Samstag, 16. September 2017

Fahrdienst und andere Katastrophen

Weiblich, 21 Jahre alt, wartet laut Computer seit zwei Stunden und 38 Minuten mit akuten Rückenschmerzen. Es ist kurz nach zwölf Uhr nachts. Verpflichtend ist der Nachtdienst im Praktischen Jahr zwar bei uns nicht, aber wehren kann man sich trotzdem kaum dagegen. Es gibt da so Erwartungen.

Ich bin alleine in der chirurgischen Aufnahme. Natürlich sind Pflegekräfte da, und ein Sicherheitsmensch döst in einem Sozialraum vor einem flimmernden Fernseher. Approbierte Mediziner? Gerade Fehlanzeige. Alles, was Dienst hat, steht im OP. Versucht sich an einer älteren Dame, die kopfüber aus dem Fenster gestürzt ist und am Ende doch noch verstirbt. Und an einem Patienten, dem vor einigen Stunden ein Teil der Leber entfernt worden war, und bei dem es jetzt zu Blutungskomplikationen kommt. Für mich gibt es hin und wieder mal Nachschub, meistens völlig betrunken, meistens mit kleineren Schnitt- oder Platzwunden. Die wirklich ernsten Dinge werden in der Regel vorher über die Leitstelle des Rettungsdienstes angemeldet.

Notfalls müsste ich die Oberärztin wecken lassen. Die hat aber schon eine lange Schicht hinter sich und entsprechend nur noch Notfallbereitschaft. Von mir wird erwartet, dass ich alles, was nicht wirklich lebensbedrohlich ist, geräuschlos und zügig abarbeite. Und vor allem korrekt. Unter Anleitung zu arbeiten bedeutet im letzten Semester eben nicht mehr, dass mir ständig jemand auf die Finger schaut. Mit den meisten Dingen bin ich mir schon irgendwie sicher. Es gab Zeiten, da hätte ich das nicht für möglich gehalten. Weil gefühlt nichts richtig war von dem, was ich tat.

Die Dame, die mit akuten Rückenschmerzen nachts in eine Notaufnahme kommt, sitzt im Rollstuhl. Eine angeborene Querschnittlähmung. Die Patientin ist stark übergewichtig, ein BMI von über 50. Die Mutter, die dabei ist, setzt sich auf den derzeit nicht genutzten Drehstuhl im Untersuchungsraum und fängt sofort zu reden an: "Das ist ja klasse, dass wir hier auf eine Rollstuhlfahrerin treffen. Sie haben bestimmt mehr Verständnis für die Probleme, die man als behinderter Mensch so hat. Mehr Verständnis als mancher nicht behinderter Mensch."

Ich stelle mich vor und frage die Patientin: "Was führt Sie hierher?" - "Meine Mutter. Hahaha."

Okay. Ich lächel einmal müde und versuche es noch einmal: "Okay. Und warum sind Sie hierher gekommen?" - Wenn sie jetzt sagt, weil ich sie aufgerufen habe, schreibe ich ihr eine Überweisung für den Krankenhauskindergarten.

Die Mutter sagt: "Meine Mischell soll ja studieren. Politikwissenschaften, wissen Sie? Und der Fahrdienst, der sie von zu Hause zur Uni bringen soll, den müsste der Landkreis bezahlen. Tut er aber nicht. Und da ..."

"Entschuldigung, aber warum sind Sie heute in die Notaufnahme gekommen? Welches akute Problem haben Sie?"

"Das Studium sollte diese Woche losgehen. Aber Mischell kann nicht teilnehmen, weil der Landkreis den Fahrdienst nicht bezahlt. Wir brauchen jetzt dringend ein Attest, dass sie einen Fahrdienst braucht." - "Um halb eins in der Nacht? Aus einer Notaufnahme?" - "Ja, der Hausarzt hat schon was geschrieben und beim Orthopäden kriegen wir so schnell keinen Termin." - "Ich frage noch einmal: Haben Sie akut irgendwelche Beschwerden?" - "Das ist sehr wichtig mit der Bescheinigung, Mischell verpasst ja Inhalte ..." - "Ich rede mit Mischell. Einzig und allein mit Mischell."

Mischell sagt: "Es stimmt, was meine Mutter sagt." - Und die fährt fort: "Und später ist sie völlig außen vor, weil alle anderen sich schon angefreundet haben und sie hat es sowieso immer so schwer wegen ihrer Behinderung. Wir haben es schon immer schwer."

"Ich verstehe, dass Sie da Probleme haben. Aber die können wir hier nicht mitten in der Nacht in einer Notaufnahme lösen. Wir sind für medizinische Notfälle hier. Sie müssten mit ihrem Hausarzt nochmal sprechen und vielleicht eine Beratungsstelle aufsuchen oder einen Rechtsanwalt einschalten. Zu Tages- und Geschäftszeiten." - "Unser Rechtsanwalt hat zuletzt vor 14 Tagen was geschrieben und tut jetzt wieder gar nichts." - "Ich kann Ihnen dabei nicht helfen." - "Und ich dachte, Sie verstehen das Problem als Rollstuhlfahrerin. Ich bin enttäuscht. Ich möchte Ihren Chef sprechen." - "Mein Chef kann Ihnen da auch nicht helfen. Sie gehen jetzt nach Hause." - "Ich will Ihren Chef sprechen. Wir gehen hier nicht eher raus, als bis ich den Chef gesprochen habe." - "Jetzt ist Schluss. Gute Nacht!"

