Freitag, 31. Juli 2009

Behindertenschließung hinter Ihnen

Ich glaub, ich spinne. Da wollte ich doch heute am Hamburger Hauptbahnhof auf die Toilette und entdeckte an der Tür ein Schild:


Da lässt allen Ernstes jemand ein solches Schild prägen, anstatt den Schlüsselschalter an einer vernünftigen Position anzubauen? Und was bitte ist eine Behindertenschließung? Ich will mich nicht künstlich aufregen, aber wieso schaffen es die laufenden Menschen immer wieder, derart in linguistische Fettnäpfe zu treten? Der einfache Satz: "Türöffnung über Schlüsselschalter hinter Ihnen" wäre doch völlig ausreichend gewesen, oder?

Man stelle sich nur mal vor, auf einem Zeltplatz lebt für einige Zeit eine Gruppe Sinti und Roma und bekommt einen Schlüssel zu den sanitären Anlagen ausgehändigt, um nicht, wie Tagesgäste, den Automaten ständig mit Münzen füttern zu müssen - und irgendjemand nennt diese Einrichtung auf öffentlichen Schildern "Zigeunerschließung".

Ich habe nichts gegen die Verwendung des Wortes "behindert", wenn es darum geht, einen Umstand zu beschreiben. Es handelt sich um ein in unserer Sprache gebräuchliches Wort. Allerdings habe ich etwas dagegen, wenn ich als Mensch auf eine "Behinderte" reduziert werde. Denkt mal drüber nach!

Mittwoch, 29. Juli 2009

Ich bin sooo gut!

Vorhin war ich mit Cathleen shoppen, da sie unbedingt eine neue Jeans brauchte. Wegen ihren eher komischen Körpermaßen (da sie seit Geburt eine Querschnittlähmung hat, ist sie insgesamt nur knapp über 1,50 m groß, eine Hose in Länge 30 kann sie noch zweimal umkrempeln...) gestaltet sich die Suche nicht ganz so einfach und die Sache mit dem Anprobieren hat es auch in sich.

Als wir auf dem Rückweg durch den Bahnhof Altona düsten und hintereinander rückwärts auf die Rolltreppe nach unten fuhren, bekam eine Seniorin fast einen Herzinfarkt. Sie kreischte, schlug mit den Händen ins Gesicht und blickte mit weit aufgerissenen Augen hinterher, wie wir in den Tiefen des S-Bahn-Tunnels verschwanden. Ich dachte erst, ihr selbst sei etwas passiert, aber die Aufmerksamkeit galt uns. Selbstverständlich kam sie hinter uns her, und während wir auf den Zug warteten, erzählte sie uns, dass ihr Mann im Rollstuhl saß und immer geschoben werden musste. Der hätte jedoch auch keinen so sportlichen wie wir gehabt.

Man sehe ja auch so viel Sport von Behinderten im Fernsehen. Da seien ja teilweise auch ganz junge Leute dabei, die einen Motorradunfall hatten. Und manchmal seien ja sogar Kinder dabei. Das sei ja so schrecklich. Aber sie bewundere diese Leute für die Leistung, die sie da erbringen. "Das schaffen normal Sterbliche ja oft nicht, was die noch mit einer zusätzlichen Behinderung schaffen."

Ja, was soll man dazu sagen? Soll man sagen, dass man im Alltag auch völlig selbständig ist, selbst schwimmt, Sport treibt und ein lustiges und lebenswertes Leben hat? Ich habe mich an Cathleen orientiert, die einfach nur zugehört, an den richtigen Stellen genickt und freundlich gelächelt hat. Bis unsere Bahn kam. "So, wir müssen vorne einsteigen! Schönen Tag noch!" Vollgas, auf und davon. In welchen Wagen man einsteigt, ist völlig egal, aber das weiß sie ja nicht. Auweia.

Also ich halte mich schon für normal Sterblich. Ich habe eine Einschränkung, eine Behinderung, und benutze zum Ausgleich dieser einen Rollstuhl. Mehr nicht. Und wenn ich Pech habe und es Komplikationen gibt, könnte ich theoretisch sogar eher sterben als sie in ihrem hohen Alter.

Als ich zu Hause meine Mails las, war eine dazwischen, in der ich überschwänglich für diesen Blog gelobt wurde. Ich sei für mein Alter sehr erwachsen und hätte einen sehr guten Schreibstil. Vielen Dank für dieses Lob! Ich muss da aber mal was richtig stellen: Die Texte stammen zwar allesamt von mir, auch der Satzbau und der rote Faden (ich hoffe, er ist erkennbar, manchmal zweifel ich selbst) - aber die Rechtschreibung ist nicht 100% von mir und ein Online-Wörterbuch der Synonyme liegt parallel neben diesem Fenster und wird fleißig benutzt. Dazu kommt, dass ich sehr gerne schreibe - aber eben auch sehr langsam. Für einen Text wie diesen brauche ich locker eine Stunde, manchmal wesentlich mehr. Bis ich ihn dann veröffentliche, lese ich ihn noch mehrmals durch, mache dabei auch noch etliche Korrekturen und oft fallen mir an den Tagen danach auch noch wieder 534 Fehler auf, die ich nachträglich korrigiere. Für einen Blog reichen meine Fähigkeiten vielleicht, und ich freue mich riesig, wenn er sich leicht und unterhaltsam lesen lässt.

Dienstag, 28. Juli 2009

Fünf Minuten Erziehungsberatung

Ich war gleich skeptisch, als meine Mutter mir überfallartig vorschlug, mit meinen Eltern zu einem Termin in eine Beratungsstelle zu gehen, vor allem, weil es sich um eine Erziehungsberatungsstelle handelt und unsere Probleme ja nicht direkt etwas mit der Erziehung zu tun haben. Aber ich wollte mich nicht verschließen, wenn meine Eltern sich Hilfe suchen und mir wieder ein Stückchen näher kommen möchten. Wie man so ein Beratungsangebot nun nennt oder unter welchem Stichwort man es anbietet, um vielleicht einigen Eltern den Gang dorthin leichter zu machen, spielt ja erstmal keine Rolle.

Also schnappte ich mir an meiner Bushaltestelle (3 Minuten Fußweg von meiner Haustür) einen Schnellbus, der nach 12 Minuten Fahrtzeit genau vor dieser Erziehungsberatungsstelle hält, ohne zu wissen, dass ich damit gleich schon wieder den ersten Fehler begangen hatte.

Diese Beratungsstelle liegt an einer vierspurigen Straße ohne Parkplätze. Weiter als die Bushaltestelle entfernt gibt es ein Parkhaus, für das man bezahlen müsste. Den Bus kann ich kostenlos nutzen, er fährt exakt 12 Minuten. Mit dem Auto dürfte ich nur zur Therapie fahren, ob das aber Therapie ist, weiß ich nicht genau. Also lasse ich es sein und fahre mit dem Bus. Grund genug, um mir von meiner Mutter anhören zu müssen, dass ich nicht ehrlich bin.

Bitte?! Was ist daran unehrlich, mit dem öffentlichen Bus zu fahren bei so einer Verbindung? Antwort: Ich täusche meine Umwelt über mein wahres Ich! Ich drehe mir alles so, wie ich glaube, dass es nach außen am besten wirkt. Ja nee, ist klar.

Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich mit dem Auto oder mit dem Bus fahre. Ich hatte, als ich mich entschieden hatte, den Bus zu nehmen, keine Hintergedanken. Ich kann auch beim besten Willen nicht nachvollziehen, was sie genau meint. Ich kann mir nur vorstellen, dass es irgendwie in die Richtung geht, dass es ja umständlicher ist, mit dem Bus zu fahren als mit dem Auto und ich jetzt betonen will, welche Umstände ich für meine Eltern auf mich nehme. So oder ähnlich. Da sieht man aber mal, wie wenig sie sich mit meiner neuen Lebenssituation arrangiert haben, denn sonst wüssten sie, dass Busfahren nichts ist, was irgendwie erwähnt werden müsste.

Egal. Im Haus gab es einen Aufzug, es musste also niemand helfen. Oben angekommen, begrüßte uns ein Typ, der die Vertretung für den Sozialarbeiter macht, der uns eigentlich beraten wollte, sich aber heute krank gemeldet hatte. Er sei der Leiter der Einrichtung und Diplom-Psychologe, hatte einen östlichen Dialekt und ... ach dieses Bild stammt von deren Webseite:



Immerhin gab er mir die Hand, im Gegensatz zu meinen Eltern, die nur "Hallo" zu mir sagten. Er meinte, er freut sich, dass das geklappt hat. Dann sagte er zu mir, dass es schon Vorgespräche mit meinen Eltern gegeben hat, und dieses Treffen einfach nur dazu diene, dass er sich von mir ein Bild machen könnte und auch das alles, was sich so bei uns in der Familie abspiele, mal aus meiner Sicht geschildert werden könnte. Aus Sicht meiner Eltern sei ich ja so etwas wie ein "Problemkind".

Da der Typ mir grenzenlos unsympathisch war, reagierte ich auf diesen Versuch, mich aus der Reserve zu locken, nicht, sondern gab nur ein bedeutungsloses "Hmm" von mir.

Er fragte: "Wie sehen Sie sich denn innerhalb Ihrer Familie? Sehen Sie sich auch als Problemkind?" Ich antwortete mit einer indirekten Frage: "Das hängt ja ein bißchen davon ab, wie man 'Problemkind' definieren möchte." Er gab die Frage sofort zurück: "Wie definieren Sie denn 'Problemkind'? Was könnten Ihre Eltern damit meinen?"

