Sonntag, 31. Mai 2009

Ostsee bei 14 Grad

Man muss schon gehörig einen an der Klatsche haben, um sich bei Windstärke 6 in einer Fleece-Jacke in einen Strandkorb zu setzen. Cathleen, Sofie, Frank und ich hatten jeder mindestens zwei an der Klatsche. Aber wisst ihr was? Wenn man wegen einer körperlichen Behinderung schon seine 100% im Behindertenausweis hat, macht sich der Dachschaden auch nicht mehr bemerkbar. Mehr als Vollklatsche geht eben nicht.

Und so interessierten uns die Gedanken der vorbeiziehenden Leute auch nur sekundär. Obwohl wir uns sie ausgemalt haben. "Oh, die haben nur einmal pro Jahr Ausgang und nun ist das Wetter schlecht." Oder: "Die wissen es nicht besser."

Frühmorgens sind wir mit Frank aufgebrochen, kamen gegen 10 Uhr in Haffkrug (Ostsee) an, mieteten uns zwei Strandkörbe, drehten sie mit dem Rücken zur Hauptwindrichtung und packten uns hinein. Sofie hatte Kartoffelsalat und Würstchen für das Mittagessen mit, Frank baute uns erstmal einen Sandwall, dann spielten wir Uno. Es war nur genial. Der Wind blies den feinen Sand überall hin, aber gegen Mittag kam die Sonne hinter den Wolken zum Vorschein und man konnte sogar im T-Shirt sitzen.

Kurz vor Abfahrt wagten wir dann das Abenteuer: Strandbesuch ohne wenigstens einmal im Wasser gewesen zu sein, ging gar nicht. Sagte Frank. Und fing an, sich Badesachen anzuziehen. Cathleen und Sofie sagten, sie würden mitkommen. Und ich? Ich hatte Angst. Ich fürchtete, an meine Grenzen zu kommen. Das Wasser hatte enormen Wellengang. Ich hatte zwar einen Badeanzug dabei, hätte mich aber am liebsten irgendwo auf einer Toilette umgezogen, wenn überhaupt. Ich wollte weder Spielverderber noch Angsthase sein. Aber ich wusste nicht, ob ich das wagen sollte.

Sofie begann, sich umzuziehen. Ich trödelte mutwillig. Wühlte in meiner Tasche, tat so, als würde mein Handy mir gerade etwas wichtiges mitteilen wollen. Erstmal schauen, wie das bei den "Profis" aussieht. Ja, ich schäme mich für mein fehlendes Selbstvertrauen. Ein unauffälliger Blick zu Sofie ... keine Pampers. "Ich glaube, ich will doch nicht mit schwimmen", dachte ich mir so. Aber Cathleen war meine Rettung. Ich wartete einen Moment, ob irgendwelche Kommentare kommen würden, die mich, wären sie an mich gerichtet, sicher zum Heulen gebracht hätten. Nein, sie kamen nicht. Keiner glotzte. Ich machte meine Hose auf...

Ich bin da sehr sensibel. Ich weiß sofort, wann jemand mir zuliebe schauspielt und sich seine Kommentare verkneift oder absichtlich so tut, als wäre alles normal, obgleich er sich gerade an meiner Andersartigkeit gedanklich gestoßen hat. Hier hatte ich dieses Gefühl nicht. Es schien mir, und das ist bei meinen "neuen" Freunden Gold wert, eine ehrliche tiefgründige Akzeptanz da zu sein: Ich muss mich nicht verstellen, um gemocht und ernst genommen zu werden.

Auf dem Hintern sitzend robbten wir das kurze Stück durch den Sand. Die beiden "Profis" warnten mich vor einer von mir beinahe unterschätzten Gefahr: Scharfkantige Steine und Muscheln können die gefühllose Haut der Beine erheblich verletzen. Und dann schwappte eine große Welle bis zu meiner Brust hoch. Ich kreischte laut, so kalt war das Wasser. Auch Frank, Sofie und Cathleen hatten einen Riesenspaß. Wir saßen in den Wellen und überließen dem Meer, den Wellen das Spiel mit uns. Ich musste mich schon gut abstützen, um nicht umgeworfen zu werden.

Schwimmen wollte niemand wirklich, dafür waren der Wind und die Wellen zu stark. Irgendwann wurde es kalt und wir robbten auf dem Hintern sitzend durch den feinen Sand wieder zu unseren Strandkörben zurück. Wir sahen aus wie panierte Schnitzel. Frank legte Handtücher in die Strandkörbe und meinte: Am besten so in der Sonne trocknen lassen. Dann geht der Sand am besten ab. Ich kuschelte mich mit Cathleen in einen Strandkorb, Sofie und Frank saßen neben uns in dem anderen. Und plötzlich kam die Sonne hinter den Wolken hervor und es wurde richtig schön warm.

Gerade komme ich aus der Dusche. Den feinen Sand vom Strand habe ich, obwohl ich mich intensiv abgerubbelt hatte, noch überall gefunden. In den Ohren, in der Nase, in den Haaren, überall. Auf den Fliesen lag eine richtige Sandschicht. Ich hoffe, ich bin alles losgeworden. Es war ein super schöner Tag!

Freitag, 29. Mai 2009

Schlüsselübergabe

Da ja ab 01.06. unser WG-Mietvertrag beginnt und jetzt erstmal Wochenende ist, waren wir heute zur Schlüsselübergabe. Für 10.00 Uhr hatten wir alle einen Termin, ich hatte meinen Vater gebeten, dorthin zu kommen, denn ich darf ja noch nicht alleine unterschreiben. Er war pünktlich da, wollte jedoch nicht mit in die Wohnung, sondern hat draußen auf dem Parkplatz gefragt, wo er unterschreiben muss, hat unterschrieben und ist wieder abgefahren. Ich sage dazu nichts mehr. Es hat im Moment wirklich keinen Sinn.

Der Vermieter hat in der Zwischenzeit Schließzylinder nachbestellt, so dass in jeder Zimmertür ein Sicherheitsschloss ist, dessen Schlüssel gleichzeitig zur Wohnungstür, zur Haustür, zur Kellertür ... einfach überall passt. Es gibt also nur einen Schlüssel für alle Türen, wobei ich mit meinem Schlüssel natürlich nicht in andere Zimmer hinein komme. Das finde ich sehr gut gelöst. Pro Zimmer gibt es 4 Schlüssel.

Außerdem hat er in alle Zimmer nachträglich Kabel legen lassen, so dass es überall einen Internet-, einen Telefon- und einen Fernseh-Anschluss gibt. Er meinte, der Platz in den Kabelschächten war vorhanden und es wäre ja nicht so toll, wenn wir erstmal Strippen ziehen müssen. Wow. Als ich dann noch sah, dass wir in einem Bad eine Waschmaschine und einen Wäschetrockner hingestellt bekommen haben (beides Industriegeräte von Miele), war ich erstmal restlos begeistert. (Geschirrspülmaschine, Kühl- und Gefrierschrank war vorher schon drin.)

Nun muss ich bis zum 26. nur noch meinen Umzug organisieren. Aber das bekomme ich hin. Und ich muss mit meinen Eltern klären, welche (meiner!) Möbel ich mitnehmen darf. Alle anderen ziehen bereits am kommenden Wochenende ein. Ich habe halt noch etwas mehr Zeit.

Ein super Anfang, wie er besser nicht hätte sein können!

Montag, 25. Mai 2009

Mein erstes Trainingslager

Am Freitagmittag ging es los. Eigentlich war ich ziemlich entspannt. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde, umso mehr wollte ich das alles einfach auf mich zukommen lassen. Trotzdem hatte ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Wir wollten uns im Hamburger Hauptbahnhof treffen, hatten für die ganze Gruppe im ICE reserviert. Ich fuhr so rechtzeitig los, dass ich viel zu früh da war.

