Montag, 30. März 2009

Eine Tablette für mehr Normalität

Ich finde sie äußerst unangenehm, die Harnblasen-Untersuchung. Über einen Katheter wird die Blase mit Flüssigkeit gefüllt, um die Druckverhältnisse zu untersuchen. Da die Harnblase über den untersten Bereich des Rückenmarks mit Nervenimpulsen versorgt wird, gibt es bei jeder Nervenschädigung im Rücken automatisch Probleme mit der Blase. In meinem Fall zieht sich der Blasenmuskel zu stark und zu unkontrolliert zusammen, so dass in der Blase ein zu hoher Druck entsteht. In der Folge kann Urin in die Nieren zurückgestaut werden, was diese überhaupt nicht lustig finden.

Um das unkontrollierte Verkrampfen der Blasenmuskulatur zu verringern, bekomme ich Oxybutinin. Wie viele andere Querschnittgelähmte. Das habe ich bisher gut vertragen und das ist in der Dosierung auch korrekt, fand der Urologe. Doch er meinte, dass er mir bei meiner Inkontinenz weiterhelfen könnte. Bisher ist es so, dass ich kaum Kontrolle über meine Blase habe. Sobald ich merke, dass ich pinkeln muss, brauche ich sofort eine Toilette. Wenn ich mich dann noch intensiv bewege oder bestimmte Muskeln anspanne (zum Beispiel beim Transfer), gibt es kein Halten mehr. Das bedeutet: Außerhalb der eigenen vier Wände brauche ich Pampers.

Davon könnte er mich befreien, meinte der Urologe. Eine Tablette mit Namen "Mictonorm" soll mir dabei helfen. Sie soll die Miktion (als die Harnentleerung) normalisieren. Sagt ja schon der Name. Und was soll ich sagen? Es verändert was. Trotz intensivem Harndrang passiert zunächst nichts. Nichts läuft ungefragt aus. Eine deutliche Wirkung.

Aber wie jede Verbesserung hat auch diese eine Kehrseite: Wenn ich dann auf Klo sitze, kommt nur noch ein Teil dessen raus, was in der Blase ist. Der Rest, etwa 150 ml, bleibt drin. Die Blase wird nie ganz leer, "Restharn" nennt das der Fachmann. Im Klartext heißt das: Ich muss die Blase über einen Katheter entleeren, der hierfür kurzzeitig durch die Harnröhre eingeführt und danach sofort wieder entfernt wird.

Auch damit könnte ich leben. Wie viele andere Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen, die vierstündiges Kathetern einem ständigen Windeltragen vorziehen. Womit ich aber nicht leben kann, ist, dass ich nun bereits Harndrang verspüre, wenn die Blase gerade mal halb voll ist. Das nervt ziemlich, wenn man ständig denkt, man muss auf die Toilette. Und dieser Harndrang verändert sich auch nicht, wenn die Blase voller wird. Irgendwann ist sie so voll, dass sie wieder überläuft. Kurzum: Mictonorm erreicht bei mir zwar, dass ich meinen Urin eine längere Zeit halten kann, führt aber zu einem fast ständigen Harndrang. Und dazu, dass ich mich kathetern muss, was vorher nicht der Fall war. Und dazu, dass ich nicht mehr weiß, wann ich nun wirklich auf die Toilette muss.

Das fand auch der Urologe nicht gut und meinte, dass dann Oxybutinin erhöht werden muss. Das haben wir nun zwei Tage ausprobiert, mit dem Ergebnis, dass zwar der permanente Harndrang weg ist, dafür bleibt aber der Restharn und ich werde wieder nass, allerdings ohne das zu merken. Und ich bekomme von der hohen Oxybutinin-Dosis einen trockenen Mund.

Soviel zum Thema "Tablette für mehr Normalität". Ich nehme nun wieder die Oxybutinin-Dosierung, mit der ich anfangs am besten klar gekommen bin, muss mich nicht mehr kathetern, habe keinen Restharn mehr - dafür aber einen stets zu langen Weg zur Toilette, solange ich nicht zu Hause bin.

Dienstag, 24. März 2009

Mein Abschied aus dem bürgerlichen Leben

Ich habe gestern abend im ersten Anlauf meine praktische Fahrprüfung bestanden. Eine Sache ist zwar nicht ganz optimal gelaufen, der Prüfer meinte, die war grenzwertig, aber ich hab das Ding und das ist alles was zählt. Ich bin richtig stolz auf mich, dass ich das geschafft habe. (Auch wenn das bißchen eingebildet klingt.)

