Dienstag, 30. Juni 2009

Wieviel Offenheit tut mir gut?

In ziemlicher Euphorie und mit sehr bewegten Gefühlen habe ich am Wochenende an meinem ersten nächtlichen Schnellfahrtraining teilgenommen und danach natürlich, aus dieser Stimmung heraus, hier darüber berichtet. Mit sehr vielen, teilweise auch intimen Einzelheiten.

Ich habe noch nie zuvor so viele Mails und Kommentare von Menschen bekommen, die ich noch nie persönlich gesehen habe. Viele sprachen mir Mut zu oder drückten Bewunderung oder Respekt aus. Aber für einige war mein letzter Eintrag auch Anlass, um mich zu warnen, nicht so offen mit meinen persönlichen und intimen Details aus meinem Leben umzugehen. Dabei war mein Beitrag vom nächtlichen Training nur ein aktueller Anlass, um darauf hinzuweisen, dass auch schon zu Zeiten, als ich noch stationär im Krankenhaus war, ich zu viele intime Details von mir preisgegeben hätte. Eine Leserin zog sich sogar komplett zurück.

Ich habe gestern und vorgestern sehr intensiv mit mehreren Leuten über dieses Thema gesprochen. Letztlich weiß ich, dass mir das Schreiben über meine neue Lebenssituation, über meine Behinderung, sehr dabei hilft, sie zu bewältigen. Es ist mir lieber, etwas unangenehmes und peinliches zu offenbaren, als diese ungewohnte oder unliebsame Situation "totzuschweigen", wie es früher bei mir zu Hause üblich war. Früher oder später holt einen das ein und dann fällt man sehr tief, da man so plötzlich so belastende Situationen gar nicht richtig bewältigen kann.

Beispiel: Ich kann versuchen zu verschweigen, dass ich Darmwinde nicht kontrollieren kann. Damit umgehe ich eine Konfrontation mit diesem peinlichen Thema, bis plötzlich genau das vor anderen Leuten passiert. Wissen meine Freunde, dass das ein typisches Phänomen bei Querschnittlähmungen ist, gehen wir alle aufgeschlossener mit der Situation um. Damit wird das nicht weniger peinlich, es entfällt aber der zusätzliche Stress, sich erstmal zu orientieren und andere aufklären zu müssen.

Ich hoffe, ich habe das einigermaßen sachlich beschreiben können. Natürlich muss ich nicht mein tiefstes Inneres gleich jedem offenbaren. Aber die Probleme, die ich selbst nur schwer verarbeiten und akzeptieren kann, erscheinen mir kleiner, wenn ich mich vorher -zum passenden Zeitpunkt- bereits damit auseinander gesetzt habe.

Dabei hilft mir der Kontakt zu anderen Betroffenen ungemein. Nein, ich werde nicht dafür bezahlt, diese Dinge zu schreiben und ich will mich auch nirgendwo einschleimen. Es ist einfach etwas anderes, wenn man auf den ersten Metern seines neuen Lebens nicht auch noch um Verständnis bitten muss, sondern einem dieses schon entgegen gebracht wird, weil die eigenen Erfahrungen da sind.

Doch, ich bin sehr vorsichtig mit meinen persönlichen Daten im Internet. Die Straßenroute ist nicht jedes Mal dieselbe und ich werde so etwas natürlich niemals vorher ankündigen, meine private Adresse veröffentlichen oder andere Informationen, mit denen böse Menschen böse Dinge anfangen könnten. Aber die intimen Details, die jedes Jahr in Deutschland 1.500 neue Querschnittgelähmte betreffen, spreche ich offen an. Sie betreffen eben nicht nur mich alleine. Mir hilft es, mich nicht zu verschließen.

Sonntag, 28. Juni 2009

Hamburg bei Nacht

Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich mal zur Nachtzeit trainieren würde. Man hört und liest ja immer mal wieder, dass einzelne Sportlerinnen und Sportler in den frühen Morgenstunden joggen gehen, aber organisiertes Training zur Nachtzeit? Während andere Leute schlafen oder in Partystimmung sind?

Schon um kurz nach halb Zwei wurde ich mit einem Kleinbus abgeholt. Am Steuer saß Tatjana, die ich schon vom Trainingslager kannte. Im Auto traf ich Yvonne. Die Bänke waren ausgebaut, dort waren vier Rennrollstühle und der Alltagsrolli von Yvonne eingequetscht. Mein Alltagsrolli kam noch hinzu. Ich kuschelte mich neben Yvonne auf die Beifahrer-Sitzbank. Schon ging es los. War das aufregend!!!

Wir fuhren an den Stadtrand, fast bis nach Schleswig-Holstein, direkt an einen Elbstrand. Auf der Fahrt bekam ich erklärt, wie so ein Straßentraining abläuft. Grundsätzlich, da es ein Training ist und kein Rennen, bleiben alle immer zusammen. Wenn einer stehen bleiben muss, bleiben alle stehen. Wir trainieren in zwei Gruppen, in einer sind zwei richtig gute Athleten mit einem eigenen Trainer im eigenen Begleitfahrzeug, in der zweiten bin ich und noch fünf andere Leute. Unsere Trainerin fährt ebenfalls in einem Begleitfahrzeug hinterher. Jeder Sportler bekommt einen Sender in ein Ohr, über den die Trainerin einem was ins Ohr funken kann.

Die Rennrollstühle müssen Reflektoren nach hinten, nach vorne und zur Seite tragen, dazu jeweils ein (LED-) Licht nach vorne und nach hinten, dürfen aber im Straßenverkehr eigentlich nur auf Gehwegen fahren. Da dort keiner trainieren kann und man im richtigen Rennen auch nicht auf dem Gehweg fährt, dürfen wir nachts auf ausgewählten Fahrbahnen trainieren, wenn ein Begleitfahrzeug das ganze nach hinten absichert. Dafür braucht man extra eine Genehmigung!

Ansonsten gilt: Ganz weit rechts fahren. Fahren nur hintereinander, an Ampeln anhalten, dann allerdings in Zweierreihen nebeneinander. Ansonsten gelten die normalen Verkehrsregeln wie für Radfahrer.

Ein Rennrollstuhl ist beim Triathlon das Pendant zum Laufen, nicht etwa zum Radfahren. Dafür gibt es ein mit den Händen über eine Kurbel angetriebenes Bike. Ein Rennrolli sieht etwa so aus:


Bei der Straßenversion sind eben noch Reflektoren dabei sowie ein Halter für die Trinkflasche. Ich darf einen sechs Jahre alten Rennrolli ausleihen, den vorher eine Kaderathletin mit ungefähr meinen Maßen gefahren hat. Sie fährt heute ein neueres Modell.

Endlich kamen wir an unserem Startplatz an. Yvonne fragte, ob ich aufgeregt sei. Ich war unendlich aufgeregt! So aufregende Dinge mache ich nachts normalerweise nicht...