Aber nach und nach trafen die anderen 7 Leute ein, dabei Simone und Cathleen, die ich ja schon vom Training kannte. Wir hatten drei Abteile reserviert, auf zwei verteilten sich die Leute, im dritten stapelten Tatjana und Arne, die beiden Trainer, unsere Rollstühle einschließlich Sportgeräte, zuzüglich Gepäck. Ich saß mit Simone, Cathleen und Arne in einem Abteil. Wir haben die ganze Zeit gequatscht, über Gott und die Welt, und plötzlich waren wir in München. Die Fahrt verging so schnell, es war irre.

In München mieteten wir uns einen großen 9-Sitzer-Bus und fuhren noch einige Kilometer weiter in ein Kaff, etwas abseits von München. Dort angekommen trafen wir uns mit allen anderen Teilnehmern, die aus ganz Deutschland angereist waren, spontan auf dem Parkplatz zu einem gemeinsamen Sit-In bzw. Sit-Out. Plötzlich saßen da 60 Leute und es kam mir vor, als würde ich diese Leute schon 15 Jahre kennen. Alle waren sofort sehr aufgeschlossen, nett, fröhlich. So ein tolles Klima habe ich selten erlebt.

Ich bekam ein Doppelzimmer zusammen mit Yvonne. Ziemlich geschafft von der Reise fielen wir in unsere Betten, schauten noch einen Moment fern und schliefen dann ein. Am nächsten Morgen um 7 Uhr wurden wir geweckt, duschen, anziehen, frühstücken, kurze Ansprache von dem Chef-Trainer, dann ging es zum Schwimmen. Die anderen Leute waren wesentlich besser als ich, ich konnte nichtmal Kraulschwimmen. Ich war froh, mit meinem frischen Querschnitt überhaupt über Wasser zu bleiben. Und das sagte ich auch so. Die Antwort: "Wieso über Wasser? Über Wasser musst du nur kurz zum Einatmen kommen. Alles andere schaffst du knapp unter der Wasseroberfläche."

Ich hätte nie geglaubt, dass ich das schaffe. Noch vor dem Mittagessen konnte ich Kraulschwimmen. Ohne Beinschlag, ist klar. Aber mit richtiger Atmung. Und was sagt Cathleen? "Das sieht richtig gut aus." Hey, was sind das für Leute? Die einen vorwärts schieben, die einen so anerkennen, wie man ist, die einen loben, die nicht neidisch sind, die sich mit einem freuen, wenn man sich freut? Kein Zicken-Alarm, absoluter Respekt vor anderen, aber bei allem unverschämt ehrlich. Ich habe das Gefühl, ich habe vor dem Unfall viele falsche Leute gekannt. Und mich noch nie so ernst genommen gefühlt wie von diesen Menschen.

Nachmittags standen einige technische Übungen für das Bike-Fahren auf dem Programm. Abends guckten wir gemeinsam "Schlag den Raab". Am nächsten Morgen fuhren wir alle mehrere Kilometer mit unseren Rennrollstühlen, nachmittags wurden wir noch kurz in einige Übungen an Kraftgeräten eingeführt, bevor wir wieder nach Hause mussten. Das Wochenende verging viel zu schnell. Im Zug nach Hamburg haben alle geschlafen - völlig fertig.

Als ich wieder zurück in der Klinik war und die Stationsärztin, die gerade Dienst hatte, mich sah, sagte sie: "So wie du strahlst, muss ich nicht mehr fragen, wie es war." Musste sie nicht.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Mobilitätshilfen: Abzocke ab Werk

Wenn ich schon jemanden für meine eher behinderte Lebenssituation verantwortlich machen kann, und diese Verantwortung beinhaltet, dass mir Zuschüsse zur Anschaffung eines behindertengerechten Autos gezahlt werden, dann informiere ich mich natürlich, wie ich meinen aufgrund meiner Behinderung schon mit 16 Jahren erworbenen Führerschein sinnvoll nutzen kann. Oder anders ausgedrückt: Die Berufsgenossenschaft hat sich grundsätzlich bereit erklärt, sogenannte "Kraftfahrzeughilfe" zu leisten, wenn ich zum Schuljahr 2009/10 ein berufliches Gymnasium besuche. Die Entscheidung ist denen wohl leichter gefallen, da sie wiederum die Versicherung meiner Unfallgegnerin in Regress nehmen können, aber das soll mir ja schnuppe sein.

Je nach eigenem Einkommen (das Schmerzensgeld bleibt außer Betracht) werden bis zu 9.500 Euro Zuschuss gewährt zuzüglich der Kosten, die aufgrund der Behinderung unvermeidbar sind. In meinem Fall werden als unvermeidbare Mehrkosten anerkannt:
  • Automatikgetriebe (Auflage im Führerschein)
  • Handbedienung für Gas und Bremse (Auflage im Führerschein)
  • Lenkraddrehknopf mit Infrarotbedienung für Blinker, Hupe, Licht, Fernlicht, Warnblinklicht (Auflage im Führerschein)
  • Servolenkung (Auflage im Führerschein)
  • Abdeckung oder Deaktivierung der serienmäßigen Pedale (Auflage im Führerschein)
  • Standheizung (Rollstuhlfahrer können nicht alles freikratzen)
  • Abblendender Innenspiegel (dafür hat man keine Hand frei)
  • Elektrisch verstellbarer Fahrersitz (für die manuelle Verstellung nach vorne fehlt bei Querschnittgelähmten die Bauchmuskulatur)
  • Verladehilfen für den Rollstuhl, soweit erforderlich
  • Größeres Fahrzeug, wenn in kleinerem Modell kein Automatikgetriebe oder andere benötigte Fahrhilfen liefer- oder einbaubar
Grundsätzlich wird nur ein Neuwagen gefördert, im Ausnahmefall auch ein Jahreswagen. Auf meine dumme Frage, wie ich denn am besten vorgehen soll, riet man mir zu einem Besuch beim VW-Händler. Durch den Einbau der sogenannten "Mobilitätshilfen" ab Werk einschließlich TÜV-Gutachten spare man sich teure Aufträge an Dritt-Unternehmen, die dann das halbe Auto wieder zerlegen müssten, um die bei VW gekauften Bedienhilfen nachträglich einzubauen. Am Ende knarzt und knirscht es überall, da die meisten Amaturen nicht darauf ausgelegt sind, nochmal wieder ausgebaut zu werden.

Das hört sich erstmal gut an. So ein kleiner Fox oder vielleicht sogar ein Polo ist doch für eine Fahranfängerin ein geeignetes Auto. Der Fox ist sogar ab 9.500 Euro zu haben - das würde doch passen!

Denkste. Der günstigste VW, der mit (meinen) Fahrhilfen ausgerüstet werden kann, ist der Touran mit 140 PS - Kosten für das Grundmodell: 25.325 Euro. Dann kommt der Umbau einschließlich Gutachten hinzu, das sind nochmal 5.967,24 Euro. Und als wäre das noch nicht genug, bin ich gezwungen, als Optionen hinzuzuwählen: Eine Klimaanlage für 1.155 Euro, ein Lederlenkrad für 305 Euro, ein Licht-und-Sicht-Paket für 165 Euro und eine Doppelton-Hupe für 21 Euro. Zusammen mit einer Gepäckraumabdeckung / Netztrennwand, die ich für sehr sinnvoll halte, und den Überführungskosten kostet mich das ganze Auto 35.000 Euro. Hallo?!

Der gleiche Spaß beim Golf endet bei 37.500 Euro. Alles klar. Da trösten die 15% Rabatt, die behinderten Menschen ohne Diskussion eingeräumt werden (natürlich nur auf den Grundpreis, somit rund 3.000 Euro) nur sehr wenig. Kurzum: Der Zuschuss läge bei etwa 20.000 Euro, die verbleibenden 12.000 bis 15.000 Euro müsste ich selbst aufbringen, nachdem man mit Vergabe der höchsten Grundförderstufe (9.500 Euro) gerade festgestellt hat, dass ich "über kein einsetzbares Einkommen verfüge".