Ich rolle ins Dienstzimmer, um den Unsinn zu dokumentieren. Muss ich ja machen. Normalerweise würde ich das gleich in dem Untersuchungsraum machen, aber dann würden die Damen daneben stehen und mich weiter zutexten. Kurz darauf höre ich ein Klirren. Die Mutter hat im Flur ein Bild von der Wand gerissen und auf die Erde fallen lassen. Absichtlich. Der Mensch vom Sicherheitsdienst steht schon in seiner Zimmertür. Eine männliche Pflegekraft steht auf und sagt: "Hausverbot, raus. Ihre Daten haben wir, Rechnung kommt."

Im selben Moment klingelt das Telefon. Mit einem Rettungswagen wird aus einer Reha-Klinik eine 38 Jahre alte Frau mit chronischer Dickdarm-Entzündung verlegt, akuter Verdacht auf eine Darm-Perforation. Also irgendwas ist undicht und Darm-Inhalt läuft in den Bauchraum. Das ist ein echter Notfall, der sofort operiert werden muss. Der Pflegekollege holt bereits die Oberärztin aus dem Schlaf. Kurz darauf geht schon die Tür auf und ein aufgeregtes Sanitäterteam brüllt mehrfach "Schockraum!" durch den Gang, während es die Patientin, ja, jene mit Darm-Perforation, hineinschiebt.

Die Patientin sei beim Ausladen aus dem Rettungswagen plötzlich ohnmächtig geworden. Ich kommentiere das bewusst nicht. Die Oberärztin trabt mit mir auf derselben Höhe über den Gang. Während ich eben beim Tippen des Mischell-Irrsinns fünf Mal gähnen musste, bin ich jetzt schlagartig wieder hellwach. Ich rechne damit, dass ich einen zweiten Venenzugang legen soll. Jedoch hat die Frau noch überhaupt keinen Zugang. Aber wenigstens ein EKG ist dran. Puls 135. Nicht gut.

"Dein Job", sagt die Oberärztin zu mir. Zwei Sekunden später höre ich mein Adrenalin in den Ohren rauschen und fühle, wie meine Wangen zu glühen beginnen. Ich brauche drei lange Sekunden, bis ich einen klaren Gedanken fassen kann. Meine Hände werden schweißnass. Bis eben war ich immer auf alles vorbereitet, was ich tun sollte. Bis jetzt war immer alles nach Plan, alles besprochen und ausdiskutiert. Jetzt wollte man von mir sofort die richtigen Entscheidungen. Im Praktischen Jahr. Hallelujah.

Sauerstoffsättigung bei 85%. Keine Zeit für die Fragen, wieso die Sanitäter keinen Notarzt nach-alarmiert haben und wo der Anästhesist bleibt. Ich habe sie jetzt an der Backe. Sie braucht dringend mehr Sauerstoff im Blut, ihr Atemweg muss gesichert werden und es besteht ein hohes Risiko, dass ihr Magen nicht leer ist (und sei es durch zurück gelaufenen Inhalt des an der Perforationsstelle geschwollenen Darms) und damit die Soße in Kürze durch die Speiseröhre nach oben und so auch gleich in die Lunge fließt. Meine Oberärztin legt bereits einen Venenzugang.

Ohne dass ich nachdenken muss, ist mir der Weg schlagartig klar. Ich soll laut sagen, was wir machen und klare Anweisungen an das Team geben. Meine Oberärztin würde mich schon korrigieren, wenn es falsch läuft. Sie korrigiert mich nicht. Ich werde von Minute zu Minute ruhiger. Die Magensonde durch den Mund liegt im ersten Anlauf richtig und fördert fast einen halben Liter dunkelbraunen Brei nach oben. Das Gewicht der Patientin schätze richtig mit 55 Kilogramm und dosiere die Narkosemedikamente auf Anhieb richtig. Mir fällt auch sofort der saure pH-Wert des Blutes auf. Ich entscheide mich auch korrekt für eine schnelle Intubation und lege und blocke den Tubus, also den Luftröhrenschlauch, beim ersten Versuch richtig. Mit dem Beatmungsgerät gibt es dann zwar technische Probleme, so dass ich für etwa eine halbe Minute mit einem Beutel beatmen muss, bevor die Pflegekraft den Fehler findet, den ich aber nicht zu vertreten hatte.

Am Ende kann ich die Patientin stabil in den OP übergeben. Als sie rausgeschoben wird, merke ich zum ersten Mal, dass mein Hemd völlig durchnässt ist. Schweiß rinnt mir über das Gesicht und über die Brust. Ein älterer Krankenpfleger, kurz vor der Rente, mit Glatze und unverwechselbarem Geruch nach dem Deo einer großen Hamburger Körperpflegemarke, klopft mir auf die Schulter und sagt: "Das war gut. Wirklich." - Ein anderer daneben steigt auch noch ein und sagt: "Ja, im Ernst. Ich bin auch beeindruckt."

Ich bedanke mich artig, rolle zum Klo und fange erstmal das Heulen an. Was für ein emotionaler Stress. Warum? Wofür? Irgendwelche Schläuche irgendwo reinzustecken ist eigentlich keine Kunst und man kann es Dutzende Male an Puppen üben, dann unter Anleitung und Aufsicht im OP. Wenn es gut läuft. Die Schwierigkeit besteht darin, die (zum Teil hochpotenten) Medikamente dazu so zu dosieren, dass der Patient am Leben bleibt und es ihm möglichst gut geht. Und was hier von mir erwartet wird, passt gefühlt eher in die Facharzt-Ausbildung eines Narkosearztes als in ein Praktisches Jahr.