Cathleen ist von ihrer Mutter zum Startplatz gebracht worden. Bei Simone war der Vater dabei. Aileen und Tim kannte ich noch nicht. Die beiden Profis fuhren bereits los. Ich sollte mich mal in meinen Rennrolli setzen, eventuell müssten noch Dinge eingestellt werden. Tatjana half mir, mich dort hineinzuzwängen. Nein - der passte wie angegossen. Die Füße hingen noch ein wenig komisch in der Gegend herum, aber ansonsten war der wie für mich gemacht. So ein Glück!

Simone saß bereits halb in ihrem Rennrolli, spielte mit ihrer Trinkflasche herum und wartete. Cathleen kam gerade vom Klo. Ich hatte mich schon gewundert, warum man ausgerechnet hier startet, aber hier war neben einem öffentlichen Badestrand eine rollstuhlgerechte Toilette mit dem Euro-Schließsystem. Gute Planung. "Willst du zuerst auf Klo oder darf ich?" fragte Yvonne mich.

"Nö, ich war zu Hause gerade", antwortete ich. Yvonne widersprach: "Ich würde trotzdem nochmal gehen." Ich schüttelte den Kopf. "Nee, ich muss nicht." Cathleen mischte sich ein: "Sie kathetert nicht." - "Achso", erwiderte Yvonne knapp und dampfte ab.

"Ich versteh nur Bahnhof", sagte ich und blickte Cathleen an. Sie erklärte es mir: "Die Kathetermäuse sollten am Anfang eine leere Blase haben, damit sie nicht so schnell voll wird. Sonst staut sich das bei denen nämlich in die Nieren zurück und dann kippen sie um, wenn sie Pech haben. Außerdem macht das auf Dauer die Nieren kaputt. Und da unterwegs kein Rolliklo ist, müssen die dann im Notfall irgendwo am Straßenrand kathetern, das ist nicht so angenehm, außerdem hält das die ganze Gruppe auf. Übrigens ... hast du eigentlich noch ne Pampers an?"

Simone und die Mutter von Cathleen guckten mich an. Ich merkte, wie meine Wangen dunkelrot wurden. Ich weiß nicht, wann ich mit dem Thema mal so cool umgehen kann wie die anderen betroffenen Leute. Aber ich weiß, dass es noch ewig dauern wird. Ich nickte unauffällig. "Ja, ausziehen!" kam es von Simone und Cathleen wie aus einem Mund.

Bitte was?! Ihr wollt dass ich was mache? Simone und Cathleen nickten beide auf meinen ungläubigen Blick. "Die musst du ausziehen, sonst scheuerst du dir alles wund." Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Mir war eher zum Weinen zumute. Nö, das wurde mir zu intim. Jetzt fing auch noch die Mutter an: "Ernsthaft jetzt. Das schnürt sich vorne am Oberschenkel richtig in die Haut ein, wenn du Pech hast. Die musst du ausziehen."

Das traf mich so unvorbereitet, dass ich nicht mehr wusste, was ich tun sollte. Ich war wie gelähmt. Ausnahmsweise nicht mal nur in den Beinen. Ich krallte mir Cathleen und rollte ein Stück von der Gruppe weg, die mich beobachtete. Einzelne Tränen kullerten über meine Wangen. Auf die Situation hatte mich niemand vorbereitet. Ich bin noch nicht mal 24 Stunden aus der Klinik und schon war ich angekommen an meinem ersten schwerwiegenden Alltagsproblem. "Wie soll ich das denn machen?"

Cathleen sah erschrocken in mein Gesicht. "Hey! Weinst du?" In der Dunkelheit war das wohl schlecht zu sehen. Jetzt ging es auch noch richtig los. "Nee", log ich und wischte mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Cathleen nahm mich in den Arm und drückte mich. "Du musst hier nicht mitmachen, wenn dir das noch zu viel ist. Soll ich Tatjana fragen, ob du vom Auto erstmal zuguckst?"

"Nein, ich will ja mitmachen. Aber wie soll ich das denn machen? Ganz ohne irgendeinen Schutz bin ich noch nie irgendwo weit weg vom Klo gewesen. Ich hab das nicht so gut unter Kontrolle!" Ich weinte immernoch. Was für eine peinliche Vorstellung.

"Du gehst jetzt erstmal auf Klo und wenn wir fertig sind mit dem Training, gehen wir alle duschen", bestimmte Cathleen. Ich schüttelte den Kopf. "Cathleen! Selbst wenn ich jetzt auf Klo gehe! Wenn unterwegs meine Blase verrückt spielt und ich nichts um habe, mache ich in die Hose!"

"Ja, dann ist das eben so", erwiderte Cathleen ohne eine Miene zu verziehen. "Oder meinst du, beim Triathlon machst du mal schnell einen Abstecher zu Mc Donalds, kaufst dir da ne Cola und fragst, ob du bei der Gelegenheit mal deren WC benutzen darfst? Ein Fußgänger kann sich schnell in die Hecke hocken, wir können das nicht. Das ist hier Leistungssport, keine Beauty Farm."

Ich schluckte. Cathleen rollte wieder zu den anderen zurück, ich rollte hinterher. "Mehr als dass du dich hier bis auf die Knochen blamierst, kann dir nicht passieren", dachte ich mir still. Ohne ein Wort rollte ich zur Toilette. Hinter mir hörte ich Getuschel. Und dann Cathleens Stimme: "Ach nix. Sie geht jetzt nochmal aufs Klo und dann können wir los."

Yvonne kam mir entgegen. "Nun doch?" Ohne ein Wort rollte ich an ihr vorbei. Kurz danach war ich dann startbereit. Schuhe aus, dann half Tatjana mir in meinen Rennrollstuhl und lud meinen Alltagsstuhl in den Kleinbus. Dann wurde ich verkabelt, bekam das Ding ins Ohr, setzte mir vorsichtig den Helm auf. Die Aufregung verdrängte die Unsicherheit.

Tatjana stieg auf eine Mini-Leiter und befestigte hinten auf dem Dach des Busses zwei gelbe magnetische Blinklichter. Hinten an der Tür wurde mit Saugfüßen ein Achtungsschild angeklebt, dadrunter stand: "Straßenrennen" Okay... Sehr eindrucksvoll. Nur dass das im Dunkeln sowieso keiner sieht, bis auf das Geflacker von den Blinklichtern. Aber immerhin fegt uns so keiner hinterrücks von der Piste. Außer Tatjana verwechselt Gas und Bremse.