Weiter herumfragen bringt einen bekanntlich weiter: Bei Renault sieht es nicht ganz so düster, aber ähnlich teuer aus. Alle anderen Autohersteller bieten Automatikgetriebe erst bei ähnlich teuren Fahrzeugen an. Audi bietet, genauso wie VW, Fahrhilfen bereits ab Werk an, kommt aber wegen des noch höheren Preises nicht in Frage. Somit doch auf dem Gebrauchtwagenmarkt umschauen - ist für eine Fahranfängerin auch besser, wie ich finde.

Bis ich gestern den Tipp bekam, mich bei Mercedes Benz zu erkundigen. Ich runzelte nur ungläubig die Stirn - die von dort vertriebenen Luxuskarren sind doch nur noch teurer. Wirklich? Auf den ersten Blick ja. Auf den zweiten nicht mehr: Für genau den gleichen Eigenanteil (15.000 Euro), den ich für einen Golf aufbringen müsste, würde ich einen bestausgestatteten Viano (Kleinbus) bekommen. Als Diesel mit 200 PS, Lederausstattung, elektrischen Schiebetüren, Klimaanlage, ... Neu natürlich.

Nicht, dass ich so eine Karre haben möchte, das wäre für ein Einsteiger-Auto absolut unverschämt. Aber wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Golf und einem Viano für das gleiche Geld, würde ich sicher nicht den Golf nehmen.

Also fasse ich zusammen: ... Nein, ich lasse es lieber. Soll sich jeder eine eigene Meinung bilden.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Es ist ein Ende in Sicht

Endlich, nach (dann) über 10 Monaten stationärer Behandlung, werde ich voraussichtlich am 26.06.09 entlassen. Meine Eltern haben heute der WG zugestimmt. Sie haben einmal gefragt, ob ich mir das gut überlegt habe, dann sagten sie: "Es ist zwar nicht das, was wir uns mal gewünscht haben, aber zu Hause kannst du nicht wohnen, und bevor wir dir etwas anderes suchen, halten wir das für eine geeignete Möglichkeit."

Sie können froh sein, dass sich meine Laune zur Zeit einigermaßen stabilisiert hat. Denn wenn man sich die Äußerung mal so überlegt, heißt das im Klartext, dass mich meine Eltern wegen meiner Behinderung von zu Hause rauswerfen. Sie hätten mir sonst etwas anderes suchen müssen, haben sie gesagt. Egal. Ich möchte diese WG und ich bin die letzte, auf deren Zustimmung die anderen noch warten. Damit gründen wir am 01.06.09 unsere WG und ich habe rund 3 Wochen Zeit, dort einzuziehen, wenn es beim Entlassungstag bleibt.

Mit Blick auf die lange Behandlungszeit freue ich mich riesig auf die "Freiheit". Auf die WG, die ich favorisiert habe, auf die Leute, die ich nett finde und mit denen ich zusammen sein möchte. Auf der anderen Seite habe ich sehr viel Angst, ob ich das alles schaffen werde. Es wird sehr schwer, diesen geregelten und extrem behüteten Alltag in der Klinik zu verlassen. Allerdings bin ich auch draußen nicht alleine. Und das ist für mich die Hauptsache.

Dienstag, 19. Mai 2009

Gestatten, Krösa

Ob der legendäre Krösus eine Frau hatte, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich weiß, dass gestern mein Verfahrenspfleger hier war und mit mir besprochen hat, wie es in meinem Streit mit der Versicherung der Unfallgegnerin weitergehen soll.

Die Kosten für die lebenslange Behandlung und eine Erwerbsunfähigkeitsrente zahlt die Berufsgenossenschaft, da es sich um einen Wege-Unfall (Schulweg) gehandelt hat. Das haben die bereits anerkannt. Die BG holt sich diesen Anteil von der Versicherung der Unfallgegnerin selbst wieder. Damit habe ich nichts zu tun.

Auch die Anwaltskosten und der Ersatz von meinen Klamotten, meiner Brille, meinem Handy und was noch so alles geschrottet wurde, interessieren mich im Moment eher sekundär bis überhaupt nicht.

Aber es gibt noch zwei Dinge, die sehr interessant sind. Ich habe nach Ansicht des Anwaltes Anspruch auf angemessen hohes Schmerzensgeld. Die Versicherung hatte bereits 12.000 Euro geboten, mein Anwalt hat 220.000 Euro gefordert. Gestern war, wie gesagt, der Verfahrenspfleger hier, um mir mitzuteilen, dass die Versicherung der Unfallgegnerin bereit wäre, sich außergerichtlich auf 165.000 Euro zu einigen. Hinzu käme noch ein Ausgleich für einen behinderungsbedingten Mehrbedarf in Höhe von 32 Euro monatlich. Mein Anwalt hat mir dringend geraten, das Angebot anzunehmen.

Außerdem gibt es beim selben Versicherungsunternehmen eine private Unfallversicherung, die mein Vater mal abgeschlossen hat, als ich angefangen habe zu reiten. Die Versicherungssumme bei Voll-Invalidität beträgt 100.000 Euro, allerdings mit einer 5-fachen Progression. Das bedeutet im Klartext, dass eine halbe Million Euro zur Auszahlung fällig sind. Das Versicherungsunternehmen bestätigt das bereits, man habe anfangs die Querschnittlähmung überlesen und sei nur von ein paar Knochenbrüchen ausgegangen. Daher sei es zu der lächerlichen Summe von 12.000 Euro (auch hier) gekommen.

Es geht noch weiter. Die Berufsgenossenschaft zahlt eine Erwerbsunfähigkeitsrente, solange ich nicht mehr als 15 Stunden (20 Schulstunden) pro Woche arbeiten (zur Schule gehen) kann. Diese beträgt

  • rund 730 Euro monatlich bis zum 18. Geburtstag
  • rund 1.100 Euro monatlich bis zum 21. Geburtstag
  • rund 1.400 Euro monatlich bis zum 25. Geburtstag
  • rund 1.900 Euro ab dem 25. Geburtstag.

Auf diese Rente (und eventuelle Zinsen) muss Einkommenssteuer bezahlt werden, allerdings auf das Schmerzensgeld und dessen Zinsen nicht. Das bedeutet, dass nur die 730 bis 1.900 Euro als tatsächliches Einkommen gilt und davon noch 8.200 Euro alleine wegen meiner Behinderung abgezogen werden dürfen. Dann bleiben bei 1.900 Euro monatlich nur unter 15.000 Euro pro Jahr, die wegen Geringfügigkeit überhaupt nicht versteuert werden müssen. Im Klartext heißt das: Auch die Rente bleibt steuerfrei. Allerdings gibt es durch diese Rente weder BaföG, noch Wohngeld, noch Kindergeld noch sonstwelche anderen Sozialleistungen.

Die BG bietet an, auf die Hälfte der Rente, die in den nächsten 10 Jahren zu zahlen ist, einen Abschlag zu bekommen. Das heißt: Die Hälfte wird monatlich ausgezahlt, die andere Hälfte gibt es als Einmalzahlung für die nächsten 10 Jahre im Voraus, wobei von der Einmalzahlung allerdings 10% abgezogen werden. Der Verfahrenspfleger hat diese Möglichkeit durchgerechnet mit Zinsen und Zinseszinsen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sich der Abschlag lohnt, wenn man ihn anlegt und dafür mindestens 1,9% Zinsen bekommt. Dadrunter lohnt es sich nicht, dadrüber auf jeden Fall. Der Abschlag beträgt ohne Zinsen knapp 80.000 Euro und würde am 18. Geburtstag fällig werden.