Ursache für die ganze Aufregung war eine Komplikation mit einem zuvor angelegten künstlichen Darmausgang. Das konnte korrigiert werden, und so wie es aussieht, wird die Patientin das alles gut überstehen. Sie liegt derzeit noch auf der Intensivstation.

Um kurz vor Sechs komme ich von einer betrunkenen Person, die sich den Kopf angeschlagen hat, zurück ins Dienstzimmer und höre auf dem Flur die Oberärztin, wie sie gerade mit einer Kollegin über mich spricht. Ich bekomme nur Teile mit, aber die sind eindeutig: "Am Anfang hat sie gezittert und ist etwas zu zaghaft eingestiegen, aber dann völlig souverän und eiskalt abgearbeitet. Die war bei Uschi in der Anästhesie, das merkst du sofort." - "Toll. Nee echt, find ich klasse. Vor allem im Sitzen, das mach ihr mal nach." - "Naja sie hat das nie anders gemacht. Aber im Alltag kannst du das vergessen, da kriegt das ganze Team Rücken, weil sich alle ständig bücken müssen. Aber das ist ja vielleicht auch gar nicht ihr Ziel." - "Nö, ich glaub, sie will Pädiatrie weitermachen. Hast du sie schonmal mit Kindern gesehen? Ich hatte neulich so einen kleinen Knirps hier, der fuhr gleich voll auf sie ab. Ich dachte erst wegen des Rollstuhls, aber nee." - "Sie ist aber auch eine andere Generation, das darfst du nicht vergessen. Wenn ich einen Knirps mit High-Five begrüße, zeigt er mir doch einen Vogel." - "Ja, aber wir hatten auch schon PJ-ler hier, die Kinder grundsätzlich zum Heulen gebracht haben."

Okay. Bevor ich eitel werde, zeige ich mich und rolle um die Ecke. "Guten Morgen!", grüße ich die neu hinzugekommene Kollegin. Die ich sehr nett finde. Die bisher immer sehr freundlich zu mir war und - anders als viele andere - auch immer gerne mal Kleinigkeiten über sich und ihre Tochter erzählt, mit der sie alleine zusammen lebt. "Guten Morgen, wir lästern gerade über dich." - "Das hab ich mir schon gedacht."

Freitag, 15. September 2017

Basta

Tatsächlich habe ich schon die fünfte Million voll. Sogar schon die halbe sechste, wenn man genau sein möchte. Seitenaufrufe. Wobei die Aufrufe vom selben PC innerhalb von 30 Minuten nur einmal gezählt werden. Also falls sich jemand durchklickt.

Aktuell klicken regelmäßig wieder zwischen 1.750 und 2.500 Leute auf meine Seite. Täglich. Es waren auch schonmal über 5.000 pro Tag, aber das ist zwei bis fünf Jahre her. Derzeit gibt es über 950 Beiträge von mir - und fast 10.000 Kommentare meiner Leserinnen und Leser.

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt noch etwas schreibe. Aber wie ich sehe, auch anhand der vielen aufmunternden Kommentare der letzten Wochen, möchte die Mehrheit meiner Leserinnen und Leser weiter an meinem Leben teilnehmen.

Keine zwei Tage ist es übrigens her, da hat mich eine Firma gefragt, ob ich in meinem Blog nicht mal von einer Handtasche schwärmen könnte. Ich würde 30 Euro dafür bekommen, direkt überwiesen. Ich habe laut gelacht. Einmal kurz. Hat hier jemand schonmal Werbung gesehen? Oder glaubt mir jemand, dass ich eine Handtasche trage? Als Rollstuhlfahrerin?

Ich möchte es mal so sagen: Würde ich Werbung in meinem Blog machen und hätte ich Lust, mit meinem Blog Geld zu verdienen, dann kämen wir so ab 1.000 Euro ins Gespräch. Drunter liefe nichts. Da ich aber keine Werbung mache, sondern allenfalls mal von meinen persönlichen Erfahrungen berichte, wenn ich glaube, dass ich über etwas berichten möchte, würde ich selbst bei 10.000 Euro nicht anbeißen.

Und auch das Angebot, eine Nacht mit meinem Partner in einem Hotel abzusteigen und bei einem positiven Blogeintrag die Rechnung nicht zahlen zu müssen, mag zwar verlockend sein, aber das Hotel hatte nicht einmal eine Suite mit eigenem Whirlpool. Im Ernst: Es bleibt dabei. Ich bestimme, worüber ich schreibe. Basta.

Donnerstag, 14. September 2017

Roter Teppich

Es ist 22.00 Uhr, endlich Feierabend. Ich will nur noch nach Hause. Ich muss ein Stück mit dem Bus, dann mit der S-Bahn, dann wieder mit dem Bus fahren. Wenn alles klappt, bin ich in 40 Minuten zu Hause. Ich mag nach einem anstrengenden Dienst nicht mehr mit dem Auto fahren. Aus Angst, während der Fahrt einzupennen. Das wäre im Bus oder in der S-Bahn nicht so schlimm.