Ich antwortete: "Ja, warum fragen Sie meine Eltern das nicht selbst? Ich habe das Wort nicht ins Spiel gebracht." Jetzt hatte ich ihn endlich soweit: "Naja, das ist ja auch kein Spiel, was wir hier machen. Ich hatte Ihnen ja eingangs erläutert, dass es um Ihre Sicht der Dinge gehen soll und ich möchte Ihnen Gelegenheit geben, sie hier darzustellen."

Der Typ roch aus dem Mund nach Nikotin und Kaffee. Gut. Also. "Ich hatte einen Unfall und sitze seitdem im Rollstuhl. Ich war ein Jahr stationär im Krankenhaus zur Akutbehandlung und zur Reha. Meine Eltern haben sich aus dieser Therapie komplett herausgehalten, und so kommt es, dass ich mich inzwischen mit meiner Lebenssituation mehr auseinander gesetzt habe als meine Eltern, die immernoch mit ihren Vorurteilen und Berührungsängsten beschäftigt sind."

"Das klingt für mich so, als wenn Sie sehr wütend auf Ihre Eltern sind." Gähn! Ein Jahr Psychotherapie bei einer brillianten Psychologin, die selbst durch einen Unfall im Rollstuhl sitzt, haben ihre Spuren hinterlassen. "Ich versuche, meine Sicht der Dinge darzustellen."

"Dann frage ich etwas konkreter: Sehen Sie Ihre Eltern in der Verantwortung, dass das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihren Eltern im letzten Jahr so -sagen wir mal- abgekühlt ist?" Natürlich sehe ich sie in der Verantwortung. Aber bevor er sich das einfach macht, so nach dem Motto: 'Sehen Sie, Ihre Eltern und Sie schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu, anstatt aufeinander zuzugehen und vergangenes zu vergessen' oder so ähnlich, begann es mir Spaß zu machen, ihn aus dem Konzept zu bringen. Also sagte ich: "Nein."

Meine Rechnung ging auf. "Nein???" fragte er, völlig irritiert. "Nein", wiederholte ich. Mein Vater änderte die Sitzposition. "Was denken Sie, woran es liegt, dass sich das Verhältnis so abgekühlt hat? Sehen Sie sich selbst in der Verantwortung? Oder hat sich das Verhältnis aus Ihrer Sicht nicht abgekühlt?"

Zwei Fragen auf einmal! "Das Verhältnis ist eindeutig ein anderes, nur glaube ich nicht, dass die Verantwortung hierfür bei mir oder bei meinen Eltern liegt. Ich denke, dass sich meine Lebensumstände gravierend verändert haben und das ganz einfach mit sich bringt, dass man sich komplett neu orientiert. In jeglicher Hinsicht."

"Nun ist es ja aber so, dass man nicht alles neu machen kann. Ihre Eltern bleiben ein Leben lang Ihre Eltern, egal wie oft Sie sich neu orientieren. Neue Eltern werden sie nicht bekommen." Meine Mutter fing an zu heulen. Der Typ reichte ihr eine Box mit Taschentüchern. Wie im Fernsehen. "Es ging doch um das abgekühlte Verhältnis! Und nicht darum, Personen auszutauschen. Meine Eltern bleiben ein Leben lang meine Eltern. Die zentrale Frage ist doch, wie eng die Beziehung untereinander sein muss oder sein darf, damit sie uns beiden gut tut."

"Das ist ein schöner Satz!" kommentierte er. Er stammt ja auch aus dem Mund meiner Psychologin, aber ich sehe es genauso. "Ich habe den Eindruck, dass es besser ist, sowohl für meine Eltern als auch für mich, wenn die Beziehung nicht zu eng ist. Ich habe das Gefühl, dass meine Eltern noch wesentlich länger brauchen werden, um mit meiner neuen Lebenssituation klar zu kommen. Mein Vater versucht immernoch, sie zu ändern, obwohl er eigentlich wissen müsste, dass an meiner Querschnittlähmung nichts zu ändern ist." Nun biss auch er sich noch auf die zitternde Unterlippe. Das hab ich ja noch nie gesehen.

"Sie haben eine Querschnitzlähmung, richtig?" fragte der Psychologe dumm. "Ja, das sagte ich gerade", antwortete ich. "Daher fände ich es auch am besten, wenn meine Eltern die Therapieangebote des Krankenhauses, in dem ich behandelt wurde, nutzen würden, da die darauf spezialisiert sind."

"Ihre Eltern sind in erster Linie hier, um das Verhältnis wieder etwas zu intensivieren. Hierfür möchte ich Ihren Eltern gerne die Hand reichen." Was? Meinen Eltern die Hand reichen, um von außen in das einzugreifen, was ich mit meiner Psychologin in mühevoller und quälender Arbeit geschaffen habe? Dass ich einigermaßen stabil in den Alltag entlassen werde, ohne die Hilfe meiner Eltern, obwohl es mit ihnen vermutlich deutlich einfacher gewesen wäre? Sie waren doch diejenigen, die sich dagegen mit Händen und Füßen gewehrt haben und die im Krankenhaus alle möglichen Leute zur Verzweiflung gebracht haben mit ihrem Starrsinn.

"Ich sehe dafür nur eine Möglichkeit: Eine Therapie in dem Krankenhaus, in dem ich behandelt wurde. Erstmal alleine, später zu dritt. Die Türen sind dort seit einem Jahr offen. An einer Therapie hier in einer Erziehungsberatungsstelle werde ich mich nicht beteiligen. Davon hat mir meine Psychologin abgeraten." Stimmt zwar nicht, aber ich bin mir sicher, sie würde es tun, wenn ich sie fragen würde. Selbst die Sozialarbeiterin Frau W., mit der ich über diesen Termin gesprochen hatte, sagte, dass ein Termin nicht schaden könne, man dann aber weitersehen und neu beurteilen müsse.

"Wer ist dort Ihre Psychologin?" fragte er. "Sie wird Sie anrufen", erwiderte ich. Löste meine Bremsen, verabschiedete mich von ihm, sagte meinen Eltern 'tschüss' und fuhr raus. Ich war froh, als die Tür hinter mir zu war. Die Sache hatte keine 10 Minuten gedauert. Auf dem Weg zurück war ich so durcheinander, dass es gut war, dass ich nicht mit dem Auto gefahren bin. Auch wenn ich so meine Umwelt über mein wahres Ich getäuscht haben könnte.

Montag, 27. Juli 2009

Zu viel Glück ist auch nicht gut

Da heute das Wetter schön werden sollte, hatten sich Simone, Cathleen, Sofie, Luisa, Frank, ich sowie Juliane, die Freundin von Luisa, für früh morgens verabredet, um noch einmal gemeinsam einen Tag an die Ostsee zu fahren. Dass noch Schul- und Semesterferien sind bzw. Sofie und Frank spontan frei nehmen konnten, mussten wir ausnutzen und brachen in aller Frühe auf.

Die Autobahn war noch leer und so erreichten wir um 9.15 Uhr unseren Lieblingsort Haffkrug. Am Strand war kaum etwas los, spiegelglatte See, genügend freie Parkplätze, keine pralle Sonne, da sie von einigen Wolken verdeckt wurde, aber dennoch war es warm genug, um sich auszuziehen zu können.

Allerdings hatten wir mit einer Glücksplage zu kämpfen: Eine Marienkäfer-Invasion! Ich dachte, ich spinne, als ich das sah. Teilweise stapelten sich mehrere Lagen dieser Viecher auf den Wegen oder auf Bänken, auch im Sand. In Nullkommanichts hatte man etliche der Krabbeltiere auf den Klamotten. Die Dinger sind ja ganz niedlich, aber zu viel Glück ist auch nicht gut.

Wir wollten wieder einen Strandkorb, es waren aber bereits alle an Dauermieter vergeben. Mit dazu auch die Plätze drum herum, um uns niederlassen zu können, mussten wir etliche Meter durch den tiefen Sand. Mit den Rollstühlen nicht gerade eine entspannte Sache, vor allem, weil wir nicht einen Fußgänger dabei hatten, der uns rückwärts hätte ziehen können oder uns wenigstens einige Klamotten abnehmen können. Aber man kann ja krabbeln und den Rollstuhl hinter sich her ziehen.

Wir suchten uns wieder einen Platz am oberen Rand des Strandes, in der Nähe der Dünen, da dort hohe Bäume, die am Straßenrand standen, am Nachmittag ihre Schatten auf den Strand werfen würden, so dass es nicht zu heiß wird. Wir breiteten unsere Strandmatten und Decken aus, Frank begann, die beiden Luftmatratzen aufzublasen, Cathleen klaute Simone ihr Oberteil vom Tankini, gerade im richtigen Moment, so dass sie erstmal ihr T-Shirt wieder anziehen musste, falls sie nicht oben ohne mit Cathleen kämpfen wollte. Dann bewarfen sie sich gegenseitig mit Sand und lieferten sich einen Ringkampf. Es war ein geniales Schauspiel: Zwei Rollstuhlfahrerinnen kämpfen im Sand liegend um ihre Bekleidung.

Ich zog mich um und wollte erstmal ins Meer. Seetang und Quallen waren kaum zu sehen, die Wassertemperatur war zwar anfangs frisch, aber schnell angenehm. Insgesamt war ich bestimmt 2 Stunden im Wasser, wenn man alles zusammenrechnet. Zwischendurch spielten wir eine lange Zeit "Phase 10", ein Kartenspiel, bevor wir am frühen Nachmittag unsere Sachen packten, in einer rollstuhlgerechten Dusche den Sand abspülten und uns auf den Heimweg machten, da dunkle Wolken heraufzogen. Auf dem Weg zur Autobahn fielen bereits die ersten Tropfen.

Wir entschieden uns, in Hamburg spontan noch eine Runde über den Hamburger Dom, das größte Volksfest des Nordens, zu drehen. Zwei neue Fahrgeschäfte waren dabei, es war jedoch so voll, dass wir nur geschaut und ein Eis gegessen haben.

