Donnerstag, 26. Februar 2009

Zurück zu den Eltern?

Das Problem mit meinem Vater ist gar nicht mal, dass er mir nicht zuhört. Wenn ich das will, hört er mir zu. Aber er will meine Behinderung nicht akzeptieren. 
Beispiel: Ich brauchte früher eine Zahnspange. Fast alle in der Schule brauchten die. Am Anfang fand ich die saucool. Ich war richtig stolz auf die Zahnspange. Ich wollte auch immer mal einen Gipsarm haben, als ich 10 oder 12 war. Aber immer, wenn das Gespräch in die Richtung ging (Zahnspange), kam von meinem Vater: Auf sowas ist man nicht stolz. Man soll froh sein, wenn man gesund ist. Das ist alles Teufelszeug. Für ihn ist es eine Schwäche, wenn man Hilfe oder Unterstützung oder Medikamente braucht.

Ich hatte eine Freundin mit Diabetes. Die musste sich immer Spritzen geben mit so einem Pen (sah aus wie ein Kugelschreiber und hatte vorne eine nadel dran). Die hatte auch so ein Gerät dabei, wo man mit einem Tropfen Blut messen konnte, wie hoch der Zuckerwert gerade ist. Das fand ich auch spannend. Ich wollte nie tauschen! Aber spannend fand ich das. Ich habe sie sehr bewundert, weil sie trotz ihrer Krankheit viel sportlicher war als ich, viel hübscher war als ich und überall beliebt war und das so wegsteckte! Bei ihr traute sich kein Junge, dumme Sprüche zu machen. Andererseits durfte die auf keiner Party fehlen. Sie war Klassensprecherin seit der 5. Sie war öfter mal bei mir zu Hause. Einmal erzählte ich meinem Vater von ihrer Krankheit. Er hat mich sofort angefahren, er will das nicht hören, das ist schlimm genug wenn jemand sowas hat, das schmückt man nicht noch aus. Hätte ich ihm erzählt, dass wir meinen Zuckerwert auch mal gemessen hatten, ich glaube, er wäre explodiert.

Meine Uroma (ist schon im Himmel) hat bis zum Schluss (bis auf die letzten 3 Monate) immer bei sich zu Hause gewohnt. Am Ende kam sie gar nicht mehr raus, weil sie gebrechlich war. Sie war auch inkontinent und hat überall hingemacht. Sie konnte sich auch nicht mehr alleine duschen. Das stank da in der Wohnung! Was hat mein Vater gemacht? Einen Fliegenfänger an die Stubenlampe gehängt. Sie kam nicht mehr rechtzeitig bis zum Klo. Ganz am Ende hat sie nur noch im Sessel gesessen. Wenn das da nass war, hat sie sich auf den Stuhl gesetzt. Das war einfach nur noch traurig. Ganz zum Schluss kam sie ins Heim, da wusste sie aber sehr schnell nicht mehr, wo sie ist und was Sache ist. 3 Monate später ist sie gestorben.

Ich habe mal vorsichtig gefragt, ob man da nicht mal was machen kann. Da war ich vielleicht 12. Das wurde totgeschwiegen! Kein Gespräch möglich. Das geht mich nichts an...

Als meine Tante im Krankenhaus lag (die mit der Currywurst) und meine Oma sie besuchte (mit mir), fragte Oma, ob sie für den nächsten Besuch etwas einkaufen soll. Sagte meine Tante: "Kamm." Ich dachte mir dann so: Für was braucht die denn nun noch einen Kamm? Da liegt doch einer am Waschbecken und 2 Bürsten ... egal. Ich habe auf dem Rückweg meine Oma gefragt, die meinte dann: "Na einen gröberen!"

Beim nächsten Mal war ich wieder dabei und habe meine Oma drei mal erinnert: "Denk an den Kamm!" - "Hab ich schon." Dann kamen wir da an und meine Oma packte paar Sachen aus, die sie gewaschen hatte und dann: "Den Rest lasse ich hier drin, wo soll die tüte hin?" - "Ja tu mal mit in den Schrank." 
Ich dachte so: "Häh? Wieso den Kamm denn nicht gleich zu den anderen Sachen ans Waschbecken?" Egal.
Dann sollte ich die Nummer aufschreiben, meine Tante hatte Telefon am Bett. Meine Oma gab mir Zettel und Stift. Sie hatte ihre Brille nicht mit oder nicht in der Nähe. Es war ein Einkaufszettel, auf der Rückseite von meiner Oma beschrieben. Eine Sache war: "Cam." Nach 2 Minuten Grübeln hatte ich es verstanden: Der Kamm war kein Kamm, sondern Damenbinden von Camelia. Aber das durfte die kleine Stinkesocke nicht wissen. Sie war ja erst 12.

Ich bin nie aufgeklärt worden. Warum das blutet, habe ich in büchern gelesen. Meine Binden und später Tampons hatte ich bei mir im Zimmer versteckt. Auch noch als ich 15 war. Wenn was daneben ging bei der Regel, hab ich die Unterhose selbst ausgewaschen oder weggeschmissen. Und so weiter.

Ich weiß echt nicht, ob ich noch so engen Kontakt mit meinen Eltern will. Ich glaube, ich schaff das nicht. Vielleicht ist es besser, einfach locker und oberflächlich in Kontakt zu bleiben und für alles andere enge Freunde zu suchen.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Die Erkenntnis nach 7 Monaten

Ich hatte heute ein sehr spannendes Gespräch mit meiner Psychologin. Ich hätte nie gedacht, dass Psychotherapie so spannend sein kann. Vielleicht habe ich aber auch nur etwas sehr wichtiges endlich verstanden. Da muss ich erst mal drüber nachdenken. Ich weiß es nicht.

Sie hat gesagt: "Ganz viel Aufmerksamkeit bzw. oft auch Liebe und Anerkennung bekommt jeder Mensch schon als kleines Kind für Leistung und Fortschritt. Wenn sie das erste Mal "Mama" sagen, freuen die Eltern sich ohne Ende. Dann Schleife binden, Bilder malen, sprechen, Fahrrad lernen, lesen, schreiben, singen. Meine Kleine lernt jetzt Englisch. Die Tochter hat eine Eins in Mathe, etc.

Das hat man so gelernt. Wenn man gut ist und schneller und besser als die anderen, krieg ich eine Belohnung oder Liebe etc. Wenn ich eine Fünf habe, gibt es eher Stress, und wenn ich Pickel hab, lachen und lästern die anderen. Bei ganz vielen Menschen definiert sich das Leben nur so. Wenn die dann plötzlich behindert sind ... ja worüber definiert sich dann das Leben?"

7 Monate hat es gebraucht. Ich glaube, heute ist der Knoten geplatzt und ich habe verstanden, warum es mir so geht wie es mir psychisch geht. Wahrscheinlich haben alle um mich herum das schon ewig geschnallt, aber so wie heute habe ich da noch nie drüber nachgedacht. Ich glaube, durch den Sport gestern habe ich das verstanden.

Aber das ging noch weiter. Ich habe jetzt 7 Monate gebraucht. Ich kann es nicht verdrängen. Mein Vater kann das. Wenn es zu viel wird, einfach nicht mehr drüber nachdenken. Die psychologin hat gesagt: Rollstuhlfahren lernt man. In ein oder zwei Jahren macht mir keiner mehr was vor. Das ist keine Kunst! Das können Dreijährige, wenn man sie in einen Kinderrollstuhl setzt, von alleine. Kunst ist es, mit seinen Mitmenschen auszukommen, und zwar auch mit denen, für die das ganze Leben nur Erfolg und Leistung und feste Planung ist. Diese Menschen wissen nicht, wie ein Rollstuhlfahrer "leben" kann, weil er einfach nicht so ist wie in den Plänen mit Erfolg und Leistung.

Sie sagt, dass es immer wieder vorkommen wird, das Leute mich deshalb nur belächeln oder sogar anmachen. Sie hatte dafür auch irgend einen Namen, den ich vergessen hab, irgend was mit affektiv.

Mein Problem ist, dass ich nicht weiß, wie ich mit diesen Menschen (und gerade mit meiner Familie) umgehen soll. Bei den Leutis vom Sport konnte ich einfach "ich" sein. Die kennen mich nicht anders, die kennen die Situation, da konnte ich mich völlig fallen lassen. 