Vor der Fahrt nochmal zum Klo, dann müsste meine neurogene Blase eigentlich die 40 Minuten locker überstehen. Auch zwei Stunden sollte sie eigentlich schaffen. Mein Problem: Wenn es dann doch mal dringend werden sollte, gibt es nur ein ekliges Bahnhofsklo, das ich auch unter Einsatz meiner stets im Rucksack mitgeführten Hygienetücher und Einmalhandschuhe nicht immer anfassen möchte. Und ohne anfassen geht halt nicht, wenn man nicht stehen kann. Es ist immer so eine Gratwanderung. Meistens bin ich vorsichtig und präpariere mich dennoch mit einer Einmalpampers. Um zu einhundert Prozent auf der sicheren Seite zu sein.

Der erste Bus fährt mir direkt vor der Nase weg. Bis zur S-Bahn sind es rollend etwa 20 Minuten, der nächste Bus kommt in einer halben Stunde - also rollen. Es ist kalt. Zum Glück regnet es nicht mehr. Auf die letzte Minute erreiche ich die S-Bahn. Mit mir im Waggon ist eine Partygruppe, jeder einzelne ist völlig besoffen. Man hat eine Bluetooth-XXL-Bassbox dabei und hört Dubstep in voller Laustärke. Da es in der S-Bahn nur an bestimmten Stellen Rollstuhlstellplätze gibt, kann ich nicht weg. Wüsste man nicht, dass es Musik sein soll, könnte man denken, irgendwo stünde jemand in der Ecke und testet Baumaschinen auf Herz und Nieren.

Zum Glück steigt der Haufen nicht mit mir aus. Ich muss mit dem Aufzug nach oben, dann über eine Brücke, und drüben mit dem Aufzug wieder nach unten. Beide Aufzüge funktionieren, allerdings hat es eine Gruppe Fahrradfahrer so eilig, dass ich fünf Mal warten muss. Dann drängelt sich noch grinsend eine Frau vor, die ich frage, ob sie sich hinten anstellen kann, die aber nix verstehen. Nochmal warten. Als ich endlich an der Bushaltestelle ankomme, regnet es. Der Bus fährt mir vor direkt vor der Nase weg.

Der nächste Bus kommt in 30 Minuten. Fünf Kilometer rolle ich nicht über Stock, Stein, bergauf, bergab, durch Straßen, die teilweise keinen Gehweg haben. Bei Regen im Dunkeln. Also warten. Der zweite Bus, es ist inzwischen 23.15 Uhr, hält so weit weg vom Gehweg, dass ich nicht hinein komme, ohne dass jemand die Rampe ausklappt. Dafür kommen aber vier Frauen mit ihren Kinderwagen hinein. Alle vier sind nach mir mit der S-Bahn angekommen. Ich rolle nach vorne zum Fahrer. "Nein, ich kann Sie nicht mitnehmen, da stehen bereits vier Kinderwagen. Das sehen Sie aber auch selbst." - Bevor ich was erwidern kann, ist die Tür zu und der Bus fährt los.

Wieso sind die Kinder um diese Zeit noch nicht im Bett? Ich bin genervt. Es regnet, es ist windig. Ich bin müde, muss aufs Klo, friere. Der nächste Bus kommt. Ein Elektrorollstuhl mit einer jüngeren Dame steht drin. Platz genug für einen zweiten Rollstuhl wäre vorhanden. Aber die Tür hinten geht nicht auf. Ich rolle nach vorne. "Tut mir leid, aber ich kann nur einen Rollstuhl mitnehmen. Der Platz ist schon belegt." - Ich will Luft holen, aber der Fahrer drückt bereits auf den Knopf - zack, Türen zu.

Okay. Der letzte Bus käme in 42 Minuten. Nehme ich mir ein Taxi? Ja. Ich habe die Faxen dicke. Ich fahre zum Taxistand. Kein Taxi vor Ort. Ich rufe die Hotline an und bitte um einen Kombi. Was kommt? Eine E-Klasse-Limousine. Keine Ahnung, warum er den Auftrag annimmt, wenn er kein Kombi ist. Aber er erklärt es mir: "Von einem Kombi wurde nichts gesagt über Funk. Ich kann Sie nicht mitnehmen, Ihr Rollstuhl passt nicht in meinen Kofferraum. Rufen Sie noch einmal die Zentrale an und verlangen Sie nach einem Behindertentransport. Ich weiß aber nicht mehr, ob die jetzt noch fahren. Ich würde Ihnen jetzt einmal die Anfahrt berechnen."

"Ich habe Sie nicht bestellt. Ich habe ausdrücklich nach einem Kombi verlangt. Klären Sie das mit Ihrer Zentrale." - "Ich rufe die Polizei." - Meint er, dass die mit einem Kombi kommt? "Machen Sie das. Schönen Abend noch."

Ich rolle in eine noch geöffnete Systemgastronomiefiliale und bestelle mir einen heißen Kakao. Die einzige Chance weit und breit, noch irgendein warmes Getränk zu bekommen. Das am Ende nur lauwarm ist und nur nach Spülwasser schmeckt. Vermutlich kann man mir heute abend nichts mehr recht machen. Kaum habe ich drei Milliliter in mich hinein gekippt, spüre ich meine Blase. Gebe ich dem Klo am Busbahnhof eine Chance? Ja. Ich habe ja noch ein wenig Zeit. Ein Blick um die Ecke reicht mir: Irgendjemand hat halb ins, halb neben das Waschbecken gekotzt, das reicht mir. Zurück zum Bus, der soll in etwas über 10 Minuten kommen. Es ist gleich halb eins in der Nacht.