Wir fuhren los, anfangs ging es nur steil bergauf. Nach jedem Anschub blieb der Rollstuhl sofort wieder stehen. Und man konnte nur sehr dosiert anschieben, da der Stuhl sonst vorne hochgekommen wäre. Also absoluter Grenzbereich. Doch dann ... war das geil! Vor allem konnte ich ohne große Mühe das Tempo mithalten. Die Straßen waren leer, im Lichtkegel des Kleinbusses konnte man genug sehen. Tatjana gab Aileen, die die Gruppe anführte, offenbar über Funk Anweisungen. Mal fuhren wir etwas schneller, mal etwas langsamer. Dann hieß es plötzlich, wir sollten rechts in einer Bushaltestelle stehen bleiben. Dehnübungen waren angesagt. "Braucht noch jemand was?" fragte Tatjana. Wir hielten direkt vor einer Esso-Tankstelle. Allgemeines Kopfschütteln.

"So, wir fahren bis zur Ampel und danach geben wir Vollgas. 90%, auf die Kurven aufpassen, nicht in den Gegenverkehr geraten. Zügig die Kurven durchfahren, der nachfolgende Verkehr kann nicht überholen." Die Anweisung war klar. Wie war das? Der nachfolgende Verkehr kann nicht überholen? Denkste. Mit dröhnendem Motor musste uns ein Mercedes überholen, mitten in einer S-Kurve. Natürlich durch die Gegenspur. Glücklicherweise kam dort keiner, denn ich überlegte schon, ob er dann zum Ausweichen in unsere Gruppe krachen wollte. 30 waren erlaubt, die fuhren wir locker. Egal.

Erste Erfahrungen hatte ich mit einem Rennrollstuhl schon beim Trainingslager und vorher beim Training auf dem Sportplatz gemacht, aber Straßentraining ist nochmal was ganz anderes. Vor allem unterschätzt man den ziemlich langen Bremsweg. Und wenn man durch Lenken wenden wollte, bräuchte man wohl einen ganzen Marktplatz.

Nach einigem auf und ab befuhren wir nun ein schnurgerade und breit ausgebautes Stück der Elbchaussee. "Der erste gibt jetzt so etwa 80%, der letzte überholt jeweils die Gruppe. Und schert erst aus, wenn der erste sich vorne eingegliedert hat." Drei Durchgänge. Es machte Spaß, aber ich kam eindeutig an meine Grenzen. Vor allem, wenn es etwas bergauf ging, merkte man, dass ich keine Kondition hatte.

Dann sollten wir das Tempo drosseln, denn wir müssten links abbiegen. Möglichst aus der Fahrt links einordnen und dann ganz langsam abbiegen, das ist eine tückische ... huch ... tatsächlich ... tückische Kurve. Halbmondsweg? Vor lauter Wolken war irgendwie gar kein Mond zu sehen. Aber wenigstens regnete es nicht. Und es war angenehm kühl, allerdings nicht zu kalt. Die Straße war hell erleuchtet, nur ganz vereinzelt fuhr mal ein Auto.

Dann kam wieder eine Strecke, bei der Autos nicht überholen konnten. Hier war 50, wir fuhren knapp 40, schneller war nicht möglich, da wir über mehrere Ampeln mussten und wir den Bremsweg einkalkulieren mussten. Natürlich fing der einzige Autofahrer, der sich hinter dem Bus einfand, das Hupen an. An der Kreuzung Ebertallee / Osdorfer Weg mussten wir bei Rot anhalten. Der Fahrer hielt neben uns und pöbelte: "Ihr haltet hier den ganzen Betrieb auf mit Eurem Scheiß." Ja nee, ist klar. Na klar ist das nervig, wenn man mal zwei Minuten nur 40 fahren kann statt 50. Da keiner der anderen reagierte, ignorierte ich den Typen auch.

Ich musste mal. Ich verdrängte den Gedanken. Vielleicht war es auch nur die komische Sitzposition, die dieses Gefühl auslöste. So richtig spüre ich das ja sowieso nicht. Ich wusste nicht, wohin wir wollten, aber allzu weit konnte es nicht mehr sein. Grün. Es ging weiter. Einige Schlaglöcher, die man umfahren musste, dann wurde es wieder zweispurig. "Bremsen, bremsen, bremsen!" funkte uns Tatjana ins Ohr. Von rechts kam ein Rettungswagen mit Blaulicht. Uuuups, quietsch, qualm, radier, stink, ... der hat eindeutig Vorfahrt. Bitteschöööön... Wir mussten relativ scharf abbremsen, sofern man bei diesen unmöglichen Bremswegen überhaupt von Schärfe sprechen kann.

Vorbei an einem Friedhof und dem Volkspark (ziemlich gruselig im Dunkeln) fuhren wir in die Richtung einer Sporthalle. "Langsam ausfahren, lockern, strecken", war das Kommando. Inzwischen wurde es hell am Horizont. Die Vögel trällerten aus voller Kehle ihre Lieder. Die Luft roch angenehm nach feuchtem Waldboden. Ich war völlig fertig. Aber glücklich. Glücklich fertig.

"Für den Anfang schon ganz gut", meinte Tatjana. Nun ging es direkt zum Duschen. Wir fuhren über relativ unwegsames Gelände zu einer offenen Stahltür in einer weißen Wand der Halle. Dort stand bereits ein Duschrollstuhl. Zusammen mit dem Trainer der beiden Top-Athleten, der bereits wartete, stieg einer nach dem anderen aus dem Rennrollstuhl in den Duschrollstuhl, wurde reingeschoben und musste sich drinnen umsetzen. Dort gab es zwei feste Klappsitze und mehrere Gartenstühle, die einfach unter die anderen Duschen gestellt waren.

Ich zog meine Klamotten aus und warf sie direkt ins nächste Waschbecken. Endlich duschen! Haare waschen! Gesicht waschen! Ich hatte mir mehrmals den Schweiß aus dem Gesicht gewischt und das mit den dreckigen Händen. Wir sahen aus wie die Indianer. "Und? War gut?" fragte mich Cathleen. Ich nickte. War gut. Erfahrung und Kondition wird am Anfang niemand ernsthaft von mir verlangen. Alles andere war wohl nicht zu unterirdisch.

Yvonne wurde zur S-Bahn gebracht, Simone wurde von ihrer Mutter abholt. Cathleen fragte, ob sie spontan bei mir schlafen könnte. Gerne, warum nicht?! Und die Rennrollis? Die bleiben erstmal in einem Lagerraum stehen und kommen Montag kurz unter den Hochdruckreiniger. Der Hausmeister kümmert sich drum. Außer bei Simone: Den hat der Vater gleich wieder eingesammelt und mitgenommen.

Kurz nach 6 fielen wir in mein Bett. Ziemlich genau 20 km sind wir gefahren in etwa einer Stunde. Mit Ampeln und Pause zum Dehnen. Nicht schlecht. Die Strecke habe ich mal einzeichnen lassen:


Nun habe ich Hamburgs Straßen bei Nacht kennen gelernt. Beim nächsten Straßentraining bin ich wieder dabei. Wenn ich darf.