Bei meinem Vater kann ich das nicht. Mir ist das total peinlich. Ich bin unnormal. Ich habe etwas, was er nicht kennt. Ich kann Dinge, die er nicht kann, und mit denen er nicht umgehen kann. Er weiß nicht, was ich spüre und was nicht. Er weiß nicht, wie meine Beine unter der Hose aussehen. Wenn die anfangen zu zittern (Spastik), ist mir das vor ihm peinlich. Er weiß nicht, dass ich unter der Bettdecke nackt bin, wenn ihm meine Tante das nicht erzählt hat. Er weiß nicht, dass ich inkontinent bin und Pampers tragen muss. Ich schäme mich vor ihm für diese ganzen Dinge und möchte das alles am liebsten totschweigen.

Es ist mir peinlich, wenn ich mir vorstelle, ich habe irgendwann mal einen Freund und der küsst mich oder sogar mehr und mein Vater weiß das oder sieht das. Ich bin schon "besonders" genug. Unser Verhältnis ist mir schon peinlich bis zum Anschlag, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das irgendwann mal anders wird. Und bei meiner Mutter denke ich, sie träumt weiter von ihrer gesunden Tochter und wird es nie verstehen. Keine Ahnung.

Dienstag, 24. Februar 2009

Papa sagt: Ich geh daran kaputt

Ich muss noch mal jammern.

Alles fing so positiv an. Die leute hier im Krankenhaus, vor allem meine Ärztin und meine Psychologin, haben gedrängt: "Such dir neue Kontakte außerhalb der Klinik." Die Psychologin hat mit einer Trainerin von einem Sportverein gesprochen und das klar gemacht, dass ich heute in einer Sportgruppe dabei sein und mal reinschnuppern konnte. Ich wollte eigentlich nur mal gucken, aber sie meinte gleich, ich soll Sportsachen mitnehmen und Duschzeug. Ok...

Ich bin mit dem Taxi hingefahren worden, gut 15 Minuten. Und dann stand ich da und habe noch überlegt, ob ich nicht einfach wieder umdrehe, weil ich irgendwie Schiss hatte. Neue Situationen sind nichts für mich Schisshase. Ich hatte Angst, dass das alles irgendwelche Freaks sind oder zu viel fragen oder ich das alles nicht kapiere, was die von mir wollen, oder oder oder. Ich war natürlich viel zu früh.

Die Halle war offen und leer, Fahrstuhl habe ich gefunden, klappte alles alleine. Dann trudelten nach und nach die Leute ein. Ja was soll ich sagen ... einer nach dem anderen, der neu kam, machte die Runde und jeder hat mich gleich mit Abklatschen begrüßt, das war total locker. Die haben sich in der Halle am Rand umgezogen, einige kamen direkt von der Arbeit... paar Mädels und Frauen waren auch dabei, und dann kam die Trainerin und meinte gleich: "Alles klar, du wurdest schon angekündigt!" Und dann meinte sie: "Wollen wir mal schauen, ob wir zum Ausprobieren einen Sportrollstuhl für dich finden." Eigentlich wollte ich nur erstmal kucken. Und dann durfte ich einen ausprobieren, der gehörte eigentlich einer anderen Frau, aber von den Körpermaßen stimmte das einigermaßen. Der fuhr sich absolut geil. Man wird komplett angeschnallt, so dass man wie eine einheit ist, und das Ding geht total leicht und man kann sich drehen wie im Karussell.

Die Leute waren alle sehr nett. Die mussten für ein Ligaspiel trainieren, und die hälfte von dem, was die gemacht haben, habe ich nicht ganz verstanden (blocken und Nachläufer und Überzahl und Fastbreak und und und - mir raucht jetzt noch der Kopf), aber das war total geil. Da war richtig Alarm in der Halle, die kriegen da Speed drauf, das ist sagenhaft. Die hatten total die Geduld mit mir und waren alle sehr lieb zu mir, kein Terror, alle haben sich gut verstanden. Es gab zwar auch Diskussionen und teilweise haben die schon echt heftige Sprüche drauf gehabt, also keine Weicheier.

Einer bekam den Ball direkt ins Gesicht, ein anderer hat sich mit dem Rollstuhl zweimal seitlich überschlagen, da fuhren alle drum rum und machten den Angriff zu Ende, ich hab nur gedacht: Hoffentlich passiert mir das nicht. Aber dann klemmte sich ein Mädchen den Finger, und die hielt sich den gleich vor Schmerzen fest, und da meinten die gleich: "Kühlen, kühlen!" Und eine, die laufen konnte, machte gleich ihren Gurt auf und sprang hoch und holte gleich Eisspray ... also ich hab mich total wohl gefühlt.

Das war richtig ernster sport, aber mit 100% Respekt vor dem anderen, und vor allem waren sie alle freundlich untereinander, und das war richtig angenehm vom Umgang. Zwar viele heftige Sprüche, aber es wurde viel gelacht und viel Unsinn gemacht. Am Ende kam die zweite Gruppe und alle standen zusammen, und es wurde noch was angesagt wegen einem Heimspiel, der Chef sagte was, 40 Leute standen drumherum, alle hörten zu, die Aufgaben wurden verteilt, jeder hat von sich aus was übernommen. Ich backe einen Kuchen, ich mache einen Salat... alle Achtung, bei mir in der Schule wurde immer eine Stunde diskutiert, wenn man was freiwillig machen musste.

Naja. Dann duschen, die duschten da alle zusammen (also Frauen, Männer, Jungs, Mädchen, alles kunterbunt, waren sowieso immer nur zwei Plätze, und einer nach dem anderen kam dran) und ich musste nicht fragen, und ein Mädchen und eine junge Frau, die laufen konnte, haben mir geholfen beim Umsetzen und Rollstuhl rausschieben, ohne dass ich fragen musste, wie selbstverständlich. Die wussten sofort, wo ich Hilfe brauche, und ich wurde auch gleich gefragt, ob ich mal den einen Rollstuhl zur Seite schieben kann von der anderen, die da duschte, das klappte alles wunderbar.

Dann hat mich noch die mutter von einem anderen Mädchen mit zurück genommen, die wohnen in der Straße neben dem Krankenhaus, so hatte ich noch nette Gesellschaft und brauchte keine Taxrückfahrt.

Dann war ich wieder in der Klinik, das war so kurz vor 9, und dann war mein Vater dort. Er hatte eine unmögliche Laune. "Wo treibst du dich rum?" Er warte schon seit 6, für mich sei ein Brief gekommen von der Stadt, (der aber total unwichtig war, aber das wusste er nicht,) und den wollte er mir geben. Ich habe dann erzählt, wo ich war, und dass das so toll war: Ich war so total Feuer und Flamme und dann sagt er: "Ich finde das nicht gut, wenn du da hingehst. Zu diesen Leuten. Das zieht dich nur runter. Die haben Probleme, und den Problemen bist du nicht gewachsen in deinem Alter. Du gehst daran kaputt. Aber ich kann dir nichts verbieten, du machst ja sowieso was du willst. Aber sag nicht, ich habe dich nicht gewarnt."

Ich dann so: "Das war total lustig, und die waren total nett auch untereinander. Komm doch einfach da mal mit hin und mach dir ein richtiges Bild." Da sagt er, er habe das schonmal gesehen, sein Opa war früher auch in so einer Gruppe, weil er im Krieg ein Bein verloren hat (der ist aber gestorben, bevor ich auf die welt kam, den kenne ich überhaupt nicht), und das ist nichts für mich. Ich habe dann gesagt, dass da kein einziger Opa war, sondern alles Leute so zwischen 14 und 30 oder 35 oder so, und dann sagte er: "Trotzdem. Ich will davon nichts mehr hören."

Das kann doch alles nicht wahr sein.

Samstag, 21. Februar 2009

Von Models und von Currywürsten

Ich bin im Moment im Krankenhaus. Seit über 7 Monaten. Ich liege in einem Zweibettzimmer, aber das zweite Bett ist seit einigen Tagen leer. Also bin ich alleine. Auch mal schön.

Ich habe eine Tante. Eigentlich ist sie nicht wirklich meine Tante. Sie ist die Schwester meiner Oma. Aber ich habe sie immer "Tante" genannt. Sie ist 64 und Rentnerin. Sie macht den ganzen Tag nichts anderes als sich mit Freundinnen in einem Cafè zu treffen und Kuchen zu essen oder mit ihren ehemaligen Kolleginnen Karten zu spielen. Soll sie. Meinen Segen hat sie. Aber ihr ganzes Leben beschränkt sich nur auf diese 5 bis 10 Leute und einer ist spießiger als der andere. *abläster*

Sie kommt mich immer mal besuchen. Ok. Freu ich mich auch. Sie bringt aber auch fast immer eine von ihren ... sie nennt sie "Karten-Damen" ... mit. Angeblich, weil sie gerade einen Spaziergang gemacht haben und hier vorbei gekommen sind. Das kann ja auch sein. Aber ich habe eher das Gefühl, sie erzählt allen Freundinnen von mir - was ja auch ok ist - und die wollen mich dann mal sehen. Wär auch ok. Aber ich kenn die überhaupt nicht!!! Und die wollen eben nicht besuchen und Anteil nehmen und reden, sondern ich hab das Gefühl, das geht nur um Sensation und neue Sachen zum Tratschen und Maul zerreißen.

