Montag, 31. August 2009

Brot kann schimmeln

An den Tonfall muss ich mich erst noch wieder gewöhnen, denn ändern kann ich ihn wohl nicht: Bei einigen Lehrern in meiner neuen Schule geht es ziemlich übel zu. Abwertend und unter der Gürtellinie. Die meisten Mitschüler scheint es aber nicht zu stören. Oder sie überhören das einfach oder sind es gewohnt. Mir fällt es schwer, da ich normalerweise netter mit meinen Mitmenschen rede und das auch aus meiner alten Schule nicht so extrem kenne. Oder ich habe es verdrängt. Aber solange ich nicht diejenige bin, die da angemacht wird, kann ich damit leben, dass es andere nicht stört. Ich muss mir nur etwas überlegen, was ich auf solche Sachen rausgeben kann, damit ich nicht anfange zu heulen, wenn ich mal diejenige bin, die da angemacht wird. Das ist jawohl nur noch eine Frage der Zeit.

"In Ihrem Hirn herrscht gähnende Leere." Oder: "Sie sind so dumm wie 10 Meter Feldweg." Oder: "Brot kann schimmeln. Sie können gar nichts." Oder: "Ihre Eltern hätten besser Kondome verwendet." Oder: "Was sagen Sie als Außenstehender zum Thema Intelligenz?"

Ich finde es unverschämt, in den allerersten zwei Stunden, in denen man einen Lehrer das erste Mal hat, solche Sachen rauszuhauen. Aber es scheint auf einem Gymnasium in Hamburg im Jahr 2009 normal zu sein.

Sonntag, 30. August 2009

Nochmal Hannover

Zurück aus Hannover: Der zweite Teil des Trainings-Camps ist geschafft. Wieder ging es am Samstagmorgen mit dem ICE in Höchstgeschwindigkeit nach Niedersachsen, wieder haben wir unsere Zimmer bezogen, wieder in der gleichen Aufteilung, wieder sollten wir draußen schwimmen ... WHAT?!

Der Himmel war bewölkt, draußen waren 16 Grad, es regnete immer mal wieder und der Wind war eher kalt, so dass ich mir schon einen Fleece-Pullover über mein T-Shirt gezogen hatte. Wer war denn auf diese Idee gekommen? Ich wollte bei der Besprechung in der Sporthalle nicht als einzige großen Alarm machen und wunderte mich, warum Cathleen oder Simone nicht widersprachen, als es hieß, wir wiederholen den Schwimmkurs von vor zwei Wochen. Hinterher wusste ich es: Die Ausschreibung, in der stand, dass der Neoprenanzug mitgebracht werden sollte, habe ich nicht bekommen.

Aber selbst wenn: So etwas habe ich nicht und hatte ich auch noch nie besessen. Es ist sicher nicht ungewöhnlich, dass man so etwas bei Wettkämpfen oder bei Schwimmtraining draußen trägt, gerade wenn man kaum Durchblutung in den Beinen hat, diese auch nicht bewegt und man daher schnell auskühlt. Aber ich wüsste nicht einmal, welche Größe ich bräuchte, geschweige denn, worauf ich beim Kauf achten müsste. Die faule Stinkesocke liebäugelte also schon damit, dass sie anderweitig bespaßt werden würde, hatte aber die Rechnung nicht mit einer Segelschule am See gemacht, die solche Dinger verleiht und bereits einen ganzen Karton in die Halle gestellt hatte.

Insgesamt waren drei Leute dabei, die so etwas leihen mussten und zu unserem Glück waren unsere Größen vorrätig. Größe 38 ist allerdings auch nicht so ungewöhnlich. Ich hatte noch nie in meinem Leben so ein Ding an. Ich fand schonmal, dass es ziemlich eklig roch, nach Gummi halt, und dass es ziemlich schwer war, dort hineinzukommen. Auf der Erde liegend und mit Cathleens Hilfe schaffte ich das aber. Jetzt nur noch in dem Ding zum Steg kommen! Meine Güte, sahen wir bescheuert aus. Rund 30 Rollstuhlfahrer in Gummianzügen fahren 50 Meter über einen Wanderweg zu einem Steg. Etliche Spaziergänger blieben stehen und schauten sich das Spektakel an. Ich kam mir vor wie eine Pellwurst auf Rädern.

Am Steg nebenan wurde ein großes Ruderboot aus dem Wasser gehoben. Die Ruderer blickten auch ziemlich fragend aus der Wäsche, als sie uns sahen. Wir mussten uns nun erstmal vom Rollstuhl auf den Steg setzen, während die Rollstühle wieder in die Halle gebracht wurden, damit sie bei Regen nicht völlig durchweichen. Mir war bereits ziemlich warm in dem Ding. Zwischenzeitlich mussten auch noch die zwei Kajaks, mit denen wir begleitet werden sollten, herangeschafft werden. Da (nicht nur) mir das freie Sitzen schwer fiel, legte ich mich auf den Bauch, die Hände unter dem Kinn verschränkt, und schaute mir das alles aus der Liegeposition an. Dann kam Renè aus Bremen wieder an, der mich letztes Mal schon so angebaggert hatte, obwohl er eine Freundin zu Hause hat, und sagte: "Wow, hast du einen knackigen Arsch! Darf ich mal klatschen?"

Cathleen rollte die Augen zum Himmel, Simone tippte sich an die Stirn und ich antwortete genervt: "Klatsch so viel wie du willst", dachte aber, er wollte in die Hände klatschen. Stattdessen kam er auf mich zu und zimmerte mir eine auf meinen Hintern. Damit bestätigte sich meine Meinung von letzter Woche: So ein Idiot.

Während es immer längerte dauerte, bis es endlich mal losgehen sollte, erklärte uns ein schlauer Fuchs, dass, wenn man sich einen neuen Neoprenanzug zum Schwimmen kauft, man darauf achten muss, dass er sehr eng anliegt, damit nur ein minimaler Wasserfilm auf der Haut ist, der sich erwärmt und dann als Isolierschicht wirkt. Wenn der Anzug zu groß ist oder nicht für das Schwimmen gedacht ist, dann strömt immer wieder kaltes Wasser nach und die Sache funktioniert nicht. Genial. Außerdem hat man mit dem Ding ziemlichen Auftrieb, so dass auch Leute, die ihre Beine nicht bewegen, wesentlich gerader im Wasser liegen. Und dann sollten Querschnitte noch beachten, dass es im gelähmten Bereich keine Reißverschlüsse, keine Falten, hervorstehenden Nähte oder ähnliches gibt und dass die Beine nicht abgeschnürt werden.

Während er laberte, interessierte mich eine Sache viel mehr: Wenn der Wasserfilm nicht ausgetauscht wird beim Schwimmen, was ist denn, wenn sich unterwegs meine Blase entleert? Gehe ich dann beim Ausziehen als marinierter Seeteufel durch und stinke wie ein Dachs im Zoo? Und vor allem: Mir gehört dieser Anzug ja gar nicht. Und erstrecht: Gab es vor mir noch andere Ferkel ... ich denke lieber nicht weiter über das Wort "Leih-Anzug" nach. Vor einigen Wochen hätte diese Unsicherheit bei mir eine mittelschwere Katastrophe ausgelöst, mit Heulattacke und Panikstimmung, heute fragte ich Cathleen: "Sag mal, was passiert eigentlich, wenn man in das Ding reinpinkelt?"

Kristina, die direkt daneben saß, fing laut an zu lachen, und als Cathleen ohne eine Miene zu verziehen antwortete: "Dann wird es warm.", prustete sie erst richtig los, lief im Gesicht schon rot an und bekam fast keine Luft mehr. Ich ersparte mir weitere Nachfragen, denn endlich ging es los. Das Wasser war wärmer als ich vermutet hatte, aber kälter als beim letzten Mal und der kalte Wind, der über das Wasser fegte und einige Wellen machte, war fast schon unangenehm. Der Auftrieb dieses Schwimmanzugs machte einiges einfacher als beim letzten Mal, der zeitweilige Gegenwind brachte mich aber fast zur Verzweiflung. Zwei Mal bekam ich von einer Schwimmerin, die ständig nah an mich herankam, keine Ahnung warum, einen Ellenbogen in die Rippen, was ziemlich weh tat. Es hieß zwar, wir sollen nur ankommen und nicht auf Höchstleistung schwimmen, aber wäre ich nicht auf Höchstleistung geschwommen, wäre ich teilweise gar nicht vorwärts gekommen. Der Wind spielte mit uns. Ich war allerdings nicht die einzige, der das so ergangen ist. Alle waren froh, als wir endlich unter der heißen Dusche waren. Einschließlich Tatjana, die mit ihrem Kajak 20 Meter vor dem Steg gekentert ist - ich sage nicht, wer nachgeholfen hat...

Am Nachmittag stand nochmal Ergometertraining auf dem Programm. Abends gingen wir ins Kino und schauten uns Horst Schlämmer an. Naja. Die Popcorn waren gut. Und das Bier in der Disko hinterher auch. Damit sich der Anschiss in Grenzen hält, lagen alle schon um 1 in den Betten. Und unsere Betreuer ließen uns sogar bis 8 Uhr ausschlafen.

Nach einem Zirkeltraining am Sonntagmorgen und einem weiteren Ergometertest mit Blutentnahme aus dem Ohr ging es wieder zurück nach Hamburg. Am Hauptbahnhof gerieten wir noch direkt in das Remmidemmi des gewonnenen HSV-Heimspiels gegen Köln. Wer den Hamburger Hauptbahnhof mit seiner großen Bahnsteighalle kennt, kann sich vorstellen, wie es wirkt, wenn einige Tausend Leute darin ihre Fangesänge abgeben. Fast so schön wie im Stadion. Aber nur fast.

Freitag, 28. August 2009

Probewohnen für Cathleen

Cathleen war gestern mit Sofie bei einem Sozialarbeiter vom Jugendamt, um mit ihm zu besprechen, ob es eine Alternative wäre, wenn sie wieder in Hamburg zur Schule geht, also einen Neuanfang startet auf einer Gesamtschule (statt noch ein Jahr auf ein Sonderschul-Internat zu gehen), dabei in unserer WG wohnt und von einem ambulanten sozialtherapeutischen Dienst drei- bis fünfmal pro Woche betreut wird.

Ich war nicht dabei, ich bekam die Story aber von Sofie und später auch nochmal von Cathleen erzählt. Zuerst hatte der Sozialarbeiter wohl den Termin verschwitzt, den er so kurzfristig erst noch zugesagt hatte, dann war er wohl von vornherein gleich dagegen. Sofie meinte, er könnte auch bewusst diese Position eingenommen haben, um sich von Cathleen überzeugen zu lassen, also um zu merken, wie ernst es ihr wirklich ist. Interessante Theorie.

Cathleen war wohl hartnäckig genug, denn am Ende kam heraus: Cathleen wohnt ab nächsten Montag für 5 Tage zur Probe in unserer WG. Sie bekommt täglich Besuch von einem Sozialarbeiter oder einer Sozialarbeiterin von einer Einrichtung. In der Zeit geht sie probeweise auch auf eine Gesamtschule in Eppendorf. Am Montag darauf trifft man sich erneut und bespricht, wie es weitergeht.

Ich bin sehr gespannt, aber ehrlich gesagt auch sehr zwiespältig. Cathleen ist noch zwei Jahre jünger als ich - und bei mir fragen die Leute schon, ob ich nicht zu jung bin, um von zu Hause auszuziehen. Andererseits: So groß ist der Unterschied zwischen WG mit Betreuung und Internat auch nicht. Und Cathleen ist sehr selbständig. Und ich würde mich sehr freuen, wenn sie hier einziehen würde.

In der Schule habe ich heute meinen ersten richtigen Tag miterlebt. Und auch gleich mein erstes Negativ-Erlebnis. Ich fuhr durch einen Gang, hatte eine leere Papiertüte von meinen zwei Brötchen auf dem Schoß, wollte in den Klassenraum und spätestens dort diese Papiertüte in den Müll werfen. Ich war bisher noch an keinem Mülleimer vorbei gekommen. Vor mir ging ein Lehrer, dem urplötzlich einfiel, dass er was vergessen hatte. Er drehte sich mitten im Gehen auf dem Absatz um. Ich musste scharf bremsen, um ihn nicht umzufahren. Dabei fiel die zusammengeknüllte Brötchentüte auf die Erde. Er blubbert mich an: "Egal ob Sie behindert sind oder nicht - Müll wird hier nicht einfach hingeworfen. Auch wenn Sie neu sind, sollten Sie das wissen." Ja nee, is klar. Nächstes Mal halte ich die Tüte fest und fahr ihm so richtig in die Hacken. Ich hoffe, dass ich diese Lehrkraft nicht irgendwo selbst im Unterricht habe.

Ansonsten hatten wir heute zwei Stunden lang unseren Pädagogik-Lehrer von gestern und zwei Stunden Statistik. Merke: "Wenn man an einem Reh zuerst links vorbeischießt und dann rechts, dann ist es durchschnittlich tot!" Muhaha.

Donnerstag, 27. August 2009

Muku, Spanfranz und Gewipo

Als ich das letzte Mal zur Schule gegangen bin, bin ich gegangen. Auf zwei Beinen. Am Morgen hatte ich mein Elternhaus verlassen. Seitdem ist über ein Jahr vergangen, seitdem bin ich nicht mehr zur Schule gegangen, geschweige denn auf zwei Beinen. Seitdem habe ich mein Elternhaus nicht mehr von innen gesehen.

Es war schon ein nachdenklicher Moment, als ich heute morgen um 9.00 Uhr zur Schule fuhr. Zu meiner neuen Schule. Ein berufliches Gymnasium, in dem ich in drei Jahren mein Abitur schaffen möchte.

Ich hatte die letzte Nacht vor Aufregung kaum geschlafen. Auf was für Leute würde ich treffen? Akzeptiert man mich? Stelle ich mich nicht doof an? Passiert mir nichts peinliches? Finde ich Anschluss? Diese und mindestens 100 andere Fragen drehten sich die ganze Nacht lang in meinem Kopf herum.

Mit dem Auto fahre ich genau 10 Minuten bis zur Schule. Es sind laut Tacho 3,9 Kilometer. Pro Strecke. Das Gebäude ist für Hamburger Verhältnisse topmodern, große Räume, vernünftige Tische, Teppichböden, elektrische Rolläden vor den Fenstern, Internetanschluss in den Klassenräumen, Aufzüge, saubere Toiletten, ansprechende Cafeteria ... nö, ich war schon angenehm überrascht.

Um 9 Uhr ging es los, in unserer Klasse sind 23 Leute und ich bin nicht die einzige Rollstuhlfahrerin. An der Schule sind insgesamt (mit mir) 6, in meiner Klasse ist noch eine Schülerin, die aber wesentlich älter ist als ich. Sie hat die Zugangsvoraussetzungen durch einen Hauptschulabschluss plus Berufsausbildung erworben und ist bereits Ende 20. Überhaupt sind rund ein Drittel der "Schüler" bereits mit einer Berufsausbildung fertig oder steigen ein zweites Mal ein. Was ich eher positiv finde. Außerdem wird im Klassenverband unterrichtet, nicht mit Kurssystem. Was ich auch eher positiv finde. Vielleicht ist es auch nur Gewohnheit.

