einen vermeintlich aussichtslosen Wettlauf gegen den Papa gewonnen und daran geglaubt?"

"Meine Tochter ist 17 und nicht 3." - "Auch mit 17 braucht man Menschen, die an einen glauben." - "Genau das ist der Punkt. Ich glaube an sie, aber nicht mit den Dingen, mit denen sie sich beweisen will, dass sie nicht behindert ist. Sie ist behindert, darüber können Schule, Sport und Freunde nicht hinwegtäuschen." - "Schule, Sport und Freunde gehören zu ihrem Leben. Das widerspricht sich nicht. Das sind keine Täuschungen." - "Sie wollen mich nicht verstehen."

Als meine Therapeutin die Diskussion abbrach und die Frage stellte, welche Vorstellungen wir denn alle davon hätten, wie es weitergehen soll, sagten meine Mutter und mein Vater, dass sie es nicht wüssten. Auf die weitere Nachfrage, ob sie nicht eine Vision hätten, sagte meine Mutter: "Ich träume davon, dass meine Tochter wieder gesund wird."

Es ist und bleibt mir ein Rätsel, wie man so hohl sein kann. Ich habe einige Sekunden die Idee gehabt, ob ich mich mit der Theorie meines Vaters, dass ich mich fordere, um mich von dem Gedanken, wert- und nutzlos zu sein, abzulenken, beschäftigen sollte. Aber erwartet das jemand wirklich ernsthaft von mir?

Sonntag, 6. September 2009

Die Story mit dem Gyrosbaguette

"Mein Kollege hatte für jeden ein Gyrosbaguette vom griechischen Imbiss, hier gleich gegenüber am U-Bahnhof, geholt. Wir waren gerade fertig mit Auspacken, als wir von unserer Leitstelle nach Hamburg-Lurup geschickt wurden. Verkehrsunfall mit jugendlichem Fußgänger, mehr erfuhren wir zunächst nicht. Nach wenigen Minuten erreichten wir den Einsatzort. Schaulustige standen an den Flatterbändern. Die Polizei hatte weiträumig abgesperrt. Ein Notarzt kümmerte sich bereits um eine Person, die in einiger Entfernung vor einem beschädigten Auto auf der Straße lag, mit einer Rettungsdecke zugedeckt und durch Feuerwehrmänner von Schaulustigen abgeschirmt. Wir landeten gegenüber der Unfallstelle im Kreuzungsbereich. Die Fahrerin des Unfallwagens war versorgt, also lief ich zu dem anderen Unfallopfer. Mein erster Gedanke war: 'Die überlebt nicht.'"

Heute sitze ich vor ihr. An einem Sonntag, in einem eher kleinen Zimmer mit einem Sofa, einem Couchtisch, einem Schreibtisch und einer Küchenzeile. Der Frau, die mir gegenüber sitzt, verdanke ich vermutlich mein Leben. Sie hat mir in einer Situation geholfen, in der ich fast gestorben wäre. Die Dankbarkeit dafür kann man nicht in Worte fassen, sie ist auch nicht bezahlbar. Auch wenn ich ihr in Dankbarkeit geschrieben habe und sie ihr Gehalt für ihren Job schon lange bekommen hat. Dennoch: Es war mir sehr wichtig, ihr einmal die Hand drücken zu dürfen. Ohne großes Theater, ohne viele Worte. Einmal in die Augen schauen, einmal die Hand drücken.

Wenn ich das so lese, komme ich mir vor wie meine Oma, die viel Wert auf solche Gesten legt. Als ich wieder vom Gelände rollte, kullerten die ersten Tränen über meine Wangen. Es war kein Schmerz, keine Trauer, keine Rührung - sondern die hoch-emotionale Situation. Oder vielleicht doch etwas anderes. Einige Stunden später habe ich mich wieder beruhigt. Das Kapitel werde ich nun abschließen können. Obwohl ich am nächsten Jahrestag meines Unfalls vermutlich wieder daran denken werde. Ich glaube, ich weiß auch schon, was es an dem Tag zu Essen gibt.

Samstag, 5. September 2009

Für Rollis reserviert

Samstag abend, Schanzenviertel. Man schiebt sich noch nicht durch die Straßen (wie zur gleichen Zeit auf der Reeperbahn), aber dennoch sind etliche Leute unterwegs. Natürlich auch unsere WG: Wir wollten unser gemeinsames Abendessen in eine gemütliche Kneipe / Gaststätte in der Schanzenstraße verlegen.

Leider gibt es dort nur zwei Tische, die ebenerdig erreichbar sind. Alle anderen Tische sind nur über Stufen zu erreichen. Als wir durchs Fenster hinein schauten, war einer der Tische frei. Also: Nix wie rein. Alternativ wären wir ein paar Häuser weitergegangen, aber dieses hier war unsere persönliche erste Adresse. Zu behaupten, dass wir Stammgäste wären, wäre sicherlich zu weit gegriffen, aber ein paar Mal hat es uns dort schon sehr gut geschmeckt.