Ich kann das kaum beschreiben. Vielleicht bin ich auch paranoid oder schizophren oder gaga. Aber ich fühle mich wie ein Affe im Zoo. Heute war wieder so ein Tag. Ich hatte heute morgen um 8.30 Uhr eine Stunde KG und gleich danach eine Stunde Bewegungsbad. Samstags morgens ist das immer geballt, weil nur bis mittags noch jemand da ist bei der Therapie. Danach sollte ich aufs Bett zum Entlasten. Damit es keine Druckstellen gibt, soll ich Po und Oberschenkelrückseite regelmäßig entlasten. Gerade nach dem Wasser. Eine Schwester hat mir geholfen, aufs Bett und dann natürlich untenrum alles ausziehen, weil sonst kann es sein, dass man auf einer Falte liegt (von der Hose) oder auf einer Naht oder so und dann bringt das genau das Gegenteil. Ist halt alles noch sehr empfindlich. Decke drüber und auf dem Scheiß Touchscreen eine lange Mail beantwortet.

Plötzlich - klonk - springt die Tür auf. So halb. Kein Klopfen. Ein Kopf kommt zum Vorschein. Eine Frau, die ich nicht kenne. Sie fragt: "Ist das hier?" Dahinter eine Stimme: "Das ist hier. Geh doch mal rein." Die stimme kannte ich, die gehört der besagten Tante. Die kommen reingewackelt und in dem Moment, wo ich schon beide im Zimmer stehen hab, klopft die Tante demonstrativ an die Tür und sagt: "Stören wir? Dürfen wir reinkommen?"

Ich geb die Hand und sag: "Ganz kurz, ich möchte nur eben meinen Brief abspeichern, den ich gerade geschrieben habe. Das dauert 30 Sekunden, sonst ist er nachher weg." Sagt die Tante: "Kannst du das nicht später machen?"

"Wir haben uns gedacht, wir wollten dich zum Mittagessen einladen. in der Kantine gibt es so leckere Erbsensuppe mit Würstchen, aber du magst die bestimmt nicht. Aber ich habe mir das so überlegt, ich hole dir dort eine Currywurst. Wie denkst du?" Ich sag: "Das hört sich gut an. Ich muss mich dann nur noch schnell hier vom Mittag abmelden." Ich wollte zum Telefonhörer greifen und die Schwester anklingeln (die haben immer so ein schnurloses Ding in der Tasche), aber da meinte die Tante: "Das hab ich eben schon mit ihr geklärt. Die ist sehr nett. Brauchst da nicht mehr anrufen."

Ich sag: "Ich muss die sowieso anrufen, weil sie mir aus dem Bett helfen muss." Da sagt die Tante wie ein Vorwurf: "Kannst du das immer noch nicht alleine?"

Ich sag: "Nee, stell dir vor. Das wird bei diesem Bett auch nie was werden, weil das viel zu hoch ist." (Das ist nämlich eins mit einer besonderen Luftkissenmatratze, und das kann man nicht runter stellen. Bei anderen Betten oder bei der KG kann ich das aber schon, mich alleine umsetzen.) Da sagt sie: "Wir können dir ja helfen, lass mal die Schwester, die hat genug zu tun."

"Wie geht es denn deinen Beinen?" Und klappt die Bettdecke über den Füßen weg. Aus Reflex halte ich sie natürlich obenrum fest. Die Tante sagt wieder vorwurfsvoll: "Hast du gar nichts an???" Ich werde natürlich dunkelrot im Gesicht. Das ärgert mich jetzt noch. Ich sag: "Doch ein T-Shirt!" Aber ich hatte auch Null Bock, da noch was zu erklären. Dann sagt sie: "Das finde ich aber nicht gut! Aber du bist ja alt genug, zu wissen was du tust."

Keine Ahnung, was sie gedacht hat. Wenigstens hat sie die Decke nicht ganz weg gezogen. Dann hab ich die Decke wieder zugeklappt und gesagt: "So, lass mich mal die Schwester anrufen." Dann drückt doch die andere Tussi, diese "Kartendame" auf die Klingel. Bis da hat sie noch kein Wort gesagt, dann kam: "Ich musste auch mal lange im Krankenhaus liegen. Aber die Klingeln sind überall die gleichen, lustig."

Ja, sehr lustig. Ich wollte die Schwester bitten zu kommen, wenn sie Zeit hat. Klingeln heißt "Notfall", und das klingelt dann nicht bei der Schwester, sondern in der Zentrale als Alarm. Kam gleich ne Stimme aus dem Lautsprecher: "Hier ist die Zentrale. Wie kann ich Ihnen helfen?" Ich gleich zurück gebrüllt: "Sorry, da ist nur jemand gegen den Knopf gekommen. Tut mir Leid."

Dann hab ich doch noch telefoniert, und dann kam die Schwester rein. Heißt Kirsten, wird aber Kiki genannt. Keine Ahnung, warum. Ist ne ganz ganz ganz Liebe Anfang 20. Sagt meine Tante zu ihr: "Das tut mir Leid, dass sie extra kommen müssen. Wir wollten ihr helfen, aber sie wollte das nicht. Wie das eben so ist in dem Alter."

Kiki sagt: "Nee dafür sind wir ja da. Wenn sie mal einen Augenblick auf den Flur gehen?" Sagt meine Tante: "Wir gehören zur Familie." Ey, hallo...

Sagt Kiki: "Bitte warten Sie draußen." Sagt meine Tante: "Achso, sie hat noch keine Hose an. Und nimmt meine Sporthose vom Stuhl und kommt damit angewackelt und gibt sie mir."

Dann sagte die Karten-Dame: "Komm, wir warten draußen." Dann musste Kiki erstmal die Tür hinter den beiden zumachen, am liebsten hätten sie noch geguckt, ob ich im Schritt rasiert bin oder ein Piercing im Bauchnabel habe.

Als ich dann rauskam, kam Kiki mit dem Laken hinter mir her. Die beziehen das ständig neu, da braucht nur ein Krümel drauf sein. Sagt doch meine Tante: "Oh, hast du das Bett schmutzig gemacht?"

"Sollen wir schieben?" - "Nein danke, ich kann alleine fahren." - "Wir schieben sonst auch gerne, dann musst du dich nicht anstrengen." - "Nein, bißchen Bewegung tut mir gut." Was macht sie? Schiebt mich trotzdem. Ok. Widerstand zwecklos. Unten am Fahrstuhl treff ich meine Sporttherapeutin. Auch ne ganz Liebe. Hat Feierabend. Sagt sie: "Na, jetzt aber nicht bequem werden zum Wochenende!" Hat meine Tante nicht verstanden.

Die Kantine ist auf der anderen Seite vom Krankenhaus. Man muss einmal durch das ganze Gebäude. Das sind locker 15 Minuten, wenn man langsam geht. So langsam wie meine Tante. Die Gänge sind so breit, dass da zwei Betten aneinander vorbeikommen. An der Wand lehnen zwei und unterhalten sich. Meine Tante sagt: "Vorsicht, hier kommt ein Rollstuhl!"

Wir sitzen beim Essen und diese Kartendame fängt an zu fragen. Aber alles bis ins Letze! Sogar ob ich einen Freund habe, wollte sie wissen. Ich hab gesagt: "Nein." Und da meinte sie: "Aber du findest einen, da bin ich mir sicher. Nicht alle Männer wollen Models." Alter Schwede!!! Ich hab immer nur geschluckt und gedacht: Ihr habt keine Ahnung. Bringt nichts, sich aufzuregen. Und hab immer nur "Jaja" gesagt.

Keine Ahnung, worüber wir noch alles geredet haben. Ich hab nur noch auf Durchzug geschaltet. Besuch der Verwandtschaft kann sooo toll sein...

Donnerstag, 19. Februar 2009

Es bleibt mir unbegreiflich

Es gibt ja Leute, die anderen das gleiche wünschen, was ihnen widerfahren ist. Oder gar was schlimmeres. Das ist bei mir gar nicht so. Ich will, dass sie kapiert, dass sie im Unrecht ist und absolute Scheiße gebaut hat. Da sie das ja von alleine nicht merkt, muss ihr das mal einer sagen, und zwar so, dass sie das versteht und sich merkt.