Dann gibt es noch eine Pflegepauschale, mit der eine eventuell nötige Pflegekraft bezahlt werden soll. Gezahlt werden bei mir 480 Euro monatlich pauschal.

Fasst man das zusammen (nein, ich habe schon lange den Überblick verloren, ich tippe das meiste von einer Aufstellung ab, die der Verfahrenspfleger geschrieben hat), ergeben sich Einmalzahlungen:

  • 500.000 Euro Invaliditätszahlung private Unfallversicherung (steuerfrei)
  • 165.000 Euro Schmerzensgeld Unfallgegnerin (steuerfrei)
  • 80.000 Euro Abschlag EU-Rente (steuerpflichtig)

Legt man diese rund Dreiviertel Million (mir wird ganz schwindelig) sicher an, bekommt man dafür etwa 3% Zinsen. Dadurch gibt es steuerfreie Zins-Einnahmen in Höhe von rund 1.850 Euro monatlich.

Das heißt:

  • 1.862,50 Euro Zinsen (zum größten Teil steuerfrei)
  • 555,50 Euro halbe EU-Rente (steuerpflichtig)
  • 480,00 Euro Pflegepauschale (steuerfrei)
  • 32,00 Euro Mehrbedarf (steuerfrei)
    --------
  • 2.930,00 Euro als 18-jährige

Bis ich 28 bin, kämen stufenweise noch 400 Euro dazu, mit 28 könnte der nächste Abschlag für die nächsten 10 Jahre (rund 100.000 Euro) beantragt werden.

So ganz realisiert habe ich das alles noch nicht. Der Verfahrenspfleger hat mich gefragt, ob Probleme haben würde, dieses Geld anzunehmen. Schließlich ist es nicht gerade wenig. Wenn ich aber bedenke, dass das Geld zur Hälfte von der Versicherung der Unfallgegnerin stammt und zur anderen Hälfte aus einem privaten Versicherungsvertrag, dann muss ich sagen: Nein. Kein Problem. Ich glaube nicht, dass ich mich schämen muss, wenn ich das Geld annehme, was mir eine Versicherung zahlt, weil mich jemand zum Krüppel gefahren hat.

Montag, 18. Mai 2009

Der Chef hat entschieden

Simone war diejenige, die auf diese eher abgefahrene Idee kam und mich heute ansprach, ob ich nicht am Wochenende mitkommen möchte ins Trainingslager nach München. "Ja ne, is klar...", war meine spontane Antwort. Ich bin stationär im Krankenhaus und soll in ein Triathlon-Trainingslager mitfahren, noch dazu einmal quer durch Deutschland. Dass das nicht funktionieren kann, weiß sogar eine naive Stinkesocke.

"Och frag doch bitte, du bekommst bestimmt ein Wochenende Ausgang! Da sind erwachsene Trainer dabei und da kann doch überhaupt nichts passieren. Ich komm auch mit und frage." Ich antwortete, dass es ein Unterschied ist, ob man nach monatelanger Krankenhausbehandlung für eine Nacht nach Hause darf (was ich noch nicht mal in Anspruch genommen habe), oder ob man für drei Tage "Urlaub" in Bayern macht.

Simone ließ nicht locker. "Komm, wir fragen die Stationsärztin. Fragen kostet nichts!" Mir war das nicht recht, denn ich hatte die Befürchtung, die Leute halten mich für völlig abgedreht und viel zu naiv für eine WG. "Du fragst. Ich frage nicht", erwiderte ich entschlossen. Daran war nichts zu rütteln. Das versuchte aber Simone auch nicht, die war nämlich schon unterwegs. Ich kam kaum hinterher.

Sie klopfte an die offene Glastür und fragte: "Entschuldigung, darf ich mal was fragen? Ich fahre am Wochenende in ein Trainingslager für Schwimmen, Schnellfahren und Handbike, und da ist noch ein Platz frei, und ich wollte mal fragen, ob Jule da vielleicht mit darf." - "Und warum fragt mich Jule nicht selbst?" - "Weil sie Schiss hat, dass sie ausgelacht wird. Man fährt ja nicht jeden Tag vom Krankenhaus ins Trainingslager." Die Stationsärztin verzog keine Miene. "Ich darf nur für eine Nacht beurlauben. Wie lange geht das Trainingslager?" - "Drei Tage, ein Wochenende." - "Das muss der Chef entscheiden. Fahrt hin und holt euch einen Termin."

Simone düste vorweg. Bevor ich die Diskussion beginnen konnte, ob man den Chefarzt einer Klinik mit solchem unwichtigen Zeug belästigen muss, klopfte sie schon an die Tür zum Vorzimmer. Die Sekretärin sagte: "Der ist gerade unterwegs, aber er kommt gleich wieder. Fahrt doch schonmal rein." Und dann standen wir im Zimmer vom Chefarzt. Ledersessel, edler Schreibtisch, prall gefüllte Bücherregale, ein Blumenstrauß, eine große Schale mit Obst auf einem runden Tisch, ... ich fühlte mich sau-unwohl. Das alles hatte eine sehr unheimliche Athmosphäre. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, bei dem Gedanken daran, den Chefarzt eines der besten Querschnittzentren weltweit um drei Tage Urlaub für ein Trainingslager zu bitten, von dem ich noch nicht einmal wusste, ob ich das überhaupt wollte.

Es gab keine Zeit mehr zu überlegen. Er kam rein. Ich kannte ihn bisher nur aus der Chef-Visite, die einmal wöchentlich stattfindet, da fragt er immer nur, ob alles gut ist, wünscht mir alles Gute und ist wieder weg. Ein paar Mal habe ich ihn über die Gänge toben sehen. Nun drückte er uns die Hand, fragte, was ihm die Ehre verschaffe. Ich dachte, Simone redet, Simone dachte, ich rede, rumgedruckse, peinlich... "Kein Grund für euren Besuch? Wolltet ihr nur mal mein Zimmer sehen? Oder habt ihr was angestellt?"

Dann fingen wir beide gleichzeitig an, hörten nach einer Silbe wieder auf. Ich hasse sowas. Dann versuchte ich es nochmal: "Simone möchte gerne, dass ich mit ihr auf ein Trainingslager fahre." So ein Scheiß-Satz!!! Die Gegenfrage des Chefarztes war klar: "Und was möchten Sie?" Ich überlegte einen Moment, dann stammelte ich mir zurecht: "Naja, ich, ich weiß nicht, ich habe mir bislang, ich, Simone ist bisher die einzige, die glaubt, dass das funktioniert." Er fragte, wo das sei, wie lange, wer das leite, ob ich Lust dazu hätte. "Naja die Lust wäre schon riesig." Er griff zum Telefon. "Machen Sie mir mal bitte eine Verbindung zum Kostenträger von der Patientin hier."

Er nutzte die Wartezeit, um mich auszufragen, wie es denn weitergeht mit mir. Ich erzählte ihm vom Schulplatz, von der WG, ... dann klingelte das Telefon. "Ja, es geht um eine Beurlaubung von mehr als einer Nacht. Integration in eine Sportgruppe, die machen da so eine Wochenendveranstaltung und Sie wissen ja, Sport ist wichtig, und die Patientin ist motiviert und wir würden das befürworten. Ja, Antrag kommt dann. Ich danke Ihnen." Das waren keine 30 Sekunden. Als er aufgelegt hatte, sagte er: "Unter einer Bedingung: Ich möchte vorher mit dem Trainer sprechen und Sie überfordern sich da nicht. Wenn Ihnen was zu viel wird oder Sie mehr als ein paar Blasen an den Fingern bekommen, dann verbringen Sie den Rest auf der Bank! Das müssen Sie mir versprechen!"

Ich versprach. Bedankte mich höflich. Und verschwand. Ich hätte nie gedacht, dass daraus etwas wird. Ich war völlig verwirrt. Glücklich, aber verwirrt.