Gleich wollen wir nochmal auf dem Balkon grillen. Ich hoffe, unser Nachbar bleibt ruhig. Ist der überhaupt schon wieder da?

Sonntag, 26. Juli 2009

Nachtfahrt, die dritte

Heute morgen gab es mal wieder ein nächtliches Straßentraining, wieder auf einer neuen Strecke, die ich zwar nicht so schön fand wie die erste, aber besser als die zweite. So lernt man Hamburg natürlich auch kennen: Der Startpunkt war die Sporthalle einer Gesamtschule in Langenhorn, dann fuhren wir über die Langenhorner Chaussee, Maienweg und Hindenburgstraße wieder bei den Öl-Multis vorbei, nur dieses Mal in die andere Richtung, über den Lokstedter Weg und die Julius-Vosseler-Straße, Volksparkstraße, Farnhornstieg, Elbgaustraße zu einer Sporthalle.

Die Streckenlänge betrug knapp 22 Kilometer. Es war eine eher laue Sommernacht, nur auf Höhe des Tierpark Hagenbeck fing es mal wieder zu regnen an. Ich bekam ein EKG-Gerät umgeschnallt und wurde auf der Brust verkabelt, nur leider lieferte das Ding keine vernünftigen Daten, weil im Regen die Kontakte nicht vernünftig hafteten und dadurch keine Wellen, sondern nur Striche aufgezeichnet wurden. Habe ich mich also, was das angeht, völlig umsonst angestrengt. Dafür wurde mir aber vor und nach dem Training aus dem Ohr Blut abgenommen.

So langsam scheint sich auch meine Kondition zu verbessern. Auch wenn das Training immernoch übelst anstrengend ist, bin ich danach nicht mehr völlig geschlaucht. Vielleicht lag es auch daran, dass dieses Mal die Dusche angenehm warm war. Cathleen fragte mich nach dem Training, ob sie wieder bei mir schlafen dürfte. Was für eine Frage! Gerne doch.

So konnten wir gemeinsam von unserer Route träumen:

Freitag, 24. Juli 2009

Hops und anderer Psychokram

Heute Mittag klingelte es an der Tür. Wir waren gerade beim Essen. Frank öffnete. Die Stimme kam mir bekannt vor. Es war meine Mutter. Normalerweise würde ich mich ja freuen, Besuch zu bekommen, aber wenn sie unangemeldet kommt, bedeutet das meistens nichts Gutes. Und mein Zimmer war nicht besonders aufgeräumt (wobei es von Vorteil ist, dass Rollstuhlfahrer den Müll in der Regel nicht auf der Erde rumliegen haben, da sie sonst nirgendwo durchkommen).

"Ich wollte mir mal dein Zimmer ansehen", meinte sie. Häh? Was? "Darf ich fragen, warum?" fragte ich überrascht. "Nein. Ich bin deine Mutter, falls du es vergessen hast, und ich möchte mir einen Blick von deinen Lebensumständen machen. Das ist mein Recht."

Hallo?! Ich habe ja nichts dagegen, wenn sich meine Mutter für mich interessiert. Nur muss es auf diese Art sein? Ich öffnete ihr wortlos meine Zimmertür. Sie stiefelte schnurstraks hinein, machte den Schrank auf, schaute einmal hinein, machte ihn wieder zu. Zum Glück nur die Seite mit den Hosen und Jacken auf der Stange. "Wir haben auf den Rat eines Experten eine uns empfohlene Beratungsstelle aufgesucht. Man hat uns dringend eine Familientherapie vorgeschlagen. Man hat mir geraten, dich zu überzeugen, dass du dabei bist. Es wäre also schön, wenn du dazu kommst."

Häh? Was? Ein Jahr bin ich in der Klinik, die Psychologin sabbelt sich einen Bart an den Mund, um meine Eltern von einer Familientherapie zu überzeugen und jetzt, wo ich raus bin, soll es los gehen? Vermisst man mich? Fängt man langsam an, wieder normal zu werden? "Was für eine Beratungsstelle ist das denn?" fragte ich.

"Eine Beratungsstelle von der Stadt." bekam ich als Antwort. Ich fragte weiter: "Und die ist rollstuhlgerecht?" - "Der Sozialarbeiter, der uns dort berät, hat gesagt, dass man dir hilft, die Stufen hochzukommen." Na klasse. "Und wo genau ist das?" fragte ich. Meine Mutter gab mir die genaue Adresse und sagte, dass wir am nächsten Dienstag einen gemeinsamen Termin hätten. Man erwarte mich dort.

Dann düste sie davon. Ich schaute ins Internet. Eine Erziehungsberatungsstelle?! Und was soll das bringen? Vielleicht ist es ein Anfang. Vielleicht auch nicht. Keine Ahnung. Ich werde auf jeden Fall nicht diejenige sein, die etwas unversucht lässt. Allerdings werde ich das nochmal mit der Sozialarbeiterin Frau W., die Montag kommt, besprechen.

Meine Mutter war eine halbe Stunde weg, da fing draußen jemand an zu schreien. Man konnte nicht verstehen, was gerufen wurde, jedenfalls brüllte jemand herum. Als würden sich Leute auf der Straße streiten. Vielleicht ein Unfall? Vielleicht eine Schlägerei? Ich versuchte, aus dem Fenster jemanden zu erkennen. Ich fuhr durch den Gruppenraum auf den Balkon. Hierher kam der Krach!

Der besagte Nachbar, der uns bis vor einigen Tagen noch beobachtet hatte, weil er dachte, wir wären Schwerverbrecher im offenen Vollzug, predigte lautstark auf seinem Balkon. "Sie nehmen uns alles weg. Sie nehmen uns alles weg. Steht auf und wehrt euch gegen diesen Mist. Es werden immer mehr. Die Leute stehen alle auf. Es bleibt nicht aus. Ruft doch die Polizei, weil ich hier rumschrei." Er schrie so laut, dass die Leute durch die Hecken kletterten, um zu sehen, was da los ist. Mein Herz raste. Ich mag so etwas überhaupt nicht.

Sofie kam auf den Balkon. "Was ist denn hier los?" fragte sie leise und schaute zum Nachbarn. Als er sie sah, brüllte er: "Ihr Betrüger. Ihr seid alle Betrüger. Ihr bescheißt die Versicherungen. Kannst du laufen? Kannst du laufen? Sag mir nur, ob du laufen kannst. Aber sag die Wahrheit! Ich kenne die Wahrheit! Ich kenne sie. Und ich werde sie rausfinden. Ich wehre mich. Ich werde auch rechts wählen. Warum kriege ich keine Antwort? Häh? Was?"

Sofie rollte wieder rein. "Ja, hau nur ab", kommentierte der Nachbar das. Ich fuhr auch nach drinnen und machte die Balkontür zu. "Der ist ja irre", sagte ich, völlig erschrocken und total neben der Spur. Sofie nahm das gelassener: "HOPS." - "Bitte?" - "Na, HOPS. Hirn-Organisches Psychosyndrom. Heißt heute nur noch organisches Psychosyndrom, aber ich finde HOPS schöner als OPS."

"Und was heißt das auf Deutsch?" fragte ich. Sofie antwortete: "Vermutlich mit zu viel Sprit auf die Dauer das Hirn kaputt gesoffen. Und aktuell wahrscheinlich Diagnose: Zu viel getrunken, zu wenig gegessen. Hauptsache, er springt nicht." Sie schien das Theater auf dem Balkon wenig zu beeindrucken. Sie griff zum Telefon. "Willst du jetzt die Polizei anrufen?" fragte ich.

"Musst du", antwortete sie. "Oder willst du dir vorwerfen lassen, dass du keine Hilfe geholt hast, wenn er da runter springt und sich rausstellt, dass er vorher schon eine halbe Stunde auffällig war?" Darüber hatte ich nicht nachgedacht. Die Polizei wusste aber schon Bescheid. Kurz darauf stand ein Streifenwagen vor der Haustür. Mehr interessierte mich nicht.

Die Polizei war 10 Minuten weg, da ging das Theater noch einmal los. Nach weiteren 10 Minuten war die Polizei noch einmal da und nahm ihn mit. Wohin und mit welchen Folgen? Keine Ahnung.

Was sagte ich? Hier ist immer was los. Manchmal auch etwas zu viel für meinen Geschmack.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Her zu Fuß und hin zurück

Seit einiger Zeit beschäftigt mich eine Auflage im Führerschein, die ich nicht klar verstehe. Ich darf mit dem Auto zur Physiotherapie fahren und zum Einkaufen, aber nicht zum Sport. Oder? Gehört der Sport bei mir zur "therapeutischen Behandlung" oder nicht?

Die Polizei, die mich auf dem Weg zum Sport anhält, wird sich sicherlich sehr leicht davon überzeugen lassen, dass es sich um Sport zur therapeutischen Behandlung handelt. Was aber, wenn ich auf dem Weg dorthin einen Crash baue und irgendein Gericht hinterher entscheidet, dass ich gar nicht hätte fahren dürfen? Das Risiko will ich nicht eingehen. Also rief ich heute bei der Führerscheinstelle an, um genau das zu fragen.

Antwort: "Sie haben Bestandsschutz. Nach heutigem Recht würden Sie eine solche Ausnahmegenehmigung, wie Sie sie haben, nicht mehr bekommen." - "Heißt was?" - "Heißt, dass heute grundsätzlich keine Fahrten mehr zur Führung des Haushalts bewilligt werden, sondern nur noch Fahrten zum Arbeitsplatz oder zur Schule und auch nur noch auf eingetragener Streckenführung." - "Und zählt der Sport nun zur Therapie?" - "Eindeutig nein, es sei denn, es ist vom Arzt verordneter und von der Krankenkasse bezahlter Rehabilitationssport."