Meine Wangen glühten ungefähr auf 60 Grad und ich hätte alle umarmen können und wollte das heute morgen natürlich gleich auch meiner Familie erzählen. Also hab ich mich ans Telefon geklemmt. Bei meinen Großeltern habe ich niemanden erreicht. Bei meinen Eltern ging mein Vater ans Telefon. Der meinte gleich: "Was willst du?"

Ich habe dann höflich geantwortet: "Ich wollte dir erzählen, dass ich gestern meine Führerscheinprüfung bestanden habe." Dann sagt er: "Aha. Das nehme ich dann mal so zur Kenntnis."

Ich dachte nur: Oh nein!!! Und habe dann gefragt: "Kannst du dich denn gar nicht freuen?" Darauf sagt er: "Soll ich das gut finden, wenn du dich immer mehr aus dem bürgerlichen Leben verabschiedest? Ich gratuliere dir zu diesem wichtigen Schritt im Leben, aber einverstanden bin ich damit nicht. Aber ich denke, das weißt du auch."

Ich habe meinen ganzen Mut zusammengenommen und geantwortet: "Aber du und Mama, ihr habt doch beide unterschrieben, dass ihr einverstanden seid." Da sagt er: "Ja, weil wir keine Lust hatten, dass du uns noch einmal einen Richter auf den Hals hetzt." Da habe ich aufgelegt.

Heute nachmittag kam die Schwester meiner Oma zu Besuch. Sie sagte, dass sie sich Sorgen um meine Eltern macht, weil sie sich heute wegen mir heftig gestritten haben und meine Mutter sich bei meiner Oma ausgeheult hat, und die erträgt das nicht mehr in ihrem Alter. Die hat dann ihre Schwester (also die, die zu besuch kam) angerufen. Und das geht so alles nicht und ob ich mich nicht mal ein bißchen zurückhalten kann mit meinen -und nun kommts- Lügengeschichten.

Ich so: "Was denn für Lügengeschichten?!?" Ich wusste echt nicht, wovon die redet. "Ja", meinte sie, ich würde nur rumlügen. Ich habe dann gefragt: "Wo soll ich gelogen haben?" Da sagte sie: "Nun stell dich nicht döfer als du bist, das weißt du ganz genau." Ey hallo? Ich hab wirklich nicht gelogen! Auf jeden Fall nicht absichtlich, ich schwöre! Ich weiß gar nicht, was die von mir wollte. Ich hab sie dann gefragt, ob sie mich jetzt in Ruhe lassen kann. Da sagte sie: "Du kannst nicht immer aus jeder Situation nur fliehen."

Und da ist mir so richtig der Kragen geplatzt. Aber so richtig heftig. Ich habe sie angebrüllt, ob sie glaubt, dass sie der liebe Gott ist, und ob sie überhaupt merkt, was sie da für einen Müll redet. Ich habe ihr erzählt, dass ich wohl kaum aus der Situation fliehe, in der ich mich befinde, und dass das der größte Scheiß ist, den ich je in meinem Leben gehört habe. Ich habe einen richtigen Wutausbruch gekriegt und sie angebrüllt so laut ich konnte. Ich hatte hinterher richtig Kopfschmerzen. Sie hat gar nichts mehr gesagt, nicht ein Wort mehr. Meine Zimmernachbarin ist gleich raus und hat die Tür hinter sich zugemacht. Das ging bestimmt 3 Minuten, dann ist sie raus und murmelte irgendwas mit: "Du schreist mich hier nicht an. Du nicht." Als die Tür zu war, hab ich ihr noch ein Glas hinterher geworfen. So kenn ich mich nicht. Das hab ich noch nie gemacht. Bißchen peinlich, normalerweise raste ich nicht so aus.

Das einzige, was die Schwester sagte, als sie irgendwann reinkam und fragte, ob ich wieder abgekühlt bin, ich soll nicht auf Türen werfen, wenn in dem Moment einer (vielleicht sogar noch der falsche) reinkommt, kann das übel ausgehen. "Ja tut mir Leid, ich feg das weg..."

Heute abend war ich beim Training. Die eine, mit der ich mal mitgefahren bin, Yvonne heißt sie, kam direkt von der Arbeit und fragte gleich: "Was macht denn dein Führerschein?" - Ich so: "Bestanden." - "Wie was?! Ich will sehen!!" Dann machte das erstmal die Runde und alle haben gratuliert, und ich hatte echt das Gefühl, die haben sich alle wirklich gefreut. Vor allem ist nach uns noch eine andere Gruppe dran, und die wussten das auch alle sofort, ohne dass ich was gesagt hab, und da haben auch noch einige gratuliert. Also die haben sich wirklich mit gefreut und das hat so ein bißchen darüber hinweg getröstet über den anderen Scheiß.