Die Tische sind hufeisenförmig angeordnet, ich sitze neben der anderen Rollstuhlfahrerin am rechten unteren Ende des Hufeisens in der Nähe der Tür. Das war schon so vorgegeben. Ist mir aber ganz recht, dann kann ich wenigstens zum Klo ohne dass es jemanden stört. Unseren Klassenlehrer lernten wir auch gleich kennen, ein Typ Anfang 60, den wir in Pädagogik haben werden. Ich fand ihn recht witzig, auf jeden Fall scheint er keine Schlafmütze zu sein, die jenseits seines Berufs nichts mehr mitkriegt. Nett scheint er auch zu sein - wenn er auch noch fair ist und keine unerträglichen Launen hat, bin ich bereits zufrieden.

Was für mich völlig neu ist:
1. Ich bekomme zwei Büchersätze. Einer kann in der Schule eingeschlossen werden, einen darf ich mit nach Hause nehmen. Dadurch erspare ich mir die Schlepperei.

2. Es gibt Schließfächer im Klassenraum. Und auch noch ausreichend große. Und der Raum ist videoüberwacht.

3. Es gibt einen Aufenthaltsraum für Schüler und einen Ruheraum. Der Ruheraum ist in erster Linie für Schüler mit gesundheitlichen bzw. psychischen Problemen gedacht.

4. Wir dürfen Laptops verwenden, wenn sie beim Schreiben nicht klackern und wenn sie kein lautes Gebläse haben, also kurzum: Sie dürfen nicht nerven. Wir dürfen uns ins Schulnetzwerk einklinken und können darüber ins Internet. Wir dürfen auch Klausuren auf dem Laptop schreiben, allerdings ist in der Zeit kein Netzwerk verfügbar und kein Internet (schade).

5. Hausaufgaben etc. sollen von zu Hause auf einen FTP-Server hochgeladen werden, damit sie in der Schule online verfügbar sind und man sich die Zettelwirtschaft erspart. Jeder hat sein eigenes Verzeichnis und muss darunter ein Unterverzeichnis für die einzelnen Fächer anlegen.

6. Für Klogänge etc. muss nicht gefragt werden. Einfach leise rausgehen. (War bis Klasse 10 bei mir noch anders.)

7. Es darf im Unterricht getrunken werden. Es wurde sogar auf Empfehlung vom Klassenlehrer beschlossen, vorne eine Kaffeemaschine und einen Wasserkocher aufzustellen, damit sich jeder mit Kaffee und Tee versorgen kann - das Aufbrühen soll aber bitte in den Pausen passieren. Es darf sogar im Unterricht gegessen werden, wenn es nicht stört. "Wenn hier einer sein halbes Hähnchen auspackt oder stundenlang seine Spaghetti um die Gabel wickelt und die Bolognesesoße über die Tische spritzen lässt, verbieten wir das ganz. Auch Kaugummis sehen wir nicht gerne. Wenn sich aber einer einen Pfefferminzbonbon in den Mund steckt oder einmal geräuschlos vom Apfel oder seinem Frühstücksbrot abbeißt, ist uns das lieber, als wenn hier 26 Mägen knurren und man dabei sein eigenes Wort nicht versteht. Hunger macht außerdem einige Leute auch aggressiv und hemmungslos. Ja bitte?" - "Haben Sie drei Mägen? Wir sind nur 23 Leute." - "Haben Sie gerade Hunger?"
Ich darf pro Tag nicht mehr als 4 Unterrichtsstunden haben, sagt ein Gutachten der Unfallversicherung. Wenn ich mich daran nicht halte, werden mir Sozialleistungen, die ich wegen des Unfalls bekomme, gestrichen. Die Schule kennt das bereits: Sport, Muku (Musik, Kunst, Darstellendes Spiel) und der Förderunterricht fallen ganz weg, Spanfranz, die dritte Fremdsprache (Spanisch oder Französisch), ebenso (das allerdings, da ich seit 7. Klasse bereits zwei Fremdsprachen verpflichtend nehmen musste) - und es gibt für jeden Tag 45 Minuten Hausarbeit zusätzlich zu den normalen Hausaufgaben. Montag und Dienstag Deutsch, Mittwoch und Freitag Englisch und Donnerstag Bio/Chemie.

Der Stundenplan ist recht übersichtlich. Die übrigen Fächer sind: Pädagogik, Mathe, Englisch, Seminar, Gewipo (Gesellschaft, Wirtschaft, Politik), Deutsch, Psychologie, Bio/Chemie und Statistik. Die komischen Abkürzungen habe ich mir natürlich nicht ausgedacht.

Nur an zwei Tagen muss ich um 8.00 Uhr anfangen, sonst gegen 9.00 Uhr und einmal sogar erst gegen 10.00 Uhr. Am Montag habe ich leider einen freien Block, so dass ich zwischendrin 135 Minuten frei habe. Ansonsten habe ich jeden Tag bis halb 1 bzw. halb 2 Unterricht, einmal auch nur bis halb 12. Ich hoffe, dass ich den Stoff mit so wenig Stunden verstehe und vor allem, dass ich nach dem einen Jahr Auszeit einigermaßen wieder reinkomme.

Ich bin gespannt. Aber wie gesagt: Der erste Eindruck war sehr positiv.

Dienstag, 25. August 2009

Cathleen möchte zu uns

Dass Luisa zum 1. September wieder auszieht, hat sich spätestens seit meinem Post vom 11.08.09 auch außerhalb unserer WG herumgesprochen. Die sehr bedauerlichen und für mich auch eher inakzeptablen Gründe dazu auch. An wen wir das frei werdende Zimmer vergeben wollen, also auf welchen neuen Mitbewohner oder auf welche neue Mitbewohnerin wir uns einigen, eher nicht. Wir wissen es schließlich selbst noch nicht.

Der Vermieter möchte natürlich keine Leerstände, deshalb waren bereits vier Leute hier und haben sich das Zimmer angesehen. Zwei Leuten war es zu klein, ein Rollstuhlfahrer Anfang 20 wirkte nicht etwa wegen des Vollbartes sehr ungepflegt (sondern eher wegen des fetten Zahnbelags und den schmierigen Brillengläsern), eine Rollstuhlfahrerin Anfang 20 war uns schlicht und einfach zu doof.

Natürlich wäre allen geholfen, insbesondere Luisa, wenn sich schon zum 1. September ein Nachmieter finden würde, aber es muss eben auch passen. Gestern fragte mich Cathleen, ob sie mal eine ganz dumme Frage stellen dürfte. Ich weiß inzwischen, dass sie damit Fragen ankündigt, bei denen sie nicht weiß, ob sie ausverschämt sein könnten. Ich habe mit allem möglichen gerechnet, nur nicht mit der Frage, ob sie eine Chance hätte, bei uns einzuziehen.

Ernsthaft darüber nachgedacht hatte wohl bisher niemand, da sie in ihrem Internat wohnt, dort (nämlich 90 Kilometer von hier) zur Schule geht, gerade 15 Jahre alt ist, aus einer Familie kommt, bei der nicht alles einfach ist und vor allem noch nie alleine gewohnt hat, nicht einmal probeweise. Das hätte man allerdings in den Sommerferien prima machen können, wenn man ernsthaft mit dem Gedanken spielt. Mein erster lauter Gedanke dazu war: "Meinst du, dass deine Eltern dem überhaupt zustimmen würden?"

Sie wusste es nicht. Sie hatte nicht gefragt, weil sie nicht einschätzen kann, ob sie bei uns überhaupt eine Chance hätte. Meinetwegen könnte sie natürlich sofort einziehen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die anderen etwas dagegen hätten. Einigen wäre es vielleicht egal. Aber das Problem wird sein, dass sie minderjährig ist, das Internat vom Sozialamt bezahlt wird, sie dort zum Teil gepflegt wird, sie dort Psychotherapie bekommt (nachdem sie vor einem Jahr mal eine Depression hatte, und zwar eine richtige, mit der sie auch in einer Klinik war), dass sie hier in Hamburg keine Schule kennt, auf die sie gehen könnte und vor allem: Dass völlig unsicher ist, ob sie das so (oder mit einer Betreuung, wie ich sie bekomme) hinbekommen würde. Sie hätte dort ihre Leute, die sie kennt, sie hätte hier erstmal nur die WG. Was, wenn das nicht klappen würde, sie keine neuen Freunde findet?

Immerhin war ihr Gedanke aber so ernst, dass wir beschlossen, Sofie und Frank davon zu erzählen. Sofie hatte sofort die gleichen Bedenken wie ich. Frank war etwas entspannter: "Wenn man das wirklich will, wird sich kein Sozialamt und keine Schule dagegen stemmen. Nicht mehr in Klasse 10. Nach dem, was ich bisher mitgekriegt habe, bist du da ja auch nicht so glücklich." Das stimmt schon: Vor kurzem hat Frank eine Beschwerde an das Schleswig-Holsteinische Sozialministerium geschickt, da Cathleen kein Taschengeld bekam. Sie darf das Haus nicht verlassen, darf sich ihren Hausarzt und Frauenarzt nicht frei aussuchen, bekommt die falschen Pampers vom Internat einfach vorgesetzt, ohne dass sie daran was ändern kann - und geht letztlich mit Leuten in eine Klasse, die nur vom Jahrgang zusammenpassen, aber nicht von den Fähigkeiten. Einer in ihrer Klasse bekommt angeblich nicht mal den Satz "Ich habe Hunger" in der richtigen Reihenfolge zusammen. Was sich nach dem Sommer allerdings geändert haben dürfte, denn der wird den Hauptschulabschluss nicht geschafft haben.

Wir redeten einige Zeit darüber und mehr und mehr stellte sich heraus, dass Cathleen mehr als nur einen Gedanken daran gehabt hat. Sie hat sich diese "ganz dumme" Frage sehr genau überlegt und durchdacht. Am Ende sagte Frank, dass wir auf jeden Fall die Zustimmung der Mutter brauchen. Er würde mit ihr reden, wenn Cathleen das möchte. Und Cathleen wollte das. Und Frank griff zum Telefon. Cathleens Mutter kannte ihn ja bereits von der Taschengeld-Aktion. Und das Gespräch war unerwartet sachlich: Wo Cathleen zur Schule geht, sei ihr völlig egal. Wenn sich in unserer WG eine Betreuung sicherstellen lässt, sei auch das für sie denkbar. Aber: Sie werde keinen Finger rühren, was irgendwelche Anträge bei Behörden angeht. Sie sei froh, dass sie das alles erledigt hat. Sie wolle darüber schlafen und wenn ihr dabei nicht noch irgendwas wichtiges einfiele, werde sie auch nicht im Wege stehen, aber sie werde auch keine Energie mehr in das Thema stecken und irgendwelche Leute von irgendwas überzeugen.

Wir hatten uns für heute mittag erneut verabredet: Cathleen, Sofie, Frank und ich. Liam und Lina stehen der Sache wie erwartet völlig neutral gegenüber. Cathleen sagte, dass weder ihre Mutter noch ihr Stiefvater, bei denen sie zur Zeit zu Besuch ist, das Thema angeschnitten hatte. Bevor sie zu uns fuhr, hat sie ihre Mutter gefragt, ob das, was sie am Telefon gesagt hat, noch gilt. Daraufhin habe sie erwidert: "Ich weiß zwar nicht, warum der Typ jetzt so einen Wirbel macht, aber ich stehe zu dem, was ich gesagt habe. Ich zwinge dich nicht, auf das Internat zu gehen, wenn du woanders genauso betreut wirst." Cathleen wusste natürlich, warum Frank so einen Wirbel macht: Sie hatte ihn ja darum gebeten. Und das hatte Frank eigentlich auch gesagt im Telefonat.

Cathleen, Sofie und ich besuchten einen Mitarbeiter vom Gesundheitsamt, von der Beratungsstelle für behinderte Menschen. Der Mann war blind. Er war sehr nett und ich hatte den Eindruck, ihm machte seine Arbeit Spaß. Es lief am Ende alles auf eine Sache hinaus: Die Entscheidung treffen die Eltern. Es wäre für ihn leicht, dem Sozialamt zu begründen, dass es keinen Pflegesatz von 3.500 Euro im Monat mehr zahlen muss, sondern nur noch rund 400 Euro Miete plus paar Euro zum Leben und eine ambulante Betreuerin, die einmal pro Tag oder einmal alle zwei Tage nach dem Rechten sieht. Aber er braucht dafür auch ein Gutachten, aus dem sich ergibt, dass diese Förderung einen Sinn macht. Es muss jemand abschätzen, ob Cathleen dort zurecht kommen wird, ob sie in der neuen Schule integriert wird, ob die Betreuung einmal pro Tag oder einmal alle zwei Tage ausreicht - dann stünde dem nichts im Wege.

Er gab uns den Tipp, Cathleen in den Herbstferien eine Woche zur Probe wohnen zu lassen. Jetzt erst merkte ich, wie sehr sich Cathleen darauf bereits fixiert hatte. Sie war kurz vorm Weinen. "Wenn ich jetzt erst wieder in Schleswig-Holstein zur Schule gehe, verpasse ich doch hier den Anschluss."

Blinde Menschen haben ja ein besonderes Gespür für die Stimme des Gegenüber. "Du hast es dir fest vorgenommen, oder? Du willst es schaffen." Cathleen nickte. Was der Mann nicht sehen konnte. Aber wohl fühlen - ich weiß es nicht. Er griff zum Telefon. Cathleen hat am Donnerstag - an meinem ersten Schultag, an ihrem viertletzten Ferientag - einen Termin bei einem Sozialpädagogen, der ein entsprechendes Gutachten schreiben soll. Sofie wird Cathleen zu diesem Termin begleiten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Cathleen bei uns einzieht. Vorausgesetzt, sie schafft, was sie sich vornimmt und wir alle werden und bleiben glücklich dabei. Aber ich bin sehr skeptisch, dass sie den Sozialarbeiter davon überzeugen kann, ihr eine solche Empfehlung zu schreiben. Und die bräuchte sie. Sehr skeptisch.

Sonntag, 23. August 2009

Appelle an mein Gewissen

Eigentlich, dachte ich, habe ich mein Leben im Moment recht gut im Griff. Bei meiner Entlassung aus dem Krankenhaus fragte man mich, ob ich mich innerlich ruhig und ausgeglichen fühle. Ich habe das bejaht. Ernsthaft bejaht.

Das klappt immer so lange, bis jemand zu aufdringlich wird. Ich schaffe es nicht, mir aufdringliche Menschen vom Hals zu halten. Ich mag keinen Streit. Aber er wäre nötig. Es wäre das nötig, was die ältere Generation "frech" nennt.

Genau um diese ältere Generation geht es auch: Um 14 Uhr hat sich meine Tante, die mit der Currywurst, unangemeldet bei mir blicken lassen. Sie stand plötzlich vor der Tür und wollte mich dazu überreden, wieder engeren Kontakt zu meinen Eltern und vor allem zu meinen Großeltern aufzubauen. Nicht mal zu meinem Geburtstag melde ich mich bei ihnen.

Eine halbe Stunde lang hat mir meine Tante ein schlechtes Gewissen eingeredet. Mir sogar gedroht, dass meine Eltern mich aus dieser WG nehmen würden, wenn ich nicht ein wenig kooperiere. Etliche Male habe ich sie gebeten, zu gehen, aber sie hörte einfach nicht, sondern machte immer weiter. Als sie mich endlich soweit hatte, dass ich heulte, meinte sie: "Ich denke, jetzt ist der Knoten geplatzt. Am besten greifst du gleich zum Telefon und entschuldigst dich bei deinen Großeltern."

Am Ende bin ich heulend zu Sofie geflüchtet und habe sie um Hilfe gebeten. Während ich in ihrem Zimmer wartete, hat sie mit meiner Tante geredet und sie gebeten, zu gehen.