Im Falle des Schwimmtrainings ist es das. Das heißt, ich darf zum Schwimmen mit dem Auto fahren, zum Biketraining oder zum Schnellfahr-Training nicht. Und wenn ich erst schwimme und dann Bike fahre, muss ich zwischendrin das Auto nach Hause fahren und mit dem Bus wiederkommen, wie jemand, der sich spontan entschließt, sich in der Kneipe vollzukippen.

Egal. Ich will nicht meckern. Es scheint, als wäre ich ganz gut bedient. Und in einem Jahr bin ich 18, dann fahre ich überall hin. Ätsch!

Mittwoch, 22. Juli 2009

Wieso sitzt du denn in so einem Ding?

Heute haben wir uns zum Schwimmen verabredet. Wir hatten zwar gestern abend erst unser reguläres Schwimmtraining (ja, Stinkesocke goes immernoch Ironwoman), aber Training und zusammen ein Spaßbad unsicher machen - das sind bekanntlich zwei völlig verschiedene Dinge, auch wenn etliche Leute vom Triathlontraining dabei waren.

Simone, Cathleen, Sofie, Luisa, Frank und Juliane (die ich bisher noch nicht kannte, eine Freundin von Luisa, die durch eine angeborene Erkrankung im Rollstuhl sitzt) wollten zusammen mit mir das "Festland" in der Holstenstraße einnehmen. Wir trafen uns im Foyer und ein kleines Mädchen kam angelaufen, versuchte mit beiden kleinen Händchen an meinem Greifreifen zu drehen und fragte mich: "Willst du auch schwimmen?" Ich nickte. Man merkte, wie sich in ihrem kleinen Köpfchen ein Bauklotz mit dem nächsten zusammenfügte. "Warum sitzt du denn in so einem Ding?" - "Weil ich nicht laufen kann", antwortete ich. Wieder sah man die Gedanken sich einen mühsamen Weg durch die Gehirnwindungen bahnen. "Warum denn nicht?"

"Weil mich ein Auto angefahren hat und dabei ist in meinem Rücken was kaputt gegangen. Dann kann man nicht mehr laufen und muss in einem Rollstuhl fahren." Das Mädchen schaute mich mit großen Augen an. "Bist du einfach so auf die Straße gelaufen?" - "Nein, eine Autofahrerin hat nicht aufgepasst." - "Und dann?" - "Dann hat sie mich umgefahren." Sie überlegte wieder einen Augenblick, nun fielen ihr aber keine Fragen mehr ein, so dass sie wieder an meinem Greifreifen herumspielte. "Und du? Willst du auch schwimmen gehen?" Ups! Da waren ja noch Mami und Papi. Sie drehte sich um und lief davon.

Wir lösten unsere Eintrittskarten und bekamen von der Dame an der Kasse erklärt, wo sich der Umkleidebereich für Rollstuhlfahrer befindet. "Kennen wir schon", sagte Frank, der als erster die Kasse passiert hatte. Wir kamen bis zu einer abgeschlossenen Flurtür. Frank fuhr noch einmal zur Kasse zurück. "Da kommt gleich jemand und schließt auf." Nach 10 Minuten fuhr Sofie nachfragen. Dann kam endlich eine Dame mit Schlüssel, schloss uns wortlos auf. Wir kamen 10 Meter weiter, dann kam eine weitere Tür zum Behindertenbereich. Diese war zwar nicht abgeschlossen, aber direkt dahinter stand eine Putzmaschine, so dass niemand durchkam.

Nun kurvte ich zur Kasse zurück. "Immernoch niemand dort gewesen zum Aufschließen?" empfing mich die Dame halbwegs genervt. "Doch, nur jetzt steht noch eine Putzmaschine im Weg", antwortete ich. Die Dame an der Kasse verdrehte die Augen und versprach, dass gleich nochmal jemand kommen würde. Also düste ich wieder zurück. 10 Minuten vergingen. Inzwischen waren seit Check-In bezahlte knapp 30 Minuten vergangen. Frank sagte: "Naja, um die verlängern wir unsere Badezeit natürlich."

Dann kam endlich jemand, und zwar dieselbe Frau, die schon die Tür aufgeschlossen hatte. Keine Entschuldigung, nichts. Sie fuhr die Putzmaschine zur Seite. Sie war zum Strom tanken mit einer Steckdose unter dem Waschbecken in der Behindertendusche verbunden, stank tierisch nach Essig und wurde von der Mitarbeiterin zur Seite gefahren.

Es gibt im Festland einen Gruppenumkleideraum für Rollstuhlfahrer und einen Raum mit Dusche und WC. Beide Räume haben jeweils Platz für zwei Rollstühle. Die restlichen Leute müssen sich im Flur neben der Putzmaschine umziehen. Immerhin ist dieser Bereich durch eine Tür von jenem Flur, über den die "laufenden" Badegäste von ihrer Umkleidekabine zur Dusche watscheln, abgetrennt. Die Räume lassen sich nicht abschließen und das WC ist natürlich ein Geheimtipp, da es näher an den Umkleidekabinen für Fußgänger liegt als die herkömmlichen WCs. Alleine während wir uns dort umzogen, ging fünf Mal die Tür auf: "Oh, besetzt..."

Aber selbst wenn es nicht besetzt gewesen wäre: Frank deutete auf ein Schild, das auf dem WC-Becken befestigt war. "Toilette defekt. Bitte nicht benutzen!" Frank platzte der Kragen: "Das einzige rollstuhlgerechte WC ist defekt, wir bekommen an der Kasse keinen Hinweis, sondern noch den vollen Eintrittspreis abgenommen?" regte er sich auf. "Das ist schon dreist."

"Und jetzt?" fragte Simone. "Jetzt pinkeln wir alle ins Becken", scherzte Sofie. Luisa verschluckte sich fast vor Lachen. "Funktioniert denn wenigstens die Dusche?" fragte Frank. "Willst du in die Dusche pinkeln?" Simone guckte ungläubig aus der Wäsche. "Hast du eine bessere Idee?" fragte Frank. "Vergiss nicht zu spülen", gackerte Cathleen.

Bei dem schönen Wetter wollten natürlich alle ins Außenbecken. Entsprechend voll war es dort. Entsprechend leer war es jedoch auch im warmen Innenpool. Mit so einer lustigen Truppe machte das Schwimmen am Ende doch noch Spaß. Und beim Raufahren kontrollierte niemand unsere Eintrittskarten, sondern öffnete uns einfach die Tür nach draußen und sammelte die Chipkarten ein. Vermutlich stehen wir jetzt auf der Fahndungsliste, da wir die "überzogene" halbe Stunde weder nachbezahlt haben, noch erklärt haben, warum wir das für gerechtfertigt halten.

Dienstag, 21. Juli 2009

Doch keine Bewährungshilfe

Wir haben heute unseren spinnenden Nachbarn verarztet. Er hat sich entschuldigt.

Aber der Reihe nach: Meine Sozialarbeiterin, Frau W., die eigentlich gestern kommen sollte, war heute morgen hier. Frank und ich haben ihr zusammen von unserer Begegnung mit der Nachbarin am letzten Sonntag erzählt. Frank sagte, er wüsste gerne, was wirklich auf ihrem Auto geschrieben stünde, denn man sehe ja, welche Missverständnisse so etwas auslösen könnte. Frau W. war irritiert: "Auf meinem Auto steht überhaupt nichts. Das gehört zwar der Einrichtung, aber da steht nichts drauf. Auch lasse ich keine Akten oder Briefe im Fahrzeug liegen, schon gar nicht offen, aus Datenschutzgründen. Die Information muss er also entweder zusammengereimt oder woanders her haben. Außerdem bieten wir keine Bewährungshilfe an, haben das noch nie getan und haben das auch nicht vor."

Frau W. schlug vor, den Nachbarn hierhier zu bitten und in ihrem Beisein mit ihm zu reden. Sofie, Frank und ich waren uns einig, also stiefelte Frau W. nach drüben, traf den Typen in seiner Wohnung und bat ihn, mal mitzukommen, weil man mit ihm reden wollte. Wir hörten das durch die offene Tür und hatten es uns im Gruppenraum bequem gemacht. Frank übernahm das Wort, erzählte nichts von der Nachbarin, sondern sagte, dass er den Eindruck hätte, in der Nachbarschaft würde schlecht über uns geredet. Da er ja ein sehr aufmerksamer Nachbar sei, könnte er uns vielleicht weiterhelfen, rauszukriegen, woher diese Gerüchte kämen. Erst tat er so, als wüsste er von nichts, aber als Frank nochmal nachfragte, dass inzwischen alle davon gehört haben und er sich nicht vorstellen könnte, dass der Nachbar der einzige ist, der noch nichts mitgekriegt hat, meinte er: "Naja, es wird halt viel getratscht."

Allerdings merkte ich, wie der Nachbar nervös wurde. Sofie brauchte mit ihrem psychologischen Geschick genau drei unangenehme Sätze, dann redete er. Sie sagte ihm auf den Kopf zu, dass sie mehr als nur den Eindruck hätte, dass ganz alleine er derjenige ist, der hier solche Dinge in die Welt setzt. "Man macht sich halt so seine Gedanken. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber so viele Behinderte in einer Wohnung, das ist ja nicht normal."

Ja nee, ist klar. Frank hörte sich das einen Moment an, dann erklärte er ihm, dass niemand hier bisher Kontakt mit dem Strafvollzug gehabt hatte oder auf Bewährung draußen sei oder ähnliche Scherze. Allerdings könnte es bei ihm bald so weit sein, wenn er nicht damit aufhört, über uns solche Dinge in die Welt zu setzen, von denen er ja ab jetzt wisse, dass sie nicht stimmten. "Sie bekommen das nochmal schriftlich. Dann können Sie mir unterschreiben, dass Sie das künftig unterlassen werden. Sollten Sie das nicht unterschreiben, klage ich das ein. Das kostet dann Ihr Geld. Und mit dem nächsten komischen Spruch hagelt es eine Strafanzeige. Und jetzt raus hier."