Vor dem Bus steht eine junge Frau im kurzen Minirock. Aber mit Mütze auf. Unten Gummistiefel. Und behaarte Beine. Ganz helle Haare. Aber ziemlich lang. Dazu lilafarbene Gummistiefel, die aussehen, als wäre sie damit im Schlamm gewesen. Sie trägt eine DIN-A2-Mappe bei sich. Ich kenne sie nicht, trotzdem grüßt sie mich: "Na?!" - Ich lächel sie an. Ich spüre, wie sich gerade meine Blase entleert. Jetzt weiß ich, warum ich mir zur Vorsicht doch noch eine Pampers angezogen hatte. Die Frau will unbedingt reden. Ich spüre auch das. Sie sagt: "Ich bin so glücklich. Ich habe ein halbes Jahr darauf hingearbeitet und heute habe ich die Auswahl gewonnen. Ich könnte die ganze Welt umarmen."

Ich gratulierte ihr. Sie erzählt mir von irgendeinem Bau-Projekt. Ich kann mich kaum noch konzentrieren. Ich bin seit über 12 Stunden pausenlos unterwegs, davon 8 Stunden durchgehend in der Notaufnahme. Irgendwann kommt der Bus. Hält mit der hinteren Tür auf meiner Höhe, macht diese aber nicht auf. Der Fahrer ist doch an mir vorbeigefahren, er hat mich doch gesehen. Warum öffnet er nicht die Tür? Ich überlege, ob ich eine Schusswaffe im Rucksack habe. Habe ich nicht. Ich setze mein freundlichstes Lächeln auf. Ich rolle nach vorne. Das Ziel ist nah wie nie. Stelle mich an die letzte Stelle derer, die alle nacheinander einsteigen und ihre Fahrkarte vorzeigen müssen.

"Nehmen Sie mich bitte mit?", frage ich. - "Ich komme gleich nach hinten." - "Das ist nicht nötig, es reicht, wenn Sie die Tür aufmachen und den Bus absenken." - "Ich komme schon und klappe die Rampe aus." - "Sie können sitzenbleiben, wenn Sie den Bus absenken." - "Nein, ich komme mit nach hinten."

Ist es so schwierig? Ich brauche keinen roten Teppich. Er öffnet hinten die Tür. Senkt den Bus aber nicht ab. Inzwischen klappt ein anderer Fahrgast die Rampe aus und wird vom Fahrer angepöbelt: "Das dürfen Sie nicht. Stellen Sie sich vor, Sie klemmen sich die Finger!" - Darf ich jetzt (bitte, bitte) ohne großes Theater nach Hause? Ich rolle die Rampe hoch, stelle mich rückwärts gegen die sogenannte Anprallfläche. Der Busfahrer klappt die Rampe ein, kommt zu mir, fasst meinen Rollstuhlrahmen neben meinem linken Knie an und rüttelt daran. "Ist der fest?", fragt er und kommt dabei so nah an mich heran, dass ich seinen Atem ins Gesicht bekomme. Ich drehe meinen Kopf zur Seite.

"Nicht anfassen", erwidere ich. Er sagt: "Ich muss das kontrollieren. Vorschrift ist Vorschrift." - Mir platzt der Kragen. Irgendwann ist meine Toleranz erschöpft. "Halten Sie mal ein bißchen Abstand hier. Ich mag das nicht, wenn mir jemand so dicht auf die Pelle rückt, ja?!" - "Sie können auch gleich wieder aussteigen", ranzt er zurück. Ich sage: "Jetzt haben Sie es ja kontrolliert. Können wir jetzt losfahren?" - "Wann wir losfahren, bestimme immer noch ich. Und nur ich. Haben Sie das verstanden?"

Um kurz nach ein Uhr bin ich endlich zu Hause. Will (muss) duschen. Es kommt nur kaltes Wasser. Ich suche nach einem Beißholz. Vergeblich. Es ist keins da.

Montag, 11. September 2017

Schlechte Welt

Ach, wie schlecht ist die Welt doch geworden. Sagt mein Nachbar, während er mit mir im Aufzug steht. In dem großen 30-Parteien-Mietshaus in meinem Studienort, in dem ich zurzeit wohne. Ich kenne seinen Namen nicht. Aber ich sehe, dass er Alkoholiker ist. Ich schätze sein Lebensalter auf 70 bis 75 Jahre, das Alter seiner Klamotten auf 30 bis 40 Jahre. Eine Strickjacke, deren Reißverschluss nur noch zu einem Drittel mit dem Rest der Jacke verbunden ist. Eine Jogginghose, dessen Polyester-Bestandteile sich zu einem Drittel bereits verflüchtigt haben. Er weiß nicht, was ich studiere, und zeigt mir trotzdem seine Stauungsdermatitis. Möchte wissen, ob ich ihm dagegen Creme aus der Apotheke holen könne. "Irgendwas gegen juckende Haut."