Samstag, 27. Juni 2009

Willkommen in der Wirklichkeit

Am gestrigen Freitag sollte es nach Hause gehen. Es war alles organisiert. Viele Sachen habe ich schon selbst mit in mein neues Zuhause genommen, die letzten Dinge und mich wollte Sofie mit dem Auto abholen. Um 11 Uhr sollte ich entlassen werden. Pünktlich um 10 vor 11 kam Sofie in mein Zimmer.

Da der Arztbrief noch nicht fertig war, rollten wir dann um 13 Uhr erstmal in die Kantine. Um kurz vor 15 Uhr war er endlich fertig. Ich verkneife mir jeden Kommentar, denn eigentlich hatte ich gute Laune. Hätte ich um 11 gewusst, dass ich noch vier Stunden warten müsste, hätte ich darum gebeten, mir das Ding mit der Post nach Hause zu schicken. Aber da es immer hieß, die Papiere wären jeden Moment fertig, haben wir gewartet und gewartet. Arme Sofie.

Ein letztes Mal die wichtigsten Leute knuddeln und dann bloß raus aus dem Krankenhaus und runter vom Klinikgelände. Als wir in der WG ankamen, waren wir die einzigen. Alle anderen waren entweder arbeiten, studieren oder beim Training. Umso mehr habe ich mich über einen Willkommens-Kuchen gefreut, der auf dem Küchentisch stand. Mit Kerzen und mit Zuckerguss-Schrift. Ich kam mir vor wie am Geburtstag...

Ich verschwand in meinem Zimmer. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich machen sollte. Alles so ungewohnt, alles so neu. Ich überlegte, mich einen Moment auf mein Bett zu legen, doch da klingelte mein Handy. Simone war dran und wollte wissen, ob ich heute nacht mittrainieren möchte. Bitte was? Ja, heute nacht ist Schnellfahr-Training. Nachts? Ja, Straßentraining geht nur nachts, wenn kein Verkehr ist. Aileen, die eine Trainerin, hätte einen Rennrollstuhl für mich organisiert, den ich erstmal ausleihen dürfte, bis ich irgendwann mal einen eigenen habe. Gebraucht, etwas älter, aber so halbwegs nach meinen Maßen, gereinigt und noch voll funktionsfähig.

Ich ließ mich natürlich nicht zweimal fragen. Aber Simone meinte, ich bräuchte unbedingt noch vernünftige Trainingsbekleidung. Die Baumwollhose vom Trainingslager wäre absolut ungeeignet. Für den Anfang hat die gereicht, aber Straßentraining bedeutet, dass man ein paar Stunden fest angegurtet in einem engen Sportgerät sitzt. Da darf es keine Falte geben, sonst hat man sofort eine Druckstelle, die ja bekanntermaßen bei Querschnittlähmungen erstmal Wochen braucht, um wieder zu verheilen. Ob wir uns in der City treffen wollen zum Einkaufen.

Wollten wir. Vom Hauptbahnhof fuhren wir in die Spitaler Straße. Mitten in der Fußgängerzone stand ein Typ mit einem riesigen (2 Meter hohen) Holzkreuz in der Hand und predigte lautstark. Ich hörte nur mit einem Ohr zu, aber als wir an ihm vorbei düsten, erwähnte er, dass Gott auch die Lahmen und Kranken heilen könnte, wenn man sich ihm ("mir") anvertraut. Ja nee, ist klar. Dass Gott das kann, mag ja sein -ich will es ihm zumindest nicht absprechen-, aber dass er dafür den Typen als Medium nimmt, wollte ich dann doch nicht so recht glauben.

Wir kamen im Sportgeschäft an. Was suchten wir eigentlich? Eine lange Bike-Hose ohne Gesäßbesatz, aber mit Trägern. Lang, damit die kaum durchbluteten Beine nicht frieren. Ohne Gesäßbesatz (also ohne Lederpolster am Po), da man ja nicht im Sattel sitzt und das Ding nur hinderlich ist. Und mit Trägern, damit die ganze Hose nicht irgendwann (unbemerkt) runterrutscht. Okay, ich habe das verstanden. Die Verkäuferin in dem Sport-Fachgeschäft jedoch nicht. Wir kamen nicht mal dazu, selbst zu schauen, da sie sich sofort aufdrängte und eine Hose nach der nächten anschleppte, allerdings immer mit Lederbesatz am Hintern. Nachdem Simone inzwischen zum 5. Mal erklärte, dass wir eine Hose ohne so ein Ding suchen, meinte sie: "Aber das muss doch gepolstert sein am Sattel." Sie hat es nicht verstanden, dass wir als Rollstuhlfahrer nicht auf einem herkömmlichen Rennrad sitzen. Irgendwann haben wir selbst gesucht und dann so etwas gefunden.

89 Euro? Wahnsinn. Aber die anderen Mädels beim Trainingslager hatten so etwas auch und das mit den Druckstellen ist wirklich nicht zu unterschätzen. Ein Kurzarmtrikot und eine winddichte Weste waren auf jeweils 49 Euro herabgesetzt. Bei der Weste schlug Simone auch gleich zu.

Anschließend habe ich Simone noch auf ein Eis (zum Mitnehmen) eingeladen, bevor wir dann in den Bus stiegen und uns zurück zum Hauptbahnhof fahren ließen. Im Bus sprach uns prompt eine ältere Frau an. Sie kam eilig auf uns zu und fragte: "Wieso sitzt ihr beiden im Rollstuhl?" Bevor ich überlegen konnte, ob ich der wildfremden Frau meinen Unfall unter die Nase reiben will, antwortete Simone: "Entschuldigung, aber ich möchte mich nicht mit Ihnen unterhalten." Die Frau erwiderte: "Wie alt bist du? 14 Jahre? Du solltest antworten, wenn Erwachsene dich etwas fragen."

Was ist denn jetzt los? Augenblicklich schlug mir mein Herz bis zum Hals. Meine Hände fingen zu zittern an. Was wollte die von uns? Simone schaute schräg hinter sich aus dem Fenster. Ich bemühte mich, die Frau nicht anzuschauen. An der nächsten Station stieg sie aus. "Leute gibts...", meinte Simone kopfschüttelnd.

Erste richtige Nacht in der WG und gleich wird so halbwegs durchgemacht: Um 2 Uhr werde ich zum Training abgeholt. Ich bin aufgeregt wie lange nicht mehr.

Freitag, 26. Juni 2009

Reden ist Silber

Meine Oma sagt manchmal: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold."

Meine Freunde drücken es manchmal etwas direkter aus: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten."