Was ich nicht checke ... das will absolut nicht in meinen Kopf ... Wie kann sich jemand so verrennen? Man kann mal einen Fehler machen, aber gibt es keinen, der ihr mal sagt: Mama / Oma / Schatzi / Freundin / Schwesterlein --- was hast du getan??? Das schnall ich nicht.

Ich stell mir nur vor, ich habe einen anderen Menschen umgebügelt. Selbst wenn ich im Recht war und der ist mir vor das Auto gelaufen... das berührt mich doch! Da mache ich mir doch Vorwürfe! Da versuche ich doch zu retten, was noch zu retten ist! Da sag ich doch, dass es mir Leid tut! Da erkundige ich mich doch, wie es ihm geht! Scheiß egal wer das ist ... wie kann ich eiskalt wegstecken, wenn ich fast einen Menschen getötet hätte? Und dann noch das Maul aufreißen und noch Vorwürfe machen! Selbst wenn sie berechtigt wären (was sie nicht sind!), hält man doch seine Klappe und entschuldigt sich vielleicht einfach nur. Ich weiß es nicht, aber das Benehmen von der Trulla find ich unterste Schublade, und das muss ihr mal jemand sagen, der was zu sagen hat. Einfach mal so jemand, der sagen kann: "Jetzt hast du mal 5 Minuten Sendepause und jetzt rede ich."

Dienstag, 17. Februar 2009

Ein neues Gutachten

Seit heute gibt es eine Neuigkeit, und zwar: Das neue Gutachten liegt vor beim Anwalt.

Hätte sie gebremst statt zu hupen, hätte sie mich gar nicht erwischt.

Hätte sie um mich herum gelenkt (die Spur daneben war frei!), hätte sie mich auch nicht erwischt.

Hätte sie gebremst, als sie gemerkt hat, dass ich nicht wegspringe, und dabei auf mich drauf gehalten, wäre die Aufprallgeschwindigkeit etwa 15 bis 18 km/h gewesen. Ich wäre bestimmt verletzt gewesen, aber bestimmt nicht so schwer.

Da sie aber nicht gebremst hat oder erst ganz knapp vor dem Knall, sagt der Gutachter, die Aufprallgeschwindigkeit lag zwischen 39 und 42 km/h. Bei dieser Geschwindigkeit sind die Hälfte aller Fußgänger tot.

In dem Gutachten steht genau, wo sie war, als ich von der Mittelinsel auf die Straße bin, und wo sie mich angefahren hat und und und. Und dass ich über 20 Meter weit vom Auto weg lag, als es am Ende stand.

Der Gutachter sagt auch, dass die Art der Verletzungen so aussehen, dass ich nicht damit gerechnet habe, dass mich gleich jemand anfährt. Man macht automatisch aus Reflex Abwehrbewegungen und versucht, sich abzufangen. Man schaut das Auto an usw., das ist bei mir alles nicht. Das heißt: Entweder, ich habe geträumt oder ich hab sie wirklich nicht gehört.

Mein Anwalt hat geschrieben, dass der Gutachter sehr fleißig war. Er findet es "brilliant". Er schreibt, dass er "davon ausgeht, dass alsbald terminiert wird". Ich glaub, das heißt, es geht endlich bald los.

Übrigends: Die Trulla hat immer noch ihren Führerschein... Mein Anwalt hat da jetzt wohl mal nachgefragt, wer das verantwortet oder so...

Sonntag, 15. Februar 2009

Schlamm-Catchen

Nach meiner Käck-Ättäck vom letzten Donnerstag habe ich auch noch mit meiner Psychologin gesprochen (übrigens auch eine Rollifahrerin), und die sagte, dass ich das irgendwann drauf hab, und wenn ich Bauchschmerzen krieg, sofort zum nächsten Klo fahr und dort halt ne halbe Stunde warte. Und immer was zum Wechseln und feuchtes Klopapier und Einmalhandschuhe im Rucksack hab. Und mit Magen-Darm-Grippe bleibt man gleich zu Hause und bestimmtes Essen lässt man gleich ganz weg, was dafür bekannt ist. Dann kriegt man das in den Griff. Sie sagt, sie findet nicht die Leute eklig, denen so was passiert, Hauptsache nur, sie gehen gleich duschen. Sie hat gesagt, ich soll mich bloß nicht verstecken, alle anderen Betroffenen können mich verstehen, und wenn ich dazu stehen kann, macht mich das eher symphatisch. 

Und heute hab ich mich dann auch gleich nochmal blamiert. Bei mir auf dem Zimmer ist eine, die ist 20 oder 21, wurde Donnerstag aufgenommen und wird morgen entlassen, nur zu einer Kontrolle oder so. Heute fragte sie, ob ich mit an die frische Luft will, sie will mal raus. Ok. Krankenhausgelände war ja alles geräumt und runter durften wir eigentlich nicht, aber sie meinte, sie will gucken, wann die Busse fahren. Direkt vor der Einfahrt ist eine vierspurige Bundesstraße mit Tempo 70. Aber eine Ampel ist auch da. Also sind wir über die Ampel und auf dem Rückweg bin ich natürlich in dem Schneematsch hängen geblieben mit den vorderrädern und gleich vorwärts rausgerutscht. Und lag da in einer fetten Schnee-Matsch-Salz-Öl-Wasser-Pfütze, Gesicht voraus. Meine Zimmernachbarin hat nur mein bescheuertes Gesicht gesehen und fing gleich an zu gackern wie ein Huhn. "Was machst du denn da?" Haha sehr witzig.

Naja, als wir dann wieder in die Klinik rein sind, waren unten ein paar Typen in dem Raucherraum, die fragten gleich, was ich gemacht hab, und meine Zimmernachbarin sagte: "Schlammcatchen". Dann waren wir im Fahrstuhl und ich wusste echt nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Am liebsten hätte ich ihr eine reingehauen. Sie sagte: "Nun lach doch mal. Das Leben ist schon ernst genug." Hm... oben fragte mich dann gleich die Schwester: "Wie siehst du denn aus?" Und dann hab ich gesagt: "Ich hab den ersten Platz gemacht." - "Ok?!? Und bei was?" - "Beim Schlammcatchen." Das gab ein Hallo auf dem Flur!!! Die andere Schwester kam an: "Was ist denn hier los?" - "Sie war Schlammcatchen!" *gacker brüll*

Naja, kein Megawitz, aber irgendwie haben trotzdem alle gelacht, und wenn ich mir das richtig überlege: So schlimm war es nicht. Ich hab mich einfach nur saudumm angestellt.

Freitag, 13. Februar 2009

Der Tag vor Freitag, der 13.

Gestern war einer der schlimmsten Tage meines (neuen) Lebens. Ich glaube, mir ist noch nie etwas peinlicheres passiert. Alle Leute, die so was nicht vertragen können und denen leicht übel wird oder wenn du vielleicht gerade beim Essen bist, dann scroll lieber weiter.

Ich musste gestern Abend beim Einschlafen immer wieder daran denken. Immer wieder tat es so richtig weh und ich hab das Gesicht verzogen und gedacht: Aaaaaaaarghhh, Autsch, ich würde am liebsten mich sofort in Luft auflösen. Ich hab das Gefühl, alle reden nur noch über mich und zeigen mit dem Finger auf mich und lästern über mich ab. Wieso musste mir das passieren?

Der Tag hatte so gut angefangen. Gestern war nämlich endlich der Tag, wo ich mir ein neues Handy holen sollte. Mein Vertrag war im Januar ausgelaufen und ich konnte mir wieder ein neues Handy holen. Mein altes war beim Unfall geschreddert worden und ich habe nur noch die Einzelteile in einer Kiste im Schrank stehen. So lange habe ich jetzt das genommen, was ich davor hatte, also was schon vier Jahre alt ist.