Samstag, 16. Mai 2009

Rotzraketen, Samthandschuhe und Weichspüler

Ich war heute morgen mit Simone und Cathleen beim Schnellfahr-Training. Zwölf Kilometer auf einem Sportplatz - morgen merke ich jeden Muskel. Aber es hat gut getan. Nächste Woche möchte ich zwei Mal am Schwimmtraining teilnehmen. Das habe ich mir fest vorgenommen, auch wenn ich dafür einige andere Therapietermine umwerfen muss.

Für das Schnellfahrtraining kann ich vorübergehend einen alten Renn-Rollstuhl von dem Trainer ausleihen. Das ist zwar, da er nicht genau passt, eher sub-optimal (wie Cathleen sagen würde), aber 1000 Mal besser als gar nichts. Wenn nur das Wetter etwas besser gewesen wäre. Es tröpfelte zwischendurch immer mal und es wehte trotz der sonst angenehmen 15 Grad ein eher kühler Wind.

Ich weiß nicht, ob es der kalte Wind war oder die 5000 Pollen, die zur Zeit pro Kubikmillimeter Luft herumfliegen (oder beides), jedenfalls fing mitten in der Trainingssequenz meine Nase zu laufen an. Eine Zeitlang kann man sich ja noch mit Hochziehen behelfen, nur irgendwann wird es lästig. Ich fragte Simone, als wir etwa auf gleicher Höhe waren, wie ich das Problem lösen kann, ob es vielleicht beim Trainer irgendwo eine Rolle mit Küchenpapier gibt oder ähnliches, die er mir reichen könnte.

Simone antwortete: "Frag lieber nicht, der lacht dich aus! Kennst du keine Rotzraketen?" - Ich so: "Bitte was?!" - Simone grinste. "Rotzraketen! Frag mal Cathleen."

Ich überlegte, ob das irgendein Hilfsmittel ist, das einem vom Trainer oder sonstwem zugeworfen werden kann, oder ob es sich eher um irgendeinen Schweinkram handelt. Simone, stets einen km/h schneller als ich, fuhr davon und Cathleen holte mich eine halbe Bahn später zum mindestens 15. Mal ein. Während sie überholte, fragte ich: "Sag mal, was ist eine Rotzrakete?" - Im Vorbeifahren murmelte Cathleen: "Auf gerader Strecke Kopf zur Seite drehen, ein Nasenloch zuhalten und kräftig durch das andere ausatmen. Am besten, wenn keiner direkt hinter dir ist - oder höchstens dein Gegner."

Igitt. Als Simone mich zum nächsten Mal überholte, sagte ich: "Das gibt doch eine riesengroße Sauerei." - Simone antwortete: "Triathlon ist kein Schönheitswettbewerb. Einfach ausprobieren. Im Wettkampf musst du das können." - "Und wenn es nicht klappt, hängt das alles in meinen Haaren oder was?" - "Quatsch, dafür drehst du dich doch zur Seite. Falls es nicht klappt, schnodderst du halt in deinen Ärmel."

Bääääh! Aber die beiden meinten das ernst. Eine Runde weiter, als ich auf der vom Trainer abgewandten Seite der Bahn war, drehte ich während der Fahrt meinen Kopf nach rechts, hielt mein linkes Nasenloch zu und ... lecker. Funktionierte. Andere Seite auch. Drei Runden später fragte Cathleen: "Hat's geklappt?" Ich nickte etwas beschämt. "Siehst du, aus dir wird noch eine richtige Triathletin. Die erste Ekel-Lektion hast du gelernt."

"Wieviele kommen denn noch?" fragte ich erstaunt. Cathleen antwortete: "Mindestens 20. Aber auch deswegen liebe ich diesen Sport. Es ist kein Platz für Samthandschuhe und Weichspüler."

Freitag, 15. Mai 2009

Ja, wir wollen eine WG

Wir, also Sofie mit Frank, Lina mit Liam, Luisa und ich, haben uns heute getroffen, sind zusammen zum Vermieter gefahren, haben ihm (er wollte es bis Ende der Woche wissen) erklärt, dass wir nach wie vor Interesse an der Wohnung haben (sogar sehr großes) und ihn gebeten, uns einen WG-Vertrag als Muster auszuhändigen, damit wir den vom Anwalt überprüfen lassen können. Wir waren gespannt, wie er reagiert und hatten mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass er sagt: "Klar, ich drucke Ihnen die Unterlagen aus, Sie können die in aller Ruhe prüfen und wenn Sie sich entschieden haben, machen wir einen Termin."

Inzwischen hat Frank, Verwaltungsjurist, zusammen mit einem Anwalt aus dem Sportverein den Vertrag überprüft und uns erklärt, was wichtig ist und was einzelne Klauseln bedeuten. Beide meinten, dass der Vertrag keine Fußangeln enthält. Es gibt keinen Hauptmieter, sondern es werden die Zimmer als "Zimmer in einer WG" vermietet, das Zimmer selbst ist abschließbar, die Gemeinschaftsräume dürfen mitbenutzt werden. So in etwa. Wenn man kündigen will, hat man 3 Monate Kündigungsfrist.

Neue Mieter können nur mit 3/4-Mehrheit einziehen. Das heißt, 75% der Stimmen müssen für den neuen Mieter sein. Der Vermieter hat 50% der Stimmen, der Rest wird aufgeteilt auf die Verträge, die weiterlaufen. Also wenn 1 auszieht und 5 wohnen bleiben, hat jeder von den 5 Leuten 10% der Stimmen. Wenn also 3 dagegen sind und nur 2 dafür, zieht der neue nicht ein. Plus: Jeder hat ein Veto-Recht aus wichtigem Grund. Wichtiger Grund könnte sein, dass dass der Ex von jemandem ist oder so. Auf den ersten Blick finde ich das gut.

Zur Wohnung gehört ein Geschirrspüler, eine Waschmaschine und ein Trockner sowie ein Herd. Überall ist Laminat, Fußbodenheizung, alles rollstuhlgerecht. Bis jetzt wollen alle einziehen. Nächsten Dienstag sollen die Verträge unterschrieben werden, aber von meinen Eltern habe ich bis heute noch keine vernünftige Auskunft bekommen, ob die das wollen oder nicht.

Danach haben wir uns zusammengesetzt und eine Liste fertig gemacht, wie wir uns das vorstellen in der WG. Die meisten Punkte kamen von mir, ich hatte dafür extra in einem Forum angefragt bei Leuten, die selbst in einer WG wohnen. Frank hat das so formuliert:
1. Es gibt keine regelmäßigen gemeinsamen Aktivitäten. Das schließt spontane Verabredungen einiger oder aller Bewohner zu gemeinsamen Aktivitäten nicht aus. Zweimal pro Monat soll eine WG-Konferenz stattfinden. Der jeweilige Termin wird abgestimmt.

2. Niemand ist verpflichtet, am WG-Leben teilzunehmen (WG-Konferenz ausgenommen). Jeder soll aber respektieren, dass es solches gibt und angestrebt wird.

3. Anschaffungen und Einkäufe, die allen zugute kommen sollen, werden pro Kopf umgelegt. Anschaffungen, die teurer als 10 Euro pro Stück sind, müssen genehmigt werden. Eigene Lebensmittel im Kühl- oder Gefrierschrank sind zu kennzeichnen.

4. Die Reinigung der gemeinsamen Räume wird extern beauftragt. Die Kosten dafür werden umgelegt, soweit sie nicht durch Dritte getragen werden.