Und mir ist das Thema einen ganzen Blog-Eintrag wert. Ich kenne den Grund nicht (meine Psychologin hingegen wahrscheinlich schon, aber die ist gerade nicht hier), aber es muss einen geben, aus dem sich Leute dazu hinreißen lassen, in ungewöhnlichen Situationen zu labern. Und eben weil sie auf die Situation nicht vorbereitet sind, labern sie dann Scheiße. Und das wiederum ohne jede Not.

Auch wenn ich mich inzwischen wieder einigermaßen "normal" fühle, muss ich diese "ungewöhnliche Situation" für mich doch irgendwie in Anspruch nehmen. Wenn ich morgens meine Augen öffne (und über Nacht weder Einbrecher noch Scherzkekse an meinem Bett vorbei gekommen sind), steht irgendwo in greifbarer Nähe ein Rollstuhl. Das ist eben bei der Mehrheit meiner Mitmenschen anders.

Und so verwundert es auch nicht, dass es für eben diese Mitmenschen ungewöhnlich ist, wenn dieser Rollstuhl näher als fünf Meter an sie heran kommt. Und als wäre das noch nicht aufregend genug: Meistens sitzt auch noch jemand drin, der noch nicht mal volljährig ist. Oh mein Gott, und dabei sieht sie doch völlig normal aus!

Wegschauen ist nicht immer möglich, anstarren gegen die guten Sitten. Habe ich eine Banane dabei, die ich schälen könnte? Oder bekommt von mir noch jemand eine SMS? Ist mein Schuhband offen? Nichts dergleichen? Dann nehme ich eben allen Mut zusammen und sage ihr ein paar aufmunternde Worte. Eine gute Tat am Tag muss sein.

Und so legen wildfremde Menschen mindestens einmal pro Woche den Arm um meine Schulter und sagen mir so nette Worte wie: "Ich an deiner Stelle würde mich umbringen."

Ja nee, ist klar. Ich wusste zwar, dass es schlimm ist, aber sooo schlimm? Das habe ich nicht gewollt. Natürlich ist mir klar, was der Kommentar ausdrücken soll. Bewunderung, dass man diese aus ihrer Sicht schwere Situation meistert. Wie man ihn auch verstehen könnte, erwähne ich nicht, denn von meiner Oma weiß ich: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Donnerstag, 25. Juni 2009

Mein letzter Tag in der Klinik

Es ist wieder Sommer. Wie vor einem Jahr, als ich noch bei meinen Eltern wohnte. Als ich mit behinderten Menschen und Rollstühlen noch nichts am Hut hatte. Als mein Leben noch so normal oder unnormal war wie das von Millionen und Milliarden anderer Jugendlicher.

Viel hat sich in dem letzten Jahr getan. Die meisten meiner alten Freunde habe ich verloren. Meine Familie ist nicht mehr die Familie, die ich kannte. Ich bin erwachsener geworden. Ich habe einen Führerschein bekommen. Früher als ich es mir je erträumt hätte. Jemand anderes hat stattdessen seinen Führerschein verloren, vermutlich für immer. Jemand anderes kommt vermutlich in den Knast.

Ich bin Heli geflogen. Ich habe auf einer Intensivstation gelegen. Ich habe eine Psychotherapie angefangen. Ich kann Rollstuhlfahren. Und Kraulschwimmen. Vorwärts und auf dem Rücken. Ich kann mir selbst Medikamente spritzen. Ich kann mich alleine katheterisieren. Dinge, die ich vor einem Jahr nicht konnte. Oder noch nie probiert habe.

Ich habe viele liebe Menschen kennen gelernt. Sie alle zusammen sind der Grund, warum ich wieder Freude an meinem Leben gefunden habe. Ich möchte sogar noch ein Stück weiter gehen (nein, ich habe keine Psychopillen geschluckt und auch nichts geraucht) und behaupten: Wenn mir heute eine Fee begegnet, die mir anbietet, aus einem (diesem) Traum aufzuwachen und alles ist wie vor dem Unfall - ich würde es nicht wollen. Meiner Freunde wegen.

Das Krankenhaus, in dem ich behandelt wurde, hat an mir knapp 278.000 Euro verdient. Zusammen mit den Versicherungssummen hat mein Unfall schon jetzt über eine Million Euro gekostet. Eine Million für drei Sekunden Idiotie in dem Kopf einer Rentnerin.

Ich bin heute gefragt worden, ob ich mich tief drinnen in mir ausgeglichen und ruhig fühle. Ich habe es bejaht. Natürlich gehe ich - hoppla - rolle ich in eine ungewisse Zukunft. Aber: Sie bedrückt mich nicht. Ich werde meinen Weg finden. Da bin ich mir sicher.

Aber mich bedrückt auch etwas. Sehr sogar. Ich habe fast ein Jahr lang in einem Krankenhaus verbracht. Die Menschen hier, das Personal, wird mir fehlen. Es hört sich wahrscheinlich total bescheuert an, aber dieses Krankenhaus kann ich mit gutem Gewissen empfehlen. Na klar, irgendwann kann man das Essen nicht mehr sehen, irgendwann nerven einen die Unruhe und die fehlende Privatsphäre. Wie überall gibt es auch hier Personen, die man nicht leiden kann. Aber von der Putzfrau bis zum Chefarzt tragen hier bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen alle das Herz am richtigen Fleck. Man spürt, dass fast alle Menschen hier Spaß an ihrer Arbeit haben. Man spürt es wirklich. Und das in dem Stress eines Krankenhauses im Jahr 2009. Ich werde mit Sicherheit einige Male hierher zurück kommen, einfach um "Hallo" zu sagen.

Wie wird es weitergehen? Ich freue mich auf meine neue WG. Auf mein neues Zimmer. Auf meine neue Schule. Auf meine neuen Freunde. Auf mein neues Bett. Auf mein neues Auto (hoffentlich!). Auf mein neues Leben. Und darauf, endlich mal wieder ausschlafen zu können.

Freitag, 19. Juni 2009

Den Typen kenn ich!

Das gibt es doch nicht! Da fahre ich heute los, um mich bei einer Physiotherapeutin außerhalb der Klinik vorzustellen (für die Betreuung nach der Entlassung), und komme an einer Plakatwand vorbei, und dann klebt da ganz groß Torben, den ich vom Triathlon-Training kenne!


Ich hätte mir zwar einen anderen Spruch ausgesucht, aber dass es eine Plakat-Aktion mit behinderten Sportlern gibt, finde ich absolut super! So sehen die nicht behinderten Leute wenigstens mal, dass wir, von unserer Behinderung abgesehen, völlig "normal" sind. Hoffe ich.