An ihm haftet ein Geruch, der einem die Luft zum Atmen nimmt. Er scheint es aber selbst nicht zu merken. Er habe Probleme mit seinem Radio. Früher habe es noch einen Hifi-Laden in der Nähe gegeben, inzwischen müsse man entweder online bestellen, womit er sich nicht auskenne, oder im Supermarkt einkaufen, womit er sich zwar auskenne, was ihn aber in den Wahnsinn treibe. Die dortigen Radios für 10 Euro hielten immer nur ein Jahr. Nun wäre es ja kein Ding, irgendwas für ihn in seinem Namen im Netz zu bestellen. Er müsste ja nur überweisen und die Ware annehmen. Aber daran scheitert es bereits: Zum Überweisen müsse er zur Bank, da er kein Onlinebanking habe und die Formulare nicht mehr klar sehen könne, und der Paketbote komme meistens um die Mittagszeit - und da liege er noch im Bett. Außerdem habe die Bankfiliale in der Nähe geschlossen und der Weg zur nächsten Filiale sei zu weit.

Und dann seufzt er nochmal, thematisiert erneut die schlechte Welt und seine Exfrau, die noch nach 20 Jahren Scheidung ständig neue Unterhaltsforderungen stelle. So viel Geld solle er zahlen, dass er sich nicht mal die Zähne sanieren lassen könne. Sagt er und lächelt mich an mit seinem Gebiss voller Baustellen. Und ich lächle zurück, wissend, dass alles andere sowieso nichts bringen würde. Und dann öffnet sich endlich die Aufzugstür.

Letzte Woche nun wird ein Mann in die chirurgische Aufnahme gebracht. 71 Jahre alt, habe selbst den Rettungsdienst gerufen, weil er über eine Telefonschnur gestolpert, auf dem Bauch gelandet und anschließend über 16 Stunden lang nicht wieder hochgekommen sei. Alles tue ihm weh, er sei völlig erschöpft und zittrig. Eingekotet hatte er auch. Bierschiss. Auf den Kopf sei er nicht gefallen, sondern er habe das Gleichgewicht verloren, sich an der Türzarge abgestützt und sei dann langsam an ihr heruntergerutscht, weil ihn die Kräfte verlassen hätten. Direkt nach dem Stolpern. Oder so ähnlich.

Der Rettungsdienst habe die Polizei verständigt, um die Tür öffnen zu können. Die Wohnung sei völlig vermüllt gewesen, wohl keine verdorbenen Lebensmittel, dafür aber hunderte leere Wodkaflaschen und geschätzt zwei Containerladungen Verpackungsmüll, Altpapier und Lumpen. Als er mich sieht, sehe ich das Entsetzen in seinen Augen. Ich habe kein Problem damit, dass er nun weiß, wo ich arbeite. Aber ich glaube, er hat ein großes Problem damit, dass ich nun weiß, mit wem ich da unter einem Dach lebe. Obwohl ich das schon geahnt hatte. Sein Problem ist wohl, dass er sich seine Welt so baut wie es für ihn am günstigsten ist. Keine Verantwortung übernehmen, immer sind die anderen Schuld, immer gibt es eine Begründung, warum etwas nicht geht oder so übel sein muss. Und wenn die Begründung über 24 Ecken konstruiert und gesponnen werden muss. Diese Konfrontation hat ihm sichtbar die Sprache verschlagen.

Ich habe ihm gesagt, dass heute der Tag ist, an dem er entscheidet, dass es nicht so weitergeht wie bisher. Weil, wenn er es nicht entscheidet, hat die Polizei bereits den Sozialpsychiatrischen Dienst eingeschaltet. Ich könnte einen Vermerk machen, dass er seine Situation erkannt habe und sich freiwillig in Behandlung begebe. Wo man auch seine juckenden Beine in den Griff bekäme. Dagegen helfe nämlich keine Creme. Wenn er noch ein wenig Stolz habe, dann würde er sich jetzt Hilfe holen und heute ein neues Leben anfangen. In dem er dann auch wieder ernst genommen wird. In dem er nicht nur alles versäuft und verschläft. Auch wenn er nicht mehr gut laufen könne, könne er doch nach wie vor gut mobil sein. Und er könne sich auch Hilfe holen für den Haushalt. Warmes Mittagessen, was auch immer.

"Meinen Sie wirklich, ich habe noch eine Chance?", fragte er mich.

"Heute ja. Die letzte. Die letzte Chance, das noch selbst zu moderieren, bevor irgendeine Behörde sich in Ihr Leben einmischt. Es kann nur besser werden."

Wohl habe ich mich dabei nicht gefühlt. Ich habe mich viel zu weit aus dem Fenster gelehnt. Am Ende gab es aber dennoch Lob von der Chefin. Er ist jetzt seit fünf Tagen auf einer Entzugsstation. Ich wünsche ihm die Kraft, dass er das durchhält.

Und heute spricht mich doch glatt ein Nachbar an, im Haus werde gemunkelt, ich hätte die Behörden informiert, um meinen Nachbarn zwangsweise in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Nur weil es im Treppenhaus riecht. Wie heißt es doch gleich unter Ärzten? Lasse reden?

Dienstag, 5. September 2017

Käsekuchen

Gegenüber der Klinik, in der ich zur Zeit mein Praktisches Jahr mache, gibt es einen Bäcker, der halbwegs essbare Brötchen verkauft. Und Semmeln, Wecken, Rundstücke, Schrippen und Bömmeln. Er gehört zu einer Franchise-Kette. Ich nehme mir zum Frühdienst immer zwei Brötchen mit, damit ich in den acht Stunden irgendwas zwischen die Zähne bekomme. Am liebsten halt ein Bestimmtes mit Körnern, das in dieser Kette auch einen eindeutigen Namen hat und pro Stück 65 Cent kostet.