Einige Zeit später ging Frau W. Sie war gerade weg, da klingelte es an der Tür. Besagter Nachbar stand davor. Ohne Schusswaffe, aber auch ohne Blumenstrauß, dafür mit Tränen in den Augen. Er sagte, er wollte sich entschuldigen. Es soll nicht wieder vorkommen. Mehr möchte er dazu nicht sagen. Ok?!

Am Nachmittag kam Sofie vom Einkaufen zurück und hatte für die Nachbarin, die uns auf die ganze Sache erst aufmerksam gemacht hatte, einen Blumenstrauß besorgt. Sofie und ich klingelten bei ihr, sie bat uns herein, wir bedankten uns für den Hinweis und erzählten ihr, dass der Nachbar sich bei uns entschuldigt hätte. Damit ist jetzt eigentlich alles gesagt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Montag, 20. Juli 2009

Aufzüge für anspruchsvolle Fahrgäste

Ein Aufzug ist eine technisch anspruchsvolle Einrichtung. Eine besondere Aufgabe an den Hersteller eines Aufzuges ist, diese technisch anspruchsvolle Einrichtung auch für geistig anspruchslose Fahrgäste benutzbar zu machen. Nicht jedem Hersteller gelingt die Bewältigung dieser besonderen Aufgabe.

Paradebeispiel: Hamburg Hauptbahnhof. Über die Bildung und die Intelligenz der dort herumlaufenden Menschen möchte ich kein Urteil abgeben. Es reicht mir zu wissen, dass sehr gebildete und geniale Menschen genauso mit der Bahn fahren wie keksdumme.

Einige von ihnen fahren mit dem Aufzug. Da wäre es doch wünschenswert, dass sowohl der geniale als auch der keksdumme Fahrgast dort ankommt, wohin er möchte. Doch bereits bei der Mitteilung an die technisch anspruchsvolle Einrichtung "Aufzug", dass ich gerne mit der Kabine nach unten gebracht werden möchte, sind etliche Menschen überfordert. Muss ich jetzt den Pfeil nach oben drücken, um den Aufzug nach oben zu holen? Oder muss ich den Pfeil nach unten drücken, weil ich nach unten fahren will? Oder drücke ich am besten beide Pfeile, weil ich ja erst den Aufzug nach oben holen, dann aber mit ihm nach unten fahren will?

Richtig ist natürlich: Ich drücke den Pfeil, der in die Richtung zeigt, in die ich gerne fahren möchte. Was aber, wenn es, wie am Hamburger Hauptbahnhof, diesen Pfeil nicht gibt? Also beide Pfeile nach unten zeigen? Oder nur ein Pfeil nach oben vorhanden ist, obwohl ich am oberen Ende des Schachtes stehe?! Egal, die meisten Leute drücken einfach irgendwo, im Zweifel überall. Solange irgendwann die Kabine kommt und die Tür sich öffnet, ist alles im Lot.

Und dann? In der Kabine gibt es ein Bedien-Tableau mit drei waagerecht nebeneinander angeordneten Tasten. Beschriftet sind sie mit "B", "W" und "G". Da weiß jeder sofort Bescheid! Auch derjenige, der kein Deutsch versteht. Drückt auf "G" für "Gleis" und wundert sich, warum der Aufzug nach oben fährt und es kurz darauf nach Frittierfett stinkt, obwohl er dachte, dass eigentlich doch das "B" für "Burger King" stehen müsste.

Nein, "Burger King" ist "Mc Donalds", und für "Mc Donalds" steht nicht etwa das umgedrehte "M" in der Mitte, sondern das "W" steht für "Wandelhalle", das Gleis-"G" steht für "Galerie" und das "B" für "Bahnsteig". Schlau!

Doch nun kommt es. Ich habe in der Drogerie eingekauft, stehe oben und möchte in die mittlere Station, zum Ausgang. Da alle Rolltreppen aufwärts fahren, muss ich mit dem Aufzug (heißt er dann Abzug?) fahren. Und an dieser Stelle rächt sich jetzt, dass der Aufzugshersteller so anspruchsvoll geplant hat: Auf dem Gleis, äh, Bahnsteig steht der Regionalzug zur Ostsee und mindestens 3 Millionen Fahrradfahrer wollen mit. Da sie nicht in der Lage sind, ihr Bike über die Treppe zum Bahnsteig zu tragen, nehmen sie den Aufzug. Drücken im mittleren Geschoss jedoch beide Pfeile, also auch den nach oben, so dass die Kabine bei jeder Leerfahrt vom Bahnsteig zur Galerie auch im mittleren Geschoss hält, eigentlich, um Fahrgäste aufzunehmen, die nach oben wollen.

Oben stehe ich und kann 20 Minuten lang mit ansehen, wie die Kabine mit Fahrrädern gefüllt ankommt, mich 3 Radfahrer angrinsen, die Tür wieder zugeht und der Aufzug ohne mich wieder abfährt. Geschlagene 20 Minuten - bis der Zug abfährt. Selbstverständlich steigt niemand aus, um mich mitfahren zu lassen. Erstens weiß er nicht, dass ich dort schon 20 Minuten stehe, zweitens würde das bedeuten, dass er dann bis zur Abfahrt des Zuges warten müsste, denn der Aufzug kommt nur prallvoll oben an. Und das will er natürlich nicht.

Manchmal hat es eben auch Nachteile, im Rollstuhl zu sitzen. :)

Sonntag, 19. Juli 2009

Ein ehrenwertes Haus

Ich wohne wirklich sehr gerne hier. Meine Leute in der WG sind sehr nett, die Wohnung ist schön, mein Zimmer, das Haus ist neu und liegt zentral - ich bin sehr glücklich. Gestern abend haben wir auf dem Balkon gegrillt, damit es nicht so qualmt zwar mit einem Elektrogrill, aber es war super. Lina und ich haben Salate gemacht, Sofie hat Brot eingekauft, das Wetter war einigermaßen gut, die Stimmung lustig.

Wir waren gerade mit dem Essen fertig, ich war einigermaßen genudelt, als es an der Tür bimmelte. Es war eine Nachbarin, die reinkommen und mit uns reden wollte. Wir baten ihr an, mit uns rauszukommen und ihr noch eine Wurst auf den Grill zu legen. Ich dachte erst, sie wollte sich über den Essensgeruch vom Grillen beschweren, aber sie hatte andere Gründe.

Sie erzählte uns, dass sie früher in der DDR gewohnt hätte und dort mit einem Mann zusammen war, der für die Stasi gearbeitet hat. Das wusste sie am Anfang nicht, später hätte sie sich von ihm getrennt. Seitdem hätte sie eine absolute Allergie gegen alle Schnüffler, Spitzel, Denunzianten und ähnliche Leute. Ich dachte leise: "Ja nee, ist klar, und warum erzählst du uns das jetzt?" Luisa tauschte sich mit mir ein paar genervte Blicke aus.

Doch dann kam es: Ein Nachbar, Mitte 40, dauer-arbeitslos, hellblonde Haare, sportliche Figur, etwa 170 cm groß, läuft immer mit Holzfällerhemd, blauer Jeans mit Hosenträgern und weißen Turnschuhen durch die Gegend, hat am Gürtel jeweils eine Tasche für das Handy und ein Taschenmesser sowie eine Schlüsselkette mit 3 Dutzend Schlüsseln installiert und tritt gerne als hilfsbereiter Nachbar auf, beobachte unsere WG angeblich. Angeblich habe sie sich mit einer anderen Nachbarin auf der Straße unterhalten, dabei sei das Thema auf unsere WG gekommen. Man hätte sich ausgetauscht, auch wenn wir das jetzt nicht hören wollten, dass es so toll sei, dass man inzwischen behindertengerecht bauen müsste und so endlich auch mal Menschen mit Behinderung eine ganz normale Wohnung in ganz normalem Umfeld bekommen können. Da sei dieser besagte Nachbar angeblich dazu gekommen und hätte gesagt, dass er uns beobachte. Er hätte den Verdacht, dass es sich bei uns um ein Sozialprojekt handeln würde und wir alle kriminell seien und man sich vor uns in acht nehmen müsse. Er beobachte uns schon seit langer Zeit und führe genau Buch. Außerdem habe er einen alten Lieferwagen, von dem aus er uns mit dem Fernglas beobachten würde.

"Das ist aber ziemlich unprofessionell, wenn er jedem erzählt, was genau er macht", sagte Frank. "Ist er denn schon zu irgendwelchen Erkenntnissen gelangt?" Die Nachbarin nickte. "Es soll sich bei euch um ein Resozialisierungsprogramm handeln. Ihr hättet alle schwere Straftaten begangen, einige von euch sollen dabei schwer verletzt worden sein, das hätte man hier gebündelt, weil die Wohnung rollstuhlgerecht ist. Solche Wohngruppen gebe es ganz häufig, nur sind die meisten nicht rollstuhlgerecht. Das erklärt halt, warum hier so viele Rollstuhlfahrer sind. Ihr seid alle im offenen Vollzug."

"Das hat er wirklich so gesagt?" Sofie guckte entsetzt. Die Nachbarin fügte hinzu: "Es kommen jede Woche diverse Bewährungshelfer und Bewährungshelferinnen ins Haus. Jeder hat seinen eigenen. Bei einer steht es sogar auf dem Auto drauf, meint er. Und er beobachte, dass man hier weiterhin kriminellen Dingen nachgehe. Es kämen Drogenkuriere ins Haus, ihr würdet ohne Führerschein Auto fahren, mitten in der Nacht auf Beutetour gehen. Das Problem ist, dass die Leute ihm glauben. Die Nachbarin, die sich erst gefreut hat, dass ihr hier die Wohnung bekommen habt, sagte gleich: 'Es wäre ja auch zu schön gewesen.', ließ mich stehen und ging weiter. Ich wollte euch das nur mitteilen, denn sonst seid ihr vermutlich die letzten, die erfahren, warum niemand mehr grüßt."