Mittwoch, 17. Juni 2009

Ein Golf für 5.000 Euro

Auf meiner ständigen (zur Zeit noch eher im Hintergrund ablaufenden) Suche nach einem behindertengerechten Fahrzeug hat mir Frank von einem gebrauchten, 10 Jahre alten Golf Kombi erzählt, den er über Beziehungen für 5.000 Euro bekommen könnte. Das Auto kommt aus 1. Hand, ist scheckheftgepflegt, unfallfrei, mit Klimaanlage, hat rund 70.000 km gelaufen. Und es ist bereits umgebaut, so dass ich, von einer Kleinigkeit abgesehen, ihn nicht mehr umrüsten lassen müsste. Es steht zwar bereits bei einem Händler, mit dem ist der Vorbesitzer jedoch befreundet. Ich könnte sicher sein, dass das Fahrzeug in gutem Zustand ist.

Allerdings müssten meine Eltern zustimmen. Schaun wir mal. So sieht das Auto aus:






Nicht schlecht, oder? Ich glaube, bei 5.000 Euro kann man nicht viel verkehrt machen. Und ein 10 Jahre altes Auto ist für einen Fahranfänger wie mich sicherlich auch am besten geeignet, wenn es eben wirklich zuverlässig ist.

So kann ich mit meinem Führerschein mit 16 vielleicht doch fahren. Ich würde mich freuen.

Sonntag, 14. Juni 2009

Die erste Nacht im neuen Bett

Seit gestern ist mein neues Bett fertig! Marke Eigenbau, 140 x 200 cm groß, an der Seite eine große Schiebetür, um den Platz drunter nutzen zu können, ansonsten kein großer Firlefanz. Ein stabiler Lattenrost, eine für Querschnittgelähmte ausreichend weiche, aber dennoch nicht zu weiche Matratze wurde bereits Freitag geliefert, direkt von einem Sanitätshaus und mit Zuschuss der Unfallkasse. Nee, mit Druckgeschwüren ist nicht zu spaßen, wie ich ja auch selbst schon erfahren durfte.

Gestern habe ich mir dann zusammen mit Frank in einem Bettengeschäft zwei Kopfkissen und zwei neue Steppdecken gekauft, dazu gleich vernünftige Bettwäsche und Spannbettlaken in der richtigen Größe. Das Bett steht jetzt in einer Ecke des Zimmers, das passt sehr gut.

Kaum war ich da, rief Cathleen mich auf dem Handy an. Ob ich am Wochenende schon etwas vor hätte, wollte sie wissen. Ich sagte ihr, dass ich eine Nacht "Ausgang" bekommen habe und zum ersten Mal in meinem neuen Zimmer in meinem Bett schlafen würde. Da fragte sie, ob ich das unbedingt alleine machen möchte oder ob sie mir Gesellschaft leisten darf.

Naja, nichts lieber als das. Dann bin ich in meiner ersten Nacht so völlig alleine in einer eigenen Wohnung (okay, in einem eigenen Zimmer) wenigstens nicht einsam. Abends haben wir dann noch mit Frank und Sofie zusammen im Gruppenraum gesessen und einfach nur erzählt. Einfach über alles mögliche gequatscht. Ich fand es toll.

Gegen 12 sind wir dann alle ins Bett gegangen. Meine erste Nacht, in der noch jemand anderes in meinem Bett liegt. Anfangs war es ein bißchen ungewohnt, aber ich war plötzlich so müde, dass ich einfach einschlief. Gegen 4 Uhr morgens wurde ich wach, weil Cathleen mit ihren Kopf auf meinem Unterarm lag und der Unterarm eingeschlafen war. Ich legte vorsichtig ihren Kopf zur Seite und streichelte ihr einmal über die Wange. Im tiefsten Schlaf lächelte sie einmal kurz.

Als wir heute morgen gegen 10 wach wurden, fühlte ich mich ausgeschlafen wie schon lange nicht mehr. Niemand klapperte auf dem Flur mit dem Essenswagen, keine Krankenschwester kam ins Zimmer, niemand wollte von mir irgendetwas. Wir standen auf. "Erst duschen oder erst frühstücken?" fragte Cathleen. Ich wollte es davon abhängig machen, wer draußen noch gerade frühstückt. Mich stören ungeduschte Freunde am Frühstückstisch nicht, anderen möchte ich das aber nicht zumuten.

Ich schaute um die Ecke. Sofie rollte gerade über den Flur. Wir verabredeten uns zum Frühstück. Und glücklicherweise störten die beiden sich auch nicht an ungeduschten Leuten am Frühstückstisch. "Es kommt immer drauf an, wer das ist", meinte Sofie. Ich hatte gestern noch eingekauft, so hatten wir einen gut gedeckten Frühstückstisch. Es war richtig gemütlich. Gefräßiges Schweigen.

Bis ... Cathleen plötzlich laut pupste. Sorry Cathleen, ich muss es erwähnen. Weil ich so froh darüber bin, dass es dir passiert ist und nicht mir. Ich habe eine sehr große Angst davor, dass es mir vor fremden Leuten passiert. Vielleicht hängt es mit meinem Trauma aus dem Telekom-Shop am Donnerstag, den 12.02.09 zusammen, das ich zwar irgendwie verarbeitet, aber noch lange nicht vergessen habe. Vielleicht auch mit meinen Erfahrungen von zu Hause, wo ich rausgeflogen wäre, wenn ich das beim Essen gemacht hätte. Ja, möglicherweise bin ich da etwas neurotisch.

Nicht gerade beruhigend, dass man bei einer Querschnittlähmung nichts von alledem merkt. Mit viel Geduld bekommt man den Darm an bestimmte Entleerungszeiten gewöhnt. Das betrifft aber ausschließlich feste Ausscheidungen. Flüssige oder gasförmige nicht. Zu eklig? Zu viele Informationen? Tja, du liest es nur. Ich werde unfreiwillig damit konfrontiert. Wollen wir mal einen Tag tauschen? (Bitte nicht ernst nehmen.) Mit viel Glück ist der Querschnitt so inkomplett, dass man noch Gefühl hat und zwei Sekunden vor den anderen merkt, was da gleich passiert.

Zurück zum Frühstückstisch: Cathleen verzog keine Miene, sondern sagte fast im selben Moment einmal laut: "Entschuldigung!" Sofie, die gerade den Mund voller Cornflakes hatte, schluckte und murmelte: "Macht nix." Es schien sie echt nicht aus dem Rollstuhl zu werfen. Und Cathleen futterte weiter, als würde sie nichts anderes erwarten. Selbst Frank brachte keinen Spruch. Okay, das möchte ich bitte auch für mich in Anspruch nehmen, wenn es mir zum ersten Mal vor versammelter Mannschaft passiert. Wahrscheinlich werde ich dann knallrot und verschwinde erstmal für die nächsten 24 Stunden in meinem Zimmer. Am meisten Angst habe ich, dass das in der Schule in einer Klausur passiert. Oder wenn ich von vorne ein Referat halte. Oder vergleichbares.

Nach dem Frühstück haben wir geduscht und uns mit Simone und Nadine verabredet. Zusammen waren wir dann noch auf einem Straßenfest, nur leider regnete es in einer Tour. Zurück im Krankenhaus vermisse ich bereits mein neues Zimmer. Keine 14 Tage mehr und ich bin endlich hier raus!