5. Besuch über Nacht ist den anderen kurz vorzustellen. Besuch, der länger als 5 Tage bleibt, soll mit allen anderen abgesprochen werden. Besuch hat unbegleitet nicht in Gruppenräumen zu verweilen.
Klingt doch alles schonmal sehr gut, oder? Mit ein wenig Glück habe ich in 14 Tagen eine eigene Wohnung (auch wenn ich dann sicher noch nicht sofort entlassen werde). Allerdings könnte das mit den Eltern noch ein harter Kampf werden.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Ein Kaffee für einen Schulplatz

Ich habe auf den Rat der netten Sachgebietsleiterin in der Schulbehörde gehört und bei dem Gymnasium mit Schwerpunkt "Pädagogik/Psychologie" angerufen und gefragt, ob ich mir die Schule ansehen dürfte. "Dürfen Sie gerne, nur die Bewerbungsfristen für das kommende Schuljahr sind schon lange abgelaufen." Ich habe erstmal nichts gesagt, sondern habe mich heute auf den Weg gemacht.

Ich wollte mich auf der Station abmelden, brauche von der Ärztin einen Ausgangsschein. "Wo sollen wir denn so schnell eine Begleitung für Dich herkriegen?!" - "Nix Begleitung, ich fahr alleine." Zack.

"Sicher?" - "Sicher." Herzklopfen. Durchdringende Blicke der Stationsärztin. Genaue Musterung. Dann die Erlösung: Sie zückte den Stift. Nichts wie raus. Ich hatte Glück und habe den Schnellbus erwischt, der bis zum Hauptbahnhof durchfährt. Von dort weiter nach Eppendorf - und dort traf mich der Schlag. Die Schule habe ich auf Anhieb gefunden, aber ich dachte, die sei rollstuhlgerecht?! Stufen, Treppen, Altbau ... ich fass es nicht. Wollen die mich alle nur verarschen?

Ich bin ins Geschäftszimmer gerollt, dorthin kam ich wenigstens. "Ich wollte mir eigentlich mal das Gebäude ansehen, weil ich noch eine Schule suche." - "Da kommen Sie aber reichlich spät, die Bewerbungsfristen sind schon abgelaufen." - "Ich komme jetzt direkt aus dem Krankenhaus und habe ein Jahr dort gelegen. Ich werde jetzt bald entlassen und möchte weiter zur Schule."

Der Oberstufenleiter wurde angerufen und kam sofort aus dem Nebenzimmer. Auch er redete von Bewerbungsfristen. Dass das Haus gar nicht rollstuhlgerecht ist, erwähnte er mit keinem Wort. Ich erzählte ihm von meinem fast einjährigen Krankenhausaufenthalt. Er sagte: "Ich habe jetzt eine halbe Stunde für Sie. Lassen Sie uns reden. Wir müssen nur einen Raum finden, in mein Büro kommen Sie nicht rein." Die Angestellte aus dem Geschäftszimmer sagte, dass alle Räume im Erdgeschoss belegt seien. "Sie kommen jetzt extra vom Krankenhaus hierher, oder?" Ich nickte. Er biss sich auf die Unterlippe.

"Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Schräg gegenüber ist ein Bäcker. Ich lade Sie schnell auf einen Kaffee ein und dann reden wir dort." Dem Oberstufenleiter fielen fast die Augen aus. Dachte er, ich wollte ihn bestechen? Es sollte nur eine nette Geste sein! Er schluckte. Nickte. Sammelte einige Blätter zusammen und wir gingen los.

Ich erzählte ihm von meiner bisherigen Schule, von meinem Unfall, vom Krankenhaus, von der Situation mit den Eltern, von meinen WG-Plänen, dass ich Abi machen möchte, dass ich mir schon etwas in Richtung Pädagogik vorstellen kann im späteren Berufsleben oder Studium, dass ich, falls ich mir das anders überlegen sollte, auf jeden Fall mein Abi habe und vielleicht noch das eine oder andere lerne, um meine persönliche Situation besser in den Griff zu bekommen, ...

Und nebenbei erfuhr ich auch, dass in "meinem" Jahrgang noch zwei weitere gehbehinderte Schülerinnen sind, eine auch im Rollstuhl, dass die Schule ab nächstem Schuljahr in einem 100% rollstuhlgerechten Neubau, direkt an einer U-Bahn-Station untergebracht ist, dass ich zwei Büchersätze bekommen kann, um nicht so viel schleppen zu müssen, dass ich mein von der Unfallkasse vorgegebenes maximales Stundenpensum einhalten darf (wenn ich denn zu Hause nacharbeite), dass ich einen unterfahrbaren Tisch bekomme, und und und.

Den Kaffee und den Kakao hat er bezahlt. Er war davon nicht abzubringen. "Sie dürfen sich anmelden. Sie haben mich überzeugt, eine Ausnahme zu machen. Wissen Sie, was genau mich überzeugt hat?" Ich schüttelte den Kopf. "Der Kaffee. Das ist mir selten passiert, dass eine Schülerin vor mir mein Problem gelöst hat." Ich grinste. Und fühlte mich geschmeichelt.

Ich habe den Schulplatz.

Montag, 11. Mai 2009

Da war wohl jemand einfach nur zu faul

Ich habe heute morgen wohl 20 Mal versucht, diese Rufnummer zu wählen, entweder war besetzt oder es ging keiner ran. Alle 15 Minuten habe ich es einmal 90 Sekunden durchklingeln lassen. Nichts zu machen. Beim Schulauskunfts-Service ist keiner zu erreichen.

Dann so gegen 11 hatte ich jemanden am Telefon. Ich habe ihr nochmal geschildert, was ich von ihr möchte und dass ich hierzu schon eine Auskunft bekommen habe, die mir aber nicht weiter hilft und mit der ich nicht zufrieden bin.

Und da sagte doch die Dame: "Da kann ich Sie verstehen. Das wäre ich an Ihrer Stelle mit so einer Auskunft auch nicht. Sie ist so auch nicht korrekt. Es steht mir nur nicht zu, etwas gegen meinen Kollegen zu sagen, daher stelle ich Sie zur Sachgebietsleiterin durch. Einen Moment bitte."

Ich hatte sowieso schon einen Puls von 200, der sich dann spontan nochmal auf 250 hochdrehte. Es dauerte einige Zeit, dann meldete sich eine sehr freundliche Dame, die mir sagte, dass ihre Kollegin ihr schon erzählt hatte, worum es geht.

Ich soll ihr doch die Mail bitte zuschicken und sie schickt mir dann einige Informationen zurück. Der kollege hat nicht recht damit, dass es in Hamburg kein rollstuhlgerechtes Gymnasium gibt. Bis auf sechs Ausnahmen sind alle 60 Hamburger Gymnasien mit dem Rollstuhl zugänglich. Bei einigen Altbauten müssen Kompromisse gemacht werden, wie z.B. Unterricht in anderen Räumen, kein Zugang zur Schulkantine, Toilette im Nebengebäude, Eingang auf der Rückseite usw. Das wäre ja alles kein Problem. Aber der Kollege hatte wohl nebenbei noch etwas anderes im Kopf: Der jetzige 12. Jahrgang ist der letzte, der noch 9-stufig unterrichtet wird.

Alle 11. Jahrgänge, die jetzt anfangen, sind 8-stufig, das heißt, der Einstieg würde mir verdammt schwer fallen, weil viele Dinge dort in Klasse 8, 9 und 10 vorgezogen worden sind, die bei der 9-stufigen Schule erst in Klasse 11 und 12 drankommen.

Es gibt vier oder fünf Schulen, die noch parallel 8- und 9-stufig anbieten, um die Wiederholer abzufangen. Das sind die großen Schulen. Und nun kommts: Die großen Schulen sind in Hamburg allesamt die alten Häuser aus dem vorigen Jahrhundert, die nicht rollstuhlgerecht sind. Das hatte der Kollege gemeint, hatte aber wohl keinen Bock, so viel zu tippen. Das geht so nicht, sie wird mit dem Kollegen reden, aber es ändert nichts an der Sache.