Das war mit meinen Eltern alles geklärt, mein Vater hat das am Telefon alles geklärt und unterschrieben und ich konnte jetzt alleine in den T-Punkt gehen und mir ein Handy aussuchen. Alleine heißt mit einer Begleiterin hier vom Krankenhaus. Das ist eine Sozialarbeiterin, die auch im Rollstuhl sitzt. Das war eigentlich echt klasse, die ist super nett und kann einen natürlich auch gut verstehen, weil sie ja selbst in der gleichen Lage ist. Endlich konnte ich jetzt mit dem Training mal was anfangen, nicht immer nur auf dem blöden Krankenhausgelände Bordstein rauf, Bordstein runter, Rampe rauf, Rampe runter, Fahrstuhl hoch, Fahrstuhl runter *nerv*

Hinfahrt in die Stadt mit Bus und U-Bahn hat alles gut geklappt. Hat zwar alles elendig lange gedauert, aber wir sind angekommen. Vor lauter Aufregung kriegte ich schon Bauchschmerzen. Wir waren in dem T-Punkt, und da waren die auch alle total nett. Ich hab mir die Handys zeigen lassen und alles ausprobiert und mich für eins entschieden, was ich schon im Internet und im Katalog toll fand. Meine Bauchschmerzen waren schon Bauchkrämpfe und irgendwie wurde ich immer unentspannter. Ich wollte dann nur noch möglichst schnell das alles hinter mich bringen und wieder ins Krankenhaus zurück. Ich wollte aber eben auch nicht unfreundlich sein zu dem Typen ,der uns da bediente, weil der sich richtig viel Zeit genommen hat.

Und dann gingen die Bauchkrämpfe auch wieder weg. Ich hab mich erst noch ein bißchen gefreut, aber dann hab ich gemerkt, warum die Bauchkrämpfe plötzlich weg waren. Ich will das jetzt nicht übertreiben mit dem Ekelfaktor, aber ihr lest es nur und ich hatte das live. Ich sag nur: Flüssig bis breiig und ein Gestank wie im Kuhstall.

Ich habe nur zu dem Typen gesagt, ob er einen anderen Tag auch noch da ist, ich kann mich nicht entscheiden. Die Sozialarbeiterin guckte entsetzt und meinte: "Du solltest dich schon entscheiden, so schnell können wir hier nicht wieder her." Und ich habe nur gesagt: "Ich erklär Ihnen das draußen. Ich möchte so schnell wie möglich raus."

Zum Glück hat die mich ernstgenommen und wir sind in den Fahrstuhl und dann meinte sie schon: "Ich glaube, ich kenne dein Problem." Ich hatte noch nie in meinem Leben so einen hochroten Kopf. Eine 6 in der Mathearbeit oder beim Gedichtvortragen den Text vergessen vor der Klasse sind dagegen nichts. Ich habe kein Wort mehr gesagt, und ich war froh, als wir endlich draußen waren. 

Ich habe ihr gesagt: "Ich will nur noch zurück und so schnell es geht unter die Dusche." Nur wir mussten ja noch mit der U-Bahn zurück! Ich hatte das Gefühl, alle Leute glotzen mich an, warum ich so stinke. Ich habe das selbst gerochen und das ist schon ein sehr schlechtes Zeichen. Ich habe mich dann direkt an eine tür gestellt in einem Wagen, wo nicht so viele leute waren. Das klappte auch gut, nur zwei Stationen vor Schluss fing dann noch ein Typ an und wollte mit mir ins Gespräch kommen! Ich dachte nur: Halt einfach deine Klappe und geh weiter. 

Dann nochmal Fahrstuhl fahren aus dem U-Bahn-Sschacht raus. Ich mochte der Sozialarbeiterin nicht mehr ins Gesicht blicken. Ich habe mich geschämt, ich glaube so habe ich mich noch nie geschämt in meinem Leben. Die war natürlich ganz lässig (keine Ahnung, ob die das wirklich so leicht genommen hat, oder ob sie das für mich so gespielt hat) und hat gesagt: "Die Dusche ist nicht mehr weit, du hast es gleich geschafft. Mach dich nicht fertig, das passiert anderen auch." Ich wollte nur noch weg und hab sie nicht mehr angeschaut.

Und dann im geheizten Bus. Zum Glück stand keiner neben mir, nur die Sozialarbeiterin auf 10 Zentimeter. Als wir dann endlich auf Station waren, sagte sie: "Fahr schon mal ins Bad, ich klär das und schick dir eine Schwester." Ich hab so getan als wenn ich vorfahre und habe gelauscht, was sie sagt. "Die Aktion war ein richtiger Griff ins Klo. Im wahrsten Sinne des Wortes. Im Bad wartet eine rollende Stinkbombe. Direkt im Telekom-Shop hat sie eingekackt. Natürlich bevor wir das Handy in der Tasche hatten."

Da hätte ich ihr eine reinschlagen können. Aber dann kam hinterher: "Die kleine Maus schämt sich so doll, die hat die ganze Rückfahrt kein Wort mehr gesagt und keinen mehr angeschaut. Das ist einfach Scheiße, wenn einen das gleich beim ersten Mal so eiskalt erwischt."

Ich bin im Bad angekommen und hab so richtig laut und heftig losgeflennt. Die schwester kam rein, sah mich und hat gesagt: Jetzt heul dich mal richtig aus. So ein verdammter scheißdreck beim ersten Mal in der Stadt, da kann man einfach nur noch heulen.

Ich habe mich gefühlt wie ein kleines hilfloses Baby, das die Pampers voll hat. Ich kann absolut nachvollziehen, warum die dann auch anfangen zu schreien. Absolut zum kotzen. Aber ich war froh, dass die Schwester mich ausgezogen und abgeduscht hat und ich nichts tun musste. Nicht helfen, nichts. Ich konnte da sitzen und an nichts denken. Die heiße dusche hat mir gut getan.

Dann habe ich frische Sachen angezogen und dann kam die Sozialarbeiterin nochmal rein. "Als mir das das erste Mal passiert ist, ging es mir genau so wie dir. Das war an einem Spieleabend in der Reha. Ich werde das nie vergessen. Sowas bleibt einem ewig im Kopf. Aber das Problem kriegt man irgendwann in den Griff. Das ist die Aufregung, die Umstellung, ... wenn mir das heute nochmal passiert, sag ich einfach zu meinen Leuten: 'Falls sich grade jemand fragt, was hier so mieft, das bin ich.' Und alle anderen, die das riechen, gehen freiwillig drei Schritte weiter. Aber die kratzen mich nicht, die sehe ich in einer Großstadt nie wieder."

Sie will heute mit mir noch einmal losziehen. Sie sagte, sie wollte mich zum Kakao einladen und das haben wir ja leider nicht mehr geschafft und ein Handy habe ich auch noch nicht.

Ich will auf jeden Fall nochmal los. Ein bißchen Angst habe ich, ob es wieder passiert. Aber heute ist Freitag der Dreizehnte, was soll da schon schief gehen?

Bitte bleiben Sie doch nicht zu Hause

Da braucht es erst einem Posting in einem öffentlichen Board, um die Augen geöffnet zu bekommen. Wie man die Entscheidung der Behörde über meine Rente zu verstehen hat, wurde mir so erklärt:

Erwerbsunfähig ist jemand, der wegen seiner Behinderung oder chronischen Krankheit auf Dauer nicht mehr als eine Drittel-Stelle schafft. Das sind offiziell bei einer Fünf-Tage-Woche weniger als 15 Stunden pro Woche.

So, das heißt ganz klar: Lass Dir alle Zeit der Welt für Schule und Ausbildung. Lass es langsam angehen. Rede mit Deiner (zukünftigen) Schule. Mehr als 4 Unterrichtsstunden a 45 Minuten pro Tag sind nicht drin. Das ist nicht verhandelbar. Konzentriere Dich auf das, was Du für das Abi brauchst und lasse den ganzen anderen Käse hinten runterfallen. Du brauchst eine gewisse Mindesstundenzahl für das Abi. Frage, inwieweit hier eine Ausnahmegenehmigung beim Land erwirkt werden kann aufgrund Deines Gesundheitszustandes, Gutachten und Verwaltungsentscheidung können vorgelegt werden. Ich bin sicher, da kann man nochmal um 10 bis 15% handeln. Notfalls hängst Du ein Jahr dran. Wen kratzt es? Du bist in der Zeit finanziell abgesichert. Mehr noch: Die Mehrkosten, die Dir nur durch Deine Behinderung entstehen und die ein nicht behinderter Schüler nicht hätte, kannst Du Deinem Kostenträger mit Bitte auf Erstattung einreichen.

Ich würde Dir sogar davon abraten, gleich wieder in den normalen Alltag einsteigen zu wollen. Wenn Du 10 Stunden am Stück sitzt, ohne zwischendrin mal Deinen Hintern zu entlasten, hast Du spätestens nach einer Woche die ersten leckeren Druckstellen, die Dich erstmal mindestens ein Vierteljahr aus der Bahn werfen, im schlimmsten Fall mit neuem Krankenhausaufenthalt und OP. Also lass es einfach, nimm die 4 wichtigsten Stunden mit und leg Dich danach zu Hause ne Stunde aufs Bett, um Deinen Po zu entlasten. Dabei kannst Du dann fleißig die Sachen lernen, die der Lehrer Dir als Hausarbeit mitgibt, denn freiwillige Unterrichtsvorbereitung wird nicht auf die Stunden angerechnet.