Als wir drinnen waren, setzte sich gerade ein Paar an den von uns anvisierten Tisch. Da acht Leute an dem Tisch sitzen können, fragten wir, ob wir uns dazu setzen dürfen. Der Typ antwortete: "Sucht euch bitte einen anderen Tisch, ja?!" Wir staunten nicht schlecht. Nunja, Liam schaute bereits im oberen Bereich, ob dort noch Tische frei waren, um uns notfalls einzeln die sechs Stufen hochzuziehen. Aber so weit sollte es gar nicht kommen. Die Kellnerin, die das mitbekommen hatte, sprach das Paar an: "Entschuldigung, dürfte ich Sie bitten, sich an einen anderen Tisch zu setzen?"

Wieder sagte der Typ: "Nein, dürfen Sie nicht. Wir waren zuerst hier und wir wollen ungestört essen. Die da", er zeigte auf uns, "können ja warten, bis wir oder die Herrschaften gegenüber fertig sind." Lina sagte bereits: "Komm, wir gehen woanders hin." Die Kellnerin bat uns jedoch, einen Moment zu warten. Sie kam mit dem Inhaber wieder, der das Paar bat, an einem anderen Tisch Platz zu nehmen. Im oberen Bereich seien noch etliche Tische frei. Die großen Tische bräuchte er für Gruppen." Daraufhin sagte der Typ: "Heute kommen keine Gruppen mehr."

"Der Tisch ist reserviert, ich bitte Sie, sich an einen anderen Tisch zu setzen." - "Da steht aber gar nicht dran, dass der reserviert ist." - "Okay. Raus!" Der Inhaber hielt dem Paar die Tür auf, aber nun ging die Diskussion richtig los. "Schonmal was davon gehört, dass in unserem Land alle Menschen gleich sind? Ich sehe behinderte Menschen als gleich an. Aber sie sind eben nicht gleicher. Wenn der Platz weg ist, ist er weg." - "Raus!" - "Ich habe das Recht, eine Mahlzeit zu mir zu nehmen. Ich bin Diabetiker und habe mir schon Insulin gespritzt. Wenn ich nichts zu essen kriege..." - "Raus!"

Jetzt bewegte er sich. "Komm, Mausi, wir sind hier unerwünscht." Als sie draußen waren, applaudierten die Gäste am anderen Tisch. Ich hätte mich vor lauter Scham und Peinlichkeit am liebsten in Luft aufgelöst. Ich mag solches Aufsehen um mich und meine Behinderung nicht. Aber das Essen war genial.

Was Mausi wohl gedacht hat.

Freitag, 4. September 2009

Cathleen möchte bleiben

Nach einer Woche Probewohnen steht für Cathleen die Entscheidung fest. Bei uns ist es 1.000 Mal besser als in ihrem Internat. Sie möchte bei uns bleiben und hofft nun, als 15jährige bei uns einziehen zu dürfen. Sie würde dann hier wohnen, von einem ambulanten Sozialdienst einmal täglich für eine halbe Stunde betreut werden, würde auf eine Gesamtschule gehen (die sie in dieser einen Woche auch toll fand) und ihr Leben alleine oder mit unserer Hilfe managen.

Am Montag findet ein weiterer Termin mit dem Sozialarbeiter statt, diesmal ist auch die Mutter dabei. Ich bin sehr gespannt, wie es ausgeht. Auch Sofie aus unserer WG wird noch einmal dabei sein. Zusammen mit der Mitarbeiterin vom ambulanten Sozialdienst, der Cathleen über die Woche hier betreut hat, haben wir uns heute zusammengesetzt und darüber gesprochen, ob wir das Experiment (und das ist es) wagen wollen.

Cathleen ist ein wenig angesäuert, weil sie verständlicherweise lieber heute als morgen aus dem Internat und der Sonderschule raus möchte und sich natürlich nicht ernst genommen fühlt, wenn man gewisse Bedenken äußert: Sie ist aber gerade erst 15 und normalerweise wohnen Gerade-erst-15-Jährige nicht alleine in einer WG, auch dann nicht, wenn einmal am Tag jemand nach dem Rechten sieht. Selbst bei mir, als ich fast 17 war, war man ja schon sehr vorsichtig.

Aber Cathleen hat in der einen Woche alles dran gesetzt, um allen zu beweisen, dass sie es kann. Deutlicher kann man nicht darum betteln, eine Chance zu bekommen. Ich würde mich sooooo sehr freuen, wenn es klappen würde, aber ich habe eben auch sehr viel Angst um sie. Ich kann die Zukunft nicht vorhersehen und ich möchte sie so ungern enttäuschen. Was, wenn es wirklich Schwierigkeiten gibt, die wir alle jetzt noch nicht kennen?

Ich hoffe, dass es am Ende klar war, dass die Zurückhaltung von allen (nicht nur von mir) nicht damit zu tun hat, dass wir sie nicht mögen. Sie ist meine liebste Freundin. Sondern damit, dass wir für sie das Beste wollen und dass das Beste wohl überlegt sein will. Wir haben uns entschieden, es zu wagen. Die Sozialarbeiterin wird mit einer entsprechenden Empfehlung in das Gespräch am Montag gehen. Was Cathleen will, ist sowieso klar - müssen nur noch die Eltern (in erster Linie die Mutter) und die Behörden mitspielen.