Das hat funktioniert. Aber schlechter, als ich gehofft hatte. Während ich darüber grübelte, ob meine Eltern, meine Großeltern und meine Tante sich durch mich zurückgestoßen fühlen könnten und ich merkte, dass ich weder eine Antwort auf die Frage weiß noch alleine eine Lösung finde, die mein eingeredetes schlechtes Gewissen bereinigt, klingelten meine Großeltern an der Tür. Ich habe sie sehr lange nicht mehr gesehen und ein bißchen freute ich mich, sie zu sehen.

Aber der Besuch war einfach nur grausam. Natürlich war ich von dem Gebetsmühlen-Gespräch mit meiner Tante noch völlig neben der Spur. Meine Oma sagte, dass meine Tante ihnen berichtet hätte, dass es mir sehr schlecht ginge. Ich würde nur heulen und mich mehr und mehr zurückziehen. Mein Opa meinte daraufhin: "Du musst hier raus. Die ganzen schweren Schicksale hier sind nichts für ein junges Mädchen wie dich. Du musst mit Leuten zusammen sein, die lebensfroh sind und dich aufrichten. Du verkümmerst doch völlig."

Vielleicht ist es sein Alter. Aber bereits mein Vater hatte nach meiner ersten Sportstunde daran gezweifelt, dass mir behinderte Mitmenschen gut tun. Liegt es in der Familie? Ich habe versucht, meinem Opa zu erklären, dass ich glücklich bin, so wie es jetzt ist, gemessen an dem, was möglich ist. Dass ich von lebensfrohen Leuten umgeben bin, die mir Kraft geben. Er schüttelte den Kopf. Es sei verständlich, dass ich keine Veränderung möchte, weil das unbequem wäre. Ich hätte mich schon viel zu sehr verrannt, deswegen könnte ich nicht mehr über den Tellerrand blicken. Damals nach dem Krieg sehnten sich Leute den Krieg zurück, da sie depressiv geworden waren und dann einen Grund hatten, sich zu verstecken. Die sind daran kaputt gegangen, dass sie wieder aus den Häusern raus mussten." Er meinte, ich bräuchte meine Familie und einige Freunde, die mich an ihrem gesunden Leben teilnehmen lassen. Die mit mir mit einem Ruderboot fahren, die mich zum Picknick mitnehmen, ...

Sie waren insgesamt vielleicht eine Viertelstunde da. Als sie weg waren, war ich richtig entsetzt darüber, wie weit unsere Wege sich getrennt hatten. Ich habe in meiner heutigen Welt den Halt gefunden, den ich brauche. Und den möchte man mir wegnehmen? Weil ich darunter leide? Weil ich daran kaputt gehe?

Bin ich wirklich so verblendet? Ist es belastend, sein Leben (auch) mit behinderten Menschen zu verbringen? Bin ich depressiv? Muss ich rudern und picknicken? Habe ich den Anschluss verloren an die nächste Generation, an meine Familie? Und wenn ja, brauche ich diesen Anschluss und wozu?

Ich nehme keine Psychopillen. Mir wurden auch keine verordnet. Ich bin überzeugt, dass ich das, was ich empfinde, richtig empfinde. Und nicht durch Medikamente beeinflusst bin. Ich bin glücklich mit den Menschen um mich herum. Sie belasten mich nicht. Viele haben einen Rucksack zu tragen, ja. Na und? Die meisten von ihnen haben das Glück, dass ihre Behinderung nicht fortschreitet und dass sie keine Schmerzen haben. Ich auch. Aber selbst die, wo das anders ist, sind gerne mit mir zusammen und ich bin gerne mit ihnen zusammen.

Vielleicht lebe ich in einer anderen Welt. Das kann schon sein. Wenn wir mit den vielen laufenden Leuten in der S-Bahn sitzen, ist bei uns in der Ecke eindeutig die beste Stimmung. Wenn ich traurig bin, werde ich verstanden und getröstet. Das kannte ich vorher so nicht. Wenn ich anlehnungsbedürftig bin, nimmt mich meine Freundin in den Arm und zeigt mir, dass sie mich lieb hat. Wenn ich so bin, wie ich bin und wie meine Behinderung mich macht, werde ich von meinen Freunden gemocht. Ich denke keinen Moment, dass ich etwas falsch mache im Leben, dass ich gerade sündige oder kurzsichtig bin, ins Verderben rolle oder es andere Dinge gibt, mit denen ich meinen Opa verstehen könnte. Ich bin ratlos.

Samstag, 22. August 2009

Keine süße Sechzehn mehr

Dass Sofie relativ geschickt Gespräche und Unterhaltungen führen kann, ist nichts neues. Als Diplom-Psychologin sollte man das auch können. Dass selbst ich nicht mehr vor ihr sicher bin, durfte ich in den letzten beiden Tagen liebevoll erfahren. Zu Beginn der Woche hatte sie mich eher beiläufig gefragt, was ich an meinem Geburtstag plane. Falls hier mehrere Leute zu Besuch kämen und auch noch hier schlafen würden, möchte sie das rechtzeitig wissen. Ich antwortete ihr, dass es schon sein könnte, dass ein paar Leute vorbei kämen, dass sich das aber relativ spontan entscheidet.

Umso mehr wunderte ich mich, als Simone und Cathleen hier am Donnerstagmittag unangemeldet vor der Tür standen, beide mit großen Rucksäcken. "Es ist so heiß. Wollen wir nicht ins Freibad?" Gute Idee.

"Wir kommen mit, wenn das okay ist", sagte Sofie. Ich packte einige Sachen zusammen. Es hätte mir gleich komisch vorkommen sollen, als Frank darauf bestand, mit zwei Autos zu fahren. Nicht, dass ich was dagegen hätte, wenn Sofie mein Auto fährt (ich darf ja noch nicht selbst zum Freibad fahren), aber wieso muss Frank dann noch mit einem zweiten Auto parallel fahren?

Und in welches Freibad überhaupt? Wieso müssen wir dazu einmal quer durch die Stadt? So langsam begriff ich, dass diese merkwürdige Aktion irgendetwas mit meinem morgigen Geburtstag zu tun haben musste. Cathleen war ziemlich aufgeregt, so dass ich ziemlich schnell merkte, wer diesen Komplott eingefädelt hatte. Bis kurz vor der Autobahn 24 glaubte ich noch, dass wir noch einmal zum Öjendorfer Park fahren würden, wo wir vor kurzem nach einem Straßentraining gebadet hatten, aber als wir am Horner Kreisel auf die Autobahn fuhren, war mir klar, dass man etwas größeres mit mir vorhatte. Ich lehnte mich entspannt zurück.

Es ging mal wieder an die Ostsee. Wer hätte das gedacht? Auch wenn kein Strandkorb mehr zu bekommen war und der Strand aussah, als hätte ihn jemand mit Handtüchern, Decken und Menschen gepflastert, fanden wir ziemlich schnell ein Plätzchen. Und ziemlich schnell fanden Luisa und ihre Freundin auch uns. Zu siebt machten wir als allererstes die Ostsee unsicher. Weil die Luft so heiß war, wirkte das Wasser sehr kalt. Aber es war eine angenehme Abkühlung. Insgesamt waren wir drei Mal im Wasser.

Abends grillten wir wieder auf dem öffentlichen Grillplatz. Drei Mal fielen einige Tropfen vom Himmel und dichte Wolken zogen auf, es wurde auch deutlich kühler, aber das angesagte Gewitter kam nicht. Um Mitternacht stießen wir zu siebt auf meinen Siebzehnten an. Sofie hatte einen Kuchen gebacken und holte ihn aus ihrem Auto. Kurz danach begannen die ersten Blitze den Himmel zu erhellen. Wir fuhren zu einer öffentlichen Rollidusche, spülten uns den Sand vom Körper und machten uns nachtfertig.

Die drei Autos (das dritte von Luisas Freundin) standen bereits auf einem abgelegenen Parkplatz. Frank und Sofie hatten die Ladefläche ihres Passat Kombi mit zwei Luftmatratzen, Kissen und Wolldecken zu einem Bett umfunktioniert. Die beiden hatten darin schon Übung, ich hatte jedoch noch nie meine Rücksitze umgeklappt. Aber es war einfacher als ich dachte. Jedoch ist der Golf noch ein bißchen kleiner als der Passat und so wurde es ziemlich eng mit drei Leuten. Wenn einer sich umdrehte, mussten auch die anderen sich umdrehen. Ich lag in der Mitte, Cathleen lag rechts neben mir, Simone links neben mir - es war äußerst kuschelig. "Irgendjemand hatte sich doch eine gemeinsame Kuschelstunde gewünscht!" meine Simone und spielte auf diesen Blog und seine Kommentare an.

Unsere Rollstühle standen auseinandergebaut auf den Vordersitzen und bei Luisas Freundin im Bus, so dass sie nicht nass wurden, als es, kurz nachdem wir alle richtig lagen, zu schütten anfing. Ein heftiges Gewitter zog über uns hinweg. Wir blickten durch die Scheiben in den mit Blitzen durchzogenen Nachthimmel und quatschten ohne Ende. Schlafen konnte erstmal sowieso keiner. Als der Regen aufhörte, öffneten wir die Scheiben in den hinteren Türen einen kleinen Spalt. Die Temperatur unter der Decke war genau richtig.

Als ich am Morgen aufwachte, tat mir alles weh. Cathleen schlief mit halb offenem Mund, Simone hatte einen Arm um meinen Bauch geschlungen, ich hatte irgendwelche losen Haare im Mund und alle schienen glücklich zu sein. Als ich mich anders hinlegen wollte, fing Cathleen an, im Schlaf zu schmatzen, vermutlich träumte sie noch von der Grillwurst.

Nach einem ausgiebigen Nutellafrühstück unter einem großen Sonnenschirm bei Regen (der Sonnenschirm gehörte zu einem Imbiss, der aber noch geschlosen hatte) und einem weiteren ausgiebigen Bad in der warmen Ostsee, ebenfalls bei Regen, mit Schlamm- und Quallenschlacht, duschten wir noch einmal und fuhren dann wieder nach Hause.

Am Abend zogen wir noch mit insgesamt 15 Leuten über den Hamburger Dom (Volksfest) und schauten uns das Feuerwerk an. Es war zwar bewölkt, aber trocken und man konnte es gut sehen. Danach fiel ich völlig müde in mein Bett.

Danke an alle für die vielen Mails und Geburtstagsgrüße, für die lieb organisierte Geburtstagsparty, den Kuchen, und für alles, was ich gerade nicht erwähne!

Dienstag, 18. August 2009

Trainings-Camp in Hannover

Aufstehen um 5 Uhr, um ein Wochenende lang Sport zu treiben? Wer fit sein will, muss auch leiden. Um 7.01 Uhr fuhr unser Zug nach Hannover, wo wir uns mit mehreren Leuten aus ganz Deutschland zu einem Trainings-Camp treffen wollten. Ich belegte mir vor der Abfahrt noch schnell zwei Brötchen für unterwegs. Das hatte den Vorteil, dass mir kein Frühstück schwer im Magen lag, was es um diese Zeit sonst sicherlich getan hätte, aber den Nachteil, dass ich eine Diskussion mit einem Bahn-Mitarbeiter auf nüchternem Magen führen musste, was ich so gar nicht leiden kann. Erst meinte er, dass wir nicht angemeldet seien, als dann jedoch Cathleen die Auftragsnummer rauskramte, meinte er, bei der Reservierung sei ein Fehler passiert, der Zug habe nur einen Rollstuhlstellplatz - wer von uns Vieren denn mitfahren wollte.

Ich könnte das jetzt über drei Seiten ausschmücken, mach ich aber nicht. Am Ende saßen wir alle vier im Zug, hatten einen kompletten Großraumwagen fast für uns alleine und keiner der anderen Reisenden störte sich an drei Rollstühlen, die zu viel sein sollten. Warum auch? Es stand keiner im Weg und es gab auch keine anderen Probleme. Dafür fehlte in Hannover die Ausstiegshilfe. Man hatte wohl vergessen, uns anzumelden. Aileen kratzte das nicht, sie stellte sich so in die Tür, dass der Zug nicht abfahren konnte und über 10 Minuten Verspätung aufbaute. Das Zugpersonal war übelst genervt, musste aber kleinlaut zugeben, dass das Problem hausgemacht war.

Um Punkt 9 Uhr waren wir an der Sporthalle angekommen. Trainingsbeginn war um 10, davor mussten noch die Zimmer bezogen werden. Ich teilte mir mit Cathleen ein Zimmer. Simone und Merle bezogen das Zimmer direkt neben unserem und nach ganz viel Bitten und Betteln schloss der Typ von der Rezeption auch eine Zwischentür auf, so dass wir aus unseren zwei Zweierzimmern ein temporäres Viererzimmer machen konnten.

Insgesamt waren wir rund 35 Leute. Meine Gruppe war zuerst mit Schwimmen dran. Aber nicht etwa in einer Schwimmhalle! Sondern draußen. In einem See sollte eine trapezförmige Strecke zurückgelegt werden. Zwei Leute in einem Kajak begleiteten uns. Aufgabe war es, die Strecke zu schaffen, ohne besonders schnell zu sein, aber auch ohne sich zwischendrin auszuruhen. "Nichts leichter als das", dachte ich mir anfangs. Das Wasser war warm, es war kein Zeitdruck, schwimmen konnte ich, wo sollte es ein Problem geben?

Die Strecke zog sich in die Länge. Ich hatte weder mit der Ausdauer Probleme, noch mit der Atmung, ich fror auch nicht - aber es nahm kein Ende. Das letzte Stück forderte meine letzten Kräfte. Meine Arme waren wie Gummi. Als ich endlich wieder am Steg angekommen war, hatte ich keine Kraft mehr, um mich aufzustützen und selbst aus dem Wasser zu klettern. Allerdings ging das anderen genauso und es schien, als wäre das geplant, denn es standen bereits einige Helfer dort, die uns an den Armen packten und uns auf den Steg setzten. Auf der linken Seite hatte ich mir auf Brusthöhe eine Scheuerstelle vom Badeanzug geholt. Das brannte im ersten Moment ziemlich.

Nach dem Mittagessen war erstmal Mittagspause, aber am späten Nachmittag trafen wir uns in der Sporthalle für ein Ergometertraining. Auch hier ging es wieder um Ausdauer. Wir wurden nacheinander im Rennrollstuhl auf ein Gerät gesetzt, beim dem die Kraft nicht auf den Boden, sondern auf Rollen übertragen und gemessen wurde. Sechs Minuten lang mussten wir eine bestimmte Leistung erbringen, dann wurde wieder gewechselt, insgesamt jeder vier Mal. Ich habe diese vier Etappen gut geschafft, aber danach war ich körperlich zu nichts mehr zu gebrauchen. Hätte jemand gefragt, ob wir einen Stadtbummel machen, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Es fragte aber auch niemand, denn die anderen waren genauso fertig.

Abends wurde in einem Gruppenraum Ice Age 2 auf Video gezeigt und Pizza für alle bestellt. Das war ziemlich lustig. Was nicht so lustig war, war ein Typ aus Bremen, der anfing, mich anzubaggern. Zuerst fand ich das ja noch sehr interessant, da lehnte er sich plötzlich beim Fernsehen an mich an und fragte, ob das so okay ist. Ja, warum nicht. Dann lehnte er auch den Kopf an mich an. Und kurz danach fragte eine aus seinem Team: "Sag mal, Renè, hattest du deiner Freundin jetzt eigentlich schon geantwortet? Die hat mir schon drei Mal ne SMS geschrieben heute, wieso du nicht ans Handy gehst." Was für ein Idiot!