Freitag, 12. Juni 2009

Wieviel ist ein Leben wert?

Meine private Unfallversicherung und die gegnerische Haftpflichtversicherung haben gezahlt, zusammen rund 675.000 Euro. Mit den darin enthaltenen rund 165.000 Euro (plus Zinsen) Schmerzensgeld der gegnerischen Haftpflichtversicherung habe ich mehr bekommen als viele andere mit wesentlich schwereren Behinderungen. Ich kann also sehr dankbar sein. Bin ich auch.

Gerade heute habe ich in der Zeitung unter der Überschrift "Wieviel ist ein Leben wert?" gelesen, dass eine andere Rollstuhlfahrerin in Hamburg 7.5 Millionen Euro von einer Versicherung fordert. Sie ist, dem Bericht zufolge, erheblich stärker betroffen als ich. Aber dennoch: Ich glaube nicht, dass daraus etwas wird.

Aber zurück zu meiner Sache: Der Verfahrenspfleger hat nun in den Raum gestellt, dass man einen Vermögensverwalter beauftragen könnte, der das Geld für ein teures Gehalt gewinnbringend anlegt. Letztlich bringt einem das aber nichts. Entweder gibt es ein Risiko bei der Anlage - oder möglicherweise höhere Zinsen werden durch sein Gehalt aufgefressen. Er empfiehlt, es in verschiedenen Paketen anzulegen, die jeweils zu 100% gesichert sind. Das heißt: Geht die jeweilige Bank pleite, gibt es die Kohle trotzdem zurück.

In mehreren Paketen deswegen, damit gute Laufzeiten abgeschlossen werden können und trotzdem, wenn ich vorher an einen Teil des Geldes muss (warum auch immer), nicht sofort alle Zinsen verliere. Bei dem besten Anlagemodell bringt mir das pro Monat einen Zinsertrag von rund 2.150 Euro. Das ist mehr als ich je erträumt hätte. Ich denke, so werden wir das machen.

Dienstag, 9. Juni 2009

Justitia bekommt eine zweite Chance

Die Crash-Oma, die mich vor nun fast einem Jahr auf dem Schulweg umgenietet hat, ist vor rund sechs Wochen wegen schwerer Körperverletzung zu 20 Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Außerdem darf sie drei Jahre nicht Auto fahren und musste ihren Führerschein abgeben. Diesen hatte sie nach der Urteilsverkündung so demonstrativ auf den Tisch geknallt, dass mein Anwalt misstrauisch wurde.

Einerseits hatte er sich erneut darüber aufgeregt, dass der Führerschein, spätestens mit der Anklage wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung, nicht bis zum Ende des Verfahrens vorläufig eingezogen wurde. Andererseits hat er hinterher leise gesagt: "Wieso hat die eigentlich eine neue Plastikkarte?" Und auf Umwegen, die ich nicht so genau kennen möchte, in Erfahrung gebracht, dass sie kurz nach dem Crash einen neuen Führerschein beantragt hatte, weil ihr alter grauer Lappen angeblich verloren gegangen war. Das stank so zum Himmel, dass mein Anwalt mich zum Stillschweigen verdonnert hatte (was mir schwer fiel, aber ich wollte natürlich nichts gefährden) und gleichzeitig wie bei "Ein Fall für Zwei" eine Sicherheitsfirma beauftragt hatte, ihre Garage zu überwachen. Und so hing einige Wochen eine Kamera im Baum gegenüber...

Vorletzte Woche saß dann ein Privatschnüffler mit Teleobjektiv im Auto gegenüber von der Garage, um das zu dokumentieren, was mit den Aufzeichnungen der Videokamera möglicherweise nicht ausreichend zu beweisen gewesen wäre. Und Ende letzter Woche wartete dann ein Zivilfahrzeug der Polizei an der gleichen Stelle. Über meinen Anwalt erfuhr ich heute:
"Nach unserem Strafantrag konnte die Fahrerin heute auf frischer Tat durch Zivilbeamte der Polizei vorläufig festgenommen werden. Ein Führerschein sowie das Fahrzeug wurden sichergestellt. Im Anschluss an die polizeilichen Maßnahmen wurde die Beschuldigte wieder entlassen, da keine Haftgründe vorlagen. Es ist wahrscheinlich, dass es zu einer weiteren Anklage wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis kommt. Im Falle einer Verurteilung (vermutlich zu einer weiteren Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr) wird vermutlich auch die im vorausgegangenen Verfahren ausgesprochene Bewährung widerrufen. Außerdem ist anzunehmen, dass das Fahrzeug als Tatwerkzeug eingezogen wird."
Ich werde es mir nicht nehmen lassen, als Zuschauerin im Gerichtssaal zu sitzen. Ich hoffe, Justitia nutzt ihre zweite Chance.

Sonntag, 7. Juni 2009

Terminator, Kopfsteinpflaster und Käse-Eis

Ich nenne es beim Namen: Das Cinemaxx-Kino am Hamburger Bahnhof "Dammtor". Schön zentral liegt es, 8 Säle hat es. Da ist bestimmt etwas dabei, was Cathleen, Luisa und ich uns anschauen können. Vielleicht nicht unbedingt Terminator. Aber sonst ... egal.

Am Dammtorbahnhof ging erstmal der Aufzug nicht. Und die einzige Rolltreppe, die abwärts fährt, auch nicht. Super. Das Sicherheitspersonal erklärt uns, dass sie zwar einen Schlüssel haben, um die andere Rolltreppe kurzfristig in die Gegenrichtung laufen zu lassen, das sei ihnen aber verboten. Cathleen, nicht auf den Mund gefallen, meinte frech: "Na kommen Sie, wir werden Sie nicht verpetzen."

Nichts zu machen. Vorschrift bleibt Vorschrift. Und eine Ausnahme über die Leitstelle? Keine Chance. "Ich muss nicht fragen, wir dürfen es nicht. Es kann sein, dass jemand am Hauptbahnhof Dienst hat, der das darf, das könnten wir mal erfragen." Na so ein Schwachsinn. Wo ist jetzt der Unterschied, ob Herr Müller oder Herr Schulz den Schlüssel ins Schloss steckt und einmal daran dreht?!

"Es geht schneller, wenn Sie mit der nächsten Bahn zum Hauptbahnhof fahren und dort in den Bus umsteigen und zum Dammtor zurückfahren." Ja nee, ist klar. 6 Minuten bis der nächste Zug kommt, 5 Minuten bis Hauptbahnhof, dann quer durch den Hauptbahnhof zur Mönckebergstraße, dort am Sonntag auf den nächsten Bus warten, dann 12 Minuten Fahrzeit ... dann sind wir in etwa einer Dreiviertelstunde wieder hier. Hurra!