Ich hab dann noch beim Duschen mit einer kurz geredet, die in meinem Alter ist, und hab das mit meinem Vater erzählt. Die meinte nur: "Bescheuert. Manchmal wird man da echt nicht draus schlau."

Im Moment überlege ich echt, ob ich mich einfach erst mal nicht mehr dort melde und nur hoffe, dass die mich aus ihrem Streit rauslassen. Klingt vielleicht egoistisch, aber ist wenigstens ehrlich.

Montag, 23. März 2009

Kuschelstunde im Whirlpool

Das hier ist eindeutig ein Beziehungsproblem... Weil ich noch nie eine Beziehung hatte und sich aus dem, was mich gerade verwirrt, auch keine entwickeln wird.

Ich hatte noch nie was mit einem Typen. Nicht mal Händchen halten. Bin wohl Spätzünderin. Typen interessieren mich, Mädels eigentlich nicht. Dachte ich.

Ich habe vor achteinhalb Monaten einen schweren Verkehrsunfall gehabt. Da war ich gerade noch 15. Seitdem bin ich im Krankenhaus. Ich werde wohl bald entlassen, vielleicht noch 1 oder 2 Monate. Höchstens 3. Mir war weder nach Kuscheln noch nach Sex. Ich hab über 8 Monate meine Regel nicht mehr gekriegt. Jetzt war es vor kurzem endlich wieder so weit.

Am letzten Sonntag war ich mit Simone, die ich neu beim Sport kennen gelernt habe, schwimmen. Zu zweit in einem Hallenbad. Simone ist 15, also rund ein Jahr jünger als ich. Ich habe sie beim Sport kennen gelernt und finde sie nett. Wir sind bißchen rumgeschwommen und plötzlich fing sie an, mich nass zu spritzen und mit mir zu kämpfen, aber freundschaftlich, nicht böse. Dann sind wir in den Whirlpool und haben uns da hingesetzt und gequatscht. Bestimmt eine halbe Stunde.

Ich weiß nicht mehr, wie es angefangen hat, plötzlich hat sie mich umarmt und meinte: Lass dich mal knuddeln. Sie hat mich dann ganz fest geknuddelt und auch ganz lange und sich auch richtig fest an mich rangedrückt. Ich fands irgendwie schön. Ich meinte so, dass ich im Moment Kuschelentzug hab, weil ich keinen Typen hab und so, und dann meinte sie, sie auch und jetzt ein Typ wär doch gut. Und dann sagte sie: Zwei wären besser, jeder einen. Obwohl Gruppenkuscheln zu Dritt wär auch lustig. Das war halt alles nur Blödsinn, also so daher gesagt.

Jedenfalls hat sie mich dann angeguckt und plötzlich mir einen Kuss auf die Wange gegeben und gesagt: Kannst auch von mir einen Kuss kriegen. Dann hab ich ihr auf die Wange auch einen gegeben. Ja hört sich kindisch an, ich fands aber spannend.

Dann meinte sie: Aber auf den Mund kriege ich keinen, das kriegen nur Freunde (also Partnerschaft). Dann hab ich so aus Spaß "Schade" gesagt, sie hat aber nur gegrinst. Dann haben wir echt so fünf Minuten oder so gekuschelt. Also so ganz eng aneinander gekuschelt. Ich hatte total Schmetterlinge im Bauch, das war nicht nur die Nähe, sondern dieser "fremde" Mensch, diese Nähe, ihre Haut an meiner, diese total ungewöhnliche und verwirrende Situation. Es war total schön und ich hätte mit ihr am liebsten noch ne Stunde gekuschelt.

Ich könnte mir nicht vorstellen, mit ihr was anzufangen. Ich steh nicht auf Frauen. Also Zungenkuss oder so ... igitt, nee. Aber da im Pool kuscheln fand ich total toll. 

Wir waren danach noch Essen und haben uns nur noch zum Abschied einmal kurz umarmt. Das war alles so ok für sie, glaube ich. Trotzdem habe ich bißchen Angst, dass sie irgendwas falsch verstanden hat oder sich was ausmalt, was nicht den Tatsachen entspricht. Und ich bin total verwirrt, weil ich mir bis vor einem halben Jahr nie und nimmer vorstellen konnte, dass ich mit einem Mädel in aller Öffentlichkeit kuschel und sie küsse. So schnell ändern sich manche Dinge.

Dienstag, 17. März 2009

Gemeinsames Schwimmen

Im Bezug auf den Sport gibt es nicht viel Neues. Ich war paar Mal dort und alles war super, und letztes Mal haben sich ein paar Leute verabredet zum Schwimmen in dem neuen Schwimmbad in der Holstenstraße. Ich dachte so: "Bitte, bitte fragt mich, ob ich mit will!"