Am Sonntagmorgen wurden wir um 7 Uhr geweckt. Alle einmal aufs Klo, dann noch vor dem Frühstück zehn Kilometer schnellfahren auf dem Sportplatz. Als ich aus der Dusche kam und frische Sachen angezogen hatte, hatte ich so einen Kohldampf, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Schüssel Cornflakes und anschließend noch drei ganze Brötchen (also sechs Hälften) gegessen habe. Satt war ich dann zwar immernoch nicht, aber ich dachte mir: "Das reicht jetzt mal." Kurz vor dem Mittagessen kam dann nochmal wieder das Ergometertraining dran, bevor wir dann in einer gemeinsamen Runde ein paar Adressen austauschten und anschließend den Heimweg antraten.

Als ich abends endlich wieder zu Hause war, fiel ich müde aber glücklich in mein Bett. Es waren super nette Leute dabei, wir hatten trotz aller Anstrengung sehr viel Spaß und ich freue mich auf das nächste Trainings-Camp, noch in diesem Monat.

Freitag, 14. August 2009

Müllmänner, Notärzte und Schmusehasen

Ich habe sie mir mehrmals gewünscht, die Kommentare auf meine Texte. Wer so laut ins Horn stößt, muss damit rechnen, gehört zu werden. Natürlich will ich wissen, wie meine Texte wirken, auch wenn ich in erster Linie für mich Tagebuch schreibe und interessierte Menschen im Internet mitlesen lasse. Heute stolpere ich gleich über mindestens 7 neue Kommentare.

Zwei Dinge habe ich heute dazugelernt. Erstens: Obwohl ich dachte, ich beschreibe sehr genau, bieten meine Texte noch sehr viel Raum für Fantasie und Missverständnisse. Ich war erstaunt. Zweitens: Auch Scherzkekse lesen meinen Blog. Ich habe mich gut amüsiert. (Allerdings will ich gleich erwähnen, dass ich nicht jeden Tag Lust habe, mich zu amüsieren, sondern demnächst den Löschen-Button kommentarlos drücke.)

Richtig ist: Den Namen der Notärztin wusste ich aus dem Notarztprotokoll, das sich in meiner Gerichtsakte befindet. Ich habe am Jahrestag meines Unfalls über die Feuerwehr Hamburg einen Brief an diese Frau geschickt und ihr geschrieben, dass ich mich gerne persönlich bei ihr bedanken möchte. Darauf hat sie geantwortet, dass sie das nur im Ausnahmefall möchte. Ich bin ein solcher Ausnahmefall. Sie erinnert sich an mich und daran, dass sie sich mehrmals nach mir erkundigt hat, während ich noch im Koma lag. Davon habe ich nichts mitbekommen, sondern erst aus ihrem handgeschriebenen Brief, den ich als Antwort bekommen habe, erfahren.

Richtig ist auch: Wir waren mit Klamotten (also angezogen!) im Öjendorfer See schwimmen, nicht nackt. Wir haben uns erst danach am See-Ufer umgezogen und abgetrocknet.

Ob und wann ich auf die ganzen Fragen eingehen werde, sage ich natürlich heute nicht, denn dann wäre ja die ganze Spannung futsch. Auf eins muss ich aber sofort reagieren: Simone ist nicht abgeschrieben, sondern gehört nach wie vor zu meinen besten und liebsten Freundinnen!

Donnerstag, 13. August 2009

Ganz viel Post

Inzwischen kommen pro Tag rund 100 Leser auf meine Webseite. Natürlich nicht jeden Tag andere, aber natürlich auch nicht jeden Tag dieselben 100 Leute. Bin ich jetzt berühmt? :)

Man sagte mir, ich könne gut schreiben. Man sagte mir, meine Blog-Geschichte, die einige Zeit nach einem mehrmonatigen Koma mit einem "neuen Leben" beginnt, sei so lesenswert, dass ich sie veröffentlichen sollte. Meine Psychologin hat mir ebenfalls dazu geraten. Als ich kürzlich zurückblätterte, um die Geschichte mit den Models und den Currywürsten zu suchen, habe ich mich erschrocken. Über mich selbst. Über das, was ich damals geschrieben und empfunden habe.

Über etwas anderes habe ich mich heute jedoch sehr gefreut. Ich habe einen handgeschriebenen Brief von der Ärztin bekommen, die mich damals auf der Straße versorgt hatte. Anlässlich meines Jahrestages vor etwas über einem Monat habe ich mich bei ihr gemeldet, ihr den Link zu diesem Blog geschickt und ihr geschrieben, dass ich mich auch gerne noch persönlich bei ihr bedanken möchte. Sie hat sehr nett geantwortet, dass sie einerseits mit sehr vielen Menschen täglich zu tun hat und sie um Verständnis bittet, dass sie nicht jedem Notfallpatienten einen persönlichen Kontakt anbieten kann, auch wenn viele sich das wünschen. An mich erinnere sie sich jedoch noch sehr gut, sie hat sich damals mehrfach nach mir erkundigt, und ich gehöre zu jenen Patientinnen, die sie gerne noch einmal treffen möchte, da sie auch sehr interessiere, was aus mir inzwischen geworden ist. Sie hat mir zwei Termine zur Auswahl gegeben, an denen ich sie an ihrem Arbeitsplatz besuchen kann.

Es ist mir schon wichtig, allen einmal zu danken. Bei den Menschen im Krankenhaus habe ich das getan. Sie ist eine der wenigen, bei denen ich noch nicht die Chance hatte. Ich freue mich, das nachholen zu können. Als ich die ersten Zeilen ihres Briefes las, dachte ich, dass sie gar keinen Kontakt wünscht. Das hätte ich akzeptieren können - aber so ist es natürlich schöner.

Andersherum gibt es auch Menschen, die auf mich zukommen. In einer Mail bietet mir ein Typ an, es mir richtig zu besorgen. Mein Gefinger im Bett sei doch nur die Kaltmiete in einer heißen Nacht. Ich habe damit gerechnet, dass es Menschen geben wird, die so auf meinen Blog-Eintrag reagieren werden. Jemand anderes, mir bisher ebenfalls unbekanntes, bietet mir für die Zeit, die auf die heiße Jahreszeit zwangsläufig wieder folgen wird (ich darf gar nicht dran denken), an, warme Socken zu stricken. So lieb das auch gemeint sein wird und so positiv ich diese Geste (im Gegensatz zu der anderen Mail mit dem "Besorgen") auch sehe - einen solchen persönlichen Kontakt mit fremden Menschen, die zufällig meinen Blog lesen, möchte ich, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, nicht. Ich freue mich über Kommentare - und über viele Leser.

Und jetzt auf mein Bett.

Mittwoch, 12. August 2009

Heiße Nacht und kühler Morgen

Der Sommer ist meine Lieblingsjahreszeit. Ich mag nicht frieren. Ich mag keine Heizungsluft. Ich mag keinen Schnee. Ich mag die Sonne, ich mag draußen baden, ich mag kurze Klamotten. Nur nachts dürfte es manchmal gerne etwas kälter sein. 25 Grad im Zimmer und nur langsam abkühlende Außenluft sind nicht gerade ideale Bedingungen, um erholsamen Schlaf zu finden.

Ich bin von meinen Eltern eine sehr strenge Bettgarderobe gewöhnt. Einige mögen darüber lachen, aber mir wurde intensiv beigebracht, dass man im Bett ein Nachthemd oder einen Schlafanzug trägt. T-Shirt und Unterhose gehörte sich nicht, das ist Tagwäsche. Und nackt schlafen? Das gehörte sich auch nicht. Offiziell, weil man dann die Bettwäsche öfter waschen müsste. Inoffiziell kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Diese Ansicht liegt aber in der ganzen Familie, ich verweise nur mal auf meinen Blog-Eintrag vom 21. Februar.

Im Krankenhaus war ich, als ich eine Druckstelle hatte, einige Zeit nackt unter der Decke, hatte obenrum aber ein T-Shirt oder ein Top an. Ansonsten habe ich noch nie in meinem Leben völlig nackt geschlafen, auch nicht bei diesen Temperaturen. Das hat sich jetzt allerdings (endlich mal) geändert. Ich finde es um einiges angenehmer und luftiger, wenn einem bei Sommerhitze nicht noch eine Schicht Stoff direkt auf der Haut klebt.

Und man kann besser fummeln. Bitte was?! Dass dieser Blog hin und wieder ins Eklige abdriftet, daran hat man sich ja möglicherweise schon gewöhnt. Oder das "Abo" mit einem theatralischen Abgang gekündigt. Aber dass das jetzt noch auf sexueller Ebene zu entgleiten droht, ist ja mal ein Ding. Gab es hier nicht irgendwo einen Flag-It-Button?

Keine Angst, hier entgleitet nichts. Während ich in der Klinik war, hatte ich absolut kein Bedürfnis nach sexuellen Erlebnissen. Mich hat zwar brennend interessiert, ob (und welche) sexuellen Empfindungen ich trotz (oder mit) meiner Querschnittlähmung (noch) haben kann, aber das konnte mir kein Arzt so richtig beantworten. Es waren sich aber alle einig, dass ich auch sexuell glücklich werden werde. Therapie-Empfehlung: Ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren.

Nun gut. Also habe ich immer mal, wenn mir langweilig war und ich nicht einschlafen konnte, mit der Hand ein bißchen an mir rumgefummelt, allerdings fühlte ich gerade in dem gelähmten Bereich nichts besonderes. Ebenso hätte ich auch ein weiches Kissen oder Samsons Schnuffeltuch bearbeiten können. Ich fand es (von der ersten Zeit im Krankenhaus mal abgesehen) nicht unangenehm, mich anzufassen, aber ich merkte in dem gelähmten Bereich davon rein gar nichts. Also ließ ich es immer ziemlich schnell wieder sein.

In der letzten Nacht habe ich das allerdings mal in Bauchlage ausprobiert. Das war irgendwie spannender. Es war angenehm, aber im Gegensatz zu meinen bisherigen Versuchen hatte ich nach jeder kurzen Pause das Verlangen, nochmal wieder zu beginnen bzw. weiterzumachen. Und auch nicht nur oberflächlich. Ich merkte zwar nicht direkt irgendein Gefühl da unten, aber innerlich fühlte ich mich sehr wohl und glücklich. "Glücklich" ist, glaube ich, der richtige Ausdruck. Ich wollte damit nicht aufhören und irgendwie muss ich dabei eingeschlafen sein.

Einen richtigen Orgasmus, bei dem wild irgendwelche Muskeln zucken und man stoßweise extatische Wohlgefühle empfindet, hätte ich wohl bemerkt. Habe ich aber nicht. Ich wurde feucht (ja Leute, das ist nicht selbstverständlich und mir ist es sehr wichtig), es fühlte sich schön an, ich werde es bestimmt mal wieder tun und weiter ausprobieren.

Heute morgen war ich beim Schwimmtraining. Noch sind ja Ferien, so ist so ein morgendlicher Termin zum Munterwerden sehr schön. Ich habe mir mit Simone, Yvonne und Merle eine Bahn geteilt. Da wir das Hallenbad, das rund einen Kilometer von meiner Wohnung entfernt liegt, genutzt haben, bin ich "zu Fuß" hingerollt. Aileen, die eigentlich selbst Profisport macht, hat das Training geleitet. Ich habe nicht gezählt, wieviele Kilometer ich geschwommen bin, aber wir waren 90 Minuten nur unterwegs. Und es wurden erstmalig wieder Zeiten genommen: Auf einer 25-Meter-Bahn bin ich 50 Meter ohne Beinschlag in 54 Sekunden gekrault. Der Weltrekord liegt bei etwa 35 Sekunden (in meiner Startklasse). Ist also noch bißchen was zu tun... (allerdings bezieht sich das auf Leistungsschwimmer und nicht auf Triathlon).

Nach der frischen Abkühlung am Morgen hatte ich erstmal mächtig Kohldampf. Wie gut, dass der Bäcker um die Ecke superleckere Brötchen hat.

Dienstag, 11. August 2009

Luisa zieht wieder aus

Luisa zieht zum Ende dieses Monats aus unserer WG wieder aus. Es ist sehr schade und sie ist darüber sehr unglücklich. Sie hat sich hier richtig wohl gefühlt und ich finde, sie passt auch super in die WG. Nur leider benötigt sie mehr Platz. Sie war beim Einzug zu optimistisch. Das ist eine äußerst bittere Pille.

Ihr Unfallquerschnitt liegt unterhalb des 4. Brustwirbels, also vergleichsweise hoch. Die Grenze, über der sie etwas merkt, liegt genau auf Höhe der Brustwarzen. Sie ist für ihre Lähmungshöhe unglaublich mobil, kommt aber nicht komplett ohne Pflegehilfe aus. Sie schafft im Notfall zwar alles alleine, nur es dauert Stunden und belastet Arme, Handgelenke und Schultern derart, dass sie beste Chancen hat, innerhalb von wenigen Jahren das, was jetzt noch funktioniert, auch noch zu ruinieren.

Wie wir alle wissen, ist für professionelle Pflege keine Zeit, so dass alles optimiert werden muss, insbesondere Hilfe beim Aufstehen und Zubettgehen wird immer gleich mit Hilfe bei der Körperpflege verbunden. Sie hat die Pflegestufe II und findet keinen Pflegedienst, der sie in einem 12 Quadratmeter großen Zimmer mit Dusche auf der anderen Seite des Flures betreuen möchte. Jedenfalls nicht zu den Sätzen der Pflegestufe II. Zuerst hatten wir alle noch gehofft, dass die gegnerische Unfallversicherung aufstockt, das Verfahren ist jedoch nicht abgeschlossen und wird vermutlich noch bis 2013 dauern. Das Sozialamt hat ein Gutachten erstellen lassen, ob es überbrückungsweise in Vorleistung geht. Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass man in einem anderen Wohnumfeld mit weniger Pflegeleistung auskommen würde und lehnt ab, müsste also auch verklagt werden.

Nun zieht Luisa zum 01.09. in eine eigene, größere Wohnung nach Hamburg-Allermöhe. Während sonst rund zwei Jahre Wartezeiten auf rollstuhlgerechte Wohnungen in Hamburg sind, geht es bei einer Anfrage des Sozialamtes innerhalb von wenigen Tagen. Ich verkneife mir jeden Kommentar und hoffe, dass Luisa uns so oft wie möglich besuchen kommt.

Montag, 10. August 2009

Eine neue Hausärztin

Irgendwann werde ich bestimmt nochmal krank. Die nächste fette Erkältung, die Schweinegrippe oder ein Magen-Darm-Infekt sind nur eine Frage der Zeit. Eine wunde Stelle an den Beinen oder eine Blasenentzündung bekommt man mit Querschnitt schneller als ohne - schön, wenn man dann einen guten Hausarzt hat. Nach meiner Krankenhausentlassung bin ich erstmal zurück zu dem Arzt, der mich auch vorher als Hausarzt behandelt hatte. Allerdings gehen dorthin auch meine Eltern, er hat von Querschnittlähmungen kaum Ahnung und meinte gleich, es besser zu wissen als die Fachklinik, die mich ein Jahr lang behandelt hatte. Also allerhöchste Zeit, sich einen neuen Hausarzt zu suchen.

So etwas funktioniert natürlich am besten durch Empfehlungen. Sofie hatte mir eine Internistin empfohlen, die zwar auf der anderen Seite von Hamburg praktiziert, jedoch eine Tochter im Rollstuhl haben und super nett sein soll. Ich wollte mir das zumindest mal ansehen und hatte um einen Termin gebeten. Am liebsten wäre ihr montags früh vor der regulären Sprechstunde, da wäre am meisten Zeit. Also musste ich heute um halb 6 aufstehen, um pünktlich um 7 Uhr dort aufzuschlagen.