Starker Tobak. Der Typ hat entweder ziemliche Langeweile oder ist irgendwie krank. Normal ist das jedenfalls nicht. Frank ist Jurist und meinte, er überlegt sich in den nächsten drei Tagen, was am besten hilft: Mit den Tatsachen konfrontieren und dabei den Kopf waschen, Unterlassungserklärung unterschreiben lassen oder gleich anzeigen. Er hat uns geraten, erstmal nichts zu erzählen, sondern nur kurz auf konkrete Fragen zu antworten, wenn uns jemand irgendwas fragt.

Frank hat sich erstmal bei der Nachbarin für die Information bedankt. Es kann natürlich auch sein, dass die spinnt. Oder krank ist. Sie hat erstmal keine weiteren Informationen bekommen, hat aber auch nicht weiter gefragt.

Dass das WG-Leben aufregend werden kann, wusste ich. Aber dass es sooo aufregend wird, nicht. Unglaublich.

Ich habe morgen einen Termin mit meiner Sozialtherapeutin. Der werde ich das auf jeden Fall erzählen und auch gleich mal nachschauen, ob da wirklich was von Bewährungshilfe auf dem Auto steht. Dann würde ich dagegen nämlich erstmal protestieren.

Sonntag, 12. Juli 2009

Chaos in der Nacht

Es ist gleich 15.00 Uhr und so langsam habe ich ausgeschlafen. War das eine Nacht! Eine weitere Nacht auf Hamburgs Straßen. Straßentraining im Rennrollstuhl. Selbstverständlich auf einer anderen Route, die ich allerdings nicht schön fand, da man zu sehr abgelenkt wurde. Die Elbchaussee, die wir beim letzten Mal entlang gefahren sind, war da schon entspannter.

Es begann auf einem Schulgelände in der Nähe des Tarzan-Musical-Theaters, ging dann über die Max-Brauer-Allee durch die völlig verwinkelten Straßen der Altonaer Altstadt, dann über die Schnackenburgallee, Elbgaustraße und Julius-Vosseler-Straße zum Hamburg Airport, einmal um den Stadtpark, durch die Ölcity zu einer Schule nach Wandsbek, insgesamt fast 27 km.

Da mein Rennrolli noch vom letzten Mal in einem Lagerraum einer Sporthalle stand, musste ich nicht abgeholt werden, sondern konnte mit einem Nachtbus zum Startpunkt fahren. Wenn das Training nicht dort endet, wo es beginnt, fährt man natürlich schlecht mit dem Auto, zumal ich auch noch nicht genau geklärt habe, welcher Sport denn offiziell zur "Therapie" gehört. Denn ich darf mit dem Auto nur zur "Therapie" fahren, aber nicht zum "Sport". Und da das, was wir hier machen, eher Leistungssport als Therapiesport ist, bin ich da lieber vorsichtig. Die Mobilität, die ich durch das Auto bekomme, ist mir so heilig, dass ich nicht den leisesten Zweifel aufkommen lassen möchte, ob ich mich, was die Auflagen im Führerschein angeht, korrekt verhalte.

So erreichte ich also die Sporthalle und noch auf den letzten Metern fuhr Cathleen mit ihrer Mutter im Auto an mir vorbei. "Wir hätten dich doch mitnehmen können!" Naja ging ja auch so - aber für das nächste Mal, wo wir etwas weiter entfernt beginnen, weiß ich es jetzt. Nach und nach trudelten alle Leute ein, unsere Rennrollstühle hatte man zum Teil schon am Nachmittag aus der anderen Halle hierher gebracht und in dieser Sporthalle eingeschlossen, die Tatjana nun endlich öffnete. Das übliche Klo-Ritual begann und bis dann der letzte endlich soweit war, war es schon kurz nach 3 Uhr.

Es war wesentlich kälter als beim letzten Mal. Ich hatte ein eng anliegendes Sport-Oberteil an und fühlte mich wie eine Wurst. Aber es wärmte etwas. Bis zur Schnackenburgallee, denn in Höhe der Shelltankstelle fing es plötzlich an zu regnen. Nein zu schütten. Es dauerte keine zwei Minuten und ich kam mir vor, als käme ich direkt aus dem Schwimmbad. Das Wasser von der Straße spritzte hoch, vorbei fahrende Autos sprühten Wasser über uns, kalte Rinnsale liefen unter meinem Helm im Nacken hinab und Cathleen, die hinter mir fuhr, rief: "Ach, ist das schön!"

Ein Stückchen vor der Autobahnbrücke bekamen wir den Funkspruch, auf den Radweg zu fahren, um unter der Brücke kurz halten zu können. "Zwei Minuten, während es so schüttet. Ich hoffe, es wird weniger", sagte Tatjana, die völlig trocken aus ihrem Begleitbus stieg. "Nur nicht länger, sonst werdet ihr zu kalt." Ich nutzte den Stopp, um mich kurz aufzustützen und meine Sitzposition um 2,5 Millimeter zu verändern. Irgendwas fühlte sich unbequem an, obwohl ich in dem Bereich, der mir unbequem vorkam, eigentlich nichts merke. Dann meldete sich noch meine Blase. "Oh nee, nicht gerade jetzt", dachte ich.

Simone nutzte den Stopp, um ihren Trinkhalm wieder richtig hinzudrehen. "Leute, das stinkt hier eklig", sagte Yvonne. Ein paar Hundert Meter weiter war die Müllverbrennungsanlage. "Wollen wir nicht weiter? Ich glaube, es wird weniger. Außerdem werde ich gleich kalt." Gute Idee!!! Ich wollte so schnell wie möglich unter dieser hell erleuchteten Brücke raus. Die ersten setzten sich schon wieder in Bewegung.

Als wir alle wieder auf der Straße waren, merkte ich, wie schnell man auskühlt. Wir bekamen die Anweisung, erst langsam wieder das Tempo zu steigern. Als wir in den Rugenbarg abbogen, hatte der Regen etwas nachgelassen. Dafür war die Fahrbahn in einem unmöglichen Zustand. Die Spuren waren ausgefahren und in ihnen stand das Wasser, dort wo kein Wasser stand, war die Oberfläche so glatt wie Schmierseife. Kurz vor der Autobahnunterquerung passierte es: Yvonne musste schlagartig einem mehrere Zentimeter tiefen und mindestens esstellergroßen Krater ausweichen, geriet dadurch mit dem Vorderrad in das knöcheltiefe Wasser und begann zu schleudern. Cathleen und ich, die dahinter kamen, bremsten sofort mit den Hinterrädern, aber auf der glatten Straße war es wie eine Schlittenfahrt. Yvonne drehte sich wie ein Kreisel, klammerte sich am Rahmen fest.

Ich habe nicht gezählt, aber 15 Umdrehungen waren es locker. Dann stand sie endlich. Tatjana hatte direkt dahinter gelenkt, damit sie nicht noch unter ein Auto kommt. Es war zwar gerade keins unterwegs, aber den Zeitpunkt kann man sich ja nicht aussuchen. "Das ist so beschissen glatt hier, und dann noch solche Löcher in der Straße. Wäre ich da reingefahren, hätte ich mich nicht 100 Mal gedreht, sondern 200 Mal überschlagen." schimpfte Yvonne, setzte sich wieder richtig hin und zirkelte ihren Stuhl in die richtige Richtung. Die anderen beiden aus unserer Gruppe waren einige hundert Meter weiter am Straßenrand angehalten. Mein Herz raste vor Schreck. Und ich bepinkelte mich gerade. Na lecker. Und auch nicht besser als unter der hell erleuchteten Autobahnbrücke.

Zum Glück war die komplette Aufmerksamkeit bei Yvonne. Tatjana war aus dem Auto ausgestiegen. Yvonne sagte aber, dass alles in Ordnung ist und wir weiterfahren können. An der Kreuzung Kieler Straße / Sportplatzring mussten wir bei Rot warten. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen. Neben uns hielt ein aufgemotzter Dreier-BMW mit ein paar Halskettchen-Typen drinnen, die ihre bass-lastige Musik aufgedreht hatten. Ich bemühte mich, nicht hinzuschauen. Dann ging ein Fenster runter, die Musik wurde leise und ein Typ rief ausgerechnet mir zu: "Ey Bock auf ein Wettrennen?"

Ich rief zurück: "Na hast du denn auch getankt?" und grinste ihn an. Er drehte sich zum Fahrer: "Digger haben wir getankt?" Der Fahrer ließ den Motor aufheulen, kurz danach wurde grün und die Chaoten fuhren mit durchdrehenden Reifen los. Was für ein Gestank trotz der Nässe! An der Kreuzung Basselweg torkelte eine Gruppe Mädels auf der Straße herum und zwang uns, in die linke Spur auszuweichen. Auf Höhe des NDR kamen die Chaoten mit dem BMW nochmal von hinten und fuhren hupend an uns vorbei.

Unsere ersten Überholspielchen machten wir in der City Nord. Hier drehten wir noch einmal richtig auf und der jeweils Letzte musste immer die Gruppe überholen. So richtig Spaß, wie beim letzten Mal, machte es aber nicht. Es fing schon wieder zu regnen an. Ich kann nicht sagen, dass ich fror, aber so richtig warm war mir auch nicht. Außerdem pinkelte ich schon wieder. Auch wenn es widerlich ist, es lässt sich nicht ändern. Immerhin wurde ich nebenbei von oben geduscht.