Aus dem Regionalexpress gegenüber steigt eine Gruppe Polizeibeamter in Uniform mit Rucksäcken auf dem Rücken aus und kommt durch den Tunnel auf unser Gleis. "Die fragen wir mal. Drei sexy Leichtgewichte im Rolli sind doch nix für paar knackige Jungs in Uniform. Vier Mann, vier Ecken, 25 Stufen." Cathleen hatte noch nicht aufgegeben. Und quatschte den ersten an: "Entschuldigung, wären Sie so lieb und würden uns kurz helfen?"

Nö, würden Sie nicht. Sie dürfen nicht. Es könnte etwas dabei passieren. Und dann wären sie nicht versichert. Hinter uns fing ein Typ an zu brüllen. "Dieses Deutschland kackt sich zu mit seinem Bürokratismus! Die drei Mädels wollen runter und der Fahrstuhl geht nicht. Ich fasse jetzt an einer Ecke an. Hat hier noch jemand genug Arsch in der Hose und hilft mit?" Wow. Drei junge Männer, schätzungsweise Türken, zögerten keine Sekunde, drückten ihren Freundinnen ihre Rucksäcke in die Hand und krempelten die Ärmel hoch. Eine Gruppe Mädels bot sich ebenfalls an. Keine dreißig Sekunden später waren wir drei unten. Ohne dass etwas passiert ist. Die sind nichtmal ins Schwitzen gekommen. Wir bedankten uns höflich. Natürlich musste jemand, der das sah, uns nochmal kurz darauf hinweisen, dass dorthinten ein Aufzug ist... Argh!

So, endlich weiter zum Kino. Cathleen, uns zugewandt: "Meine Damen und Herren, hier siehen Sie Hamburgs intelligenteste Rampe für Rollstuhlfahrer." Ich traute meinen Augen kaum. Kopfsteinpflaster, mit Mini-Steinen und Zwischenräumen so groß wie die Steine selbst, bedeckte eine Rampe neben fünf bis sechs Stufen vor dem Eingang. Man musste schon sehr geschickt sein, um nicht zu stürzen. Endlich an der Kasse angekommen, erfuhren wir das schier unglaubliche: Es gibt 8 Säle, davon sind 4 mit dem Rollstuhl zu erreichen. In allen vier rollstuhlgerechten Sälen läuft ... richtig! Terminator. Zu den anderen Filmen kommen wir leider nicht.

"Wir können uns auch auf einen normalen Sitz umsetzen." - "Das bringt Euch nichts, vor den Sälen sind Stufen." Nun hatte auch Cathleen genug: "Lasst uns zum Jungfernstieg fahren und ein Eis essen. Ich hab die Schnauze voll." Gesagt, getan.

Reicht es? Oder soll ich noch ein i-Tüpfelchen ... nicht? Doch? Okay. Vanille war aus. Schokolade war aus. Kirsche war aus. Banane war aus. Stracciatella war auch aus. Dafür gab es aber so lustige Sorten wie "Schlumpf", "Käse", "Moccabohne", "Stachelbeere". Eigentlich fehlten nur noch Lebertran, Spargel und Forelle.

Donnerstag, 4. Juni 2009

Kraulschwimmen in 90 Minuten

Wow! Ich konnte noch nie in meinem Leben Kraulschwimmen. Brustschwimmen habe ich als kleines Kind mal gelernt, ohne den Einsatz meiner Beine nochmal neu gelernt nach meinem Unfall, doch wenn man unter die Triathleten rollen möchte, kommt man damit nicht weit. Ein wenig vorwärts kraulen (natürlich auch ohne Beinschlag) konnte ich seit unserem Trainingslager.

Das Rückenschwimmen ist sonst eher eine Entspannungsübung als ein Stil zum schnellen Fortbewegen. Die Trainerin fragte mich zu Beginn des Trainings: "Willst du Kraulschwimmen lernen?" Na klar, mal eben so nebenbei... "Warum nicht?"

Und dann, als hätte man irgendetwas in ihr gezündet, lief sie zur Hochform auf. Rein ins Wasser, vormachen, raus aus dem Wasser, nochmal vormachen, wieder rein ins Wasser, mich festhalten, wieder raus aus dem Wasser, wieder etwas vormachen, mich aus dem Wasser ziehen und auf den Beckenrand setzen, sich daneben setzen und vormachen, wieder rein ins Wasser, "schau mal von vorne" ... Nach 90 Minuten hatte ich es drauf. Vermutlich hätten alle anderen das genauso schnell gelernt, nur Anna musste mich den anderen als "kleines Wunder" vorstellen. Und alle anderen saßen am Beckenrand und sahen zu. Und applaudierten.

Sicher muss ich noch daran arbeiten und das alles noch verfeinern und üben. Aber ich bin stolz wie Oskar, nun auch in Rückenlage Kraulschwimmen zu können. Und ja, es geht wesentlich schneller und ist wesentlich entspannter als die herkömmlichen Schwimmstile.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Vorhänge hab ich schon

Zur Zeit sieht man mich mehr in meiner neuen WG als in der Klinik. Das ist wohl auch verständlich, immerhin möchte ich bei allen Entscheidungen, die am Anfang über das WG-Leben getroffen werden, und bei allen Fragen, die die gemeinsam genutzten Räume betreffen, dabei sein.

Aber auch mein Zimmer möchte ich mir so schön wie möglich machen. Solange ich noch nicht richtig darin wohne, also in diesem Zimmer auch schlafen muss, ist das wesentlich stressfreier möglich. Auf jeden Fall möchte ich keine weißen Wände haben. Es hat sich auch schon jemand gefunden, der sie streichen möchte und der das vor allem auch sehr gut kann. Mit Sofie war ich heute Vorhänge aussuchen.

Ein Freund von Frank möchte mir ein Bett bauen. Das ist so ein ganz cooler Typ mit Rasterlocken, der Tischler gelernt hat und meinte, wenn ich das Holz bezahle, baut er mir was ganz tolles nach meinen Wünschen. Supi supi supi!

Bei meinen Eltern steht noch ein Schlaf-Sofa, das ich aber mit meiner Behinderung nun wirklich nicht mehr benutzen möchte. Die Liegefläche im ausgeklappten Zustand ist knapp über dem Fußboden, die Matratze hat keine Standardmaße und ich müsste jeden Morgen alles wieder zusammenschieben. Nein, danke. Aber meinen Kleiderschrank und meinen Schreibtisch hätte ich gerne. Mal sehen, was meine Eltern dazu sagen...

Auf jeden Fall freue ich mich schon richtig auf meine neue Zeit nach der Klinik. Besonders auf die Unabhängigkeit und die neue Verantwortung, die mir mein verändertes Leben abverlangt. Die WG gefällt mir bisher jedenfalls schon sehr gut.