Ich bin mit dem Auto hingefahren (medizinische Behandlung), habe es auch gleich gefunden. Ein großes Einfamilienhaus, ich schätze 5 Jahre alt, sehr gepflegt, mitten im Wohngebiet. Die Tür war verschlossen, also wartete ich davor, machte die Augen zu und ließ mir die Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen. Nach zwei Minuten schloss jemand von innen die Tür auf und streckte einen Kopf um die Ecke. "Sind Sie Jule?"

Die Frau war schätzungsweise Anfang 40, wirkte aber jünger und vor allem recht sportlich und sehr gepflegt. Schulterlange, dunkle Haare, Brille, eher groß, sonnengebräunte Haut, weiße Hose, weißes Top und ... barfuß. Sah noch etwas verschlafen aus, hielt mir die Tür auf, gab mir die Hand und meinte: "Karte und so machen wir alles später, ist noch keiner weiter da. Sie können gleich durchfahren."

Ja, der erste Eindruck war nicht schlecht. Holzfußboden, große Bilder an den Wänden, teilweise mit großen Foto-Postern, teilweise mit Comic-Bildern, ein Ottifant beim Arzt, ich konnte aber im Vorbeifahren nicht lesen, worum es ging - es wirkte eher liebevoll eingerichtet und -trotz einzelner Comiczeichnungen- nicht kitschig. In ihrem Behandlungszimmer standen neben den üblichen Dingen wie Liege, Schreibtisch und paar Stühle auch noch ein großes Bücherregal an der Wand. Gut gefüllt. Auf der Fensterbank stand ein Schädel, dem jemand eine Schirmmütze verkehrtherum aufgesetzt hatte.

Ich war aufgeregt ohne Ende. Ich erzählte ihr, dass ich nach meinem Unfall auf der Suche bin nach einem Hausarzt, weil der bisherige sich mit Querschnittlähmungen irgendwie nicht so gut auszukennen scheint. Sie hakte gleich ein: "Wie kommen Sie darauf?" Ich erzählte ihr, dass er die Therapie-Empfehlungen des Krankenhauses nicht übernehmen wollte. Er wollte die Tablettendosis halbieren und die Krankengymnastik nur für einen Monat pro Quartal aufschreiben.

Sie runzelte die Stirn und meinte: "Okay?!" Und dann fragte sie, wie ich auf sie gekommen sei. "Meine Mitbewohnerin Sofie hat Sie mir empfohlen. Ich soll Sie grüßen." - "Ach, die Sofie, na das ist ja nett. Mit der wohnen Sie jetzt zusammen? Dann grüßen Sie sie mal lieb zurück."

Ich hatte ihr die ganzen Berichte vom Krankenhaus und von der Unfallkasse und von der Versicherung und vom Gerichtsverfahren mitgebracht, sie sollte sich selbst raussuchen, was sie kopieren möchte. "Sehr ordentlich", meinte sie. Sie wollte wissen, wieso ich in einer WG wohne, also erzählte ich ihr von meinen Eltern. Sie wollte wissen, ob Sofie meine einzige Freundin ist, also erzählte ich ihr von den Leuten, mit denen ich Sport mache und von Cathleen und von der WG. Sie wollte wissen, ob ich noch zur Schule gehe, also erzählte ich ihr von meinen Schulplänen. Sie wollte wissen, ob ich eine Beziehung habe, also erzählte ich ihr, dass ich mich damit noch sehr überfordert fühle. Sie stieg sofort drauf ein. "Was überfordert Sie genau?"

Ich erzählte ihr, dass ich zwar nicht aktiv suche, aber mich schon auf eine Beziehung einlassen würde, wenn der richtige vor mir steht. Aber ich war noch nie mit einem Typen im Bett, habe noch nichtmal jemanden geküsst und habe Angst, dass, wenn es so weit ist, irgendwas absolut frustiges oder gar ekliges passiert und ich von meiner rosaroten Wolke tief abstürze. Sie nahm das zwar sehr ernst, meinte aber, dass ich meinen Weg finden werde. Wir sprachen ziemlich lange darüber. Sie konnte mich sehr gut überzeugen und meinte, ich sollte auch ein bißchen darauf vertrauen, dass richtig innige Liebe ziemlich schnell kopflos macht. Dann funktionieren plötzlich Dinge, die man nicht für möglich gehalten hätte. Dann machen Partner Dinge miteinander, die man ihnen niemals zutrauen würde. Sie hat mir empfohlen, mit mir selbst viel auszuprobieren.

Dann kamen wir auf meine Tabletten zu sprechen, die mein bisheriger Hausarzt nicht in der Menge verordnen wollte. Sie meinte, dass die Tabletten nur 8 Stunden wirken und man deshalb drei Mal pro Tag welche nehmen muss. Wieviel Milligramm man pro Einzeldosis nimmt, richtet sich danach, wann eine Wirkung eintritt. "Wenn man mit 15 Milligramm den gewünschten Erfolg hat, muss man nicht unnötig noch 50 Milligramm mehr davon fressen. Aber wenn es unter 15 Milligramm nicht funktioniert, nützt es auch nichts, nur 5 zu geben. Dann kann man das auch gleich ganz sein lassen."

Dann kamen wir auf die Physiotherapie. "Ich schreibe Ihnen das jetzt für 6 Wochen auf, ab nächstem Quartal kläre ich mit Ihrer Kasse, dass Sie eine Dauerverordnung bekommen. Dann dürfen Sie bis zu einer Höchstgrenze pro Woche abrufen und unterschreiben, wann Sie da gewesen sind. Fertig. Das gleiche für Massagen, Sport, Einmalbedarf und was Sie sonst noch so brauchen. Machen Sie eine Liste fertig, wo drin steht, was genau Sie pro Woche benötigen."

Dann wollte sie mir Blut abnehmen und mich untersuchen. Blutentnahme war schnell gemacht. "Ziehen Sie sich bitte bis auf die Unterhose aus. Sie können das hier auf der Liege machen, sagen Sie Bescheid, wenn Sie Hilfe brauchen." Also zog ich mich aus. Bis auf BH und Pampers. Sie tippte an Ihrem PC herum. Wahrscheinlich legte sie meine Akte dort an. Dann düste sie mit meinem Ordner zum Kopierer. Als sie wiederkam, sah sie mich auf der Liege sitzen. "BH bitte auch. Haben Sie noch eine Windel zum Wechseln dabei? Ich würde mir auch gerne die Haut an Ihrem Po ansehen." Ich bekam leichte Panik. "Kann ich vorher nochmal kurz aufs Klo?"

"Müssen Sie pinkeln? Dann kriegen Sie gleich einen Becher mit. Sie können sich auch hier kathetern, dann müssen Sie nicht halbnackt über den Flur." - "Ich katheter mich sonst gar nicht, ich kann die Blase auch so komplett leer kriegen." - "Sie pressen aber nicht, oder?" - "Nein." - "Das ist eher selten, dann machen wir auch gleich noch ein Ultraschall. Können Sie sich denn kathetern?" - "Ja, das schon." - "Ich kann Ihnen Zwölfer oder Achter anbieten. Sind allerdings die langen und mit Beutel, aber das stört ja nicht." Irgendwie hätte ich mir doch lieber ein T-Shirt übergezogen und wäre einmal auf die Toilette gefahren. "Ich glaub, die Pampers ist nicht mehr so ganz trocken." Sie tippte den Satz zu Ende, kam auf ihrem Drehstuhl herangerollt, holte mit dem Fuß einen Blechmülleimer unter der Liege hervor, holte zwei Einmalhandschuhe aus einer Box und drückte sie mir zusammen mit einer Rolle Küchenpapier in die Hand. "Feuchtpapier auch?" fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. "Soll ich lieber rausgehen?" Ich schüttelte nochmal den Kopf.

Dann drehte sie sich wieder zu ihrem Bildschirm und hackte weiter auf die Tastatur ein. Als ich mit Kathetern fertig war, nahm sie mir den Beutel weg, ging zum Waschbecken, schnitt mit einer Schere eine Ecke ab und füllte den Inhalt in einen Plastikbecher, tunkte zwei Teststreifen ein, kam wieder und meinte, ich sollte mich mal gerade hinsetzen. Und dann ging die Geschichte los mit dem Finger, dem man mit den Augen folgen muss und sagen Sie mal "Ah" und so weiter. Das alles ging relativ schnell. Sie hörte meine Lunge ab, und meinen Bauch, klopfte hier, klopfte da, bewegte meine Beine und meine Hüften durch, als sie mir meine Knie an die Brust drückte, fing ich erstmal an zu pupsen (es war an Peinlichkeit mal wieder nicht zu überbieten), ich sagte, wie ich es von Cathleen gelernt hatte, einmal laut: "Entschuldigung." Sie machte aber schon längst weiter und drehte die Beine nach außen und innen und meinte: "Das ist normal, wenn man auf den Bauch drückt." Dann interessierte sie sich noch für Stuhlgang und Tage und Ausfluss und wollte wissen, ob ich regelmäßig meine Brust abtaste. "Nee?!" Dann bekam ich gleich eine entsprechende Einweisung. "Immer mal nach dem Duschen beim Abtrocknen."

"Waren Sie schon mal beim Frauenarzt?" Ich schüttelte den Kopf. "Vielleicht sollten Sie, wenn Sie jetzt 17 werden, mal einen kennen lernen, damit Sie jemanden haben, wo Sie schnell die Pille herkriegen, wenn es soweit ist. Das ist bei Querschnittlähmungen ja nochmal anders, da Sie ohnehin schon ein erhöhtes Thrombose-Risiko haben." Ich fragte, ob sie mir jemanden empfehlen könnte, und sie meinte, sie kennt in Othmarschen einen, der sich mit Querschnitten sehr gut auskennt und sehr nett ist. Allerdings ist es ein Mann. Aber er sei sehr einfühlsam und natürlich dürfe die beste Freundin oder der Partner mitkommen. "Hierher übrigens auch - so nebenbei bemerkt."

Jetzt war noch Ultraschall dran. In der Blase waren 30 Milliliter, die Nieren, Bauch, Leber, Herz - alles okay. Ich konnte zwar nur graue Schatten sehen, aber wenn sie das gut findet, glaube ich ihr. Dann durfte ich mich wieder anziehen. Inzwischen war es kurz vor Acht. Hatte sie sich eine Stunde lang mit mir beschäftigt? Wow. Ich verabschiedete mich von ihr. Inzwischen war eine Mitarbeiterin vorne am Tresen und zwei ältere Frauen saßen schon im Wartezimmer und lasen Zeitung. "Wenn Sie was brauchen, rufen Sie an oder schreiben eine Mail. Im Notfall lieber anrufen, aber sonst lesen wir auch unsere Mails. Sollte mit den Laborwerten irgendwas sein, rufe ich Sie an. Sonst können Sie davon ausgehen, dass alles in Ordnung ist."

Prima. Und dann war ich wieder draußen. Auf dem Rückweg habe ich mir vom Bäcker noch schnell Brötchen mitgebracht und dann auf nach Hause, frühstücken!

Sonntag, 9. August 2009

Die Nacht der Missverständnisse

Dass die sonst parallel fahrenden Profis zur Zeit im Sommercamp in Belgien sind, wussten wir alle. Dass jedoch auch Tatjana im Urlaub ist und Arne heute das Straßentraining macht, hatte ich nicht mitbekommen. Die anderen auch alle nicht. Vielleicht waren wir alle abgelenkt, als das gesagt wurde. Macht ja auch nichts, Arne kennen wir ja alle bereits vom Trainingslager. Allerdings hat Arne noch nicht so viel Erfahrung und ist sehr "verspielt". So musste er unbedingt auf der Hinfahrt Marianne und Michael im Auto laut aufdrehen und sich über unsere genervten Kommentare kaputtlachen. Andere hätten die gemeinsame Zeit zum Reden genutzt - oder wenigstens, um schöne Musik zu hören.

Etwas schwierig ist auch, in den Sommerferien bei geschlossenen Schul-Sporthallen einen Zielpunkt für das Straßentraining zu finden, an dem wir alle duschen können, und an dem wir für einige Zeit die Rollstühle zwischenlagern können. Arne erklärte uns dann stolz, dass er einen Typen in Berne kennt, ein alter Kumpel, auch ein Rollifahrer, der hätte ein großes Grundstück und bei dem könnten wir alle duschen. Das ist zwar nett gemeint, aber früh morgens in fremde Häuser reingehen, um dort private Duschen zu nutzen, finde ich ... ich weiß nicht. Dabei fühle ich mich nicht wohl. Und das nicht, weil ich paranoid bin und denke, jemand könnte dort Webcams installiert haben. Das kann man auch in den Duschräumen einer Sporthalle, wenn man am Tag davor bereits den Schlüssel abholt.

Auch die Strecke war etwas besonderes. Während wir sonst immer zwischen 15 und 25 Kilometern fahren, waren es jetzt 40. Natürlich ist es sinnvoll, zu lernen, wie man seine Kräfte einteilt, und mit genug Zeit kann man auch 80 Kilometer fahren. Nur ist es dann kein Geschwindigkeitstraining mehr, sondern Ausdauertraining, und das macht man besser auf einem Sportplatz. Egal, ich halte mich da raus.

So fuhren wir am Volkspark los, drehten eine große Runde über die Elbchaussee in Richtung Rugenbarg, fuhren dann über die Elbgaustraße durch das Niendorfer Gehege in Richtung Flughafen, mussten dann, da wir nicht durch den Kronstiegtunnel dürfen, ein Stück auf der B447 entlang fahren, was ich, da dort die ganzen Idioten direkt von der Autobahn auffahren, nicht weniger gefährlich finde, sind dann links abgebogen in die Papenreye zur Wellingsbütteler Landstraße und nach Berne.

Die Temperatur war sehr angenehm, ich war mit meinem langbeinigen, ärmellosen schwarzen Einteiler genau richtig angezogen. Langbeinig muss sein, damit man sich nicht die Haut wund scheuert, Einteiler ist ebenfalls sinnvoll, da eine Hose mit der Zeit durch die Bewegung runter rutschen könnte, so dass irgendwann der Hintern freiliegt. Und das muss wiederum nicht sein, vor allem, wenn man in dem Bereich nichts merkt. Wäre es kälter, würde man noch ein eng anliegendes Oberteil drüber ziehen, aber heute waren freie Arme und Schultern angenehm. Simone, Yvonne, Cathleen und Merle sahen das genauso.

Kristina und Nadine, die beide trotz Querschnittlähmung (einmal angeboren, einmal durch Fahrradunfall, aber beide inkomplett) laufen können, wenn auch watschelig bzw. nur mit Knöchel-Orthesen, spüren ihre Beine komplett und könnten daher, zumindest was das Druckstellen-Risiko angeht, auch kurze Hosen bzw. kurzbeinige Einteiler tragen. Allerdings schwitzen die beiden, im Gegensatz zu den "kompletten" Querschnitten, auch an den Beinen, so dass Staunässe, gerade auf der Innenseite der angewinkelten Knie, sehr unangenehm werden kann. Somit waren wir heute alle sieben, von leichten Farbunterschieden abgesehen, im absoluten Teamlook.