Das gleiche gilt für das Studium. Was meinst Du, warum die ganzen zeitlichen Beschränkungen (Regelstudienzeit, Bafög, Kindergeld) bei behinderten Studenten nicht gelten? Dann bist Du eben nicht mit 23 fertig, sondern mit 27. Dafür bist Du aber eine der wenigen Studentinnen, die bis zu 1.900 Euro in der Tasche haben, ohne dafür in vier Kneipen gleichzeitig kellnern zu müssen. Und die ihr Busticket nicht bezahlen müssen und notfalls auch noch das Taxi zur Uni bezahlt kriegen, wenn draußen die Schneeflocken waagerecht fliegen.

Fazit: Ich würde mich tatsächlich zurücklehnen. Aber nicht, um die nächsten 70 Jahre Ruth Herz und Barbara Salesch beim Verknacken von bösen Jungs und Vera Int-Veen und Oliver Geißen beim Lösen der Frage, ob Dein Nachbar wirklich nebenan wohnt, zuzuschauen. Geh Du Deinen Weg - die Türen stehen weit offen, Du musst sie nur sehen.

Wenn es kein Abi wird und kein Studium, aus welchen Gründen oder Einstellungen auch immer, machst Du halt was anderes. Und wenn es ein ehrenamtliches Engagement ist. Nur hast Du schon vor einigen Tagen geschrieben, dass Du unbedingt ernst genommen, akzeptiert werden möchtest. Jetzt frage ich Dich selbst: Wie ernst nimmst Du jemanden, dessen Leben aus keiner einzigen Aufgabe besteht und der aus seinem Leben nichts weiter macht, außer eine Rente zu beziehen und Fernsehen zu schauen,
obwohl er 1000 Mal mehr drauf hätte? Und dann, als Rechtfertigung möglicherweise noch anführt: "Ja was, meine Behörde hat mir das Arbeiten verboten."


Also ganz klar: Ich möchte auf jeden Fall etwas machen. Ich werde mich nicht auf die faule Haut legen und Gerichtsshows und Talkshows reinziehen.

Ruth Herz gibt es schon gar nicht mehr im Fernsehen, das macht jetzt Alexander Holdt! Ich kann diesen Stumpfsinn nicht mehr sehen, aber ich gebe ehrlich zu, als ich nicht aufstehen durfte, habe ich mir das auch reingezogen.

Mein Anwalt hat schon gesagt, dass das furchtbar kompliziert wird. Ich möchte natürlich nicht übertreiben und alles an Geld einsacken, was ich kriegen kann, wenn ich mich bißchen doof anstelle. Aber mein Anwalt hat genau das gesagt: Wenn ich zu ehrgeizig bin, streichen sie mir die Unterstützung, weil ich dann selbst für mich sorgen kann. Dann muss ich aber ein Leben lang auf die Unterstützung verzichten. Ich kann aber jetzt nicht sagen, ob ich das immer kann. In der Schule kann man mal 2 Jahre 200% geben, aber im Job geht das vielleicht später nicht immer!

Ich werde jetzt erst mal versuchen, eine Schule zu finden, die mich für das Schuljahr 2009/2010 haben will. Ich muss in Klasse 10 wieder einsteigen. Das mit den 4 Stunden hat mein Anwalt mittlerweile auch so bestätigt. Aber er hat auch gesagt, dass so etwas oft gemacht wird und man in Klasse 10 in Hamburg 28 Stunden pro Woche hat. 3 mal ist Sport, dann bleiben 5 Stunden pro Woche, die man durchwechseln muss. Eine Woche Religion, eine Woche Kunst, eine Woche Musik und die dritte Fremdsprache lässt man ganz sein. Dafür kriegt man aber Physik, Mathe, Englisch, Deutsch, Erdkäse, Geschi, Chemie und Bio voll mit. Ich glaub, das krieg ich hin. Man muss nur fragen, ob die Stunden so gelegt werden können, dass ich nicht an einem Tag 8 Stunden und am nächsten 1 Stunde hab. Aber das kriegt man auch hin und man kann ja drum bitten, dass das nicht überall so groß breit getreten wird, dass das wegen mir ist.

Und im Studium muss man dann später eben viel Hausarbeiten machen. Aber erst mal schau ich, dass ich Klasse 10 schaff und dann sehen wir weiter.

Ich glaub, das kann man schaffen, und vielleicht wollen die mir damit auch was Gutes tun, denn durch zu langes Sitzen ohne zwischendrin zu entlasten kann man ganz viel kaputt machen. Das hab ich ja gleich am Anfang kurz nach Weihnachten mitgekriegt, da habe ich nur eine Stunde zu lange gesessen und lag gleich wieder für Wochen mit einer Druckstelle im Bett.

Ausruhen werde ich mich auf meiner Behinderung nicht. Das steht für mich fest.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Bitte bleiben Sie zu Hause!

Die nächste Zwickmühle... es nimmt einfach kein Ende.

Und das ist auch nicht grade gut, um hier mal klare Gedanken zu fassen. Es ist einfach nur Mist.

Ich hatte gestern ein sehr langes Gespräch mit meinem Anwalt. Er hat mich über ein paar rechtliche Sachen aufgeklärt, die ich absolut schwachsinnig finde.

Ich bin letztes Jahr im Juli von einem Auto auf dem Schulweg umgefahren worden als Fußgängerin. Ich wurde lebensgefährlich verletzt und bin in eine Spezialklinik geflogen worden. Dort lag ich 4 Monate auf Intensiv, 3 Monate davon im künstlichen Koma und an der Beatmungsmaschine. Kopf, Rippen, Bauch, Lunge und Herz haben was abgekriegt, etliche Knochen waren gebrochen, etliche Hautverletzungen. Das alles wurde operiert oder ist so wieder verheilt, in einem Arm habe ich noch 2 Schrauben. Auch die Wirbelsäule hat was abgekriegt, einmal am Hals, das war aber nur gestaucht und ist wieder weg, aber so am oberen Rand von der Arschritze sind mehrere Wirbel gebrochen und auch das Rückenmark verletzt. Da wurde eine Titanplatte eingesetzt, damit sich das stabilisiert. Mehr kann man aber nicht machen, das heißt im Klartext: Rollstuhl, Inkontinenz, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Spastik in den Beinen, Kreislaufprobleme. Die Behandlung im Krankenhaus wird noch bis Juni dauern, dann bin ich fast 12 Monate hier.

Wenn die Fahrerin verurteilt wird, also Schuld hat, muss ihre Versicherung Schmerzensgeld zahlen. Mein Anwalt sagt, das wird irgendwo zwischen 30 und 150 Tausend liegen, wahrscheinlich in der Mitte. Bis das feststeht, haben wir mindestens 2012, eher 2015.

Außerdem muss die dann meiner Krankenkasse die Behandlungskosten zurück zahlen, ein Leben lang. Wenn sie nicht verurteilt wird, muss das die Unfallversicherung machen, wo meine Schule versichert ist. Das kratzt mich aber nicht weiter.

Aber nun kommt es. Wenn ich jetzt nicht mehr zur Schule gehe und nicht studiere und nicht arbeite, kriege ich eine Rente. Das hat mit dem Schmerzensgeld nichts zu tun, das ist quasi Ersatz für Einkommen. Bis ich 18 bin, sind das rund 730 Euro pro Monat, ab 18 rund 1100 Euro, ab 21 rund 1400 Euro und ab 25 rund 1900 Euro im Monat.

Wenn ich aber weiter zur Schule gehe, oder irgendeinen Job mache, wird die Rente sofort gestrichen und auch nie mehr wieder gezahlt, auch wenn ich irgendwann keinen Job mehr finde oder mein Studium abbreche oder sonstwas. Wenn ich beim Studium dann Geld brauche, muss ich entweder reiche Eltern haben oder jobben wie alle andern Leute auch. Ist ja auch ok. Aber wenn ich nichts mach und mich ab heute nur noch vor den Fernseher knalle, krieg ich monatlich Geld bis zum Lebensende.

Irgendwie versteh ich die Welt nicht mehr. Wenn man sagen würde, dass mein Einkommen voll angerechnet wird wie bei Hartz 4, dann würde ich sagen: Ok. Aber so?!