Endlich erreichten wir unseren Zielpunkt. Der Vater von Simone stand mit seinem VW Bus auf dem Parkplatz und schlief. Tatjana schob uns einen steilen Berg hoch zu einem Hintereingang, der uns direkt zu den Duschen führte. Einen Duschrollstuhl für den Transfer gab es auch hier. Ich war die zweite. Yvonne saß schon nackt unter der Dusche und meinte: "Ich habe mich so auf eine heiße Dusche gefreut, aber das Wasser ist gerade mal lauwarm." Und es wurde auch nicht wärmer. Also haben wir alle lediglich den ganzen Dreck abgeduscht, uns einmal gewaschen, frische Sachen angezogen, Rennrollstühle eingeschlossen und ab nach Hause.

Als Tatjana mich zu Hause ablieferte, war es 10 nach 6. Ich freute mich auf eine heiße Badewanne. Meine Beine waren arschkalt, meine Füße Eisklötze. Ich kletterte vom Rollstuhl in die Badewanne. Jetzt bloß nicht ausrutschen um diese Zeit. Endlich war ich im Wasser. So eine angenehme Wärme! Eigentlich wollte ich mindestens eine halbe Stunde drinnen bleiben, eine ganze Stunde wäre sogar noch besser, aber eine Querschnittlähmung wäre keine Querschnittlähmung, wenn nicht der Darm von warmem Wasser angeregt werden würde. Ich will die Ekelgrenze nicht unnötig überschreiten, deshalb deute ich nur an, dass mich die üblichen Blubberblasen nicht aus dem Wasser getrieben hätten. Aber mit plötzlich auftauchenden U-Booten möchte ich mein Badewasser nun doch nicht teilen.

Es muss mich niemand fragen, ob das jetzt nicht ein wenig eklig ist. Ich ekel mich vor mir selbst. Ich finde mich, was diese Dinge angeht, absolut widerlich. Ich kann es aber nicht ändern, und es zu verheimlichen und zu verdrängen kann auch nicht richtig sein. Man sollte sich schon mit den Dingen beschäftigen, die einen belasten. Und vielleicht mit guten Freunden darüber reden können. Meine Psychologin würde jetzt vielleicht sagen: "Besser als beim Training." Womit sie eindeutig recht hätte. Vielleicht sagt sie es aber auch nicht, denn alleine der Gedanke daran, dass das passieren könnte, macht mir Angst.

Mal wieder völlig fertig, bin ich in mein Bett gefallen. Kurz bevor ich eingeschlafen bin, hatte ich noch einmal diese Strecke vor meinem inneren Auge:

Freitag, 10. Juli 2009

Aber sonst geht es mir gut

Mein Dasein als Autofahrerin ging vor einer Woche ja gleich aufregend los, als erstmal einer abgeschleppt werden musste, weil er mich zugeparkt hatte. Aber irgendwie entspannt sich das nicht. Am Dienstag morgen kam ich zum Auto und wunderte mich noch über einen Haufen Scherben, der da beim Einparken noch nicht gelegen hatte, bevor ich dann feststellte, dass man mir das Autoradio geklaut hatte und dafür ein hinteres Seitenfenster eingeschmissen hatte. Den Parkausweis für Behinderte hat man natürlich auch gleich mitgenommen. Immerhin hatte es über Nacht nicht geregnet, so dass nicht noch alles nass war drinnen.

Die Polizei kommt dafür nicht, sondern man muss selbst dorthin fahren. Ich darf zwar selbst Autofahren, auch eine Anzeige erstatten, aber unterschreiben müssen sie meine Eltern. Immerhin brauchten meine Eltern nicht noch den Auftrag von der Werkstatt mit unterschreiben. Am Abend hatte ich das Auto wieder - nur leider war nicht nur die Scheibe kaputt, sondern auch noch irgendein Führungskram vom elektrischen Fensterheber. Alles in allem hat die Werkstatt fast 700 Euro berechnet - ohne Radio. Aber wenigstens habe ich eine Teilkasko-Versicherung und werde nicht hochgestuft.

Heute stand ich am Bahnhof Altona und saß im Auto, wollte gerade losfahren, als mir hinten jemand gegen das Auto gefahren ist. In Schrittgeschwindigkeit und fast parallel. Es quietschte und knirschte etwas, dann bemerkte ich, dass die Hupe bei ausgeschalteter Zündung nicht geht. Ganz klasse. Aber die Frau mit ihrem schwarzen Polo hatte es auch bemerkt, machte die Tür auf, schaute nach hinten, machte die Tür zu, fuhr langsam vorwärts weg - und anstatt irgendwo an die Seite zu fahren, düste sie davon.

Also habe ich mir das Kennzeichen gemerkt und habe die Polizei angerufen. Bald können die für mich eine eigene Hotline einrichten. Wie groß der Schaden ist, wollten sie wissen, und ob die Frau betrunken war. Nö? Dann fahren Sie bitte zur nächsten Dienststelle. Dort hat man das fotografiert, eine kleine Menge von ihrem Lack in ein Tütchen gekratzt, den ganzen Kram aufgeschrieben und - meine Eltern müssen schon wieder unterschreiben.

Danach bin ich mal wieder zum VW-Händler gefahren. "Irgendwas mit Ihrem Fenster?" Nö. Nun habe ich nächsten Mittwoch einen Termin. Kosten rund 400 Euro. Laut Polizei kann die andere Dame mit 7 Punkten in Flensburg, 6 Monaten Führerschein weg und mindestens einem Bruttomonatsgehalt Strafe rechnen. Schon irgendwie seltsam, wenn man bedenkt, dass das die zweite Hamburgerin innerhalb eines Jahres wird, die meinetwegen ihren Lappen abgeben muss... Nein, es ist nicht die Tochter, der Name ist ein anderer.

Aber sonst geht es mir gut.

Sonntag, 5. Juli 2009

Ostsee bei 20 Grad

Sonnengebräunt sind wir zurück vom Strand. Wir haben einen "erweiterten WG-Ausflug" gemacht, erneut nach Haffkrug an der Ostsee. "Erweitert" bedeutet, dass auch noch einige Freundinnen und Freunde mitgekommen sind, die nicht mit uns in der WG wohnen. Es war irre lustig.

Die Fahrt dorthin mit drei Autos verlief ohne jeden Stau. Leider durfte ich nicht selbst fahren, sondern musste Sofie mein Auto fahren lassen. Das ist alles nicht so ganz einfach, denn laut Führerschein darf ich nur innerhalb Hamburgs fahren und da auch nur zur Schule, zur Therapie oder zum Einkaufen. Das hier war weder innerhalb Hamburgs und schon gar nicht zu diesen Zwecken, also musste jemand anderes das Auto fahren. Das darf aus Steuergründen (ich brauche keine Kfz-Steuer zahlen) aber nur dann jemand machen, wenn ich dabei bin oder wenn derjenige für mich etwas besorgt. Weil ich eben das Auto nur begrenzt fahren darf, muss bei der Versicherung natürlich angegeben sein, dass auch andere Leute das Auto fahren. Kostet natürlich mehr, ist aber kein "behinderungsbedingter Mehraufwand", den man irgendwo geltend machen könnte. Egal.

Wir kamen an der Ostsee an und es war spiegelglattes Wasser, kein Wind, die Sonne schien, bestes Wetter - und trotzdem kaum etwas los. Vielleicht lag es daran, dass wir um 7 Uhr losgefahren sind. Dieses Mal nahmen wir uns keine Strandkörbe, sondern gingen auf einen Strandabschnitt, auf dem Strandmuscheln erlaubt waren. Wir hatten nämlich mehrere dabei. Außerdem setzten wir uns ziemlich weit nach oben an die Dünen, so dass hohe Bäume, die an der Promenade standen, uns Schatten spendeten. Das war sehr angenehm.

Es waren mit: Sofie und Frank, Lina und Liam, Luisa (und ich, eben die WG), dazu noch Simone, Cathleen und Yvonne vom Sport, und jeweils eine Freundin von Yvonne, Luisa und Sofie. Insgesamt ein Dutzend Leute. Als allererstes, nachdem die Strandmuscheln aufgebaut und zwei Luftmatratzen aufgeblasen waren, gingen wir alle ins Wasser. Es war wärmer als ich gedacht hatte, auch wenn es am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig war. Laut Tafel am Eingang sollten es 20 Grad sein.

Es war super lustig und wir hatten viel Spaß. Luisa war das erste Mal nach ihrem Unfall am Strand, für mich war es auch erst das zweite Mal. So konnten wir eine Menge von den "alten Hasen" lernen. Durch den Sand zu robben, am besten im Sitzen, ist doch schon sehr anstrengend, aber es ist ein tolles Gefühl, wenn man es alleine schafft.

Als wir am späten Abend wieder zu Hause waren und endlich den ganzen Sand aus den Haaren, Ohren und Nasenlöchern geduscht hatten, war ich so kaputt, dass ich gleich ins Bett gefallen bin. Heute nun ist das Wetter wieder verregnet, aber ich hoffe, dass wir in diesem Sommer noch mindestens einen weiteren Tag finden, an dem wir das wiederholen können.

Freitag, 3. Juli 2009

Die erste Fahrt nicht ohne Polizei

Vielleicht wäre es entspannter gewesen, niemals am Straßenverkehr teilzunehmen. Dass es Idioten auf dieser Welt gibt, war mir ja bekannt, dass es Vollidioten gibt, auch. Aber was ich bei meiner ersten Fahrt, nur bis zum Supermarkt, erleben durfte, ist schon allerhand.