Während Tatjana den kleinen Mann im Ohr nur bemüht, wenn es was zu sagen gibt, und dann auch nur bei den Leuten, die es betrifft, hatte Arne auf Dauersprechen gestellt und das bei allen sieben Leuten. So hörten wir nicht nur, was er zu sagen hatte, sondern auch das Autoradio mit Arnes Musik: "Sagt mal, wo kommt ihr denn her? Aus Schlumpfhausen, bitte sehr..." Zwischendrin raschelte und knisterte das dann auch noch, so dass Nadine sich bereits nach 2 Minuten im Fahren den Ohrclip rausfummelte und am Kabel über die Schulter baumeln ließ. Yvonne, die sonst eher dauerlieb, lustig und schüchtern ist, platzte an der nächsten Kreuzung, an der wir halten mussten, der Kragen: "Nimm mir die Musik aus dem Ohr, sonst fahre ich gleich nach Hause!" brüllte sie nach hinten. Von Arne kam: "Hände hoch, wer keine Schlümpfe hören will!" Argh!!!

Die Streckenführung ging direkt durch St. Pauli, direkt an der Partymeile Reeperbahn vorbei. Nun gerieten wir mehr und mehr in fließenden Verkehr, denn gerade samstagnachts ist hier ja die Hölle los. Fließender Verkehr ist aber genau das, was wir absolut nicht gebrauchen können. Durch herumliegende Flaschen und Scherben, auf der Straße torkelnde Besoffene, etlichen Rettungswagen und diverse Ampeln ging es eher langsam voran und wir waren mit allem anderen als mit Schnellfahrtraining beschäftigt. Etliche Male blieb Arne an einer roten Ampel hängen, so dass wir am rechten Fahrbahnrand warten mussten. Die Leute waren ziemlich genervt.

Dann, endlich, waren wir auf der Elbchaussee und hofften auf ein Kommando, um mal richtig Gas geben zu können. Nein, er ließ uns für Dehnübungen anhalten und ging erstmal Zigaretten kaufen. Dann kam er zu uns, drückte jedem einen 0,5-Plastikbecher in die Hand. Yvonne lehnte gleich ab und meinte, sie hätte ihre Getränke dabei, bekam den leeren Becher dann aber auf den Schoß gelegt. Arne ging zum Auto und holte mehrere Plastikflaschen mit einem isotonischen Getränk. "Ihr müsst viel trinken, es ist sehr warm und ich möchte mit euch gleich richtig ranklotzen. Also nutzt die Chance und bewahrt eure Getränke für die Fahrt auf." Yvonne sagte: "Halb voll. Höchstens. So viel kann ich gar nicht schwitzen." Arne kippte randvoll.

Während wir Trinkpause machten, wurde uns ein Bluttest aus dem Ohr abgenommen. "Leere Becher könnt ihr mir wiedergeben." Yvonne hatte nur halb ausgetrunken. "Austrinken!" rief Arne. Yvonne schüttelte den Kopf. "Aber hallo. Du trinkst zu wenig." Yvonne trank noch einen Schluck. "So, nun reicht es." Arne schüttelte den Kopf. Yvonne schüttete den Rest im hohen Bogen in eine Hecke, ließ den leeren Becher auf die Erde fallen und rollte 30 Meter vor. Die Stimmung war hochexplosiv. Nadine sagte: "Ich kann mir hier keinen halben Liter auf Ex reinkippen, dann muss ich gleich kotzen." Und stellte den Rest auf die Erde. "Ihr stellt euch vielleicht an", meinte Arne. Lediglich Cathleen und Simone hatten ihren Becher ausgetrunken. Ich stellte meinen halbvoll zu dem von Nadine und fuhr in Richtung Yvonne. Die war richtig genervt. "Wenn das so weiter geht, kriegen wir hier heute noch richtig Streit", meinte sie.

Dann ging es endlich weiter. "Richtig warm werden", meinte Arne. Es ging erstmal minutenlang leicht bergab. Cooles Tempo, allerdings überholte uns noch eine Gruppe Rennradfahrer, irgendwas rufend. Und dann ging es richtig bergauf. Ich bin die Elbchaussee schonmal in die andere Richtung gefahren, da hatte ich diesen Berg gar nicht so wahrgenommen. Und hier verlangte Arne Höchstleistung. "Richtig 100% geben, je schneller ihr seid, um so leichter geht es." Merle fiel kurz zurück, hatte sich den Finger geklemmt. Nichts schlimmes, aber einige Sekunden Ausfall reichen bergauf ja bereits, um den Anschluss zu verlieren. Simone fiel ebenfalls kurz zurück. Ich dachte, die beiden wären knapp hinter uns, da wir immernoch im Lichtkegel vom Begleitfahrzeug fuhren. Aber Arne hatte die beiden überholt. Als wir oben angekommen waren, sollten wir uns am rechten Straßenrand kurz locker ausfahren und dann warten. Jetzt drehten sich alle um. Merle und Simone waren einige hundert Meter zurückgeblieben. Das wäre bei Tatjana nie passiert - sie hätte die ersten gebremst.

Wir fuhren bis zu einer Bushaltebucht und warteten dort, völlig außer Atem. Cathleen und ich hatten uns bei der Bergauffahrt so richtig schön bepisst, was aber harmlos zu dem war, was Simone geschafft hatte. Wenigstens hatte sie sich beim Kotzen zur Seite gedreht, so dass nur ihr Rollstuhl etwas abgekriegt hatte. War wohl doch zu viel von dem Gesöff, vor allem, weil Simone ja nur sehr klein ist und entsprechend auch nur einen kleinen Magen hat. Und Merles linke Hand war blutverschmiert. Tatjana hat sonst immer einen Kanister mit Leitungswasser dabei, Arne nicht. So opferte Yvonne eine Mineralwasserflasche aus ihrem Rucksack im Auto, damit Simone sich und vor allem ihren Stuhl sauber machen konnte. Merle hatte sich am Finger leicht verletzt, hatte aber selbst Pflaster und Tape dabei.

Als es endlich weiterging, waren bereits alle wieder kalt. Wir fuhren eher locker weiter, von Arne kam nicht eine Anweisung, außer zur Streckenführung. Und die nahm und nahm kein Ende. Immerhin wussten wir vorher nicht, wo genau sein Kumpel wohnt, bei dem wir duschen sollten. Im Niendorfer Gehege wäre eine gute Möglichkeit gewesen, nochmal richtig aufzudrehen, aber das verschlief Arne. Inzwischen waren auch kaum noch Autos unterwegs. Kurz bevor wir auf die Bundesstraße kamen, wurde Yvonne langsamer und hielt an einem Waldweg an. "Ich muss dringend kathetern, sonst platzt mir die Blase", meinte sie. "Ich auch", sagten Kristina und Nadine wie aus einem Mund.

Das hatte ich bisher auch noch nicht miterlebt. Yvonne krabbelte umständlich aus dem Rennrollstuhl raus, die anderen halfen, indem sie ihr Gelegenheit gaben, sich an den anderen Leuten bzw. deren Rollstühlen abzustützen. Dann saß sie endlich auf dem Bordstein. Hier war kein Wohngebiet und niemand war unterwegs. Trotzdem stellten wir uns mit unseren Rollstühlen in einem Halbkreis um sie herum, damit vorbei fahrende Autos nicht sehen konnten, was hier los war. Nadine und Kristina waren inzwischen auch ausgestiegen, bei denen ging das einfacher, da sie wesentlich mobiler waren. Nadine hatte Yvonnes Rucksack und ein Sitzkissen aus dem Bus geholt. Arne stand hinter dem Bus und rauchte erstmal eine.

Der Nachteil bei den Einteilern ist ja, dass man sich komplett ausziehen muss, wenn man auf Klo will. Entsprechend saß Yvonne im Sport-BH und mit nacktem Hintern auf einem Sitzkissen auf dem Bordstein über einem Gully und versuchte, halb liegend, sich im Halbdunkel mit einem Taschenspiegel einen Katheter in die Harnröhre einzuführen. Kristina und Nadine waren barfuß auf einem Sandweg unterwegs und fanden eine Bank. Nadine musste sich an Kristina festhalten, da sie ohne Knöchelorthesen nicht stabil gehen kann. Kristina ist jedoch auch nicht gerade standfest. Es sah aus, als hätten die beiden mächtig gesoffen.

"Alter Schwede, bin ich erleichtert", kam Kristina zurück. "Das tat schon richtig weh", ergänzte Nadine. Endlich saßen die drei wieder in ihren Rennrollstühlen und es konnte weiter gehen. Mal wieder mit Warmfahren. Nicht wissend, wohin es ging, wieviel von der Strecke noch übrig war, ohne jegliche Anweisung (abgesehen vom Weg), war die Luft raus. Wir spulten eher lustlos den Rest der Strecke ab, bis wir vor einem großen Grundstück mit einem Einfamilienhaus anhielten. Das gehörte dem Kumpel von Arne.

Inzwischen war es halb sechs. Im Haus brannte Licht. Arne stieg aus und musste unbedingt allen nochmal Blut aus dem Ohr abnehmen. Dann endlich ging er rein. Wir warteten und ahnten noch nicht, was uns jetzt noch erwarten würde. Arne kam wieder und erzählte, dass es ein Missverständnis gegeben hätte. Wir dürften zwar unsere Sportrollstühle hier für einige Stunden auf dem Grundstück lagern, aber von Duschen war keine Rede. Da sei nichts zu machen. Niemand sagte etwas. Alle warteten, wie es jetzt weitergehen sollte. Nach einiger Zeit hakte Yvonne nach: "Ja und jetzt?"

"Ich weiß es nicht. Die ganzen Hallen haben Sommerferien. Wir haben nirgendwo Zugang. Ich schlage vor, wir lassen die Stühle hier und ich fahre euch kurz zum Öjendorfer See. Dort ist eine Badestelle und daneben ein Raum mit rollstuhlgerechter Dusche und WC, der mit einem Euroschlüssel aufgeht. Die Badestelle ist mit Auto drei Minuten von hier entfernt." Besser als nichts. Nur wie dorthin kommen?

"Ich kann mich so unmöglich in den Bus setzen", sagte ich. Immerhin waren das Polstersitze. "Ich habe zwei oder drei Moltex-Unterlagen dabei", sagte Yvonne. Für die drei Minuten musste das gehen. "Ich setze mich lieber auf die Erde", meinte Cathleen. Am Ende saßen Cathleen, Simone, Merle und ich quer zur Fahrtrichtung hintereinander auf dem Fußboden vor der Sitzbank, während Yvonne, Nadine und Kristina sich auf eine Moltex-Unterlage auf die Sitzbank setzten. Immerhin waren die auch völlig durchgeschwitzt und der Bus gehört dem Verein und ist ziemlich neu. Hauptsache nur, die Polizei hält uns nicht an, da wir auf der Erde natürlich nicht angeschnallt waren.

Es dauerte keine drei Minuten, wie versprochen, sondern insgesamt 20. Ich habe hinterher mal in die Karte geschaut, die beiden Punkte waren 10 Kilometer entfernt. Ich war nah dran, dass ich zu heulen anfing. Niemand sagte mehr etwas. Ich hatte mir unauffällig eine Hand zwischen die Beine gepresst und hoffte, keine falsche Bewegung zu machen. Als wir dann endlich über etliche Kleinststraßen und einen Weg voller Schlaglöcher auf einem Parkplatz ankamen, mussten wir feststellen, dass wir von hier überhaupt nicht an die Badestelle kamen! Arne stieg aus, weil dort ein Übersichtsplan hing, den er sich ansehen wollte. Er hatte die Ruhe weg. Sobald die Tür zu war, sagte Kristina: "Bin ich froh, wenn Tatjana wieder da ist. Mann, ey, das geht gar nicht."

Ich hatte ganz andere Probleme. "Kann mir mal einer schnell meinen Rucksack geben?" fragte ich, leicht hektisch. Nadine drehte sich kurz um, dann sagte sie: "Komm ich nicht ran." - "Bitte!" flehte ich sie an. "Komm ich nicht ran! Die Rucksäcke liegen kreuz und quer zwischen und unter den Alltagsstühlen." Oh menno!!! Mein Puls raste. "Kannst du es nicht versuchen?" fragte ich nochmal. Auch Kristina drehte sich um. "Keine Chance. Dann müssten wir jetzt aussteigen und die Rollstühle rausräumen." Cathleen, die hinter mir saß und an deren Knie ich mich angelehnt hatte, fragte: "Was brauchst du denn?" - "Ne Pampers oder irgendwas, wo ich mich draufsetzen kann. Dringend!"

"Ohh nee, auch das noch", sagte Nadine, schnallte sich ab. "Ich kann dir auch nicht helfen, ich kann ohne Schienen nicht laufen", sagte sie. Kristina schnallte sich ab, zwängte sich von der hinteren Bank nach vorne durch, machte die Schiebetür auf. Stützte sich mit dem Knie an der Türkante ab, hob Simone, die direkt an der Tür auf der Erde saß unter den Schultern aus dem Bus und setzte sie unsanft vor dem Auto ins Gras ab. Als sie weggekrabbelt war, ließ sich Merle mit Kristinas Hilfe seitwärts rauskippen. Ich rutschte auf dem Hosenboden zur Tür und ließ mich mit Kristinas Hilfe ebenfalls rausfallen. Sozusagen in letzter Sekunde. Cathleen kam auch noch hinterher. Ich schloss nur die Augen und atmete tief ein und aus. Es war so eklig und entwürdigend. Ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst. Arne studierte immernoch die Karte und merkte gar nichts mehr. Cathleen kam zu mir ran und legte ihr Kinn auf meine Schulter. Als ich nicht reagierte, murmelte sie mir langsam ins Ohr: "Eine kleine Dickmadam fuhr mal mit der Eisenbahn. Die Eisenbahn, die krachte. Die Dickmadam, die lachte; setzte sich ins grüne Gras und pinkelte die Hosen nass."

Ich kam mir vor wie ein trotziges Kleinkind, das aus Prinzip trotzig sein wollte und sich das Lachen über diesen dummen Spruch nur mit Mühe verkneifen konnte. Am liebsten hätte ich ihr eine reingehauen. "Wir gehen jetzt schön duschen und dann lädt uns Arne zu einem richtig coolen Frühstück beim Bäcker ein", sagte sie.

"Aber hallo", antwortete Merle. Wir krabbelten wieder in den Bus, doch das Chaos war noch nicht beendet. Anstatt den kürzesten Weg (5 Minuten) zu nehmen, nämlich diesen hier:


fuhr Arne mit uns quer durch das gesamte Wohnghetto (15 Minuten), siehe hier:


und das letzte Stück war auch noch gesperrt. Dann waren wir aber endlich auf dem richtigen Parkplatz angekommen und luden unsere Stühle aus. Da wir keine Duschrollstühle hatten, war ich froh, dass auch Cathleen, Nadine und Kristina noch einzelne Moltex-Unterlagen dabei hatten. Die Sitzkissen und Bezüge sind zwar waschbar, aber eben nur mit großem Aufwand, den man sich gerne erspart.

Inzwischen war es 7.15 Uhr und die ersten Jogger waren bereits unterwegs. Wir suchten vergeblich die Dusche. Es gab hier zwar (abgeschlossene) Toiletten für Männlein und Weiblein, einen (vergitterten und geschlossenen) Kiosk, aber keine Duschen, geschweige denn, welche für Rollstuhlfahrer. "Die waren hier doch irgendwo", sagte Arne. Wir waren jetzt von der Nord- zur Südseite gefahren. "Oder waren die am Ostufer?"