Donnerstag, 5. Februar 2009

Gedanken

Mich fast man im Moment am besten nicht mal mit der Kneifzange an. Weiß ich selbst. Am besten fühlt sich niemand persönlich angepisst, wenn ich dazu was sage. Ich will niemanden verletzen. Aber ich bin auch kein kleines Kind mehr, dem man vom Weihnachtsmann erzählt, damit es artig ist, oder dem man einen Lolly gibt, und die Welt ist wieder in Ordnung.

1. Ich werde nie einen vernünftigen Job machen können. Ich habe aber auch noch nie in irgendeine Rente etwas eingezahlt. Wovon soll ich leben? Ein Leben lang auf Kosten anderer?

2. Ich werde nicht mehr bei meinen Eltern wohnen können. Ich muss mir eine völlig neue Umgebung suchen. Mit oder (vermutlich eher) ohne Eltern.

3. Ich werde nicht mehr auf meine alte Schule gehen können. Ich komme da nicht rein, und ich bin aus dem Stoff völlig raus. Kein Abi, mittendrin abgebrochen. Gute Voraussetzungen für Punkt 1, siehe oben.

4. Meine Freunde haben mich schon abgeschrieben. Was wollen wir zusammen machen? Ich komme in keine Kneipe mehr rein, in keine Disko. Und wenn ich in der Disko bin, was soll ich da drin? Tanzen?

5. Ich kann mich nicht mal alleine im Bett umdrehen. Ich brauch ein halbes Dutzend Kissen, damit meine Beine so liegen, dass sie nicht wund liegen. Ich brauch jemand, der mir beim Duschen hilft, der mich ins Bett bringt, der mir aus dem Bett hilft, ich piss und kack mich an wie ein Baby. Ich krieg ständig irgendwelche bekloppten Spastiken, so dass meine Beine anfangen zu zittern. Wenn ich auf Klo sitz, muss ich mit einem Handschuh im Arsch fummeln, um zu Kacken. Dafür furz ich den ganzen Tag zu den unpassensten Gelegenheiten. Alles andere wollt ihr nicht wissen. Welcher mann will mich?

6. Ich mag meinen Körper nicht mehr. Es ekelt mich an, meine halbtoten eiskalten Beine anzufassen, um sie irgendwo hin zu bewegen. Es fühlt sich widerlich an, die Beine nicht mehr zu spüren, außer Schmerz. Sie fühlen sich an wie eingeschlafen oder abgestorben.

7. Andauernd nerven mich Leute, die mit mir Geld verdienen wollen. Wie die Schmeißfliegen machen sie hier Werbung für Rollstühle, Katheter, Windeln, Einbauküchen, Bettlaken, Pflegebetten, einfach alles. Inzwischen schmeiß ich die schon raus bevor sie Luft geholt haben.

8. Die Versicherungen wollen nicht zahlen. Wahrscheinlich muss ich mich erstmal Jahre lang mit denen anlegen. Die Kraft habe ich einfach nicht.

Ich versuche, irgendwie damit klar zu kommen. Egal wen man fragt, keiner hat dafür eine Lösung. Alle sagen: Sie müssen Ihren eigenen Weg finden, damit klar zu kommen. Wenn ich Ihnen einen Weg nenne, sind Sie zwei Monate glücklich und danach suchen Sie wieder neu. Klasse.

Und gerade wenn ich einen Funken Hoffnung habe, weil man der Trulla, die mich platt gefahren hat, mal so richtig ans Bein pissen kann, schreibt mir jemand: Übrigens, wir wollten Ihnen sagen, dass Sie ein Krüppel sind. Schöne Grüße.

Das soll ich so wegstecken? Tut mir Leid, vielleicht wird man ja mit der Zeit abgewichster, aber ich hätte diese Ansage heute morgen nicht unbedingt gebraucht. Ich weiß auch so, wie beschissen das alles ist.

Wenn Du aus dem Urlaub kommst und hattest eine schöne Reise und kommst zu Hause an und packst die Dreckwäsche aus und findest noch eine Prise Sand und etwas Seegras und draußen prasselt der Regen aus dem einheitsgrauen Himmel, dann kullern dir (dir? mir ja!) die Tränen übers Gesicht und du würdest am liebsten in den nächsten Flieger steigen, zurück an den Strand und in die Sonne. Du packst dich im Nacken und ziehst dich raus und sagst: Der nächste Urlaub kommt bestimmt. Du hast ein Ziel vor Augen und ganz viele Bilder auf dem PC: Irgendwann kommt der nächste Urlaub, und der wäre nicht so schön, wenn er Alltag wäre.

Ich liege jetzt hier seit 7 Monaten in einer Spezialklinik und realisiere, dass mein Alltag der Urlaub war und kein neuer Urlaub mehr kommt. Und vor allem bin ich in den falschen Flieger "nach Hause" gestiegen. Da wollte ich nie hin! Ich befinde mich in einem unbekannten Land, kenne mich nicht aus und muss mich durchbeißen. Und dann kriegt man einen Brief: Willkommen in Ihrer neuen Welt. Diesen Stand haben Sie in ihr. Sieht übel aus, oder? Aber trotzdem alles Gute für Ihren weiteren Weg.


Scheiße.

Am unerträglichsten sind im Moment die 1000 Begegnungen mit alten Freunden, die mal gucken und mich mal besuchen wollen. Jeder guckt mich an mit versteinerter Miene und sagt: "Oh mein Gott, was hast du denn gemacht?"

Mittwoch, 4. Februar 2009

Guten Tag, Sie sind ein Vollpfosten

Ich habe heute Post von der Unfallkasse bekommen. Die schreiben mir einen Brief, der über 7 Seiten geht, und teilen mir mit, dass ich zu nichts mehr zu gebrauchen bin. Meine Erwerbsfähigkeit ist in vollem Umfang gemindert (Erwerbsunfähigkeit), ich bin hilflos, schwer pflegebedürftig und außergewöhnlich gehbehindert. Schön dass wir da mal drüber gesprochen haben!!!

Jetzt hab ich es wenigstens nochmal Schwarz auf Weiß, dass ich zu nichts mehr zu gebrauchen bin. Meine Zimmernachbarin ist erst mal los zum Kiosk und hat zwei Picoloflaschen Sekt zum Anstoßen organisiert. Dann haben wir es hier krachen lassen. Ich überleg gerade, ob ich mir einen Bilderrahmen holen soll und mir das über das Bett hänge. Andere haben ihren Meisterbrief und ich häng mir da ne Urkunde hin, dass ich ein Krüppel bin. Oder vielleicht sollte ich mal eine Kontaktanzeige aufgeben. Beschreiben Sie sich selbst... da kopiere ich dann das rein.

"Wir wünschen Ihnen auf ihrem Weg der weiteren Genesung viel Kraft und alles erdenklich Gute." Welche Genesung denn? Haben die nicht noch 4 Absätze weiter vor geschrieben, dass aus mir nichts mehr wird? Wenigstens waren sie ehrlich. Worüber reg ich mich eigentlich auf?

Jemand meinte eben, ich soll froh sein, dass ich noch lebe. Ich hätte tot sein können. Klar, es gibt immer Leute, denen es besser oder schlechter geht als einem selbst. Soll ich mich jetzt mit einem Toten messen, um ein bißchen gute Laune zu kriegen? Vielleicht wäre es ja kürzer und schmerzloser gewesen, wenn sie noch 10 Sachen mehr drauf gehabt hätte. Keine Ahnung, ob das mehr oder weniger Glück gewesen wäre, echt nicht.

Die Versicherung hätte sich gefreut, tot wäre glaube ich billiger gekommen. Meine Eltern hätten sich keinen Anwalt geholt und die Trulla wäre mit fahrlässiger Tötung davon gekommen und würde heute schon wieder die nächsten Schulkinder belehren, wie sie über die Ampel gehen müssen. Meine Eltern würden mehr leiden als heute. So hätten sie ein geliebtes Kind verloren, jetzt haben sie ein undankbares und depressives Wesen, das man im Moment besser völlig in Ruhe lässt, weil es unerträglich ist.

Dienstag, 3. Februar 2009

Ich kann noch Kinder kriegen

Sehr geehrte Frau Kollegin. Wir berichten Ihnen über die Patientin Jule ..., die sich seit dem 8. Juli 2008 in unserer stationären Behandlung befindet. Frau ... war am Morgen des 08.07.08 auf dem Weg zur Schule als Fußgängerin im Straßenverkehr verunfallt. Sie wurde nach Erstversorgung durch den Notarzt mit dem Rettungshubschrauber lebensgefährlich verletzt, intubiert und beatmet in unsere Notaufnahme eingeliefert, wo nachfolgende Primärdiagnostik erfolgte...