Vor einigen Wochen hat der Franchisenehmer gewechselt. Eine ältere Frau, die vorher die Filiale geleitet hat, ist in Rente gegangen, nun ist ein Mann, geschätzt Mitte 50, dort im Laden. Als ich an seinem ersten Arbeitstag in die Filiale kam, stellte er sich mir vor. Erzählte mir, dass er vor zwölf Jahren aus der Türkei gekommen sei. Dass er fleißig sei und viel arbeiten wolle. Das mag freundlich sein, aber vor meinem Frühdienst habe ich die Angewohnheit, meine verbale Kommunikation auf das Nötigste zu beschränken, so dass es meinerseits bei den üblichen Floskeln blieb.

Später auf der Station habe ich dann gemerkt, dass er mir ganz andere Brötchen in die Tüte gepackt hat. Ich konnte das aufgrund meiner sitzenden Position halt schlecht sehen, so dass es mir vor Ort nicht aufgefallen ist. Vielleicht war er am ersten Tag etwas durcheinander oder aufgeregt, kann ja passieren. Am nächsten Morgen bat ich erneut um meine Körnerbrötchen und schaute dieses Mal gleich in die Tüte. Wieder andere ohne Körner drin. "Entschuldigung, das sind doch aber nicht die Körnerbrötchen, die ich haben wollte." - "Nein, das sind andere, die, die Sie haben wollten, sind jetzt 20 Cent teurer. Für 65 Cent bekommen Sie nur noch diese." - "Aber Sie können mir doch nicht einfach andere Brötchen, die ich gar nicht bestellt habe, mitgeben. Bitte tauschen Sie das. Dann zahle ich halt 40 Cent mehr." - "Sie haben diese jetzt aber schon in der Hand gehabt, das sind Lebensmittel, die kann ich nicht zurücknehmen. Außerdem habe ich die anderen heute nicht mehr da."

Vor meinem Frühdienst ist eine Sorte schon aus? Egal. Ich dachte mir, er müsste ja nun mitbekommen haben, dass ich unzufrieden bin. Am nächsten Morgen: "Ich hätte gerne zwei Körnerbrötchen, aber dieses Mal bitte nur die." - "Ich gebe Ihnen diese, die kosten sonst 90 Cent, zum Preis von 85." - "Ich möchte keine anderen Brötchen. Haben Sie die Körnerbrötchen wieder nicht da?" - "Doch, aber glauben Sie mir, Sie werden diese mögen." - "Ich möchte die nicht. Ich möchte nur meine zwei Körnerbrötchen." - "Bekommen Sie. Und ich gebe Ihnen das Dritte dazu, geschenkt. Probieren Sie es."

Ich esse keine drei Brötchen. Egal. Nervig. Einige Tage später hatte ich wieder Frühdienst, will meine zwei Brötchen holen. Er begrüßt mich: "Meine Freundin! Hast du den Käsekuchen bekommen?" - "Was für einen Käsekuchen?" - "Den du bestellt hast!" - "Ich habe keinen Käsekuchen bestellt und auch keinen bekommen." - "Meine Kollegin sagte mir, du hättest ihn abgeholt." - "Da müssen Sie was verwechseln. Ich habe nichts mit Ihrem Kuchen zu tun." - "Nein, ich verwechsel dich nicht. So viele Leute sitzen ja auch nicht im Rollstuhl."

Auweia. Ich bat um meine zwei Brötchen. Er packte wieder einfach andere in die Tüte. Diesmal sah ich das sofort. "Nee, das ist mir hier zu viel Zirkus, da bin ich raus. Schönen Tag noch."

Kaufe ich künftig meine Brötchen halt woanders. Sind zwar fünf Minuten Umweg, aber auf sowas habe ich keinen Bock. Gestern saß ich am Tisch, bestrich mein Brötchen, und sah, dass eine Kollegin ihre Brötchen auch von dem alternativen Bäcker in der Nebenstraße geholt hatte. Ich erzählte ihr beiläufig die Story mit dem Kuchen. Sie unterbrach mich nach zwei Sätzen und sagte: "Zu dem geh ich nicht mehr. Wenn man da nicht aufpasst, hat man nebenbei einen halben Rasenmäher und zwei Dutzend Handys gekauft."

Scheinbar war ich nicht die einzige "Freundin", mit der er seine Spielchen machte. So ein Käsekuchenbasar mag ja für einige Menschen durchaus attraktiv, charmant oder lustig sein - mir geht es auf den Keks. Vor allem morgens um kurz vor Sechs.

Montag, 4. September 2017

Vollmond

Es sind die Nächte rund um den Vollmond, an denen üblicherweise die meisten skurrilen Menschen unterwegs sind. Ich beneide keine Kollegin und keinen Kollegen um seinen Nachtdienst (den ich im Moment zum Glück nicht machen muss), denn die denken im Moment jede Nacht, es ginge nicht mehr schlimmer - bevor der Nächste völlig frei dreht. Dabei muss es gar nicht der Mann im Nachthemd sein, der vom Kirchturm fällt: In der vorletzten Nacht kam einer nackt mit einem Straßenbesen in der Hand durch die Tür zur Notaufnahme, unterhielt sich zuerst mit einem Feuerlöscher, später tanzte er mit seinem Besen und redete ständig davon, dass gleich ein Zug käme, forderte die anderen Patienten auf, sich hinter eine (nicht vorhandene) weiße Linie zu stellen.