"Jetzt ist Schluss", sagte Kristina. "Ich gehe jetzt im See schwimmen. Wer kommt mit?" Ich auf jeden Fall, dachte ich mir, ohne was zu sagen. Ich guckte Cathleen und Simone an, die nickten beide. "Ich wollte eigentlich sauber werden", sagte Yvonne. Auch Nadine war nicht sehr begeistert. Letztlich war das aber die beste Möglichkeit, wenn man nicht völlig versifft und verschwitzt nach Hause wollte. Und so langsam wurde es allerhöchste Zeit, mal aus den vollgepissten Klamotten rauszukommen. Arne hatte nichts besseres zu tun, als sein Fotohandy aus dem Bus zu holen. Nun war die Grenze überschritten. Yvonne und Nadine, die sich sonst eher selten einig sind, und Kristina platzte der Kragen. Nadine wurde richtig giftig. "Weißt du was? Nimm deinen Bus und verpiss dich. Ich will dich hier nicht mehr sehen. Das alles hier hat sowieso noch ein Nachspiel. Es ist mir scheißegal, was du jetzt machst, aber wenn du jetzt hier nicht sofort abhaust, ruf ich den Abteilungsleiter an, und wenn ich den auf einem Sonntagmorgen mit dem Handy aus dem Bett klingel. Jetzt ist es wirklich genug." Simone saß da nur mit offenem Mund. Yvonne fügte hinzu: "Und wenn ich hier gleich jeden einzeln mit meinem privaten Auto nach Hause fahren muss. Das würde ich auch noch tun. Aber du verschwindest jetzt hier."

Arne zuckte mit den Schultern - und fuhr tatsächlich davon. Simone sagte: "Ich ruf mal meinen Vater an, vielleicht können wir noch paar Leute mitnehmen." Yvonne telefonierte bereits und holte am Sonntagmorgen ihren Vater aus dem Bett und bat ihn, vorbei zu kommen. Dann gingen wir erstmal im See schwimmen. Und tauchen. Das Wasser war angenehm kühl. Aber man hatte die Chance, einigermaßen sauber zu werden. Während sonst so ein Gruppenschwimmen immer zu einer riesigen Wasserschlacht ausartet, war es hier wirklich nur noch: Sauber werden. Paar Züge im kalten Wasser schwimmen, einmal untertauchen, raus.

Wir suchten uns eine befestigte Stelle, wo man sich aus dem flachen Wasser auf ein Rasenstück umsetzen konnte und kletterten aus dem Wasser. Kristina organisierte uns die Handtücher, die Rucksäcke und irgendwann dann auch endlich unsere Rollstühle. War ich froh, endlich wieder mobil und einigermaßen sauber zu sein. Der Vater von Yvonne traf ein. Sie hatte ihn direkt aus dem Bett geholt, er war alles andere als begeistert, aber trotzdem sehr freundlich. Kurz darauf traf auch der Vater von Simone ein. Wir teilten uns auf die beiden Fahrzeuge auf (Simones Vater hat einen VW-Bus) und wurden zur U-Bahn-Station Steinfurter Allee gebracht. Bis zum Hauptbahnhof fuhren wir alle zusammen, dann trennten sich unsere Wege. Dass Cathleen nach dem Training bei mir schläft, war vorher abgesprochen.

Um 10 Uhr waren wir endlich im Bett. Zum Glück hatte ich mein Telefon ausgeschaltet. Denn als ich es um 16 Uhr wieder anschaltete, hatte ich 8 Anrufe in Abwesenheit. Es war der Vereins-Chef. Ich rief ihn zurück, er wollte von mir bestätigt haben, was er bereits von Simones Vater und von Yvonne gehört hatte. Cathleen und ich bestätigten es. Ob wir ihm kurz aufschreiben können, was heute nacht vorgefallen ist? Ich blogge, also geht das nicht nur kurz und nicht nur für ihn. Wie ich inzwischen erfahren habe, wurde Arnes Übungsleitervertrag fristlos gekündigt. Jeder, der diesen Text aufmerksam gelesen hat, weiß, denke ich, auch warum. Es ist schön, wenn man zwischendurch doch nochmal ernst genommen wird. Der Verein organisiert auch den Abtransport der Rennrollstühle aus Berne.

Und so machen sich Cathleen und ich jetzt auf den Weg, um die letzten Stunden des Wochenendes noch zu genießen und diese Strecke mit allem drum und dran schnell wieder zu vergessen:

Samstag, 8. August 2009

Behindertes Parken

Einer der letzten in Hamburg neu angelegten Behindertenparkplätze befindet sich in der Elbchaussee. So sieht er aus:


Lobenswert ist nicht nur, dass man zum Erreichen und Verlassen des Platzes keine Bordsteine überwinden muss und er eine ebene Fläche hat, sondern auch der ausreichende Platz zur Seite und nach hinten. Man könnte diskutieren, ob die Fläche nicht auch noch für zwei Stellplätze hintereinander ausgereicht hätte. Aber auch die farbliche Kennzeichnung finde ich vorbildlich.

Leider verstehen viele Menschen, die diese Beschilderung ignorieren, nicht, warum es Behindertenparkplätze gibt. Ich habe noch nicht lange den Führerschein, sitze auch noch nicht soooo lange im Rollstuhl, aber die Anzahl der mit mir um Behindertenparkplätze geführten Diskussionen ist atemberaubend.

Ich meine nicht die faulen Säcke, die mit einigermaßen schlechtem Gewissen den Parkplatz benutzen, weil sie keinen Bock haben, ein Stückchen weiter zu laufen oder noch eine Runde zu drehen, bis ein anderer Platz frei wird. Auch nicht diejenigen, die meinen, sie dürften auch mit einem Gipsbein oder mit ihrer klapprigen Oma an Bord dort parken. Und auch nicht die Kriminellen, die den Ausweis von ihrem Kind, ihren Eltern oder verstorbenen Angehörigen missbrauchen. Sondern die, die den Sinn dieser Plätze nicht verstehen, sie ignorieren und auf freundliche Bitten, den (einzigen) Platz freizugeben, zu diskutieren beginnen.

Argument 1: Wenn der Platz nah an einer Arztpraxis oder einer Behörde ist, macht es Sinn, wenn die Strecke zwischen Auto und Eingang nur 30 Meter beträgt. Bei einem Supermarkt in einer Größe, dass man vom Eingang bis zur Kasse alleine schon zwei Kilometer läuft, kommt es nicht mehr darauf an, wenn der behinderte Mensch auf dem Parkplatz 30 Meter weiter zu einem anderen Parkplatz torkelt.

Argument 2a: Der Platz ist nur markiert, um den behinderten Menschen beim Eintreffen einen freien Parkplatz zu garantieren. Anderen Menschen wird das auch nicht garantiert. Wenn alle Plätze belegt sind, ist der Parkplatz nunmal voll. Das gilt für alle Menschen gleichermaßen, ob behindert oder nicht. (Die behinderten Menschen wollen doch immer gleich behandelt werden!)

Argument 2b: Der Platz ist nur markiert, um den behinderten Menschen beim Eintreffen einen freien Parkplatz zu garantieren. Es sind aber noch genügend andere Parkplätze frei, auf die die behinderten Menschen zurückgreifen können.

Argument 3a: Der Platz ist etwas breiter, weil behinderte Menschen schlecht Auto fahren können und so beim Rangieren keine anderen Fahrzeuge beschädigen. Sie sehen aber so aus, als wenn Sie auch auf normalen Parkplätzen gut ein- und ausparken können. Ihr Auto hat ja auch noch keine Schramme oder Beule.

Argument 3b: Der Platz ist etwas breiter, damit behinderte Menschen bequem aussteigen können. Es sind aber noch genügend andere Parkplätze frei, auf denen die behinderten Menschen auch bequem aussteigen können, weil der Parkplatz daneben ebenfalls noch frei ist.

Klar sind einige Leute froh, wenn sie nur 30 Meter zum Arzt haben. Klar freut man sich, wenn auf Anhieb ein Parkplatz frei ist. Klar wollen behinderte Menschen gleich behandelt werden. Klar gibt es auch behinderte Leute, die schlecht Auto fahren.

Aber für mich ist nur eins entscheidend: Ich benötige, um mit meinem Rollstuhl aus dem Auto zu kommen, eine Türbreite Platz auf der Fahrerseite. Ich muss meinen Rollstuhl dorthin ausladen und zusammenbauen. Und ich brauche diesen Platz auch, wenn ich wieder wegfahren will (weiß ich, ob sich auf anderen Parkplätzen nicht jemand nah daneben stellt, während ich weg bin?). Deshalb ist der Parkplatz breiter. Und damit nicht alle Parkplätze breiter sein müssen, hat man diesen einen als Behindertenparkplatz gekennzeichnet.

Leider brauchen viele Menschen, die einsehen müssen, dass sie in ihrer Großspurigkeit etwas nicht bedacht haben, ein letztes Wort: "Der Supermarktparkplatz ist Privatgrundstück. Da gilt die Beschilderung nicht."

Ja nee, ist klar.

Freitag, 7. August 2009

Die Schwarzwaldklinik

Bei Menschen mit Querschnittlähmung ist einiges anders. Nicht alles, auch nicht vieles, aber einiges. Vor den 60-er Jahren hätten sie, wie ich erfahren habe, meistens nicht überlebt. Die damalige Intensivmedizin hätte es vielleicht nach mehreren Anläufen irgendwann hinbekommen, die erste Schockphase zu überbrücken, aber mehr als ein Pflegefall, der ziemlich bald an Haut- oder Nierenkomplikationen stirbt, wäre nicht daraus geworden. Das ist Fakt.

Kürzlich wurde im Fernsehen eine Folge der Schwarzwaldklinik wiederholt ("Der Optimist"), bei der jemand beim Wasserskifahren gestürzt war und wegen einer Querschnittlähmung behandelt wurde. Am Ende der Folge sieht man, wie dieser Patient, in einem Schiebestuhl sitzend, in einen Behindertenbus des Deutschen Roten Kreuzes (mit automatischer Hebebühne an der Hecktür) verladen wird. Der Patient hat die Hände auf dem Schoß gefaltet und macht nicht eine Bewegung, sagt kein Wort, lächelt nur unbeholfen. Eine Gruppe Ärzte und Krankenpfleger kommt extra zur Verabschiedung. Sie stehen dort herum und sagen mit toternster Miene: "Haben wir ihn nicht gut wieder hingekriegt?" - "Ja, er gefällt mir richtig gut. Und ich bin mir sicher, wenn er jetzt wieder zu Hause ist, schafft er auch sein Abitur."

Zum ersten Mal ausgestrahlt wurde die Folge 1988. Ein Millionenpublikum hat sich das reingezogen. Die Inhalte haben selbst hoch gebildete Akademiker so ernst genommen, dass sie sich als Ärzte in der Schwarzwaldklinik beworben haben (Quelle: Focus 36/95, Seite 84 ff.). Ich kann mir nicht vorstellen, dass beim Dreh dieser Filme überhaupt nicht recherchiert wurde. Schließlich haben richtige Ärzte ja auch beraten. Das bedeutet also, dass die Mehrzahl der Querschnittgelähmten selbst Ende der 80-er Jahre noch nicht mal einen Funken Selbständigkeit wiedererlernen konnte. Das erklärt natürlich in gewissem Maße, warum gerade die ältere Generation von heute von mobilen und sportlichen Rollstuhlfahrern entzückt, verwirrt und erschrocken zugleich ist und mit dem hadert, was wir Rollifahrer "Vorurteile" nennen.

Man hat offensichtlich in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele Erfahrungen gesammelt, hat vieles ausprobiert, hat sich an vieles herangetraut. Die technische und medizinische Seite ist aber nur die halbe Miete. Die Aufklärung und die Eigenverantwortlichkeit ist die andere Hälfte. Diese wird, das weiß ich aus intensiven Gesprächen mit "alten Hasen", erst seit etwa zehn Jahren derart groß geschrieben. Dass die Patienten ihr Handicap selbst in den Griff bekommen und sich intensiv mit ihm auseinandersetzen müssen, führt im Idealfall zu einem intensiven Austausch unter Betroffenen. Das beste Beispiel für mich sind meine Besuche am Strand. Wäre ich mit meinen Eltern oder anderen (laufenden) Freunden dorthin gefahren, wäre ich nicht baden gegangen. Vermutlich hätte ich nicht mal die gepflasterten Wege verlassen. In der Gruppe kann jeder ausprobieren, sich von erfahrenen Leuten was abgucken - am Ende hatten wir ein geniales Wochenende. Hätte mir jemand im Krankenhaus erzählt, dass ich nochmal alleine im Meer bade, hätte ich schon arg gezweifelt.

Und so kann ich mich heute freuen, dass "Die Schwarzwaldklinik" schon lange von gestern ist.

Donnerstag, 6. August 2009

Alice freut sich

Das Haus, in dem ich wohne, steht seit Oktober 2008. Es ist daher alles sehr modern. Sehr modern ist auch die Kommunikation über Glasfaserkabel. Fernsehen, Internet und Telefon sollten von Beginn an über Glasfaserkabel ins Haus kommen. Eine Firma, die in Norderstedt ihren Sitz hat, ist damit vom Vermieter beauftragt worden, der herkömmliche Anschluss über Kupferkabel fehlte zunächst.

Als das Haus bezugsfertig wurde, zeichnete sich ab, dass sich die Glasfaser-Sache verzögert. Erst einen Monat, dann noch einen, dann haben die ersten Mieter bei der Telekom einen "normalen" Telefonanschluss beantragt. Also musste nochmal gebuddelt werden, damit die Kuperleitung verlegt werden konnte. Fernsehen lief für die erste Zeit erstmal über Antenne, wobei der Empfang eher schlecht ist.

Dann war für Anfang Mai der endgültigte Anschluss des Glasfaserkabels geplant. Somit hätten wir ab Einzug davon profitieren können. Aber auch daraus wurde nichts, so dass auch wir erstmal über die herkömmliche Kupferleitung telefonieren und surfen und Fernsehen mit Zimmerantenne empfangen.

Nun ist verbindlicher Termin für den neuen Fernsehempfang der 21. September 2009. Über ein Jahr nach Bezugsfertigkeit des Hauses (wir sind ja glücklicherweise erst im Juni 2009 eingezogen). Auf unseren Antrag, ab dann auch über Glasfaser ins Internet zu kommen (immerhin bietet man eine WG-geeignete 100/10-MBit-Leitung für 29 Euro an, einschließlich Flatrate für Internet und Telefon), antwortete man, dass der Anschluss des Hauses an das Breitbandinternet erst im Februar 2011 vorgesehen ist.

Alice wird sich freuen, so hat sie uns noch einige Monate länger als Kunden. Weiter darüber nachdenken sollte man vielleicht lieber nicht.

Dienstag, 4. August 2009

Eine Nacht am Strand

Noch sind Sommerferien. Das muss man ausnutzen. Vor allem, wenn so geniales Sommerwetter ist und dann auch noch die beste Freundin Geburtstag hat. Es war nicht so einfach, eine Strandparty zu organisieren, ohne dass die Hauptperson davon etwas mitkriegt, denn immerhin musste ja auch die Mutter eingeweiht werden.

Während Cathleen am Morgen bei ihrer Oma im Seniorenheim war, um sie zu besuchen, fuhren Sofie und ich zu ihr nach Hause, luden einige Sachen ein, die die Mutter zusammengepackt hatte. Dann düste Sofie mit meinem Auto *bibber* wieder weg und ich unterhielt mich ein bißchen mit der Mutter und den zwei Schwestern bei zwei Gläsern Apfelschorle.