Ich hab seit dem Unfall meine Regel nicht mehr gekriegt. Was hab ich gegrübelt und konnte nicht schlafen. Abends einschlafen oder morgens um 4 war am schlimmsten. Die gedanken, dass ich keine Kinder mehr kriegen könnte, taten weh. Ich hab mich nicht getraut, einen Arzt zu fragen, weil ich Angst hatte, was der mir erzählt. Dann habe ich eine andere Patientin gefragt, der es so ähnlich ergangen ist wie mir. Ich habe allen Mut zusammengenommen, und dann sagte sie: "Das ist nicht normal. Ich würde das unbedingt in der Visite ansprechen. Du hast ja im Leben vielleicht noch was vor." Als ich sie fragte, ob sie denn ihre Regel regelmäßig kriegt, sagte sie Ja. Ein, zwei Monate hätte ich ja auch verstanden, aber kein halbes Jahr.

Und ausgerechnet darauf hat mich zwei Tage danach eine andere Tussi angesprochen. Die hängt immer mit meiner "Freundin" zusammen ab und meine "Freundin" hat sie gefragt, weil sie sich ja so Sorgen macht. Und sie will mich überreden, ich soll den Arzt fragen. Nur die tussi sagte das in der Eingangshalle und hinter uns saßen am Tisch so ein paar Spacken, vor denen ich das eigentlich nicht erzählen wollte, und dann hör ich noch, wie die sich unterhalten: "Vielleicht wurd sie ja im Heli gepoppt." Und ein anderer fing an zu singen: Über den Wolken soll die Freiheit wohl grenzenlos sein...

Ich hab inzwischen mit meiner Psychologin gesprochen. Die hat gleich bei der Ärztin angerufen, noch während der Stunde und hat gesagt: Das ist völlig normal, kein Grund zur Sorge. Du kannst Kinder kriegen, und wenn dein Körper wieder Zeit hat für die Regel, kommt sie auch wieder. Zur Zeit hat er einfach noch wichtigeres zu tun.

Jetzt bin ich erstmal wieder ruhig. Aber schon wenn mir einer sagt: Siehste, frag nächstes mal gleich den Arzt ... ist mir das irgendwie schon zu viel und ich krieg das Heulen.

Ausgerechnet mein Opa hat mich endlich mal besucht vor paar Wochen, ich hab mich riesig drauf gefreut und seine erste Frage war: "Und wie oft hast du denen hier schon das Bett vollgeschissen?" Wirklich wahr!!! Meine Oma kreischte gleich los: "Willi!!! Nun reiß dich mal zusammen." Und der hat sich dann noch verteidigt: "Wieso früher im Lazarett und im Krieg und das waren noch Zeiten." Ehrlich ey...

Too much information ... sorry ... bin grad bißchen sabbelig.

Ich darf zur Zeit vier Stunden am Stück aus dem Bett und jede Woche eine mehr, wenn die Haut mitspielt. Ganz viel Krankengymnastik krieg ich schon und Psychotherapie und dann son Bildchen malen und Tonbilder antuschen und so Zeug halstücher batik... ^^

Wenn ich alles wieder alleine kann, wenn ich weiß, wo ich wohnen kann, wenn sich alles wieder eingespielt hat, so dass nicht in einer Tour ein Arzt was kontrollieren oder anpassen muss, darf ich wieder raus. Nicht vor Juni haben sie gesagt.

Montag, 2. Februar 2009

Sie hat mich absichtlich fast tot gefahren

Seit Ende letzter Woche weiß ich etwas sicher, was ich nie geglaubt hab. Die Frau, die mich letzten Sommer platt gefahren hat und wegen der ich immer noch im Krankenhaus liege, hat mich mit Absicht platt gefahren.

Sie war sich sicher, dass ich Rot hatte. Aber ich hatte Grün. Sie hat einfach auf die falsche Ampel für die Fußgänger geguckt. Mein Anwalt wollte wissen, warum sie Sekunden vor dem Aufprall gehupt, aber erst nach dem Knall gebremst hat. Das haben Zeugen gesagt.

Sie sagte erst, sie könne sich nicht erinnern. Dann hat mein Anwalt gefragt, und ich glaube, das geht mir ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf: "Können Sie sich nicht erinnern, dass sie gehupt haben oder warum Sie gehupt haben? Oder können Sie sich nicht erinnern, dass Sie gebremst haben? Das hat nichts mit erinnern zu tun, jeder weiß, wenn einer vors Auto läuft, bremst man. Und hupt. Man latscht da voll drauf. Man fährt eher drei Verkehrszeichen um als jemanden auf die Haube zu kriegen. Es gibt sogar Leute, die überschlagen sich wegen einer Maus. Aus Reflex. Sie nicht. Sie hupen. Und erst wenn es zu spät ist, bremsen Sie. Warum?"

Sie ist immer nur ausgewichen, aber mein Anwalt blieb hart. Wurde richtig böse. "Die Hupe ist zum Hupen und die Bremse zum Bremsen. Wissen Sie das? Warum hupen Sie dann statt zu bremsen? Kriegen Sie öfter mal was durcheinander? Können Sie überhaupt noch Auto fahren?"

Und sie sagt: "Ja ja!" - Und er antwortet: "Aber wenn Sie nicht mal wissen, warum Sie gehupt haben. Machen Sie das automatisch? Wissen Sie nicht mehr, warum Sie hupen? Hupen Sie in einer Tour? Oder müssen Sie zur Auffrischung? Seminar? Wann hup ich und wann brems ich?"

Und irgendwann sagte die Trulla: "Ich hab halt gedacht, sie springt zur Seite." Und damit meinte sie mich. Und als sie gemerkt hat, dass ich nicht zur Seite spring, war es zu spät. Mein Anwalt meinte, sie hätte auch noch um mich herumlenken können. Sie weicht nicht aus, sie bremst nicht, sie hupt nur. Für ihn sieht das aus, als wenn die Trulla mich erziehen wollte, hat er gesagt. Sie hat sich wohl dabei verschätzt.

Das war es erstmal. Alles unterbrochen. Es soll noch ein Gutachten gemacht werden von dem Unfall. Und dann ist ein anderes Gericht dran, bei dem mehr Richter dabei sein werden. Das soll in einer Jugendschutzkammer weiter gehen. Hört sich ein wenig so an wie ein Bunker für Jugendliche, aber mein Anwalt sagte, das hat nichts weiter zu bedeuten, nur halt zwei Richter statt einem und noch zwei Schöffen dazu, also ehrenamtliche Laienrichter.

Mein Anwalt sagt, dass es gut sein könnte, dass die Trulla ins Gefängnis kommt. Er muss ihr beweisen, dass sie gewusst hat oder in Kauf genommen hat, dass sie mich so übel zurichtet. Das wird bißchen schwierig. Jeder weiß zwar, dass man mit einem Auto auch töten kann, aber deswegen ist nicht jede Schramme gleich ein Mordversuch.

Sie hat sich auch immer noch nicht entschuldigt und glaubt immer noch, dass ich Rot hatte.

Ganz ehrlich: Ich glaub, ich hätt ihr alles verziehen. Wenn sie gesagt hätte: Mensch, Scheiße Scheiße Scheiße, ich hab geträumt und dann hats gekracht, und ich weiß nicht, wie das passieren konnte, und es tut mir so Leid, und ich würds so gerne ungeschehen machen, dann wär ich irgendwann so weit und würde sagen: "Ok, war keine Absicht, Entschuldigung akzeptiert, vergeben, ist halt passiert und nun müssen wir das Beste draus machen."

Aber die hier regt mich auf. Der würd ich am liebsten mal so richtig fett ins Gesicht rotzen. Hoffentlich kriegt die ne richtig fette Packung. Führerschein weg sowieso, fette Geldstrafe, so dass sie sich von irgendwas trennen muss, was ihr lieb ist, das muss richtig weh tun, und dann nochmal paar Monate in den Knast zum Nachdenken.

Ich werd nie mehr gesund werden. Weil eine durchgeknallte Sau meint, sie muss mir erklären, wie eine Ampel geht. Die war übrigens auch noch Lehrerin (Frührentnerin). Als ich das hörte, wär ich fast geplatzt.

Und nebenan liegt einer, der wollte nicht mehr leben und hat sich vor ne S-Bahn geworfen. Dem ist nicht viel passiert. Irre ich mich oder ist das Leben manchmal verdammt ungerecht?