Beim Fahren klappte alles prima. Ich habe nicht so viel verlernt in der Zwischenzeit wie ich befürchtet habe. Ich bin natürlich eher zu vorsichtig, schaue lieber drei Mal zu viel als ein Mal zu wenig und habe auch keine Routine. An einer Kreuzung staute sich das plötzlich und ich habe gelernt, dass man dann vor dem Haltestrich stehen bleibt, auch wenn es grün ist, da fing der Hintermann wie verrückt an zu hupen und fuhr auf der Nebenspur einmal um mich rum und stand am Ende mitten auf der Kreuzung und mitten im Weg. Egal.

Aber dann am Supermarkt angekommen habe ich mich natürlich auf einen Behindi-Parkplatz gestellt, denn der ist so schön breit, dass ich meinen Rollstuhl vernünftig ausladen kann und auch wenn ich wiederkomme niemand 10 Zentimeter neben meiner Fahrertür steht, so dass ich nicht mehr ins Auto komme.

Ich habe also dort geparkt, Automatik auf P, Handbremse an, Motor aus, Gurt auf, Tür auf ... da steht da ein Typ mit einem Fahrrad und Fahrradanhänger, und zwar so, dass ich die Tür nur halb aufmachen kann, und pöbelt mich an, dass der Parkplatz nur für Behinderte ist und ich da sofort wegfahren soll, das wäre ja unverschämt und die jungen Leute haben überhaupt kein Verantwortungsgefühl und wenn die Tür einmal gegen sein Fahrrad stößt, dann tritt er da eine Beule rein. Ey, hallo?!

Ich wollte ihm dann sagen, dass ich Rollstuhlfahrer bin, aber ich kam überhaupt nicht zu Wort. Er pöbelte immer gleich: "Du fährst jetzt hier weg! Sofort!" Dann habe ich ihm meinen blauen Parkausweis hingehalten. Der war aber so in Wut, dass er gar nicht geschaut hat! Ich habe dann die Tür wieder zugemacht, mich zurückgelehnt und abgewartet. Ihn völlig ignoriert. Er hörte nicht auf. Nach 4 Minuten kam der Chef von einem Imbiss, der da in der Ladenzeile ist, raus, und meinte zu dem Typen, dass er hier mal nicht so rumschreien soll. Dann ging er endlich ein Stück weiter, ich konnte meinen Rollstuhl ausladen und dann meinte der Fahrrad-Typ: "Oh, das tut mir leid, das wusste ich gar nicht, dass du im Rollstuhl sitzt, aber das ist ja auch für dich, dass ich die Leute anspreche, die da immer auf deinen Plätzen stehen..." und dann wollte er mich umarmen - echt widerlich.

Als ich vom Einkaufen wiederkam, mit einer großen Klappkiste auf dem Schoß, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Jemand hatte sich zwischen die beiden Autos, die auf den Behindi-Plätzen standen, gestellt, mitten auf die Linie, und damit so dicht neben meine Fahrertür, dass ich den Spiegel einklappen müsste, um rauszufahren. Ich stellte meine Klappkiste in den Kofferraum und ging auf Suche, wo denn der Fahrer sein könnte. Im Imbiss war keiner, also bat ich an der Information im Supermarkt, das Kennzeichen auszurufen. Die haben das drei Mal ausgerufen, aber niemand hat sich gemeldet. Vermutlich war der Fahrer nicht im Supermarkt.

Ich wartete eine Viertelstunde, dann meinte die Frau von der Information, ich hätte Glück, weil das die Straßenparkplätze sind und nicht die privaten vom Supermarkt, ich soll doch einfach die Polizei anrufen. Gesagt, getan, ich habe dem Typen das Problem geschildert, er meinte, er schickt jemanden, aber es könnte dauern, da zur Zeit alle Fahrzeuge im Einsatz sind. Aber schon 10 Minuten später kamen sie. Ich war total zitterig. "Das darf jawohl nicht wahr sein. Ihrer ist der blaue?" Ich nickte. Der andere Polizist fing schon an zu schreiben. Ich erzählte den beiden, dass ich schon eine halbe Stunde warten würde und auch schon im Supermarkt drei Durchsagen gemacht wurden, dann sagte er: "Nö, wir schleppen den jetzt ab. Der hat nicht nur keinen Ausweis, sondern steht auch noch mitten auf der weißen Linie. Wer so parkt, muss damit rechnen, dass er abgeschleppt wird."

Keine drei Minuten später kam aus dem Supermarkt der dazugehörige Fahrer. "Ich bin schon weg!" meinte er. "Ihren Führerschein hätte ich gerne und den Fahrzeugschein. Und dann würde ich gerne mal hören, was Sie sich gedacht haben, als sie hier so geparkt haben." Der Typ meinte dann, er hätte dafür jetzt keine Zeit und er hätte das sehr eilig. Das zog natürlich nicht. Dann meinte er, dass sie lieber mal mich kontrollieren sollten, weil ich bestimmt noch keinen Führerschein hätte, ich wäre höchstens 14. Die Polizisten blieben hartnäckig. Am Ende durfte er fahren, wurde belehrt, dass er so nicht parken darf und dann zog er ab. 35 Euro kostet ihn der Spaß, plus die Anfahrt vom Abschlepper, wenn er Pech hat.

Und dann wollten sie tatsächlich von mir noch den Führerschein sehen. "Sie sind erst 16 und haben trotzdem einen Führerschein Klasse B, dann müssen Sie dazu noch eine Ausnahmegenehmigung von § 74 mitführen. Wo ist die?" Ich war schon dabei, sie rauszusuchen. Die Leute, die Führerschein mit 17 mit begleitetem Fahren machen, bekommen nur eine Bescheinigung, keine richtige Plastikkarte wie ich sie habe. "Sie waren hier einkaufen? Das gehört zur Haushaltsführung. Und dann hätte ich gerne noch Ihr Fahrtenbuch gesehen." Da kannte sich also jemand aus. Auch das hatte ich natürlich griffbereit. "Alles eingetragen, Tachostand stimmt überein, vorbildlich", meinte er. "Dann noch einen schönen Tag und alles Gute für Sie."

Und weg waren sie. Der Inhaber vom Imbiss lehnte mit verschränkten Armen an der Wand in der Sonne und schaute sich das Schauspiel an. Ich stieg ins Auto, nichts wie weg.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Hamburg-Schwerin

Mein Auto ist fertig! Es war heute morgen bei einer Firma in Barmbek, die behindertengerechten Umbau macht, da musste noch ein Teil ergänzt werden, ein neues Gutachten geschrieben werden, dann bin ich mit Frank zur Zulassungsstelle gefahren, habe mir Kennzeichen besorgt, zurück zu der Umbaufirma, Kennzeichen angebracht...

HH-SN xxxx

Von Hamburg nach Schwerin? Ich habe kein Geld dafür ausgegeben, ein Wunschkennzeichen zu bekommen. Das sollte fast 40 Euro kosten. SN ist doch ziemlich neutral, oder?

Und dann durfte ich endlich fahren. Ich war endlos aufgeregt und hatte glühende Wangen. Vor allem, weil ich seit meiner Fahrprüfung nicht mehr gefahren bin. Und sowieso noch nie alleine. Aber ich bin Frank hinterher gefahren und es war alles ziemlich entspannt. Das hatte ich mir schlimmer vorgestellt.

Zum Reifenhändler, vier neue Reifen gekauft und gleich aufziehen lassen, eine Stunde später war das fertig und ich konnte nach Hause fahren. Dort habe ich mir dann erstmal alles genau angeschaut. Alle Fenster nochmal geputzt, in den Kofferraum (Kombi!) gekrabbelt, von innen auch nochmal alles sauber gemacht, zwei Klappkisten reingepackt (für den nächsten Einkauf), Parkscheibe (die ich mir vorher schon organisiert hatte), Verbandskasten, paar CDs ... was man halt so alles braucht.

Ich freue mich schon, das nächste Mal zu fahren. Mal sehen, vielleicht fahre ich ja morgen mal zum Einkaufen.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Eine motorisierte Stinkesocke

Es hat tatsächlich geklappt. Der hier:



... gehört jetzt mir! Nachdem sich meine Eltern lange Zeit nicht entscheiden konnten, haben sie nun doch noch zugestimmt, quasi in letzter Sekunde, bevor das Auto anderweitig verkauft wurde. Nun haben wir uns heute das Gefährt genauer angesehen, auf einen Hänger geladen und nach Hamburg geholt. Organisiert haben das Frank und ein Kumpel, aber mein Vater ist tatsächlich mitgefahren. Zuerst wollte er nicht wirklich mit mir reden, aber irgendwann hatte ich ihn so zugetextet, dass er mir dann doch mal eine Antwort auf die Frage gab, wie er sich das denn jetzt alles in der Zukunft vorstellt. "Ich weiß es nicht. Deine Mutter und ich sind mit deiner Situation einfach überfordert. Ich weiß keinen Rat."

Im ersten Moment dachte ich, er wollte mir eine Hand reichen. Ich erwiderte: "Ich möchte doch gar keinen Rat von euch." Und meinte damit, dass ich nicht erwarte, dass meine Eltern auf all meine Fragen, die meine Behinderung mit sich bringt, eine Antwort wissen. Mein Vater antwortete aber: "Nee, du möchtest nur unsere Unterschrift für ein Auto, ich weiß. Aber die kriegst du." Den Nachsatz: "Bevor du uns wieder verklagst" hat er sich verkniffen. Ich habe darauf nicht mehr weiter reagiert, sondern lieber aus dem Fenster geschaut.

Nun steht das Auto in Hamburg, muss morgen noch zu einem Typen, der noch etwas bei dem Umbau ergänzt, ein neues Gutachten erstellt, dann zur Zulassungsstelle und dann ... ist die Stinkesocke endlich motorisiert. Neue Reifen soll er noch bekommen. Die müssen drin sein. TÜV hat er neu bis 06/11.

Genial, oder?