Ich könnte aber eine Gesamtschule besuchen, oder, und das würde sie mir empfehlen, ein Schwerpunkt-Gymnasium. Entweder Wirtschaft, Pädagogik oder Technik. Das wird vermehrt von behinderten Menschen und von Leuten auf dem zweiten Bildungsweg gemacht, die über eine Berufsausbildung einen Oberstufenzugang bekommen haben. Dort bin ich aus ihrer Sicht besser aufgehoben als in einer Gesamtschule. Aber die Entscheidung steht mir natürlich frei. Die Schwerpunkt-Gymnasien haben 3 Jahre Oberstufe.

Ein weiteres Problem ist, dass die Bewerbungsfristen für die Schulen schon lange abgelaufen sind. Hier soll ich bitte sofort einen Antrag an die Schulbehörde stellen, zusammen mit einer Bescheinigung des Krankenhauses, in dem ich immernoch bin. Wenn ich das alles nachweisen kann, bekomme ich von dort eine Befreiung von der Bewerbungsfrist, an die die Schule, in der ich mich bewerben will, gebunden ist, es sei denn, dass die wirklich schon überfüllt ist. Wenn ich direkt an den Schulen frage, werden viele ablehnen.

Außerdem gibt es verschiedene persönliche Hilfen, die ich beantragen kann. Hierfür soll ich einen formlosen Antrag zu dem anderen Antrag auf die Bewerbungsfrist-Ausnahme dazu packen, dass ich um eine Beratung zu Fördermöglichkeiten durch die Schulbehörde bitte.

Na also! Geht doch. Hätten sie gleich drei Sätze mehr geschrieben, hätte ich mich gar nicht erst so aufgeregt.

Sonntag, 10. Mai 2009

Sonderpädagogischer Förderbedarf

Dass die Suche nach einer Schule für mich nicht einfach werden wird, war mir von vornherein klar. Immerhin sind, gerade in Hamburg, sehr viele Schulgebäude bereits sehr betagt und damit gebaut in einer Zeit, in der Rollstuhlfahrer nur ausnahmsweise ein Recht auf angemessene Bildung hatten.

Als ich heute nacht mein Online-Mailpostfach aufräumte, fand ich im Spam-Ordner eine Antwort der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung auf eine Anfrage, die ich vor einigen Wochen dort gestellt hatte. Ich hatte in einem Absatz geschrieben, dass ich für das Schuljahr 2009/2010 auf der Suche nach einem rollstuhlgerechten Gymnasium bin. Die Antwort der Schulbehörde:
"Sehr geehrte Frau ..., wir bedanken uns für Ihre Anfrage und teilen Ihnen mit, dass es in Hamburg kein rollstuhlgerechtes Gymnasium gibt. Die schulische Erziehung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf wird durch individuelle Integrationsmaßnahmen, Integrationsklassen und Sonderschulen sichergestellt. Über Art und Umfang einer Fördermaßnahme entscheidet im Einzelfall die Schulbehörde im Rahmen eines Feststellungsverfahrens."
Häh? Was? Eine Millionenstadt wie Hamburg hat in 2010 noch immer kein einziges Gymnasium so aus- oder umgebaut, dass man mit einem Rollstuhl dort am Unterricht teilnehmen kann? Und wer will mich erziehen? Mir wäre es lieber (und vor allem wichtiger), wenn ich was lernen dürfte!

Und was ist denn bitte sonderpädagogischer Förderbedarf? Ich möchte lediglich sitzend in den Klassenraum rollen und nicht laufend auf zwei Beinen. Braucht man dafür ein Feststellungsverfahren? Das hört sich fast so an, als wenn mein Schulbesuch zum Schuljahr 2019/20 weitergeht. Unfassbar, diese gebündelte Kompetenz - ich sage es lieber nicht zu laut, bevor ich noch jemandem in die Suppe spucke.

Samstag, 9. Mai 2009

Butterweiche Stinkesocke goes Ironwoman

Vor einigen Wochen, als Simone mich fragte, ob ich mit ihr zum Training möchte, habe ich es mir äußerst langweilig vorgestellt, mit einem Rennrollstuhl zahllose Runden auf einem Sportplatz zu drehen. Es ist auch bei weitem nicht so unterhaltsam wie Basketball - aber dennoch spannend. Während beim Basketball eher schnelle Reaktionen, Koordination, Weitblick und Teamgeist gefragt sind, absolviert man hier eine stupide Ausdauerleistung, in der Simone natürlich mindestens 100 Mal besser ist als ich. Allerdings: Ein soooo schlechtes Bild habe ich heute, nach dem 2. Mal, wohl nicht abgegeben, immerhin fragte mich der Trainer, ob das nicht was für mich sei.

"Was denn konkret? Mir einen teuren, sperrigen Rennrollstuhl kaufen und für 90 Minuten um einen Sportplatz fahren?" Keineswegs. Er meinte, ich hätte großes Potential und einen guten Körperbau, er könnte sich durchaus vorstellen, dass ich, wenn ich regelmäßig und intensiv trainiere, gut in das Triathlon-Team von Simone passen würde.

Triathlon?! Die butterweiche Stinkesocke als Ironwoman? Na gut, das mit dem Schwimmen klappt sehr gut und ich schwimme gerne, meine Figur beim Schnellfahren war wohl auch nicht die schlechteste, fehlt noch Handbiken. Das habe ich dann anschließend auch gleich nochmal ausprobiert. Leider hatten sie kein vernünftiges Bike in meiner Größe, aber das, was sie dort hatten, war trotzdem genial. Großer, abgesperrter Parkplatz, optimale Bedingungen, bei 40 km/h (ohne Training!) habe ich gedacht: Das reicht für's Erste.

Also das wäre schon genial. Ich glaube schon, dass ich das ernsthaft ausprobieren möchte. Was mich ein wenig stört, ist, dass man bei diesem Sport eine gute Einzelleistung erbringen muss. Man ist Einzelkämpfer und muss besser sein als andere. Beim Basketball gibt es wenigstens noch eine Art Teamgeist, auch wenn immer zwei Teams gegeneinander spielen. Allerdings gehört Simone auch zu einer festen Gruppe, die wohl stets gemeinsam trainiert und startet. Eine aus der Gruppe, Cathleen, habe ich heute kennen gelernt. Sie ist im gleichen Alter wie Simone (15), sehr nett und war mir gegenüber sofort sehr aufgeschlossen.

Auf jeden Fall will ich ein nächstes Mal zum Training. Simone freut sich.

Ich auch.

Donnerstag, 7. Mai 2009

Bilder von der Wohnungsbesichtigung

Wir haben uns heute alle zusammen unsere (vermutlich) zukünftige Wohnung angesehen und waren schwer beeindruckt. Es gibt auch einige Bilder:


Eingang in den Gruppenraum


Zimmer von Frank und Sofie mit eigenem Balkon


Balkon


Küche


Küche


Zimmer von Lina und Liam mit eigenem Bad


Zimmer von Lina und Liam mit eigenem Bad


Gemeinschaftsbad


Dusche im Gemeinschaftsbad


Abstellraum, z.B. für Sportrollstühle


Ich werde nun als nächstes meine Eltern fragen müssen, ob sie damit einverstanden sind, wenn ich mit den anderen diese WG gründe. Liam und Lina möchten auf jeden Fall, Sofie und Frank möchten auch unbedingt, allerdings muss Sofie, die noch bei ihrer Mutter wohnt, noch klären, wie sie ihren Anteil finanziert bekommt, da sie noch in der Ausbildung steckt. Luisa hat sich zwar bei der Besichtigung zurück gehalten, sagte danach aber, dass sie ebenfalls mit uns dorthin ziehen möchte.