Als Cathleen wiederkam und mich sah, begrüßten wir uns, ich erwähnte aber nichts vom Geburtstag, sondern meinte nur: "Ich bin gerade zufällig in der Gegend und wollte dich mal spontan besuchen kommen." Ich merkte, dass die Frage einen Moment in ihrem Kopf hin und her kreiste, bevor sie sie aussprach: "Sag nicht, du hast meinen Geburtstag vergessen." Ich stieg voll drauf ein. "Hattest du etwa gestern?" LOL

Was sich liebt, das neckt sich. Nach einem kurzen Ringkampf hatte sie mir verziehen. Dass es noch dicker kommen sollte, ahnte sie noch nicht. Ich sagte ihr, ich würde sie auf ein Eis einladen. Am Bahnhof kenne ich einen guten Eisladen. Die Mutter sagte: "Ich fahr euch hin." Cathleen schaute ungläubig aus der Wäsche. "Hier ist doch ein Eisladen um die Ecke?" - "Aber der am Bahnhof ist viel leckerer."

Also die Rollstühle ins Auto verfrachtet, zum S-Bahnhof gefahren, ausgeladen. "Und wo ist nun der Eisladen?" - "Ja nicht hier, in Hamburg am Hauptbahnhof!" - "Wie, wir wollen jetzt nach Hamburg? Du weißt schon, dass ich heute um 16 Uhr einige Leute eingeladen habe? Meinst du nicht, dass das etwas knapp wird?"

Nee. Wir saßen in der S-Bahn und erreichten 45 Minuten später Hamburg Hauptbahnhof. Da Cathleen -wie immer- ziemlich viel zu erzählen hatte, verging die Fahrt schnell. Wir stiegen aus, aber anstatt zu einem Eisladen zu gehen, fuhr ich auf ein anderes Gleis und wollte in den dort stehenden Zug einsteigen, bat den Zugführer, die Rampe auszufahren. "Wo um alles in der Welt willst du hin? Wir sind doch nie im Leben um 16 Uhr wieder zurück! Was heckst du hier mit mir aus?"

"Ich habe alles im Griff. Ich habe mich kurzfristig umentschieden. Ich kenne noch einen viel besseren Eisladen." - "Ach, verarsch mich nicht, wo fahren wir hin?" - "Lass dich überraschen!" - "Aber was ist mit den Leuten?" - "Ich habe alles im Griff. Entspann dich mal." - "Aber meine Mutter? Sag nicht, die ist eingeweiht und hat mitgemacht." Ich grinste.

Der Zugbegleiter durchkreuzte meinen Plan ein wenig. Er fragte bei der Kontrolle der Wertmarken, wo wir aussteigen. Ich sagte: "Sie hat heute Geburtstag. Das ist noch eine Überraschung." - "Auf solche Spielchen habe ich keinen Bock. Schließlich brauchen Sie Hilfe beim Aussteigen und das möchte ich rechtzeitig wissen." - "Endstation", erwiderte ich, in der Hoffnung, dass es ihm reichte. Nein, er musste es nochmal verdeutlichen: "Also Lübeck-Travemünde Strand?" Ich war übelst angepisst. "Jaha."

Cathleen fragte sofort: "Fahren wir etwa an den Strand?" - "Wir fahren Eis essen", erwiderte ich. Cathleen konnte ihre Neugier kaum beherrschen: "Och menno, sag doch mal!" In Travemünde stiegen wir in einen Bus nach Neustadt. "Ich sehe die Ostsee!" quiekte Cathleen. "Gehen wir schwimmen?"

"Du hast doch gar keine Badesachen dabei", erwiderte ich. Cathleen, völlig happy: "Das ist mir doch scheiß egal. Gehen wir schwimmen? Ich will unbedingt schwimmen!" Nach einiger Zeit kamen wir in Haffkrug an. An der Bushaltestelle warteten bereits: Simone, Sofie, Luisa (mit Freundin), Lina, Liam, Frank, Juliane, Schatzi Kevin, Isabel (gennant Isi, kannte ich noch nicht), Steffi und Sarah (kannte ich ebenfalls noch nicht) sowie Steven, der Freund von Sarah.

15 aufgedrehte Leute, davon 13 im Rollstuhl - die Urlauber, die an uns vorbei gingen, glotzten, als wären gerade Außerirdische gelandet. "Muddi guck mal", sagte ein älterer Herr deutlich vernehmbar. Liam, neben Luisas Freundin der einzige Läufer, erwiderte wie aus der Pistole geschossen: "Im Namen der Anstalt heiße ich euch alle herzlich willkommen auf unserem heutigen Gruppenausflug." Isabel kippte fast aus dem Rollstuhl vor Lachen. "Bitte tragt eure grüne Ausgangskarte an einem Bändsel für jedermann sichtbar um den Hals und lauft nicht ohne zu gucken auf die Straße."

Dann konnte die Party ja beginnen. "Luisas Freundin hat dir schon einen Kuchen gebacken, hier auf dem Parkstreifen, da ist aber leider vorhin ein Auto drübergefahren", sagte Liam und deutete auf einen kleinen Sandhaufen, durch den sich eine Reifenspur zog. Cathleen kam aus dem Gackern gar nicht mehr heraus. Nur langsam bewegten wir uns Richtung Strand. Die Pächterin, die die Strandkörbe vermietete, hatte bereits alles im Griff: "Ihr bekommt vier Körbe hier direkt an den Holzbohlen. Dann kommt ihr mit den Rollstühlen bis ans Wasser. Zwei sind Dauergäste, die kommen heute nicht, zwei andere sind kurzfristig umgezogen in freie Strandkörbe ein Stück weiter. Das war kein Problem." Ich mag sowas nicht, aber es war nicht mehr zu ändern. "Und wer ist das Geburtstagskind?" Cathleen streckte grinsend ihren Finger Richtung Himmel.

Dann bezogen wir unsere Strandkörbe. Cathleen sagte: "Hättest du mal irgendwas angedeutet, hätte ich ja wenigstens ... was ist das für ein Rucksack? So einen habe ich doch ... ist das meiner? Nee oder?" Ich grinste. "Cathleen möchte schwimmen gehen, aber mit Klamotten", rief ich Liam und Luisas Freundin zu. "Nein!!!" kreischte Cathleen. Da war nichts mehr zu machen. Liam und Luisas Freundin hatten sie bereits an Armen und Beinen gepackt, zerrten sie aus dem Rollstuhl, Simone nahm ihr im Vorbeischleifen noch die Brille, das Handy, ihre Papiere und die Schuhe ab. Die Leute um uns herum starrten mit offenen Mündern. Liam und Luisas Freundin gingen knietief in die relativ ruhige Ostsee, zählten bis drei, ließen sie fallen und liefen davon.

Es dauerte drei Sekunden, dann tauchte sie auf. Kreischend. "Scheiße ist das kalt!" Also ging es ihr gut. Simone war die nächste. Sie versuchte sich zu wehren so gut es ging, aber es war zwecklos. Die anderen und ich präparierten sich bereits und legten alles aus den Taschen, was nicht wasserfest ist. Luisa, Isabel und mich erwischte es noch, die anderen zogen sich bereits um und kamen freiwillig hinterher. Ich war noch nie mit Klamotten im Meer. Es fühlte sich ungewohnt an. Aber nicht unangenehm. Bis auf ... "Igitt ich hab ja noch ne Pampers an", sagte ich irgendwann zu Cathleen. Die gackerte nur: "Das wird lustig, wenn du sie nachher ausziehst, die wiegt bestimmt zehn Kilo." - "Bäh!" - "Hauptsache sie platzt nicht", amüsierte sie sich weiter. "Bloß nicht im Wasser ausziehen", meinte sie.

Wir planschten bestimmt eine Stunde lang im warmen Wasser. Einzig Kevin, Steven und Sarah wollten nicht ins Wasser. Und sich auch nicht ausziehen. Naja, jeder wie er mag. Nach einer Stunde wurde es kalt und wir krabbelten nach und nach raus. Als allererstes wollte ich meine Windel loswerden, denn die war derart aufgequollen, dass ich Angst hatte, mir könnte gleich die Hose platzen. Luisas Freundin hatte einen Rollstuhl mit einem wasserdichten Kissen und einem Handtuch bestückt, hob einen nach dem anderen dort hinein und fuhr ihn zu der rollstuhlgerechten Dusche, etwa 300 Meter weiter. Dort war auch gleich eine Toilette mit einem ordentlichen Mülleimer, das war mir sehr recht.

Das Wetter war genial. Wir lagen den ganzen Tag in unseren Strandkörben (oder davor), gingen einige Male ins Wasser, spielten Spiele, organisierten Eis und Pommes. Nach und nach packten die anderen Leute ihre Sachen zusammen, die Sonne ging langsam unter. "Wann müssen wir eigentlich los?" fragte Cathleen irgendwann. Ich antwortete: "Wir haben mit deiner Mutter ausgemacht, dass wir so gegen 6 wieder zu Hause sind." Cathleen wühlte erschrocken ihr Handy raus. "Das ist schon halb 9", sagte sie. "Scheiße", erwiderte Liam toternst. "Dann müssen wir wohl hier zelten. Hoffentlich ist der Grillplatz frei", meinte er. "Ich kriege langsam Hunger."

Cathleen schaute mich ungläubig an. "Nee echt? Zelten wir hier?" Ich nickte. Sie wollte es nicht glauben. "Nicht alle. Leider. Einige werden um 9 von ihren Eltern abgeholt. Steffi, Simone, Isi und Kevin bleiben nicht hier. Sofie und Frank müssen auch zurück, sie müssen morgen arbeiten. Aber der Rest zeltet, wenn du willst." Natürlich wollte sie, war aber etwas enttäuscht, dass Kevin nach Hause musste. Seine Eltern hatten es verboten und ihm den Tag am Strand nur erlaubt, wenn er bei der Rückfahrt kein Theater macht. "Der ist 17. Egal. Ich halte mich da raus", schüttelte Frank den Kopf. "Und meine Mutter hat das wirklich erlaubt?" fragte Cathleen. Naja, es waren schon einige Überredungskünste nötig.

Offiziell ist das Zelten am Strand verboten. Aber der jeweilige Pächter darf Ausnahmen zulassen. Wir hatten allerdings die Order, die Zelte nicht vor 23 Uhr aufzubauen, damit nicht noch andere Leute auf ähnliche Ideen kommen oder sich massenweise beschweren. Liam und Lina wollten nicht zelten, sondern in ihrem Auto schlafen. So ein Kombi hat natürlich Vorteile. Ich habe ja auch einen, nur fand ich das Zelten spannender. Und ich fühlte mich natürlich geehrt, dass Cathleen mich fragte, ob wir uns zusammen ein Zelt teilen. Bis es 23 Uhr wurde, warfen wir einen großen Grill auf einem öffentlichen Grillplatz an. Dort war eine Feuerstelle und ein Rost, das an einer großen Kette hing. Allerdings sollte man Aluschalen verwenden. An die hatte Liam gedacht.

Als wir dann völlig genudelt waren, düsten wir mit unseren Klamotten zur Rolli-Dusche, machten uns nachtfertig, einmal Zähne putzen ... Cathleen hatte einen Schlafanzug an, den ihre Mutter ihr eingepackt hatte, und fuhr damit über die Strandpromenade. Einige wenige Leute, die noch unterwegs waren, guckten etwas dämlich aus der Wäsche. Ich hatte eine Sporthose und ein Sweatshirt an, aber darüber hatte die Mutter wohl nicht nachgedacht. Zurück am Strand, bauten wir im Halbdunkel unsere Zelte auf. Als wir endlich unsere Zwei-Mann-Luftmatratze aufgeblasen hatten und im Zelt verschwunden waren, fielen mir schon fast die Augen zu. Es wehte kein Wind, die See war spiegelglatt, über uns war sternenklarer Himmel. Allerdings wurde es richtig kalt. Ich zog mir noch ein zweites Sweatshirt drüber und Socken an, bevor ich mich im Schlafsack einrollte.

Cathleen fragte mich, ob ich das organisiert hatte. "Nicht alleine, aber hauptsächlich und die Idee war von mir." Plötzlich hatte ich Cathleen halb auf mir liegen, einen Arm um meinen Hals, wurde fest gedrückt und bekam einen fetten Kuss auf die Wange. "Das ist dir super gelungen. Das war ein richtig toller Tag", sagte sie. Das war wieder einer der Momente, wo mir auffiel, dass meine "neuen" Freunde ganz anders drauf sind. Die meisten meiner alten "Freunde" haben sich nie so ehrlich gefreut und haben ihre Dankbarkeit auch nie auf so einfache, aber deutliche Weise gezeigt.

"Mir ist kalt", sagte ich. Cathleen antwortete: "Das ist auch arschkalt. Richtig warm ist mir auch nicht. Ich hoffe, das wird noch wärmer im Schlafsack. Ich habe mal gehört, dass man seinen warmen Atem in den Schlafsack pusten soll."

"Wollen wir nicht versuchen, ob man die Schlafsäcke zusammenmachen kann und uns dann gegenseitig wärmen?" fragte ich. Im Zelt nebenan war noch Gekiecher. Ich hörte die Stimmen von Sarah und Steven. "Wenn du von mir angepupst werden möchtest", frotzelte Cathleen. "Wenn ich zurückpupsen darf", konterte ich. "Lass mich nachdenken ... na gut!" Cathleen suchte die Taschenlampe. Dann kam der spannende Moment: Die Reißverschlüsse passten. Cathleen war wie ein kleiner Ofen. Ihr Po lag an meinem Bauch, ihre Haare in meinem Mund und einen Arm hatte ich auch zuviel, aber ich fror nicht mehr. Nach einiger Zeit war mein Arm eingeschlafen und ich musste mich umdrehen. Das war in dem engen Schlafsack auf der Luftmatratze nicht so einfach, aber Cathleen drehte sich mit. Ich kam mir vor wie ein altes Ehepaar. Irgendwann schliefen wir ein.

Als ich aufwachte, lag Cathleen wieder vor meinem Bauch, mir den Rücken zugewandt. Wir mussten uns im Halbschlaf noch mindestens einmal gedreht haben. Ein Knie von mir lag unter ihren Beinen. Hoffentlich hatte ich mir keine Druckstellen geholt und ihr keine zugefügt. Regen prasselte lautstark auf das Zelt. Cathleen war auch wach, tastete nach ihrem Handy und schaute auf die Uhr. "Wie spät?" fragte ich flüsternd. "Kurz nach vier. Ich dachte, es wäre schon später."

"Hauptsache, wir werden nicht ins Meer gespült", flüsterte ich zurück. Kurz danach schliefen wir wieder ein. Am Morgen hatte es auf jeden Fall aufgehört zu regnen. Es war kein Geprassel mehr zu hören, dafür schrien Möwen wie am Spieß und irgendein Trecker tuckerte an unserem Zelt vorbei. Ich drehte meinen Kopf in Richtung Cathleen, die verdrehte gerade die Augen über den Lärm. Es war 10 vor 7. Aber bis um halb 9 sollen sowieso alle Zelte abgebaut sein, so dass in 40 Minuten der Wecker gebimmelt hätte.

Wir schälten uns vorsichtig aus dem Schlafsack und aus den Klamotten, zogen unsere Badesachen an, rutschten durch den Sand ins Meer. Es war irre kalt. Aber super erfrischend. Schlagartig wurde ich wach, trotz der frühen Zeit. Auch die anderen wurden wach und einige kamen auch gleich ins Wasser. Als wir wieder draußen waren, kamen Lina und Liam mit Brötchen vom Bäcker. Nutella-Frühstück! Lecker.

Als wir alle Zelte abgebaut, geduscht und saubere Klamotten angezogen hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Gegen Mittag waren wir wieder zu Hause. Das erste, was wir machten, war: Ab ins Bett und schlafen. Um 17 Uhr wachten wir wieder auf. Zusammen mit Sofie brachte ich Cathleen nach Hause. So anstrengend der Tag (die Nacht) am Strand auch war: Es war genial. Fand ich.