Besonders genervt bin ich derzeit von jenen Menschen (Frauen und Männer gleichermaßen), die zu jedem nichtigen Anlass versuchen, völlig Unbeteiligte in Grundsatzdiskussionen zu verwickeln. In der Chirurgie gibt es einen Mann, geschätzt 35, der regelmäßig mit irgendeinem Zipperlein dorthin kommt. Irgendwas tut immer weh. Während er im Wartebereich ist, öffnet er plötzlich irgendwelche Türen. Steht plötzlich in einem Behandlungsraum und fängt zu diskutieren an, warum er die Tür nicht öffnen und nicht einfach eintreten darf. Und wenn ihn dann jemand rausschieben will, wird er laut, niemand habe das Recht, ihn anzufassen. Er wirkt auf den ersten Blick völlig unauffällig, redet auch völlig normal, braucht aber wohl diese Aufmerksamkeit.

Vermutlich sein Bruder war Freitag mit uns im ICE. Freitag bin ich mit einer Bekannten, ebenfalls eine Rollstuhlfahrerin, gemeinsam in Richtung Norden mit dem ICE gefahren. Auf den Rollstuhlstellplätzen (von denen es zwei im ganzen Zug gab) stand ein Mann (eben gefühlt der "Bruder") mit seinem Rollkoffer, spielte an seinem Handy. Wir wollten uns (möglichst bevor der Zug sich in Bewegung setzt und über die ganzen Weichen eiert) auf unsere festen Sitzplätze umsetzen, vorher natürlich die Rollstühle so "einparken", dass niemand drüber fällt. Drei Mal habe ich den Mann freundlich gebeten, ein Stück weiter zu gehen. Drei Mal ging er einen Schritt zur Seite, stand noch immer im Weg, spielte weiter mit seinem Handy. "Gehen Sie doch jetzt bitte mal fünf Meter weiter, damit wir uns hier umsetzen können, bevor jemand mit seinem Stuhl umkippt bei dem Gewackel", forderte ich ihn zum vierten Mal auf. Eigentlich war dazu genug Platz.

"Sie sind ganz wichtig, oder?", wollte er eine Diskussion beginnen. Ich antwortete: "Das ist doch nicht das Thema. Können Sie jetzt bitte weitergehen? Sie bringen uns in Gefahr."

"Ich lach mich kaputt. Sie brauchen ja nicht mit dem Zug zu fahren, dann sind Sie auch nicht in Gefahr." - "Würden Sie jetzt bitte mal zur Seite gehen und uns auf unsere Sitzplätze lassen?" - "Ich möchte dort entlang", sagte er und versuchte nun plötzlich, über uns hinweg zu steigen. Ich drehte mich um 45 Grad, so dass er nicht über meinen Schoß klettern konnte. Ich würde notfalls auch mit grober Gewalt verhindern, dass jemand über meine Beine steigt. "Hallo, sind Sie nicht ganz dicht?", habe ich ihn angefahren.

"Merken Sie? Sie bringen sich gerade selbst in Gefahr. Und mich auch. Ich hätte stürzen können."

Ich musste mich bereits im Rollstuhl sitzend an der Wand abstützen, um durch die Bewegungen der Bahn nicht umzukippen oder mit dem Stuhl hin und her zu rollen. Dazu kam noch mein schwerer Rucksack, der an meiner Rückenlehne hing. Üblicherweise fahren die Züge hinter größeren Bahnhöfen ja immer über etliche Weichen mit entsprechenden Schaukeleien. Ich bremste den Stuhl erstmal fest, meine Bekannte ihren ebenfalls. Beide Hände an die Wände, um sich festzuhalten. Mitten im Gang, weil wir nicht weiter kamen.

"Und jetzt will ich mal sofort dort durch", sagte der Typ und grinste mich an. Und dann: "Sehen Sie? Sie sind auch nichts Besseres als ich."

Inzwischen stand ich einigermaßen stabil, beide Hände an Fenster und Wand. Nur es kam niemand mehr hindurch, denn sobald ich eine Hand wegnahm, würde ich so instabil stehen, dass die ernsthafte Gefahr bestand, bei der nächsten Weiche mitsamt meinem Stuhl umzukippen. Wir mussten also warten, bis der Zug aus dem Bahnhofsbereich hinausgefahren war. "Sie wollen Ihre Macht demonstrieren, stimmt's?", fragte er mich. Ich guckte aus dem Fenster. Er versuchte, meine Hand mit seinem Bein wegzudrücken.

Ich nahm meine Hand weg. Würde der Zug jetzt über eine Weiche fahren und mein Stuhl umkippen, würde ich mich mit meinem ganzen Gewicht an ihm festhalten. Und ihn vermutlich mit zu Boden reißen. Aber das passierte nicht. Er zog den Rollkoffer hinter sich her. Ballerte damit gegen meinen Rollstuhl. Zerrte wie wild. Bekam ihn irgendwie an mir und danach auch an meiner Bekannten vorbei, ohne mich oder sie dabei zu verletzen - und zog glücklich von dannen. Er hatte gewonnen.

Donnerstag, 31. August 2017

Perspektivwechsel

Ich bin schon oft gefragt worden, wie ich mich mit meinem Rollstuhl fortbewege. Ich habe da mal ein Video gemacht aus einer wohl eher seltenen Perspektive. Der schwarze Balken und die eher niedrige Auflösung müssen sein, damit sich hier niemand wiedererkennt. Ich hoffe, es gefällt und vermittelt einen Eindruck. Welchen ... darf gerne kommentiert werden. Hier.