Meinte Eltern werden zwar grundsätzlich dagegen sein, werden sich aber wohl kaum gegen diese Entscheidung durchsetzen können. Ihr Haus ist nicht rollstuhlgerecht, bliebe nur ein Umzug (den mein Vater kategorisch ausgeschlossen hat) oder meine "Unterbringung" in einer betreuten WG. Aber ich glaube nicht, dass das eine Alternative zu dieser Möglichkeit hier ist, vor allem, weil man auch hier eine Betreuung durch einen Sozialdienst arrangieren könnte, wenn jemand meint, dass das noch nötig ist. Beispielsweise wohnt Frank bereits in einer eigenen Wohnung - wir sind also kein Haufen aus komplett unerfahrenen Hühnern.

Am liebsten würde ich dort nächste Woche einziehen. Aber ich will auch nichts überstürzen und es mir alles sehr gut überlegen.

Dienstag, 5. Mai 2009

Da gäbe es wirklich eine Möglichkeit!

Es scheint doch nicht so aussichtslos zu sein wie ich gestern dachte. Liam und Lina haben heute bei der zentralen Wohnungsvergabestelle für Rollstuhlfahrer in Hamburg nachgefragt und sofort eine Antwort bekommen. Im Bezirk Eimsbüttel sei seit Oktober 2008 eine rollstuhlgerechte Wohnung frei, die sich wegen ihrer Größe (6 Zimmer) optimal als WG-Wohnung eignen würde. Es handele sich um einen Erstbezug.

Die Anzahl der Zimmer ist zwar nicht das, was wir uns vorgestellt haben, da es so "nur" 5 Zimmer plus einen Gemeinschaftsraum mit Küche geben würde. Ultimative Bedingung war eigentlich, dass jeder ein Zimmer bekommen kann. Sollten wirklich alle 6 Leute dort wohnen wollen, fehlen 2 Zimmer. Die Dame von der Vergabestelle meinte jedoch, dass die Wohnung so großzügig geschnitten sei, dass sie sich vorstellen könne, dass Paare mit einem gemeinsamen Zimmer auskämen. So hätte eins dieser "Paarzimmer" über 40 Quadratmeter Größe, ein weiteres weit über 30, jedoch mit eigenem und nur über dieses Zimmer erreichbaren Duschbad.

"Fragen kostet erstmal nichts", dachte sich Liam und hat bei dem Vermieter angerufen. Ob er nun endlich seinen Leerstand befüllt wissen will oder ob er wirklich Interesse hat, weiß ich nicht, ist mir ehrlich gesagt auch egal, jedenfalls hat er sich grundsätzlich bereit erklärt für eine WG-Lösung. Er wäre sogar bereit, mit jedem einzelnen einen WG-Mietvertrag zu schließen, was wohl ein sehr großes Entgegenkommen bedeutet.

Mit dieser Neuigkeit und etlichen weiteren Informationen, die ihm vom Vermieter per Mail zugeschickt wurden, kamen Liam und Lina mich heute erneut besuchen. Ich muss sagen, ich bin schwer beeindruckt. Das liest sich erstmal alles sehr gut. Auch Luisa und das andere Paar, Frank und Sofie, könnten sich das vorstellen. Eine mögliche Aufteilung:
  • Liam und Lina: 37 m² großes Zimmer mit eig. Duschbad
  • Frank und Sofie: 46 m² großes Zimmer mit eigenem Balkon
  • Luisa: 12 m² großes "Kinderzimmer 1"
  • Ich: 12 m² großes "Kinderzimmer 2"
Dazu gibt es ein Bad von 9,5 m² mit Behindertendusche, ein 11 m² großes Bad mit Badewanne und ein 3,5 m² großes Gäste-WC. (Plus das Bad am Zimmer von Liam und Lina.) Ein Gemeinschaftsraum, eigentlich ein Wohnzimmer mit eingebauter Küche, ist rund 35 m² groß und wäre dann von allen nutzbar. Hinzu kommt noch (sehr gut!) ein 8 m² großer Abstellraum, zum Beispiel für Sportrollstühle. Ferner gehört ein großer Keller zur Wohnung, zwei Stellplätze. Das Haus liegt in einer Sackgasse. Zur S-Bahn sind es 600 Meter. Keine Einflugschneise, keine Autobahn, kein Lärm. Aber ein Fahrstuhl.

Zu den Kosten: Die Wohnung hat insgesamt fast 250 m². Der Vermieter hat es ausgerechnet und würde die gemeinsamen Räume zu jeweils ein Sechstel pro Person berücksichtigen; die Zimmer nach Quadratmeter. Dann hätten zu zahlen:
  • Liam und Lina: 2 x 390 Euro (780 Euro)
  • Frank und Sofie: 2 x 441 Euro (882 Euro)
  • Luisa: 332 Euro
  • Ich: 332 Euro
Das sind jeweils Warmmieten. Für ein 12 Quadratmeter großes WG-Zimmer, rollstuhlgerecht, Erstbezug, Großstadt, kann ich da wohl nicht meckern. Lediglich die Paare müssen zusammen ganz schön was berappen, allerdings waren die nicht sofort abgeschreckt. Vielleicht gibt es noch von irgendwoher einen Zuschuss?

Auf jeden Fall wollen wir in den nächsten Tagen alle zusammen einen Besichtigungstermin vereinbaren. Entweder verlieben wir uns dann alle in diese Wohnung oder es hat sich damit erledigt - einen Grund muss es ja haben, dass ein Neubau so lange leer steht.

Montag, 4. Mai 2009

Eine total behinderte Wohngemeinschaft

Es gibt eine große Neuigkeit. Lina mit Liam und auch Luisa (was für eine ungewollte Alliteration!) interessieren sich nun definitiv für eine gemeinsame WG. Mit mir! Sie könnten sich, wie sie mir heute bei einem sehr netten "Kranken-" Besuch erzählt haben, sehr gut vorstellen, eine gemeinsame WG zu gründen. Voraussetzung ist allerdings, dass jeder ein eigenes, vernünftig großes Zimmer hat und ein gemeinsamer Raum übrig bleibt. Dazu muss die Wohnung rollstuhlgerecht sein und vom Vermieter an eine WG vermietet werden. Das dürfte fast aussichtslos sein. Aber trotzdem bin ich optimistisch und freue mich sehr. Ich möchte es versuchen.

In Hamburg gibt es von der Stadt eine Vergabeliste für rollstuhlgerechte Wohnungen. Laut Liam könnten wir in zwei Ghettos sofort eine bekommen. Aber wer will dorthin, wo man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr alleine auf die Straße kann, noch dazu als Frau oder Mädchen im Rollstuhl? Für alles andere gibt es eine lange Warteliste. In dringenden Fällen kann es sein, dass man nur 18 Monate warten muss, ansonsten geht man von einer Regelzeit von drei bis vier Jahren aus. Holla!

Und dann ist man natürlich nicht vorbereitet auf eine Rolli-WG. So etwas bietet der soziale Wohnungsbau gar nicht. Und auf dem freien Wohnungsmarkt sind behindertengerechte Wohnungen so gut wie gar nicht zu bekommen. Hinzu kommt, dass wir alle nicht obdachlos sind, so dass es keinen Dringlichkeitsschein gibt. Ohne Dringlichkeitsschein steht man immer hintenan und müsste sogar nicht behinderte Obdachlose in eine behindertengerechte Wohnung vorlassen.

Der Kampf scheint aussichtslos. Aber auf der anderen Seite sind wir alle überzeugt, dass in einer Großstadt wie Hamburg doch irgendetwas möglich sein muss. Liam, der laufende Partner von der rollenden Lina, erwähnte, dass auch ein weiteres Paar, Sofie und Frank, beide Rollstuhlfahrer, großes Interesse angemeldet hätte. Geht man davon aus, dass jeder ein eigenes Zimmer haben sowie ein Gruppenraum vorhanden sein soll, würden wir 7 Zimmer brauchen. Das macht die Suche, die schon mit 5 Zimmern aussichtslos scheint, nicht leichter.

Schaun wir mal. Voller Zuversicht.