Die Schisssocke hat sich nämlich nicht getraut zu fragen. Ich dachte, vielleicht nerv ich die, weil ich eben noch nicht so fit bin und nicht alles sofort richtig hinkriege. Also zum Beispiel fahren die durch eine Tür, die so breit ist wie der Rollstuhl und unterhalten sich dabei. Wenn ich das in dem Tempo und auch noch mit Ablenkung mache, bretter ich 100% gegen den Türrahmen, stoß mir den Kopf, klemm mir die Finger, hau mir drei Zähne raus und brech mir acht Rippen. Oder wenn ich einen Bordstein hoch muss, brauch ich manchmal 5 Anläufe und bei jedem 10. Mal pack ich mich gepflegt auf die Fresse - und die ärgern sich dabei noch: Ein junges Mädel (so 14 schätze ich) kam vom Parkplatz (Papa hatte sie gebracht) und fuhr zur Halle den Bordstein hoch. Sie kam da mit richtig Fahrt angedüst (weil den Schwung braucht man auch), und in der Sekunde, wo sie ihren Rollstuhl angekippt hat in der Fahrt, damit die Vorderräder hochkommen, haben paar Leutis, die auf den Hausmeister gewartet haben, ihr einen Basketball zugepasst: "FANG!!!"

Ich hätte versucht, den zu fangen, wär am Bordstein hängen geblieben und komplett zerschellt. Das Mädel hat nur den Kopf zur Seite gehalten, damit sie den Ball nicht abkriegt, und hat ihn an sich vorbei fliegen lassen in die Hecke. Und so weiter.

Ich kann mir vorstellen, das ist ungefähr so, als wenn Erwachsene eine Radtour machen wollen, und dann kommt ein Schulkind auf dem Kinderfahrrad an und will mit. ABER!!! "Wie ist das bei dir? Schon mal wieder geschwommen nach deinem Unfall?" - Ich gleich: "Ich? *schluck* Son bißchen..."

Und schon war ich fest eingeplant.

Das war sooooooooooooo geil. Ich war so aufgeregt vorher schon, und als wir denn endlich drin waren, war ich für ein Moment nicht sicher, ob ich mich überfordere, aber es war alles prima. Die Typen und auch die Mädels waren total super drauf, das sind ganz klasse Leute, freche Hamburger Schnauze allesamt, das liebe ich ja, besser als wenn Leute so lahm und still sind. 

Da waren Schränke mit elektrischem Schloss. So ein Blödsinn. Mit Magnetkarte und Chip am Armband usw. Und dann meinte der eine Typ nur: "Ey geil, und wenn irgendwann die Sicherung für die Schränke 750 bis 949 rausspringt, fallen plötzlich in drei Gängen die Klamotten aus den Türen und das Licht geht aus. Oder 199 Badegäste müssen im Bikini nach Hause. Und dann hat echt jeder noch einen drauf gegeben. "Warte ich hol ne Axt." So, Hauptsache die Saunatür ist nicht auch elektrisch etc. Notausgang für Behinderte: Mit elektrischem Türöffner etc.

Naja, das Schwimmen war super. Ich hatte super viel Spaß. Am Anfang haben sie eher noch ganz vorsichtig geguckt und aufgepasst, ob ich absaufe und sich 20 Mal nach mir umgedreht, und am Ende waren wir in so einem warmen Pool drin, da haben sie mich dann genauso geärgert wie die anderen auch.

Danach waren wir noch in der Schanze was essen, das war auch voll cool in so einer Studentenkneipe. Hab ich früher nie gemacht. War das erste Mal. lecker Tortellini alla panna, hatte ich schon über 8 Monate nicht mehr. Ich hätte noch ne zweite Portion bestellen können, so lecker war das, aber ich hab die erste schon kaum zu Ende geschafft. Und dann hab ich die Leutis mal bißchen kennen gelernt. Da sind echt schon ein paar tolle Typen dazwischen, die sehr nett sind. Und ich liebe ihren Humor.

Naja und dann abends wieder im Krankenhaus hätte ich fast geheult. Ich kann es nicht mehr sehen und will hier raus. Habe mir heute schon eine Wohnung angesehen. Aber ich weiß nicht, was ich machen soll. Erst brauche ich eine Schule, die mich nimmt. Die Schulen fragen: "Wo wohnen Sie denn?" Und wenn ich nach der Wohnung suche, will ich ja nicht völlig weit weg von der Schule sein.

Schaun wir mal.