Ich drücke Cathleen beide Daumen!

Mittwoch, 2. September 2009

Bomben und Granaten

Heute morgen hatten wir einen weiteren Block bei meinem Lieblingslehrer. Der mit den tollen Sprüchen. Zinha, eine türkische Schülerin, kam zu spät aus der Pause und bekam den ersten Spruch zu hören. "Ich wüsste, wie wir unser Asylproblem lösen könnten." Zinha, die in Deutschland geboren ist, fragte interessiert nach: "Wie denn?" Antwort: "Das darf ich im Unterricht nicht sagen."

Darauf fragte eine andere Schülerin: "Haben Sie etwas gegen Ausländer?" - "Ja, Bomben und Granaten."

Einige Hohlköpfe fingen an zu kiechern. Die Mehrzahl der Leute zum Glück nicht. Ich finde das nicht witzig. Nicht etwa, weil ich finde, dass man solche Witze nicht macht, sondern weil ich finde, dass so etwas einfach nicht witzig ist. Als Vertreterin einer anderen Randgruppe halte ich natürlich lieber meine Klappe. Ich hoffe nur, dass die, die schweigen, nicht genauso denken.

Es dauert nicht mehr lange, und wir beiden Behindis in der letzten Reihe kriegen auch noch unser Fett weg. Das habe ich schon im Gefühl. Für den Fall, dass wir nicht schnell genug an die Tafel kommen, irgendwas im Weg steht oder einer von uns mal zu spät kommt, hat er bestimmt auch schon den einen oder anderen dummen Spruch abrufbereit auf seiner Festplatte vorbereitet.

So ein ... als Lehrer, ausgerechnet in einem Fach, das den meisten Schülerinnen sowieso schon nicht so liegt, motiviert natürlich ungemein. Ich war froh, als die Stunden endlich vorbei waren. Noch wiederholt er im Galopp einiges aus Klasse 7.

Die anderen Schülerinnen und Schüler sind jedoch zum größten Teil sehr nett. Die anderen Lehrer auch. Der zweite Block hat richtig Spaß gemacht. Und bisher komme ich überall problemlos mit. Wäre da nicht dieser eine Lehrer, wäre ich rundum zufrieden. Soweit man das halt in den ersten fünf Tagen beurteilen kann.

Dienstag, 1. September 2009

Zu langsam im Verkehr

Es ist nicht witzig. Ich bin heute geblitzt worden. Und zwar in der Luruper Chaussee stadtauswärts im vierspurigen Bereich. Da ist definitiv 50 erlaubt und ich bin gerade aus einer Seitenstraße rausgekommen und hatte höchstens 40 auf dem Tacho. Allerhöchstens.

Da war keine Baustelle, keine Ampel, keine Nässe, kein Wind (von wegen hochgewirbeltes Zeugs), der Tacho geht richtig und es war eine automatische Messung aus dem Kofferraum eines Passat Kombi. Und es hat definitiv geblitzt und es hat mich niemand überholt. Ich war angeschnallt, hatte kein Handy am Ohr - ich weiß es nicht.

Ich werde irre. Ich darf mir mit meinem Führerschein absolut keinen Schnitzer erlauben, sonst wird er eingezogen. Ich bin ja noch nicht 18. Ich habe voll Schiss, dass ich doch irgendetwas verkehrt gemacht haben könnte. Leider habe ich nicht angehalten und gefragt.

Nachtrag vom 03.09.09, 16.50 Uhr:
Nach endlosen Grübeleien habe ich heute bei einem Anruf beim Ordnungsamt die Lösung erfahren: Da standen zwei Blitzer. Einer stand schon einen Kilometer weiter vorne. Beide haben alle Fahrzeuge geblitzt.

Zu dieser Zeit war nämlich in meine Richtung Einfahrt verboten wegen einer Baustelle, Anlieger frei. Da um diese Zeit wie jeden Tag (solange am Elbtunnel gebaut wird) Stau auf der A7 war, nutzen viele Leute die Straße als Schleichweg, um näher an die Autobahn-Auffahrt zu kommen. Aus dem Grund hat man kurz hinter der Sperre geblitzt und dann nochmal kurz vor Ende des Schleichwegs. Alle die, die innerhalb weniger Minuten durch Falle 1 und Falle 2 gefahren sind, bekommen jetzt Post vom Ordnungsamt. Wer nur durch die erste Falle (kurz hinter dem Einfahrt-verboten-Schild) gefahren ist, bekommt eine Anhörung und muss erklären, warum er da reinfahren durfte, wer nur durch die zweite Falle gefahren ist (so wie ich), bekommt gar nichts.

Selbst wenn ich noch was bekommen sollte, meinte er, wäre Krankengymnastik ein ausreichender Grund, um als "Anlieger" dort reinzufahren. Also nichts zu befürchten und Stinkesocke ist wieder happy.